Drittes Buch

Auf welche Weise wir der Gnade Christi teilhaftig werden, was für Früchte uns daraus erwachsen und was für Wirkungen sich daraus ergeben

Erstes Kapitel

Was von Christus gesagt ist, das kommt uns durch das verborgene Wirken des Geistes zugute

Kapitel 1 Sektion 1

Jetzt müssen wir zusehen, wie denn jene Güter, die der Vater seinem eingeborenen Sohne anvertraut hat, zu uns kommen; denn er hat sie ihm ja nicht zum eigenen Gebrauch gegeben, sondern er soll damit die Bedürftigen und Armen reich machen. Da muß man zunächst festhalten: solange Christus außer uns bleibt und wir von ihm getrennt sind, ist alles, was er zum Heil der Menschheit gelitten und getan hat, für uns ohne Nutzen und gar ohne jeden Belang! Soll er uns also zuteil werden lassen, was er vom Vater empfangen hat, so muß er unser Eigentum werden und in uns Wohnung nehmen. Deshalb heißt er auch unser „Haupt“ (Eph. 4,15) und „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ (Röm. 8,29), deshalb heißt es auf der anderen Seite von uns, daß wir in ihn eingefügt werden (Röm. 11,17) und ihn „anziehen“ (Gal. 3,27); denn ich wiederhole, daß alles, was er besitzt, uns solange nichts angeht, als wir nicht mit ihm in eins zusammenwachsen. Es ist freilich wahr, daß wir dies durch den Glauben erreichen; aber wir sehen doch auch, daß nicht alle unterschiedslos die Gemeinschaft mit Christus ergreifen, die uns im Evangelium angeboten wird, und deshalb lehrt uns die Vernunft selbst, tiefer einzudringen und die Frage nach der verborgenen Wirksamkeit des Heiligen Geistes zu stellen; denn durch sie kommt es dazu, daß wir Christus und alle seine Güter genießen. Von der ewigen Gottheit und Wesenheit des Heiligen Geistes habe ich bereits gesprochen; wir müssen uns in diesem besonderen Lehrstück mit der Feststellung begnügen: Christus ist dergestalt in Wasser und Blut gekommen, daß der Heilige Geist von ihm zeugt, damit das Heil, das der Herr uns errungen hat, an uns nicht wirkungslos bleibe (1. Joh. 5,6). Denn wie uns drei Zeugen im Himmel genannt werden: der Vater, das Wort und der Geist, so auch drei auf Erden: Wasser, Blut und Geist (1. Joh. 5,7f.). Da kommt also das Zeugnis des Geistes beidemal vor, und das ist nicht umsonst geschehen; denn wir erfahren, daß es wie ein Siegel in unser Herz eingedrückt ist. So geschieht es, daß es uns die Abwaschung unserer Sünden und das Opfer Christi versiegelt. In diesem Sinne sagt auch Petrus, die Gläubigen seien erwählt „durch die Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi“ (1. Petr. 1,2). Mit diesen Worten will er uns lehren, daß unsere Seelen, damit Christus sein heiliges Blut nicht vergebens vergossen habe, durch die verborgene Besprengung, die der Geist an uns übt, mit diesem Blute gereinigt werden. Auch Paulus sagt deshalb an einer Stelle, wo er von der Reinigung und der Rechtfertigung redet, dies beides werde uns zuteil „durch den Namen Jesu Christi und durch den Geist unseres Gottes“ (1. Kor. 6,11). Ich fasse zusammen: der Heilige Geist ist das Band, durch das uns Christus wirksam mit sich verbindet. Hierhin gehört auch das, was ich im vorigen Buche über Christi Salbung gelehrt habe (II,15,2).


Kapitel 1 Sektion 2


Damit nun dieser Sachverhalt, der ganz besonders wert ist, erkannt zu werden, um so deutlicher offenbar werde, müssen wir vor allem festhalten, daß Christus bei seinem Kommen in ganz besonderer Weise mit dem Heiligen Geiste ausgerüstet war: er sollte uns dadurch von der Welt absondern und zur Hoffnung auf das ewige Erbe sammeln. Daher heißt der Geist der „Geist der Heiligung“, weil er uns nicht bloß mit der allgemein wirkenden Kraft, wie sie an der Menschheit und auch an der ganzen übrigen Kreatur in Erscheinung tritt, belebt und erhalt, sondern weil er die Wurzel und der Same des himmlischen Lebens in uns ist. Deshalb rühmen die Propheten an dem Reiche Christi ganz besonders dies, daß dann der Heilige Geist sich in reicherer Fülle ergießen sollte. Vor allem bemerkenswert ist der Joelspruch. „An jenem Tage will ich von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch“ (Joel 3,1; nicht Luthertext). Da scheint freilich der Prophet unter den Gaben des Geistes allein das Amt der Prophetie zu begreifen, aber unter diesem Bilde gibt er doch zu verstehen, daß Gott solche Menschen, die zuvor ohne jede Kunde und unberührt von der himmlischen Lehre waren, durch die Erleuchtung seines Geistes zu seinen Jüngern machen würde.

Weil uns übrigens Gott, der Vater, um seines Sohnes willen mit dem Heiligen Geiste beschenkt und ihm doch zugleich alle Fülle anvertraut hat, so daß er also seine Güte und Freundlichkeit verwaltet und austeilt, - so heißt er bald der Geist des Vaters, bald der des Sohnes. „Ihr aber“, sagt Paulus, „seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm. 8,9). Alsdann aber erweckt er in uns die Hoffnung auf völlige Erneuerung: „Derselbe, der Christum von den Toten auferweckt hat, der wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, daß sein Geist in euch wohnt“ (Röm. 8,11). Es liegt nämlich wirklich nichts Widersinniges darin, daß einerseits dem Vater das Lob für seine Gaben zukommt, deren Urheber er ja tatsächlich ist, und daß anderseits auch Christus daran der gleiche Anteil gegeben wird, weil bei ihm ja die Gaben des Geistes niedergelegt sind und er sie den Seinen zuteil werden läßt. So lädt er alle, die da dürsten, zu sich ein, daß sie trinken (Joh. 7,37). Und nach der Lehre des Paulus wird an jeden Einzelnen der Geist ausgeteilt „nach dem Maß der Gabe Christi“ (Eph. 4,7). Er heißt aber - das müssen wir uns vergegenwärtigen - Christi Geist nicht nur, insofern er als das ewige Wort Gottes in eben diesem Geiste mit dem Vater verbunden ist, sondern auch nach der Person des Mittlers; denn Christus wäre ja ohne Ausrüstung mit dieser Kraft vergebens zu uns gekommen. In diesem Sinne heißt Christus auch der zweite Adam, der uns vom Himmel gegeben ist „zum Geist, der da lebendig macht“ (1. Kor. 15,45). Hier vergleicht Paulus das besondere Leben, das der Sohn Gottes den Seinen einhaucht, damit sie mit ihm eins seien, mit dem natürlichen Leben, an dem auch die Verworfenen teilhaben. In gleicher Weise wünscht er den Gläubigen zunächst „die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes“, schließt aber dann sofort an: „und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2. Kor. 13,13); denn ohne diese wird keiner Gottes väterliche Güte und Christi Wohltat schmecken. Auch an anderer Stelle sagt Paulus: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist“ (Röm. 5,5).


Kapitel 1 Sektion 3


Hier wird es nun dienlich sein, die Bezeichnungen zu vermerken, mit denen die Schrift den Heiligen Geist auszeichnet, wo von dem Anfang und auch von der ganzen Wiederherstellung unseres Heils die Rede ist.

Er heißt da zunächst der „Geist der (Aufnahme in die) Kindschaft“; denn er ist uns der Zeuge des gnädigen Wohlwollens Gottes, mit dem uns Gott, der Vater, in seinem geliebten, eingeborenen Sohne umfaßt hat, um uns zum Vater zu werden; er erweckt und belebt in uns auch die Freudigkeit zum Gebet, ja er gibt uns selbst die Worte ein, so daß wir ohne Furcht rufen: „Abba, Vater!“ (Röm. 8,15; Gal. 4,6).

Aus dem gleichen Grunde nennt ihn die Schrift das Unterpfand und Siegel unseres Erbes (2. Kor. 1,22); denn er macht uns, die wir in dieser Welt als Pilger wandern und gleich Toten sind, vom Himmel her lebendig, so daß wir gewiß sind: unser Heil ist unter Gottes treuer Wacht sicher geborgen; deshalb heißt er auch „Leben um der Gerechtigkeit willen“ (Röm. 8,10).

Aber er macht uns ja auch durch seine verborgene Besprengung fruchtbar, um Triebe der Gerechtigkeit hervorzubringen: darum heißt er mehrfach „Wasser“, wie z.B. bei Jesaja: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser!“ (Jes. 55,1); ebenso: „Denn ich will meinen Geist ausgießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre“ (Jes. 44,3; nicht Luthertext). Dem entspricht auch das oben bereits angeführte Wort Christi: „Wen da dürstet, der komme zu mir:“ (Joh. 7,37). Daß der Heilige Geist als Wasser bezeichnet wird, kommt freilich zuweilen auch von seiner säubernden und reinigenden Kraft; so bei Ezechiel, wo der Herr „reines Wasser“ verheißt, um damit sein Volk von seinen „Unreinigkeiten“ zu „waschen“ (Ez. 36,25).

Weil der Heilige Geist aber weiterhin die Menschen, die er mit der erquickenden Kraft seiner Gnade durchflutet hat, zu kräftigem Leben erneuert und darin erhält, so hat er auch den Namen „Öl“ oder „Salbung“ inne (1. Joh. 2,20.27).

Auf der anderen Seite aber brennt und fegt er unsere sündigen Begierden beständig aus und entflammt wiederum unser Herz zur Liebe zu Gott und zum Trachten nach der Gottesfurcht: auf Grund dieser Wirkung heißt er mit Recht ein „Feuer“ (Luk. 3,16).

Und schließlich wird er uns als „Quelle“ (Joh. 4,14) beschrieben, aus der uns alle himmlischen Reichtümer zuströmen, oder auch als die „ Hand Gottes“ (Apg. 11,21), durch die Gott seine Macht ausübt; denn wenn er uns mit seiner Kraft anhaucht, dann wirkt er göttliches Leben in uns, so daß wir nun nicht mehr von uns selber uns treiben lassen, sondern von seiner Führung und seinem Antrieb regiert werden: so ist alles Gute an uns Frucht seiner Gnade, ohne ihn aber sind unsere eigenen Gaben bloß Verstandesfinsternis und Herzensverkehrtheit!

Jetzt haben wir zwar schon deutlich dargelegt, daß Christus sozusagen nutzlos für uns daliegt, bis unser Sinn sich auf seinen Geist richtet; denn es ist eine abgeschmackte Sache, wenn wir uns Christus in eitlem Spekulieren außerhalb, ja ferne von uns vorstellen! Er ist im Gegenteil, wie wir wissen, nur für die von Segen, deren „Haupt“ er ist (Eph. 4,15), für die er „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ ist (Röm. 8,29), kurz, die ihn „angezogen“ haben! (Gal. 3,27). Allein diese Verbindung mit ihm bringt es zustande, daß er, was uns betrifft, nicht umsonst unter dem Namen des Retters gekommen ist. Das ist auch der Sinn jener heiligen Ehe, durch die wir Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein (Eph. 5,30), ja, mit ihm gänzlich eins werden. Aber er vollzieht diese Einung mit uns einzig und allein durch den Heiligen Geist. Die Gnade und Kraft dieses Geistes macht uns auch zu seinen Gliedern, so daß er uns unter seiner Leitung zusammenhält und wir wiederum ihn besitzen!


Kapitel 1 Sektion 4


Das vornehmste Werk des Heiligen Geistes aber ist der Glaube; auf ihn muß daher auch ein großer Teil der Aussagen bezogen werden, die uns da und dort zur Beschreibung seiner Kraft und seines Wirkens begegnen. Denn er führt uns allein durch den Glauben an das Licht des Evangeliums heran, wie ja Johannes lehrt, daß denen, die an Christus glauben, das Vorrecht geschenkt ist, Gottes Kinder zu werden, die nicht aus Fleisch und Blut, „sondern aus Gott geboren sind“ (Joh. 1,12. 13). Hier wird Gott Fleisch und Blut gegenübergestellt und damit klar behauptet, daß es ein übernatürliches Geschenk ist, wenn Menschen, die sonst ihrem Unglauben verfallen geblieben wären, Christus im Glauben annehmen. Ähnlich ist auch die Antwort, die Christus dem Petrus gab: „Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Matth. 16,17). Ich berühre das hier nur kurz, weil ich an anderer Stelle bereits ausführlicher davon gesprochen habe (II,2,18ff.). Ähnlich ist übrigens auch das Wort des Paulus, der von den Ephesern sagt: „Ihr seid versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung“ (Eph. 1,13). Der Heilige Geist ist nach diesem Wort der inwendige Lehrer, durch dessen Wirken die Verheißung des Heils in unser Gemüt eindringt - sonst würde sie allein die Luft oder das Ohr treffen! Wenn Paulus von den Thessalonichern sagt, Gott habe sie erwählt „in der Heiligung des Geistes und im Glauben der Wahrheit“ (2. Thess. 2,13), so macht er uns in diesem Textzusammenhang darauf aufmerksam, daß der Glaube selbst allein durch den Geist gewirkt wird. Deutlicher finden wir das bei Johannes ausgesprochen: „Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibt, an dem Geist, den er uns gegeben hat“ (1. Joh. 3,24), und dementsprechend: „Daran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von seinem Geist gegeben hat“ (1. Joh. 4,13). Deshalb hat Christus seinen Jüngern, damit sie die himmlische Weisheit zu fassen vermöchten, den „Geist der Wahrheit“ verheißen, „welchen die Welt nicht kann empfangen“ (Joh. 14,17). Und er schreibt dem Geiste als sein eigentliches Amt dies zu, den Jüngern das einzugeben, was er sie selbst mit seinem Munde gelehrt hatte. Denn sie wären ja blind, und das Licht würde ihnen vergebens scheinen, wenn nicht dieser Geist der Erkenntnis die Augen ihres Gemüts auftäte; man kann ihn deshalb sehr wohl einen Schlüssel nennen, der uns die Schätze des Himmelreichs erschließt (vgl. Offb. Joh. 3,7), seine erleuchtende Wirkung kann man durchaus als die Sehkraft unseres Gemüts bezeichnen. Aus diesem Grunde rühmt Paulus das „Amt des Geistes“ so hoch (2. Kor. 3,6); denn alle Lehrer würden umsonst ihren Ruf erschallen lassen, wenn nicht Christus selbst als inwendiger Lehrmeister durch seinen Geist die Menschen zu sich zöge, die ihm der Vater gegeben hat! (Joh. 6,44; 12,32; 17,6). Wie wir sagten, daß sich in Christi Person die vollkommene Gerechtigkeit findet, so „tauft“ er uns also auch „mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer“, damit wir seiner teilhaftig werden (Luk. 3,16); er erleuchtet uns, daß wir seinem Evangelium glauben, er schenkt uns die Wiedergeburt zu neuem Leben, so daß wir neue Kreaturen werden (vgl. 2. Kor. 5,17); er reinigt uns von allem unheiligen Schmutz und weiht uns Gott zu heiligen Tempeln! (vgl. 1. Kor. 3,16.17; 2. Kor. 6,16; Eph. 2,21).


Zweites Kapitel

Vom Glauben, seinem Wesen und seinen Eigenschaften

Kapitel 2 Sektion 1


Dies alles aber ist leichter zu erkennen, sobald wir eine klarere Bestimmung des Glaubens aufgestellt haben, damit die Leser von dessen Kraft und Wesen eine deutliche Vorstellung haben.

Es ist aber dienlich, dabei ins Gedächtnis zurückzurufen, was bereits zuvor ausgeführt wurde: (1) Gott schreibt uns durch das Gesetz vor, was wir zu tun haben; sind wir also in irgendeinem Stück gefallen, so ruht jenes furchtbare Urteil des ewigen Todes auf uns, das es ausspricht. (2) Nun ist es aber auf der anderen Seite für uns nicht bloß hart, sondern es geht ganz und gar über unsere Kraft und liegt völlig außer all unserem Vermögen, das Gesetz so zu erfüllen, wie er es fordert; schauen wir also allein auf uns selbst und bedenken wir, welcher Zustand unseren Verdiensten entsprechen würde, so bleibt nichts von guter Hoffnung mehr bestehen, sondern wir sind von Gott verworfen und unterliegen dem ewigen Verderben. (3) Drittens wurde dann dies auseinandergesetzt, daß es nur ein einziges Mittel gibt, das uns aus so jämmerlichem Elende zu befreien vermag, nämlich wenn Christus als unser Erlöser erscheint, durch dessen Hand der himmlische Vater, der sich unser in seiner unermeßlichen Güte und Freundlichkeit erbarmt hat, uns allen hat Hilfe bringen wollen, sofern wir solche Barmherzigkeit in festem Glauben annehmen und uns auf sie in beständiger Hoffnung verlassen.

Jetzt ist es aber erforderlich zu erwägen, wie denn jener Glaube beschaffen sein soll, durch den alle, die von Gott zu Kindern angenommen sind, in den Besitz des Himmelreichs gelangen; denn es steht doch fest, daß nicht irgendeine Meinung oder auch Überzeugung imstande ist, solch eine Sache zu bewirken! Die Betrachtung und Untersuchung der wahren Eigenart des Glaubens müssen wir nun mit um so größerer Sorgfalt und um so größerem Nachdruck betreiben, je gefährlicher der Wahn ist, von dem in diesem Stück heutzutage viele Menschen befallen sind. Bei einem guten Teil der Menschheit steht es nämlich so: wenn man das Wort „Glaube“ hört, so versteht man darunter nichts Höheres als eine gewöhnliche Bejahung der evangelischen Geschichte. Ja, wenn man in den (päpstlichen) Schulen Erörterungen über den Glauben anstellt, so bezeichnet man ohne weiteres Gott als dessen „Objekt“ und führt dabei in eitlem Gedankenspiel - wie ich an anderer Stelle bereits ausführte - die armen Seelen eher vom rechten Wege ab, als daß man sie zum Ziel leitete. Denn Gott wohnt doch „in einem Lichte, da niemand zukommen kann“ (1. Tim. 6,16), und deshalb ist es nötig, daß Christus ins Mittel tritt! Daher nennt er sich doch auch „das Licht der Welt“ (Joh. 8,12) oder den „Weg, die Wahrheit und das Leben“! (Joh. 14,6). Denn zum Vater, der die „Quelle des Lebens“ ist (Ps. 36,10), kommt eben niemand, als durch ihn! (Joh. 14,6). Denn er allein kennt den Vater, und von da aus dann die Gläubigen, denen er ihn hat offenbaren wollen (Luk. 10,22). Aus diesem Grunde beteuert auch Paulus, daß er nichts kennt, von dem er meinte, es sei vornehmlich zu wissen nötig, als allein Christus! (1. Kor. 2,2). Und was er nach seiner eigenen Rückschau im zwanzigsten Kapitel der Apostelgeschichte gepredigt hat, das ist „der Glaube an ... Christus“: (Apg. 20,21). An anderer Stelle berichtet er, wie Christus selbst zu ihm gesagt habe: „Ich sende dich zu den Heiden ..., daß sie empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe samt denen, die geheiligt werden durch den Glauben an mich“ (Apg. 26,17.18; nicht ganz Luthertext). Paulus bezeugt, daß an seiner (Christi) Person Gottes Herrlichkeit für uns sichtbar ist oder - was dasselbe bedeutet - daß an seinem Angesicht „die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes“ erglänzt (2. Kor. 4,6).

Es ist freilich wahr: der Glaube schaut auf den einigen Gott; aber es muß dann noch zugefügt werden, daß er den erkennen soll, den Gott gesandt hat, Jesum Christum! (Joh. 17,3). Denn Gott selbst wäre uns fern und verborgen, wenn uns Christus nicht mit seinem Glanz umstrahlte. Der Vater hat alles, was er hatte, dem Eingeborenen gegeben, um sich uns in ihm zu offenbaren, und das zu dem Zweck, daß eben diese Gemeinschaft der Güter das wahre Ebenbild seiner Herrlichkeit (an Christus) zum Ausdruck brächte. Wenn es oben hieß, der Geist müsse uns ziehen, damit wir angetrieben werden, Christus zu suchen, so müssen wir uns auf der anderen Seite vergegenwärtigen, daß der unsichtbare Vater nur in diesem seinem Ebenbilde zu suchen ist! Besonders feinsinnig redet Augustin über diesen Tatbestand: er spricht vom Zielpunkt des Glaubens und sagt dann, wir müßten wissen, wohin wir zu gehen hätten und auf welchem Wege wir dahin kämen; dann kommt er gleich zu dem Ergebnis, der Weg, der gänzlich gegen alle Irrtümer gesichert sei, wäre der, der Gott und Mensch ist. Denn Gott sei es ja, zu dem wir gehen sollten, und ein Mensch sei der Weg, um dahin zu gelangen: beides aber fänden wir nur in Christus! (Vom Gottesstaat XI,2). Wenn Paulus den Glauben an Gott Predigt, so hat er damit nicht im Sinn, die Aussagen vom Glauben umzustoßen, die er so oft einschärft, nämlich daß der Glaube seinen festen Grund allein in Christus hat. Sehr klar verbindet Petrus beides miteinander: „Durch ihn glaubet ihr an Gott“ (1. Petr. 1,21).


Kapitel 2 Sektion 2


Dieses Übel (nämlich die Verkehrung des Glaubensbegriffs) haben wir, wie unendlich vieles andere, billig den Scholastikern zu verdanken. Sie haben vor Christus sozusagen einen Vorhang gezogen und ihn so verdeckt. Schauen wir aber nicht stracks auf ihn, so müssen wir ja immerzu auf allerlei Irrwegen hin- und herlaufen. Abgesehen aber davon, daß sie mit ihrer finsteren Beschreibung vom Wesen des Glaubens dessen ganze Kraft schwächen, ja zunichte machen, haben sie sich auch das Gerede von dem „eingewickelten“ Glauben (fides implicita) ersonnen. Mit diesem Namen zieren sie die gröbste Unwissenheit und täuschen so das arme Volk auf die verderblichste Weise. Ja, dieses Gerede - ich will richtiger und offener aussprechen, um was es sich handelt! - begräbt nicht allein den wahren Glauben, sondern zerstört ihn von Grund auf. Heißt das denn noch glauben, wenn man keinerlei Erkenntnis hat und seinen Sinn bloß gehorsam der Kirche unterwirft? Nein, der Glaube ruht nicht auf Unwissenheit, sondern auf Erkenntnis; und zwar handelt es sich dabei nicht bloß um die Erkenntnis Gottes, sondern auch um die des göttlichen Willens. Wir erlangen nämlich das Heil nicht dadurch, daß wir bereit sind, alles, was die Kirche uns zu glauben vorschreibt, als wahr anzunehmen, oder ihr die Aufgabe zuschieben, zu forschen und kennenzulernen, sondern nur dann, wenn wir erkennen, daß Gott um der Versöhnung willen, die durch Christus geschehen ist, unser gnädiger Vater ist, und daß Christus uns zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zum Leben gegeben ist. Durch diese Erkenntnis, sage ich, und nicht durch Unterwerfung unseres Sinnes, erlangen wir den Zutritt zum Himmelreich. Denn wenn der Apostel sagt: „Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig“ (Röm. 10,10), so zeigt er damit deutlich: es ist nicht genug, wenn einer im Sinne des „eingewickelten“ Glaubens glaubt, was er gar nicht versteht und was er auch nicht untersucht; nein, er fordert eine „entwickelte“ (explicita) Erkenntnis der göttlichen Güte, auf der unsere Gerechtigkeit ruht.


Kapitel 2 Sektion 3


Da wir freilich von viel Unwissenheit umgeben sind, so will ich gewiß nicht abstreiten, daß uns jetzt noch viele Dinge „eingewickelt“ sind, ja, daß sie es auch in Zukunft noch sein werden, bis wir die Last unseres Fleisches abgelegt haben und Gottes Gegenwart näher gekommen sind. In eben diesen Dingen können wir nichts Nützlicheres tun, als das Urteil in der Schwebe zu lassen und uns kräftig Mühe zu geben, die Einheit mit der Kirche aufrechtzuerhalten. Aber es ist doch rein widersinnig, unter diesem Vorwande eine mit Demut untermischte Unwissenheit mit dem Namen „Glauben“ auszuzeichnen. Denn der Glaube besteht in der Erkenntnis Gottes und Christi (Joh. 17,3), nicht aber in der Ehrfurcht gegenüber der Kirche! Wir sehen ja auch, was für einen Irrgarten die Scholastiker sich mit ihrem Begriff vom „eingewickelten“ Glauben geschaffen haben: so wird alles ohne Unterschied, wenn es sich bloß unter Berufung auf die Kirche aufdrängt, von den Unerfahrenen wie ein Orakel angenommen, zuweilen auch der abergläubischste Irrtum! Diese unbedachte Leichtfertigkeit, die doch die Menschen notwendig ins sichere Verderben stürzen muß, wird trotzdem von den Scholastikern verteidigt, weil sie nichts ausdrücklich glaube, sondern alles nur unter der Bedingung: „Sofern die Kirche das glaubt“! Auf diese Weise, geben sie vor, hätte der Mensch mitten im Irrtum doch die Wahrheit, in der Blindheit das Licht, in der Unwissenheit das rechte Wissen inne!

Ich will mich nicht lange damit aufhalten, diese Irrtümer zu widerlegen, und möchte den Leser nur bitten, sie mit unserer Lehre zu vergleichen; denn die klare Durchsichtigkeit der Wahrheit wird uns eine hinreichend deutliche Widerlegung des Irrtums von selbst eingeben. Die Frage ist bei den Papisten ja nicht so gestellt, ob der Glaube noch in viele Überbleibsel der Unwissenheit „eingewickelt“ sei, sondern sie behaupten ausdrücklich, daß ein Mensch, der in stumpfer Unwissenheit dahinlebt, sich womöglich gar noch darin gefällt, rechtmäßig glaube, sofern er nur der Autorität und dem Urteil der Kirche über die Dinge, die er nicht kennt, zustimmt! Als ob die Schrift nicht immer wieder lehrte, daß mit dem Glauben die Einsicht verbunden ist!


Kapitel 2 Sektion 4


Ich gebe aber zu, daß unser Glaube, solange wir in der Welt Pilgrime sind, „eingewickelt“ ist, und zwar nicht nur, weil uns noch viele Dinge verborgen sind, sondern weil wir auch in dem vielen Nebel des Irrtums, der uns umgibt, nicht alles begreifen können. Denn auch für den Vollkommensten besteht die höchste Weisheit darin, fortzuschreiten und in stiller Gelehrigkeit weiterzustreben. Deshalb ermahnt Paulus die Gläubigen, auf Gottes Offenbarung zu warten, wenn sie in einer Sache untereinander verschiedener Ansicht sind (Phil. 3,15). Die Erfahrung lehrt uns wahrlich, daß wir, solange wir unser Fleisch noch an uns tragen, weniger begreifen, als wir wünschen möchten; und tagtäglich begegnen wir, wenn wir in der Schrift lesen, vielen unverständlichen Stellen, die uns davon überführen, wie unkundig wir noch sind. Durch diesen Zügel hält uns Gott bei der Bescheidenheit; er mißt jedem Einzelnen das „Maß des Glaubens“ (Röm. 12,3) zu, damit auch der beste Lehrer zum Lernen bereit sei.

Besonders deutliche Beispiele dieses „eingewickelten“ Glaubens kann man bei den Jüngern Christi wahrnehmen, ehe sie die volle Erleuchtung empfangen hatten. Da sehen wir, wie schwer sie selbst von den elementarsten Dingen einen Geschmack bekommen, so daß sie gar bei den einfachsten unsicher sind und, obwohl sie am Munde ihres Meisters hängen, doch nicht eben viel Fortschritte machen! Sogar noch, als sie auf die Mahnung der Frauen zum Grabe eilen, erscheint ihnen die Auferstehung ihres Meisters wie ein Traum! Und dabei hatte ihnen Christus vorher bezeugt, daß sie tatsächlich glaubten, so daß wir also nicht sagen dürfen, sie hätten gar keinen Glauben gehabt; ja, wenn sie nicht die Überzeugung gehabt hätten, daß Christus auferstehen würde, so wäre ja aller Eifer in ihnen erloschen. Es war aber auch gewiß nicht Aberglaube, was die Frauen dazu trieb, Christi Leichnam als den eines verstorbenen Menschen, auf dessen Leben man nicht mehr hoffen konnte, mit wohlriechenden Kräutern zu salben. Nein, obwohl sie seinen Worten glaubten - sie wußten doch, daß er wahrhaftig war! - so hatte doch die Stumpfheit, die ihr Gemüt noch umstrickte, in ihnen den Glauben dermaßen mit Finsternis verhüllt, daß sie ganz verwirrt waren! Deshalb heißt es auch von ihnen, sie hätten erst da geglaubt, als ihnen durch die Ereignisse selber die Wahrheit der Reden Jesu zur Gewißheit wurde; nicht, als ob sie erst da angefangen hätten zu glauben, sondern weil das Samenkorn eines verborgenen Glaubens, das in ihrem Herzen wie erstorben war, jetzt erst Kraft erhielt und hervorbrach. Es lebte in ihnen also der wahre Glaube, aber er war noch „eingewickelt“. Denn sie hatten ja Christus in Ehrerbietung als ihren einzigen Lehrer angenommen. Dann kamen sie durch seine Unterweisung auch zu der Gewißheit, er sei der Wirker ihres Heils. Schließlich glaubten sie auch, daß er vom Himmel gekommen war, um durch die Gnade des Vaters auch seine Jünger dahin zu versammeln. Für diesen Zustand (der Jünger und der Frauen) kann man aber keine bekanntere Begründung finden als die, daß in allen Gläubigen der Glaube stets mit Unglauben vermischt ist.


Kapitel 2 Sektion 5


Auch da mag man von einem „eingewickelten“ Glauben sprechen, wo es sich eigentlich bloß um eine Vorbereitung zum Glauben handelt. Die Evangelisten berichten, daß sehr viele Leute „geglaubt“ hätten, die doch bloß von den Wundern zur Bewunderung hingerissen waren und keine weitere Erkenntnis erlangt hatten, als daß Christus der verheißene Messias sei; (so wird berichtet,) obwohl diese Leute doch von der wirklichen Lehre des Evangeliums noch gar keinen Schimmer hatten. Diese Ehrerbietung, die sie dazu brachte, daß sie sich Christus freiwillig und gern unterwarfen, wird mit dem Namen „Glaube“ geschmückt, obwohl sie doch in Wirklichkeit erst der Anfang dazu war. So hat der Königische zunächst der Verheißung Christi geglaubt, sein Sohn sollte gesund werden (Joh. 4,50), und dann, als er nach Hause zurückgekehrt war, hat er nach dem Zeugnis des Evangelisten aufs neue geglaubt (Joh. 4,53). Im ersten Fall hat er eben das, was er aus Christi Munde hörte, als einen Gottesspruch angesehen; beim zweiten Male unterwarf er sich seiner Autorität und nahm seine Lehre an. Doch müssen wir uns vergegenwärtigen: so gelehrig und lernbereit er auch war, so bezeichnet das Wort „Glauben“ im ersten Fall bloß einen „besonderen“ Glauben (particularis fides), während es im zweiten Falle diesen Königischen zu den Jüngern zählt, die sich zu Christus bekannten. Ein ähnliches Beispiel berichtet uns Johannes auch von den Samaritern: sie glaubten zunächst den Worten der Frau und eilten daraufhin eifrig zu Christus hin; nachdem sie ihn aber gehört hatten, sagten sie: „Wir glauben nun hinfort nicht um deiner Rede willen; wir haben selber gehört und erkannt, daß dieser ist wahrlich Christus, der Welt Heiland“ (Joh. 4,42). Wir sehen hier, wie Leute, die noch nicht einmal den ersten Unterricht empfangen haben, wenn sie nur zum Gehorsam bereit sind, schon als Gläubige bezeichnet werden, zwar nicht im eigentlichen Sinne, sondern sofern Gott in seiner Güte diese fromme Regung solcher Ehre würdigt. Aber diese Gelehrigkeit, der das Begehren innewohnt, weiter fortzuschreiten, ist doch etwas ganz anderes, als die grobe Unwissenheit, in der solche Menschen stumpfsinnig dahinleben, die sich mit jenem „eingewickelten“ Glauben im Sinne der papistischen Phantasterei zufrieden geben! Wenn Paulus ein hartes Verdammungswort gegen die schleudert, die da „lernen immerdar, und können nimmer zu Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (2. Tim. 3,7) - wieviel schlimmere Schmach verdienen dann Leute, die sich mit voller Absicht vornehmen, nichts zu wissen!


Kapitel 2 Sektion 6


Die wahre Erkenntnis Christi besteht also darin, daß wir ihn annehmen, wie ihn uns der Vater darbietet, nämlich umkleidet mit seinem Evangelium. Denn wie er dazu bestimmt ist, der Ziel- und Richtpunkt unseres Glaubens zu sein, so können wir nur dann den rechten Weg zu ihm einschlagen, wenn uns das Evangelium vorangeht. Dort eröffnen sich dann alle Schätze der Gnade; wären uns diese nicht erschlossen, so nützte uns Christus gar wenig! So gibt Paulus der Lehre zum unabtrennlichen Gefährten den Glauben: „Ihr aber habt Christum nicht also gelernt, so ihr anders ... in ihm gelehrt seid, wie in Christo ein rechtschaffenes Wesen ist“ (Eph. 4,20f.).

Jedoch beschränke ich den Glauben nicht in dem Sinne auf das Evangelium, daß ich etwa leugnen wollte, daß auch Mose und die Propheten uns Hinreichendes gelehrt haben, um den Glauben aufzuerbauen. Aber die klarere Offenbarung Christi tritt uns doch im Evangelium entgegen, und deshalb nennt es Paulus mit Recht die „Lehre des Glaubens“ (vgl. 1. Tim. 4,6). In diesem Sinne erklärt er auch an anderer Stelle, daß mit dem Kommen des Glaubens das Gesetz abgetan ist (Röm. 10,4). Hier versteht Paulus das Evangelium als eine neue und (bisher) ungewohnte Weise der Lehre, durch die Christus, seit er als unser Lehrmeister erschienen ist, des Vaters Barmherzigkeit in ein helleres Licht gesetzt und von unserem Heil ein gewisseres Zeugnis gegeben hat.

Zur Behandlung der Lehre vom Glauben wird es indessen ein leichterer und angemessenerer Weg sein, wenn wir vom Allgemeinen zum Besonderen gehen. Da müssen wir uns nun zunächst deutlich machen, daß der Glaube in steter Verbindung mit dem Wort steht: er kann von ihm ebensowenig getrennt werden, wie die Strahlen von der Sonne, von der sie ihren Ausgang nehmen. Deshalb ruft Gott bei Jesaja aus: „Höret mich, so wird eure Seele leben!“ (Jes. 55,3; nicht Luthertext). Auf den gleichen Quell des Glaubens weist uns Johannes mit den Worten: „Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet“ (Joh. 20,31). Auch der Prophet ruft dem Volke, um es zum Glauben zu ermuntern, zu: „Heute, so ihr seine Stimme höret.“ (Ps. 95,7). Immer wieder wird das Wort „Hören“ im Sinne von „Glauben“ gebraucht. Es ist schließlich auch nicht umsonst, wenn Gott bei Jesaja die Kinder der Kirche durch das Merkzeichen von den Fremden unterscheidet, daß er sie alle unterweist, damit sie „gelehrt“ sind „vom Herrn“ (Jes. 54,13); wäre nämlich diese Wohltat unterschiedslos allen Menschen gemein, so wäre kein Grund einzusehen, warum er sich mit seiner Rede bloß an wenige wendet. Dem entspricht es auch, daß die Evangelisten „Gläubige“ und „Jünger“ durchgehend als gleichbedeutende Worte behandeln; das geschieht besonders oft bei Lukas in der Apostelgeschichte (Apg. 6,1.2.7; 9,1.10.19.25.26.38; 11,26.29; 13,52; 14,20.28; 15,10 usw.); da bezieht er diesen Titel im 9. Kapitel (9,36) sogar auf eine Frau!

Wenn also der Glaube von diesem Ziel- und Richtpunkt, nach dem er sich richten soll, auch nur im geringsten abweicht, so kann er seine Natur nicht behalten, sondern wird zu einer ungewissen Gläubigkeit oder gar zu einem unklaren Irrtum unseres Sinnes. Denn das Wort ist das Fundament, auf das der Glaube sich stützt und das ihn trägt; wendet er sich von ihm weg, so bricht er zusammen. Nimm also das Wort weg und kein Glaube wird mehr übrigbleiben!

Ich erörtere hier nicht, ob zur Aussaat des Wortes Gottes, damit der Glaube aus ihm aufkeimt, der Dienst eines Menschen in allen Fällen unentbehrlich ist; davon muß an anderer Stelle noch die Rede sein. Ich sage nur dies: das Wort selbst - mag es nun zu uns kommen, wie es will! - ist für uns wie ein Spiegel, in dem der Glaube Gott anschaut. Ob also Gott dazu nun den Dienst von Menschen verwendet, oder ob er durch seine Kraft allein wirkt, stets stellt er sich denen, die er zu sich ziehen will, durch sein Wort vor Augen. Deshalb versteht auch Paulus unter dem Glauben den Gehorsam, den man dem Evangelium leistet (Röm. 1,5), und an anderer Stelle lobt er den Glaubensgehorsam, den er bei den Philippern hat kennenlernen dürfen (Phil. 1,3-5). Die Einsicht des Glaubens hat es nämlich nicht bloß damit zu tun, daß wir anerkennen: Es ist ein Gott; sondern es handelt sich auch, ja vornehmlich darum, daß wir begreifen, wie sein Wille uns gegenüber beschaffen ist. Denn es liegt für uns nicht nur daran, zu wissen, wer er in sich selber ist, sondern wie er sich uns gegenüber verhalten will.

Jetzt können wir also bereits folgendes feststellen: der Glaube ist die aus dem Worte Gottes geschöpfte Erkenntnis des Willens Gottes uns gegenüber. Seine Grundlage aber ist eine feste Überzeugung von Gottes Wahrheit. Solange unser Herz über die Gewißheit dieser Wahrheit mit sich selber im Streite liegt, wird das Wort eine bloß zweifelhafte und schwache, ja eigentlich gar keine Autorität haben. Denn es ist nicht genug, wenn man glaubt, daß Gott wahrhaftig ist

und weder trügen noch lügen kann; nein, es muß auch ohne allen Zweifel feststehen, daß alles, was von ihm ausgeht, heilige und unverletzliche Wahrheit ist.


Kapitel 2 Sektion 7


Nun vermag aber nicht jedes Wort Gottes das Menschenherz zum Glauben zu bewegen. Wir müssen also jetzt noch untersuchen, worauf der Glaube im Wort eigentlich schaut. Es war Gottes Wort, wenn zu dem Adam gesagt wurde: „Du wirst des Todes sterben!“ (Gen. 2,17). Es war Gottes Wort, wenn Kain hören mußte: „Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ (Gen. 4,10). Aber beide Worte vermögen aus sich nichts anderes, als den Glauben zu erschüttern; ihn zu begründen sind sie jedenfalls gänzlich ungeeignet. Ich will indessen gewiß nicht abstreiten, daß es das Amt des Glaubens ist, Gottes Wahrheit zu unterschreiben, wie oft er auch redet, was er redet und auf welcherlei Weise er es tut. Es ist nur die Frage, was denn der Glaube im Worte des Herrn findet, auf das er sich stützen und gründen kann. Wie soll unser Gewissen nicht zittern und erschrecken, wo es bloß Zorn und Rache vernimmt? Wie soll es aber nicht vor einem Gott die Flucht ergreifen, vor dem es erschrickt? Der Glaube aber soll doch Gott suchen und nicht vor ihm fliehen! Unsere obige Beschreibung vom Wesen des Glaubens ist also noch nicht vollständig; denn es ist noch nicht als Glaube anzusehen, wenn man den Willen Gottes in irgendwelcher Gestalt kennt. Wie wird es aber, wenn wir an die Stelle des Willens Gottes, dessen Kundmachung oft traurig, dessen Bezeugung oft schrecklich ist, - sein Wohlwollen und seine Barmherzigkeit setzten? So kommen wir sicher an das wahre Wesen des Glaubens näher heran; denn wir werden erst dann angelockt, Gott zu suchen, wenn wir gelernt haben, daß bei ihm unser Heil liegt, und das wird uns zur Gewißheit, wenn er erklärt, daß er um unser Heil sorgt und eifert. Es bedarf also der Verheißung der Gnade, durch die er uns bezeugt, daß er unser gnädiger Vater ist; denn nur dann können wir zu ihm nahen, und auf ihr allein kann das Menschenherz sicher ruhen.

Aus diesem Grunde finden wir in den Psalmen immer wieder zwei Worte zusammengestellt, die auch tatsächlich zusammengehören: Barmherzigkeit und Wahrheit. Denn es würde uns nichts helfen, wenn wir wüßten, daß Gott wahrhaftig ist, sofern er uns nicht zugleich freundlich zu sich lockte, und anderseits könnten wir seine Barmherzigkeit nicht ergreifen, wenn er sie uns nicht in seinem Worte anböte! So lesen wir es: „von deiner Wahrheit und von deinem Heil rede ich; ich verhehle deine Güte und Wahrheit nicht; ... laß deine Güte und Wahrheit allewege mich behüten“ (Ps. 40,11.12; nicht Luthertext). Oder wir hören an anderer Stelle: „Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen!“ (Ps. 36,6). Oder auch: „Die Wege des Herrn sind eitel Güte und Wahrheit denen, die seinen Bund ... halten“ (Ps. 25,10). Ebenso: „Vielfältig ist seine Barmherzigkeit über uns, und seine Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit“ (Ps. 117,2; Luthertext kürzer). Oder ebenso: „Ich will deinem Namen danken für deine Güte und Wahrheit“ (Ps. 138,2). Ich übergehe die entsprechenden Aussagen der Propheten, die ja auch bezeugen, daß Gott barmherzig und treu ist in seinen Verheißungen. Es wäre vermessene Kühnheit, wollten wir behaupten, Gott sei uns gnädig - wenn er es nicht selbst von sich bezeugte, uns mit seiner Einladung zuvorkäme, damit sein Wille nicht zweifelhaft und dunkel sei! Wir haben aber schon gesehen, daß das einzige Unterpfand der Liebe Gottes Christus ist; ohne ihn erscheinen allenthalben bloß Zeichen des Hasses und des Zorns!

Weil nun aber die Erkenntnis der göttlichen Güte wenig Belang hätte, wenn sie uns nicht dazu brächte, uns sicher auf sie zu verlassen, so muß vom Glauben jene mit dem Zweifel vermischte Erkenntnis ausgeschlossen bleiben, die ihrer Sache nicht sicher ist, sondern mit sich selber im Streite liegt. Aber unser Menschenverstand ist doch blind und verfinstert, und er kann gar nicht so weit vordringen und so hoch emporsteigen, um Gottes Willen zu erfassen, unser Herz wogt ja in stetem Zweifel auf und nieder, und es ist ebenfalls weit davon entfernt, in solcher Überzeugung sicher zu bestehen. Soll also Gottes Wort bei uns vollen Glauben finden, so muß von einer anderen Seite her unser Verstand erleuchtet, unser Herz gestärkt werden.

Jetzt sind wir soweit, daß wir eine richtige Beschreibung vom Wesen des Glaubens geben können; wir müssen sagen: er ist die feste und gewisse Erkenntnis des göttlichen Wohlwollens gegen uns, die sich auf die Wahrheit der in Christus uns dargebotenen Gnadenverheißung stützt und durch den Heiligen Geist unserem Verstand geoffenbart und in unserem Herzen versiegelt wird.


Kapitel 2 Sektion 8


Bevor ich weitergehe, sind aber noch einige Vorbemerkungen vonnöten, um Knoten aufzulösen, die sonst dem Leser einen Anstoß bereiten könnten. Zunächst muß ich die in den papistischen Schulen umgehende unsinnige Unterscheidung zwischen „gestaltetem“ und „ungestaltetem“ Glauben (fides formata und fides informis) widerlegen. Sie bilden sich nämlich ein, auch solche Leute „glaubten“ alles, was zum Heil notwendig ist, die von keinerlei Furcht Gottes, keinerlei Regung der Frömmigkeit irgend etwas verspüren. Als ob aber der Heilige Geist, wenn er unser Herz mit seinem Glanz erleuchtet, so daß wir glauben, nicht auch zugleich der Zeuge für unsere Aufnahme in die Kindschaft wäre! Trotzdem erkennen sie jener Überzeugung (persuasio), der jede Gottesfurcht abgeht, gegen den Widerspruch der ganzen Schrift stolz den Namen „Glaube“ zu! Eine weitläufige Auseinandersetzung mit dieser Wesensbestimmung ist nicht erforderlich; es genügt, wenn wir die Natur des Glaubens schlicht umschreiben, wie sie uns aus dem Worte Gottes überliefert ist. Daraus wird völlig klar werden, wie ungeschickt und töricht die Papisten von diesen Dingen reden, ja vielmehr schnattern. Einen Teil habe ich oben schon berührt, das übrige wird an seinem Platze unten folgen.

Jetzt will ich nur dies aussprechen, daß man sich nichts Widersinnigeres erdenken kann, als diese Erfindung der Scholastiker. Sie sind also der Meinung, der Glaube sei eine (bloße) Zustimmung, kraft deren sich selbst jeder Gottesverächter zu eigen machen kann, was man ihm aus der Schrift vorträgt. Dabei hätte man nun aber zuerst zusehen sollen, ob sich denn jeder Mensch aus eigener Kraft und Entschließung den Glauben aneignen kann, oder ob es nicht der Heilige Geist ist, der uns durch den Glauben unsere Kindschaft bezeugt! Es ist deshalb kindisch und närrisch, wenn sie fragen, ob denn der Glaube, wenn ihn die hinzukommende Wesenheit (nämlich die Liebe) zu einem „gestalteten“ gemacht habe, noch derselbe Glaube sei oder ein anderer, neuer. Daraus geht sicherlich schon klar hervor, daß sie sich bei ihrem Geschwätz niemals über die besondere Gabe des Heiligen Geistes Gedanken gemacht haben; denn schon der Anfang des Glaubens schließt die Versöhnung ein, durch die der Mensch zu Gott den Zugang hat! Würden sie das Wort des Paulus in Betracht ziehen: „So man von Herzen glaubt, so wird man gerecht“ (Röm. 10,10), so würden sie ganz von selbst aufhören, solch einen frostigen Begriff wie jene (zum Glauben „hinzukommende“, ihn „gestaltende“) Wesenheit (nämlich die Liebe) zu erfinden! Hätten wir auch nur dieses eine Beweisstück, so wäre das schon genug, um dem Kampf ein Ende zu machen: jene Zustimmung nämlich ist, wie ich bereits berührt habe und bald ausführlicher wiederholen werde, schon selbst mehr Sache des Herzens als des Hirns, mehr Sache innerer Bewegung als des Verstandes. Deshalb wird sie auch „Glaubensgehorsam“ genannt (Röm. 1,5); kein anderer Gehorsam ist dem Herrn lieber, und zwar mit Recht: nichts ist ihm ja köstlicher als seine Wahrheit, und eben diese wird - dafür ist Johannes der Täufer Zeuge! (Joh. 3,33) - von den Gläubigen gewissermaßen durch Unterschrift „versiegelt“. Die Sache ist tatsächlich ganz klar, und ich will deshalb mit einem Wort feststellen: es ist ein törichtes Gerede, wenn sie sagen, der Glaube werde dadurch „gestaltet“, daß zu der „Zustimmung“ (assensus) eine innere, fromme Regung träte; denn auch diese „Zustimmung“ besteht, wenigstens, wie die Schrift von ihr lehrt, selbst in solch frommer Regung!

Es bietet sich aber noch ein zweiter, viel klarerer Beweis. Der Glaube erfaßt Christus, wie er uns vom Vater gegeben ist; er wird uns aber nicht allein zur Gerechtigkeit, zur Vergebung der Sünden und zum Frieden dargegeben, sondern auch zur Heiligung und als Quelle lebendigen Wassers: der Glaube kann ihn also ohne Zweifel niemals recht erkennen, ohne zugleich die Heiligung des Geistes mit zu ergreifen. Will einer das noch deutlicher hören, so will ich so sagen: Der Glaube ruht auf der Erkenntnis Christi. Christus aber kann man nur zusammen mit der Heiligung seines Geistes erkennen. Der Glaube läßt sich also von der frommen Regung des Herzens auf keine Weise abtrennen.


Kapitel 2 Sektion 9


Dagegen pflegen nun die Papisten mit dem Wort des Paulus Einspruch zu erheben: „Und hätte ich allen Glauben, also daß ich Berge versetze, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1. Kor. 13,2). Daraus möchten sie nun entnehmen, der Glaube sei, wenn er ohne Liebe wäre, „ungestaltet“. Aber sie begreifen nicht, was der Apostel an dieser Stelle unter „Glauben“ versteht. Er hat doch im voraufgehenden Kapitel (12) von den verschiedenen Geistesgaben gesprochen, zu denen er „mancherlei Sprachen“ (1. Kor. 12,10), allerlei Kräfte, auch die Gabe der Weissagung rechnet (vgl. 1. Kor. 12,4-10). Er ermahnt dann die Korinther, nach den „besten Gaben“ zu streben (1. Kor. 12,31), das heißt also nach denen, die dem ganzen Leib der Kirche am meisten Frucht und Segen bringen. Und zum Schluß setzt er hinzu: „Und ich will euch noch einen köstlicheren Weg zeigen“ (1. Kor. 12,31). Er will ihnen nämlich zeigen, daß alle diese Gaben, so großartig und hervorragend sie auch an sich sind, doch für nichts zu gelten haben, wenn sie nicht der Liebe dienen. Denn sie sind - das will er weiter zeigen - zur Auferbauung der Kirche gegeben, und sie verlieren ihre Gnade, wenn sie dazu nicht dienen. Um das nun zu beweisen, wendet er eine Teilung an: er wiederholt jetzt (1. Kor. 13,1-3) die gleichen Geistesgaben, die er im vorausgehenden Kapitel behandelt hat, aber unter anderen Namen. Unter „Kräften“ und „Glauben“ versteht er hierbei aber das Gleiche, nämlich die Fähigkeit, Wunder zu tun. Diese „Kräfte“, bzw. dieser „Glaube“ sind eine besondere Gabe Gottes, die auch irgendein beliebiger Gottloser innehaben und - mißbrauchen kann, genau wie die Zungenrede, die Weissagung oder die anderen Geistesgaben; es ist also nicht verwunderlich, wenn sie von der Liebe geschieden werden! Der ganze Irrtum der Papisten besteht nun aber darin, daß sie die tatsächlich vorliegende Mehrdeutigkeit des Wortes „Glaube“ nicht beachten und ihren Streit führen, als ob das Wort immer die gleiche Bedeutung hätte. - Von der Jakobusstelle (Jak. 2,21), die sie sich auch zum Schutz für ihren Irrtum heranholen, wird an anderer Stelle die Rede sein.

Zum Zweck der Unterweisung, nämlich um zu zeigen, wie die Erkenntnis Gottes bei den Gottlosen beschaffen ist, geben wir also freilich zu, daß es mehrere Gestaltungen des Glaubens gibt. Trotzdem erkennen und predigen wir auf Grund der Lehre der Schrift, daß bei den Frommen stets einerlei Glaube sich findet. Ganz sicher glauben viele Leute, daß ein Gott sei, viele halten die evangelische Geschichte und auch die übrigen Stücke der Schrift für wahr - so wie man etwa über die Berichte vergangener Ereignisse oder auch über selbsterlebte Gegenwart zu urteilen pflegt. Es gibt auch Leute, die noch weiter gehen: sie halten Gottes Wort für ein untrügliches Orakel, verachten seine Gebote keineswegs durchaus, lassen sich auch von den Drohungen und Verheißungen immerhin bewegen. Solchen Leuten wird wohl bezeugt, daß sie „glauben“, aber dabei wird das Wort „Glauben“ im uneigentlichen Sinne gebraucht: sie bestreiten, verachten und verwerfen Gottes Wort eben nicht in offenbarer Unfrömmigkeit, sondern legen vielmehr einen gewissen Schein des Gehorsams an den Tag.


Kapitel 2 Sektion 10


Aber dieser Schatten, dieses Scheinbild von Glauben ist ohne jeden Belang und verdient deshalb die Bezeichnung „Glaube“ nicht. Wie weit es von dem wahren Wesen des Glaubens entfernt bleibt, das wird sich bald eingehender zeigen, aber es spricht nichts dagegen, es auch hier im Vorbeigehen deutlich zu machen. Es heißt z.B. von dem Zauberer Simon, er habe „geglaubt“ (Apg. 8,13), und doch ließ er seinen Unglauben nach kurzer Zeit ans Licht treten (Apg. 8,18). Daß von ihm bezeugt wird, er habe geglaubt, das verstehe ich nicht mit einigen Auslegern so, er habe mit Worten einen Glauben erheuchelt, den er gar nicht im Herzen getragen hätte. Ich stelle es mir vielmehr so vor: er war von der Majestät des Evangeliums überwunden und hat ihm in einem gewissen Sinne auch Glauben beigemessen, hat auf diese Weise Christus als den Geber des Lebens und des Heils verstanden und ihn daraufhin als Herrn anerkannt. In derselben Weise heißt es auch im Evangelium des Lukas von den Menschen, bei denen der Same des Wortes erstickt wird, ehe er fruchtbringend aufgehen kann, oder bei denen er verdorrt und verdirbt, bevor er Wurzel geschlagen, sie „glaubten eine Zeitlang“ (Luk. 8,8.7.13). Unzweifelhaft haben diese Leute einen gewissen Geschmack von dem Wort in sich empfunden und ergreifen es begierig, auch fühlen sie seine göttliche Kraft, so daß sie nun mit dem trügerischen Schein des Glaubens nicht bloß das Auge anderer Menschen, sondern auch ihr eigenes Herz täuschen. Denn sie reden sich ein, diese Ehrerbietung, die sie dem Worte Gottes erweisen, sei die Frömmigkeit selber; unter Unfrömmigkeit können sie nämlich bloß dies verstehen, daß einer offenbar und zugestandenermaßen Gottes Wort schmäht und verachtet. Mag nun jene Zustimmung aussehen, wie sie will, sie dringt jedenfalls nicht bis ins Herz hinein, um nun da fest eingewurzelt zu bleiben; mag sie gar zuweilen den Eindruck erwecken, als habe sie Wurzeln geschlagen, so sind diese doch nicht lebendig. Das Menschenherz enthält soviel Verstecke für die Eitelkeit, soviel Schlupfwinkel der Lüge, es ist in derart betrügerischer Heuchelei verkappt, daß es sich gar oft selber täuscht! Wer sich aber solch eines Trugbildes von Glauben rühmen will, der soll wissen, daß er in diesem Stück selbst vor den Teufeln keinen Vorrang hat! Ja, die erste Gruppe, von der wir redeten, also die Menschen, die da hören und verstehen und doch stumpf bleiben, stehen noch weit unter den Teufeln, denn diese zittern doch wenigstens über solcher Erkenntnis! (Jak. 2,19). Andere aber sind den Teufeln darin gleich, daß alles Empfinden, das sie berührt, von welcher Art es auch sei, schließlich doch in Schrecken und Entsetzen endet.


Kapitel 2 Sektion 11


Ich weiß nun, daß es einigen hart vorkommt, wenn auch von den Verworfenen zuweilen gesagt wird, sie glaubten. Man denkt daran, daß doch der Glaube nach Paulus eine Frucht der Erwählung ist (1. Thess. 1,4f.). Diese Schwierigkeit ist indessen unschwer zu lösen. Die Erleuchtung zum Glauben und das wahre Empfinden der Kraftwirkung des Evangeliums wird allerdings nur denen zuteil, die zur Seligkeit verordnet sind; aber die Erfahrung beweist trotzdem, daß die Verworfenen zuweilen fast von der gleichen inneren Regung erfaßt werden wie die Erwählten, so daß sie sich auch nach ihrem eigenen Urteil in nichts von den Erwählten unterscheiden. Es ist deshalb gar nicht widersinnig, wenn ihnen der Apostel einen Geschmack von den himmlischen Gütern oder Christus einen zeitweiligen Glauben beimißt. Das geschieht nicht etwa, weil sie wirklich die Kraft der geistlichen Gnade oder das untrügliche Licht des Glaubens voll in sich aufnähmen, sondern deshalb, weil der Herr, um sie noch mehr zu überführen und unentschuldbar zu machen, in ihr Inneres eindringt, soweit man seine Güte ohne den Geist der Kindschaft zu schmecken vermag! Es könnte nun aber jemand einwerfen, unter diesen Umständen bliebe den Gläubigen ja gar nichts mehr, an dem sie ihre Aufnahme in Kindschaft mit Sicherheit merken könnten. Darauf gebe ich die Antwort: So groß die Ähnlichkeit und Verwandtschaft zwischen Gottes Auserwählten und denen, die bloß einen vergänglichen Glauben auf Zeit zum Geschenk erhalten haben, auch sein mag, es lebt doch allein in den Erwählten jene Zuversicht, die Paulus so hoch rühmt, jene Zuversicht, die sie mit fröhlichem Munde schreien läßt: „Abba, lieber Vater!“ (Gal. 4,6). Gott hat ja allein die Erwählten „wiedergeboren ... aus unvergänglichem Samen ..., (der) da ewiglich bleibt“ (1. Petr. 1,23), so daß also der Same des Lebens, der in ihr Herz gesät ist, nie ganz vergehen kann; und ebenso versiegelt er in ihnen auch kräftig diese Gnade der Kindschaft, damit sie fest und gültig sei!

Aber das hindert in keiner Weise, daß jene geringere Wirkung des Heiligen Geistes auch in den Verworfenen ihren Lauf geht. Indes werden die Gläubigen gemahnt, sich gründlich und demütig selbst zu prüfen, damit nicht etwa an Stelle der Gewißheit des Glaubens die fleischliche Sicherheit in ihnen aufkomme! Auch wird den Verworfenen stets bloß ein verworrenes Empfinden der Gnade zuteil: sie erfassen also eher einen Schatten als den wirklichen Körper; denn die Vergebung der Sünden versiegelt der Heilige Geist im eigentlichen Sinne allein in den Erwählten, damit sie sie sich im besonderen Glauben zu ihrem Nutzen zueignen. Trotzdem kann man von den Verworfenen mit Recht sagen, daß sie glauben, Gott sei ihnen gnädig; denn auch sie empfinden die Gabe der Versöhnung, freilich verworren und nicht klar genug. Das bedeutet nicht, daß sie mit den Kindern Gottes einerlei Glauben haben oder gleich ihnen der Wiedergeburt teilhaftig geworden sind; aber sie scheinen unter der Decke der Heuchelei doch mit ihnen den Anfang (principium) des Glaubens gemeinsam zu haben. Ich kann auch nicht leugnen, daß Gott ihr Inneres derart erhellt, daß sie seine Gnade erkennen; aber dieses Empfinden unterscheidet er doch dadurch von dem besonderen Zeugnis, das er seinen Erwählten zuteil werden läßt, daß den Verworfenen die kräftige Wirkung und der Genuß (der Gnade) unbekannt bleibt. Denn ihnen erzeigt sich Gott nicht in dem Sinne gnädig, daß er sie wirklich aus dem Tod herausreißt und sie in seinen Schutz nimmt, sondern er läßt sie allein seine (zeitlich) gegenwärtige Barmherzigkeit erfahren. Allein den Gläubigen aber schenkt er, damit sie bis ans Ende beharren, die lebendige Wurzel des Glaubens. So löst sich der Einwand, wenn Gott einem Menschen wirklich seine Gnade erzeige, dann sei solche Tat von beständiger Festigkeit: es spricht doch nichts dagegen, daß Gott gewisse Menschen mit einem augenblicklichen Empfinden seiner Gnade erleuchtet, das hernach wieder vergeht.


Kapitel 2 Sektion 12


Obwohl nun dementsprechend der Glaube die Erkenntnis des göttlichen Wohlwollens gegen uns ist und die gewisse Überzeugung von seiner Wahrheit, so ist es doch kein Wunder, daß in den zeitweilig Glaubenden das Empfinden der göttlichen Liebe wieder verschwindet: es ist eben zwar mit dem Glauben verwandt, aber doch grundverschieden von ihm. Gottes Wille ist - das gebe ich zu - unveränderlich, und seine Wahrheit bleibt sich stets gleich; aber ich bestreite, daß die Verworfenen bis zu jener verborgenen Offenbarung vordringen, wie sie die Schrift allein den Erwählten vorbehält. Ich leugne also, daß sie den Willen Gottes in seiner Unwandelbarkeit begreifen oder seine Wahrheit mit Beständigkeit erfassen. Denn sie bleiben ja bei einer flüchtigen Empfindung hängen; sie gleichen einem Baum, der nicht tief genug gepflanzt ist, um lebendige Wurzeln zu treiben, und der deshalb mit der Zeit verdorrt, obwohl er vielleicht einige Jahre lang nicht nur Blüten und Blätter, sondern gar Frucht getragen hat. Kurzum, wie das Ebenbild Gottes aus Gemüt und Seele des ersten Menschen infolge seines Abfalls von Gott verschwinden konnte, so ist es auch nicht verwunderlich, wenn Gott den Verworfenen in einigen Strahlen seiner Gnade erscheint, die er doch später wieder verlöschen läßt. Es spricht nichts dagegen, daß er die einen mit der Erkenntnis seines Evangeliums bloß leicht benetzt, andere aber in der Tiefe durchtränkt! Wir müssen dabei indessen dies eine festhalten: der Glaube mag in den Erwählten noch so gering, noch so schwach sein, so kann doch sein eingegrabenes Zeugnis nie mehr aus ihrem Herzen herausgegriffen werden, da für sie der Heilige Geist das sichere Unterpfand und Siegel ihrer Kindschaft ist; die Gottlosen werden dagegen von den Strahlen eines Lichtes berührt, das nachher wieder vergeht. Und doch ist dabei der Heilige Geist ohne Trug; denn der Same, den er in Herz der Gottlosen sät, macht ja nicht lebendig und kann darum nicht immer unvergänglich bei ihnen bleiben, wie das bei den Erwählten der Fall ist.

Ich gehe sogar noch weiter: da aus der Lehre der Schrift wie auch aus der alltäglichen Erfahrung hervorgeht, daß auch die Verworfenen zuweilen von einem Empfinden der göttlichen Gnade innerlich berührt werden, so muß in ihren Herzen auch notwendig ein gewisses Begehren aufkommen, Gott wiederzulieben. So war in Saul eine Zeitlang eine fromme Regung am Werk, Gott zu lieben, der ihn nach seinem eigenen Erkennen väterlich behandelte, so daß er gewissermaßen von der Süßigkeit solcher göttlichen Güte ergriffen wurde. Aber wie diese Überzeugung von Gottes Liebe bei den Verworfenen nicht bis in die Wurzeln geht, so lieben sie ihn auch nicht wirklich wieder, wie die Kinder, sondern sie lassen sich vielmehr von einer Art Zuneigung leiten, wie sie ein Tagelöhner haben mag! Denn der Geist der Liebe ist allein Christus gegeben, damit er ihn auch in seine Glieder einsenke; nicht über die Schar der Erwählten hinaus gilt auch das Wort des Paulus: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist“ (Röm. 5,5). Das ist die Liebe, die in uns jene obenerwähnte freudige Zuversicht weckt, Gott anzurufen (Gal. 4,6).

Wir sehen ja auf der anderen Seite, wie Gott auf wunderbare Weise seinen Kindern zürnt, obwohl er unterdessen nicht aufhört, sie zu lieben: das geschieht nicht, weil er sie etwa bei sich selber haßte, nein, er will sie nur durch das Empfinden seines Zorns schrecken, um die Hoffart des Fleisches zu demütigen, um sie aus ihrer Faulheit aufzustören und so zur Buße anzuspornen. Darum erfassen sie ihn zu gleicher Zeit als den, der ihnen oder ihrer Sünde zürnt - und als den, der ihnen gnädig ist; denn es ist keine Heuchelei, wenn sie ihn bitten, seinen Zorn abzuwenden - und doch fliehen sie gerade zu ihm mit ruhiger Zuversicht! Hieraus ergibt sich nun: es braucht nicht Heuchelei zu sein, wenn Menschen, die keinen wahren Glauben haben, doch zu glauben scheinen; nein, weil sie sich von urplötzlichem Eifer treiben lassen, so täuschen sie sich mit falscher Meinung selber! Unzweifelhaft hat dabei die Trägheit von ihnen Besitz ergriffen, so daß sie ihr Herz nicht so gründlich prüfen, wie es billig wäre. Von dieser Art sind wahrscheinlich jene Menschen gewesen, von denen Johannes bezeugt, daß sie zwar an Christus „glaubten“ (Joh. 2,23), aber doch weiter mitteilt: „Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht an; denn er kannte sie alle; ... denn er wußte wohl, was im Menschen ist“ (Joh. 2,24f.). Es sind ihrer viele vom „allgemeinen“ Glauben abgefallen - „allgemein“ nenne ich diesen Glauben, weil der zeitweilige Glaube mit dem lebendigen, bleibenden viel Ähnliches und Verwandtes hat! -; sonst hätte Christus nicht zu seinen Jüngern gesagt: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8,31. 32). Er redet hier nämlich die an, die seine Lehre angenommen haben, und ermahnt sie zum Fortschreiten im Glauben, damit sie nicht in Faulheit das Licht auslöschen, das ihnen gegeben ist. Deshalb eignet Paulus (Tit. 1,1) den Glauben allein den Auserwählten zu; er zeigt damit, daß viele in Eitelkeit vergehen, weil sie keine lebendige Wurzel getrieben haben. Dementsprechend sagt auch Christus nach dem Bericht des Matthäus: „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht pflanzte, die werden ausgereutet“ (Matth. 15,13).

Es gibt aber andere, die von gröberer Unwahrhaftigkeit erfüllt sind: sie schämen sich nicht, Gott und Menschen etwas vorzumachen! Gegen diese Art Menschen, die unter einem trügerischen Deckmantel den Glauben gottlos gemein machen, geht Jakobus scharf vor (Jak. 2,14ff.). Auch Paulus würde von den Kindern Gottes nicht „ungefärbten Glauben“ verlangen (1. Tim. 1,5), wenn sich eben nicht viele Leute vermessen beilegen wollten, was gar nicht ihr eigen ist, und wenn sie nicht mit solchem eitlen Schein andere und zuweilen auch sich selber täuschten! Er vergleicht deshalb auch das gute Gewissen mit einem Behältnis, in dem der Glaube geborgen ist; denn es hatten eben viele das gute Gewissen verloren, und darüber hatten sie am Glauben Schiffbruch erlitten (1. Tim. 1,19; vgl. 3,9).


Kapitel 2 Sektion 13


Wir müssen auch bedenken, daß das Wort „Glaube“ verschiedene Bedeutung haben kann. Oft bedeutet es nämlich soviel wie „die gesunde Lehre der Frömmigkeit“. So an der bereits kürzlich angeführten Stelle (1. Tim. 4,6). In dem gleichen Briefe will der Apostel Paulus an einer Stelle solche Leute zu Diakonen haben, „die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben“ (1. Tim. 3,9). Ebenso ist das Wort 1. Tim. 4,1 gebraucht, wo Paulus ankündigt, es würden (in den letzten Zeiten) „etliche vom Glauben abtreten“. Auf der anderen Seite aber sagt er von Timotheus, er sei „auferzogen in den Worten des Glaubens“ (1. Tim. 4,6). Hierher gehört auch die Stelle, wo er von den „ungeistlichen, losen Geschwätzen und dem Gezänke der falsch berühmten Kunst“ redet, die viele zum Abfall vom Glauben verführt haben (1. Tim. 6,20. 21); solche Leute nennt er an anderer Stelle „untüchtig zum Glauben“ (2. Tim. 3, 8). Wenn er ebenso dem Titus aufträgt, die Glieder der Gemeinde zu ermahnen, „daß sie gesund seien im Glauben“ (Tit. 1,13; 2,2), so versteht er unter „Gesundheit“ des Glaubens nichts anderes als Reinheit der Lehre, die ja durch den Leichtsinn der Menschen leicht in Verfall gerät und entartet. Weil nämlich in Christus, den der Glaube doch in Besitz hat, „verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kol. 2,3), so wird der Glaube billigerweise auf den gesamten Umfang der himmlischen Lehre bezogen, von der er eben nicht zu trennen ist!

Dagegen beschränkt sich der Glaube zuweilen auch auf einen einzelnen, besonderen Fall, so z.B. wenn Matthäus berichtet, Christus habe den „Glauben“ der Männer gesehen, die den Gichtbrüchigen durch das Dach herunterließen (Matth. 9,2), oder wenn Christus selber ausruft, er habe in Israel nicht solchen Glauben gefunden, wie der Hauptmann zu Kapernaum ihn an den Tag gelegt hatte (Matth. 8,10). Dabei ist wohl anzunehmen, daß er ausschließlich an die Heilung seines Sohnes (Calvin bezieht sich hier auf Joh. 4,47ff.) gedacht hat: die Sorge um ihn hatte eben sein Herz ganz mit Beschlag belegt. Aber weil er sich allein an Christi Wink und Antwort genügen läßt und nicht noch seine leibliche Gegenwart erbittet, deshalb rühmt Christus seinen Glauben so gewaltig.

Oben habe ich auch bereits dargelegt, wie bei Paulus „Glaube“ soviel bedeuten kann wie die Gabe, Wunder zu tun (vgl. Sekt. 9); die kann aber auch Leuten zuteil werden, die nicht durch den Geist Gottes wiedergeboren sind und Gott auch nicht im Ernste fürchten.

An anderer Stelle ist „Glaube“ bei Paulus auch gleichbedeutend mit der Unterweisung, durch die wir im Glauben unterrichtet werden. Wenn er nämlich schreibt, der Glaube werde einst aufhören (1. Kor. 13,10; wörtlich sagt das die Stelle nicht!), so müssen wir das ohne Zweifel auf das Predigtamt der Kirche beziehen, das ja heute unserer Schwachheit noch von Nutzen ist. In all diesen (bisher genannten) Ausdrucksformen besteht offenbar eine Entsprechung.

Wenn dann aber weiterhin das Wort „Glaube“ im uneigentlichen Sinne auch da angewandt wird, wo falsche Aussagen und trügerische Ansprüche gemacht werden, so ist das eine Namensübertragung, die nicht härter ist, als die Verwendung des Ausdrucks „Gottesfurcht“ zur Bezeichnung des verkehrten und verderbten Gottesdienstes! So hören wir in der heiligen Geschichte mehrfach, die ausländischen Völker, die man in Samaria und den umliegenden Gegenden angesiedelt hatte, hätten erdichtete Götter und den Gott Israels „gefürchtet“! (2. Kön. 17,24ff.). Und dabei bedeutet doch das, was sie taten, nichts Geringeres, als daß sie Himmel und Erde miteinander vermischten!

Wir fragen aber hier, was das für ein Glaube ist, der Gottes Kinder von den Ungläubigen unterscheidet, der uns Gott als Vater anrufen läßt, durch den wir vom

Tode zum Leben dringen, durch den Christus, das ewige Heil und Leben, in uns wohnt. Kraft und Wesen dieses Glaubens hoffe ich nun kurz und klar dargelegt zu haben.


Kapitel 2 Sektion 14


Jetzt wollen wir die Stücke der oben gegebenen Wesensbestimmung des Glaubens von neuem einzeln durchgehen (vgl. Sekt. 7 Schluß, Seite 347). Wenn wir sie gründlich erörtert haben, so wird, meine ich, kein Zweifel mehr bleiben.

Wir bezeichneten den Glauben als Erkenntnis (cognitio). Darunter verstehen wir nun nicht ein solches Begreifen, wie es bei Gegenständen stattfindet, die unserem menschlichen Wahrnehmungsvermögen (sensus) unterworfen sind. Diese Erkenntnis ist höher, und deshalb muß der Menschengeist über sich selbst hinaus steigen, sich selber hinter sich lassen, um zu ihr zu gelangen. Aber auch wenn er dahin gelangt ist, so ergreift er doch nicht, was er empfindet. Er gewinnt vielmehr eine feste Überzeugung von etwas, das er nicht zu fassen vermag, aber dabei ist diese Überzeugung solcher Art, daß er eben durch ihre Gewißheit mehr versteht, als er durchschauen könnte, wenn er menschliche Dinge mit seinem Begriffsvermögen ergreift. Sehr schön nennt das deshalb Paulus: „daß ihr begreifen möget ..., welches da sei die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe, auch erkennen die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft“ (Eph. 3,18f.). Er wollte mit diesen Worten zeigen, daß die Wirklichkeit, die unser Verstand (mens) im Glauben erfaßt, in jeder Richtung unendlich ist, und daß diese Erkenntnisweise weit erhabener ist als alles Verstehen (intelligentia). Weil aber der Herr seinen Heiligen das Geheimnis seines Willens, „das verborgen gewesen ist von der Welt her und von den Zeiten her“, offenbart hat (Kol. 1,26; 2,2), so ist es sehr wohl begründet, wenn der Glaube in der Schrift immer wieder als Erkenntnis (agnitio) bezeichnet wird. Johannes nennt ihn gar ein Wissen: nach seinem Zeugnis wissen die Gläubigen, daß sie Gottes Kinder sind (1. Joh. 3,2). In der Tat, es ist wirklich ein Wissen, aber es beruht darauf, daß sie durch die Überzeugung von der göttlichen Wahrheit Gewißheit erlangt haben, nicht jedoch eigentlich auf der Belehrung durch Verstandesgründe. Das zeigen auch die Worte des Paulus: „Dieweil wir im Leibe wallen, so wallen wir ferne von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2. Kor. 5,6f.). Hier macht er uns klar, wie das, was wir durch den Glauben erfassen, dennoch fern von uns und unserem Schauen verborgen ist. Wir stellen also fest, daß die Erkenntnis des Glaubens in der Gewißheit, nicht aber eigentlich im Begreifen besteht.


Kapitel 2 Sektion 15


Wir nennen ferner die Erkenntnis des Glaubens „fest und gewiß“, um damit die Beständigkeit der Überzeugung kräftiger zum Ausdruck zu bringen. Denn der Glaube begnügt sich nicht mit einer ungewissen, schwankenden Meinung und ebensowenig mit einer dunklen, verworrenen Anschauung, sondern er erfordert eine volle und feste Gewißheit, wie man sie über festgestellte und erprobte Dinge zu haben pflegt. Denn der Unglaube sitzt uns so tief im Herzen und ist dermaßen verwurzelt darin, auch ist unsere Neigung zu ihm so groß, - daß zwar alle mit dem Munde bekennen, Gott sei treu, aber keiner ohne harten Kampf die Überzeugung davon gewinnt. Besonders, wenn\'s zum Treffen kommt, dann schwanken wir alle und machen damit den Schaden offenbar, der im Herzen verborgen lag. Nicht umsonst jedoch betont der Heilige Geist die Autorität des Wortes Gottes mit so herrlichen Lobesworten: er will damit aber jene Krankheit heilen, die ich eben beschrieb, damit Gott in seinen Verheißungen bei uns vollen Glauben finde. „Die Rede des Herrn“, sagt David, „ist lauter wie durchläutert Silber im irdenen Tiegel, bewähret siebenmal“ (Ps. 12,7). Ebenso: „Die Reden des Herrn sind durchläutert; er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen“ (Ps. 18,31). Mit fast den gleichen Worten bekräftigt das auch Salomo: „Alle Worte Gottes sind durchläutert ...“ (Spr. 30,5). Aber weil sich der 119. Psalm fast ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt, darum wäre es überflüssig, hier noch weitere Stellen wiederzugeben. Sooft uns Gott in dieser Weise sein Wort preist, tadelt er wahrlich nebenher auch unseren Unglauben; denn er will ja nichts anderes erreichen, als den verkehrten Zweifel aus unserem Herzen mit der Wurzel auszureißen.

Sehr viele ergreifen zwar Gottes Barmherzigkeit, aber doch so, daß sie nur ganz wenig Trost aus ihr empfangen. Das kommt daher, daß sie sich zugleich in jämmerliche Angst verstricken lassen und zweifeln, ob Gott ihnen auch in Zukunft barmherzig bleiben werde: sie ziehen eben der Güte Gottes, von der sie so völlig überzeugt zu sein meinen, gar enge Grenzen. Sie halten zwar dafür, daß diese Güte groß und reich ist, daß sie auf viele sich ergossen hat und für alle offensteht und bereitliegt, aber sie meinen doch, es sei ungewiß, ob sie auch zu ihnen dringen würde, oder besser: ob sie auch zu ihr zu dringen vermöchten! Ein solcher Gedanke, der mitten auf dem Wege stehen bleibt, ist eine Halbheit. Deshalb stärkt er auch unseren Geist nur wenig mit zuversichtlicher Ruhe, sondern er wirkt vielmehr beunruhigend durch seinen schwankenden Zweifel. Ganz etwas anderes ist es um die „volle Zuversicht“, die dem Glauben in der Schrift stets beigelegt wird: sie stellt nämlich Gottes Güte, die uns so deutlich vor Augen gehalten wird, außerhalb alles Zweifels. Das kann aber gar nicht geschehen, ohne daß wir (dann auch) die Süßigkeit der Güte Gottes wahrhaft in uns empfinden und erfahren. Deshalb leitet der Apostel aus dem Glauben die Zuversicht (fiducia; Vertrauen) ab und aus ihr wiederum die kühne Freudigkeit (audacia). Denn er sagt: „Durch welchen wir haben Freudigkeit und Zugang in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn“ (Eph. 3,12). Mit diesen Worten zeigt er wahrhaftig, daß rechter Glaube nur da ist, wo wir mit ruhigem Herzen vor Gottes Angesicht zu treten wagen. Diese kühne Freudigkeit kommt allein aus der gewissen Zuversicht auf Gottes Wohlwollen und das Heil. Das ist so wahr, daß das Wort „Glaube“ öfters für „Zuversicht“ gesetzt wird.


Kapitel 2 Sektion 16


Vornehmlich geht es beim Glauben darum, daß wir die Verheißungen, die uns der Herr zuteil werden läßt, nicht etwa bloß außer uns für wahr halten, in uns aber gar nicht, sondern daß wir sie vielmehr innerlich ergreifen und uns so zu eigen machen. Daraus erwächst erst jene Zuversicht, die Paulus an anderer Stelle „Friede“ nennt (Röm. 5,1) - wofern nicht jemand lieber diesen Frieden aus der Zuversicht herleiten will. Dieser Friede ist eine Sicherheit, die unser Gewissen im Angesicht des göttlichen Gerichtes ruhig und fröhlich macht. Ohne diese Sicherheit muß unser Gewissen notwendig von ungestümen Schrecken gequält, ja schier zerrissen werden, es sei denn, daß es vielleicht Gott und sich selber vergißt und so für einen Augenblick einschläft. Das gelingt nun aber wirklich nur für einen Augenblick, lange läßt sich dieses elende Vergessen nicht auskosten - sehr schnell wird im Gegenteil der Gedanke an Gottes Gericht wieder hochkommen und es heftig quälen. Alles in allem: wahrhaft gläubig ist nur ein Mensch, der mit fester Gewißheit überzeugt ist, daß Gott sein gnädiger und wohlgesinnter Vater ist, und der von seiner Güte alles erwartet, nur ein Mensch, der auf die Verheißungen des göttlichen Wohlwollens gegen ihn vertraut und deshalb die Seligkeit, frei vom Zweifel, kühnlich erwartet. Solche Menschen beschreibt der Apostel mit den Worten: „So wir anders die Zuversicht und das Rühmen in der Hoffnung bis zum Ende festhalten“ (Hebr. 3,14; nicht Luthertext). Nur da sieht er wahre Hoffnung auf den Herrn, wo man sich zuversichtlich dessen rühmt, ein Erbe des Himmelreichs zu sein. Ein Gläubiger, sage ich, ist nur der, der in der sicheren Gewißheit seines Heils getrost dasteht und des Teufels und Todes fröhlich spottet, wie wir es aus dem herrlichen Ausruf des Paulus lernen: „Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges ... mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist ...“ (Röm. 8,37.38). So sind nach Paulus auch nur dann die Augen unseres Gemüts recht erleuchtet, wenn wir erkennen, welches da sei die Hoffnung des ewigen Erbes, zu dem wir berufen sind (Eph. 1,18). So lehrt er allenthalben, und er will damit zu verstehen geben, daß wir Gottes Güte nicht recht erfassen können, ohne daraus die Frucht großer Gewißheit zu ziehen.


Kapitel 2 Sektion 17


Aber es wird vielleicht jemand sagen: was die Gläubigen erfahren, das ist etwas ganz anderes; oft widerfährt es ihnen, daß sie beim Überdenken der göttlichen Gnade gegen sie von Unruhe angefochten werden, ja, mitunter werden sie von fürchterlichstem Schrecken erschüttert; gewaltig ist die Wucht der Anfechtungen, die ihr Inneres zu verwirren trachten - und das alles scheint sich mit der Gewißheit des Glaubens nicht wohl zu reimen! Wenn wir also wollen, daß die Lehre, wie wir sie oben entwickelten, Bestand haben soll, so müssen wir diesen Knoten auflösen. Wenn wir lehren, daß der Glaube gewiß und sicher sein soll, so verstehen wir darunter ganz gewiß nicht eine Gewißheit, die kein Zweifel mehr berührte, keine Sicherheit, die keine Sorge und Angst mehr bedrängte; nein, wir sagen, daß die Gläubigen immerfort im Kampfe liegen gegen ihren eigenen Mangel an Vertrauen. Wir denken nicht daran, daß ihr Gewissen etwa in friedlicher Ruhe dahinlebte, die keine Erschütterung mehr in Frage stellen könnte. Aber wie vielfältig sie auch geängstigt werden, so bestreiten wir doch andererseits, daß sie je von der gewissen Zuversicht, die sie von der Barmherzigkeit Gottes gewonnen haben, abfallen oder abweichen!

Das herrlichste und denkwürdigste Beispiel des Glaubens läßt uns die Schrift an David sehen - vor allem, wenn wir seinen Lebenslauf im Zusammenhang betrachten. Aber auch er ist gewiß nicht immer ruhigen Gemütes gewesen; das ergibt sich aus so vielen Klagen, von denen wir nur wenige anzuführen brauchen. Er schilt die heftige Unruhe seiner Seele und tut damit nichts anderes, als daß er seinem eigenen Unglauben zürnt: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir; Harre auf Gott ...“ (Ps. 42,6.12; 43,5). Jene innere Erschütterung, in der er sich von Gott verlassen glaubte, war sicherlich ein deutliches Zeichen von Mangel an Vertrauen. Noch ein offeneres Bekenntnis lesen wir im 31. Psalm: „Ich sprach in meinem Zagen: Ich bin vor deinen Augen verstoßen ...“ (Ps. 31,23). Auch an anderer Stelle streitet er in ängstlicher und jammervoller Verworrenheit mit sich selber, ja, er hadert selbst über Gottes Wesen: „Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Will er denn ewig verstoßen?“ (Ps. 77,10; zweite Hälfte nicht Luthertext). Noch härter ist die Fortsetzung: „Aber ich habe gesagt: ich muß nun verderben; denn die Rechte des Höchsten hat sich gewandelt!“ (Ps. 77,11; nicht Luthertext, aber dem Grundtext eher nahekommend). Hier ist er nämlich einem Verzweifelten gleich, und er spricht sich selber dem Verderben zu; er bekennt auch nicht bloß, daß ihn der Zweifel hin und her treibt, sondern daß ihm, als sei er im Kampfe unterlegen, gar nichts mehr übrigbleibt; denn Gott hat ihn ja - so meint er - verlassen, und er hat seine Hand, die ihm sonst so hilfreich war, gewendet, um ihn zu verderben! Es ist nicht ohne Grund, wenn er seine Seele aufruft: „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele!“ (Ps. 116,7); denn er hatte es ja erfahren, wie er inmitten ungestümer Wogen hin- und hergerissen wurde.

Und doch geschieht das Wunderbare: mitten in all solchen Erschütterungen hält der Glaube das Herz der Frommen aufrecht; er ist wahrhaftig wie ein Palmbaum: gegen alle Lasten richtet er sich auf und reckt sich in die Höhe! So hat sich auch David, als er ganz erdrückt scheinen konnte, doch nur selber getadelt und nicht aufgehört, sich zu Gott zu erheben. Wer aber über allem Streit mit der eigenen Schwachheit in seinen Ängsten zum Glauben die Zuflucht nimmt, der hat den Sieg schon zum guten Teil erfochten! Das kann man unter anderem etwa aus einem Spruch wie diesem entnehmen: „Harre des Herrn! Sei getrost, er wird dein Herz stärken! Harre des Herrn!“ (Ps. 27,14; nicht Luthertext). Da zeiht er sich selber der Furchtsamkeit, und durch die Wiederholung der Selbstaufmunterung (Harre des Herrn!) bekennt er selbst, daß er zuzeiten mancherlei Drang unterworfen ist! Aber unterdessen ist er unter solchen Gebrechen keineswegs mit sich einverstanden und bemüht sich vor allem angespannt um Besserung.

Vielleicht mag man solch einen Gläubigen einmal in gerechter Prüfung näher mit dem Könige Ahas vergleichen: da ergibt sich wahrlich ein großer Unterschied. Jesaja wurde ausgesandt, um diesem gottlosen, heuchlerischen König eine Arznei zuzutragen; er redete ihn an: „Hüte dich und sei stille und fürchte dich nicht ...“ (Jes. 7,4). Und was tat Ahas? Er blieb genau, wie er vorher beschrieben wird: „da bebte ihm sein Herz, wie die Bäume im Walde beben vom Winde!“ (Jes. 7,2). Er ließ sich eben durch die Verheißung, die er gehört hatte, in keiner Weise von seiner Angst abbringen. Das ist also der eigentliche Lohn, die eigentliche Strafe für den Unglauben: Wer sich nicht im Glauben die Tür auftut, der erzittert dermaßen, daß er sich in der Anfechtung von Gott abwendet! Die Gläubigen dagegen, die von der Last der Anfechtung gebeugt und fast zu Boden gedrückt werden, richten sich doch, wenn auch nicht ohne Mühsal und Schwierigkeit, immer wieder auf! Und weil sie um die eigene Schwachheit wissen, so beten sie mit dem Propheten: „Und nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit ...“ (Ps. 119,43). Da lernen wir, daß sie wohl zuweilen verstummen, als ob ihr Glaube zu Boden gestoßen wäre; aber trotzdem lassen sie nicht ab und geben nicht die Flucht, sondern sie treiben ihren Kampf immer weiter, gehen mit ihren Gebeten scharf gegen ihre Trägheit an, damit sie nicht etwa durch Nachsicht gegen sich selbst stumpf werden!


Kapitel 2 Sektion 18


Wollen wir das recht verstehen, so müssen wir noch einmal auf jene Verschiedenheit von Fleisch und Geist zurückkommen, die wir bereits erwähnten; denn in diesem Stück zeigt sie sich ganz besonders klar. Das fromme Herz empfindet also in sich eine Verschiedenheit: einerseits fühlt es sich in der Erkenntnis der göttlichen Güte mit Süßigkeit durchströmt, anderseits sieht es sich durch das Empfinden der eigenen Not bitter geängstigt, - einerseits ruht es sicher auf der Verheißung, die ihm das Evangelium zuteil werden läßt, anderseits erzittert es über dem Zeugnis der eigenen Ungerechtigkeit, - einerseits freut es sich hoch, weil es das Leben ergreifen darf, und anderseits erschrickt es vor dem Tod! Diese Verschiedenheit kommt daher, daß der Glaube unvollkommen ist; denn im Lauf dieses Lebens ist es um uns nie so gut bestellt, daß wir von der Krankheit unseres Mangels an Vertrauen gänzlich geheilt und völlig vom Glauben erfüllt und in Besitz genommen sind. All dieser Widerstreit entsteht so, daß sich der Mangel an Vertrauen, der in den Überbleibseln des Fleisches hängenbleibt, zum Kampf gegen den Glauben erhebt, der in unserem Inneren Wurzel geschlagen hat.

Wenn nun aber in einem gläubigen Gemüt die Gewißheit immer mit dem Zweifel untermischt ist - müssen wir dann nicht stets dahin kommen, daß der Glaube eben nicht sicher und klar ist, sondern bloß in einer dunklen, verworrenen Erkenntnis des göttlichen Willens gegen uns besteht; Keineswegs! Denn wenn wir auch von den verschiedensten Gedanken umgetrieben werden, so werden wir deshalb doch nicht gleich vom Glauben losgerissen; und wenn uns allenthalben der Mangel an Vertrauen mit seinem Hin und Her quält, so werden wir deshalb doch nicht von seinem Abgrund verschlungen. Werden wir auch erschüttert, so fallen wir trotzdem nicht aus unserem Stand! Solcher Kampf geht doch immer so aus, daß der Glaube jene Bedrängnisse, die ihn ringsum belagern und in Gefahr zu bringen scheinen, schließlich siegreich überwindet.


Kapitel 2 Sektion 19


Die Hauptsache ist folgendes. Sobald einmal auch nur das mindeste Tröpflein Glaube in unser Herz gesprengt ist, da fangen wir auch schon an, Gottes Angesicht als sanftmütig und freundlich und uns gnädig anzuschauen, freilich vielleicht weitab, in großer Ferne, aber doch mit solch sicherem Blick, daß wir wissen: wir sind keineswegs einer Täuschung verfallen! Schreiten wir dann fort - und wir müssen ja stets fortschreiten! -, so kommen wir, gewissermaßen im Weitergehen, mehr und mehr zu einem näheren und deshalb auch gewisseren Schauen seines Angesichts: so wird es uns gerade im Vorwärtsschreiten immer vertrauter. Ist also unser Sinn durch die Erkenntnis Gottes erleuchtet, so sehen wir ihn im Anfang noch von allerlei Unwissenheit umhüllt, die langsam entweicht. Dadurch jedoch, daß er vieles nicht weiß und auch das, was er sieht, noch dunkel erschaut, wird er doch nicht gehindert, die klare Erkenntnis des göttlichen Willens ihm gegenüber zu genießen - und das ist doch das Erste und Wichtigste im Glauben! Wenn einer gefangen liegt und in seinem Kerker die Strahlen der Sonne bloß durch ein enges Fenster schief und gleichsam halbiert schimmern sieht, so ist es ihm zwar verwehrt, die Sonne frei zu schauen - und doch ist es ein wirklicher Glanz, den er mit seinen Augen erfaßt und sich zunutze macht! Ganz ebenso sind auch wir von den Fesseln des irdischen Leibes umschlossen, und ringsum liegen wir zwar in Dunkel und Schatten; aber wenn uns auch nur ein wenig vom Lichte Gottes bestrahlt und uns seine Barmherzigkeit offenbart, so empfangen wir doch genug Erleuchtung, um zu fester Gewißheit zu kommen.


Kapitel 2 Sektion 20


Beides (nämlich die Kraft und die Schwachheit des Glaubens!) lehrt der Apostel an verschiedenen Stellen sehr fein. Er erklärt: „Unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk, ... wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort ...“ (1. Kor. 13,9.12); da zeigt er uns, was für ein geringes Stücklein jener göttlichen Weisheit uns in diesem gegenwärtigen Leben wirklich zuteil wird. Er gibt uns nun zwar in diesen Worten nicht unumwunden zu verstehen, daß unser Glaube unvollkommen ist, solange wir unter der Last des Fleisches seufzen, sondern zeigt uns, daß unsere Unvollkommenheit der Grund ist, weshalb wir uns immer neu mit Lernen üben müssen; aber er gibt uns doch zu erkennen, daß wir mit unserem Maß und in unserer Enge nicht begreifen können, was doch unermeßlich ist. Und das verkündigt Paulus von der ganzen Kirche: uns allen ist unsere Unkundigkeit ein Anstoß und ein Hindernis, daß wir nicht so nahe herzutreten können, wie es zu wünschen wäre.

Aber wie uns Gott auch durch das geringste Tröpflein Glaube einen sicheren und ganz untrüglichen Geschmack von ihm zu spüren gibt, das bezeugt Paulus an einer anderen Stelle, indem er betont: durch das Evangelium schauen wir Gottes Herrlichkeit mit aufgedecktem Angesicht, ohne jede Decke, mit solcher Kraft, daß wir „verklärt werden in dasselbe Bild!“ (2. Kor. 3,18). Umgibt uns soviel Unwissenheit, so ist auch notwendig sehr viel Zweifel und Zagen dabei, vor allem, weil unser Herz nach seinem natürlichen Trieb zum Unglauben geneigt ist. Dann kommen die Anfechtungen hinzu und fallen uns, unendlich an Zahl, vielgestaltig in ihrer Art, immer wieder mit großem Ungestüm an. Vor allem wird unser Gewissen selber von der auf ihm liegenden Last der Sünden niedergedrückt, und bald klagt und seufzt es bei sich selbst, bald beschuldigt es sich, bald murrt es im Stillen, bald wütet es öffentlich! Wenn uns nun Widerwärtigkeit den Zorn Gottes anzeigt, wenn unser Gewissen Beweis und Ursache dieses Zorns bei sich selber findet, so nimmt der Unglaube daraus immer Geschosse und Sturmwerkzeuge, um unseren Glauben zu Boden zu werfen; all solche Anläufe aber haben das eine Ziel, daß wir meinen, Gott sei uns feind, er sei zornig gegen uns, so daß wir also von ihm keinerlei Hilfe mehr erhoffen und uns vor ihm fürchten sollten wie vor unserem Todfeind!


Kapitel 2 Sektion 21


Um solchen Anläufen widerstehen zu können, wappnet und schützt sich der Glaube mit dem Wort des Herrn. Und wenn dann solche Anfechtung ihn bestürmt, die ihm vormachen will, Gott sei ein Feind, denn er sei erzürnt, - so hält der Glaube dem vor, daß er barmherzig ist, auch wo er uns züchtigt, daß die Züchtigung aus der Liebe und nicht aus dem Zorn herfließt, wenn ihn der Gedanke schlagen will, Gott sei der Rächer für unsere Ungerechtigkeit, so hält er dem entgegen, daß für alle vergehen Vergebung bereit ist, sooft ein Sünder sich zu Gottes Güte flüchtet. Mag also ein frommer Sinn noch so wunderlich umgetrieben und geplagt werden, so erhebt er sich doch schließlich über alle Schwierigkeiten und läßt sich die Zuversicht auf Gottes Erbarmen nicht aus der Hand schlagen. Nein, alle Kämpfe, die ihn plagen und ermüden, müssen doch vielmehr schließlich in zuversichtliche Gewißheit auslaufen. Der Beweis dafür ist die Tatsache, daß die Heiligen gerade, wenn sie meinen, von Gottes Rache am heftigsten bedrängt zu werden, bei ihm ihre Klagen anbringen, und wenn es ihnen so vorkommt, als wolle er sie durchaus nicht erhören, trotzdem ihn anrufen! Was sollte es denn helfen, vor einem zu klagen, von dem sie gar keinen Trost erwarten könnten? Sie würden sich gewiß nie in den Sinn kommen lassen, ihn anzurufen, wenn sie nicht glaubten, daß irgendeine Hilfe doch bei ihm bereit läge! So klagten die Jünger, deren Kleinglauben Christus tadelt, zwar: „Wir verderben“ - aber sie flehten ihn doch um Hilfe an! (Matth. 8,25). Wenn sie der Herr daraufhin um ihres Kleinglaubens willen schilt, so verstößt er sie damit doch nicht aus der Schar der Seinen und rechnet sie auch nicht den Ungläubigen zu, sondern er treibt sie an, dieses Gebrechen abzutun! Wir müssen also aufs neue behaupten, was wir schon oben aussprachen: die Wurzel des Glaubens wird nie aus einem frommen Herzen ausgerissen, sondern sie bleibt ganz in der Tiefe doch fest hängen, wie sehr sie auch abgeschlagen zu sein und sich hin und her zu neigen scheint; das Licht des Glaubens wird nie dermaßen verdunkelt oder ausgelöscht, daß es nicht wenigstens unter der Asche noch glimmte. Das ist ein offenbarer Beweis dafür, daß das Wort, welches ja ein unvergänglicher Same ist, eine Frucht seinesgleichen hervorbringt, deren Sproß niemals gänzlich verdorrt und verdirbt. Gewiß ist es für die Heiligen ein schrecklicher Anlaß zur Verzweiflung, wenn sie nach dem gegenwärtigen Augenschein Gottes Hand zu ihrem Verderben ausgereckt fühlen; aber dennoch geht Hiobs Hoffnung nach seiner Bekundung so weit, daß er selbst dann nicht aufhören würde auf den Herrn zu hoffen, wenn er ihn - töten würde! (Hiob 13,15; nicht Luthertext). Es ist wirklich so: der Unglaube regiert nicht drinnen, im Herzen der Frommen, sondern er berennt sie von außen; er kann gegen sie anstürmen, aber er verwundet sie mit seinen Pfeilen nicht zu Tode; verletzt er sie, so ist die Wunde wenigstens nicht unheilbar! Denn der Glaube ist, wie Paulus lehrt, für uns ein Schild (Eph. 6,16): halten wir ihn den feindlichen Geschossen entgegen, so fängt er ihre Gewalt auf, so daß sie gänzlich abgeschlagen oder wenigstens so sehr gebrochen werden, daß sie nicht ans Leben gehen. Wird also der Glaube erschüttert, so ist das, wie wenn ein sonst standfester Krieger unter der Wucht eines heftigen Schlages die feste Haltung verliert und ein wenig weichen muß; wird aber solcher Glaube selbst verwundet, so ist es, wie wenn ein Schild unter der Wucht (eines Geschosses) einen Bruch abbekommt, aber doch nicht durchstoßen wird! Der fromme Sinn reckt sich nämlich immer soweit empor, daß er mit David sagen kann: „Und ob ich schon wanderte im Schatten des Todes, so fürchte ich mich doch nicht, denn du bist bei mir ...!“ (Ps. 23,4; nicht Luthertext). Es ist gewiß entsetzlich, mitten in der Finsternis des Todes zu wandern, und es kann nicht anders sein, als daß die Gläubigen, so gefestigt sie auch sein mögen, davor erschrecken. Aber die Oberhand behält doch der Gedanke, daß sie Gott gegenwärtig bei sich haben und er für ihr Heil sorgt; und so wird die Furcht sogleich von der festen Gewißheit besiegt. Augustin sagt: „Mag der Teufel an Geschütz gegen uns auffahren, was er auch will, er wird doch hinausgeworfen, weil er das Herz nicht in Besitz hat, in dem der Glaube wohnt!“ Urteilt man also nach dem Ausgang, so gehen die Gläubigen aus jedem Kampfe unversehrt hervor, so daß sie bald darauf wieder bereit sind, mit neuer Kraft den Kampfplatz zu betreten; ja, es erfüllt sich auch, was Johannes in seinem ersten Briefe sagt: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ (1. Joh. 5,4). Der Glaube soll nämlich nicht nur in einem einzigen Treffen oder nur in wenigen oder nur gegen einen einzigen Angriff Sieger bleiben, sondern gegen die ganze Welt die Oberhand behalten, mag er auch tausendfach angegriffen werden!


Kapitel 2 Sektion 22


Es gibt noch eine andere Art von Furcht und Erzittern, die freilich der Gewißheit des Glaubens keinen Abbruch tut, sie vielmehr stärker und fester macht. Wenn (z.B.) die Gläubigen die Beispiele göttlicher Vergeltung an den Gottlosen als Winke Gottes an sie selber betrachten, so werden sie sich sorgsam hüten, Gottes Zorn nicht mit den gleichen Lastern über sich zu bringen. Oder sie werden, wenn sie ihr eigenes Elend bei sich betrachten, immer mehr lernen, ganz an dem Herrn zu hängen, ohne den sie sich flüchtiger und eitler wissen, als irgendein Windhauch. So hält der Apostel den Korinthern die Strafen vor, mit denen einst der Herr dem Volke Israel vergalt, und jagt ihnen damit Schrecken ein, damit sie sich nicht in die gleichen Bosheiten verstricken (1. Kor. 10,11). Damit erschüttert er nun nicht etwa ihre Glaubenszuversicht, sondern treibt allein die Trägheit ihres Fleisches aus, die ja den Glauben eher zu zerstören, als zu festigen pflegt! Wenn er den Fall der Juden zum Anlaß nimmt, zu mahnen: „Wer sich läßt dünken, daß er stehe, der mag wohl zusehen, daß er nicht falle!“ (1. Kor. 10,12; Röm. 11,20), so gibt er uns damit nicht auf, zu wanken und zu schwanken, als ob wir unserer Standfestigkeit zu wenig sicher wären, sondern er nimmt bloß die Hoffart und das vermessene Vertrauen auf die eigene Kraft fort, damit sich nicht die Heiden, die nach der Verstoßung der Juden an ihrer Statt angenommen sind, allzu übermütig rühmen! Allerdings redet er an dieser Stelle nicht bloß die Gläubigen an, sondern begreift in seine Rede auch die Heuchler ein, die sich bloß eines äußeren Scheins rühmten. Auch gilt ja seine Ermahnung nicht einzelnen Menschen, sondern er vergleicht die Juden mit den Heiden; er zeigt zunächst, wie die Juden in ihrer Verwerfung die gerechte Strafe für ihren Unglauben und ihre Undankbarkeit empfangen, und dann ermahnt er die Heiden, sie sollten nicht in Hochmut und Aufgeblasenheit die Gnade der Kindschaft verlieren, die ihnen gerade verliehen war. Wie aber in jener Verstoßung der Juden einige von ihnen übriggeblieben waren, die aus dem Bunde der Kindschaft keineswegs herausgefallen waren, so konnten ja auch auf der anderen Seite unter den Heiden Leute auftreten, die sich, ohne wahren Glauben, allein aus törichtem Selbstvertrauen des Fleisches aufblähten und so zu ihrem Schaden Gottes Güte mißbrauchten. Aber auch wenn man diese Stelle einzig an die Auserwählten und Gläubigen gerichtet denkt, so ergibt sich aus ihr doch nichts Ungereimtes. Denn es ist etwas anderes, ob der Apostel die Vermessenheit, die aus den Überbleibseln des Fleisches heraus auch den Gläubigen zuweilen noch zu schaffen macht, zurückdrängt, damit sie sich nicht in sinnlosem Selbstvertrauen gehen läßt, oder ob er das Gewissen mit Furcht erschüttert, so daß es nicht mit voller Sicherheit in Gottes Barmherzigkeit zu ruhen vermag!


Kapitel 2 Sektion 23


Wenn Paulus dann weiterhin lehrt: „Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern“ (Phil. 2,12), so fordert er damit nichts anderes, als daß wir uns daran gewöhnen, uns selbst tief zu demütigen und allein auf die Kraft des Herrn zu schauen. Denn nichts kann uns so sehr dazu treiben, das Vertrauen und die Gewißheit unseres Herzens auf den Herrn zu werfen, als das Mißtrauen gegen uns selber und die Angst, die aus dem Bewußtsein unserer Not in uns aufkommt. In diesem Sinne müssen wir auch das Wort des Propheten verstehen: „Ich will aber in dein Haus gehen auf deine große Güte und anbeten ... in deiner Furcht“ (Ps. 5,8). Da verbindet der Prophet sehr fein die kühne Freudigkeit des Glaubens, die sich auf Gottes Erbarmen stützt, mit der scheuen Furcht (religioso timore), die uns jedesmal notwendig ankommt, wenn wir vor das Angesicht der göttlichen Majestät treten und an ihrem Glanze erkennen, wie groß unsere Unreinigkeit ist. So sagt auch Salomo mit Recht: „Wohl dem, der sich allewege fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, wird ins Unglück fallen“ (Spr. 28,14). Er meint hier aber die Furcht, die uns vorsichtiger macht, nicht eine solche, die uns durch ihren Angriff niederschlägt. Hier ist es nämlich so: der in sich selbst verwirrte Geist sammelt sich in Gott; in ihm wird er aufgerichtet, während er in sich selber daniederliegt; er ist ohne Vertrauen zu sich selber, aber im Vertrauen zu ihm atmet er wieder auf! So geht es durchaus zusammen, daß die Gläubigen Furcht haben und doch zugleich den sichersten Trost erlangen, je nachdem sie ihren Blick auf ihr eigenes eitles Wesen richten oder alles Sinnen ihres Herzens auf Gottes Wahrheit lenken. Nun wird vielleicht jemand fragen: wie sollen denn in dem gleichen Herzen Furcht und Glaube ihre Wohnstatt haben? Ich antworte: Genau so, wie auf der anderen Seite doch auch faule Sicherheit und Angst miteinander darin wohnen! Die Gottlosen möchten sich nämlich gern gänzlich verhärten, damit sie keine Furcht Gottes mehr quälte; aber Gottes Gericht drängt sie doch, so daß sie nicht erreichen, was sie erstreben. So steht nichts dagegen, daß Gott die Seinen in der Demut übt, damit sie sich in tapferem Kampfe im Zaum der Bescheidenheit halten. Dies ist nun, wie sich aus dem Zusammenhang ergibt, die Absicht des Apostels gewesen: für „Furcht und Zittern“ gibt er als Grund das Wohlgefallen Gottes an, der den Seinen verleiht, daß sie recht wollen und fleißig vollbringen (Phil. 2,12.13). In diesem Sinne muß man auch das Wort des Propheten verstehen: „Die Kinder Israel ... werden mit Zittern zu dem Herrn und seiner Gnade kommen ...“ (Hos. 3,5); es ist ja nicht allein die Frömmigkeit, die die Ehrfurcht vor Gott erzeugt, sondern die Köstlichkeit und Süße der Gnade selbst erfüllt den Menschen, der in sich selbst gedemütigt ist, mit Furcht und zugleich mit Bewunderung, so daß er Gott anhängt und sich demütig seiner Macht unterwirft.


Kapitel 2 Sektion 24


Aber damit will ich keineswegs der verderbenbringenden Weltweisheit Raum geben, wie sie heutzutage einige Halbpapisten in ihren Winkeln zurechtzuschmieden anfangen. Weil sie nämlich jenen groben Zweifel, wie ihn die (papistischen) Schulen überliefert haben, nicht mehr verteidigen können, so nehmen sie ihre Zuflucht zu einem neuen Hirngespinst: sie sagen, die Zuversicht sei stets mit Unglauben untermischt! Schauen wir auf Christus, so finden wir auch nach ihrem Zugeständnis bei ihm den vollen Anlaß zu fröhlicher Hoffnung; aber weil wir ja von uns aus allezeit all jener Güter unwürdig sind, die uns in Christus dargeboten werden, so meinen sie, wir müßten im Blick auf unsere Unwürdigkeit immerzu schwanken und zaudern. Sie stellen also alles in allem das Gewissen zwischen Hoffnung und Furcht; so daß sich diese beiden je und je in uns ablösten; Furcht aber und Hoffnung stellen sie in der Weise gegeneinander, daß mit dem Aufkommen der Hoffnung die Furcht niedergekämpft und mit dem Anfangen der Furcht die Hoffnung zerbrochen wird. So versucht also der Satan, da er nun sieht, daß die offenen Sturmwerkzeuge, mit denen er früher die Gewißheit des Glaubens zunichte zu machen gewohnt war, nichts mehr ausrichten, diese Gewißheit mit unterirdischen Minen zu Fall zu bringen. Denn was soll das für eine Zuversicht sein, die sogleich der Verzweiflung weicht? Man sagt: „Wenn du auf Christus schaust, so ist dir das Heil gewiß, wenn du dich aber wieder zu dir selber wendest, so ist dir die Verdammnis sicher! So müssen Vertrauenslosigkeit und fröhliche Hoffnung abwechselnd in deinem Geiste die Herrschaft führen!“ Als ob wir uns Christus gleichsam als einen denken sollten, der in weiter Ferne stünde! Als ob wir ihn nicht vielmehr als den ansehen sollten, der in uns wohnt! Wenn wir von ihm das Heil erwarten, so geschieht das doch nicht deshalb, weil er uns etwa in der Ferne erschiene, sondern weil er uns in seinen Leib eingefügt und damit nicht bloß aller seiner Güter und Gaben, sondern seiner selbst teilhaftig gemacht hat! Ich will deshalb die Beweisführung jener Leute lieber in anderer Richtung wenden: „Gewiß, wenn du dich selber anschaust, so ist dir die Verdammnis sicher. Aber Christus hat sich dir mit der ganzen Fülle seiner Güter derart zu eigen gegeben, daß alles, was sein ist, nun dein sein soll, daß du sein Glied und auf diese Weise mit ihm eins wirst! Seine Gerechtigkeit macht deine Sünden zunichte, sein Heil tut deine Verdammnis ab, mit seiner Würdigkeit tritt er selber bei Gott für dich ein, so daß deine Unwürdigkeit nicht vor Gottes Angesicht kommt!“ Es ist doch wirklich so: es geht nicht im entferntesten an, Christus von uns oder uns von ihm zu trennen, sondern wir müssen mit beiden Händen die Gemeinschaft festhalten, in der er sich mit uns geeint hat. So lehrt es uns der Apostel: „Der Leib ist zwar tot um der Sünde willen, der Geist Christi aber, der in euch wohnt, der ist Leben um der Gerechtigkeit willen“ (Röm. 8,10, etwas erweitert). Hätte er so töricht gedacht, wie jene Halbpapisten, so hätte er sagen müssen: Christus hat zwar in sich selbst das Leben, aber ihr, ihr seid Sünder und bleibt deshalb tot und der Verdammnis unterworfen! Aber er redet doch ganz anders. Denn er zeigt uns, wie die Verdammnis, die wir von uns aus verdienen, durch das Heil, das uns Christus gebracht, verschlungen ist; und um das zu bekräftigen, bedient er sich des gleichen Grundes, wie ich ihn schon anführte: Christus ist nicht außer uns, sondern wohnt in uns, er bindet uns nicht nur durch ein unzerreißbares Band der Gemeinschaft an sich, sondern wächst durch eine wundersame Gemeinschaft von Tag zu Tag mehr mit uns zu einem Leibe zusammen, bis daß er ganz mit uns eins wird. Dabei leugne ich, wie ich bereits sagte, trotzdem nicht, daß unser Glaube zuweilen gewissermaßen eine Unterbrechung erleidet; je nachdem er in seiner Schwachheit unter den heftigen Angriffen, die ihn bedrängen, hin und her geworfen wird. So wird sein Licht in der dichten Finsternis der Anfechtungen erstickt. Aber was auch geschehen mag, er läßt doch nicht ab, Gott mit Fleiß zu suchen!


Kapitel 2 Sektion 25


Nicht anders lehrt es Bernhard; er spricht von dieser Frage ausdrücklich in seiner fünften Predigt von der Einweihung des Tempels. „Wenn ich durch Gottes Wohltat zuweilen über meine Seele nachdenke, so kommt es mir vor, als ob ich da gewissermaßen zwei entgegengesetzte Dinge vorfände. Schaue ich sie selber an, wie sie in sich selber und aus sich selber beschaffen ist, so kann ich nichts Richtigeres von ihr aussagen, als daß sie im Grund zunichte geworden ist. Wozu soll ich nun all ihr Elend einzeln aufzählen, wie sie mit Sünden beladen, mit Finsternis bedeckt, in ihre Lüste verstrickt ist, wie sie geil ist in ihren Begierden, den Leidenschaften unterworfen, von törichten Einbildungen erfüllt, immerzu zum Bösen geneigt, zu allen Lastern bereit, wie sie schließlich voll Schande und Wirrnis ist? Und wenn doch selbst unsere Gerechtigkeit, im Lichte der Wahrheit betrachtet, \'ist wie ein unflätig Kleid\' (Jes. 64,5), wie wird dann erst unsere Ungerechtigkeit beurteilt werden müssen! \'Wenn nun das Licht, das in uns ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!\' (Matth. 6,23; leicht verändert). Was soll ich sagen? Ohne Zweifel ist der Mensch wie die Eitelkeit geworden, er ist zunichte geworden, er ist nichts! Wie soll aber der gar nichts sein, den Gott groß macht? Wie soll der nichts sein, dem Gottes Herz sich zugewandt? Laßt uns aufatmen, ihr Brüder! Wir sind gewiß in unserem Herzen nichts - aber vielleicht mag im Herzen Gottes etwas über uns verborgen sein! Du Vater der Barmherzigkeit, du Vater der Elenden, wie wendest du dein Herz zu uns? Denn dein Herz ist, wo dein Schatz ist! Wie sollen wir aber dein Schatz sein, wenn wir nichts sind? Alle Heiden sind vor dir, gleich als wenn sie nicht da wären, sie sind für nichts geachtet (vgl. Jes. 40,17). Aber eben vor dir und nicht in dir, vor dem Gericht deiner Wahrheit, aber nicht in der Aufwallung deiner Güte! Denn du rufst ja dem, das nicht ist, als ob es sei! (Röm. 4,17; nicht Luthertext). Es ist nicht, denn du rufst nur das, was nicht ist! Aber es ist doch, weil du es rufst! Denn die Heiden sind, wenn es auf sie selber ankommt, tatsächlich nicht, aber bei dir sind sie - nach dem Wort des Apostels: „Nicht aus dem Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers!“ (Röm. 9,12). (Soweit zunächst Bernhard.) Er erklärt dann, daß diese Verbindung der verschiedenen Betrachtungsweisen wunderbar ist. Sie sind ja untereinander verbunden, und darum heben sie sich gewißlich nicht auf. Am Schluß erklärt er das dann noch deutlicher: „Wenn wir in beiden Betrachtungsweisen gründlich ins Auge fassen, was wir sind, so ergibt sich nach der einen, wie gar nichts, nach der anderen, wie groß gemacht wir sind, und so meine ich, unser Ruhm scheint gedämpft - aber vielleicht ist er auch noch vergrößert; er ist nämlich nun grundfest, damit wir uns nicht in uns selber rühmen, sondern in dem Herrn! Wenn wir nämlich dies eine bedenken, daß er uns mit dem Entschluß, uns selig zu machen, auch allsogleich selig machen wird, so können wir schon darüber aufatmen! Aber wir wollen noch auf eine höhere Warte steigen, wollen die Stadt Gottes suchen, wollen sein Haus, seinen Tempel, wollen die Braut suchen! Dabei habe ich freilich nicht vergessen, sondern mit Furcht und Ehrerbietung spreche ich es aus: wir sind etwas, sage ich - aber in Gottes Herzen! Wir sind etwas - aber dadurch, daß er uns dessen würdigt, und nicht dadurch, daß wir würdig sind!“


Kapitel 2 Sektion 26


Weiter: die Furcht des Herrn, die immer wieder als allen Gläubigen eigen bezeugt wird, die als „der Weisheit Anfang“, ja als die Weisheit selber gilt (Ps. 111,10; Spr. 1,7; 15,31; Hiob 28,28), ist zwar stets eine und dieselbe, aber sie entspringt doch einem doppelten Empfinden. Gott beansprucht nämlich die Ehrfurcht, die ihm als Vater gebührt, und die, welche ihm als dem Herrn zukommt. Wer ihn recht verehren will, der wird sich ihm als ein folgsamer Sohn und als ein gehorsamer Knecht zu erweisen trachten. Den Gehorsam, der ihm als dem Vater zukommt, nennt der Herr durch den Mund des Propheten „Ehre“, den Gehorsam, der ihm als dem Herrn erwiesen wird, nennt er „Furcht“. „Ein Sohn soll seinen Vater ehren und ein Knecht seinen Herrn. Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre? Bin ich Herr, wo fürchtet man mich?“ (Mal. 1,6). Hier unterscheidet er „Ehre“ und „Furcht“ - aber zugleich bringt er beide zusammen, indem er am Anfang beide unter der Forderung zusammenfaßt, ihn zu „ehren“. Die Furcht des Herrn soll also für uns Ehrerbietung sein, die aus solcher Ehre und Furcht zusammengefügt ist. Es ist auch nicht verwunderlich, wenn ein und dasselbe Herz beide Regungen in sich empfängt. Denn wer bei sich selbst erwägt, was für ein Vater Gott gegen uns ist, der hat ausreichend Grund, eine Kränkung dieses Gottes schlimmer zu verabscheuen als den Tod, auch wenn es keine Hölle gäbe! Aber der Leichtsinn unseres Fleisches, der sich so gern der Sünde hingibt, ist so groß, daß wir, um ihn immerzu am Zügel zu halten, auch noch den anderen Gedanken gründlich festhalten müssen: dem Herrn, unter dessen Gewalt wir stehen, ist alle Ungerechtigkeit ein Greuel, und wer durch ein Lasterleben seinen Zorn über sich hervorruft, der wird seiner Vergeltung nicht entgehen!


Kapitel 2 Sektion 27


Nun sagt freilich Johannes: „Furcht ist nicht in der Liebe; denn die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein“ (1. Joh. 4,18). Aber das steht zu dem eben Gesagten nicht in Widerspruch. Er redet nämlich von dem Schrecken des Unglaubens, der etwas ganz anderes ist als die Furcht der Gläubigen. Denn die Gottlosen fürchten Gott nicht in dem Sinne, daß sie sich auch dann scheuten, ihn zu beleidigen, wenn sie es ungestraft tun könnten; nein, sie erschrecken furchtbar, wenn sie von seinem Zorn hören, weil sie wissen, daß Gott mit der Macht gerüstet ist, Vergeltung zu üben. Und so fürchten sie sich vor seinem Zorn, weil sie meinen, daß er ihnen immer droht, weil sie in jedem Augenblick erwarten, er könnte ihnen aufs Haupt fallen. Die Gläubigen dagegen fürchten, wie gesagt, die Kränkung Gottes mehr als seine Strafe, sie lassen sich auch nicht von der Furcht vor der Strafe in Verwirrung bringen, als ob diese ihnen immerzu über dem Nacken schwebte, sondern sie lassen sich vorsichtiger machen, sich diese Strafe nicht zuzuziehen. So meint es der Apostel, wenn er zu den Gläubigen spricht: „Lasset euch niemand verführen ...; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens“ (Eph. 5,6; Kol. 3,6). Er droht nicht, der Zorn Gottes werde über die Gläubigen selber kommen; aber er fordert sie auf zu erwägen, wie um der Laster willen, die er aufgezählt, der Zorn des Herrn der Ungläubigen wartet, - damit sie (die Gläubigen) ihn auch selber nicht erfahren wollen! Freilich kommt es selten vor, daß sich die Verworfenen schon allein durch einfache Drohungen aufwecken lassen; nein, sie sind in ihrer Verhärtung dermaßen träge und stumpfsinnig geworden, daß sie sich, wenn Gott mit seinen Worten vom Himmel her sein Unwetter ergehen läßt, jedesmal zur Halsstarrigkeit verstocken; aber wenn seine Hand sie niederschlägt, dann werden sie, mögen sie wollen oder nicht, gezwungen, ihn zu fürchten. Diese Furcht nennt man allgemein sklavische Furcht, und man stellt sie der edelgeborenen, freiwilligen Furcht gegenüber, wie sie die Kinder haben sollen. Einige fügen da scharfsinnig noch eine mittlere Art von Furcht ein, weil jene sklavische, gezwungene Regung zuweilen auch einen Menschen dazu bringt, freiwillig zur Furcht Gottes zu gelangen.


Kapitel 2 Sektion 28


Wir sprachen davon, daß der Glaube auf das göttliche Wohlwollen schaut. Wir verstehen das nun so, daß er in diesem Wohlwollen Gottes den Besitz des Heils und des ewigen Lebens ergreift. Ist Gott uns gnädig, so kann uns eben nichts fehlen, und deshalb genügt es uns vollauf zur Gewißheit des Heils, wenn er uns seiner Liebe versichert. „Laß leuchten dein Antlitz“, sagt der Prophet, „so genesen wir!“ (Ps. 80,4). Die Hauptsumme unseres Heils besteht daher nach der Schrift darin, daß alle Feindschaft abgetan ist und er uns in Gnaden angenommen hat (Eph. 2,14). Damit gibt uns die Schrift zu verstehen, daß, wenn Gott mit uns versöhnt ist, keine Gefahr mehr bleibt, sondern alles uns zum Besten dienen muß. Deshalb hat der Glaube, wenn er sich Gottes Liebe zu eigen gemacht hat, die Verheißung des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und den vollkommen sicheren Besitz aller Güter, freilich nur so, wie man solchen aus dem Worte entnehmen kann. Denn der Glaube kann sich nicht etwa eine lange Ausdehnung dieses irdischen Lebens, Ehre und Macht in diesem Leben mit Gewißheit versprechen; dergleichen hat uns der Herr nämlich nicht zusagen wollen. Er begnügt sich vielmehr mit der Gewißheit, daß uns zwar vieles mangeln mag, was uns in diesem Leben helfen könnte, daß uns aber Gott nie fehlen wird! In besonderer Weise aber ruht die Gewißheit des Glaubens auf der Erwartung des kommenden Lebens, die sich ohne jeden Zweifel aus Gottes Wort ergibt! Wieviel Elend und Not auch auf Erden des Menschen warten mag, den Gott in seiner Liebe umfangen hat - sie vermögen doch nicht zu hindern, daß Gottes Wohlwollen volle Glückseligkeit bedeutet. Wollen wir also die Hauptsumme des Glücks beschreiben, so nennen wir Gottes Gnade; denn aus diesem Brunnquell fließt uns jedwedes Gut zu! Man kann es auch in der Schrift immer wieder beobachten, wie wir jedesmal an des Herrn Liebe erinnert werden, wenn vom ewigen Heil, ja auch von irgendeinem Gut die Rede ist, das uns zukommen soll. Deshalb singt David, die göttliche Güte sei, wenn sie ein Mensch in frommem Herzen erfährt, süßer und begehrenswerter als das Leben! (Ps. 63,4). Kurzum, würde uns auch alles nach unseren Wünschen zufließen, so wäre diese Glückseligkeit doch verflucht und jämmerlich, wenn wir unterdessen nicht wüßten, ob Gott uns liebt oder haßt. Leuchtet uns aber Gottes väterliches Antlitz, so wird uns auch das Elend zum Glück, denn es verwandelt sich in eine Hilfe zum Heil! Darum kann Paulus alles Unglück zusammenhäufen und sich doch rühmen, daß nichts von alledem „mag uns scheiden von der Liebe Gottes ...“ (Röm. 8,39); und in seinen Gebeten beginnt er immer mit der Gnade Gottes, aus der ja alles Wohlergehen hervorquillt. So stellt auch David allem Schrecken, der uns in Verwirrung bringen mag, allein Gottes Gnade entgegen: „Und ob ich schon wanderte im Schatten des Todes, so fürchte ich doch kein Unglück; denn du bist bei mir“ (Ps. 23,4; nicht Luthertext). Wir erfahren es ja auch, wie unser Herz immerzu hin und her schwankt, wenn es sich nicht an der Gnade Gottes genügen läßt, in ihr den Frieden sucht und sich allezeit fest einprägt, was der Psalmist sagt: „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ (Ps. 33,12).


Kapitel 2 Sektion 29


Als das Fundament des Glaubens bezeichnete ich oben die Verheißung Gottes, die aus Gnaden ergangen ist; denn auf ihr ruht im eigentlichen Sinne der Glaube, Er halt gewiß Gott in allem, was er tut, für wahrhaftig, ob er fordert oder verbietet, ob er verheißt oder droht; er nimmt auch gehorsam seine Befehle an, hält seine Verbote, beachtet seine Drohungen; aber seinen Ausgangspunkt nimmt er doch im eigentlichen Sinne bei der Verheißung; sie ist für ihn Anfang und Ende. Denn er sucht das Leben in Gott, und das besteht nicht in Geboten und Strafandrohungen, sondern es findet sich in der Verheißung der Barmherzigkeit, die aus Gnaden erfolgt. Eine bedingte Verheißung nämlich, die uns auf unsere Werke verweist, verspricht uns das Leben nur für den Fall, daß wir es in uns selber finden. Wollen wir also nicht, daß der Glaube ein zitterndes und schwankendes Ding sei, so müssen wir ihn auf die Verheißung des Heils gründen, wie sie uns der Herr von sich aus freigebig anbietet, nicht um unserer Würdigkeit, sondern vielmehr um unseres Elendes willen. Deshalb gibt der Apostel dem Evangelium das Zeugnis, es sei „das Wort vom Glauben“ (Röm. 10, 8). Den Geboten wie auch den Verheißungen des Gesetzes spricht er dies Zeugnis ab; denn es ist nichts, was unserem Glauben festen Grund geben kann, als diese freigebige Botschaft Gottes, in der er die Welt mit sich selber versöhnt. Daher kommt es auch, daß Paulus so oft den Glauben und das Evangelium aufeinander bezieht; er lehrt, daß ihm der Dienst am Evangelium aufgetragen ist, „den Gehorsam des Glaubens aufzurichten“, und dies Evangelium ist „eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben ..., sintemal darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben“ (Röm. 1,5.16.17). Diese Zusammenschau von Glaube und Evangelium ist nicht verwunderlich; denn das Evangelium ist ja „das Amt, das die Versöhnung Predigt“ (2. Kor. 5,18), und deshalb gibt es nichts anderes, das die Freundlichkeit Gottes, deren Erkenntnis der Glaube erfordert, hinreichend kräftig bezeugte. Wenn ich also behaupte, daß der Glaube sich auf diese Verheißung Gottes stützen muß, die aus freier Gnade ergeht, so leugne ich damit nicht, daß die Gläubigen das Wort Gottes in seiner ganzen Fülle und Ausdehnung erfassen und annehmen sollen; sondern ich möchte die Verheißung des Erbarmens Gottes für den eigentlichen Richtpunkt des Glaubens erklären. Die Gläubigen sollen Gott ja gewiß auch als den Richter und Vergelter der Freveltaten erkennen, und doch schauen sie eigentlich auf seine Freundlichkeit, denn er wird ihrer Betrachtung als der vor Augen gehalten, der da „gütig und gnädig“ ist, „langsam zum Zorn“, „von großer Güte“, freundlich gegen alle Menschen, ja, der seine Güte ausgießt über alle seine Werke! (Ps. 86,5; 103, 8; 145, 8).


Kapitel 2 Sektion 30


Bei dieser Lehre will ich mich auch nicht durch das Gebell des Pighius und ähnlicher Hunde aufhalten lassen: sie gehen gegen meine einschränkende Behauptung (daß sich der Glaube besonders an die Verheißung halte) wütend vor und behaupten, damit würde der Glaube zerrissen und es bliebe nur ein einziges Stück von ihm übrig. Ich gebe, wie bereits ausgesprochen, durchaus zu, daß sich der Glaube - wie man sagt - allgemein an Gottes Wahrheit als sein „Objekt“ zu halten hat, ob Gott nun droht oder ob er uns auf seine Gnade hoffen läßt! Deshalb gehörte es nach den Worten des Apostels auch zum Glauben, daß Noah den Untergang der Welt, den er noch nicht sah, doch fürchtete (Hebr. 11,7). Wenn nun auch die Furcht vor einer drohenden Strafe Gottes ein Werk des Glaubens war, so kann man (sagen diese Sophisten) bei der Beschreibung seines Wesens von den Drohungen Gottes nicht absehen. Das ist zwar richtig; aber diese schmähsüchtigen Leute machen mir zu Unrecht den Vorwurf, als wollte ich leugnen, daß der Glaube auf alle Teile des Wortes Gottes Bezug hat. Ich will nur zweierlei aufzeigen: erstens kommt der Glaube niemals zu festem Bestand, bis er zu jener aus Gnaden geschehenden Verheißung durchgedrungen ist, und zweitens kann er uns nur dadurch mit Gott versöhnen, daß er uns mit Christus verbindet. Und dies ist beides wirklich erwähnenswert. Wir suchen einen Glauben, der Gottes Kinder von den Verworfenen unterscheidet, die Gläubigen von den Ungläubigen. Wenn nun jemand glaubt, daß Gottes Gebote recht und seine Drohungen ernst gemeint sind - ist der deshalb für gläubig zu erklären? Ganz gewiß nicht! Der Glaube hat also keinen festen Bestand, wenn er nicht in Gottes Barmherzigkeit gegründet ist. Warum aber überhaupt unsere Erörterung über den Glauben? Doch sicher nur deshalb, weil es uns darum geht, den Weg zum Heil zu wissen. Wie soll uns aber der Glaube anders das Heil verschaffen, als dadurch, daß er uns in Christi Leib einfügt? Es ist also keineswegs widersinnig, wenn wir in unserer Begriffsbestimmung so scharf die hauptsächliche Wirkung des Glaubens betonen und wenn wir zur Feststellung des Unterschiedes dem allgemeinen Glaubensbegriff jenes Kennzeichen unterstellen, das die Gläubigen von den Ungläubigen trennt! Schließlich können uns diese übelwollenden Kritiker gar nicht tadeln, ohne zugleich Paulus mit uns zu strafen, denn er nennt das Evangelium im eigentlichen Sinne das „Wort vom Glauben“ (Röm. 10, 8).


Kapitel 2 Sektion 31


Hieraus aber schließe ich wiederum, was ich bereits oben auseinandergesetzt habe: der Glaube bedarf des Wortes nicht weniger, als die Frucht der lebendigen Wurzel des Baumes! Denn nach Davids Zeugnis können nur die auf Gott hoffen, die seinen Namen kennen (Ps. 9,11). Diese Erkenntnis kommt aber nicht aus jedermanns Einbildung, sondern allein daher, daß Gott selbst der Zeuge seiner Güte ist. Das bestätigt der gleiche Prophet auch an anderer Stelle: „Herr, laß mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort!“ (Ps. 119,41). Ebenso: „Ich verlasse mich auf dein Wort, mache mich selig ...“ (Ps. 119,40? Jedenfalls ungenau). Hier müssen wir zunächst auf die Bezogenheit des Glaubens auf das Wort achten und dann darauf, daß sich das Heil daraus ergibt.

Dabei sehe ich jedoch nicht von der Macht Gottes ab: wenn der Glaube sich nicht darauf stützt, daß er auf sie schaut, so kann er Gott niemals die schuldige Ehre geben. Paulus berichtet von Abraham scheinbar etwas Unerhebliches und Gewöhnliches, wenn er von ihm sagt, er habe an die Macht Gottes geglaubt, der ihm einen gesegneten Samen verheißen hatte (Röm. 4,21). Ähnlich von sich selber: „Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, daß er mächtig ist, mir zu bewahren, was mir beigelegt ist, bis auf jenen Tag“ (2. Tim. 1,12; nicht ganz Luthertext). Wenn nun aber jemand bei sich selber erwägt, wieviel Zweifel an Gottes Kraft ihn stets beschleichen, so wird er sehr wohl erkennen, daß ein Mensch, der diese Kraft Gottes nach Gebühr verherrlicht, keine geringen Fortschritte im Glauben gemacht hat. Wir werden zwar alle zugeben, daß Gott kann, was er will, aber wenn uns dann die geringste Anfechtung vor Furcht irremacht und vor Schrecken erschüttert, dann wird offenbar, daß wir der Macht Gottes etwas abbrechen, da wir sie ja hinter den Drohungen des Satans gegen seine Verheißungen offenbar zurücktreten lassen. Deshalb redet auch Jesaja, um die Gewißheit des Heils dem Volke tief ins Herz zu graben, so gewaltig von Gottes unermeßlicher Kraft (z.B. Jes. 40,25ff. und sonst öfters in Jes. 40-45). Oft beginnt er seine Rede mit der Hoffnung auf Vergebung und Versöhnung und verfällt dann scheinbar auf einen ganz anderen Gegenstand und auf weite und überflüssige Abschweifungen, indem er daran erinnert, wie wunderbar Gott das Gebäu des Himmels und der Erde und die ganze Ordnung der Natur regiert; aber tatsächlich dienen auch diese Gedanken dem, was er gerade behandelt; denn wenn Gottes Kraft, mit der er alles vermag, uns nicht in die Augen fällt, so werden unsere Ohren das Wort ungern annehmen und es wenigstens nicht so hoch schätzen, wie es geschehen müßte.

Wir müssen auch bedenken, daß dabei von einer wirkenden Macht die Rede ist; die Frömmigkeit bezieht nämlich, wie wir bereits sahen, Gottes Macht stets auf ihren Nutzen und ihr Werk, sie halt sich vor allem die Werke Gottes vor, in denen er sich als unser Vater bezeugt hat. Darum erinnert die Schrift die Kinder Israel auch so oft an die (ihnen widerfahrene) Erlösung; sie konnten daraus lernen, daß der Gott, der ihnen einmal das Heil geschenkt hatte, auch sein ewiger Hüter sein werde. David gemahnt uns mit seinem eigenen Beispiel daran, daß die Wohltaten, die Gott jedem einzelnen für sich allein erwiesen hat, auch noch fort und fort dazu wirken, unseren Glauben zu stärken; ja, wenn er uns verlassen zu haben scheint, so sollen wir unsere Gedanken weiter zurückgehen lassen, damit uns seine früheren Wohltaten aufrichten; so heißt es in einem anderen Psalm: „Ich gedenke an die vorigen Zeiten; ich rede von allen deinen Taten ...“ (Ps. 143,5), und ebenso: „Darum gedenke ich an die Taten des Herrn; ja ich gedenke an deine vorigen Wunder“ (Ps. 77,12).

Aber ohne das Wort ist alles, was wir über Gottes Macht und Gottes Werke erdenken, inhaltslos, und deshalb ist es nicht unbedacht, wenn wir behaupten, daß es keinen Glauben gibt, ehe uns Gott selber mit dem Zeugnis seiner Gnade voranleuchtet.

Man könnte hier allerdings fragen, was wir denn von Sara und Rebekka halten sollten, die doch beide, dem Anschein nach vom Eifer des Glaubens getrieben, über die Grenzen des Wortes hinausgegangen sind. Sara brannte vor Verlangen nach dem verheißenen Nachkommen und gab darum ihre Magd ihrem Manne zum Weibe (Gen. 16,5). Daß sie vielfältig gesündigt hat, ist nicht zu leugnen, aber hier will ich nur die eine Verfehlung berühren, daß sie sich im Drange ihres Eifers nicht innerhalb der Grenzen des Wortes hielt. Und doch ist jenes Verlangen ganz sicher aus dem Glauben entstanden. Rebekka hatte durch einen Gottesspruch die Gewißheit erhalten, daß ihr Sohn Jakob erwählt war, und deshalb verhalf sie ihm mit böser Kunst zu dem Segen; ihren Mann, der doch der Zeuge und Diener der göttlichen Gnade war, täuschte sie, ihren Sohn veranlaßte sie zur Lüge, Gottes Wahrheit verfälschte sie mit mancherlei Betrug und Hinterlist. Kurzum, sie machte Gottes Verheißung geradezu zum Gespött und tat das Ihrige, um sie gar abzutun (Gen. 27). Und trotzdem fehlte auch in diesem Tun, so freventlich und tadelnswert es war, der Glaube nicht ganz. Denn sie mußte ja vielerlei Hindernisse überwinden, um so eifrig ein Recht zu begehren, das keine Hoffnung auf irdischen Nutzen, dafür aber unendlich viel Last und Gefahr in sich trug! Ebenso werden wir dem heiligen Erzvater Isaak nicht etwa jeglichen Glauben absprechen, weil er an seiner Neigung für den erstgeborenen Sohn Esau festhielt, obwohl ihm in dem nämlichen Gottesspruch kundgetan war, daß die Würde (der Erstgeburt) auf den Jüngeren übergegangen war. Diese Beispiele belehren uns wahrhaftig darüber, daß der Glaube öfters mit Irrtümern untermischt ist; aber dabei hat doch der Glaube stets die Vorherrschaft, sofern er rechter Art ist. Denn wie der besondere Irrtum der Rebekka die Wirkung des Segens nicht aufhob, so hat er auch den Glauben nicht abgetan, der im allgemeinen in ihrem Inneren die Herrschaft führte und sogar der Ausgangspunkt und Urgrund der (an sich bösen) Tat war. Aber gerade darin hat sie bewiesen, wie sehr der Menschengeist auf das Schlüpfrige geraten muß, sobald er sich auch nur ein ganz klein wenig gehen läßt. Obwohl aber Untreue und Schwachheit den Glauben verdunkeln, so vermögen sie ihn doch nicht auszulöschen; unterdessen mahnen sie uns aber daran, wie sorgfältig wir an Gottes Mund hängen müssen, und bestätigen damit unsere Lehre, daß der Glaube ohne die feste Begründung im Worte zergehen muß, wie ja auch Sara, Isaak und Rebekka innerlich in ihren krummen Abwegen zunichte geworden wären, wenn Gott sie nicht mit verborgenem Zügel beim Gehorsam gegen sein Wort festgehalten hätte.


Kapitel 2 Sektion 32


Wiederum hat es seinen guten Grund, wenn wir alle Verheißungen in Christo beschlossen denken; denn der Apostel faßt das ganze Evangelium in der Erkenntnis Christi zusammen (Röm. 1,16) und sagt an anderer Stelle: „Alle Gottesverheißungen sind Ja in ihm und sind Amen in ihm“ (2. Kor. 1,20). Der Grund dafür läßt sich leicht angeben. Wenn nämlich Gott etwas verheißt, so bezeugt er damit seine Freundlichkeit; er gibt uns also keine Verheißung, die nicht ein Zeugnis seiner Liebe gegen uns wäre. Es macht dabei nichts aus, daß die Gottlosen dadurch, daß sie immerfort mit gewaltigen und unablässigen Gaben seiner Milde überschüttet werden, ein um so schwereres Gericht auf sich laden. Denn sie bedenken ja nicht, daß ihnen diese Gaben aus des Herrn Hand zukommen; sie wissen es auch gar nicht, oder wenn sie es einmal erkennen, so erwägen sie doch Gottes Güte nie und nimmer bei sich selbst; deshalb aber können sie aus diesen Gaben ebensowenig eine Belehrung über Gottes Barmherzigkeit empfangen wie die unvernünftigen Tiere, die ja auch je nach ihren Lebensverhältnissen die gleiche Frucht göttlicher Freigebigkeit empfangen und doch nicht darauf achten. Ebensowenig steht hier im Wege, daß sie zumeist die für sie bestimmten Verheißungen verachten und sich dadurch eine um so schärfere Bestrafung zuziehen. Denn die Wirkung der Verheißungen tritt zwar erst dann ein, wenn sie bei uns Glauben gefunden haben; aber ihre Kraft und Eigenart wird doch durch unseren Unglauben und unsere Undankbarkeit in keiner Weise ausgelöscht. Wenn also der Herr durch seine Verheißungen den Menschen auffordert, die Früchte seiner Güte nicht nur in Empfang zu nehmen, sondern sie auch recht zu bedenken, so gibt er ihm damit zugleich seine Liebe zu erkennen. Wir müssen also wieder auf den Satz zurückkommen, daß jede Verheißung ein Zeugnis der Liebe Gottes zu uns ist.

Nun ist es aber außer Zweifel, daß Gott niemanden anders als in Christus liebt; er ist der „geliebte Sohn“, auf dem des Vaters Liebe bleibt und ruht (Matth. 3,17; 17,5) und von dem sie uns zufließt, wie Paulus sagt: „zum Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten“ (Eph. 1,6). Durch sein eigenes Dazwischentreten also muß jene Liebe zu uns hingeleitet werden und zu uns gelangen. So sagt der Apostel an anderer Stelle auch: „Er ist unser Friede“ (Eph. 2,14), oder er stellt ihn anderwärts gewissermaßen als ein Band dar, durch das sich Gott in väterlicher Freundlichkeit mit uns verbindet (Röm. 8,3). Auf ihn müssen wir also jedesmal unser Augenmerk richten, wenn uns irgendeine Verheißung dargeboten wird, und Paulus lehrt durchaus folgerichtig, daß in ihm alle Verheißungen Gottes bestätigt und erfüllt werden (Röm. 15, 8).

Dem widersprechen nun aber (scheinbar) einige Beispiele. So erklärt man es für nicht glaubhaft, daß der Syrer Naeman, als er den Propheten über die rechte Art der Gottesverehrung befragte, eine Belehrung über den Mittler empfangen habe - und doch wird ja seine Frömmigkeit gelobt! (2. Kön. 5; Luk. 4,27). Cornelius, der doch ein Heide und ein Römer war, hat kaum wissen können, was nicht einmal allen Juden bekannt war und auch diesen bloß dunkel. Trotzdem waren seine Almosen und Gebete vor Gott angenehm (Apg. 10,31). Auch sind die Opfer des Naeman durch die Antwort des Propheten anerkannt worden (2. Kön. 5,17-19). Und doch konnten beide solche Anerkennung vor Gott und durch den Propheten nur durch den Glauben erlangen! Ähnlich verhielt es sich auch mit dem Kämmerer, zu dem Philippus gesandt wurde: hätte er nicht irgendwelchen Glauben gehabt, so hätte er sich nicht die Mühe einer langen und beschwerlichen Reise gemacht, um anzubeten! (Apg. 8,27). Trotzdem gewahren wir, wie er auf die Frage des Philippus seine Unkenntnis von dem Mittler kundtut! (Apg. 8,31). Hier gebe ich nun zu, daß der Glaube dieser Menschen gewissermaßen „eingehüllt“ war, und zwar nicht nur bezüglich der Person Christi, sondern auch hinsichtlich seiner Kraft und des ihm vom Vater aufgetragenen Amtes. Indessen ist es sicher, daß sie eine anfangsweise Erkenntnis besaßen, die ihnen doch einen gewissen, wenn auch geringfügigen Geschmack von Christus verschaffte. Das kann auch nicht seltsam erscheinen; denn der Kämmerer wäre gewiß nicht aus fernem Lande nach Jerusalem gereist, um einen unbekannten Gott anzubeten, und Kornelius hat, nachdem er die jüdische Religion einmal angenommen hatte, gewiß nicht soviel Zeit darin zugebracht, ohne die Anfangsgründe der wahren Lehre zu erfassen. Und was Naeman betrifft, so wäre es gänzlich widersinnig gewesen, wenn Elisa ihm in ganz kleinen Dingen Weisung erteilt, aber von der wesentlichen Hauptsache geschwiegen hätte! So hatten sie alle gewiß bloß eine dunkle Erkenntnis von Christus, aber es wäre nicht der Wahrheit gemäß, wenn man behaupten wollte, sie hätten gar keine gehabt; denn sie übten sich ja auch in den Opfern des Gesetzes, und diese mußten doch eben durch ihr Ziel, nämlich durch Christus, von allen falschen Opfern der Heiden notwendig unterschieden werden!


Kapitel 2 Sektion 33


Zwar müßte selbst diese nackte, äußere Darlegung des Wortes Gottes voll und ganz hinreichen, um den Glauben aufzurichten, wenn nicht unsere Blindheit und Halsstarrigkeit im Wege stünde. Aber wir können, da wir innerlich so sehr zur Eitelkeit geneigt sind, Gottes Wahrheit nimmermehr anhangen, und weil wir stumpfe Sinne haben, so fassen wir das Licht nicht. Deshalb wird durch das Wort nichts ausgerichtet ohne die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Daraus ergibt sich auch klar, daß der Glaube weit über den menschlichen Verstand geht. Ebenfalls genügt es nicht, daß unser Verstand durch Gottes Geist erleuchtet werde, wenn dieser nicht mit seiner Kraft auch unser Herz stark macht und fest gründet. In diesem Stück gehen die Scholastiker gänzlich in die Irre; sie meinen, unter „Glauben“ sei bloß eine nackte und einfache, aus der „Erkenntnis“ kommende „Zustimmung“ zu verstehen; an der Zuversicht und Gewißheit des Herzens dagegen gehen sie (mit ihrer Begriffsbestimmung) vorbei. Der Glaube ist also in beiderlei Hinsicht eine besondere Gabe Gottes: einerseits wird des Menschen Verstand gereinigt, um die Wahrheit Gottes kosten zu können, und anderseits wird unser Herz in dieser Wahrheit fest gegründet. Denn der Heilige Geist ist nicht nur der Anfänger unseres Glaubens, sondern er mehrt ihn auch stufenweise, bis er uns durch ihn in das Himmelreich hineinführt! „Dies beigelegte Gut“, sagt Paulus, „bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!“ (2. Tim. 1,14). Nun erklärt Paulus, der Geist werde uns aus der „Predigt vom Glauben“ zuteil. Wie er das aber meint, ist mit leichter Mühe zu zeigen. Gäbe es nämlich nur eine einzige Gabe des Geistes, so wäre es unsinnig, wenn Paulus den Geist für eine Wirkung des Glaubens erklärt; denn er ist doch dessen Urheber und Grund! Aber Paulus rühmt ja hier die Gaben, mit denen Gott seine Kirche ziert und im Wachsen des Glaubens zur Vollkommenheit führt, und da ist es nicht verwunderlich, daß er jene Gaben dem Glauben zuschreibt, der uns ja dazu bereitet, sie zu empfangen. Man hält es zwar für das denkbar Widerspruchsvollste, wenn es heißt, nur der könne an Christus glauben, dem es gegeben ist (Joh. 6,65); aber das kommt zum Teil daher, daß man nicht beachtet, wie verborgen und erhaben die himmlische Weisheit und wie groß die Stumpfheit des Menschen ist, wenn er Gottes Geheimnisse auffassen soll; zum Teil kommt es auch daher, daß man jene sichere und feste Beständigkeit des Herzens nicht in Betracht zieht, die doch das Wichtigste am Glauben ist!


Kapitel 2 Sektion 34


Wenn nun nach den Worten des Paulus nur „der Geist, der im Menschen wohnt“, Zeuge für den Willen des Menschen ist - wie sollte dann ein Mensch des Willens Gottes gewiß sein können? Und wenn bei uns Gottes Wahrheit schon bei solchen Dingen schwankt, die wir mit eigenen Augen gegenwärtig vor uns sehen, wie sollte sie dann gewiß und fest sein, wenn der Herr Dinge verheißt, die kein Auge sieht und kein Verstand erfaßt; (vgl. 1. Kor. 2,9). Da versagt und ermattet der Scharfsinn des Menschen, ja, es muß sogar als erster Schritt zum Fortschreiten in des Herrn Schule gelten, ihn fahren zu lassen. Denn er hindert uns wie ein zudeckender Vorhang, Gottes Geheimnisse zu erfassen, die nur den „Kleinen“ geoffenbart werden! (Matth. 11,25; Luk. 10,21). Denn die Offenbarung liegt nicht bei Fleisch und Blut (Matth. 16,17), und „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; ja, Gottes Unterweisung ist ihm vielmehr eine Torheit; denn sie muß geistlich beurteilt werden“ (1. Kor. 2,14; nicht Luthertext). Also ist die Hilfeleistung des Heiligen Geistes erforderlich, nein, es ist hier seine Kraft allein mächtig! Denn kein Mensch „hat des Herrn Sinn erkannt“, keiner „ist sein Ratgeber gewesen“ (Röm. 11,34), sondern „der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“ (1. Kor. 2,10). Durch den Geist allein kommen wir dazu, Christi Sinn zu erfassen. „Es kann niemand zu mir kommen“, spricht der Herr selbst, „es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat“ (Joh. 6,44). „Wer es nun hört vom Vater und lernt es, der kommt zu mir; nicht daß jemand den Vater habe gesehen, außer dem, der vom Vater (gesandt) ist!“ (Joh. 6,45f.). Wir können also auf keine Weise zu Christus kommen, ohne daß uns der Geist Gottes zieht; werden wir von ihm gezogen, so werden wir aber auch nach Verstand und Herz weit über das erhoben, was wir aus uns selber erfassen können. Denn die Seele empfängt, wenn er sie erleuchtet hat, gleichsam eine neue Sehschärfe, mit der sie die himmlischen Geheimnisse zu betrachten vermag, deren Glanz sie zuvor in sich selbst blendete. Ist einmal der Verstand des Menschen so durch das Licht des Heiligen Geistes hell gemacht, dann fängt er auch erst an, die Dinge des Reiches Gottes zu schmecken; zuvor war er gänzlich einfältig und töricht und vermochte sie deshalb nicht recht zu erwägen. So redete Christus mit zweien seiner Jünger klar und deutlich von den Geheimnissen seines Reiches, aber er kam bei ihnen erst zum Ziel, als er ihnen „das Verständnis öffnete, daß sie die Schrift verstanden“ (Luk. 24,27.45). So mußte auch den Aposteln, die der Herr doch mit eigenem, göttlichem Munde unterwiesen hatte, doch der „Geist der Wahrheit“ gesandt werden, der ihnen jene Wahrheit, welche sie mit den Ohren erfaßt hatten, auch in den Sinn eindringen ließ! (Joh. 16,13). Zwar ist das Wort Gottes wie die Sonne: es scheint allen, denen es gepredigt wird, aber bei Blinden ohne Frucht! Wir aber sind in diesem Stück allesamt von Natur blind, und deshalb kann der Strahl des Wortes nicht in unseren Sinn eindringen, wenn ihm nicht der Heilige Geist als inwendiger Lehrmeister durch seine Erleuchtung Zugang verschafft!


Kapitel 2 Sektion 35


Ich habe nun schon an anderer Stelle, nämlich als es galt, die Verderbtheit der Natur zu behandeln, deutlicher dargelegt, wie ungeschickt wir Menschen zum Glauben sind (II,2,18ff.). Deshalb will ich den Leser nicht damit ermüden, das Gleiche noch einmal zu wiederholen. Es soll mir genug sein, daß Paulus, wenn er vom „Geist des Glaubens“ redet, darunter eben den Glauben versteht, der uns als Geschenk des Heiligen Geistes zuteil wird (2. Kor. 4,13), den wir aber von Natur nicht besitzen. Deshalb betet er auch für die Thessalonicher, „daß unser Gott ... erfülle alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in der Kraft“ (2. Thess. 1,11). Da nennt er den Glauben ein Werk Gottes und zeichnet ihn noch mit einem besonderen Beinamen aus, indem er hinzusetzt, er sei „Gottes Wohlgefallen“; damit bestreitet er, daß der Glaube aus der eigenen Regung des Menschen kommt, ja er ist auch damit noch nicht zufrieden, sondern fügt noch an, er sei ein Erweis göttlicher Kraft. Die Korinther weist er darauf hin, daß der Glaube nicht von der Weisheit der Menschen abhängt, sondern auf die Kraft des Geistes gegründet ist (1. Kor. 2,4). Er redet zwar an dieser Stelle von äußeren Wunderzeichen; aber die Gottlosen stehen ihnen ja blind gegenüber, und deshalb denkt er doch auch zugleich an jenes innerliche Siegel, das er an anderer Stelle erwähnt (z.B. Eph. 1,13; 4,30). Um in dieser herrlichen Gabe seine Güte noch deutlicher hervorleuchten zu lassen, läßt sie Gott nicht unterschiedslos allen zuteil werden, sondern vergibt sie als besondere Gnadenschenkung an wen er will. Zeugnisse dafür habe ich schon angeführt; Augustin ruft als deren getreuer Ausleger aus: „Unser Seligmacher will uns lehren, daß auch das Glauben selber Geschenk und nicht Verdienst ist. Deshalb sagt er: ‘Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat\' oder: ‘es sei ihm denn von meinem Vater gegeben\' (Joh. 6,44-65). Es ist wundersam: zweie hören; der eine verachtet\'s, der andere steigt empor! Der es nun verachtet, der mag es sich selber zuschreiben; aber der emporsteigt, der soll es nicht selbst für sich in Anspruch nehmen!“ (Predigt 131). Oder er sagt an anderer Stelle: „Wie kommt es denn, daß es dem einen gegeben ist und dem anderen nicht? Ich schäme mich nicht zu sagen: das ist das tiefe Geheimnis des Kreuzes! Aus irgendeiner Tiefe der Ratschlüsse Gottes, die wir nicht zu durchforschen vermögen, geht alles hervor, was wir können. Was ich kann, das sehe ich wohl, aber woher es kommt, daß ich es kann, das sehe ich nicht; nur soviel sehe ich, daß es von Gott kommt! Warum aber zieht er den einen, und den anderen zieht er nicht; Das ist mir zuviel, es ist ein unergründlicher Abgrund, das tiefe Geheimnis des Kreuzes! Ich vermag es bewundernd auszurufen, aber ich kann es nicht disputierend beweisen“ (Predigt 165). Die Hauptsache ist: wenn uns Christus durch die Kraft seines Geistes erleuchtet, so daß wir glauben, so fügt er uns zugleich in seinen Leib ein, so daß wir an all seinen Gütern Anteil gewinnen.


Kapitel 2 Sektion 36


Dann muß aber das, was der Verstand aufgenommen hat, auch in das Herz selbst überfließen. Denn Gottes Wort ist nicht schon dann im Glauben erfaßt, wenn man es ganz oben im Hirn sich bewegen läßt, sondern erst dann, wenn es im innersten Herzen Wurzel geschlagen hat, um ein unbesiegliches Bollwerk zu werden, das alle Sturmwerkzeuge der Anfechtung aushalten und zurückwerfen kann! Wenn es wahr ist, daß das wirkliche Begreifen unseres Verstandes die Erleuchtung durch Gottes Geist ist, so tritt seine Kraft noch viel deutlicher in dieser Stärkung des Herzens in die Erscheinung; die Vertrauenslosigkeit des Herzens ist ja auch soviel größer als die Blindheit des Verstandes, und es ist viel schwieriger, dem Herzen Gewißheit zu verleihen, als den Verstand mit Erkenntnis zu erfüllen. Deshalb ist der Heilige Geist wie ein Siegel: er soll in unserem Herzen die gleichen Verheißungen versiegeln, deren Gewißheit er zuvor unserem Verstande eingeprägt hat. Er ist wie ein Unterpfand zur Bestätigung und Bekräftigung der Verheißungen. „Durch welchen ihr auch“, sagt der Apostel, „da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unseres Erbes ...“ (Eph. 1,13. 14). Da sieht man, wie Paulus lehrt, daß die Herzen der Gläubigen durch den Heiligen Geist wie von einem Siegel ihre Prägung empfangen. Und er nennt ihn deshalb - so sieht man weiter - den „Geist der Verheißung“, weil er das Evangelium bei uns in Geltung setzt. Ähnlich schreibt er auch an die Korinther: „Gott ist\'s aber, ... der uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen das Pfand, den Geist gegeben hat“ (2. Kor. 1,21.22). An einer anderen Stelle, wo er von der Zuversicht und Freudigkeit in der Hoffnung redet, erklärt er auch für deren Fundament „das Pfand, den Geist“ (2. Kor. 5,5).


Kapitel 2 Sektion 37


Dabei habe ich nun aber nicht vergessen, was ich oben gesagt habe und was uns die Erfahrung immer wieder ins Bewußtsein zurückruft, nämlich daß der Glaube von den verschiedensten Zweifeln bedrängt wird, daß das Gemüt des Frommen selten zur Ruhe kommt, daß es wenigstens nicht immer einen Zustand der Ruhe zu genießen vermag. Aber bei allen Angriffen, die es erschüttern mögen, taucht es doch immer wieder aus dem Schlund der Anfechtungen empor und bleibt auf seinem Posten stehen. Den Glauben vermag nun allein jene Sicherheit zu erhalten und zu bewahren, bei der wir mit dem Psalmisten festhalten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer fielen“ (Ps. 46,2.3). Diese Zuversicht wird in einem anderen Psalm auch als köstlichste Ruhe gepriesen: „Ich liege und schlafe und erwache; denn der Herr hält mich“ (Ps. 3,6). Nicht als ob David immer fröhlich und guter Dinge gewesen wäre; nein, weil er Gottes Gnade nach dem Maße des Glaubens hatte verspüren dürfen, darum rühmte er sich, unerschrocken alles zu verachten, was den Frieden seines Gemüts beunruhigen konnte. Deshalb fordert uns auch die Schrift zum „Stillesein” auf, wenn sie uns zum Glauben ermuntern will; so bei Jesaja: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ (Jes. 30,15); oder in einem Psalm: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn!“ (Ps. 37,7). Dem entspricht die Mahnung des Apostels an die Hebräer: „Geduld aber ist euch not ...“ (Hebr. 10,36).


Kapitel 2 Sektion 38


Von hieraus läßt sich beurteilen, wie gefährlich die scholastische Lehre ist, wir könnten der Gnade Gottes gegen uns nur in dem Sinne einer „moralischen Vermutung“ (Vermutung auf Grund unserer sittlichen Taten!) gewiß werden, wir müßten also danach gehen, wie weit jedermann die Überzeugung habe, dieser Gnade nicht unwürdig zu sein. Sollten wir nun freilich aus unseren Werken entnehmen, wie der Herr gegen uns gesinnt sei, so würden wir es allerdings nicht einmal mit der leisesten Vermutung feststellen können! Aber der Glaube soll doch nichts anderes als die Antwort auf eine schlichte und aus Gnade uns zukommende Verheißung sein, und deshalb bleibt hier gar kein Hin und Her! Was sollte das für eine Gewißheit sein, mit der wir uns wappnen könnten, wenn wir sagten: Gott ist uns gnädig - aber nur insofern, als wir es mit der Reinheit unseres Lebens verdienen! Ich will aber diese Fragen an anderer Stelle genauer behandeln und ihnen hier deshalb nicht weiter nachgehen. Es ist ja vor allem auch völlig klar, daß zum Glauben nichts so sehr im Widerspruch steht als eine „Vermutung“ oder irgend etwas anderes, das mit dem Zweifel in Verwandtschaft ist!

Ganz übel verdrehen die Scholastiker dabei eine Stelle aus dem Prediger, die sie immerzu im Munde führen: „Niemand weiß, ob er des Hasses oder der Liebe würdig ist!“ (Pred. 9,1; nicht Luthertext). Ich will noch übergehen, daß dieser Text in der üblichen (lateinischen) Übersetzung unrichtig wiedergegeben wird. Aber es kann doch jedes Kind merken, was Salomo mit diesen Worten sagen will, nämlich: wenn jemand aus dem gegenwärtigen Stand der Dinge feststellen will, wen Gott mit Haß verfolgt und wen er mit seiner Liebe umfängt, der müht sich unnütz ab und quält sich umsonst; denn „es begegnet dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen ..., dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert ...“ (Pred. 9,2). Daraus ergibt sich: wenn Gott einem Menschen alles nach Wunsch gelingen läßt, so ist das nicht immer ein Beweis seiner Liebe, und wenn er jemand ängstigt, so ist das nicht immer ein Zeugnis seines Hasses. Das sagt Salomo, um die Eitelkeit unseres menschlichen Verstandes zu strafen; haben wir doch auch in dieser Frage, die so notwendig klar sein müßte, gar stumpfe Sinne! Er schreibt dementsprechend auch etwas vorher, der Unterschied zwischen der Seele des Menschen und des Viehs sei nicht zu erkennen, weil beide dem Augenschein nach gleicherweise umkommen müßten (Pred. 3,19). Wenn nun daraus jemand folgern wollte, auch die Lehre von der Unsterblichkeit stütze sich bloß auf eine „Vermutung“, so müßte man den doch verdientermaßen für unsinnig halten! Kann man aber dann solche Leute für vernünftig erklären, die aus der Tatsache, daß wir aus dem fleischlichen Anschauen gegenwärtiger Verhältnisse die Gnade Gottes nicht erfassen können, den Schluß ziehen wollen, es gäbe überhaupt keine Gewißheit dieser Gnade?


Kapitel 2 Sektion 39


Aber sie schützen vor, es fei freventliche Vermessenheit, wenn sich ein Mensch die unbezweifelte Erkenntnis des Willens Gottes anmaßen wollte. Das würde ich ihnen gern zugestehen, wenn wir uns herausnähmen, Gottes unbegreiflichen Ratschluß unserem schwachen Verstande unterwerfen zu wollen. Wir sagen aber doch einfach mit Paulus: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist“ (1. Kor. 2,12). Wie wollen sie dagegen etwas schreien, ohne zugleich dem Heiligen Geiste Verachtung anzutun? Wenn es nun eine schreckliche Gotteslästerung ist, die von ihm uns zukommende Offenbarung für Lüge, für ungewiß oder für zweifelhaft zu erklären - was soll dann Verwerfliches darin liegen, wenn wir ihre Gewißheit behaupten?

Aber sie schreien, auch das sei nicht frei von großer Vermessenheit, daß wir uns des Geistes Christi so hoch zu rühmen wagten! Es ist doch kaum glaublich, daß Leute, die gern für die Lehrmeister aller Welt gehalten werden möchten, dermaßen stumpfsinnig sein sollten, daß sie gleich bei den ersten Anfangsgründen der Religion so schändlich anstoßen! Ich würde es selber ganz sicher nicht annehmen, wenn es nicht ihre Schriften tatsächlich bezeugten! - Paulus erklärt, nur die seien Gottes Kinder, „welche der Geist Gottes treibt“ (Röm. 8,14). Die Scholastiker dagegen behaupten, die Kinder Gottes würden von ihrem eigenen Geist getrieben und seien gänzlich ohne Gottes Geist! Paulus lehrt uns, Gott als unseren Vater anzurufen, und zwar weil uns dieses Wort vom Heiligen Geist in den Mund gelegt wird, der allein unserem Geist Zeugnis geben kann, „daß wir Gottes Kinder sind“ (Röm. 8,16). Die Scholastiker wollen zwar auch niemand von der Anrufung Gottes zurückhalten, aber sie reißen den Heiligen Geist heraus, unter dessen Führung wir Gott erst richtig anrufen können! Paulus bestreitet, daß Menschen, die nicht vom Geiste Christi getrieben werden, Christi Knechte wären (Röm. 8,9). Sie aber erdichten sich ein Christentum, das des Geistes Christi nicht bedarf! Paulus macht uns nur dann Hoffnung auf die selige Auferstehung, wenn wir empfinden, daß Christi Geist in uns wohnt (Röm. 8,11), - sie aber machen sich eine Hoffnung ohne dieses Empfinden zurecht!

Sie werden aber vielleicht entgegnen, sie leugneten gar nicht, daß man mit dem Geist begabt sein müßte, nur sei es ein Zeichen von Bescheidenheit und Demut, wenn man das (für sich selbst) nicht behaupte! Was mag aber dann Paulus gemeint haben, wenn er die Korinther auffordert, sie sollten sich selbst „versuchen“, ob sie im Glauben stünden, sollten sich selbst prüfen, ob sie Christus hätten - weil doch eben der, der nicht erkennt, daß Christus in ihm wohnt, verworfen sei? (2. Kor. 13,5). Johannes sagt doch auch: „Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat“ (1. Joh. 3,24). Was tun wir denn anders, als Christi Verheißungen in Zweifel zu ziehen, wenn wir ohne seinen Geist für seine Knechte gehalten werden wollen, wo er uns doch zugesagt hat, er werde ihn über uns alle ausgießen? (Jes. 44,3; Joel 3,1). Was ist es anders als Beleidigung des Heiligen Geistes, wenn wir den Glauben, sein eigentliches Werk, von ihm abtrennen? Das sind doch die ersten Anfängerübungen im Glauben, und deshalb ist es jämmerlichste Verblendung, wenn man Christen der Vermessenheit bezichtigt, weil sie sich der Gegenwart des Heiligen Geistes zu rühmen wagen; denn ohne dieses Rühmen hat das Christentum keinen Bestand. Die Scholastiker aber beweisen doch mit ihrem eigenen Beispiel, wie sehr Christus recht hatte, wenn er sagte, die Welt könne seinen Geist nicht erkennen, denn er werde nur von denen erkannt, bei denen er „bleibe“ (Joh. 14,17).


Kapitel 2 Sektion 40


Aber um nicht nur durch das Vortreiben dieses einen unterirdischen Stollens danach zu trachten, die Gewißheit des Glaubens zu zerstören, führen sie ihren Angriff auch noch von einer anderen Seite. Gesteht man allenfalls zu, daß sich nach dem gegenwärtigen Stande unserer Gerechtigkeit ein Urteil über Gottes Gnade gewinnen läßt, so behauptet man doch, daß wir über die Beharrung bis ans Ende nichts Endgültiges zu wissen vermögen! Da bliebe uns nun aber eine herrliche Zuversicht auf das Heil, wenn wir zwar für den gegenwärtigen Augenblick auf Grund einer „moralischen Vermutung“ zu der Ansicht kämen, wir seien vor Gott in Gnaden, wenn wir aber keine Ahnung hätten, was morgen geschehen kann! Da redet doch der Apostel ganz anders: „Ich bin gewiß, daß weder Engel, noch Fürstentümer, noch Gewalten, weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn“ (Röm. 8,38f.; ungenau). Da versuchen sich nun die Scholastiker durch eine leichtfertige Lösung herauszuwinden, indem sie schwatzen, das habe Paulus aus einer besonderen (nur ihm allein geltenden) Offenbarung empfangen; aber sie werden doch zu gründlich festgehalten, als daß sie entgehen könnten. Denn Paulus redet an dieser Stelle von den Gütern, die allen Gläubigen gleichermaßen aus dem Glauben zukommen, nicht aber von dem, was er allein für sich selbst erfährt. „Aber“ - so entgegnet man - „er schreckt uns doch oft mit dem Hinweis auf unsere Schwachheit und Unbeständigkeit! Er sagt doch: \'wer sich läßt dünken, daß er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle\' (1. Kor. 10,12).“ Das ist richtig; aber das ist doch kein Schrecken, der uns zu Boden werfen, sondern der uns lehren soll, uns unter Gottes Hand zu demütigen, wie es Petrus auseinandersetzt! (1. Petr. 5,6).

Wie töricht ist es ferner, die Gewißheit des Glaubens, die ja ihrem Wesen nach die Schranken dieses Lebens überspringt und sich nach der künftigen Unsterblichkeit ausstreckt, auf einen einzigen Zeitpunkt einzuschränken! Die Gläubigen danken der Gnade Gottes ja gerade dafür, daß sie nun durch Gottes Geist erleuchtet sind und durch den Glauben die Betrachtung des himmlischen Lebens genießen dürfen, und deshalb hat jenes Rühmen rein gar nichts mit Vermessenheit zu tun, im Gegenteil: wenn sich einer scheut, das zu bekennen, so beweist er damit eher die äußerste Undankbarkeit - denn er unterdrückt ja in Bosheit Gottes Güte! -, als etwa Bescheidenheit und Demut!


Kapitel 2 Sektion 41


Wir haben gesehen, daß das Wesen des Glaubens nicht besser und deutlicher beschrieben werden kann, als aus dem Grundwesen der Verheißung heraus, auf der er ja als auf seinem eigenen Fundament ruht und ohne die er gänzlich zerrüttet, ja vielmehr zu nichts gemacht würde. Deshalb habe ich auch meine Begriffsbestimmung von dort her genommen. Diese ist freilich von der Bestimmung oder vielmehr Beschreibung, die der Apostel in Anpassung an seine Erörterung gibt, in keiner Weise verschieden. Er lehrt da, der Glaube sei ein beständiger Grund (subsistentia) von Dingen, die man hofft, und ein Selbsterweis dessen, was man nicht sieht (Hebr. 11,1; nicht Luthertext). Denn der Ausdruck „hypostasis“, den er hier (an erster Stelle) anwendet, bedeutet wohl soviel wie „Stütze“ (fulcrum), also das, worauf ein frommes Gemüt sich stützen und worauf es fest stehen kann. Als ob er sagen wollte: der Glaube ist ein sicherer und gewisser Besitz dessen, was Gott uns verheißen hat; man könnte vielleicht auch „hypostasis“ geradezu mit „gewisse Zuversicht“ übersetzen; das mißfällt mir nicht, ich halte mich aber meinerseits an die gebräuchlichere Übersetzung. Der Apostel will aber andererseits noch weiter zeigen, daß das Verheißene bis zum jüngsten Tage, da die Bücher aufgetan werden (Dan. 7,10), zu erhaben ist, als daß wir es mit unseren Sinnen wahrzunehmen oder mit unseren Augen zu schauen oder mit unseren Händen zu greifen vermöchten; er will uns darauf hinweisen, daß wir es auch nur besitzen können, wenn wir über das Fassungsvermögen unseres Verstandes hinausgehen, unseren Blick über alles das hinausstrecken, was in dieser Welt ist, uns kurzum über uns selber hinaus erheben; deshalb fügt er in seiner Wesensbestimmung des Glaubens noch hinzu, daß diese Gewißheit des Besitzes sich auf Dinge bezieht, die der Hoffnung angehören und die wir deshalb nicht sehen. So schreibt auch Paulus: „Die Hoffnung ..., die man sieht, ist nicht Hoffnung, denn wie kann man des hoffen, das man sieht?“ (Röm. 8,24). Der Verfasser des Hebräerbriefs nennt den Glauben (an zweiter Stelle) ein Anzeichen (index), einen Erweis (probatio) oder auch, wie es Augustin öfters wiedergibt, eine Überzeugung (convictio) von dem, was nicht gegenwärtig ist - im Griechischen heißt es nämlich „elenchos“. Es ist, als wenn er sagen wollte: der Glaube ist ein Augenscheinlichwerden der Dinge, die nicht augenscheinlich sind, ein Schauen dessen, was man nicht sieht, eine Durchsichtigkeit dessen, was dunkel ist, ein Gegenwärtigsein des nicht Gegenwärtigen, ein Aufweis des Verborgenen! Denn die Geheimnisse Gottes - und darum handelt es sich doch bei dem, was unser Heil betrifft! - sind an und für sich und, wie man sich ausdrückt, ihrer „Natur“ nach nicht zu sehen; wir erschauen sie vielmehr einzig und allein in seinem Worte, und dessen Wahrheit muß uns so gewiß sein, daß uns alles, was da gesagt wird, bereits als geschehen und erfüllt zu gelten hat!

Wie soll sich aber unser Herz dazu erheben, in dieser Weise einen Geschmack von Gottes Güte zu bekommen, ohne zugleich ganz und gar zur Gegenliebe zu Gott entflammt zu werden? Denn diese Fülle des Köstlichen, die Gott denen verborgen hat, die ihn fürchten, können wir gar nicht erkennen, ohne dadurch innerlich heftig ergriffen zu werden. Hat sie aber einmal einen Menschen erfaßt, so zieht sie ihn gleich ganz an sich und reißt ihn mit sich fort. Deshalb erfaßt diese Regung - und das ist nicht verwunderlich! - niemals ein verkehrtes und verdrehtes Herz; diese Regung, die uns in den Himmel selbst hineinführt, zu den verborgensten Schätzen Gottes und den heiligsten Geheimnissen seines Reiches Zutritt verschafft, die ja nicht dadurch entweiht werden dürfen, daß ein unreines Herz zu ihnen dringt.

Wenn nämlich die Scholastiker lehren, die Liebe habe den Vorrang vor Glauben und Hoffnung (Sentenzen III,25), so ist das reiner Wahn; denn der Glaube allein bringt in uns ja erst die Liebe hervor. Viel richtiger lehrt da Bernhard von Clairvaux: „Das Zeugnis des Gewissens, das Paulus den Ruhm der Frommen nennt (2. Kor. 1,12), umfaßt, glaube ich, dreierlei. Zuallererst mußt du glauben, daß du die Vergebung der Sünden einzig und allein durch Gottes Nachsicht empfangen kannst; zweitens, daß du keinerlei gutes Werk haben kannst, das nicht wieder er selbst dir gegeben hätte; und endlich, daß du dir mit keinerlei Werken das ewige Leben verdienen kannst, sofern dir nicht auch dies umsonst gegeben wird!“ (Predigt 1 zum Feste Mariae Verkündigung). Er setzt dann aber gleich noch hinzu, das sei noch nicht genug, sondern es sei erst ein gewisser Anfang im Glauben; denn wenn wir glaubten, daß uns keiner die Sünden vergeben kann als Gott allein, so müßten wir auch festhalten, daß sie uns vergeben sind, - bis wir durch das Zeugnis des Heiligen Geistes zu der Gewißheit kämen, daß uns das Heil wohlbereitet ist; denn weil Gott uns die Sünden schenke, weil er uns die Verdienste schenke, weil eben er uns auch den (darauf stehenden) Lohn schenke, - so könnten wir bei jenen ersten Schritten nicht stehenbleiben! (In der gleichen Predigt.) Aber ich muß dies und anderes mehr an der entsprechenden Stelle behandeln; jetzt müssen wir uns damit begnügen, festzustellen, was der Glaube selber ist.


Kapitel 2 Sektion 42


Wo aber nun auch immer dieser Glaube lebendig ist, da hat er notwendig die Hoffnung auf das ewige Heil zum unzertrennlichen Begleiter, ja vielmehr er erzeugt sie, bringt sie hervor. Fehlt diese Hoffnung, so mögen wir noch so geistreich und geziert vom Glauben zu reden wissen - wir können uns doch darauf verlassen, daß wir keinen haben! Denn wenn der Glaube, wie wir gehört haben, eine gewisse Überzeugung von Gottes Wahrheit ist, eine Überzeugung, daß uns diese Wahrheit nicht belügen und betrügen, daß sie nicht ungültig werden kann - so muß doch der, der diese Gewißheit gefaßt hat, zugleich auch erwarten, daß Gott seine Verheißungen halten wird, die doch nach seiner festen Überzeugung notwendig wahr sein müssen! Die Hoffnung ist eben alles in allem nichts anderes als die Erwartung der Dinge, die nach der Überzeugung des Glaubens von Gott wahrhaft verheißen sind. So ist der Glaube gewiß, daß Gott wahrhaftig ist, und die Hoffnung erwartet, daß er zu gelegener Zeit seine Wahrheit offenbart; der Glaube ist gewiß, daß er unser Vater ist, die Hoffnung erwartet, daß er sich an uns stets als solcher erweisen wird; der Glaube ist gewiß, daß uns das ewige Leben gegeben ist, die Hoffnung erwartet, daß es einst enthüllt werden wird; der Glaube ist das Fundament, auf dem die Hoffnung ruht, die Hoffnung nährt und stützt den Glauben. Niemand kann von Gott irgend etwas erwarten, wenn er nicht zuvor seinen Verheißungen glaubt, aber ebenso muß unser schwacher Glaube, um nicht ermattet niederzusinken, dadurch unterstützt und erhalten werden, daß wir geduldig hoffen und warten. Es ist deshalb richtig, wenn Paulus unser Heil als Sache der Hoffnung darstellt (Röm. 8,24). Indem sie stille des Herrn wartet, hält sie den Glauben in Schranken, damit er sich nicht in allzu großer Eile überstürze, stärkt ihn, damit er hinsichtlich der Verheißungen Gottes nicht schwanke oder an ihrer Wahrheit zu zweifeln anfange, erfrischt ihn, damit er sich nicht ermüde, und läßt ihn bis zu jenem äußersten Ziele währen, damit er nicht mitten im Laufe oder auch in dessen Anfang ermatte. Kurzum, die Hoffnung erneuert und belebt den Glauben je und je und sorgt dafür, daß er immer wieder kräftiger sich erhebt, um bis ans Ende zu beharren.

In wievielerlei Weise nun überhaupt der Glaube der Hilfe der Hoffnung bedarf, um Festigkeit zu erlangen, das wird uns noch deutlicher, wenn wir in Betracht ziehen, in wievielerlei Weise die Menschen, die Gottes Wort angenommen haben, von der Anfechtung berannt und in Bedrängnis gebracht werden. Zunächst schiebt der Herr öfters die (Erfüllung seiner) Verheißungen hinaus und hält so unser Herz länger in der Schwebe, als wir es uns wünschen möchten; da ist es denn das Amt der Hoffnung, die Weisung des Propheten zu erfüllen: „Ob sie aber verzieht, so harre ihrer!“ (Hab. 2,3). Zuweilen läßt er uns nicht nur in unserer Mattigkeit schmachten, sondern legt offenkundigen Zorn an den Tag: da ist es eben um so mehr erforderlich, daß uns die Hoffnung zu Hilfe kommt, damit wir es nach dem Worte eines anderen Propheten halten können: „Ich hoffe auf den Herrn, der sein Angesicht verborgen hat vor dem Hause Jakob; ich aber harre sein!“ (Jes. 8,17). Auch erheben sich manchmal, wie sich Petrus ausdrückt, „Spötter“ (2. Petr. 3,3), und fragen: „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie von Anfang der Kreatur gewesen ist!“ (2. Petr. 3,4). Ja, solche Gedanken blasen uns unser Fleisch und die Welt gleichermaßen ein! Da muß der Glaube auf die Dulderkraft der Hoffnung gestützt sein und an der Betrachtung der Ewigkeit festgehalten werden, er muß wissen, daß da „tausend Jahre sind wie ein Tag“ (Ps. 90,4; 2. Petr. 3, 8).


Kapitel 2 Sektion 43


Weil Glaube und Hoffnung so fest miteinander verbunden, ja verwandt sind, so gebraucht die Schrift zuweilen die Wörter „Glaube“ und „Hoffnung“ durcheinander. Wenn z.B. Petrus lehrt, wir würden „aus Gottes Macht durch den Glauben bewahret“ bis zur Offenbarung der Seligkeit (1. Petr. 1,5), so schreibt er damit dem Glauben etwas zu, das eigentlich mehr zum Wesen der Hoffnung passen würde; und zwar nicht zu Unrecht, denn die Hoffnung ist ja, wie wir bemerkten, nichts als die Nahrung und Kraft des Glaubens.

Manchmal werden „Glaube“ und „Hoffnung“ auch miteinander verbunden; so heißt es in dem gleichen Briefe: „Auf daß ihr Glauben und Hoffnung zu Gott haben möchtet“ (1. Petr. 1,21). Paulus aber leitet im Philipperbrief aus der Hoffnung die Erwartung ab: denn indem wir geduldig hoffen, lassen wir unsere Wünsche in der Schwebe, bis Gottes gelegene Zeit sich offenbart hat (Phil. 1,20). Dies alles kann man noch deutlicher aus dem bereits angeführten elften Kapitel des Hebräerbriefes entnehmen. Das Gleiche meint auch Paulus an einer Stelle, an der er allerdings uneigentlich redet: „Wir aber warten im Geist durch den Glauben der Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß“ (Gal. 5,5). Nachdem wir nämlich das Zeugnis des Evangeliums von Gottes freignädiger Liebe angenommen haben, warten wir, bis Gott offenbarlich zeigt, was jetzt noch unter der Hoffnung verborgen ist!

Ganz klar ist es nun, wie unsinnig es ist, wenn Petrus Lombardus ein zwiefaches Fundament der Hoffnung gelegt denkt, nämlich Gottes Gnade und das Verdienst unserer Werke. Nein, für die Hoffnung kann es keinen anderen Richtpunkt geben als den Glauben; der Glaube aber hat, wie wir bereits ganz klar auseinandersetzten, nur einen einzigen Richtpunkt, nämlich Gottes Barmherzigkeit; und darum müssen wir auf sie sozusagen mit beiden Augen schauen! Aber es ist doch der Mühe wert, zu hören, was für einen kräftigen Grund der Lombarde anführt; er sagt: „Wenn du etwas ohne dein Verdienst zu hoffen wagst, so ist das nicht Hoffnung, sondern Vermessenheit zu nennen!“ Lieber Freund und Leser, sollte man nicht verdientermaßen solche Bestien verabscheuen, die es hoffärtig und vermessen nennen, wenn jemand darauf vertraut, daß Gott wahrhaftig ist? Der Herr will doch, daß wir von seiner Güte alles erwarten sollen; solche Leute erklären es aber für vermessen, wenn man sich auf diese Güte stützt und verläßt! Dieser Meister ist der Schüler wohl wert, wie er sie in den unsinnigen scholastischen Zungendrescherschulen gefunden hat! Wir aber wollen, da wir ja sehen, wie Gott in klaren Weisungen dem Sünder befiehlt, Hoffnung auf das Heil zu fassen, gern so „vermessen“ auf seine Wahrheit trauen, daß wir allein auf sein Erbarmen bauen, alle Zuversicht auf die Werke von uns werfen und fröhlich zu hoffen wagen! Denn er hat gesagt: „Euch geschehe nach eurem Glauben“ (Matth. 9,29) - und er wird nicht trügen!


Drittes Kapitel

Durch den Glauben werden wir wiedergeboren. Hier ist von der Buße zu sprechen

III,3,1


Im Bisherigen habe ich zwar bereits zum Teil auseinandergesetzt, wie der Glaube Christus besitzt und wie wir durch ihn seine Güter genießen; aber das würde alles noch undeutlich bleiben, sofern nicht auch eine Darlegung der Wirkungen hinzukäme, die wir erfahren. Es ist nicht verkehrt, wenn man sagt, der Hauptinhalt des Evangeliums bestehe in der Buße und der Vergebung der Sünden. Wollte man also diese beiden Hauptstücke auslassen, so wäre jede Erörterung über den Glauben inhaltslos und verstümmelt, ja schier unnütz! Christus schenkt uns doch beides, und beides erlangen wir auch im Glauben: die Erneuerung des Lebens und die Versöhnung aus Gnaden; der sachliche Zusammenhang und die geordnete Reihenfolge in der Unterweisung erfordert es also, daß ich hier von diesen beiden Lehrstücken zu sprechen beginne.

 

Zunächst müssen wir aber vom Glauben zur Buße übergehen; haben wir dies Lehrstück recht verstanden, so wird es uns besser klar werden, wieso der Mensch allein durch den Glauben und durch reine Vergebung gerechtfertigt wird und wieso doch von dieser gnadenweisen Anrechnung der Gerechtigkeit die wirkliche Heiligkeit des Lebens - wenn ich mich so ausdrücken darf! - nicht getrennt ist.

 

Daß aber die Buße alsbald auf den Glauben folgt, ja aus ihm entsteht, das muß außer Zweifel stehen. Vergebung und Lossprechung (von den Sünden) wird ja durch die Verkündigung des Evangeliums so dargeboten, daß der Sünder von der Tyrannei des Satans, vom Joch der Sünde, von der elenden Knechtung unter seine Laster frei wird und in Gottes Reich übergeht; deshalb kann nun niemand die Gnade des Evangeliums annehmen, ohne aus den Irrtümern seines bisherigen Lebens heraus auf den rechten Weg zurückzulenken und all seinen Eifer auf ein ernstes Trachten nach der Buße zu richten.

 

Einige meinen, die Buße gehe dem Glauben voran, statt aus ihm hervorzugehen oder wie eine Frucht aus dem Baume zu erwachsen; aber diese Leute haben die Kraft der Buße nie und nimmer verstanden und stützen ihre Ansicht auf unzureichende Beweise.

 

 

 

III,3,2

 

Die Vertreter der letztgenannten Ansicht behaupten nun, Christus und Johannes der Täufer hätten in ihren Reden zuerst das Volk zur Buße aufgefordert, und erst dann hätten sie auch zugefügt: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Matth. 3,2; 4,17). Der gleiche Auftrag ist nach ihrem Hinweis auch den Aposteln für ihre Predigt mitgegeben worden; auch Paulus ist dieser Regel gefolgt, wie Lukas berichtet (Apg. 20,21). Aber sie klammern sich dabei abergläubisch an die äußerliche Reihenfolge der Silben und achten nicht darauf, in welchem Sinn diese untereinander zusammenhängen. Wenn nämlich der Herr Christus und Johannes bei ihrer Predigt ausrufen: „Tut Buße; denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, so sehen sie doch gerade in der Gnade und der Heilsverheißung den Grund für die Buße! Was sie sagen, ist genau dasselbe, als wenn sie sich ausdrückten: Da das Himmelreich nahe herbeigekommen ist, so tut Buße! Das macht uns auch Matthäus deutlich: er berichtet, wie Johannes in dieser Welt gepredigt hat, und dann erklärt er, in ihm sei die Weissagung des Jesaja in Erfüllung gegangen: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste. Bereitet dem Herrn den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott“ (Jes. 40,3). Bei dem Propheten aber bekommt diese „Stimme“ den Auftrag, mit dem Trost und der fröhlichen Botschaft zu beginnen!

 

Wenn ich nun aber den Ursprung der Buße im Glauben suche, so bedeutet das doch nicht, daß ich mir etwa einen Zeitabstand zwischen beiden erträumte, in welchem der Glaube die Buße hervorbrachte; ich will nur darlegen, daß der Mensch nicht ernstlich nach der Buße trachten kann, wenn er nicht weiß, daß er Gottes Eigentum ist. Die Gewißheit, Gottes Eigentum zu sein, kann aber nur der erlangen, der zuvor seine Gnade ergriffen hat. Doch dies wird im Laufe der Erörterung noch deutlicher werden.

 

Was jene Täuschung (hinsichtlich der Aufeinanderfolge von Glauben und Buße) hervorgerufen hat, mag auch die Beobachtung gewesen sein, daß viele Menschen von den Schrecken des Gewissens bezwungen und zum Gehorsam gebracht werden, bevor sie eine Erkenntnis der Gnade erlangt, ja auch nur von ihr gekostet haben. Das ist nun eine solche Furcht, wie sie Anfänger haben; einige wollen sie gar zu den Tugenden rechnen, weil sie sehen, daß sie dem wahren, rechten Gehorsam immerhin nahekommt. Aber hier handelt es sich ja nicht darum, auf wie verschiedene Weise uns Christus zu sich zieht oder auf das Trachten nach Frömmigkeit vorbereitet; ich sage nur das Eine: es ist keine Aufrichtigkeit zu finden, bei der nicht der Heilige Geist das Regiment führt, den Christus empfangen hat, um ihn seinen Gliedern mitzuteilen. Auch wird ja nach dem Psalmwort: „Bei dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte“ (Ps. 130,4), nur der wirklich Gott fürchten, der darauf vertraut, daß er ihm gnädig ist; nur der wird sich willig aufmachen, um das Gesetz zu beobachten, der die Gewißheit hat, daß sein Dienst Gott wohlgefällt. Und dabei ist die Nachsicht, mit der Gott unsere Laster vergibt und trägt, ein Zeichen seiner väterlichen Gunst. Das zeigt uns auch ein Mahnwort des Hosea: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns zerschlagen, er wird uns auch verbinden“ (Hos. 6,1). Da wird die Hoffnung auf die Vergebung als ein Antrieb hinzugesetzt, damit das Volk nicht in seinen Sünden verstumpfe.

 

Jeden Schein einer Begründung entbehrt aber der Wahnwitz solcher Leute, die, um ja mit der Buße einen Anfang zu machen, ihren Neulingen im Glauben bestimmte Tage vorschreiben, an denen sie sich in der Buße üben sollen, und sie erst dann in die Gemeinschaft an der Gnade des Evangeliums aufnehmen wollen, wenn diese Tage vorbei sind. Ich spreche hier von den meisten der Wiedertäufer, besonders von denen, die sich wunderbar darin gefallen, für „geistlich“ gehalten zu werden, ferner auch von ihren Genossen, den Jesuiten, und ähnlichem Auswurf. Solche Früchte bringt nämlich jener Schwindelgeist, daß man die Buße, die ein Christenmensch sein Leben lang zu üben hat, auf wenige Lage beschränkt.

 

 

 

III,3,3

 

Einige gelehrte Männer haben nun lange vor dieser Zeit in der Absicht, von der Buße nach der Regel der Schrift schlicht und klar zu reden, den Satz ausgesprochen, sie bestehe aus zwei Stücken: Abtötung und Lebendigmachung.

 

Unter „Abtötung“ (mortificatio) verstehen sie den Schmerz der Seele und das Erschrecken, das aus der Erkenntnis der Sünde und aus dem Empfinden des Zorns Gottes entsteht. Sobald nämlich jemand zur wahren Erkenntnis der Sünde gebracht ist, fängt er auch an, die Sünde wirklich zu hassen und zu verabscheuen, dann mißfällt er sich selbst von Herzen, gesteht, daß er elend und verloren ist, und begehrt, ein anderer Mensch zu werden. Sobald ihn dann ein Empfinden des Gerichtes Gottes erfaßt - denn dies Zweite folgt von selbst aus dem Ersten! - dann liegt er erschüttert und zerschmettert am Boden, erzittert in Demut und Beugung, verzagt und verzweifelt. Das ist der erste Teil der Buße, den man auch gewöhnlich Zerknirschung (contritio) nennt.

Unter „Lebendigmachung“ (vivificatio) versteht man den Trost, der aus dem Glauben zu uns kommt: da darf nämlich der Mensch, den das Bewußtsein der Sünde zu Boden geworfen, die Furcht Gottes erschüttert hat, hernach auf Gottes Güte, Barmherzigkeit und Gnade schauen, auf das Heil, das durch Christus geschieht;

 

da richtet er sich auf, schöpft Atem, faßt wieder Mut und kommt sozusagen vom Tode ins Leben!

 

Diese beiden Ausdrücke (Abtötung und Lebendigmachung) bringen, sofern nur ihre richtige Auslegung festgehalten wird, die Kraft der Buße in geeigneter Weise zum Ausdruck. Dagegen kann ich dem nicht zustimmen, daß man die Lebendigmachung als die Freude versteht, die das Herz empfängt, wenn es aus der Erschütterung und Furcht heraus wieder zur Ruhe gekommen ist. Lebendigmachung bedeutet vielmehr das eifrige Trachten nach einem heiligen und frommen Leben, wie es aus der Wiedergeburt erwächst, es besagt also soviel, als wenn es hieße: der Mensch stirbt sich selber, um Gott zu leben.

 

 

 

III,3,4

 

Andere Theologen gingen von der Beobachtung aus, daß der Begriff „Buße“ in der Schrift verschieden verstanden ist, und deshalb haben sie zweierlei Gestalt der Buße unterschieden. Dazu bedurfte es bestimmter Kennzeichen, und so nannte man die erste Gestalt „gesetzliche Buße“: der Sünder wird durch das Brandmal der Sünde verwundet, vom Schrecken vor Gottes Zorn zerschmettert, und in dieser Verwirrung bleibt er hängen und kann sich nicht herauswinden. Die andere Gestalt der Buße nannte man „evangelisch“: auch hier ist der Sünder in sich selbst schwer getroffen, aber er vermag doch höher zu dringen und ergreift Christus als Arznei für seine Wunde, als Trost in seinem Schrecken, als Hafen für sein Elend.

 

Als Beispiel für die „gesetzliche“ Buße nennt man Kain, Saul und Judas Ischariot (Gen. 4,13; 1. Sam. 15,30; Matth. 27,4); von deren Buße berichtet uns die Schrift, und sie versteht darunter, daß sie die Schwere ihrer Sünde erkannt und Gottes Zorn gefürchtet haben; aber sie verstanden Gott bloß als Rächer und Richter, und über dieser Empfindung sind sie zugrunde gegangen. Ihre Buße war also nichts anderes als gewissermaßen der Vorhof der Hölle: in ihn sind sie schon bei Lebzeiten eingegangen und haben da angesichts des Zornes der Majestät Gottes angefangen, ihre Strafe zu erleiden.

 

Die „evangelische“ Buße können wir an all den Menschen beobachten, die zwar in sich selber vom Stachel der Sünde verletzt waren, aber durch die Zuversicht auf Gottes Erbarmen wieder aufgerichtet und erquickt und zu dem Herrn bekehrt wurden. So wurde Hiskia durch die Todesbotschaft, die er erhielt, in Schrecken gejagt, aber er betete unter Tränen, richtete den Blick auf Gottes Güte und gewann so wieder Zuversicht (2. Kön. 20,2; Jes. 38,2). Auch die Niniviten wurden durch die Schreckensbotschaft von dem Untergang der Stadt erschüttert, aber sie beteten im Sack und in der Asche und hofften, der Herr könnte anderen Sinnes werden und von dem Grimm seines Zorns sich abkehren (Jon. 3,5). David mußte bekennen, daß er mit seiner Volkszählung schrecklich gesündigt hatte, aber er fügte doch die Bitte hinzu: „Herr, nimm weg die Missetat deines Knechts!“ (2. Sam. 24,10). Er erkannte auf die harten Tadelworte des Nathan hin seinen Ehebruch als Schuld an und warf sich vor dem Herrn nieder; aber er hoffte doch zugleich auf Vergebung! (2. Sam. 12,13. 16). Von dieser Art war auch die Buße der Menschen, denen die Predigt des Petrus „durchs Herz ging“, die aber dann doch im Vertrauen auf Gottes Güte weiterhin fragten: „Ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir tun?“ (Apg. 2,37). Von dieser Art war auch die Buße des Petrus selber, der zwar „bitterlich weinte“, aber doch nicht aufhörte zu hoffen (Matth. 26,75; Luk. 22,62).

 

 

 

III,3,5

All dies ist wahr; und doch besagt der Ausdruck „Buße“ selbst, sofern ich ihn aus der Schrift verstehen kann, etwas anderes. Daß man dabei nämlich den Glauben mit unter der Buße begreift (im Sinne der „evangelischen“ Buße), das steht im Widerspruch zu den Worten des Paulus in der Apostelgeschichte: „Und habe bezeugt, beiden, den Juden und Griechen, die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus (Apg. 20,21). Da nennt er Buße und Glauben nebeneinander als zwei verschiedene Dinge. Ja, fragt man, kann denn die wahre Buße ohne den Glauben

 

bestehen? - Gewiß nicht. Man kann sie nicht voneinander trennen, aber man muß sie deshalb doch voneinander unterscheiden! Der Glaube ist ja auch nie ohne die Hoffnung da, und doch sind Glaube und Hoffnung etwas Verschiedenes; so muß man auch Buße und Glauben, obwohl sie durch ein beständiges Band zusammenhängen, doch miteinander verbunden denken, statt sie zu vermischen.

 

Es ist mir zwar nicht verborgen, daß unter dem Ausdruck „Buße“ die ganze Bekehrung zu Gott begriffen wird, zu der ja nicht zuletzt auch der Glaube gehört; in welchem Sinne das aber geschieht, das wird sich leicht zeigen, wenn wir Kraft und Wesen der Buße näher beleuchtet haben. Das Wort „Buße“ ist bei den Hebräern von „Umkehr“ oder „Rückkehr“, bei den Griechen von „Änderung des Sinnes“ oder „Änderung eines Ratschlusses“ hergenommen; beiden sprachlichen Ableitungen entspricht die beschriebene Sache durchaus: Buße ist ja im wesentlichen darin beschlossen, daß wir von uns selbst auswandern und uns zu Gott „kehren“, daß wir den vorigen Sinn ablegen und einen neuen annehmen! Es ist deshalb, nach meinem Urteil wenigstens, keine üble Beschreibung des Begriffs „Buße“, wenn man sagt: Buße ist die wahre Hinkehr unseres Lebens zu Gott, wie sie aus echter und ernster Gottesfurcht entsteht; sie umfaßt einerseits das Absterben unseres Fleisches und des alten Menschen, anderseits die Lebendigmachung im Geiste.

 

In diesem Sinne muß man auch all die Reden verstehen, mit denen einst die Propheten und dann später die Apostel die Menschen ihrer Zeit zur Buße mahnten. Denn sie haben alle auf das Eine gedrungen, daß die Menschen, erschüttert von ihren Sünden, durchbohrt von der Furcht vor Gottes Gericht, sich vor Gott, den sie abtrünnig verlassen hatten, niederwarfen, sich vor ihm demütigten und in wahrer Bekehrung auf seinen rechten Weg zurückkehrten. Die Worte, die sie brauchten, hatten also unterschiedslos alle den gleichen Sinn, ob es nun heißt „sich zu Gott kehren“ oder „zu Gott umkehren“ oder „anderen Sinnes werden“ oder „Buße tun“ (Matth. 3,2). Deshalb heißt es in der Heiligen Geschichte auch, das Bußetun bedeute eine Wendung „zu Gott“: das geschieht, wenn Menschen, die sich von ihm abgewandt und sich in ihren Lüsten haben gehen lassen, nun anfangen, seinem Worte zu gehorchen (1. Sam. 7,3), sich seiner Führung zu unterstellen und zu gehen, wohin er sie ruft! Johannes und Paulus sprechen auch von „würdigen Früchten der Buße“, die einer bringt (Luk. 3, 8; Röm. 6,4; Apg. 26,20), und verstehen darunter, daß einer ein Leben führt, das in allen seinen Taten ein Erweis, ein Zeugnis dieser Umkehr ist.

 

 

 

III,3,6

Bevor wir aber weitergehen, wird es von Nutzen sein, die oben gegebene Beschreibung der Buße noch näher zu erläutern. Es sind in ihr hauptsächlich drei Stücke zu beachten. Wir sprachen zunächst von der Buße als Hinkehr unseres Lebens zu Gott; darunter verlangen wir eine Umgestaltung, nicht nur in äußeren Werken, sondern in der Seele selbst; denn diese kann erst dann mit dem Werk solche Früchte bringen, die ihrer Erneuerung entsprechen, wenn sie ihr altes Wesen abgelegt hat. Das will der Prophet Ezechiel zum Ausdruck bringen; deshalb ruft er den Menschen, die er zur Buße mahnt, die Weisung zu: „Machet euch ein neues Herz!“ (Ez. 18,31). Wenn daher Mose, wie er es öfters tut, zeigen will, wie die Israeliten sich, von der Buße geleitet, zum Herrn bekehren sollten, dann verlangt er, das solle „von ganzem Herzen“, „von ganzer Seele“ geschehen (Deut. 6,5; 10,12; 30,6), und die Propheten sehen wir diese Redeweise mitunter wiederholen (Jes. 24,7); Mose nennt das auch „Beschneidung des Herzens“, und damit dringt er auch in unsere tiefsten Regungen ein (Deut. 10,16; 30,6). Am deutlichsten aber geht der wahre Sinn der Buße aus dem vierten Kapitel des Propheten Jeremia hervor: „Willst du dich, Israel, bekehren, so bekehre dich zu mir ... Pflüget ein Neues und sät nicht unter die Hecken. Beschneidet euch dem Herrn und tut weg die Vorhaut eures Herzens!“ (Jer. 4,1. 3. 4). Sie werden also, das bezeugt ihnen der Prophet, mit all ihrem Eifer um die Erlangung der Gerechtigkeit nichts ausrichten, wenn nicht zu allererst

 

aus dem tiefsten Herzen die Unfrömmigkeit hinausgeworfen wird! Um sie im Tiefsten zu packen, weist er darauf hin, daß sie es mit dem Gott zu tun haben, vor dem keinerlei Ausflüchte etwas nützen; denn er haßt ja ein zwiespältiges Herz! Deshalb verspottet auch Jesaja das verkehrte Treiben der Heuchler, die sich zwar äußerlich, in allerlei Zeremonien, die größte Mühe mit der Bekehrung machten, aber sich unterdessen gar nicht darum sorgten, die Last der Ungerechtigkeiten, mit der sie die Armen gebunden hielten, wegzunehmen! (Jes. 58,6). Da zeigt er sehr schön, in was für Leistungen eine ungeheuchelte Buße sich eigentlich erweist.

 

 

 

III,3,7

 

Ich habe dann in meiner Beschreibung des Begriffs „Buße“ als zweites wesentliches Stück gelehrt, daß die Buße aus der ernsten Furcht Gottes hervorwächst. Ehe sich nämlich das Herz des Sünders zur Bekehrung neigt, muß es zuvor durch den Gedanken an das göttliche Gericht dazu erweckt werden. Ist uns einmal der Gedanke tief ins Herz gedrungen, daß Gott dereinst seinen Richtstuhl besteigen wird, um Rechenschaft zu fordern für alle unsere Worte und Taten, so läßt er den armen Menschen nicht ruhen, auch nicht einen Augenblick aufatmen, nein, er drängt ihn immer wieder, ein ganz anderes Leben zu begehren, um vor jenem Gericht sicher bestehen zu können. Deshalb erwähnt die Schrift bei ihren Aufrufen zur Buße zwischendurch öfters das Gericht, so bei Jeremia: „... auf daß nicht mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, daß niemand löschen kann, um eurer Bosheit willen!“ (Jer. 4,4). Ähnlich heißt es in der Rede des Paulus an die Athener: „Und zwar hat Gott die Zeit der Unwissenheit übersehen; nun aber gebietet er allen Menschen an allen Enden, Buße zu tun, darum daß er einen Tag gesetzt hat, an welchem er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit ...“ (Apg. 17,30f.). So finden wir es auch an vielen anderen Stellen. Zuweilen zeigt uns die Schrift auch durch den Hinweis auf bereits ergangene Strafen, daß Gott der Richter ist: da sollen die Sünder bei sich bedenken, daß ihnen noch schlimmere Strafgerichte drohen, wenn sie sich nicht beizeiten bekehren. Ein Beispiel dafür haben wir im 29. Kapitel des Deuteronomiums (Deut. 29,19ff.).

 

Da nun die Umkehr damit beginnt, daß wir der Sünde gegenüber Abscheu und Haß empfinden, so nennt Paulus die „göttliche Traurigkeit“ (2. Kor. 7,10) den rechten Grund der Buße. Diese „göttliche Traurigkeit“ bedeutet, daß wir nicht etwa bloß vor der Strafe erschrecken, sondern vor der Sünde selbst Haß und Abscheu empfinden, da wir wissen, daß sie Gott ein Greuel ist. Das ist auch nicht verwunderlich: denn wenn wir nicht hart gestochen würden, so wäre unseres Fleisches Trägheit nicht zu beheben; ja, selbst Stiche würden bei seiner Stumpfheit und Faulheit nicht genügen, wenn Gott uns nicht die Rute zu fühlen gäbe und so tiefer auf uns eindränge! Es ist ja auch noch die Halsstarrigkeit da, die wie mit einem Hammer zertrümmert werden muß. Die Strenge, mit der Gott uns droht, zwingt ihm also die Bosheit unseres Herzens ab; denn freundliche Lockung wäre bei uns Schlafenden vergebens. Die einzelnen Schriftzeugnisse, die uns immer wieder begegnen, will ich hierzu nicht aufzählen.

 

Die Furcht Gottes ist aber auch noch in einem anderen Sinne der Anfang der Buße. Hätte ein Mensch in seinem Leben alle Tugenden erlangt, ohne indessen auf den Dienst Gottes ausgerichtet zu sein, so würde er wohl von der Welt gelobt werden, aber im Himmel wäre sein Leben doch ein Greuel; denn das wichtigste Stück der Gerechtigkeit ist ja gerade, daß man Gott sein Recht und die ihm zukommende Ehre zuteil werden läßt: eben dies Recht, diese Ehre rauben wir Gott aber, wenn wir nicht den festen Vorsatz haben, uns seiner Regierungsgewalt zu unterwerfen.

 

 

 

III,3,8

Jetzt müssen wir zum Dritten noch erläutern, was es denn bedeuten soll, wenn ich oben davon sprach, die Buße umfasse zwei Stücke, nämlich die Abtötung des Fleisches und die Lebendigmachung des Geistes. Die Propheten drücken das klar aus, obwohl sie sich dem Verständnis des Volkes anpassen und deshalb recht schlicht

 

und grob davon reden. So heißt es im 34. Psalm: „Laß ab vom Bösen und tue Gutes“ (Ps. 34,15), oder bei Jesaja: „waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen; laßt ab vom Bösen; lernet Gutes zu tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten ...“ (Jes. 1,16f.). Denn wenn sie das Volk vor der Bosheit warnen, so fordern sie damit den Untergang des ganzen Fleisches, das ja voller Bosheit und Verderbnis steckt. Es ist freilich sehr schwer und hart, uns selbst auszuziehen und die angeborene Art fahren zu lassen, denn wir dürfen nicht glauben, das Fleisch sei wirklich gestorben, solange nicht alles abgetan ist, was wir von uns selber haben. Weil aber die ganze Sinnesrichtung des Fleisches „Feindschaft wider Gott“ ist (Röm. 8,7), so ist der erste Schritt zum Gehorsam gegen sein Gesetz die Verleugnung unserer eigenen Natur!

 

Danach aber weist der Prophet (an der erwähnten Stelle, Jes. 1,16f.) auch auf die Erneuerung hin, und zwar auf Grund der Früchte, die aus ihr hervorgehen: Gerechtigkeit, Gericht und Barmherzigkeit. Denn es wäre nicht genug, wenn wir uns der Verpflichtung zu solchen Werken ordnungsmäßig entledigten, sofern nicht unser Gemüt und Herz selber die entsprechende Gesinnung angenommen hätte; dies geschieht aber dann, wenn der Geist Gottes unsere Seele in seine Heiligkeit eintaucht, sie mit neuen Gedanken und Regungen erfüllt, so daß sie wirklich als neu gelten darf. Wir werden uns eben, da wir von Natur von Gott abgewandt sind, sicherlich niemals nach dem ausstrecken, was recht ist, wenn wir uns nicht zuvor selber verleugnet haben. Deshalb wird uns so oft befohlen, den alten Menschen auszuziehen, der Welt und dem Fleische abzusagen, unseren Begierden den Abschied zu geben und uns zu „erneuern im Geist unseres Gemüts“ (vgl. Eph. 4,23). Der Ausdruck „Abtötung“ erinnert uns ja auch selbst daran, wie schwer es ist, die frühere Natur zu vergessen: wir merken an diesem Wort, daß wir erst dann zur Furcht Gottes geschickt sind und die Anfangsgründe der Frömmigkeit zu lernen vermögen, wenn uns das Schwert des Geistes mit Gewalt ertötet und zunichte gemacht hat; Gott will uns sozusagen wissen lassen, daß wir allein durch das völlige Vergehen unserer gewöhnlichen Natur dazu gelangen können, zu seinen Kindern gezählt zu werden.

 

 

 

III,3,9

 

Beides, Ersterben und Lebendigwerden kommt uns durch das Teilhaben an Christus zu. Denn wenn wir wahrhaftig an Christi Tod Anteil haben, dann wird durch seine Kraft unser alter Mensch gekreuzigt, dann erstirbt der sündliche Leib, so daß die Verderbnis der ersten Natur ihre Kraft verliert! (Röm. 6,6). Wenn wir seiner Auferstehung teilhaftig werden, dann erstehen wir durch sie zu neuem Leben, das Gottes Gerechtigkeit entspricht. Ich beschreibe also die Buße mit einem Wort als Wiedergeburt; und der Zielpunkt dieser Wiedergeburt ist allein darin zu suchen, daß das Ebenbild Gottes in uns wiederhergestellt wird, welches durch Adams Übertretung besudelt und so gut wie ausgelöscht war. So lehrt es der Apostel, wenn er sagt: „Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der anderen, als vom Herrn, der der Geist ist“ (2. Kor. 3,18). Ähnlich: „Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist zu rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph. 4,23f.). Oder auch: „Ziehet den neuen Menschen an, der da erneuert wird zu der Erkenntnis nach dem Ebenbilde des, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3,10). So werden wir also durch Christi Wohltat in dieser Wiedergeburt zu der Gerechtigkeit Gottes wieder erneuert, aus der wir in Adam herausgefallen waren; das ist die Art, in der es dem Herrn gefallen hat, all die Menschen vollkommen wieder zurechtzubringen, die er zum Erbe des ewigen Lebens angenommen hat.

 

Diese Erneuerung aber kommt nun nicht in einem Augenblick, auch nicht an einem Tag oder in einem einzigen Jahr zur Vollendung; nein, Gott tilgt bei seinen Auserwählten in dauerndem, ja auch langsamem Weiterschreiten die Verderbnisse des Fleisches, er reinigt sie von ihren Befleckungen und weiht sie zu einem Tempel, der ihm heilig sei, erneuert alle ihre Sinne zu wahrer Reinheit, damit sie sich in ihrem ganzen Leben in der Buße üben: sie sollen wissen, daß dieser Kriegsdienst erst mit dem Tode sein Ende findet. Um so größer ist die Bosheit jenes unsauberen Schwätzers, des abtrünnigen Staphylus: er behauptet in seinem Geschwätz, ich vermengte den Zustand des gegenwärtigen Lebens mit der himmlischen Herrlichkeit, weil ich nach Paulus vom Ebenbilde Gottes (2. Kor. 4,4) behaupte, es bestehe in „wahrhaftiger Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (vgl. Eph. 4,24). Als ob man, wenn man ein Ding beschreibt, nicht dessen vollendetes, vollkommenes Wesen suchen müßte! Es wird damit ja auch dem Wachstum nicht der Raum streitig gemacht; ich behaupte nur: so weit jemand der Ähnlichkeit mit Gott nähergekommen ist, muß man von ihm urteilen, in ihm leuchte Gottes Ebenbild hervor. Damit die Gläubigen dahin gelangen, weist ihnen Gott die Kampfbahn der Buße zu, auf der sie ihr Leben lang zu laufen haben.

 

 

 

III,3,10

 

Durch die Wiedergeburt werden also die Kinder Gottes von der Knechtschaft der Sünde frei; aber nicht etwa derart, daß sie gleichsam den vollen Besitz dieser Freiheit bereits erlangt hätten und nun von seiten ihres Fleisches keinerlei Beschwernis mehr empfänden; nein, vielmehr so, daß ihnen immer Anlaß genug zum Streite bleibt, der ihnen Übung verleihen, ja nicht nur dies, sondern der ihnen auch ihre Schwachheit besser zum Bewußtsein bringen soll. Alle kirchlichen Schriftsteller mit einigermaßen gesundem Urteil sind darin einig, daß auch im wiedergeborenen Menschen ein Zündstoff für das Böse bleibt, aus dem in einem fort die Begierden hervorbrechen, die ihn zur Sünde verleiten und aufstacheln. Sie gestehen auch, daß die Heiligen von dieser Krankheit der Begierde dermaßen umstrickt sind, daß sie zuweilen unvermeidlich zur bösen Lust, zur Habgier, zur Ehrsucht oder zu anderen Lastern gereizt und angetrieben werden. Es ist nicht erforderlich, hier viel Mühe auf das Aufsuchen von Aussprüchen der Alten zu verwenden; es genügt dazu der Hinweis auf Augustin, der mit Treue und großem Fleiß die Aussagen aller Kirchenväter dazu gesammelt hat (in der Schrift gegen den Pelagianer Julian, II,1,3). Aus ihm mögen sich die Leser ihre Kenntnis holen, wenn sie eine begründete Anschauung von der Meinung der Alten haben wollen.

 

Man könnte freilich zwischen Augustins Überzeugung und der meinigen einen scheinbaren Unterschied feststellen. Augustin gibt zwar zu, daß die Gläubigen, solange sie in ihrem sterblichen Leibe wohnen, dermaßen von den Begierden gefesselt gehalten werden, daß sie nicht anders können, als zu begehren; er wagt aber nicht, dieses Gebrechen als Sünde zu bezeichnen; vielmehr gibt er sich zur Andeutung dieses Gebrechens mit der Bezeichnung „Schwachheit“ zufrieden und lehrt, erst dann werde daraus die Sünde, wenn zu dem Vorsatz und dem bösen Gedanken das Werk selbst oder die bewußte innere Zustimmung käme, wenn also der Wille diesem ersten Antrieb nachgebe. Ich dagegen halte auch das für Sünde, daß der Mensch überhaupt von irgendeiner Begierde gegen Gottes Gesetz aufgestachelt wird; ja ich behaupte, daß die Bosheit selbst, die all diese vielen Begierden in uns erzeugt, für Sünde zu halten ist. Ich lehre also, daß in den Heiligen, solange sie diesen sterblichen Leib an sich tragen, immer noch Sünde wohnt; denn in ihrem Fleische hat jene Bosheit, die die Begierde hervorbringt, jene Bosheit, die mit der Rechtschaffenheit im Widerspruch steht, ihre Wohnstatt.

Indessen meidet Augustin den Ausdruck „Sünde“ in diesem Sinne nicht immer; so sagt er: „Unter \'Sünde\' versteht Paulus das, woraus alle Sünden hervorgehen, nämlich die fleischliche Begierde. Im Bezug auf die Heiligen nun verliert diese auf

 

Erden ihr Herrschaftsrecht, und im Himmel vergeht sie“ (Predigt 155). Mit diesen Worten gibt er zu, daß die Gläubigen, sofern sie den Begierden des Fleisches unterworfen sind, der Sünde schuldig sind.

 

 

 

III,3,11

 

Daß aber Gott nach dem Zeugnis der Schrift seine Kirche von aller Sünde reinigt (Eph. 5,26f.), daß er diese Gnade der Befreiung durch die Taufe verheißt und diese Zusage in seinen Auserwählten auch erfüllt, das möchte ich eher auf die Befreiung von der Schuld als auf die vom Ansatz der Sünde selbst beziehen. Indem Gott die Seinigen zur Wiedergeburt kommen läßt, bewirkt er freilich, daß die Herrschaft der Sünde in ihnen abgetan wird - denn er schenkt ihnen ja die Kraft seines Geistes, in der sie den Kampf gewinnen und Sieger werden sollen! -; aber die Sünde hört bloß auf, in ihnen zu herrschen, nicht aber auch, in ihnen zu wohnen! Gewiß ist, so sagen wir, der alte Mensch gekreuzigt, gewiß ist in den Kindern Gottes das Gesetz der Sünde abgetan (Röm. 6,6); aber es bleiben doch noch Reste, freilich nicht, um in ihnen zu herrschen, wohl aber, um sie durch das Bewußtsein ihrer Schwachheit zu demütigen. Wir gestehen zwar, daß sie nicht angerechnet werden, als ob sie also gar nicht da wären; aber wir behaupten: allein aus Gottes Erbarmen werden die Heiligen, die sonst mit Recht als Sünder und Schuldige vor Gott stünden, von dieser Schuld freigesprochen. Es ist mir auch nicht schwer, diesen Satz zu beweisen; denn es gibt hierzu klare Zeugnisse der Schrift. Am deutlichsten ist das, was Paulus in Römer 7 ausruft. Zunächst: daß er da als wiedergeborener Mensch redet, habe ich schon an anderer Stelle (II,3,27) gezeigt, auch hat es Augustin mit zuverlässigen Gründen bewiesen. Ich will davon schweigen, daß er da die Ausdrücke „Böses“ und „Sünde“ (als Wiedergeborener und mit Bezug auf diesen!) gebraucht. Aber wie sehr nun auch die Widersacher unserer Lehre hinter diesen beiden Worten eine Ausflucht suchen wollen, so frage ich doch: wer will denn leugnen, daß der Widerstreit gegen Gottes Gesetz (den Paulus nach seiner Aussage in sich trägt!) böse ist? Wer will leugnen, daß die Behinderung der Gerechtigkeit Sünde ist? Wer will endlich bestreiten, daß da, wo geistliches Elend herrscht, auch Schuld ist? Alles dies aber sagt Paulus von der Krankheit aus, von der hier die Rede ist!

 

Wir haben aber auch aus dem Gesetz einen sicheren Beweis, mit dessen Hilfe wir die vorliegende Frage kurz zu lösen vermögen. Da wird uns nämlich befohlen, Gott zu lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und aus allen unseren Kräften (Deut. 6,5; Matth. 22,37). Es sollen also alle Bereiche unserer Seele von der Liebe zu Gott mit Beschlag belegt sein, und deshalb leistet diesem Gebot ganz sicher kein Mensch Genüge, der nur den geringsten Reiz in sein Herz dringen läßt oder auch überhaupt einen Gedanken in seinem Inneren zulassen kann, der ihn von der Liebe zu Gott wegführte und der Eitelkeit preisgäbe! Wie? Sind es etwa keine Kräfte der Seele, wenn wir von plötzlichen Regungen berührt werden, sie mit unseren Sinnen ergreifen und im Gemüt einen Vorsatz fassen? Eröffnen diese unsere Fähigkeiten aber eitlen und bösen Gedanken den Zugang zu sich, so zeigen sie damit doch, daß sie in solchem Maße noch ohne die Liebe zu Gott sind! Wenn also jemand nicht zugeben will, daß alle Begierden des Fleisches Sünden sind, und daß diese Krankheit des Begehrens, die man „Zunder“ nennt, geradezu der Brunnquell der Sünde ist, - so muß er notwendig leugnen, daß die Übertretung des Gesetzes Sünde ist.

 

 

 

III,3,12

Es könnte aber vielleicht jemandem ungereimt erscheinen, daß auf diese Weise allgemein sämtliche Begierden, die sich natürlicherweise im Menschen regen, verdammt würden; er könnte sagen, sie seien uns doch von Gott, dem Urheber der Natur, eingepflanzt. Ich antworte darauf: ich verdamme keineswegs die Begehrungen, die Gott in das Wesen des Menschen mit der ersten Schöpfung eingeprägt hat und die deshalb auch nur mit dem Menschsein des Menschen zusammen entwurzelt werden können; ich wende mich ausschließlich gegen die maßlosen und ungezähmten Regun-

 

gen, die mit Gottes Ordnung im Streit liegen. Aber aus der Bosheit unserer Natur heraus sind alle unsere Anlagen mit Lastern durchsetzt und verderbt, so daß in allem unserem Tun immer wieder Unordnung und Unmäßigkeit an den Tag tritt; da nun unsere Begehrungen von dieser Zuchtlosigkeit nicht getrennt werden können, so behaupte ich, daß sie verderbt sind. Ich kann auch das Wichtigste kurz zusammenfassen: Ich lehre, daß alle Begierden des Menschen böse sind und erkläre sie für der Sünde schuldig, und zwar nicht, sofern sie natürlich sind, sondern sofern sie ordnungswidrig sind; das sind sie aber, weil aus der verderbten, befleckten Natur nichts Reines und Lauteres hervorgehen kann.

 

Von dieser Lehre ist Augustin nicht so weit entfernt, wie es den Anschein hat. Er hatte zwar eine mehr als billige Scheu vor der üblen Nachrede, mit der ihn die Pelagianer zu belästigen trachteten, und darum vermeidet er zuweilen auch das Wort „Sünde“ (An Bonifacius, I,13,27; III,3,5). Aber er schreibt doch auch, in den Heiligen bleibe das Gesetz der Sünde, aufgehoben werde in ihnen allein die Schuld; damit zeigt er ganz deutlich, daß er von meiner Anschauung nicht weit ab ist.

 

 

 

III,3,13

 

Ich will aber noch einige weitere Äußerungen beibringen, aus denen seine Anschauung noch klarer werden wird. So schreibt er in seinem zweiten Buche gegen Julian: „Dies Gesetz der Sünde ist durch die geistliche Wiedergeburt vergeben, aber es bleibt im sterblichen Fleische bestehen. Vergeben ist es, weil in dem Sakrament, durch welches die Gläubigen wiedergeboren werden (nämlich der Taufe!), die Schuld gelöst ist; es bleibt aber zugleich, weil es ja die Lüste bewirkt, gegen welche auch die Gläubigen zu streiten haben“ (Gegen Julian, II,3,5). Oder: „Das Gesetz der Sünde also, das auch ein so großer Apostel in seinen Gliedern trug, wird in der Taufe vergeben, aber nicht etwa beendet“ (Ebenda II,4,8). Oder auch: „Dieses Gesetz der Sünde, das zwar in uns bleibt, dessen Schuld aber in der Taufe gelöst ist, hat Ambrosius ‘Ungerechtigkeit\' genannt; denn es ist in der Tat ‘ungerecht\', wenn ‘das Fleisch gelüstet wider den Geist\'” (Ebenda II,5,12). Ähnlich auch: „Die Sünde ist tot, was die Schuld anlangt, in der sie uns gefangen hielt; aber bis sie durch vollkommenes Begrabensein gänzlich geheilt ist, leistet sie selbst in ihrem Tode noch Widerstand“ (Ebenda II,9,32). Noch klarer drückt er sich im fünften Buche (gegen Julian) aus: „Die Blindheit des Herzens ist Sünde, kraft deren man nicht an Gott glaubt; sie ist zugleich Strafe für die Sünde, mit der das hoffärtige Herz in gerechter Züchtigung bestraft wird, und sie ist zugleich Ursache der Sünde, da der Irrtum des blinden Herzens sich in Taten auswirkt. Genau dementsprechend ist auch die Begierde des Fleisches, gegen die der gute Geist „gelüstet“, einerseits Sünde, weil ihr der Ungehorsam gegen die Herrschaft des Geistes innewohnt, sie ist anderseits auch Strafe für die Sünde, weil sie die Vergeltung für die Schuld und den Ungehorsam des Menschen darstellt, und sie ist zugleich Ursache der Sünde, weil wir ihr innerlich zustimmen und so abfallen, und weil wir ja schon von Geburt an mit ihr besudelt sind“ (Gegen Julian V,3, 8). Hier nennt also Augustin die böse Begierde unzweideutig „Sünde“; denn hier hat er den Irrtum der Pelagianer bereits niedergeworfen und die Wahrheit zum Siege geführt, deshalb hat er hier weniger Scheu vor der bösen Nachrede seiner Gegner! Ganz ähnlich ist es auch in der 41. Johannespredigt, in der Augustin ohne den Blick auf einen Gegner seines Herzens Meinung frei ausspricht: „Wenn du im Fleische dem Gesetz der Sünde dienst, so mache es nach dem Wort des Apostels: ‘So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten\' (Röm. 6,12). Er sagt: Lasset sie nicht herrschen, nicht aber: lasset sie nicht sein. Denn solange du lebst, ist die Sünde notwendig in deinen Gliedern, nur soll ihr die Herrschaft genommen werden: es soll nicht mehr geschehen, was sie befiehlt!“ (Predigt 41 zum Johannesevangelium).

 

Wer nun behauptet, die böse Lust sei keine Sünde, der beruft sich gern auf das Wort des Jakobus: „Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde“ (Jak. 1,15). Aber das läßt sich ohne Mühe zurückweisen; denn wenn wir nicht begreifen, daß er hier allein von den bösen Werken oder den sogenannten Tatsünden redet, dann wird auch der böse Wille für uns nicht als Sünde gelten. Tatsächlich bezeichnet er die Freveltaten und bösen Werke als Ausgeburten der Begierde und belegt sie mit dem Wort „Sünde“, aber daraus folgt doch keineswegs, daß das Begehren etwa keine böse Sache oder daß es vor Gott nicht verdammlich wäre.

 

 

 

III,3,14

 

Heutzutage haben sich nun gewisse Wiedertäufer an Stelle der geistlichen Wiedergeburt irgendeine tolle Schwärmerei erdacht: nach ihrer Einbildung sollen die Gotteskinder bereits in den Stand der Unschuld zurückversetzt sein; sie brauchen sich also keinerlei Mühe mehr darum zu machen, wie sie die Lüste des Fleisches zähmen, nein, sie brauchen sich nur der Führung des Geistes hinzugeben, unter dessen Antrieb es kein Abirren mehr gibt! Man sollte nicht glauben, daß ein menschlicher Verstand auf einen derartigen Wahnsinn verfallen könnte, wenn sie ihre Lehre nicht offen und stolz ausplauderten. Es ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit; aber die Wiedertäufer erleiden damit die gerechte Strafe für ihre gotteslästerliche Vermessenheit, daß sie es unternommen haben, Gottes Wahrheit in Lüge zu verkehren. Soll denn wirklich aller Unterschied zwischen Schändlich und Ehrenhaft, Gerecht und Ungerecht, Gut und Böse, Tugend und Laster ein Ende haben? Die Wiedertäufer sagen: „Das ist ein Unterschied, der aus dem Fluch über Adam stammt, von dem uns Christus freigemacht hat!“ Das heißt also: zwischen Hurerei und Zucht, Lauterkeit und Verschlagenheit, Wahrheit und Lüge, Billigkeit und räuberischer Habgier soll kein Unterschied mehr sein! Da sagen sie nun aber: „Laß doch diese unnütze Furcht fahren; der Geist wird dir schon nichts Böses befehlen, du mußt dich nur sicher und unerschrocken seinem Antrieb hingeben!“ Wer wollte sich bei solchen Ungeheuerlichkeiten nicht entsetzen! Und doch ist es unter denen, die, durch den wahnsinnigen Drang der Lust verblendet, den gesunden Menschenverstand verloren haben (sensum communem exuerunt), eine ganz alltägliche Weltweisheit!

 

Ich frage nur: Was ist das für ein Christus, den sie uns vormachen, was ist das für ein Geist, den sie ausspeien? Wir kennen nämlich nur den einen Christus und seinen einen Geist, den die Propheten einst gerühmt haben, den uns das Evangelium als den Erschienenen predigt - aber von dem hören wir nichts dergleichen! Denn dieser Geist ist nicht der Schirmherr von Mord und Hurerei, Trunkenheit, hoffärtigem Wesen, Streit, Habgier und Betrug; er wirkt vielmehr Liebe, Keuschheit, Einfachheit, Bescheidenheit, Frieden, Mäßigung und Wahrheit! Er ist nicht ein Taumelgeist, der unbesonnen Hals über Kopf durch Recht und Unrecht hindurch vorstürmt, sondern er ist voll Weisheit und Verstand und unterscheidet damit Recht und Unrecht nach Gebühr voneinander! Er stachelt keinen Menschen zu ruchlosem, unbändigem Mutwillen auf, sondern macht einen scharfen Unterschied zwischen Erlaubt und Unerlaubt und lehrt uns so, Maß und Mäßigung zu halten. Aber wozu soll ich mir weiter Mühe machen, diesen ungeheuerlichen Wahnwitz zu widerlegen? Für den Christen ist der Geist des Herrn kein tobendes Gespenst, das er im Traum empfinge oder aus anderer Leute Träumerei herbekäme, sondern er sucht fromm in der Schrift, um diesen Geist kennenzulernen. Da aber finden wir zweierlei von ihm gesagt.

Wir hören erstens, daß er uns zur Heiligung gegeben ist: er soll uns von aller Unreinigkeit und Befleckung reinigen und zum Gehorsam gegenüber der Gerechtigkeit Gottes führen. Dieser Gehorsam aber kann nur bestehen, wenn wir unsere Begierden zähmen und unterwerfen; die Schwärmer wollen dagegen diesen Begierden die Zügel schießen lassen! Zweitens hören wir, daß diese Reinigung

 

durch die Heiligung des Geistes doch so vor sich geht, daß wir noch von viel Lastern und großer Schwachheit beherrscht werden, solange wir von der Last unseres Leibes eingeschlossen sind. So sind wir noch weit von der Vollkommenheit entfernt und müssen deshalb Tag für Tag etwas weiterschreiten; wir sind in allerlei Laster verstrickt und müssen deshalb alle Tage gegen sie kämpfen. Daraus folgt, daß wir alle Faulheit, alle fleischliche Sicherheit von uns werfen und mit innerster Anspannung auf der Wacht liegen müssen, damit wir nicht in Unvorsichtigkeit von der Tücke unseres Fleisches hintergangen werden. Wir sollen gewiß nicht glauben, wir könnten weiter vorwärtskommen, als der Apostel Paulus: der aber wurde doch von einem Engel des Satans gequält (2. Kor. 12,7), damit „die Kraft in der Schwachheit sich vollende“ (2. Kor. 12,9; nicht Luthertext), und er macht uns nichts vor, wenn er uns den Widerstreit zwischen Fleisch und Geist in seinem eigenen Fleische vor die Augen stellt! (Röm. 7,6ff.).

 

 

 

III,3,15

 

Der Apostel zählt nun bei der Beschreibung der Buße mit gutem Grunde sieben Regungen auf, die als deren Ursachen, Wirkungen oder auch Bestandteile zu gelten haben, nämlich „Fleiß“ oder Besorgnis, „Verantwortung, Zorn, Furcht, Verlangen, Eifer, Rache“ (2. Kor. 7,11). Es darf dabei nicht widersinnig erscheinen, daß ich nicht genau zu entscheiden wage, ob (und wieweit) hier Ursachen oder Wirkungen der Buße erscheinen; es läßt sich nämlich beides zur Erörterung stellen. Man kann auch sagen, daß es sich hier um Regungen handelt, die mit der Buße verbunden sind. Aber man kann auch unter Übergehung dieser Fragen die Absicht des Apostels feststellen, und deshalb wollen wir uns mit einer schlichten Erläuterung zufrieden geben.

 

Er sagt also zuerst, daß die göttliche Betrübnis den „Fleiß“ wirkt. Denn wer ein ernstliches Mißfallen an sich selber empfindet, weil er gegen seinen Gott gesündigt hat, der wird zugleich zu Fleiß und Achtsamkeit angetrieben, um sich gänzlich aus des Teufels Stricken herauszuwinden und sich vor seinen Nachstellungen besser in acht zu nehmen, damit er nur ja nicht hernach der Leitung durch den Heiligen Geist verlustig gehe und sich von der fleischlichen Sicherheit übermannen lasse.

 

Dann folgt bei Paulus die „Verantwortung“. „Verantwortung“ bedeutet an dieser Stelle nicht etwa soviel wie „Verteidigung“, als ob also der Sünder seine Verfehlung leugnete oder seine Schuld zu verkleinern suchte, um Gottes Gericht zu entgehen; es besagt hier vielmehr soviel wie „Reinigung“, die sich auf Abbitte und nicht auf das Vertrauen zur eigenen Sache gründet. Es geht jetzt wie bei Kindern, die nicht abtrünnig sind: wenn sie ihre Abirrungen erkennen und gestehen, so bitten sie doch um Vergebung; damit das nun recht geschehe, bezeugen sie auf alle mögliche Weise, daß sie die Ehrfurcht, die ihren Eltern zukommt, keineswegs von sich getan haben; kurz, sie entschuldigen sich nicht etwa, um gerecht und unschuldig dazustehen, sondern allein, um Vergebung zu erlangen!

 

Dann redet Paulus vom „Zorn“: der Sünder ist innerlich grimmig gegen sich selbst, rechtet mit sich selbst, zürnt sich selbst, wenn er seine Verkehrtheit und seine Undankbarkeit gegen Gott bedenkt.

 

Unter „Furcht“ versteht der Apostel jenes Erzittern, das jedesmal in unser Herz dringt, wenn wir erkennen, was wir verschuldet haben und wie schrecklich Gottes strenger Zorn gegen den Sünder ist. Denn dann kommt notwendig eine furchtbare Unruhe qualvoll über uns: sie erzieht uns zur Demut und macht uns zugleich für die Folgezeit vorsichtiger. So entsteht also aus der Furcht wiederum der „Fleiß“, die Besorgnis, von der wir oben sprachen; da merken wir, wie eng alle diese Regungen miteinander zusammenhängen.

 

Unter „Verlangen“ scheint mir der Apostel die eifrige Erfüllung der auf uns liegenden Pflichten und die freudige Bereitwilligkeit zum Gehorsam zu verstehen, zu der uns ja am meisten die Erkenntnis unserer Verfehlungen anreizen muß.

 

Hierher gehört auch der „Eifer“, den Paulus gleich anschließend nennt. Er bedeutet einen feurigen Ernst, der uns entzündet, wenn in uns gleich Stacheln die Frage aufkommt: Was habe ich getan? Wohin wäre ich versunken, wenn mir Gottes Erbarmen nicht zu Hilfe gekommen wäre?

 

Am Schluß erscheint dann die „Rache“. Je strenger wir nämlich gegen uns selbst sind und je schärfer wir unsere Sünde an uns strafen, desto eher dürfen wir hoffen, einen gnädigen und barmherzigen Gott zu haben. Ist unsere Seele wirklich vom Schrecken vor Gottes Gericht geängstet, so kann sie gar nicht anders, als auch ihrerseits „Rache“ zu nehmen, indem sie an sich selbst Strafe übt. Die Frommen wissen es wahrlich selber, was für Strafen Beschämung, innere Erschütterung, Seufzen, Selbstverurteilung und all die übrigen Regungen sind, die aus ernster Erwägung der Sünde hervorgehen. Wir wollen indessen bedenken, daß es Maß zu halten gilt, damit uns die Traurigkeit nicht gar verschlinge; denn nichts liegt dem erschrockenen Gewissen näher, als in Verzweiflung zu versinken. Das ist denn auch eine der Künste, die der Satan anwendet, wenn er einen Menschen um der Furcht Gottes willen am Boden liegen sieht: er läßt ihn tiefer und tiefer in den Schlund der Traurigkeit versinken, damit er sich nie wieder erhebe. Gewiß kann die Furcht, die uns zur Demut führt und die von der Hoffnung auf Vergebung nicht weicht, niemals zu groß sein. Aber wir sollen uns doch nach der Weisung des Apostels vorsehen, daß der Sünder, der sich quält und sich darüber selber mißfällt, nicht von allzugroßer Furcht niedergedrückt werde und dabei „matt werde und ablasse“ (Hebr. 12,3). Denn auf diese Weise würden wir ja vor Gott, der uns durch die Buße zu sich ruft, fliehen! Sehr fruchtbringend ist in dieser Hinsicht die Ermahnung, die uns Bernhard von Clairvaux gibt: „Der Schmerz um die Sünde ist notwendig, sofern er nicht ohne Unterlaß währt. Deshalb rate ich: laßt zuweilen auch einmal die qualvolle und schmerzliche Erinnerung an eure Wege beiseiteliegen und lenkt eure Schritte in die weite Ebene der fröhlichen Besinnung auf Gottes Wohltaten! Laßt uns Honig unter den Wermut mischen, damit seine heilsame Bitterkeit, wenn wir sie mit Süßigkeit vermischt und so gemildert trinken, uns das Heil wirklich zu geben vermag! Und wenn ihr über euch selber in Demut nachdenkt, so denkt zugleich auch über den Herrn nach seiner Güte!“

 

 

 

III,3,16

Jetzt können wir auch begreifen, welche Früchte die Buße hervorbringt: es sind die uns aufgetragenen Werke der Frömmigkeit gegen Gott, der Liebe zu den Menschen, und es ist außerdem die Heiligkeit und Reinheit in unserem ganzen Leben. Je mehr Eifer überhaupt ein Mensch daran wendet, sein Leben nach der Regel des Gesetzes Gottes zu prüfen, desto gewissere Zeichen seiner Buße legt er an den Tag. Wenn uns daher der Heilige Geist zur Buße mahnt, so weist er uns bald auf die einzelnen Gebote des Gesetzes, bald auch auf die Pflichten der zweiten Tafel hin. An anderen Stellen macht er es freilich auch so, daß er zunächst die Unreinigkeit im Grunde des Herzens selbst verdammt, uns dann aber auch äußere Zeichen angibt, durch die die Lauterkeit unserer Buße deutlich werden soll. Ein Bild hiervon will ich dem Leser bald vor Augen führen, wenn ich zur Beschreibung des christlichen Lebens komme. Ich will hier nicht die Zeugnisse aus den Propheten alle aufführen, in denen sie teils die Torheit verspotten, in der man Gott mit Zeremonien zu versöhnen trachtet, und zeigen, daß das doch lauter Possenspiel ist, teils auch deutlich machen, daß die äußere Reinheit des Lebens nicht das Hauptstück der Buße ist, weil ja Gott das Herz ansieht. Wer auch nur einigermaßen in der Schrift bewandert ist, der wird ja auch ohne fremde Unterweisung ganz aus sich heraus erkennen: wo wir es mit Gott zu tun haben, da wird nur dann etwas ausgerichtet, wenn wir mit der innersten Regung des Herzens beginnen. Es gibt eine Stelle bei Joel, die nicht wenig dazu dienen kann, auch andere Stellen recht zu verstehen: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!“ (Joel 2,13). Beides ist auch kurz in den Worten

 

des Jakobus ausgedrückt: „Reiniget die Hände, ihr Sünder, und machet eure Herzen keusch, ihr Wankelmütigen!“ (Jak. 4,8). Was uns hier im ersten Gliede gezeigt wird, ist wesentlich eine sich ergebende Folge; die Quelle und der Ursprung tritt uns dann aber im zweiten Gliede entgegen: die verborgene Unreinigkeit soll abgetan werden, damit Gott im Herzen selbst ein Altar errichtet werde.

 

Aber es gibt doch auch bestimmte äußere Übungen, die uns, jedem für sich allein, als Mittel dienen sollen, uns zu demütigen oder unser Fleisch zu zähmen, und die andererseits öffentlich den Zweck haben, die Buße zu bezeugen (2. Kor. 7,11). Diese äußeren Übungen aber fließen aus jener „Rache“, von der Paulus (2. Kor. 7,11) redet; denn es ist einem geängsteten Geiste eigen, in Trauer zu gehen, unter Seufzen und Tränen zu leben, allen Glanz, allen Prunk zu meiden und allen Vergnügungen abzusagen. Ja, wer da weiß, ein wie großes Übel die Widerspenstigkeit unseres Fleisches ist, der sucht alle Mittel, um sie in Schranken zu halten. Und wer es recht bedenkt, wie schlimm es ist, Gottes Gerechtigkeit verletzt zu haben, der kann nicht ruhen, bis er in Demut Gott die Ehre gegeben hat.

 

Dergleichen Übungen erwähnen die alten Kirchenschriftsteller oft, wenn sie von den Früchten der Buße sprechen. Sie begründen freilich die Kraft der Buße durchaus nicht auf diese Übungen; aber der Leser muß es mir nicht übelnehmen, wenn ich ausspreche, was ich denke: jene Alten scheinen mir doch ganz gewiß auf diese Dinge mehr Gewicht zu legen, als es recht ist. Wenn man es richtig überlegt, so wird man mir, das hoffe ich, darin beistimmen, daß sie in doppelter Hinsicht über das rechte Maß hinausgegangen sind. Dadurch, daß sie erstens jene leibliche Übung so stark betonten und sie so gewaltig rühmten, erreichten sie zwar, daß das Volk sie wirklich mit großem Eifer annahm, aber sie verdunkeln damit gewissermaßen das, was doch von weit größerer Bedeutung sein muß. Zweitens gingen sie bei ihrer Forderung nach äußerlichen Kasteiungen immerhin schärfer vor, als es die Sanftmut der Kirche zuläßt. Das muß an anderer Stelle noch behandelt werden.

 

 

 

III,3,17

Es gibt nun aber wirklich Leute, die von der Tatsache, daß sie an mehreren Stellen der Schrift, insbesondere bei Joel (2,12) Weinen und Fasten und (Sitzen in der) Asche nennen hören, gleich dazu übergehen, in Fasten und Weinen das wesentlichste Stück der Buße zu erblicken. Das ist ein Irrwahn, den ich hier beheben muß. Wenn uns gesagt wird, daß wir uns von ganzem Herzen zum Herrn bekehren sollen, wenn wir hören, daß wir nicht unsere Kleider, sondern unsere Herzen zerreißen sollen, so macht dies das eigentliche Wesen der Buße aus. Weinen aber und Fasten werden nicht etwa als beständige und notwendige Auswirkungen der Buße hinzugefügt, sondern sie ergeben sich unter besonderen Umständen. Joel hatte geweissagt, daß den Juden die furchtbarste Zerstörung drohte, und er riet ihnen nun, dem Zorn Gottes zuvorzukommen, und zwar nicht allein durch Umkehr, sondern auch durch offenbare Bezeugungen ihrer Bekümmernis. Wie sich nämlich ein Angeklagter mit ungeschorenem Barte, mit ungekämmtem Haar, in dunklem Trauergewand zu demütigen pflegt, um bei seinem Richter Barmherzigkeit zu erlangen, so sollten auch die Juden, die ja als Angeklagte vor Gottes Gericht geführt wurden, Gott in solch jämmerlicher Gewandung bitten, von seiner Strenge zu lassen. Nun waren wohl freilich Sack und Asche mehr jener Zeit angemessen; Weinen und Fasten dagegen würde auch bei uns sicherlich ein sehr angemessener Brauch sein, sooft uns der Herr mit Unglück oder Not zu drohen scheint. Denn wenn er eine Gefahr sich zeigen läßt, so läßt er uns damit kundwerden, daß er sich zur Strafe bereitet und gleichsam wappnet. Der Prophet hat nun den Seinen kurz zuvor angekündigt, daß über ihre Freveltaten eine strenge Untersuchung eintreten würde; wenn er sie nun zu Weinen und Fasten, das heißt also zur Traurigkeit von Angeklagten, ermahnt, so tut er durchaus recht daran. Auch heutzutage würden die Hirten der Kirche, wenn sie sähen, daß über den Häuptern der Ihrigen ein Unheil drohte, keineswegs übel

 

daran tun, wenn sie sie dazu aufriefen, zu Fasten und Weinen zu eilen; nur müßten sie immerzu mit noch größerem Eifer und noch ernstlicherer Mühe auf die Hauptsache dringen, nämlich, daß es die Herzen zu zerreißen gilt und nicht die Kleider. Es steht außer Zweifel, daß zur Buße nicht immer das Fasten gehört, sondern daß dies für besondere Notzeiten bestimmt ist. Christus gibt ihm deshalb seinen Platz neben der Traurigkeit: er spricht die Apostel von der Verpflichtung zum Fasten los, bis sie seine Gegenwart verloren haben und damit verwaist sind und in Traurigkeit leben müssen (Matth. 9,15). Dabei rede ich indessen vom öffentlichen Fasten. Denn das Leben der Frommen soll dermaßen mit Nüchternheit und Mäßigkeit untermischt sein, daß in seinem ganzen Lauf fortwährend ein gewisses Fasten an den Tag tritt. Da nun aber diese ganze Angelegenheit bei der Behandlung der kirchlichen Zucht aufs neue zur Sprache kommen wird, so will ich sie hier nur knapp berühren.

 

 

 

III,3,18

 

Dies aber will ich hier doch noch einfügen: wenn man den Begriff „Buße“ auf das äußerliche Bekenntnis (der Sünde) überträgt, so gibt man ihm einen uneigentlichen Sinn und biegt ihn von der ursprünglichen Bedeutung, die ich oben dargelegt habe, ab. Denn es handelt sich dann ja nicht eben um die Bekehrung zu Gott, sondern vielmehr um ein Bekenntnis der Schuld und die Bitte um Erlassung der Strafe und der Schuld. Tun wir Buße im Sack und in der Asche, so bedeutet das nichts anderes, als daß wir bezeugen, daß wir uns selbst mißfallen, wenn uns Gott um unserer schweren Missetaten willen zürnt (Matth. 11,21; Luk. 10,13). Es handelt sich hier um ein öffentliches Bekenntnis, in welchem wir uns selbst vor den Engeln und vor der Welt verurteilen und so Gottes Gericht zuvorkommen. So spricht es Paulus aus, indem er die Trägheit solcher Leute straft, die sich in ihren Sünden gefallen: „Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet“ (1. Kor. 11,31). Aber es ist nicht immer erforderlich, daß wir Menschen öffentlich zu Mitwissern und Zeugen unserer Reue machen; dagegen ist es ein Stück der wahren Buße, das unter keinen Umständen fehlen darf, daß wir Gott insonderheit (unsere Sünde) bekennen. Denn es wäre vollkommen widersinnig, daß uns Gott Sünden verziehe, in denen wir uns selbst schmeicheln und die wir heuchlerisch verhehlen, damit er sie nicht an den Tag bringe. Wir sollen auch nicht bloß unsere täglich begangenen Sünden bekennen, sondern ein schwererer Fall soll uns weiterführen und uns Dinge ins Gedächtnis rufen, die schon lange begraben schienen. So schreibt es uns David an seinem Beispiel vor. Er ist innerlich betroffen durch die Beschämung über seine letztgeschehene Freveltat, und da treibt er seine Selbstprüfung zurück bis zum Mutterleibe, und er erkennt an, daß er schon damals verderbt und von der Unreinigkeit des Fleisches befleckt war (Ps. 51,7). Das tut er nicht, um seine Schuld abzuschwächen - wie es ja viele machen, die sich im Haufen der Sünder verbergen, andere mit sich in die gleiche Schuld verstricken und so Straflosigkeit zu erlangen trachten. Ganz anders David: er macht in seiner Aufrichtigkeit seine Schuld noch größer, weil er ja, seit seiner frühesten Kindheit verderbt, nicht aufgehört hat, Böses auf Böses zu häufen. Auch noch an einer anderen Stelle übt er solche Prüfung seines vergangenen Lebens, indem er Gottes Barmherzigkeit für die Sünden seiner Jugend erfleht (Ps. 25,7). Es ist ja auch gewiß: erst dann beweisen wir, daß uns alle Gleichgültigkeit ausgetrieben ist, wenn wir unsere bösen Werke beweinen und Gott um Befreiung von der Last bitten, unter der wir seufzen.

Es ist noch zu bemerken, daß die Buße, die wir nach Gottes Weisung allezeit üben sollen, etwas anderes ist, als jene, die Menschen, welche ganz besonders schändlich gesündigt, in zügellosem Mutwillen der Sünde sich hingegeben oder in irgendwelcher Abtrünnigkeit Gottes Joch abgeworfen haben, gewissermaßen vom Tode erweckt. Wenn die Schrift nämlich zur Buße mahnt, so spricht sie von ihr oftmals gleichsam als dem Übergang oder der Auferweckung vom Tode zum Leben; und wenn sie berichtet, daß das Volk Buße getan habe, so versteht sie darunter, daß es vom

 

Götzendienst und anderem grobem Frevel bekehrt worden sei. Aus diesem Grunde kündigt Paulus auch den Sündern Traurigkeit an, „die nicht Buße getan haben für Unreinigkeit und Hurerei und Unzucht ...“ (2. Kor. 12,21). Diesen Unterschied (zwischen der allgemeinen Verpflichtung zur Buße und dem Bußruf an einzelne Sünder) müssen wir genau beachten, damit wir nicht etwa, wenn wir hören, daß einzelne zur Buße gerufen werden, in lässige Sicherheit versinken - als ob uns die Abtötung des Fleisches nichts mehr anginge. Nein, die Sorge um diese Abtötung des Fleisches können wir gar nicht beiseitelassen: daran hindern uns die bösen Begierden, die uns immerfort kitzeln, und die Laster, die immer wieder ausschlagen. Die besondere Buße (specialis poenitentia), die nur von einzelnen erfordert wird, die der Teufel von der Furcht Gottes weggerissen und in verderbliche Fesseln geschlagen hat, hebt also die gewöhnliche (ordinaria poenitentia) nicht auf, in der wir uns um der Verderbnis unserer Natur willen unser ganzes Leben lang mühen müssen.

 

 

 

III,3,19

 

Wenn es wahr ist - und das steht doch ganz deutlich fest! -, daß das ganze Evangelium wesentlich zwei Stücke umfaßt, nämlich Buße und Vergebung der Sünden, dann müssen wir auch ganz klar sehen, daß der Herr die Seinen eben dazu aus Gnaden rechtfertigt, daß er sie zugleich durch die Heiligung seines Geistes zu wahrer Gerechtigkeit neugestalte. Johannes, der Bote, der vor dem Angesicht Christi her gesandt wurde, um seine Wege zu bereiten (Matth. 11,10), der hat gepredigt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen:“ (Matth. 3,2). Wenn er zur Buße rief, so ermahnte er damit die Menschen, zu erkennen, daß sie Sünder waren und daß all ihr Wesen und Tun vor dem Herrn verdammt war, damit sie die Abtötung ihres Fleisches und die neue Wiedergeburt im Geiste von ganzem Herzen begehrten. Wenn er aber zugleich das Reich Gottes ankündigte, so rief er die Menschen damit zum Glauben; denn unter dem Reiche Gottes, das nach seiner Lehre „nahe herbeigekommen“ war, verstand er die Vergebung der Sünden, das Heil, das Leben und überhaupt alles, was wir in Christus gewinnen; deshalb lesen wir auch bei den anderen Evangelisten: „Johannes kam und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mark. 1,4; Luk. 3,3). Was heißt das aber anders, als daß die Menschen, unter der Last ihrer Sünden bedrückt und ermattet, zum Herrn sich bekehren und die Hoffnung auf die Vergebung und das Heil gewinnen sollten? So hat auch Christus seine Reden damit angefangen: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubet an das Evangelium:“ (Mark. 1,15). Damit erklärt er zunächst, daß in ihm die Schatzkammern der Barmherzigkeit Gottes erschlossen sind, dann fordert er Buße und dann endlich das zuversichtliche Vertrauen auf Gottes Verheißungen. Wenn er also den ganzen Inhalt des Evangeliums kurz zusammenfassen wollte, so sagte er: „Also mußte Christus leiden und auferstehen von den Toten ... und predigen lassen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden ...“ (Luk. 24,46. 47). Das haben auch die Apostel nach Christi Auferstehung verkündigt: Christus ist von Gott „erhöht ... zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden“ (Apg. 5,31). Die Verkündigung der Buße im Namen Christi geschieht, wenn die Menschen durch die Lehre des Evangeliums vernehmen, daß all ihre Gedanken, ihre Regungen, ihre Vorsätze verderbt und sündig sind und daß sie deshalb notwendig neu geboren werden müssen, wenn sie in Gottes Reich eingehen wollen. Die Verkündigung der Sündenvergebung geschieht, wenn der Mensch gelehrt wird, daß Christus uns „gemacht ist“ zur Erlösung, zur Gerechtigkeit, zum Heil und zum Leben (1. Kor. 1,30, aber nicht genaues Zitat), daß wir in seinem Namen aus Gnaden vor Gottes Auge gerecht und unschuldig dastehen. Diese zwiefache Gnade wird im Glauben ergriffen, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe; da nun aber der Glaube im eigentlichen Sinne an Gottes Güte hängt, aus der heraus wir die Vergebung der Sünden empfangen, so war es erforderlich, ihn von der Buße sorglich zu unterscheiden.

 

III,3,20

 

Nun öffnet uns der Haß gegen die Sünde, der ja der Anfang der Buße ist, den ersten Zugang zur Erkenntnis Christi; Christus offenbart sich allein elenden, geängstigten Sündern, die da seufzen, die sich abmühen, die beladen sind, die hungern und dürsten, die unter Schmerz und Jammer daniederliegen (Jes. 61,1; Matth. 11,5; Luk. 4,18). Ist es aber so, dann müssen wir uns eben nach dieser Buße ausstrecken, in ihr unser Leben lang uns üben, in ihr bis ans Ende beharren, wenn wir in Christus bleiben wollen. Denn er ist gekommen, die Sünder zu rufen - aber zur Buße! (Matth. 9,13). Er ist gekommen, um die Unwürdigen zu segnen - aber dazu, „daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit“! (Apg. 3,26; 5,31). Die Schrift ist voll von Sprüchen dieser Art. Wo also Gott die Vergebung der Sünden anbietet, da pflegt er durchweg zugleich die Umkehr zu fordern. Er gibt damit zu verstehen, daß seine Barmherzigkeit für den Menschen Ursache zur Umkehr sein soll. So spricht er: „Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe ...“ (Jes. 56,1). Oder: „Zion wird ein Erlöser kommen und denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob ...“ (Jes. 59,20). Oder auch: „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist, rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter seine Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich sein erbarmen ...“ (Jes. 55,6. 7). Oder endlich: „So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden vertilgt werden!“ (Apg. 3,19). Dabei ist jedoch zu bemerken, daß die Hinzusetzung dieser Bedingung nicht etwa soviel bedeutet, als ob unsere Reue die Grundlage wäre, auf der wir uns die Vergebung verdienen könnten. Nein, der Herr hat eben dazu beschlossen, sich der Menschen zu erbarmen, daß sie ihre Sünde bereuen, und er zeigt ihnen in jener Bedingung die Richtung, die sie einnehmen müssen, wenn sie Gnade erlangen wollen. Solange wir nun also in dem Gefängnis unseres Leibes unsere Wohnstatt haben, sollen wir beständig mit den Lastern unserer verderbten Natur im Streite liegen, ja mit unserem ganzen natürlichen Sinn. Platon sagt gelegentlich - unter anderem vor allem an vielen Stellen im „Phaidon“ -, das ganze Leben eines Philosophen bestehe im Bedenken des Todes. Noch viel richtiger können wir sagen: das Leben eines Christenmenschen ist eine beständige, eifrige Übung darin, das Fleisch zu töten, bis es ganz gestorben ist und der Geist Gottes in uns die Herrschaft gewonnen hat. Nach meiner Überzeugung ist deshalb der am weitesten fortgeschritten, der es am besten gelernt hat, sich selbst zu mißfallen - freilich nicht etwa, um in diesem Sumpfe stecken zu bleiben und nicht weiter vorwärtszukommen, sondern vielmehr, um zu Gott hinzueilen, zu ihm zu seufzen, damit er als ein Mensch, der in Christi Tod und Leben eingeleibt ist, all sein Trachten auf beständige Buße richte. Bei einem Menschen, der wirklich von echtem Haß gegen die Sünde ergriffen ist, kann es ja gar nicht anders sein. Denn es hat nie ein Mensch die Sünde gehaßt, ohne daß ihn zuvor die Liebe zur Gerechtigkeit erfaßt hätte. Diese Ansicht war die allerschlichteste und sie schien mir dementsprechend auch mit der Wahrheit der Heiligen Schrift am besten übereinzustimmen.

 

 

 

III,3,21

Daß ferner die Buße ein einzigartiges Geschenk Gottes ist, das ist nach meiner Meinung aus der bisherigen Darlegung so deutlich geworden, daß eine längere Erörterung nicht erneut vonnöten ist. Deshalb lobt und bewundert die Kirche Gottes Gnadengabe, daß er „auch den Heiden Buße gegeben” hat zum Heil (Apg. 11,18). Und Paulus befiehlt dem Timotheus Geduld und Sanftmut gegenüber den Ungläubigen und sagt: „Ob ihnen Gott dermaleinst Buße gebe ... und sie wieder nüchtern würden aus des Teufels Strick ...“ (2. Tim. 2,25f.). Gewiß stellt Gott fest, daß er die Bekehrung aller Menschen will, und er läßt seine Ermahnungen unterschiedslos an alle ergehen; daß sie aber zur Wirkung kommen, das hängt von dem Geiste der Wiedergeburt ab. Es wäre uns ja auch leichter, einen Menschen zu erschaffen, als aus eigenen Kräften eine bessere Natur anzunehmen. Deshalb heißen

 

wir auch mit vollem Recht hinsichtlich des ganzen Geschehens der Wiedergeburt „Gottes Werk, geschaffen ... zu guten Werken, zu welchen er uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen“ (Eph. 2,10). Wen Gott aus dem Verderben herausreißen will, den macht er durch den Geist der Wiedergeburt lebendig. Das bedeutet nicht, daß etwa die Buße im eigentlichen Sinne die Ursache unseres Heils wäre; nein, es kommt daher, daß sie, wie wir bereits gesehen haben, vom Glauben und von der Barmherzigkeit Gottes nicht zu trennen ist; so bezeugt es ja auch Jesaja: „... Zion wird ein Erlöser kommen und denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob ...“ (Jes. 59,20).

 

Es steht freilich fest: Überall, wo die Furcht Gottes im Schwange geht, da ist der Heilige Geist zum Heil des Menschen wirksam gewesen. Deshalb fassen es bei Jesaja auch die Gläubigen, die darüber klagen und jammern, daß Gott sie verlassen habe, als Zeichen ihrer Verwerfung auf, daß Gott ihr Herz habe verstocken lassen (Jes. 63,17). Und auch der Apostel, der die Abtrünnigen von der Hoffnung auf das Heil ausschließen will, fügt als Grund noch hinzu: „Es ist unmöglich“, sie „wiederum zu erneuern zur Buße“ (Hebr. 6,4.6). Wenn nämlich Gott die Menschen erneuert, die er nicht verlorengehen lassen will, so gibt er damit ein Zeichen seiner väterlichen Gunst und zieht sie gewissermaßen mit den Strahlen seines hellen und freundlichen Angesichts zu sich; auf der anderen Seite aber trifft er die Verworfenen, deren gottloses Wesen unvergebbar ist, mit dem Wetterstrahl der Verstockung.

 

Diese Art der Vergeltung kündigt der Apostel denen an, die mutwillig abfallen, die vom Glauben an das Evangelium weichen und auf diese Weise mit Gott ihr Spiel treiben, seine Gnade verächtlich von sich stoßen und Christi Blut für unrein achten und mit Füßen treten, (Hebr. 10,26-31) ja, soviel an ihnen ist, „den Sohn Gottes wiederum kreuzigen“ (Hebr. 6,6). Damit schneidet er nicht allen mutwilligen Sünden die Hoffnung auf Vergebung ab, wie einige Leute das meinen, die in verkehrter Weise hart sind. Nein, er lehrt, daß der Abfall keinerlei Entschuldigung verdient und daß es deshalb nicht verwunderlich ist, daß Gott mit unerbittlicher Strenge solche lästerliche Verachtung seiner Majestät rächt. Er sagt: „Es ist unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, - wo sie abfallen, wiederum zu erneuern zur Buße, als die ... den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und für Spott halten“ (Hebr. 6,4-6). Ebenso sagt er an anderer Stelle: „Denn so wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schreckliches Warten des Gerichts ...“ (Hebr. 10,26ff.).

Dies sind auch die Stellen, aus deren falschem Verständnis heraus vorzeiten die Novatianer zu ihrem Unsinn gekommen sind. Auf der anderen Seite gab es fromme Männer, die sich an der Härte dieser Aussagen stießen und die von da aus zu der Ansicht gelangt sind, der Hebräerbrief sei unecht - obwohl er doch in jeder Hinsicht den apostolischen Geist wirklich verspüren läßt. Wir haben aber hier nur mit solchen Leuten zu streiten, die diesen Brief anerkennen; da ist es nun aber leicht zu zeigen, wie rein gar nichts die angegebenen Sprüche zur Unterstützung ihres Irrtums beitragen. Zunächst muß doch der Apostel notwendig mit seinem Meister einig gehen; und dieser versichert, daß jede Sünde und Lästerung vergeben werden wird, außer der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser Welt, noch in der zukünftigen vergeben wird (Matth. 12,31f.; Mark. 3,28f.; Luk. 12,10). Mit dieser einzigen Ausnahme hat sich auch der Apostel ganz sicher begnügt - es sei denn, daß wir ihn zum Widersacher der Gnade Christi machen wollten! Daraus aber ergibt sich, daß keiner einzelnen Sünde die Vergebung versagt wird, mit Ausnahme der einzigen, die aus hoffnungsloser Raserei herkommt und nicht der Schwachheit zugeschrieben

 

werden kann und die es ganz deutlich offenbart, daß der betreffende Mensch vom Teufel besessen ist.

 

 

 

III,3,22

 

Um dies aber näher zu entfalten, müssen wir fragen, was denn jener furchtbare Frevel sei, der keine Vergebung finden soll.

 

Augustin versteht darunter gelegentlich den verbohrten Starrsinn, den ein Mensch bis zu seinem Tode beibehält, und zugleich den gänzlichen Mangel des Vertrauens auf die Vergebung. Aber diese Ansicht paßt nicht genug zu den Worten Christi. Christus sagt, es würde diese Sünde „in dieser Welt“ nicht vergeben werden. Wenn das nicht ohne Sinn sein soll, so muß diese Sünde in diesem Leben begangen werden können. Stimmt dagegen die Ansicht des Augustin, so kann diese Sünde nur ganz getan werden, wenn der Mensch in ihr bis zu seinem Tode verharrt. Andere sagen, die Sünde wider den Heiligen Geist bestehe darin, daß man einen Bruder um die ihm widerfahrene Gnade beneide; aber ich vermag nicht einzusehen, woher man diese Anschauung haben will.

 

Ich will aber eine rechte Deutung hierhersetzen; habe ich diese mit zuverlässigen Schriftzeugnissen begründet, so erledigen sich die anderen alle von selbst. Ich verstehe es also folgendermaßen: Wider den Heiligen Geist sündigt der, der von dem Glanz der göttlichen Wahrheit dermaßen getroffen ist, daß er sich nicht mehr mit Unwissenheit entschuldigen kann - und der dann doch dieser Wahrheit in absichtlicher Bosheit sich widersetzt, und zwar einzig und allein, um ihr Widerstand zu leisten. Christus will ja selbst erläutern, was er gesagt hat, und setzt deshalb gleich hinzu: „Wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird\'s nicht vergeben ...“ (Matth. 12,32; Mark. 3,29; Luk. 12,10). Matthäus setzt hier (nach einer freilich nicht zuverlässigen Lesart) für Lästerung des Geistes „Geist der Lästerung“.

 

Wie kann nun aber jemand den Sohn schmähen, ohne damit zugleich den Heiligen Geist zu treffen? Das ist zweifellos dann der Fall, wenn jemand Gottes Wahrheit noch nicht kennt und sich unwissend an ihr stößt, wenn jemand Christus unwissend lästert, aber zugleich doch so gesinnt ist, daß er Gottes Wahrheit nicht auslöschen wollte, wenn sie ihm offenbar wäre, und daß er den, den er als den Christus des Herrn erkennte, auch nicht mit einem einzigen Worte verletzen wollte; um wen es so steht, der sündigt wider den Vater und wider den Sohn. Solcher Art Leute gibt es heute viel: sie verfluchen die Lehre des Evangeliums auf das allerschändlichste - und doch wären sie bereit, sie von ganzem Herzen hochzuhalten, wenn sie erkennten, daß es die Lehre des Evangeliums wäre.

Wer nun aber in seinem Gewissen davon überführt ist, daß es Gottes Wort ist, was er von sich weist und bekämpft, und wer dabei trotzdem nicht aufhört, es zu bestreiten, von dem heißt es: er lästert gegen den Heiligen Geist; denn er streitet gegen die Erleuchtung, die doch das Werk des Heiligen Geistes ist. Solcher Menschen gab es unter den Juden einige: sie vermochten dem Geist, der durch Stephanus redete, nicht zu widerstehen - und doch widerstanden sie mit Absicht! (Apg. 6,10). Nun ist es freilich außer Zweifel, daß viele von ihnen vom Eifer um das Gesetz dazu hingerissen wurden; aber augenscheinlich gab es auch solche unter ihnen, die in böser Gottlosigkeit gegen Gott selber wüteten, das heißt: gegen die Lehre, von der sie sehr wohl wußten, daß sie von Gott war. Von derselben Art waren auch die Pharisäer selbst, gegen die der Herr sich so scharf wendet: um die Kraft des Heiligen Geistes zunichte zu machen, belegten sie sie verleumderisch mit dem Namen des Beelzebub (Matth. 9,34; 12,24). Da ist also der „Geist der Lästerung“ am Werk, wo die Vermessenheit des Menschen mit voller Absicht zur Schmähung des Namens Gottes sich hinreißen läßt. Das deutet auch Paulus an: er sagt, ihm sei „Barmherzigkeit widerfahren“, weil er das, was ihn sonst der Gnade des Herrn unwürdig gemacht hätte, „unwissend” und „im Unglauben“ getan hätte (1. Tim.

 

1,13). Stand also neben dem Unglauben die Unwissenheit, so bewirkte das, daß Paulus Vergebung erlangte; daraus folgt aber: tritt zum Unglauben das Wissen hinzu, so ist für Vergebung kein Raum mehr.

 

 

 

III,3,23

 

Wenn man nun genau zusieht, so wird man merken, daß der Apostel (im Hebräerbrief) nicht von einem einzelnen Fall oder zweien redet, sondern von dem allgemeinen Abfall, in welchem die Verworfenen das Heil von sich stoßen. Es handelt sich um Leute, von denen Johannes in seinem ersten Briefe erklärt, sie seien von den Auserwählten ausgegangen, ohne indessen von ihnen zu sein (1. Joh. 2,19). Daß sie nun Gott unversöhnlich finden, nimmt nicht wunder. Denn der Apostel wendet sich gegen solche, die sich einbildeten, ihren Weg zur christlichen Religion zurückfinden zu können, wenn sie auch einmal von ihr abgefallen wären. Diese Leute ruft er von ihrer falschen, gefährlichen Meinung zurück und sagt ihnen, was auch in höchstem Maße Wahrheit ist: Wer Christi Gemeinschaft mit Wissen und Willen von sich geworfen hat, dem steht kein Rückweg zu ihr offen. Das gilt aber nun nicht einfach von solchen Menschen, die in zuchtlosem Mutwillen ihres Lebens das Wort Gottes übertreten, sondern von solchen, die des Wortes ganze Lehre mit voller Absicht verwerfen. Die Worte „Abfallen“ und „Sündigen“ (Hebr. 6,6; 10,26) hat man also falsch aufgefaßt; die Novatianer verstehen unter „Abfallen“ folgendes: es hat jemand aus dem Gesetz des Herrn die Lehre empfangen, daß er nicht stehlen und nicht ehebrechen soll - und er läßt doch nicht vom Diebstahl und vom Ehebruch. Ich behaupte dagegen: in dem Wort „Abfallen“ (in Hebr. 6,6) ist ein stillschweigender Gegensatz mitbeschlossen; darin wird alles noch einmal aufgenommen, was zu dem vorher Gesagten (Hebr. 6,4f.) im Gegensatz steht (d. h. also: Abfall ist das Nein zu all den Gaben, die der Gläubige nach Hebr. 6,4f. empfangen hat!). So ist also hier nicht von irgendeiner besonderen Freveltat die Rede, sondern von der allgemeinen Abwendung von Gott und sozusagen der Abtrünnigkeit des ganzen Menschen, wenn der Apostel also vom Abfall solcher Menschen spricht, „so einmal erleuchtet sind und haben geschmeckt die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt“ (Hebr. 6,4f.), so haben wir darunter Leute zu verstehen, die das Licht des Geistes in bewußter Gottlosigkeit ausgelöscht, das Schmecken der himmlischen Gabe verachtet, sich von der Heiligung des Geistes entfremdet und das Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt mit Füßen getreten haben. Um diese klare Bewußtheit solchen gottlosen Wesens noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen, fügt er nachher an der anderen Stelle ausdrücklich das Wörtchen „mutwillig“ (Hebr. 10,26) hinzu. Er sagt da: „So wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für die Sünden“ (Hebr. 10,26). Damit leugnet er nicht etwa, daß Christus ein beständiges Opfer ist, um die Sünden der Heiligen zu sühnen - er setzt ja im ganzen Briefe auseinander, wie es um Christi Priestertum beschaffen sei, und da gibt er jener Tatsache sehr ausführlich Ausdruck! -; hier aber sagt er, daß, wenn man von diesem Opfer abgewichen ist, sonst keines mehr bleibt. Solches Abweichen vom Opfer Christi aber geschieht, wenn man in voller Absicht die Wahrheit des Evangeliums ableugnet.

 

 

 

III,3,24

 

Manche Leute meinen nun, es sei allzu hart und der Freundlichkeit Gottes völlig fremd, daß Menschen, die ihre Zuflucht dazu nähmen, Gottes Barmherzigkeit anzurufen, gänzlich von aller Vergebung ausgeschlossen werden sollten. Doch dies läßt sich leicht klarstellen. Der Apostel behauptet ja gar nicht, daß diesen Menschen die Vergebung verweigert werden würde, wenn sie sich zu dem Herrn bekehren sollten; er leugnet jedoch durchaus, daß sie sich überhaupt noch zur Buße aufmachen könnten: sie sind ja um ihrer Undankbarkeit willen bereits durch Gottes gerechtes Gericht mit ewiger Blindheit geschlagen.

 

Dem steht nicht im Wege, daß der Apostel in diesem Zusammenhang nachher das Beispiel des Esau heranzieht, der unter Tränen und Wehklagen vergebens versuchte, das verlorene Erstgeburtsrecht wiederzuerlangen. Ebensowenig steht dem das Drohwort des Propheten entgegen: „Ich wollte auch nicht hören, da sie riefen ...“ (Sach. 7,13). Denn mit derartigen Ausdrücken wird nicht etwa die wahre Bekehrung oder die wahre Anrufung Gottes beschrieben, sondern vielmehr jene Angst der Gottlosen, in der sie, in die äußerste Not hineinverstrickt, gezwungenermaßen auf das blicken, was sie zuvor so sicher von sich gewiesen haben, nämlich eben dies, daß sie einzig und allein in der Hilfe des Herrn etwas Gutes empfangen können. Eben diese Hilfe des Herrn aber rufen sie nicht eigentlich an, sondern sie seufzen darüber, daß sie ihnen entzogen ist. Wenn der Prophet vom „Rufen“ (Sach. 7,13) und der Apostel von „Tränen“ (Hebr. 12,17) redet, so meinen sie nämlich beide das gleiche: diese namenlose Not, die die Gottlosen aus ihrer Verzweiflung heraus empfinden und die sie brennt und quält.

 

Das letztere sollten wir uns schon sehr genau merken; denn sonst würde Gott ja mit sich selber in Widerspruch geraten: hat er doch durch den Propheten sagen lassen, sobald sich der Gottlose bekehre, werde er ihm gnädig sein (Ez. 18,21ff.). Es ist doch auch, wie ich bereits dargelegt habe, gewiß, daß der Sinn des Menschen nur dadurch zum Besseren gewandelt wird, daß Gottes Gnade ihm zuvorgekommen ist. Auch hinsichtlich der Anrufung wird Gottes Verheißung niemals trügen; aber diese blinde Qual, die die Verworfenen zerreißt, würde doch nur uneigentlich als Bekehrung oder als Anrufung Gottes bezeichnet werden können, diese Qual, die daraus entsteht, daß sie wohl sehen, sie müßten Gott suchen, um Heilung von ihren Nöten zu finden - und doch den Zugang zu ihm fliehen!

 

 

 

III,3,25

 

Wenn nun der Apostel bestreitet, daß Gott durch erheuchelte Buße versöhnt werden könne, so erhebt sich aber die Frage, wieso denn Ahab Vergebung erlangt und die ihm angedrohte Strafe von sich abgewandt habe (1. Kön. 21,28f.). Aus dem weiteren Verlauf seines Lebens geht doch ganz klar hervor, daß er dabei bloß von plötzlicher Angst erschüttert war. Gewiß, er legte einen Sack um, er bestreute sich mit Asche, er setzte sich auf die Erde (1. Kön. 21,27) und, wie es von ihm bezeugt wird, er demütigte sich vor Gott - aber es war ja doch ein Geringes, die Kleider zu zerreißen, wenn das Herz unterdessen verhärtet und von Bosheit geschwellt blieb! Trotzdem gewahren wir, daß sich Gott zur Güte bewegen läßt.

 

Ich beantworte diese Frage so: zuweilen erfahren die Heuchler tatsächlich eine Zeitlang solche Schonung, aber doch so, daß Gottes Zorn immerfort auf ihnen ruht; und dies geschieht nicht um ihrer selbst willen, sondern als öffentliches Beispiel. Was hat auch Ahab selbst für einen Nutzen davon gehabt, daß ihm die Strafe gemildert wurde? Doch einzig den, daß er sie nicht verspürte, solange er auf Erden lebte! So hat Gottes Fluch, wenn auch verborgen, seine feste Wohnstatt in seinem Hause gehabt, er selbst aber ist in das ewige Verderben gefahren.

 

Das gleiche ist auch an Esau zu bemerken: er mußte sich zwar eine Abweisung gefallen lassen, aber auf seine Tränen hin wurde ihm doch ein zeitlicher Segen gewährt (Gen. 27,40; Calvin nennt Gen. 27,18f.). Aber nach Gottes Offenbarungswort konnte das geistliche Erbe nur bei einem der Brüder ruhen; wurde also Esau übergangen und Jakob erwählt, so schloß diese Verwerfung das Erbarmen Gottes aus; nur dieser eine Trost blieb ihm als einem fleischlich gesinnten Menschen noch übrig, daß er sich an der „Fettigkeit der Erde“ und am „Tau des Himmels“ weiden sollte (Verwechslung mit dem an Jakob erteilten Segen Gen. 27,28).

Hier können wir auch verstehen, was es bedeutet, wenn ich oben sagte, dies müsse als Beispiel für andere Menschen dienen: wir sollen lernen, um so eifriger unser Sinnen und Trachten darauf zu richten, rechtschaffene Buße zu tun; denn es steht außer jedem Zweifel, daß Gott gern bereit ist, denen zu vergeben, die sich wahr-

 

haftig und von Herzen zu ihm bekehren: seine Güte wird auch ganz Unwürdigen zuteil, wenn sie nur ein wenig erkennen lassen, daß sie sich selbst mißfallen. Das gleiche Beispiel aber lehrt uns auch, welch ein schreckliches Gericht alle Halsstarrigen zu erwarten haben, die es für lauter Spiel halten, Gottes Drohungen mit schamloser Frechheit und ehernem Herzen zu verschmähen und für nichts zu achten. Auf diese Weise hat Gott den Kindern Israels gar oft die Hand gereicht, um ihrer Not ein Ende zu machen, obwohl ihr Schreien erheuchelt und ihr Sinn zerteilt und treulos war, wie er ja auch in einem Psalm klagt, daß sie gar bald zu ihrer vorigen Lebensart sich zurückwandten (Psalm 7S,36ff. 57). Durch solche freundliche Güte wollte er sie also zu ernstlicher Bekehrung leiten - oder aber sie unentschuldbar machen. Denn wenn er auch eine Zeitlang die Strafe nachläßt, so legt er sich damit kein bleibendes Gesetz auf; nein, er wendet sich zu Zeiten nur mit um so größerer Strenge gegen die Heuchler und verdoppelt die Strafen, damit daraus deutlich werde, wie sehr ihm die Heuchelei zuwider ist. Aber, wie gesagt, er zeigt auch gewisse Beispiele seiner freundlichen Geneigtheit zur Vergebung; dadurch sollen die Frommen dazu ermuntert werden, ihr Leben zu bessern, und es soll zugleich der Hochmut derer um so schärfer verdammt werden, die in ihrer Halsstarrigkeit wider den Stachel locken.

 

Viertes Kapitel

 

 

 

Alles, was sich die Klüglinge in ihren Schulen von der Buße zusammenschwatzen, ist sehr weit von der Reinheit des Evangeliums entfernt. Hier ist auch von der Beichte und der Genugtuung zu sprechen

 

 

 

III,4,1

 

Jetzt komme ich dazu, die Lehre der Klüglinge, der Scholastiker, von der Buße einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Ich will mich dabei so kurz fassen, wie es eben angeht; denn ich habe nicht im Sinne, alles durchzugehen, um dies Buch, das ich doch gern als zusammenfassendes Lehrbuch einrichten möchte, nicht ins Ungemessene wachsen zu lassen. Die Scholastiker haben diesen Fragenkreis, obwohl er an sich keineswegs verwickelt ist, in so viele Bände eingewickelt, daß man nicht eben leicht herauskommen kann, wenn man sich auch nur wenig in ihren Dreck hineinbegibt.

 

Zunächst also: bei ihrem Versuch, die Buße zu beschreiben, zeigen sie mit voller Klarheit, daß sie nie und nimmer begriffen haben, was überhaupt darunter zu verstehen ist. Sie ziehen nämlich einige Aussprüche aus den Büchern der alten Kirchenlehrer heran - die die Kraft der Buße überhaupt nicht zum Ausdruck bringen. So zum Beispiel: Buße tun bedeutet, die vergangenen Sünden zu beweinen und dergleichen nicht zu begehen, was man einst beweinen müßte (Diese erste Umschreibung findet sich bei Gregor I. und ist mitgeteilt bei Petrus Lombardus, Sentenzen IV,14,1). Oder man zieht den Satz heran: Buße tun bedeutet: die vergangenen bösen Werke beklagen und wiederum dergleichen nicht begehen, was zu beklagen ist. (Dieser zweite Satz steht bei [Pseudo-]Ambrosius und ist verwertet bei Petrus Lombardus, Sentenzen IV,14,1 und im Decretum Gratiani II, Von der Buße 3,1). Oder man verwendet als dritten Satz: die Buße ist gewissermaßen eine schmerzhafte Rache, bei der der Mensch an sich selber das straft, was er zu seinem eigenen Schmerz begangen hat. (Stammt von [Pseudo-] Augustin, Von der wahren und der falschen Buße, 8,22 und ist aufgenommen im Decretum Gratiani II, von der Buße 3,4). Zum vierten nimmt man auf die Erklärung Bezug: die Buße ist ein Schmerz im Herzen und eine Bitterkeit in der Seele, um der bösen Werke willen, die einer begangen oder denen er zugestimmt hat. (Von [Pseudo-]Ambrosius, verwendet im Decretum Gratiani II, von der Buße,1,39).

 

Wir wollen nun zugeben, daß diese Erklärungen von den Kirchenvätern ganz gut ausgesprochen sind - obwohl ein zänkischer Mensch auch dies unschwer bestreiten könnte! -; aber diese Sätze hatten doch gar nicht den Zweck, die Buße zu definieren, sondern die Kirchenväter wollten damit bloß die Ihrigen ermahnen, nicht von neuem in die Übeltaten zu verfallen, aus denen sie herausgerissen waren! Wollte man alle Aussprüche dieser Art in Begriffsbestimmungen verwandeln, so müßte man mit dem gleichen Recht auch andere noch zufügen. So sagt Chrysostomus (Predigt von der Buße 7,1): „Die Buße ist eine Arznei, welche die Sünde auslöscht, eine Gabe, die uns vom Himmel geschenkt ist, eine wundersame Kraft, sie ist eine Gnade, welche die Kraft der Gesetze überwindet.“

Nun müssen wir aber weiterhin bemerken, daß die Lehre, die die Scholastiker an jene Kirchenväterzitate anschließen, wesentlich übler ist, als jene (angeblichen) Begriffsbestimmungen selbst. Sie haben sich nämlich dermaßen in äußerliche Übungen hineinverbissen, daß man aus ihren unermeßlichen Bänden nichts anderes entnehmen kann als dies: die Buße sei Zucht und harte Übung, die teils dazu diene, das Fleisch zu zähmen, teils auch dazu, die Laster mit Züchtigung zu strafen. Über die innere Erneuerung des Sinnes, welche die wahre Besserung des Lebens mit sich bringt herrscht ein merkwürdiges Schweigen!

 

Von der Zerknirschung (contritio) und der Niedergeschlagenheit (attritio) ist zwar sehr viel bei ihnen die Rede; sie quälen die Seelen mit gar vielen Zweifeln, richten auch viel Mühsal und Angst an; aber wenn sie dann eben den Eindruck erweckt haben, als hätten sie das Herz im Tiefsten verwundet, dann besprengen sie es leicht mit ihren Zeremonien - und die ganze Bitterkeit ist geheilt!

 

Wenn sie nun die Buße dermaßen scharfsinnig definiert haben, dann teilen sie sie ein, und zwar in Zerknirschung des Herzens (contritio cordis), Bekenntnis mit dem Munde (Beichte, confessio oris) und Genugtuung mit Werken (satisfactio operis) (Sentenzen IV,16,1, Decretum Gratiani II, von der Buße 1,40). Aber diese Einteilung ist ebensowenig gedanklich in Ordnung, wie die zuvor gegebene Definition. Und dabei wollen sie doch den Eindruck erwecken, als ob sie ihr ganzes Leben mit der Aufstellung von Schlußfolgerungen zugebracht hätten! Nun könnte aber jemand hergehen und aus ihrer Begriffsbestimmung Schlußfolgerungen ziehen - so muß man es doch nach der bei den Dialektikern anerkannten Methode machen! -; er könnte sagen: es ist doch möglich, daß ein Mensch seine vorher begangenen Sünden beweint und solche Taten, die zu beweinen sind, nicht begeht, daß er seine vergangenen bösen Werke beklagt und solche, die zu beklagen wären, nicht begeht, daß er solche Sünden an sich straft, über die er Schmerz empfindet, weil er sie begangen hat - und zwar das alles, ohne mit dem Munde zu bekennen! Was wollen die Scholastiker dann machen, um ihre Einteilung aufrechtzuerhalten? Wenn dieser betreffende Mensch wirklich Buße tun kann, ohne mit dem Munde zu bekennen, so kann es doch offenbar auch eine Buße ohne dies „Bekenntnis mit dem Munde“ geben! Nun könnten sie darauf antworten, jene Einteilung bezöge sich auf die Buße, sofern sie ein Sakrament sei. Oder sie könnten auch sagen, man müsse sie als Beschreibung der Buße in ihrem vollendeten Zustand verstehen - den sie doch mit ihrer Umschreibung gar nicht umfassen! Aber daraus ergibt sich gegen mich gar keine Anklage: sie müssen es sich schon selber zuschreiben, weil sie eben die Buße nicht reiner und klarer bestimmen! Ich beziehe jedenfalls in meinem groben Verstand bei jeder Sache, über die man redet, alles auf die gegebene Begriffsbestimmung selbst; denn sie ist der Angelpunkt und die Grundlage der ganzen Erörterung.

 

Aber wir wollen den Scholastikern diese magisterliche Freiheit durchgehen lassen und nun dazu übergehen, die einzelnen Stücke der Ordnung nach zu betrachten. Dabei übergehe ich freilich ohne Beachtung mancherlei Dinge als gottloses Geschwätz, die sie mit großem Stolz als Geheimnisse an den Mann bringen wollen. Aber das tue ich nun nicht etwa aus Unwissenheit. Es würde mir wirklich nicht schwer fallen, all das zu widerlegen, von dem sie scharfsinnig und tief zu reden vermeinen. Ich würde mich aber schämen, den Leser fruchtlos mit dergleichen Unsinnigkeiten zu ermüden. Daß sie tatsächlich über unbekannte Dinge schwatzen, das ist aus den Fragen, die sie aufbringen und verhandeln und in die sie sich jämmerlich verwirren, leicht zu erkennen. So fragen sie, ob Gott die Buße über eine einzige Sünde wohlgefällig sei, wenn man in den anderen halsstarrig verharre. Oder: ob die Strafen, die uns Gott schickte, als Genugtuung gelten könnten. Oder: ob man die Buße für die Todsünden wiederholen könnte. Im letzten Punkt stellen sie in ihrer Bosheit und Unfrömmigkeit den Satz auf, die tägliche Buße bezöge sich allein auf die „läßlichen“ Sünden. Mit grobem Irrtum martern sie sich auch betreffs der Äußerung des Hieronymus, die Buße sei die zweite Planke, die uns nach dem Schiffbruch (zur Rettung) gegeben würde; da zeigen sie, daß sie noch nie von ihrem tollen Irrwahn erwacht sind, um auch nur von fern den tausendsten Teil ihrer Sünden zu empfinden.

 

 

 

III,4,2

Ich möchte aber, daß der Leser darauf achtet: hier wird nicht um einen Eselsschatten gestritten, sondern es geht um die allerernsteste Sache, die es gibt, nämlich um die Vergebung der Sünden. Wenn die Scholastiker zur Buße drei Stücke erfordern, nämlich die Zerknirschung des Herzens, die Beichte mit dem Munde und die

 

Genugtuung mit dem Werk, dann stellen sie damit die Lehre auf, daß diese Stücke auch zur Erlangung der Sündenvergebung nötig seien! Wenn es aber in der ganzen Religion etwas gibt, das wir unbedingt wissen müssen, so gilt es sicherlich, dies zu erkennen und recht festzuhalten, auf welche Weise, nach was für einem Gesetz, unter welcher Bedingung, wie leicht oder wie schwer man Vergebung der Sünden erlangen kann. Wenn diese Erkenntnis nicht klar und gewiß feststeht, so kann das Gewissen nie und nimmer Ruhe finden, keinen Frieden mit Gott, kein Vertrauen und keine Sicherheit haben, sondern es muß immerzu zittern und unstät sein, es lebt in der Hitze und in der Drangsal, es wird gequält und erschreckt, es haßt den Anblick Gottes und flieht vor ihm.

 

Hängt nun aber die Vergebung der Sünden von den Bedingungen ab, welche die Scholastiker daran knüpfen, so gibt es nichts Jämmerlicheres und Verzweifelteres als uns Menschen. Will ein Mensch Vergebung erlangen, so schreibt man ihm als erstes Stück die Zerknirschung (contritio) vor, und zwar verlangt man die „schuldige“ Zerknirschung, also echte und vollständige. Unterdessen aber geben die Scholastiker keinerlei Auskunft darüber, wann denn nun jemand gewiß sein könne, daß er diese Zerknirschung in dem erforderten Ausmaß geleistet habe.

 

Ich bin zwar durchaus der Überzeugung, daß man ernstlich und mit Fleiß darauf dringen soll, daß der Mensch seine Sünden bitterlich beweine und sich dadurch im Mißfallen an ihnen und im Haß gegen sie stärke. Denn das ist eine Traurigkeit, „die niemand gereut“, eine Traurigkeit, die Buße zur Seligkeit wirkt (2. Kor. 7,10). Aber wo ein so bitterer Schmerz verlangt wird, daß er der Größe der Schuld entspricht, und wo man die Zuversicht auf Vergebung nach der Bitterkeit dieses Schmerzes abwägend bemessen will - da werden die armen Gewissen jämmerlich gemartert und geplagt: sie sehen, wie man ihnen die „schuldige“ Zerknirschung über ihre Sünden auferlegt, - aber sie erreichen das erforderte Maß nicht in der Weise, daß sie bei sich selbst zu dem Urteil gelangen könnten, sie hätten nun vollbracht, was sie schuldig waren. Sagt man uns aber, wir sollten nur tun, soviel wir vermöchten, so fallen wir doch stets in die gleiche Not zurück; denn wann wird ein Mensch es wagen dürfen, sich selber zuzusichern, er habe nun alle seine Kraft daran gewandt, die Sünde zu beklagen? Hat nun also das Gewissen lange mit sich selbst im Kampf gelegen, hat es sich in langwierigem Streite gequält, so findet es am Ende doch keinen Hafen, in dem es ruhen könnte, nein, um sich wenigstens an irgendeinem Stück zu erleichtern, ringt es sich den Schmerz ab und preßt es sich Tränen heraus, um damit seine Zerknirschung vollkommen zu machen!

 

 

 

III,4,3

Wenn man mir nun aber sagt, ich erhöbe eine falsche Beschuldigung gegen die Scholastiker, so soll man doch herkommen und mir einen einzigen Menschen zeigen, den die Lehre von einer solchen Zerknirschung nicht entweder zur Verzweiflung getrieben - oder der nun nicht dem Gericht Gottes statt des wahren Schmerzes einen erheuchelten entgegengebracht hätte. Auch ich habe an einer Stelle gesagt, daß die Vergebung der Sünden einem Menschen niemals ohne die Buße widerfahre; denn nur erschrockene, vom Bewußtsein ihrer Sünden innerlich verwundete Menschen können in Lauterkeit Gottes Erbarmen erflehen. Aber ich habe doch gleich hinzugesetzt, daß die Buße nicht etwa die Ursache der Sündenvergebung ist. Dabei habe ich jener Seelenmarter ein Ende bereitet, die in der Forderung bestand, man müsse die tatsächlich schuldige Reue leisten. Nach unserer Lehre soll der Sünder nicht seine Zerknirschung anschauen, auch nicht seine Tränen, sondern er soll beide Augen einzig und allein auf die Barmherzigkeit des Herrn richten. Ich habe nur daran erinnert, daß Christus die „Mühseligen und Beladenen“ zu sich ruft, daß er gekommen ist, „das Evangelium zu verkündigen den Armen“, „zu heilen die zerstoßenen Herzen, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen ...“, daß er gekommen ist, um die Gebundenen frei auszuführen und die Trauernden zu trösten! (Matth. 11,

 

28; Jes. 61,1f.; Luk. 4,18). Damit sollten die Pharisäer ausgeschlossen werden, die in ihrer Gerechtigkeit so satt sind, daß sie ihre Armut gar nicht merken, und die stolzen Verächter, die vor dem Zorn Gottes sich sicher fühlen und keine Arznei gegen ihre Bosheit suchen. Denn diese Menschen sind nicht mühselig und nicht beladen, sie sind weder zerstoßenen Herzens, noch gebunden, noch gefangen. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man den Menschen lehrt, er solle die Vergebung der Sünden mit rechter und vollkommener Buße - die der Sünder doch nie und nimmer zustande bringt! - verdienen, oder ob man ihn unterweist, nach Gottes Barmherzigkeit zu hungern und zu dürsten, um ihm durch die Erkenntnis seines Jammers seinen Durst, seine Müdigkeit, seine Gebundenheit vor Augen zu führen und ihm zugleich zu zeigen, wo er Erfrischung, Ruhe und Freiheit suchen soll, kurz, ihn zu lehren, daß er in seiner Demut Gott die Ehre gebe!

 

 

 

III,4,4

 

Das zweite Stück ist die Beichte. Da ist nun stets großer Zwist zwischen den kirchlichen Rechtsgelehrten und den scholastischen Theologen gewesen. Die Theologen behaupteten, die Beichte werde uns durch Gottes Gebot befohlen; die Rechtsgelehrten bestritten das und behaupteten, sie werde bloß durch kirchliche Satzungen geboten.

 

In diesem Streit ist nun die ungeheuerliche Unverfrorenheit der Theologen offenbar geworden: alle Schriftstellen, die sie zur Unterstützung ihrer Sache herangezogen haben, die haben sie auch verdreht und mit Gewalt entstellt. Aber sie sahen doch, daß sie nicht einmal auf diese Weise ihre Wünsche durchsetzen konnten; und da sind einige von ihnen, die für ganz besonders scharfsinnig gelten wollten, auf den Ausweg verfallen, die Beichte sei ihrem eigentlichen Wesen nach dem göttlichen Recht entsprungen, ihre Gestalt aber habe sie dann aus dem menschlich gesetzten Recht empfangen. So machen es auch die größten Narren unter den Rechtsgelehrten: sie beziehen die gerichtliche Vorladung auf das göttliche Recht, weil es nämlich heißt: „Adam, wo bist du?“ Auch die gerichtliche Verantwortung des Angeklagten entnehmen sie dem göttlichen Recht, und zwar, weil Adam in der Weise solcher Verantwortung gesagt habe: „Das Weib, das du mir gegeben hast ...“ (Gen. 3,9.12). Dabei behaupten sie dann weiter, die Gestalt der gerichtlichen Ladung und Verantwortung sei aus dem bürgerlichen Recht heraus gegeben!

 

Aber wir wollen nun zusehen, mit welchen Beweismitteln die Scholastiker ihre Behauptung begründen, die Beichte - ob ohne „Gestalt“ oder in ihrer „Gestalt“ - sei Gottes Gebot.

 

Zunächst (1.) sagen sie: der Herr hat die Aussätzigen zu den Priestern geschickt! (Matth. 8,4; Luk. 5,14; 17,14). Wieso - hat er sie denn zur Beichte dahin geschickt? Wer hat denn jemals sagen hören, die levitischen Priester seien zum Beichtehören eingesetzt gewesen? (Deut. 17,8f.). Nun, so nimmt man also seine Zuflucht zur heimlichen Deutung, zur Allegorie. Man sagt: nach dem Gesetz Moses war es den Priestern aufgetragen, zwischen Aussatz und Aussatz zu unterscheiden (Lev. 14,2f.); die Sünde ist aber geistlicher Aussatz - also ist es Sache der Priester, über sie zu urteilen!

 

Ehe ich darauf antworte, frage ich im Vorbeigehen: wenn diese Schriftstelle die Priester zu Richtern über den geistlichen Aussatz macht, warum ziehen sie dann die Feststellung des natürlichen, fleischlichen Aussatzes an sich? Es heißt freilich mit der Schrift ein Spiel treiben, wenn man sagt: Die Schrift überträgt den levitischen Priestern die Feststellung des Aussatzes - das ist eine Sache, die wir für uns in Anspruch nehmen müssen! Die Sünde ist nun aber geistlicher Aussatz - also wollen wir auch die sein, die über die Sünde urteilen!

Jetzt will ich meine Antwort geben: Wenn das priestertum auf jemand anders übertragen ist, so muß notwendig das ihm gegebene Gesetz auch auf jemand anders übertragen werden (Hebr. 7,12: „Wo das Priestertum verändert wird, da muß auch

 

das Gesetz verändert werden!“) Nun ist aber alles Priestertum auf Christus übertragen, in ihm erfüllt und zu seinem Ende gekommen. Auf ihn allein ist also auch jedwedes Recht und jedwede Ehre des Priestertums übergegangen. Wenn die Scholastiker dermaßen auf Allegorien versessen sind, so sollen sie sich dies einzige Priestertum Christi vor Augen stellen und seinen Richtstuhl mit dem freien Urteil über alle Dinge überhäufen; das werden wir dann leicht ertragen. - Zudem ist ihre Allegorie auch deshalb unbrauchbar, weil sie ein rein politisches Gesetz zu den Zeremonien hinüberzieht.

 

Weshalb schickt denn nun Christus die Aussätzigen zu den Priestern? Doch offenbar deshalb, damit die Priester ihm nicht schmähend vorwerfen konnten, er verletze das Gesetz; denn dies schrieb ja dem, der vom Aussatz geheilt war, vor, er solle sich dem Priester zeigen, seine Opfergabe darbringen und damit entsühnt werden. Christus heißt nun die geheilten Aussätzigen zu tun, was das Gesetz befahl. „Gehet hin und zeiget euch den Priestern und opfert die Gabe, die Mose im Gesetz befohlen hat, zu einem Zeugnis über sie“ (Matth. 8,4 und Parallelen; dort steht aber alles in der Einzahl; ferner ähnlich Luk. 17,14). Dies Wunderzeichen sollte den Priestern auch wirklich zu einem Zeugnis werden: sie hatten diese Männer für aussätzig erklärt - und sie mußten sie jetzt geheilt sprechen. Wurden sie damit nicht, ob sie wollten oder nicht, zu Zeugen der Wundertaten Christi? Christus läßt sie sein Wunder untersuchen, und sie können es nicht leugnen; weil sie sich aber doch abwenden, so ist dies Werk ein Zeugnis über sie. So sagt er auch an anderer Stelle: „Es wird gepredigt werden das Evangelium ... in der ganzen Welt, zu einem Zeugnis über alle Völker ...“ (Matth. 24,14). Ebenso: „Und man wird euch vor Fürsten und Könige führen ..., zum Zeugnis über sie ...“ (Matth. 10,18), das heißt also: damit sie im Gericht Gottes um so kräftiger überführt werden. Wenn nun unsere Gegner lieber mit Chrysostomus einig sein wollen: auch er lehrt, Christus habe das um der Juden willen getan, damit er nicht als Verächter des Gesetzes gelte (Predigt vom kanaanäischen Weibe, 9). Freilich scheue ich mich, in so klarer Sache das zustimmende Zeugnis eines Menschen heranzuziehen. Christus sagt doch selber, daß er den Priestern ihr gesetzliches Recht unangetastet überlasse - und dabei waren sie geschworene Feinde des Evangeliums, die immer darauf aus waren, ihr Geschrei gegen es zu erheben, wenn man ihnen nicht das Maul gestopft hätte! Wollen also die papistischen Opferpriester diesen Rechtsbesitz wahren, so sollen sie auch offen zugestehen, daß sie auf die Seite derer gehören, die man mit Gewalt zum Schweigen bringen muß, damit sie Christus nicht schmähen! Denn Christi wahre Diener geht dies nichts an!

 

 

 

III,4,5

(2.) Das zweite Beweisstück entnehmen die Scholastiker der gleichen Quelle: nämlich der Allegorie. Als ob Allegorien viel wert wären, wenn es darum geht, eine Kirchenlehre zu begründen! Aber wir wollen sie meinethalben gelten lassen - ich könnte gar beweisen, daß ich solche Allegorien mit größerem Glanz in Anspruch nehmen kann als sie selber! Sie sagen also: der Herr hat seinen Jüngern aufgetragen, den Lazarus, den er auferweckt hatte, von seinen Leintüchern loszumachen und ihn gehen zu lassen (Joh. 11,44). Da ist nun schon gleich eine Lüge dabei: es steht nirgendwo zu lesen, daß der Herr diesen Auftrag seinen Jüngern gegeben habe, und es ist auch viel wahrscheinlicher, daß er das zu den Juden sagt, die dabei stehen. So soll das Wunder noch deutlicher werden und jedem Verdacht, es könnte Betrug sein, entzogen werden; Christi Kraft sollte noch heller erstrahlen, weil er ja ohne jede Berührung, rein durch sein Wort Tote erweckte! Ich verstehe es wirklich so: der Herr wollte den Juden jeden Argwohn unmöglich machen und wollte deshalb, daß sie selbst den Stein fortwälzten, den Verwesungsgeruch wahrnähmen, die deutlichen Zeichen des Todes bemerkten, daß sie selbst sähen, wie Lazarus allein durch die Kraft des Wortes sich erhob und daß sie selbst den Lebendigen als erste berührten.

 

Das ist auch die Meinung des Chrysostomus. (Sie steht tatsächlich in einer dem Chrysostomus fälschlich zugeschriebenen Schrift: Gegen Juden, Heiden und Ketzer).

 

Ich will aber einmal zugeben, dies Wort sei wirklich an die Jünger gerichtet. Was haben jedoch die Scholastiker davon für Vorteil? Der Herr hätte danach den Aposteln die Macht zum Lösen gegeben. Wieviel passender und richtiger wären diese Worte in heimlicher Deutung doch so zu verstehen, wenn wir sagten: Gott hat seine Gläubigen unterweisen wollen, die, welche er auferweckt hat, nun auch loszumachen; das bedeutet: sie sollen die Sünden, die er doch vergessen hat, nicht wieder ins Gedächtnis rufen, sie sollen die Menschen, die er losgesprochen hat, nicht wieder als Sünder verdammen, sie sollen nicht verurteilen, was er doch vergeben hat, sie sollen nicht hart und streng auf Strafe sinnen, wo er doch barmherzig ist und gerne verschont! Es kann uns nichts so sehr zur Vergebung bewegen, wie das Beispiel des Richters, der da droht, er werde gegen die, welche allzu hart und unmenschlich vorgehen, unversöhnlich sein! - So, nun sollen die Scholastiker hingehen und ihre heimlichen Deutungen an den Mann zu bringen versuchen!

 

 

 

III,4,6

 

(3.) Jetzt kommen sie aber im Kampfe näher an uns heran: jetzt kämpfen sie nämlich mit Schriftzeugnissen, die nach ihrer Meinung ganz klar und deutlich sind! Sie ziehen die Tatsache heran, daß die Menschen, die zur Taufe des Johannes kamen, ihre Sünden bekannten (Matth. 3,6), und dann das Wort des Jakobus: „Bekenne einer dem anderen seine Sünde ...“ (Jak. 5,16).

 

Es ist nun nicht verwunderlich, wenn die Menschen, die sich taufen lassen wollten, ihre Sünden bekannten. Es heißt doch vorher, Johannes habe die Bußtaufe gepredigt, er habe mit Wasser getauft zur Buße. Wen sollte er da anders getauft haben als die, welche sich als Sünder bekannt hatten? Die Taufe ist das Merkzeichen der Sündenvergebung - und wer sollte zu solchem Zeichen zugelassen werden, als Sünder, die sich auch als solche bekannten? Sie bekannten also ihre Sünden, um getauft zu werden.

 

Es hat auch seinen guten Grund, wenn Jakobus die Anweisung gibt, es solle einer dem anderen seine Sünde bekennen. Hätten die Gegner aber nur darauf geachtet, was auf diese Worte unmittelbar folgt, so hätten sie gemerkt, daß ihnen auch diese Stelle wenig Beistand leistet. Jakobus sagt nämlich: „Bekenne einer dem anderen seine Sünden und betet füreinander.“ Er verbindet also das gegenseitige Bekennen der Sünden mit der gegenseitigen Fürbitte. Soll man also allein den Priestern beichten, so soll man auch allein für sie beten. Was käme nun aber heraus, wenn man aus den Worten des Jakobus die Folgerung zöge, allein die Priester vermöchten zu beichten? Wenn er will, daß wir gegenseitig einander beichten- so redet er damit offenbar nur solche an, die auch der anderen Beichte zuhören vermögen! Er sagt doch: „einer dem anderen“, also gegenseitig, einander, jeder dem anderen, oder auch meinetwegen: wechselseitig! Solch wechselseitiges Beichten können aber nur solche Menschen üben, die auch ihrerseits in der Lage sind, Beichte zu hören! Wenn dieses Vorrecht aber allein den Priestern zukommt, so wollen wir auch ihnen allein die Aufgabe überlassen, zu beichten!

Nun wollen wir aber dergleichen Possen beiseitelassen und vernehmen, was der Apostel wirklich meint. Das ist sehr einfach und klar: wir sollen einer dem anderen unsere Schwachheiten anvertrauen, um so gegenseitigen Rat, gegenseitiges Mitleiden und gegenseitigen Trost untereinander zu empfangen. Wenn wir dann gegenseitig um die Schwachheiten unserer Brüder wissen, dann sollen wir für sie zum Herrn beten. Was zieht man nun den Jakobus gegen uns heran? Wir legen doch gerade auf das Bekenntnis der Barmherzigkeit Gottes so großes Gewicht! Es kann aber kein Mensch Gottes Barmherzigkeit „bekennen“, der nicht zuvor seinen Jammer „bekannt“ hat! Ja, wir sagen frei heraus, der sei verflucht, der sich nicht vor Gott, vor seinen Engeln, vor der Kirche, ja vor allen Menschen als Sünder bekennt! Denn der Herr „hat alles beschlossen unter die Sünde“ (Gal. 3,22), „auf daß aller Mund gestopfet

 

werde und alles Fleisch Gott schuldig sei“ (Röm. 3,19; nicht ganz Luthertext), er selbst aber allein gerechtfertigt und erhöht werde!

 

 

 

III,4,7

 

Mich verwundert aber doch, mit welcher Kühnheit sie zu behaupten wagen, die Beichte, von der sie reden, sei göttlicher Rechtssetzung (iuris divini). Ich gebe allerdings zu, daß sie seit sehr alter Zeit in Übung ist. Aber ich kann sehr leicht beweisen, daß diese Übung früher frei war. Auf jeden Fall ist nach dem Bericht ihrer eigenen Chroniken hinsichtlich der Beichte kein Gesetz und keine Satzung aufgestellt worden vor der Zeit des Papstes Innozenz III. - und das war der einhundertdreiundachtzigste Papst! Hätten die Papisten ein älteres Gesetz gehabt, so hätten sie dies ganz sicher für sich in Anspruch genommen und sich nicht mit der Satzung des Laterankonzils (von 1215) zufriedengegeben und damit selbst bei Kindern lächerlich gemacht. In anderen Sachen haben sie doch ohne Scheu gefälschte Beschlüsse zusammengeschmiedet, die sie den ältesten Konzilien zugeschrieben haben, um schon durch das verehrungswürdige Alter einfältigen Leuten die Augen zu blenden. In diesem Stück aber ist es ihnen nicht in den Sinn gekommen, derlei Betrug zu verüben. Es sind also nach ihrem eigenen Zeugnis noch nicht dreihundert Jahre verlaufen, seit Innozenz III. den Menschen diesen Strick um den Hals geworfen hat und die Beichte den Leuten als notwendig auferlegt worden ist.

 

Aber wenn ich nun auch von der Zeit schweige, so macht schon die Barbarei der Worte jenes (Beicht-)Gesetz unglaubwürdig. Die guten Väter ordnen nämlich an, es solle jeder Mensch „von beiderlei Geschlecht“ (utriusque sexus) einmal im Jahre seinem eigenen Priester alle seine Sünden bekennen. Spottlustige Leute wenden nun witzig ein, dieses Gebot sei nur für Zwitter verbindlich (wegen der Formulierung „utriusque sexus“, von beiderlei Geschlecht), beziehe sich dagegen auf keinen Menschen, der einzig Mann oder Weib sei! Eine noch gröbere Torheit ist nun bei den Schülern jener Männer zum Vorschein gekommen: die können nicht erklären, was nun der „eigene Priester“ bedeuten solle!

 

Was nun aber auch die gemieteten Zungendrescher des Papstes sich zusammenschreien mögen, so halten wir doch daran fest, daß Christus nicht der Urheber des Gesetzes ist, das die Menschen zwingt, ihre Sünden aufzuzählen, ja, daß seit der Auferstehung Christi zwölfhundert Jahre vergangen sind, ehe überhaupt ein solches Gesetz aufgestellt wurde. Wir halten daran fest, daß diese Tyrannei erst aufgekommen ist, als die Frömmigkeit und reine Lehre ausgelöscht war und sich die Scheinhirten bereits ohne Bedacht alle möglichen Freiheiten herausgenommen hatten.

Es sind aber auch in den kirchlichen Geschichtsbüchern wie bei den anderen Schriftstellern der Alten Kirche klare Zeugnisse vorhanden, die uns lehren, daß es sich hier um eine bürgerliche Zuchtmaßnahme gehandelt hat, die von den Bischöfen eingerichtet worden ist, nicht aber um ein Gesetz, das Christus und die Apostel gegeben hätten. Ich will aus vielen nur ein einziges anführen, das ein heller Beweis dafür sein wird. Sozomenus (der Kirchengeschichtsschreiber) berichtet, daß diese Ordnung der Bischöfe in den Kirchen des Westens eifrig gehalten wurde, besonders in der Kirche zu Rom (Kirchengeschichte 7,16; Historia tripartita 9,35). Damit macht er deutlich, daß wir es hier nicht mit einer Einrichtung in allen Kirchen zu tun haben. Er erklärt aber weiter, es sei einer von den Priestern besonders dazu bestimmt gewesen, dieses Amt (nämlich das Hören der Beichte) zu verwalten. Damit widerlegt er zum Überfluß deutlich die Lüge der Scholastiker von der Schlüsselgewalt, die der ganzen Priesterschaft ohne Unterschied zu jener Übung (der Beichte) gegeben sein soll; denn die Amtsaufgabe des Beichtehörens kam ja nicht sämtlichen Priestern allgemein zu, sondern war die besondere Sache eines einzelnen, den der Bischof dazu ausgewählt hatte. Das ist der Priester, den man noch heutzutage an den Bischofskirchen „Beichtmeister“ nennt: der Mann, der die Untersuchung bei schweren Freveltaten und bei solchen Dingen hat, in denen die Strafe als Beispiel dienen soll. Dann bemerkt Sozomenus,

 

die Sitte der Beichte habe auch in Konstantinopel bestanden, bis man eine Frau dabei ertappt habe, daß sie unter dem Schein, beichten zu wollen, mit dem dazu bestellten Diakonen Hurerei getrieben hatte. Angesichts dieser Freveltaten hat dann Nectarius, der Bischof dieser Kirche, ein nach seinem heiligen Wandel und nach seiner Bildung hochberühmter Mann, die Übung der Beichte abgeschafft. Hier, hier sollen nun die Esel die Ohren spitzen! Wäre die Ohrenbeichte ein Gesetz Gottes, wie hätte dann Nectarius wagen können, sie aufzuheben oder abzuschaffen? Will man einen Mann wie Nectarius, einen heiligen Mann Gottes, durch das Zeugnis aller Kirchenväter anerkannt, der Ketzerei und der Kirchenspaltung anklagen? Dann muß man aber das gleiche Verdammungsurteil über die Kirche von Konstantinopel fällen, denn diese hat nach der Behauptung des Sozomenus die Beichtsitte nicht nur eine Zeitlang aufgehoben, sondern sie sogar bis auf seine Zeit gänzlich abkommen lassen. Ja, man muß dann nicht nur die Kirche zu Konstantinopel, sondern überhaupt alle Kirchen des Ostens wegen Abfall in den Anklagezustand versetzen, weil sie ein - sofern die Scholastiker Recht haben! - unverletzliches Gesetz, das doch allen Christenmenschen auferlegt sein soll, außer Achtung gesetzt haben!

 

 

 

III,4,8

 

Diese Abschaffung der Beichte aber bezeugt Chrysostomus, der ebenfalls Bischof der Kirche von Konstantinopel gewesen ist, deutlich an sovielen Stellen, daß man sich wundern muß, wieso die Papisten dagegen noch zu mucksen wagen. Er sagt: „Sprich deine Sünden aus, um sie zunichte zu machen; wenn du dich aber schämst, einem Menschen zu sagen, was du gesündigt hast, so sprich es alle Tage in deiner Seele aus! Ich sage nicht, daß du deinem Mitknecht beichten sollst, der dir womöglich Vorwürfe macht; nein, sag deine Sünden Gott, der heilt sie! Bekenne deine Sünde auf deinem Bette, damit dein Gewissen seine Übeltaten dort tagtäglich erkenne“ (Pseudo-Chrysostomus, Predigt zu Ps. 50). Ebenso: „Es ist nun aber auch nicht vonnöten, daß du deine Sünde in Gegenwart von Zeugen beichtest; in deiner eigenen Erkenntnis soll die Erforschung deiner Übertretungen vor sich gehen, und dies Gericht soll ohne Zeugen sein; allein Gott soll sehen, wie du beichtest“ (Pseudo-Chrysostomus, Predigt von der Buße und der Beichte). Oder er sagt: „Ich will dich nicht ins Schauhaus, vor deine Mitknechte führen; ich zwinge dich nicht, Menschen deine Sünde aufzudecken: prüfe dein Gewissen vor Gott und breite es vor ihm aus! Zeige dem Herrn, dem herrlichsten unter allen Ärzten, deine Wunden und bitte ihn um Arznei, zeige sie ihm, der dir nicht Vorwürfe macht, sondern dich aufs allerfreundlichste heilt! (Chrysostomus, Über Gottes unbegreifliches Wesen 5,7). Oder auch: „Sag es wahrhaftig nicht einem Menschen, damit er dich nicht verweist; beichte auch nicht deinem Mitknecht, der deine Beichte womöglich in die Öffentlichkeit trägt, sondern zeige dem Herrn deine Wunden: er trägt Sorge um dich, er ist freundlich, und er ist ein Arzt!“ Bald danach läßt er Gott so reden: „Ich zwinge dich nicht, mitten ins Schauhaus zu treten und viele Menschen als Zeugen zuzuziehen; sag mir ganz allein, ohne andere, deine Sünde, damit ich deine Schwäre heile:“ (Predigt über Lazarus, IV,4). Sollen wir nun sagen, Chrysostomus sei, wenn er dies und dergleichen schreibt, dermaßen vermessen, daß er das Gewissen der Menschen von Banden löse, in die es nach Gottes Gesetz verstrickt wäre? Ganz gewiß nicht; nein, er weiß, daß es sich hier durchaus nicht um Vorschriften aus Gottes Wort handelt, und deshalb wagt er es auch nicht, dergleichen als nötig zu fordern!

 

 

 

III,4,9

 

Damit aber nun die ganze Angelegenheit deutlicher und klarer wird, will ich zunächst nach bestem Wissen und Gewissen darstellen, welche Art von Beichte uns im Worte Gottes überliefert ist; dann will ich auch die Erdichtungen der Papisten heranziehen, und zwar nicht sämtliche - wer sollte auch dieses unergründliche Meer ausschöpfen wollen? -, sondern nur die, in denen sie die Hauptsache ihrer heimlichen (d.h. Ohren-) Beichte zusammenfassen.

 

Es verdrießt mich nun, daran erinnern zu müssen, wie oft der alte Übersetzer, wo er im Text „Loben“ las, dies Wort mit „Bekennen, Beichten“ wiedergegeben hat. Das weiß nämlich selbst der gröbste Laie. Nur muß ich es erwähnen, weil es erforderlich ist, die Vermessenheit der Papisten ins rechte Licht zu setzen, die nämlich solche Stellen, die vom Lobpreis Gottes handeln, auf ihr tyrannisches Gebot deuten! Um zu beweisen, daß die Beichte dazu verhelfe, daß das Herz froh werde, ziehen sie unter gewaltsamer Verdrehung das Psalmwort heran: „(Ich wollte gerne mit ihnen wallen zum Hause Gottes) mit Frohlocken und Danken“ (Ps. 42,7; das Wort „Danken“ ist in der lateinischen Übersetzung mit „Bekennen“ wiedergegeben!). Wenn nun aber eine derartige Sinnverwandlung Geltung haben soll, dann können wir am Ende aus allem alles machen! Aber sie haben eben aufgehört, sich zu schämen, und daran mag der fromme Leser erkennen, daß sie Gott in gerechter Vergeltung in einen verkehrten Sinn hat fallen lassen, damit ihre Vermessenheit nur um so abscheulicher würde. Wenn wir bei der schlichten Lehre der Schrift verharren wollen, so besteht keine Gefahr, daß uns jemand mit solchem leeren Schein betöre.

 

In der Schrift aber wird uns nur eine Art der Beichte vorgeschrieben, nämlich diese: Da allein der Herr Sünde vergibt, vergißt, tilgt, so sollen wir ihm unsere Sünden bekennen, um Vergebung zu erlangen. Er ist der Arzt; so sollen wir ihm unsere Wunden offenlegen. Er ist verletzt und gekränkt worden; so sollen wir von ihm den Frieden erbitten. Er ist der Herzenskündiger und weiß alle unsere Gedanken; so sollen wir herzueilen, um ihm unser Herz auszuschütten. Und schließlich: er ruft die Sünder; so sollen wir nicht zögern, zu ihm hinzugehen! So spricht David: „Darum bekannte ich dir meine Sünde und verhehlte meine Missetat nicht. Ich sprach: ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen. Da vergabst du mir die Missetat meines Herzens“ (Ps. 32,5; bis auf das letzte Wort Luthertext). Oder ein anderes Bekenntnis, auch von David: „Gott, sei mir gnädig ... nach deiner großen Barmherzigkeit!“ (Ps. 51,3). Oder eine Beichte des Daniel: „Wir haben gesündigt, Herr, unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden: wir sind von deinen Geboten ... gewichen“ (Dan. 9,5). Solche Beichtworte kommen in der Schrift immer wieder vor, und es würde wohl einen Band füllen, wenn man sie alle wiedergeben wollte. So sagt Johannes: „So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist der Herr treu ..., daß er uns die Sünden vergibt ...“ (1. Joh. 1,9). Wem sollen wir nun unsere Sünden bekennen? Doch zweifellos ihm! Und das geschieht, wenn wir uns erschrockenen und gedemütigten Herzens vor ihm niederwerfen, wenn wir uns vor ihm von Herzen verklagen und verdammen - und begehren, daß er uns aus seiner Güte und Barmherzigkeit losspreche!

 

 

 

III,4,10

Wer nun von Herzen und vor Gott diese Beichte geübt hat, der wird auch ohne Zweifel mit der Zunge zum Bekenntnis bereit sein, um, sooft es nötig ist, vor Menschen Gottes Barmherzigkeit zu preisen. Und er wird da nicht bloß einem einzigen Menschen gegenüber ein einziges Mal das Geheimnis seines Herzens aussprechen und es ihm dabei gar bloß still ins Ohr sagen, nein, er wird öfter, er wird öffentlich, wenn es alle Welt hört, seine eigene Schande und Gottes Herrlichkeit und Ehre frei heraus ehrlich bekennen. So machte es David: Nathan hatte ihn gestraft, und der Stachel des Gewissens hatte ihn getroffen; da bekannte er seine Sünde vor Gott und vor Menschen und sprach: „Ich habe gesündigt wider den Herrn!“ (2. Sam. 12,13). Das heißt: Ich beschönige nichts, ich suche auch keine Ausflüchte dagegen, daß mich nun alle Leute als Sünder ansehen und daß das, was ich vor dem Herrn heimlich halten wollte, jetzt gar vor den Menschen offen zutage liegt! So folgt also auf jene verborgene Beichte, die Gott gegenüber geschieht, das freiwillige Bekenntnis vor den Menschen, sooft es der Ehre Gottes oder unserer eigenen Demütigung dient. Aus diesem Grunde hat der Herr einst im israelitischen Volke die Einrichtung getroffen, daß das Volk unter Vorsprechen des Priesters seine Missetaten

 

öffentlich im Tempel bekannte (Lev. 16,21). Er sah nämlich voraus, daß sie diese Hilfe nötig hatten, damit jeder einzelne besser dazu angeleitet würde, sich selbst recht zu erkennen. Es ist auch recht und billig, daß wir durch das Bekenntnis unseres Elendes die Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes untereinander und vor aller Welt verherrlichen.

 

 

 

III,4,11

 

Diese Art der Beichte sollte m der Kirche ordentlich im Schwange gehen. Sie sollte aber auch außer der Ordnung in besonderer Weise geübt werden, wenn es sich etwa zuträgt, daß das Volk in eine gemeinsame Sünde verstrickt ist. Für diese zweite Art des Sündenbekenntnisses haben wir ein Beispiel in jener feierlichen Beichte, die das ganze Volk auf Anregung und unter Leitung des Esra und des Nehemia ablegte (Neh. 9,1ff.). Die lange Verbannung, die Zerstörung der Stadt und des Tem-pels, der Untergang der Religion - das war ja alles die Strafe für den gemeinsamen Abfall aller; und deshalb konnten sie die Wohltat der ihnen widerfahrenen Befreiung nicht nach Gebühr anerkennen, ohne sich zuvor selber als Angeklagte hinzustellen. Es ist ohne Belang, wenn in einer Versammlung zuweilen einige wenige unschuldig sind; denn sie sind ja Glieder an einem siechen und gebrechlichen Leibe und können deshalb nicht den Anspruch erheben, selbst gesund zu sein. Ja, es kann gar nicht anders sein, als daß auch sie sich irgendeine Befleckung zugezogen haben und so ebenfalls mitschuldig sind.

 

Wenn uns also Pestilenz oder Krieg oder Dürre oder sonst eine Drangsal befällt, so ist es unseres Amtes, zu Trauer und Fasten und anderen Zeichen der Schuldhaftigkeit unsere Zuflucht zu nehmen, aber das Sündenbekenntnis, von dem ja alles andere abhängt, darf dabei unter keinen Umständen unterlassen werden.

 

Jene ordentliche Beichte, die uns ja durch den Mund des Herrn nahegelegt ist, wird auch abgesehen hiervon kein vernünftiger Mensch, der ihren Nutzen recht erwägt, zu verwerfen wagen. Stellen wir uns doch in jeder heiligen Zusammenkunft vor Gottes und der Engel Angesicht - was sollte aber da anders der Anfang unseres Tuns sein, als die Erkenntnis unserer Unwürdigkeit? Nun könnte aber einer sagen: das geschieht doch in jedem Gebet; denn wenn wir um Vergebung bitten, so bekennen wir doch damit unsere Sünden! Das gebe ich zu. Aber wenn man bedenkt, wie groß unsere Sicherheit, unsere Verschlafenheit, unsere Trägheit ist, dann wird man mir auch zugeben, daß es eine heilsame Einrichtung ist, wenn das Christenvolk durch eine feierlich geordnete Beichte zur Demütigung geübt wird. Die Beichtform, die der Herr den Israeliten auftrug, gehört freilich zu der Erziehung unter dem Gesetz; aber die Sache selbst geht auch uns gewissermaßen an. Wir nehmen auch tatsächlich wahr, daß bei wohlgeordneten Kirchen mit viel Frucht die Sitte herrscht, daß der Diener an den einzelnen Sonntagen in seinem und des Volkes Namen ein formuliertes Sündenbekenntnis ausspricht, in dem er alle der Ungerechtigkeit zeiht und den Herrn um Vergebung bittet. Schließlich ist dies auch der Schlüssel, der dem Einzelnen für sich allein und allen zusammen öffentlich die Tür zum Beten auftut.

 

 

 

III,4,12

Außerdem heißt die Schrift zwei Formen der Einzelbeichte (confessio privata) gut. Die erste geschieht um unserer selbst willen. Dahin gehört die Weisung des Jakobus, nach der wir einer dem anderen unsere Sünden bekennen sollen (Jak. 5,16). Er meint nämlich dies: wir sollen einander unsere Schwachheiten aufdecken, um uns dann mit gegenseitigem Rat und gegenseitiger Tröstung beizustehen. Die zweite Form soll um des Nächsten willen geschehen, um ihn zu beruhigen und ihn wieder mit uns zu versöhnen, wenn er in irgendeiner Angelegenheit durch unsere Schuld verletzt worden ist. Bei der ersten Art nennt nun zwar Jakobus niemanden ausdrücklich, an dessen Herzen wir unsere Last ablegen sollen. Er überläßt es unserem freien Ermessen, dem unsere Sünde zu bekennen, der uns dazu aus der Schar der Kirche am meisten geschickt erscheint. Nun sind aber besonders die Hirten (Pastoren) hierzu als geeignet anzusehen, und deshalb werden wir vornehmlich sie zu erwählen

 

haben. Daß sie geeigneter sind als andere, sage ich deshalb, weil sie durch die Berufung in ihren Dienst von Gott dazu ausersehen sind, daß wir durch ihren Mund dazu unterwiesen werden, die Sünde zu dämpfen und von uns zu tun, und daß wir auch durch ihren Mund aus dem Vertrauen auf die Vergebung heraus Trost empfangen sollen (Matth. 16,19; Matth. 18,18; Joh. 20,23). Das Amt der gegenseitigen Ermahnung und Zurechtweisung ist zwar allen Christenmenschen aufgetragen, aber den Dienern am Wort ist es in besonderer Weise befohlen; wenn wir uns also auch alle gegenseitig trösten und in der Zuversicht auf das göttliche Erbarmen starken sollen, so betrachten wir doch die Diener am Wort selbst als Zeugen und Bürgen der Sündenvergebung, die das Gewissen dieser Vergebung versichern sollen. So heißt es ja auch von ihnen, daß sie Sünden vergeben und die Seelen lösen. Wenn man nun hört, daß ihnen dies zugesprochen wird, so soll man auch beachten, daß es zu unserem Nutzen geschieht. Deshalb soll jeder einzelne Gläubige daran denken, daß es, wenn er für sich allein dermaßen vom Empfinden seiner Sünde geängstigt und erschreckt wird, daß er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr freimachen kann, seine Aufgabe ist, nicht das Heilmittel beiseitezulassen, das ihm vom Herrn dargereicht wird. Er soll dann von der Einzelbeichte bei seinem Pastor Gebrauch machen und soll den Mann, dessen Amt es ist, das Volk Gottes öffentlich und insonderheit mit der Lehre des Evangeliums zu trösten, zu seiner Erleichterung auch um seine persönliche Hilfeleistung bitten. Das soll aber alles in solchem Maßhalten vor sich gehen, daß nicht an einer Stelle, wo Gott nichts Bestimmtes vorgeschrieben hat, die Gewissen unter ein festes Joch gebunden werden. Daraus ergibt sich, daß diese Beichte frei sein muß und nicht etwa von allen zu fordern ist, sondern nur denen empfohlen werden soll, die merken, daß sie sie nötig haben. Auch sollen selbst diese Leute, die angesichts ihrer Not davon Gebrauch machen, nicht durch ein Gesetz dazu angehalten oder mit List dazu gebracht werden, alle ihre Sünden aufzuzählen, sondern sie sollen nur soweit gehen, wie sie es für dienlich halten, um eine vollkommene Frucht des Trostes zu empfangen. Treue Hirten müssen den Kirchen diese Freiheit nicht bloß lassen, sondern sie auch schützen und tapfer aufrechterhalten, wenn sie wollen, daß ihr Dienst ohne Tyrannei und das Volk ohne Aberglauben bleibe.

 

 

 

III,4,13

 

Von der anderen Form der Einzelbeichte spricht Christus bei Matthäus: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfre deine Gabe“ (Matth. 5,23f.). Denn so soll die Liebe wiederhergestellt werden, die durch unsere Schuld zerborsten ist: wir sollen die Schuld, die wir begangen haben, anerkennen und Abbitte leisten.

 

Zu dieser Art gehört auch die Beichte derjenigen, die mit ihrer Sünde der ganzen Kirche Anstoß gegeben haben. Denn wenn Christus die Kränkung eines einzelnen Privatmenschen so schwer nimmt, daß er alle, die gegen die Brüder irgendwie gesündigt haben, vom heiligen Dienst zurückhält, bis sie sich in gerechter Genugtuung wieder mit ihnen versöhnt haben - wieviel besser ist es dann begründet, daß der, welcher die Kirche mit irgendeinem schlechten Beispiel beleidigt hat, sie durch Anerkennung seiner Schuld wieder mit sich versöhne! So wurde jener Korinther wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, als er bewiesen hatte, daß er der Zurechtweisung gehorsam war (2. Kor. 2,6).

 

Diese Form der Beichte hat auch in der Alten Kirche bestanden; daran erinnert uns Cyprian. Er sagt: „Sie tun eine gebührliche Zeit hindurch Buße, dann kommen sie zum öffentlichen Bekenntnis ihrer Sünden und empfangen durch die Handauflegung des Bischofs und des Klerus das Recht auf die Gemeinschaft“ (Brief 16,2).

Von anderen Arten und Formen der Beichte weiß die Schrift schlechterdings

 

nichts. Auch ist es nicht unsere Aufgabe, die Gewissen, die uns Christus auf das schärfste zu knechten verbietet, mit neuen Fesseln zu binden.

 

Indessen erhebe ich keinerlei Widerspruch dagegen, daß die Schafe jedesmal, wenn sie am Heiligen Abendmahl teilnehmen wollen, sich ihrem Hirten stellen; ich möchte im Gegenteil, daß diese Gepflogenheit allerorts beobachtet würde. Denn daraus kann einerseits denen, die ein bedrücktes Gewissen haben, eine einzigartige Frucht erwachsen, anderseits bietet sich dabei auch Gelegenheit, die Leute zu ermahnen, die dessen bedürfen. Nur muß alles ohne Tyrannei und Aberglauben vor sich gehen.

 

 

 

III,4,14

 

In diesen drei Arten der Beichte hat die Schlüsselgewalt ihren Platz. Diese ist also erstens wirksam, wenn die ganze Kirche in öffentlichem Bekenntnis ihrer Übeltaten um Vergebung bittet. Zum zweiten wird sie da geübt, wo ein einzelner Mensch, der durch irgendeinen öffentlich ins Auge fallenden Frevel ein allgemeines Ärgernis herbeigeführt hat, seine Buße bezeugt. Und zum dritten geschieht sie dann, wenn ein Mensch, der um der Unruhe seines Gewissens willen die Hilfe des Dieners (am Wort) braucht, diesem seine Schwachheit zur Kenntnis bringt. Dagegen hat es mit der Behebung einer Kränkung eine andere Bewandtnis: freilich geschieht auch diese so, daß dabei dem Frieden des Gewissens gedient wird, aber der hauptsächliche Zweck ist doch der, daß der Haß verschwindet und die Herzen durch das Band des Friedens miteinander geeint werden.

 

Aber jener Nutzen (nämlich der des Schlüsselamtes), von dem ich sprach, ist keineswegs geringzuschätzen, damit wir um so leichter bereit sind, unsere Sünden zu bekennen. (Erster Fall:) Wenn nämlich die ganze Kirche gewissermaßen vor Gottes Richterstuhl steht und sich schuldig bekennt und wenn sie dann ihre einzige Zuflucht in Gottes Erbarmen findet, so ist es kein geringer, kein leichter Trost, daß da ein Gesandter Christi gegenwärtig ist, der den Auftrag empfangen hat, sie zu versöhnen, und aus dessen Munde sie die Verkündigung ihrer Lossprechung vernehmen darf. Hier wird der Nutzen des Schlüsselamtes mit vollem Recht hoch gerühmt, wenn die Ausrichtung dieses Gesandtendienstes mit der gebührenden Ordnung und Ehrerbietung sich vollzieht. Oder ebenso (im zweiten Fall): ein Mensch, der sich von der Kirche auf irgendeine Weise entfremdet hat, empfängt Verzeihung und wird in die brüderliche Gemeinschaft wieder aufgenommen. Was ist es nun da für eine große Wohltat, wenn er gewahr wird, daß ihm von denen verziehen ist, zu denen Christus gesagt hat: „Welchen ihr die Sünden erlasset auf Erden, denen sollen sie auch im Himmel erlassen sein“ (Zusammenstellung aus Matth. 18,18 und Joh. 20,23). Nicht geringere Wirkung und Frucht hat (dritter Fall) die private Absolution, wo sie von Menschen begehrt wird, die ein besonderes Mittel nötig haben, um ihren Schwachheiten aufzuhelfen. Es kommt nämlich nicht selten vor, daß ein Mensch, der die allgemeinen Verheißungen vernimmt, die sich an die ganze Versammlung der Gläubigen richten, trotzdem einigermaßen im Zweifel bleibt und immer noch ein unruhiges Herz hat, als hätte er noch gar keine Vergebung erlangt. Wenn nun ein solcher Mensch seinem Pastor die verborgene Wunde seines Herzens offenlegt und wenn er dann hört, daß das Wort des Evangeliums: „Sei getrost ... dir sind deine Sünden vergeben“ (Matth. 9,2) ihm ganz persönlich zugesprochen ist, so wird er sein Herz stärken, damit es Gewißheit findet, und er wird von dem ungewissen Zagen, das ihn zuvor quälte, frei werden.

Wenn aber von den „Schlüsseln“ die Rede ist, so müssen wir uns immerzu in acht nehmen, nur ja nicht zu träumen, das sei eine von der Verkündigung des Evangeliums getrennte Gewalt. Das muß an anderer Stelle, wenn ich vom Kirchenregiment zu reden habe, aufs neue, und dann ausführlicher dargetan werden. Da werden wir denn auch erkennen, daß jedwedes Recht zu binden oder zu lösen, das Christus seiner Kirche erteilt hat, an das Wort gebunden ist. Das ist aber in ganz besonderer Weise wahr, wenn es sich um das Amt der Schlüssel handelt:

 

seine ganze Kraft beruht darauf, daß die Gnade des Evangeliums durch die Menschen, die der Herr dazu verordnet hat, in den Herzen der Gläubigen öffentlich und insonderheit versiegelt wird - und das kann ausschließlich durch die Predigt geschehen.

 

 

 

III,4,15

 

Was lehren nun die römischen Theologen? Sie geben die Anweisung, daß alle Menschen beiderlei Geschlechts, sobald sie das Alter erreicht haben, in dem sie Gut und Böse unterscheiden können, mindestens einmal im Jahre dem zuständigen Priester alle ihre Sünden zu beichten haben. (So will es das entsprechende Dekret Innozenz\' III. auf dem IV. Laterankonzil). Eine Vergebung der Sünde soll nur dann eintreten, wenn der feste Vorsatz zur Beichte vorgelegen hat. Ist dieser Vorsatz, sofern die Gelegenheit dazu bestand, nicht verwirklicht worden, so soll keinerlei Eingang in das Paradies mehr möglich sein (Sentenzen IV,17,4). Der Priester hat - so lehrt man weiter - die Schlüsselgewalt, mit der er den Sünder zu lösen oder zu binden vermag, damit das Wort Christi: „Was ihr binden werdet auf Erden ...“ nicht außer Kraft sei (Matth. 18,18; Sentenzen IV,17,1).

 

Über diese Schlüsselgewalt liegen sie nun untereinander streitbar im Kriege. Die einen meinen, es bestehe dem Wesen nach nur ein „Schlüssel“, nämlich die Gewalt, zu binden und zu lösen; die (moraltheologische) Kenntnis sei zwar zu guter Anwendung (dieser Gewalt) erforderlich, aber doch gewissermaßen nur ein hinzutretendes Ding und hänge nicht wesentlich an jener Gewalt. Andere merkten nun, daß dies ein allzu zügelloser Mutwille ist, und unterschieden deshalb zwischen zwei „Schlüsseln“, der Unterscheidung (der Sünden) und der (eigentlichen) Gewalt (zu binden und zu lösen). Wiederum sahen aber andere, daß durch diese Mäßigung die Schalkheit der Priester in Schranken gehalten würde, und da haben sie noch andere „Schlüssel“ zugesetzt: sie reden zunächst von der Unterscheidungsgewalt, die sie bei der Feststellung (bestimmter Sünden) brauchen sollten, dann zweitens von der Gewalt, die sie in der Vollstreckung ihrer Entscheidung auszuüben hätten; die Kenntnis kommt nach dieser Ansicht gewissermaßen als „Ratgeber“ hinzu.

 

Jenes „Binden und Lösen“ wagen sie nun gar nicht schlicht auszulegen, nämlich daß es Sünden vergeben und tilgen bedeutet. Denn sie hören doch bei den Propheten den Herrn ausrufen: „Ich, ich bin der Herr ... Ich, ich tilge deine Übertretungen, Israel!“ (Jes. 43,11. 25). Ihre Ansicht ist aber nun die: Dem Priester steht es zu, kundzumachen, welche Menschen gebunden und welche gelöst sind, und zu erklären, welchen Menschen die Sünden vergeben und welchen sie behalten sind. Die Erklärung übt der Priester entweder in der Beichte aus, wenn er losspricht und Sünden „behält“, oder aber durch Urteilsspruch, wenn er jemanden in den Bann tut (exkommuniziert) oder ihn zur Gemeinschaft an den Sakramenten zuläßt.

Nun merken sie aber schließlich doch, daß sie sich noch immer nicht von dem Einwand freigemacht haben, den stets jemand erheben könnte: ihre Priester binden und lösen ja oft den Unrechten, und deshalb wird dieser ja dann im Himmel nicht gebunden oder gelöst! Da antworten sie dann - und das ist ihre äußerste Zuflucht! -, die Übergabe der Schlüssel(-gewalt) müsse begrenzt verstanden werden; Christus habe nur verheißen, daß der gerecht gefällte Urteilsspruch des Priesters vor seinem Richtstuhl bestätigt werden würde, also der, welcher nach Maßgabe der Verdienste des Gebundenen oder Gelösten ausgesprochen worden sei. Weiterhin behauptet man, diese Schlüssel hätte Christus zwar allen Priestern übergeben und sie würden ihnen deshalb von den Bischöfen bei der Beförderung in ihr Amt übertragen - der freie Gebrauch sei aber nur denen gestattet, die ein Kirchenamt verwalteten. Bei den gebannten und ihres Amtes (zeitweise) enthobenen Priestern blieben die Schlüssel an sich bestehen, aber doch nur rostig und gebunden. Die Leute, die das sagen, kann man aber noch für bescheiden und maßvoll halten, wenn man auf andere blickt, die sich auf einem neuen Amboß neue Schlüssel geschmiedet haben, mit welchen man nach ihrer

 

Lehre den Schatz der Kirche zuschließen kann. Diese neuen Schlüssel wollen wir später an ihrem Platze näher betrachten.

 

 

 

III,4,16

 

In meiner Entgegnung will ich kurz auf die einzelnen Stücke der gegnerischen Ansicht eingehen. Vorerst will ich unerwähnt lassen, mit was für einem Recht oder Unrecht man die Seelen der Gläubigen mit seinen Gesetzen in Fesseln legt; das wollen wir an geeigneter Stelle untersuchen. Daß man den Menschen aber das Gesetz auferlegt, alle Sünden müßten aufgezählt werden, daß man Sündenvergebung nur unter der Bedingung für möglich erklärt, daß der Vorrsatz zu beichten fest gefaßt worden sei, daß man schwatzt, es bliebe keinerlei Eingang ins Paradies mehr offen, wenn einer die Gelegenheit zu beichten nicht benutzt habe - dies alles ist unter keinen Umständen tragbar!

 

Man soll alle Sünden aufzählen? Aber David, der doch nach meiner Ansicht wirklich rechtschaffen die Beichte seiner Sünden bei sich bedacht hat, David hat doch trotzdem ausgerufen: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Fehle!“ (Ps. 19,13). Er sagt ebenso an anderer Stelle: „Meine Sünden, gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden“ (Ps. 38,5). Er wußte wahrhaftig, wie tief der Abgrund unserer Sünden ist, er wußte, unter wievielerlei Gestalt der Frevel bei uns auftritt, wieviel Häupter dieses Schlangenuntier hat und was für einen langen Schwanz es hinter sich herzieht! Er unternahm deshalb keine Aufzählung seiner Sünden, sondern rief aus der Tiefe seiner Bosheiten zum Herrn: „Ich bin versunken, ich bin begraben und erstickt, der Hölle Pforten haben mich umfangen, laß mich deine Hand herausziehen, der ich in tiefen Schlamm versunken bin, der ich verschmachte und sterben soll!“ (vgl. Ps. 18,6; Ps. 69,2f.,15f.; nicht Luthertext). Wer will nun daran denken, seine Sünden aufzuzählen, wenn er doch wahrnimmt, daß selbst David die Zahl der seinigen nicht zu fassen vermag!

 

 

 

III,4,17

 

Mit solcher Folter hat man unter furchtbarer Grausamkeit die Seelen von Menschen gequält, die irgendwie vom Empfinden Gottes getroffen waren! Zuerst fingen sie an zu rechnen und zerlegten die Sünden in Aste und Zweige und Zweiglein und Laub - nach der Anweisung jener römischen Priester! Dann erwogen sie die „Art“ der Sünden, die „Menge“, die „Umstände“ - und doch ging die Sache allzu langsam voran! Wenn sie aber dann weitergingen, dann sahen sie allenthalben nur Himmel und Meer, kein Hafen war da und kein Ruheplatz: je mehr Sünden sie durchgegangen waren, desto größer war die Menge, die sich vor ihrem Auge erhob, ja ihre Sünden ragten vor ihnen auf wie ein hoher Koloß - und es war keine Hoffnung zu sehen, je herauszukommen, selbst nicht nach langen Umwegen! So hingen sie denn „zwischen Heiligtum und Fels“, und es fand sich am Ende kein anderer Ausgang als die Verzweiflung!

 

Da kamen denn jene wüsten Folterknechte her und legten auf die Wunden, die sie geschlagen hatten, gewisse Pflaster auf, um sie zu lindern: sie sagten, es solle ein jeder tun, was er vermöchte. Aber alsbald erhob sich neue Sorge, ja neue Qual brachte die elenden Seelen gänzlich um die Besinnung: Ich habe mir nicht genug Zeit genommen, sagte man sich, ich habe nicht die rechte Mühe daran gewandt, ich habe vieles in mangelnder Achtsamkeit ausgelassen - und das vergessen aus mangelnder Sorgfalt ist ja unentschuldbar!

Da gab man den Menschen denn wieder andere Arznei ein, um solche Schmerzen zu lindern. Man sagte: Tu Buße für deine Unachtsamkeit; wenn sie nicht allzu träge ist, dann wird sie vergeben werden. Aber all solche Dinge können die Wunde nicht vernarben lassen, und sie sind nicht sowohl Linderungsmittel für das Übel, als vielmehr Gift, das man mit Honig überstrichen hat, damit man seine Bitterkeit nicht gleich beim ersten Schluck mit Abscheu bemerkt, sondern es nicht eher wahrnimmt, als es bereits ins Innerste gedrungen ist! So quält also jene schreckliche Stimme die

 

Menschen noch immer und schreit ihnen in die Ohren: „Beichte alle deine Sünden!“ - und dieser Schrecken kann nur durch einen festen Trost gestillt werden!

 

Der Leser soll hier auch einmal darüber nachdenken, wieweit es überhaupt möglich ist, sich die Geschehnisse eines ganzen Jahres ins Bewußtsein zu rufen oder alles zusammenzuzählen, was man an den einzelnen Tagen gesündigt hat. Jeder Mensch erhält doch aus eigener Erfahrung die Einsicht, daß unser Gedächtnis schon durcheinandergerät, wenn wir eines Abends auch nur die Sünden eines einzigen Tages überdenken wollen - so groß ist die Menge und die Vielfältigkeit, die sich einem dabei aufdrängt. Dabei rede ich nun nicht von groben und abgestumpften Heuchlern, die da meinen, sie hätten ihre Schuldigkeit getan, wenn sie drei oder vier schwerere Vergehen bedacht haben. Nein, ich rede von den wahren Dienern Gottes; sie nehmen ihre Selbstprüfung gründlich vor und gewahren, wie sie von Sünden ganz überschüttet werden, aber sie sagen sich dann auch noch jenes Johanneswort: „So uns unser Herz verdammt, so ist Gott größer als unser Herz ...“ (1. Joh. 3,20). So erschrecken sie vor dem Angesicht des Richters, dessen Erkenntnis weit über unseren Verstand geht.

 

 

 

III,4,18

 

Nun hat sich zwar ein großer Teil der Welt auf jene Schmeicheleien, mit denen man ein so verderbenbringendes Gift versüßt hat, verlassen. Aber das ist nicht geschehen, weil man etwa glaubte, Gott Genugtuung geleistet oder auch sich selbst wirklich Genüge getan zu haben. Nein, man wollte gleichsam mitten auf dem Meere den Anker auswerfen, um ein wenig von der Seefahrt auszuruhen. Oder man wollte es machen wie ein müder, verschmachteter Wandersmann, der sich an den Weg legt, um zu rasten. Ich brauche mir keine Mühe damit zu machen, diesen Satz zu beweisen. Denn dafür kann sich jedermann selbst Zeugnis ablegen.

 

Ich will zusammenfassend aussprechen, wie es um jenes Gesetz (zu beichten) bestellt war. Zunächst ist es einfach unmöglich; und deshalb kann es nur zugrunde richten, verdammen, verwirren, in Verstörung und Verzweiflung stürzen. Zweitens führt es auch die Sünder von der wahren Empfindung ihrer Sünden weg und macht sie so zu Heuchlern, zu Menschen, die weder Gott kennen, noch sich selber. Denn wenn der Mensch ganz damit beschäftigt ist, seine Sünden aufzuzählen, so vergißt er unterdessen den verborgenen Schlangenpfuhl seiner Laster, seine versteckten Ungerechtigkeiten, seine innere Befleckung - und durch die Erkenntnis dieser Wirklichkeit sollte er doch vornehmlich zur Einsicht in sein Elend geführt werden! Die sicherste Regel für unser Beichten ist aber doch die, daß wir solchen tiefen Abgrund unserer Bosheit erkennen und bekennen sollen, der auch über unser Wahrnehmen hinausgeht. Nach dieser Regel richtete sich, wie wir sehen, das Sündenbekenntnis des Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Luk. 18,13). Es ist, als ob er sagen wollte: So viel auch an mir ist - ich bin ganz Sünder, und ich vermag die Größe meiner Sünden weder mit meinem Verstand, noch mit meiner Zunge zu fassen: so möge der Abgrund deiner Barmherzigkeit diesen Abgrund der Sünde verschlingen!

 

Wieso, könnte nun jemand fragen, - soll man denn die Sünden nicht einzeln bekennen? Gibt es denn vor Gott kein Sündenbekenntnis, das ihm wohlgefällig wäre, außer dem einen, welches in die paar Wörtlein eingeschlossen ist: Ich bin ein Sünder? Nein, sage ich, wir sollen uns vielmehr Mühe geben, soviel an uns ist, unser ganzes Herz vor dem Herrn auszuschütten. Wir sollen uns nicht bloß mit einem einzigen Wort als Sünder bekennen, sondern uns auch wahrhaftig und von Herzen als solche erkennen; wir sollen unser ganzes Denken darauf richten, wie groß und wie vielfältig der Schmutz der Sünde ist. Wir sollen nicht bloß zugeben, daß wir unrein sind, sondern auch merken, welcher Art und wie groß unsere Unreinigkeit ist und wie vielfältig sie sich auswirkt. Wir sollen uns nicht allein für Schuldner halten, sondern auch erkennen, wieviel Schulden uns drücken und wie mannigfach wir in sie verstrickt sind.

 

Wir sollen uns nicht bloß als verwundet bekennen, sondern auch wahrnehmen, von wie vielen und tödlichen Schlägen wir verletzt sind! Wenn sich aber der Sünder in solcher Selbstprüfung ganz vor Gott ausgeschüttet hat, so soll er ernstlich und aufrichtig bedenken, daß noch viele Sünden übrig sind, daß die Schlupfwinkel seiner Bosheit zu tief liegen, als daß er sie in ihrer ganzen Tiefe ergründen könnte. So muß er denn mit David ausrufen: „Wer kann merken, wie oft er fehlet; verzeihe mir die verborgenen Fehle!“ (Ps. 19,13).

 

Die Römischen behaupten mm weiter, der Mensch empfange keine Sündenvergebung, wenn er nicht den festen Vorsatz gefaßt habe, zu beichten, und die Pforte des Paradieses bleibe dem verschlossen, der die Gelegenheit zur Beichte, sofern sie sich ihm bot, vernachlässigt habe. Das wollen wir ihnen unter keinen Umständen zugestehen! Denn die Vergebung der Sünden ist heutzutage nicht anders beschaffen, als sie es je war. Soviele Menschen nun nach unseren Berichten Vergebung ihrer Sünden von Christus erlangt haben - von keinem einzigen lesen wir, daß er einem Priester die Ohrenbeichte abgelegt habe! Sie konnten auch tatsächlich gar nicht beichten, wo es doch noch keine Beichtpriester gab und auch keine Beichte! Auch Jahrhunderten später war diese Beichte unbekannt, und zu dieser Zeit empfing man also die Vergebung der Sünden ohne diese Bedingung. Aber wir wollen über diese Sache nicht weiter streiten, als ob etwas Zweifelhaftes daran wäre. Das Wort Gottes lehrt uns ja deutlich, und das bleibt ewig. Wir lesen: „Sooft ein Sünder aufseufzt, ... will ich aller Übertretung, die er begangen hat, nicht gedenken“ (Ez. 18,21f.; nicht Luthertext). Wer diesem Wort etwas zuzufügen wagt, der „bindet“ nicht Sünden, sondern die Barmherzigkeit des Herrn!

 

Die Papisten behaupten dagegen aber, man könne kein Urteil sprechen, ohne zuvor von der betreffenden Sache Kenntnis gewonnen zu haben. Aber da ist die Lösung schon bereit: das haben sie sich eben selbst vorwitzig angemaßt; denn sie haben sich selbst zu Richtern bestellt! Es ist auch verwunderlich, daß sie sich mit solcher Sicherheit Grundsätze machen, die kein vernünftiger Mensch zugeben wird. Sie behaupten stolz, ihnen sei das Amt zu binden und zu lösen aufgetragen - als ob das eine Rechtsprechung sein sollte, die an die Form des Prozesses gebunden wäre! Dabei bezeugt die ganze Lehre der Apostel laut, daß diesen jenes Recht unbekannt gewesen ist! Auch geht die klare Erkenntnis, ob der Sünder gelöst wird, nicht den Priester an, sondern vielmehr den, den wir um die Lossprechung bitten (nämlich Gott!); denn der, welcher die Beichte hört, kann nie und nimmer wissen, ob da eine rechte und vollständige Aufzählung der Sünden stattfindet! Eine Lossprechung gäbe es dann also nur in der Weise, daß sie auf die Worte dessen beschränkt würde, der da gerichtet werden soll. Man muß auch weiter bedenken, daß die ganze „Lösung“ (von den Sünden) aus Glauben und Buße besteht; und diese beiden Dinge entziehen sich der Erkenntnis des Menschen, sofern man über einen anderen urteilen soll. Die Gewißheit der „Bindung“ und „Lösung“ unterliegt also nicht dem Urteil eines irdischen Richters; denn der Diener am Wort kann, wo er sein Amt recht verrichtet, nur bedingt lossprechen. Das Wort: „Welchen ihr die Sünden erlasset ...“ ist aber um des Sünders willen gesagt: er soll nicht zweifeln, daß die Vergebung, die ihm nach Gottes Auftrag und Gottes Wort verheißen ist, im Himmel gültig sein wird.

 

 

 

III,4,19

Es ist also kein Wunder, wenn wir die Ohrenbeichte, diese verderbenbringende Pestilenz, die der Kirche in so vielerlei Hinsicht Schaden tut, verdammen, und wenn wir begehren, daß sie abgetan werde. Selbst wenn sie an und für sich eine nicht entscheidende Angelegenheit (res indifferens) wäre - wer müßte nicht doch angesichts der Tatsache, daß sie keinerlei Nutzen und Frucht bringt, wohl aber die Ursache zu soviel Gottlosigkeit, Frevel und Irrtum abgegeben hat, für ihre sofortige Abschaffung eintreten? Man zählt allerdings einigerlei Nutzen der Ohrenbeichte auf, den man als sehr fruchtbringend an den Mann bringen will; aber der ist teils erlogen,

 

teils gänzlich belanglos. Nur einen Nutzen rühmt man mit besonderem Vorrang: die Beschämung des Beichtenden sei eine schwere Strafe, die den Sünder auch für die Folgezeit achtsamer mache und ihn dazu bringe, der Vergeltung Gottes dadurch zuvorzukommen, daß er sich selber strafe. Als ob die Scheu nicht groß genug wäre, mir der wir den Menschen demütigen, wenn wir ihn vor den höchsten, himmlischen Richtstuhl rufen, nämlich vor Gottes Gericht! Das sollte wahrhaftig ein herrlicher Fortschritt sein, wenn wir zwar aus Scham vor einem einzigen Menschen aufhörten zu sündigen, uns aber nicht scheuten, Gott zum Zeugen unseres bösen Gewissens zu haben!

 

Aber auch jene Behauptung selbst ist ganz falsch. Denn man kann allenthalben bemerken, daß der Mensch durch nichts größere Kühnheit, größeren Mutwillen zum Sündigen empfängt, als dadurch, daß er, nachdem er einmal dem Priester seine Beichte abgelegt hat, nun den Rücken wenden und sagen zu können glaubt: Ich habe nichts getan! Auf solche Weise wird der Mensch nicht allein das ganze Jahr hindurch nur kühner zum Sündigen, sondern er fühlt sich auch für den Rest des Jahres vor der Beichte sicher, erhebt nie seine Seufzer zu Gott, geht nie in sich, sondern häuft Sünde auf Sünde, bis er - wie man meint! - alle zusammen auf einmal ausspeit! Hat er sie dann aber ausgespien, so meint er seiner Last ledig zu sein, er meint Gott das Gericht genommen zu haben, das er ja auf den Priester übertragen hat, und er wähnt, Gottes Gedächtnis getilgt zu haben, wo er dem Priester seine Sünde zur Kenntnis gebracht hat! Aber weiter: wer sieht denn den Tag der Beichte fröhlich anbrechen? Wer kommt denn frohen Herzens zur Beichte? Kommt man nicht vielmehr unwillig und wie einer, der sich gehörig wehrt, als ob man beim Halse gewürgt und ins Gefängnis geschleppt würde? Anders mag es allenfalls bei den Priestern selber stehen, die sich durch die gegenseitige Erzählung ihrer Übeltaten köstlich ergötzen - wie durch lustige Geschichtlein! Ich will nicht viel Papier mit dem Bericht über die furchtbaren Greuel vertun, welche die Ohrenbeichte aus sich hervorsprudelt. Nur soviel will ich sagen: wenn schon jener fromme Mann (Nectarius), der um des einen Geredes von der Hurerei willen die Beichte aus seiner Kirche, ja aus dem Gedächtnis der Seinen entfernt hat, darin nicht unbedacht handelte, so mahnt uns heutzutage unendlich viel Hurerei, Ehebruch, Blutschande und Kuppelei an das, was zu tun nötig ist.

 

 

 

III,4,20

Aber hier nehmen die Beichtväter die Schlüsselgewalt für sich in Anspruch und sehen in ihr Bug und Heck ihrer Herrschaft, wie sie sagen. Wir müssen zusehen, wieviel das gelten soll. Man fragt uns: Sollen denn die „Schlüssel“ ohne Ursache gegeben worden sein? Heißt es etwa ohne Ursache: „Was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein“ (Matth. 18,18)? Sollen wir denn Christi Wort inhaltslos machen? Ich entgegne: die Schlüssel sind aus sehr schwerwiegender Ursache gegeben worden! Das habe ich wenig weiter oben bereits auseinandergesetzt, und das werde ich, wenn ich auf den Bann zu sprechen komme, wiederum, und zwar noch ausführlicher darlegen. Aber was will man machen, wenn ich mit einem einzigen Schwertstreich allen solchen Ansprüchen der Priester jeden Ansatzpunkt wegschlage? Was will man nämlich machen, wenn ich behaupte, daß die Priester gar nicht die Platzhalter oder Nachfolger der Apostel sind? Aber auch das wird noch an anderer Stelle zu behandeln sein. Jetzt nur dies: die Papisten bauen sich eben aus dem, was sie nach ihrem Willen am sichersten schützen soll, einen Sturmbock, der all ihre Rüstungen zunichtemachen muß. Denn Christus hat seinen Jüngern die Vollmacht zum Binden und Lösen erst erteilt, als er sie mit dem Heiligen Geist begabt hatte! Ich behaupte daher, daß keinem Menschen die Schlüsselgewalt zusteht, der nicht zuvor den Heiligen Geist empfangen hat. Ich bestreite, daß ein Mensch die Schlüssel verwalten kann, ohne daß der Heilige Geist vorangeht, ihn lehrt und ihm angibt, was er tun soll. Nun schwatzen die Römischen, sie hätten den Heiligen Geist; aber mit

 

der Tat bestreiten sie es - sie müßten uns sonst vormachen, der Heilige Geist sei ein eitles, nichtiges Ding; das tun sie auch wirklich, aber man wird es ihnen nicht glauben! Da haben wir nun aber ein Kriegsgerät, das sie gänzlich darniederwerfen wird: wenn sie den Anspruch erheben, zu irgendeiner Tür den „Schlüssel“ zu besitzen, dann muß man sie stets fragen, ob sie auch den Heiligen Geist hätten, der doch der Lenker und Verwalter der Schlüssel ist! Wenn sie dann antworten, sie hätten ihn - dann muß man sie wieder fragen, ob der Heilige Geist denn irren könnte! Das werden sie nicht ausdrücklich zu behaupten wagen, obwohl sie es in ihrer Lehre verdeckt zu verstehen geben. Man wird also zu folgern haben, daß kein Priester die Schlüsselgewalt besitzt; denn sie „lösen“ ja allenthalben ohne Unterschied, was der Herr binden wollte, und „binden“, was der Herr zu lösen befohlen hat!

 

 

 

III,4,21

 

Nun sehen die Römischen, daß man sie mit ganz einwandfreien Erfahrungsbeweisen überführen kann, wie sie Würdige und Unwürdige ohne Unterschied lösen und binden; aber da eignen sie sich die Schlüsselgewalt ohne die „Kenntnis“ zu. Und obwohl sie nicht zu leugnen wagen, daß diese „Kenntnis“ zur rechten Anwendung (der Schlüsselgewalt) erforderlich ist, schreiben sie doch, die Gewalt sei auch solchen Leuten übertragen, die sie übel austeilen. Aber diese Gewalt bedeutet doch: „Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein“! (Matth. 18,18; Calvin zitiert abgekürzt). Nun muß also entweder Christi Verheißung lügen - oder aber die, welche dieser Vollmacht teilhaftig geworden sind, vollziehen das Binden und Lösen recht.

Eine unangebrachte Beschönigung ist es, wenn sie behaupten, das Wort Christi sei je nach den Verdiensten dessen begrenzt, der da gebunden oder gelöst würde. Auch wir bekennen, daß nur die gebunden und gelöst werden können, die würdig sind, gebunden und gelöst zu werden. Aber die Boten des Evangeliums und die Kirche haben das Wort, nach welchem sie diese Würdigkeit bemessen sollen. Mit diesem Wort können die Boten des Evangeliums allen Menschen in Christus durch den Glauben die Vergebung ihrer Sünden verheißen, und sie können gegen alle und über alle die Verdammnis predigen, die Christus nicht annehmen. In diesem Wort verkündigt die Kirche: „Weder die Hurer noch die Ehebrecher noch die Diebe noch die Mörder noch die Geizigen noch die Ungerechten werden das Reich Gottes ererben“ (1. Kor. 6,9f.; ungenau). Und solche Leute bindet die Kirche mit ganz sicheren Banden. Nach dem selbenWort löst sie die Menschen, die sie als Reuige tröstet. Was aber ist das für eine Vollmacht, nicht zu wissen, was man binden oder lösen soll? Und dabei kann man doch gar nicht binden oder lösen, wenn man das nicht weiß! Weshalb behaupten sie, auf Grund der ihnen gegebenen Vollmacht die Lossprechung zu vollziehen - wenn diese doch ungewiß ist? Was soll uns diese eingebildete Vollmacht, wenn man von ihr gar keinen Nutzen haben kann? Ich habe aber bereits erwiesen, daß wirklich kein Nutzen dabei herauskommt oder daß dieser wenigstens so ungewiß ist, daß man ihn für nichts halten muß. Sie geben selber zu, daß ein erheblicher Teil der Priester die Schlüssel nicht nach Gebühr anwendet, andererseits gestehen sie, die Schlüsselgewalt sei ohne rechtmäßigen Gebrauch kraftlos; wer kann mir nun aber die Gewißheit verschaffen, daß der Priester, der mich löst, ein rechter Verwalter der Schlüssel ist? Wenn er nun ein schlechter Verwalter ist - was kann er dann anders von sich geben, als eben eine solche abgeschmackte Austeilung(sformel) wie diese: Was an dir zu binden oder zu lösen ist, das weiß ich nicht; denn mir fehlt die rechte Anwendung der Schlüssel; aber wenn du es verdienst, so spreche ich dich los!? Soviel vermöchte nun aber auch - ich sage nicht: ein Laie; denn das würden sie nicht gerne hören, sondern - ein Türke oder der Teufel! Denn es heißt doch soviel, als wenn man sagte: Das Wort Gottes habe ich nicht, diese gewisse Richtschnur für das Lösen - aber mir ist die Vollmacht gegeben worden, dich loszusprechen, wenn deine Verdienste danach sind! Da sehen wir nun also, was die Römischen im Auge haben, wenn

 

sie in ihrer Lehre erklären, die Schlüssel seien die Autorität, ein Urteil abzugeben, und die Vollmacht, es zu vollziehen; die „Kenntnis“ komme als Ratgeber hinzu und sei wie ein Ratgeber zu rechter Anwendung der Schlüsselgewalt nütze: Sie wollten eben nach ihren eigenen Lüsten, mutwillig, ohne Gott und sein Wort herrschen!

 

 

 

III,4,22

 

Nun könnte aber der Einwand erfolgen, auch die rechtmäßigen Diener Christi müßten unter solchen Umständen in ihrer Amtsführung ungewiß sein, weil ja die Lossprechung - die doch vom Glauben abhängt! - stets eine zweifelhafte Sache sein werde! Man könnte weiter sagen, die Sünder könnten keinen oder bloß einen kraftlosen Trost empfangen, weil ja der Diener selber gar kein geeigneter Richter über ihren Glauben und deshalb ihrer Lossprechung nicht gewiß sei. Da ist aber die Lösung schon bereit. Die Römischen behaupten, der Priester könne nur die Sünden vergeben, von denen er selbst Kennwis erlangt habe; sie sind also der Meinung, daß die Vergebung vom Urteil des Priesters abhängt: trifft er keine verständige Entscheidung darüber, wer nun der Vergebung würdig sei, dann ist das ganze Verfahren leer und nichtig. Kurzum, die Vollmacht, von der sie sprechen, ist (nach ihrer Meinung) eine richterliche Gewalt, die an die Untersuchung des Tatbestandes gebunden ist, von der die Vergebung und Lossprechung abhängt. In diesem Stück findet sich nun nichts Festes, ja es ist alles ein tiefer Abgrund. Denn wo die Beichte nicht vollständig ist, da ist auch die Hoffnung auf Vergebung verstümmelt. Auch muß der Priester selbst dauernd im Ungewissen bleiben, weil er ja nicht weiß, ob der Sünder seine bösen Werke treulich aufzählt oder nicht! Und schließlich ist bei der Unwissenheit und mangelnden Bildung der Priester deren größerer Teil zur Ausübung dieses Amtes nicht geschickter als der Schuster zum Ackerbau; die übrigen aber müssen sich mit Recht fast alle selber verdächtig vorkommen! Die Ungewißheit und der Zweifel gegenüber der unter dem Papsttum geschehenden Lossprechung kommen also daher, daß man diese Lossprechung auf die Person des Priesters gegründet wissen will, und zwar nicht allein dies, sondern zugleich auch auf dessen richterliche Untersuchung, so daß er also nur über solche Dinge ein Urteil spricht, die ihm vorgebracht sind, die er untersucht hat und deren er den Sünder überführt hat. Wenn nun jemand diese frommen Lehrer fragt, ob denn der Sünder auch dann mit Gott versöhnt wäre, wenn nur einige Sünden vergeben wären, so weiß ich nicht, was sie dann antworten wollen. Einzig werden sie zugeben müssen, daß alles, was der Priester von der Vergebung der Sünden ausspricht, deren Aufzählung er gehört hat, ohne Frucht bleiben muß, solange der Schuldzustand für die anderen Sünden nicht verschwindet! Sehen wir auf den, der da beichtet, so merken wir, daß sein Gewissen von einer verderblichen Angst in Fesseln geschlagen ist; und das geht daraus hervor, daß er, solange er sich - wie man sagt - auf die Entscheidung des Priesters verläßt, aus Gottes Wort nichts Gewisses feststellen kann.

 

Von all diesen Widersinnigkeiten ist die Lehre, die wir vortragen, frei und unberührt. Die Lossprechung ist in folgendem Sinne bedingt: der Sünder soll darauf vertrauen, daß Gott ihm gnädig ist, wenn er nur ehrlich in Christi Opfer seine Versöhnung sucht und sich auf die Gnade verläßt, die ihm angeboten ist. Wer also in seinem Amte als Herold das bekanntmacht, was ihm aus Gottes Wort aufgetragen ist, der kann nicht irren! Der Sünder aber kann eine sichere und klare Lossprechung empfangen, und dabei wird nun die eine schlichte Bedingung hinzugesetzt, daß er Christi Gnade annehmen muß; dies aber geschieht nach der allgemeinen Regel des Meisters selbst, die im Papsttum gottlos verachtet worden ist: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast!“ (Matth. 8,13; 9,29).

 

 

 

III,4,23

Wie töricht man (unter dem Papsttum) durcheinanderwirft, was die Schrift von der Schlüsselgewalt lehrt, das habe ich an anderem Ort auszuführen versprochen, und eine geeignetere Stelle dazu wird die Behandlung des Kirchenregiments sein. Trotzdem mag der Leser (bereits hier) daran denken, daß man dabei Worte, die Christus

 

teils von der Predigt des Evangeliums, teils vom Bann ausgesprochen hat, fälschlich auf die Ohrenbeichte oder verborgene Beichte bezieht. Wenn man uns vorhält, das Recht zum Lösen sei den Aposteln gegeben worden, und dieses Recht übten nun die Priester aus, indem sie die ihnen bekanntgewordenen Sünden vergäben - so stellt man damit offenkundig einen falschen und unsinnigen Grundsatz auf. Denn die Lossprechung, die dem Glauben dient, ist ja gar nichts anderes als die Bezeugung der Vergebung, die aus der Gnadenverheißung des Evangeliums genommen ist. Die andere Art der Lossprechung, die mit der Kirchenzucht zusammenhängt, hat mit den verborgenen Sünden nichts zu schaffen, sondern bezieht sich auf das Beispiel, das einer gibt, und dient dazu, ein öffentliches Ärgernis der Kirche zu beheben.

 

Nun aber kratzen die römischen Theologen da und dort Zeugnisse zusammen, die beweisen sollen, es sei nicht ausreichend, wenn man Gott allein oder auch einem Laien seine Sünden bekenne - sofern nicht ein Priester die Untersuchung führte. Aber das ist ein fauler und beschämender Eifer! Gewiß, die Väter der Alten Kirche geben den Sündern den Rat, sich bei ihrem Pastor ihre Last abnehmen zu lassen; aber das darf nicht auf die Aufzählung der Sünden bezogen werden, die dazumal noch nicht in Übung stand. Dann scheinen Petrus Lombardus und seinesgleichen in ihrer Ungeschicklichkeit auch geradezu mit Absicht unechten Büchern verfallen zu sein, die ihnen den Vorwand dazu boten, schlichte Leute zu täuschen. Allerdings gestehen sie richtig zu, die Lossprechung trete ja stets bloß in der Begleitung der Buße auf, und deshalb bleibe eigentlich keinerlei Gebundenheit übrig, wenn jemand von der Buße erfaßt sei, selbst wenn er noch nicht gebeichtet habe. Auf diese Weise wäre es dann die Aufgabe des Priesters, nicht sowohl die Sünden zu vergeben, als vielmehr zu verkündigen und zu erklären, daß sie vergeben sind! Freilich lassen sie dann bei dem Begriff „Erklären“ einen groben Irrtum eindringen, indem sie an die Stelle der Lehrunterweisung eine Zeremonie setzen. Wenn sie aber dann weiter sagen, der Mensch, der vor Gott Vergebung erlangt habe, werde dann auch vor dem Angesicht der Kirche losgesprochen, so beziehen sie eine Einrichtung, die, wie ich bereits ausgeführt habe, der öffentlichen Zucht zugehört und die zur Behebung einer durch schwere und bekanntgewordene Verschuldung entstandenen Kränkung der Kirche dient, unrichtig auf die besondere Übung durch jeden Einzelnen. Aber derartige Milderungen verkehren und verderben sie dann bald darauf, indem sie eine andere Weise der Vergebung anfügen, nämlich die, bei der man den Menschen Strafe und Genugtuung auferlegt; damit sprechen sie ihren Opfern das Recht zu, das zu halbieren, was Gott überall als vollständig verheißen hat. Denn wenn er einfach Buße und Glauben fordert, dann ist diese Teilung (erstens Buße und Glauben, zweitens Strafe und Genugtuung) und diese Einschränkung durch und durch frevelhaft! Denn das bedeutet nichts anderes, als daß sich der Priester gleichsam zum Tribun macht, bei Gott Einspruch erhebt und nicht zulassen will, daß Gott den Sünder aus freier Güte in Gnaden annimmt, sofern sich dieser nicht vor dem Richtstuhl des Tribunen niedergeworfen und dort seine Strafe empfangen hat!

 

 

 

III,4,24

Ich fasse das Ganze zusammen: wenn die Römischen Gott zum Urheber ihrer erdichteten Beichte machen wollen, so ist damit ihre Eitelkeit erwiesen; ich habe auch gezeigt, daß sie die wenigen Stellen, die sie anführen, fälschlich vorbringen. Wenn es aber offenkundig ist, daß es sich hier um ein von Menschen auferlegtes Gesetz handelt, so behaupte ich zugleich, daß es tyrannisch ist und daß seine Aufbringung Gott Unrecht tut; denn Gott bindet die Gewissen an sein Wort und will, daß sie von der Herrschaft der Menschen los sein sollen! Wenn weiter zur Erlangung der Vergebung ein Verfahren als notwendig vorgeschrieben wird, das nach Gottes Willen freiwillig sein sollte, so erkläre ich, daß dies ein schlechterdings unerträglicher Frevel ist. Denn Gott ist nichts so sehr eigen wie die Vergebung der Sünden, auf der unser Heil beruht! Außerdem habe ich bewiesen, daß diese Tyrannei erst

 

aufgekommen ist, als die Welt unter dem Druck schändlicher Barbarei lag. Dann habe ich auch dargelegt, daß wir hier ein verderbenbringendes Gesetz vor uns haben: wo Gottesfurcht lebendig ist, da stürzt es die armen Seelen in Verzweiflung, wo aber ein Mensch in Sicherheit dahinlebt, da streichelt es diese noch mit eitlen Schmeicheleien und macht die Verstockung nur noch größer! Und endlich habe ich auseinandergesetzt, daß alle Milderungen, die sie vorbringen, keinen anderen Zweck haben, als die reine Lehre zu verhüllen, zu verdunkeln und zu verderben, ihre gottlosen Taten aber hinter falschen Farben zu verbergen!

 

 

 

III,4,25

 

Den dritten Platz nimmt bei der Buße nach römischer Lehre die Genugtuung (satisfactio) ein (Sentenzen IV,16,4). Das Geschwätz, das sie nun hiervon machen, läßt sich mit einem Wort widerlegen.

 

Man sagt: es genügt nicht, daß ein Mensch, der Buße tut, von seinen vergangenen bösen Werken absteht und sein Leben bessert, nein, er muß auch für das, was er bereits getan hat, Gott Genugtuung leisten! (Decretum Gratiani, II,33,3,1,63). Es gibt nun nach der römischen Lehre vielerlei Mittel, durch die wir uns von unseren Sünden loskaufen können: Tränen, Fasten, Opfer und Werke der Liebe. Mit diesen Werken sollen wir den Herrn versöhnen, der Gerechtigkeit Gottes Genüge tun, unsere Sünde gutmachen und die Vergebung verdienen (Decretum Gratiani, II,33,3,1,76). Denn Gott hat uns, so erklärt man, zwar durch seine große Barmherzigkeit unsere Schuld vergeben; aber die Strafe bleibt durch die Zuchtübung seiner Gerechtigkeit bestehen; und das ist die Strafe, von der wir uns durch unsere genugtuenden Werke loskaufen müssen (Decretum Gratiani, II,33,3,1,42). Alles läßt sich dahin zusammenfassen: wir empfangen zwar aus Gottes Freundlichkeit die Vergebung für unsere Übeltaten, aber doch so, daß dabei das Verdienst der Werke dazwischentritt; mit diesen Werken wird die Strafe für die Sünden abgetragen, damit der Gerechtigkeit Gottes die schuldige Genugtuung geschehe.

 

Dergleichen Lügen stelle ich die Vergebung der Sünden aus lauter Gnade entgegen; denn nichts ist in der Schrift so deutlich verkündigt wie diese! (Jes. 52,3; Röm. 5,8; Röm. 3,24; Kol. 2,13f.; Tit. 3,5). Zunächst: Was ist Vergebung anders als ein Geschenk aus reiner Güte? Wenn nämlich ein Gläubiger mit einer Quittung bescheinigt, daß er sein Geld bekommen hat, dann sagt man nicht, er habe die Schuld erlassen; davon redet man nur, wenn er ohne jede Zahlung freiwillig aus Wohltätigkeit die Schuld ausstreicht! Und alsdann: weshalb wird denn hinzugesetzt: „Aus Gnaden“? Doch nur, damit jeder Gedanke an Genugtuung verschwinde! Aus was für einer Kühnheit heraus richtet man denn seine genugtuenden Werke noch auf, die von einem so gewaltigen Blitzschlag zu Boden geworfen werden? Wieso? Der Herr ruft durch Jesaja aus: „Ich, Ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht!“ (Jes. 43,25). Verkündet er damit nicht offen, daß er die Ursache und das Fundament zur Vergebung einzig und allein aus seiner Güte hernimmt? Und weiter: die ganze Schrift gibt Christus das Zeugnis, daß „durch seinen Namen alle ... Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg. 10,43). Schließt sie damit nicht alle sonstigen „Namen“ aus? Wie kann man dann aber lehren, daß die Vergebung im „Namen“ der genugtuenden Werke empfangen werde? Die Römischen können aber nicht leugnen, daß sie das den genugtuenden Werken zuschreiben, selbst wenn diese gewissermaßen bloß als Hilfen eintreten! Denn wenn die Schrift sagt: „Durch den Namen Christi“ - dann versteht sie darunter, daß wir nichts bringen, daß wir nichts von dem Unsrigen vorwenden, sondern daß wir uns einzig und allein auf Christi Vermittlung stützen! So lehrt Paulus: „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu ...“ (2. Kor. 5,19); und dann setzt er alsbald die Art und Weise und die Ursache hinzu: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht!“ (2. Kor. 5,21).

 

III,4,26

 

Die Papisten behaupten nun aber in ihrer Verkehrtheit, die Vergebung der Sünden und die Versöhnung geschähen einmal, nämlich wenn wir in der Taufe durch Christus bei Gott in Gnaden angenommen würden, nach der Taufe aber müßten wir uns durch genugtuende Werke wieder erheben, und das Blut Christi nutze uns nichts, sofern es nicht durch die Schlüssel(gewalt) der Kirche ausgespendet würde. Dabei rede ich nicht von einer zweifelhaften Sache; denn sie haben ihre Unreinigkeit in ganz klaren Schriften an den Tag gebracht, und zwar nicht der eine oder andere, sondern sämtliche Scholastiker! Ihr Meister bekennt allerdings zunächst auf Grund der Lehre des Petrus (1. Petr. 2,24), daß Christus an dem „Holze“ die Strafe für unsere Sünden getragen hat; aber dann ändert er gleich jene Aussage, indem er die Einschränkung hinzusetzt: in der Taufe werden alle zeitlichen Sündenstrafen erlassen, aber nach der Taufe werden sie durch das Mittel der Buße gemindert, so daß also das Kreuz Christi und unsere Buße gleichermaßen zusammenwirken! (Sentenzen III,19,4). Aber Johannes redet ganz anders: „Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum ... und derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünden ... Liebe Kindlein, ich schreibe euch; denn die Sünden sind euch vergeben durch seinen Namen ...“ (1. Joh. 2,1f.12). Er spricht da sicherlich zu Gläubigen: wenn er nun denen Christus als die Versöhnung für die Sünden vor Augen stellt, so zeigt er damit, daß es keine andere Genugtuung gibt, durch welche Gott, der erzürnt ist, gnädig gemacht und versöhnt werden könnte. Er sagt nicht etwa: Einmal ist euch Gott durch Christus gnädig gemacht worden - jetzt müßt ihr euch andere Mittel suchen; nein, er erklärt Christus für den ewigen Fürsprecher, der uns stets durch sein Eintreten bei dem Vater zu Gnaden bringt, er kennt ihn als die stete Versöhnung, in der unsere Sünden getilgt werden. Es bleibt ständig wahr, was der andere Johannes (der Täufer) einst sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde träg\'”(Joh. 1,29). Ich sage: dieses Lamm trägt die Sünden selbst, kein anderer! Und das heißt: da er selber das Lamm Gottes ist, so ist er allein auch das Opfer für unsere Sünden, er allein die Sühne, er allein die Genugtuung! Das Recht und die Vollmacht zur Vergebung kommt im eigentlichen Sinne dem Vater zu, wo er vom Sohne unterschieden wird - wie wir das bereits sahen. So steht hier Christus an zweiter Stelle, weil er die von uns verwirkte Strafe auf sich genommen und damit unsere Schuld vor Gottes Gericht getilgt hat. Daraus folgt, wir haben nur dann Anteil an der Versöhnung, „so durch Christus geschehen ist“ (Anklang an Röm. 3,24), wenn bei ihm die Ehre liegt, welche ihm die Menschen rauben, die Gott mit ihren eigenen genugtuenden Werken zu versöhnen trachten!

 

 

 

III,4,27

 

Hier sind nun zwei Erfordernisse zu erwägen: erstens muß Christus seine Ehre vollkommen und ungeschmälert behalten, zweitens muß das Gewissen der Vergebung der Sünden sicher sein und so Frieden mit Gott haben (vergleiche Kapitel 13).

Jesaja sagt uns, daß der Vater alle unsere Missetaten auf den Sohn gelegt hat, damit wir durch „seine Wunden heil“ würden (Jes. 53,4.6). Das wiederholt Petrus mit anderen Worten: „Christus hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz ...“ (1. Petr. 2,24). Und Paulus schreibt, die Sünde sei an Christi Fleisch verdammt worden, als er für uns zur Sünde gemacht wurde (Röm. 8,3; Gal. 3,13; 2. Kor. 5,21). Das bedeutet: Die Kraft und der Fluch der Sünde sind an seinem Fleische getötet worden, als er zum Opfer hingegeben wurde, auf das die ganze Last unserer Sünden gelegt werden sollte mit ihrer Vermaledeiung und ihrem Fluch, mit dem furchtbaren Richterspruch Gottes und mit der Verdammnis zum Tode! Hier hört man rein gar nichts von der Phantasterei, nach der ersten Reinigung (in der Taufe) könne nun keiner von uns mehr die Kraft des Leidens

 

Christi erfahren, außer nach dem Maße seiner genugtuenden Buße. Nein, die Schrift ruft uns jedesmal, wenn wir gefallen sind, zu der einigen Genugtuung Christi zurück!

 

Nun halte man sich aber das verderbenbringende Geschwätz der Papisten vor Augen! Man sagt so: Bei der ersten Vergebung der Sünden (in der Taufe) wirkt Gottes Gnade allein; fallen wir aber danach wieder in Sünde, so wirken zur Erlangung der zweiten Vergebung unsere Werke mit! Wenn das nun so ist - bleibt dann Christus auch das unverkürzt erhalten, was ihm oben beigelegt wurde? Nein, was ist das doch für ein entsetzlicher Unterschied, ob unsere Übeltaten alle auf Christus gelegt werden, um in ihm Sühne zu finden - oder ob wir durch unsere eigenen Werke Sühne empfangen; ob Christus die „Versöhnung ist für unsere Sünden“ - oder ob wir Gott durch Werke versöhnen müssen!

 

Das zweite Erfordernis war, daß dem Gewissen zum Frieden verholfen werden müsse. Geht es nun darum, was soll das denn für ein Stillen des Gewissens sein, wenn es hört, die Sünden müßten durch genugtuende Werke getilgt werden? Wann wird es je die Gewißheit haben, mit seinen genugtuenden Werken das rechte Maß erreicht zu haben? Es wird also immerfort im Zweifel sein, ob es nun Gott für gnädig halten darf, es wird immerfort in Qual und Schrecken leben! Denn die Leute, die sich auf geringe Werklein zur Genugtuung verlassen, die denken allzu verächtlich von Gottes Gericht und erwägen, wie ich noch an anderer Stelle darlegen muß, zu wenig, wie groß das Gewicht der Sünde ist. Aber wenn man den Menschen auch zugäbe, sie könnten für eine bestimmte Anzahl von Sünden mit rechter Genugtuung die Vergebung erkaufen - was sollen sie dann tun, wenn sie sich von soviel Sünden bestürmt sehen, daß nicht hundert Leben hinreichen könnten, für sie Genugtuung zu leisten, selbst wenn man sie ausschließlich damit zubrächte? Auch muß man bedenken, daß all die Stellen, in denen die Vergebung der Sünden gelehrt wird, nicht an solche Menschen gerichtet sind, die erst im Glauben unterwiesen werden, sondern an wiedergeborene Kinder Gottes, die lange Zeit im Schoße der Kirche aufgezogen sind! Die Botschaft, die Paulus so herrlich erhebt: „So bitten wir nun an Christi Statt: lasset euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5,20) - diese Botschaft richtet sich nicht an Außenstehende, sondern an solche, die bereits vor langer Zeit wiedergeboren waren! Und doch gibt er allen genugtuenden Werken den Abschied und weist diese Menschen zu Christi Kreuz! Oder wenn Paulus an die Kolosser schreibt: „daß alles ... versöhnt würde zu ihm selbst, es sei auf Erden oder im Himmel, damit daß er Frieden machte durch das Blut an seinem Kreuz ...“ (Kol. 1,20) - so beschränkt er das nicht auf den Augenblick, da wir in die Kirche aufgenommen werden, sondern er dehnt das auf den ganzen Lauf unseres Lebens aus. Das ergibt sich leicht aus dem Zusammenhang, wo er von den Gläubigen sagt, daß sie „die Erlösung durch das Blut Christi haben“, nämlich „die Vergebung der Sünden“ (Kol. 1,14). Es ist allerdings überflüssig, hier noch mehr Stellen zusammenzuhäufen, wie sie immer wieder vorkommen.

 

 

 

III,4,28

Die Scholastiker nehmen nun aber ihre Zuflucht zu der abgeschmackten Unterscheidung, einige Sünden seien „läßliche“ Sünden (peccata venialia), andere dagegen „Todsünden“ (peccata mortalia). Für die Todsünden ist danach der Mensch schwere Genugtuung schuldig, die „läßlichen Sünden“ lassen sich dagegen mit leichteren Mitteln tilgen, nämlich durch ein „Vaterunser“, durch Besprengung mit Weihwasser und durch die in der Messe erfolgende Lossprechung. So treiben sie mit Gott ein unsinniges Spiel! Und obwohl sie die Begriffe „läßliche Sünde“ und „Todsünde“ immerzu im Munde führen, so haben sie es noch nicht fertiggebracht, sie voneinander zu unterscheiden - abgesehen davon, daß sie die Gottlosigkeit und Unreinigkeit des

 

Herzens für eine „läßliche Sünde“ erklären! Wir verkündigen dagegen, weil es uns die Schrift, die Regel über Gerecht und Ungerecht, so lehrt, - daß „der Tod der Sünde Sold“ ist, und daß, „welche Seele sündigt, die soll sterben“ (Röm. 6,23; Ez. 18,20). Ferner sagen wir, daß die Sünden der Gläubigen „läßlich“ sind, und zwar nicht, weil sie etwa nicht den Tod verdienten, sondern weil nach Gottes Erbarmen „nichts verdammliches an denen ist, die in Christo Jesu sind“ (Röm. 8,1), weil ihnen die Sünden nicht zugerechnet werden und weil sie in der Vergebung getilgt werden!

 

Ich weiß, was für ungerechte Schmähungen man gegen diese unsere Lehre vorbringt: man behauptet, das sei hier die widersinnige Behauptung der Stoiker von der Gleichheit der Sünden; aber ich werde die Gegner ohne Mühe durch ihre eigenen Worte widerlegen. Ich frage sie nämlich, ob sie nicht unter den Sünden, die sie (alle gleichermaßen) für „Todsünden“ erklären, die eine für geringer halten als andere. (Das müssen sie bejahen.) Es ergibt sich also nicht sogleich die Folgerung, die Sünden, die alle miteinander gleichermaßen „Todsünden“ sind, müßten auch (untereinander) gleich sein, wenn die Schrift erklärt, der Sünde Sold sei der Tod, der Gehorsam gegen das Gesetz sei der Weg zum Leben, die Übertretung aber der Tod, so können unsere Gegner da nicht herauskommen! Wie wollen sie nun die Möglichkeit finden, bei einem so großen Haufen von Sünden je mit ihrer „Genugtuung“ zu Ende zu kommen? Nehmen wir an, daß man an einem Tag für eine Sünde Genugtuung leisten kann, so verwickelt man sich eben, während man sein Sinnen darauf richtet, wieder in viele neue Sünden! Denn auch der Gerechteste kann keinen Tag leben, ohne oftmals in Sünde zu fallen (Spr. 24,16). Während sich die Römischen aber rüsten, Genugtuung zu leisten, häufen sie zahlreiche, nein vielmehr zahllose weitere aufeinander! So ist also die Zuversicht auf solche Genugtuung abgeschnitten. Was säumen sie da? Wie wagen sie es, noch an Genugtuung zu denken?

 

 

 

III,4,29

 

Sie versuchen sich nun freilich herauszuwinden - aber „das Wasser bleibt ihnen aus“, wie es heißt! So ersinnen sie sich einen Unterschied zwischen Schuld und Strafe. Sie geben zu, daß die Schuld durch Gottes Barmherzigkeit vergeben wird; ist aber die Schuld vergeben, so bleibt noch die Strafe, und die muß nach der Forderung der Gerechtigkeit Gottes bezahlt werden! Auf den Erlaß der Strafe zielen nun im eigentlichen Sinne die genugtuenden Werke.

Gütiger Gott, was ist das für eine tolle Leichtfertigkeit! Zuerst bekennen sie, daß uns die Vergebung der Schuld rein aus Gnade dargeboten wird - und dann erklären sie doch gleich darauf, sie müsse mit Beten und Weinen und allerlei anderen Übungen verdient werden! Aber auch noch mit dieser Unterscheidung steht alles, was uns die Schrift über die Vergebung der Sünden lehrt, in schroffem Gegensatz. Ich bin zwar der Ansicht, daß ich das bereits mehr als zur Genüge bewiesen habe - aber ich will doch noch einige weitere Schriftzeugnisse anfügen: dahinein sollen denn diese wendigen Schlangen dermaßen verstrickt werden, daß sie nicht einmal die äußerste Schwanzspitze mehr krümmen können! Nach Jeremia besteht „der neue Bund“, den Gott in seinem Christus mit uns geschlossen hat, darin, daß er „unserer Sünden nimmermehr gedenken“ will! (Jer. 31,31-34). Was der Herr hiermit sagen will, das erfahren wir bei einem anderen Propheten; da spricht er: „Und wo sich der Gerechte kehrt von seiner Gerechtigkeit ... soll aller seiner Gerechtigkeit nicht gedacht werden“, und andererseits: „wo sich der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden ... soll aller seiner Übertretung nicht gedacht werden:“ (Ez. 18,24. 21f.). Wenn der Herr erklärt, er werde der gerechten Werke nicht gedenken, so bedeutet das

 

er wird sie nicht mehr strafen! Das Gleiche kommt an anderen Stellen so zum Ausdruck: er „wirft die Sünden hinter sich zurück“ (Jes. 38,17), er „vertilgt sie wie eine Wolke“ (Jes. 44,22), er „wirft sie in die Tiefen des Meeres“ (Micha 7,19), er „rechnet sie nicht zu“ (Ps. 32,2) er „bedeckt sie“ (Ps. 32,1). Das sind Ausdrucksformen, mit denen uns der Heilige Geist deutlich genug auseinandergesetzt hat, was er meint - wenn wir ihm nur gelehrig unser Ohr leihen wollen! Es ist doch wirklich so: wenn Gott die Sünden straft, so rechnet er sie zu; wenn er für die Sünden Vergeltung übt, dann gedenkt er ihrer, wenn er sie vor sein Gericht ruft, dann bedeckt er sie nicht, wenn er sie erforscht, so hat er sie eben nicht hinter sich geworfen, wenn er auf sie blickt, so hat er sie nicht wie eine Wolke vertilgt, wenn er sie vor sich bringt, so hat er sie nicht in die Tiefen des Meeres geworfen! So legt es auch Augustin mit klaren Worten aus: „Wenn Gott die Sünden bedeckt hat, so hat er sie nicht bemerken wollen, wollte er sie nicht bemerken, so hat er sie auch nicht wahrnehmen wollen, wenn er sie nicht wahrnehmen wollte, so wollte er sie auch nicht strafen - er wollte sie nicht kennen lernen, sondern er wollte sie lieber vergeben. Warum hat er denn gesagt, daß die Sünden bedeckt sind? Weil sie nicht mehr gesehen werden sollen! Was hieß das aber: Gott sieht die Sünden? Nichts anderes als: er straft sie!“ (Erklärung zu Psalm 31 [32]). Wir wollen aber aus einer anderen Prophetenstelle vernehmen, nach welcher Ordnung Gott die Sünden vergibt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Scharlach, so soll sie doch wie Wolle werden!“ (Jes. 1,18). Bei Jeremia aber lesen wir: „In denselbigen Tagen wird man die Missetat Jakobs suchen ... aber es wird keine da sein, und die Sünden Judas, aber es wird keine gefunden werden; denn ich will sie vergeben denen, die ich übrigbleiben lasse“ (Jer. 50,20). Will man in Kürze zusammenfassen, was diese Worte für einen Sinn haben, so muß man nur auf der anderen Seite erwägen, was die folgenden Äußerungen bedeuten: „Du hast meine Übertretung in ein Bündlein versiegelt“ (Hiob 14,17) oder: „Die Sünde Judas ist geschrieben mit eisernen Griffeln und mit spitzigen Demanten geschrieben“ (Jer. 17,1). Die letzteren Stellen bedeuten, daß Gott die Sünden rächend vergelten wird. Wenn das aber der Sinn ist - und das ist außer Zweifel! - dann ist es auch nicht zu bezweifeln, daß der Herr in den entgegengesetzten Stellen versichert, er werde jede rächende Vergeltung unterlassen. Hier bitte ich die Leser inständig, nicht auf meine Anmerkungen zu hören, sondern nur zuzugestehen, daß Gottes Wort einigen Raum hat!

 

 

 

III,4,30

Ich möchte doch wissen, was uns denn Christus erworben hat, - wenn von uns noch immer Strafe für unsere Sünden gefordert wird! Wir sagen: „Er hat alle unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz“ (1. Petr. 2,24; nicht ganz Luthertext). Damit wollen wir doch nur zum Ausdruck bringen: er hat die Strafe und die Vergeltung auf sich genommen, die wir mit unseren Sünden verdient hatten! Das hat Jesaja noch deutlicher erklärt: „Die Strafe“ - oder auch: die Züchtigung - „liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten“ (Jes. 53,5). Was ist aber diese „Züchtigung“, „damit wir Frieden hätten“? Sie ist die Strafe, die wir mit unseren Sünden verdient hatten und die wir - wenn Christus nicht selbst an unsere Stelle getreten wäre! - hätten tragen müssen, ehe wir mit Gott hätten versöhnt werden können! Da sehen wir ganz deutlich: Christus hat die Strafe für die Sünden auf sich genommen, um die Seinen von ihr loszukaufen! Jedesmal, wenn Paulus von der Erlösung spricht, die durch Christus geschehen ist, braucht er dafür den Ausdruck „Apolytrosis“ (Loskaufung) (Röm. 3,24; 1. Kor. 1,30; Eph. 1,7; Kol. 1,14). Dieser Ausdruck besagt nicht einfach „Erlösung“, wie man dies Wort gemeinhin versteht, sondern bezeichnet auch das Lösegeld und die Genugtuung, die zur Erlösung führen. In diesem Sinne schreibt er auch, Christus habe sich selbst für uns als „Antilytron“ (Lösegeld) hingegeben (1. Tim. 2,6). Augustin sagt: „Was gibt es

 

vor dem Herrn anders für eine Versöhnung, als das Opfer? Und was gibt es anders für ein Opfer als das, welches im Tode Christi für uns dargebracht ist?“ (zu Psalm 129).

 

Einen ganz besonders starken Sturmbock aber gewinnen wir in den Vorschriften, die das Gesetz des Mose für die Sühnung der Sündenschulden gibt. Denn da hat der Herr nicht diese oder jene Art der Genugtuung vorgeschrieben, sondern er verlangt, daß die gesamte Sühne einzig und allein durch die Opfer geschehe. Trotzdem legt er im Gesetz doch sonst die sämtlichen Sühnebräuche gründlichst und in genauester Ordnung dar: Wie kommt es aber, daß er keinerlei Werke anordnet, mit denen man für die begangenen Sünden Heilung suchen könnte, sondern zur Versöhnung einzig und allein dieOpfer fordert? Doch allein daher, daß er hier bezeugen will: es gibt nur eine einzige Art der Genugtuung, in der sein Urteil Genüge findet! Denn die Opfer, die die Israeliten dazumal darbrachten, galten ja nicht als das Werk von Menschen, sondern sie wurden nach ihrer Wahrheit, nämlich nach dem einigen Opfer Christi beurteilt. Was für eine Bezahlung der Herr von uns empfängt, das hat Hosea mit wenigen Worten sehr treffend ausgedrückt: „Du, Gott, nimmst unsere Missetat von uns“ - das ist die Vergebung der Sünden -, „und so wollen wir opfern die Farren unserer Lippen“ - das ist die Genugtuung! (Hos. 14,3; Anfang nicht Luthertext).

 

Ich weiß aber, daß die Scholastiker sich mit einer noch feineren Unterscheidung herauszuwinden versuchen: sie unterscheiden zwischen der ewigen Strafe und den „zeitlichen Sündenstrafen“. Aber sie verstehen unter diesen „zeitlichen Sündenstrafen“ jederlei Züchtigung, die Gott Leib oder auch Seele zufügt, unter alleiniger Ausnahme des ewigen Todes, und deshalb kann ihnen diese Einschränkung (ihrer Gesamtlehre) wenig Erleichterung verschaffen. Denn die Stellen, die ich oben herangezogen habe, wollen uns doch ausdrücklich sagen: wir werden unter der Bedingung von Gott in Gnaden angenommen, daß er uns durch die Vergebung unserer Schuld auch alles vergibt, was wir an Strafe verwirkt haben. Und jedesmal, wenn David oder die anderen Propheten Gott um Vergebung der Sünden bitten, erflehen sie zugleich auch den Erlaß der Strafe. Dahin treibt sie wahrhaftig bereits das Empfinden des göttlichen Gerichts. Und andererseits: wenn sie im Auftrage des Herrn die Barmherzigkeit verheißen, so reden sie in ihrer Predigt fast durchweg mit voller Absicht zugleich von den Strafen und ihrer Erlassung. Wenn der Herr bei Ezechiel ankündigt, er werde der babylonischen Gefangenschaft ein Ende setzen, und zwar um seinetwillen und nicht um der Juden willen (Ez. 36,22. 32) - dann zeigt er damit gewiß deutlich, daß beides (Vergebung und Erlaß der Strafe) aus Gnaden geschieht. Kurzum, wenn wir durch Christus von der Schuld freigemacht werden, dann müssen auch die Strafen aufhören, die aus dieser Schuld kommen!

 

 

 

III,4,31

 

Aber unsere Gegner wappnen sich auch ihrerseits mit Schriftzeugnissen, und wir wollen sehen, welcher Art die Beweismittel sind, die sie für sich in Anspruch nehmen. Sie sagen zunächst: als David um seines Ehebruchs und seines Mordes willen von Nathan einen Verweis empfangen hatte, da empfing er zwar Vergebung der Sünde; trotzdem wurde er hernach durch den Tod des Sohnes, der jenem Ehebruch entstammte, gestraft (2. Sam. 12,13f.).

Solche Strafen, die uns auch nach der Vergebung der Schuld noch treffen müßten, sollen wir nun nach der (römischen) Kirchenlehre durch genugtuende Werke ablösen. Denn Daniel hat den Nebukadnezar ermahnt, er solle sich durch Almosen von seinen Sünden loskaufen (Dan. 4,24). Und Salomo schreibt: „Durch Gerechtigkeit und Frömmigkeit wird Missetat versöhnt“ (Spr. 16,6; nicht Luthertext) und anderwärts: „Liebe deckt zu alle Übertretungen“ (Spr. 10,12). Den letzteren Spruch bekräftigt auch Petrus (1. Petr. 4,8). Ferner sagt der Herr bei Lukas von der großen

 

Sünderin: „Ihr sind viele Sünden vergeben; denn sie hat viel geliebt“ (Luk. 7,47).

 

Wie verdreht und töricht urteilen doch diese Leute immerzu über Gottes Werke! Hätten sie aber darauf geachtet - und daran durften sie unter keinen Umständen vorbeigehen! -, daß es zweierlei Arten des göttlichen Gerichts gibt, so hätten sie auch gemerkt, daß die Züchtigung des David eine ganz andere Art von Strafe ist, als daß man etwa auf den Gedanken kommen könnte, sie diente der Vergeltung !

 

Es ist nun aber für uns alle von außergewöhnlicher Bedeutung, daß wir erkennen, welchen Zweck die Züchtigungen Gottes haben, mit denen er unsere Sünden heimsucht, und wie sehr sie sich von den als Beispiel dienenden Strafen unterscheiden, mit denen er die Gottlosen und Verworfenen zürnend verfolgt. Deshalb wird es nach meiner Ansicht zweckmäßig sein, diesem Tatbestand zusammenfassend nachzugehen.

 

Zum besseren Verständnis nennen wir das eine Gericht „Vergeltungsgericht“, das andere dagegen „Züchtigungsgericht“.

 

Unter dem Vergeltungsgericht verstehen wir nun dies: Gott übt an seinen Feinden dergestalt seine Strafe, daß er seinen Zorn gegen sie zur Auswirkung bringt, sie verwirrt, zerstreut und zunichte macht. Gottes Vergeltung ist also im eigentlichen Sinne da zu erblicken, wo die Strafe mit seinem Zorn verbunden ist.

 

Bei dem Züchtigungsgericht tritt er uns nicht so hart entgegen, daß er etwa zürnt, auch übt er keine Vergeltung, um zugrunde zu richten oder in seinem Grimm den Menschen untergehen zu lassen. Daher handelt es sich hier nicht eigentlich um eine verderbende Strafe oder Vergeltung, sondern um Züchtigung und Vermahnung.

 

Das Vergeltungsgericht übt Gott als Richter, das Züchtigungsgericht als der Vater. Denn wenn ein Richter den Übeltäter straft, so ahndet er das Vergehen selbst und übt Strafe für die Übeltat selbst. Wenn dagegen ein Vater seinen Sohn hart züchtigt, so tut er das nicht, um Vergeltung zu üben oder zu strafen, sondern um ihn zu lehren und ihn für die Folgezeit achtsamer zu machen. Einen etwas anderen, aber doch in der gleichen Richtung laufenden Vergleich braucht Chrysostomus an einer Stelle: „Da wird ein Sohn geschlagen, und es wird auch ein Knecht geschlagen. Aber der Knecht wird eben als Knecht bestraft, weil er gesündigt hat, der Sohn dagegen, der als Freier und als Sohn der Zucht bedarf, wird gezüchtigt. Der Sohn empfängt die Züchtigung als (Mittel zur) Bewährung und Besserung, der Knecht dagegen als Geißel und Strafe.“

 

 

 

III,4,32

 

Um nun aber die ganze Frage kurz und deutlich zu fassen, wollen wir eine zwiefache Unterscheidung eintreten lassen. Zunächst die erste. Wo eine Strafe zur Vergeltung erfolgt, da wirkt sich immer Gottes Fluch und Zorn aus, und diese wendet er doch von den Gläubigen stets ab. Die Züchtigung dagegen ist eine Segnung Gottes und trägt das Zeugnis seiner Liebe in sich, wie die Schrift lehrt (Hiob 5,17; Spr. 3,11f.; Hebr. 12,5f.).

 

Diese Unterscheidung tritt uns in Gottes Wort immer wieder deutlich entgegen. Alles, was die Gottlosen in diesem gegenwärtigen Leben an Trübsal erfahren, das wird uns gleichsam als die Eingangspforte zur Hölle beschrieben, von der aus sie ihre ewige Verdammnis bereits von ferne erblicken; sie werden auch durch diese Trübsal keineswegs gebessert und empfangen aus ihr keinerlei Frucht, im Gegenteil, sie werden durch derartige Vorspiele auf die entsetzliche Hölle vorbereitet, die ihrer einst wartet.

 

Wenn der Herr dagegen seine Knechte züchtigt, so gilt: er züchtigt sie zwar, aber er gibt sie dem Tode nicht preis (Psalm 118,18). Deshalb bekennen sie, wenn er sie mit seiner Rute geschlagen hat, daß ihnen das zu ihrer wahren Erziehung gut gewesen ist (Ps. 119,71). Wie wir aber einerseits überall lesen, daß sie Strafen dieser Art mit fröhlichem Herzen auf sich genommen haben, so haben sie doch andererseits immer wieder um Abwendung der Geißeln von der oben beschriebenen Art flehentlich gebeten! So bittet Jeremia: „Züchtige mich, Herr, doch nach deinem Gericht und nicht in deinem Grimm, auf daß du mich nicht aufreibest. Schütte aber deinen Zorn über die Heiden, so dich nicht kennen, und über die Reiche, so deinen Namen nicht anrufen ...“ (Jer. 10,24f.; nicht Luthertext). Und David sagt: „Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm!“ (Ps. 6,2; 38,2).

Dem widerspricht es nicht, daß wir mitunter hören, daß der Herr seinen Heiligen zürnt, wenn er ihre Sünden ahndet. So geschieht es bei Jesaja: „Ich danke dir, Herr, daß du zornig gewesen bist über mich, und dein Zorn sich gewendet hat, und tröstest mich“ (Jes. 12,1). Ebenso bei Habakuk: „Wenn du erzürnt bist, so gedenke deiner Barmherzigkeit“ (Hab. 3,2; nicht Luthertext). Oder auch bei Micha: „Ich will des Herrn Zorn tragen; denn ich habe wider ihn gesündigt“ (Micha 7,9). Da macht uns der Prophet darauf aufmerksam, daß Menschen, welche mit Recht gestraft werden, mit Murren nicht das mindeste ausrichten, daß es aber den Gläubigen eine Linderung ihres Schmerzes bringt, wenn sie Gottes Ratschluß bedenken. In demselben Sinne hören wir gelegentlich, der Herr „entweihe“ sein „Erbe“ (Jes. 47,6; 42,24), obwohl er es doch, wie wir wissen, in Ewigkeit nicht entweihen wird. Dieser Ausdruck bezieht sich aber auch nicht auf Gottes Ratschluß oder Gesinnung über seinem Strafen, sondern vielmehr auf das heftige Empfinden des Schmerzes, das die Menschen erfaßt, die auch nur irgendwie seine Strenge erfahren müssen. Aber der Herr plagt seine Gläubigen nicht bloß mit geringer Schärfe, sondern er schlägt ihnen zuweilen derartige Wunden, daß sie nicht weit von dem höllischen Verderben weg zu sein meinen. So bezeugt er ihnen zwar, daß sie seinen Zorn verdient haben, und führt es so, daß sie sich in ihren bösen Werken mißfallen, von größerer Sorge erfaßt werden, Gott zu versöhnen, und mit Ernst und Eifer sich aufmachen, um Vergebung zu erlangen - aber eben darin gibt er ihnen unterdessen ein viel strahlenderes Zeugnis seiner Güte als seines Zorns! Denn der Bund, den Gott in unserem wahren Salomo (d. h. in Christus) mit uns geschlossen hat, der hat Bestand, und der, welcher nicht täuschen kann, hat es zugesichert, daß seine Gültigkeit nie außer Kraft gesetzt werden wird! Er sagt aber: „Wo aber seine Kinder mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, so sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen; aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden ...“ (Psalm 89,31-34). Um uns dieser seiner Barmherzigkeit zu versichern, bezeichnet er die Rute, mit der er Salomos Nachkommenschaft strafen will, als „Menschenrute“, und seine Schläge als „der Menschenkinder Schläge“ (2. Sam. 7,14). Durch diese Zusätze deutet er Mäßigung und Linderung an, gibt uns aber zugleich zu verstehen, daß ein Mensch, der es empfindet, daß Gottes Hand wider ihn ist, unabwendbar vom furchtbarsten Todesschrecken erschüttert werden muß. Wie weitgehend er bei der Züchtigung seines (Volkes) Israel jene Linderung hat eintreten lassen, das zeigt er in dem Prophetenwort: „Im Feuer habe ich dich geläutert, doch nicht wie Silber; denn dabei wärest du selbst gar aufgefressen worden ...“ (Jes. 48,10, nicht Luthertext). Er zeigt hier, wie die Züchtigungen seinem Volke zur Läuterung dienen sollen; aber er setzt doch hinzu, daß er sie so sehr mäßigt, daß sein Volk nicht mehr als nötig geschunden wird! Das ist auch sehr vonnöten. Denn je mehr ein Mensch Gott fürchtet, je mehr er sein Leben dem Dienst der Frömmigkeit hingibt, desto zarter ist sein Empfinden im Ertragen des Zorns Gottes! Die Verworfenen nämlich seufzen zwar auch unter ihren Geißeln

 

- aber sie erwägen deren Ursache nicht, ja, sie kehren vielmehr ihren Sünden wie auch dem Gericht Gottes den Rücken zu und verhärten sich deshalb doch in ihrer Stumpfheit, oder aber sie toben und schlagen aus und wehren sich stürmisch gegen ihren Richter - und so verstockt sie dieser erbitterte Sturmlauf in unsinniger Wut! Wenn Gott dagegen die Gläubigen mit seinen Ruten warnt, dann machen sie sich alsbald daran, ihre Sünden zu bedenken, sind ganz und gar von Furcht und Schrecken durchdrungen und nehmen ihre Zuflucht zu demütiger Abbitte. Wenn Gott diese Schmerzen, mit denen sich die armen Seelen martern, nicht linderte, dann würden sie auch bei geringeren Zeichen seines Zorns wohl hundertmal zusammenbrechen.

 

 

 

III,4,33

 

Wir wenden uns jetzt der zweiten Unterscheidung zu. Wenn die Verworfenen mit Gottes Geißeln geschlagen werden, dann fangen sie bereits gewissermaßen an, seinem Gericht gegenüber die schuldige Strafe zu erleiden. Es geht ihnen gewiß nicht straflos durch, daß sie auf derartige Bezeugungen des göttlichen Zorns nicht hören. Aber trotzdem werden sie nicht zu dem Zweck geschlagen, daß sie besseren Sinnes würden, sondern allein dazu, daß sie unter ihrem großen Unglück erfahren, daß Gott der Richter und Vergelter ist. Die Kinder (Gottes) dagegen werden mit Ruten geschlagen - nicht um Gott die Strafe für ihre Übeltaten zu entgelten, sondern um dadurch zur Reue fortzuschreiten! Wir merken also, daß dergleichen Rutenschläge sich vielmehr auf die Zukunft, als auf die Vergangenheit beziehen. Das will ich lieber mit den Worten des Chrysostomus als mit meinen eigenen ausdrücken: „Gott legt uns Strafe auf, nicht um uns für unsere Sünden zu strafen, sondern um uns im Blick auf zukünftige Sünden zu bessern!“ (Pseudo-Chrysostomus, Predigt von der Buße und der Beichte). So sagt auch Augustinus: „Das, was du leidest und was dich klagen macht, das ist doch eine Arznei für dich und keine Strafe, eine Züchtigung und keine Verdammung. Weise die Geißel nicht zurück - wenn du nicht vom Erbe zurückgewiesen werden willst ...“ (Zu Psalm 102). Oder auch: „Ihr Brüder, ihr sollt wissen, daß das ganze Elend des Menschengeschlechts, unter dem die Welt seufzt, ein Schmerz ist, der als Arznei wirkt, und nicht ein Richterspruch, der Strafe verhängt ...!“ (Zu Psalm 138). Diese Äußerungen wollte ich gern anführen, damit niemand meint, die von mir gebrauchte Redeweise sei neu oder weniger gebräuchlich.

Hierauf beziehen sich auch die zornerfüllten Klagen, mit denen sich Gott scheltend gegen die Undankbarkeit des Volkes wendet, weil es in seiner Halsstarrigkeit alle Strafen verachtet hat. So bei Jesaja: „Was soll man weiter an euch schlagen? ... Von der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts Gesundes an ihm ...“ (Jes. 1,5f.). Aber die Propheten sind ja überall von solcherlei Aussprüchen, und so will ich mich damit begnügen, kurz angedeutet zu haben, daß Gott seine Kirche einzig und allein zu dem Zweck straft, daß sie sich unterwerfe und so zur Buße gelange. Wenn er den Saul aus der Königswürde verstieß, dann vollzog er damit vergeltende Strafe an ihm (1. Sam. 15,23), wenn er dagegen dem David sein Kindlein nahm (2. Sam. 12,18), so züchtigte er ihn, um ihn zu bessern. In diesem Sinne ist auch das Wort des Paulus aufzufassen: „Wenn wir ... gerichtet werden, so werden wir von dem Herrn gezüchtigt, auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden“ (1. Kor. 11,32). Das bedeutet: wenn wir Kinder Gottes durch die Hand unseres himmlischen Vaters Trübsal erleiden, so ist das keine Strafe, die uns verwirren, sondern nur eine Züchtigung, die uns erziehen soll! In dieser Frage steht Augustinus voll und ganz auf meiner Seite; er lehrt nämlich, die Strafen, mit denen die Menschen gleichermaßen von Gott gezüchtigt würden, seien in verschiedener Weise zu betrachten: für die Heiligen, die bereits Vergebung empfangen haben, sind sie nach Augustin Kämpfe und Übungen, für die erworfenen dagegen, die ohne Vergebung sind, sind sie Strafen für ihr Ungerechtigkeit. Dabei erinnert er an die Strafen, die dem David und anderen Frommen auferlegt worden sind, und erklärt, diese hätten

 

den Zweck gehabt, daß ihre Frömmigkeit durch dergleichen Demütigungen geübt und erprobt würde (über die Schuld und Vergebung der Sünden II,33.34). Wenn aber Jesaja von Jerusalem sagt: „Ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden“ (Jes. 40,2) - so beweist das doch nicht, daß die Vergebung von dem Erdulden der Strafe abhinge. Er will vielmehr etwa sagen: Jetzt ist genug Strafe geübt; ihr habt euch nun schon lange in Trauer und Schmerz verzehrt - jetzt aber ist es angesichts der Schwere und Vielfältigkeit eurer Strafen Zeit, daß ihr die Botschaft vollen Erbarmens empfangt und daß euer Herz mich voll Freuden als den Vater erkenne! Denn Gott handelt hier als Vater, dem auch die gerechte Strenge leid tut, wenn er sich genötigt gesehen hat, seinen Sohn gar hart zu strafen!

 

 

 

III,4,34

 

Mit solchen Gedanken muß sich der Gläubige in der Bitterkeit der Trübsal wappnen. „Denn es ist Zeit, daß anfange das Gericht an dem Hause Gottes“ (1. Petr. 4,17), in dem man seinen Namen angerufen hat (Jer. 25,29; nicht nach dem Luthertext). Was sollen aber Gottes Kinder anfangen, wenn sie glauben müßten, diese Strenge, die sie empfinden, sei Gottes Vergeltung? Denn wenn ein Mensch, den Gottes Hand geschlagen hat, daran denkt, Gott sei ein strafender Richter, dann muß er unabwendbar annehmen, Gott sei erzürnt, er sei wider ihn, er muß Gottes Geißel als Fluch und Verdammnis verwünschen, kurzum, er kann sich niemals überzeugen lassen, daß dieser Gott ihn liebt, dessen Gesinnung gegen sich er doch so erfährt, daß er noch immer strafen will! Wer aber bedenkt, daß Gott gegen seine Laster zürnt, ihm selber aber gnädig und wohlgesinnt ist, der erst macht auch unter Gottes Geißeln noch Fortschritte. Im anderen Falle müßte ja auch bei ihm eintreten, was der Prophet nach seiner Klage erfahren hat: „Dein Grimm, mein Gott, ist über mich gegangen; dein Schrecken hat mich gedrückt!“ (Ps. 88,17; nicht Luthertext). Oder er müßte erfahren, was Mose schreibt: „Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz!“ (Ps. 90,7-9). David dagegen will uns lehren, daß Gottes väterliche Züchtigungen den Gläubigen eher helfen müssen, als daß sie sie zu Boden drücken, und deshalb singt er von ihnen: „Wohl dem, den du, Herr, züchtigest und lehrst ihn durch dein Gesetz, daß er Geduld habe, wenn\'s übel geht, bis dem Gottlosen die Grube bereitet werde!“ (Psalm 94,12f.). Es ist gewiß eine harte Anfechtung, wenn Gott die Ungläubigen verschont und ihre Laster übersieht, seinen Gläubigen gegenüber aber gar hart erscheint. Deshalb fügt der Psalmist als Ursache des Trostes die Unterweisung des Gesetzes hinzu, durch welche die Gläubigen lernen sollen: es geschieht um ihres Heiles willen, wenn Gott sie auf den Weg zurückruft, die Gottlosen dagegen stürzen sich kopfüber in ihre Irrwege, deren Ende die „Grube“ ist. Es macht dabei auch nichts aus, ob die Strafe ewig ist oder zeitlich. Denn Kriege, Hungersnot, Pestilenz und Krankheiten sind (dann) ebensolche Vermaledeiungen Gottes, wie das Urteil des ewigen Todes selber - denn der Herr verhängt sie dazu, Werkzeuge seines Zorns und seiner Vergeltung gegen die Verworfenen zu sein.

 

 

 

III,4,35

Jetzt wird, wenn ich mich nicht täusche, jedermann verstehen, was jene Strafe für einen Sinn hatte, die der Herr einst über David verhängte (2. Sam. 12,13f.). Sie sollte eben ein Zeugnis dafür sein, daß Mord und Ehebruch Gott heftig mißfielen; angesichts dieser Freveltaten wollte Gott zeigen, wie sehr ihn sein geliebter und treuer Knecht beleidigt hatte; und das geschah zu dem Zweck, daß David selber unterwiesen wurde, in Zukunft nicht noch einmal solche Übeltat zu begehen. Dagegen sollte es keine Strafe sein, durch die er Gott irgendwelche Bezahlung leistete. In

 

gleichem Sinne werden wir auch die andere Züchtigung zu beurteilen haben, als nämlich der Herr um des Ungehorsams Davids willen, in den er durch die Zählung des Volkes verfallen war, eben dies Volk mit heftiger Pestilenz heimsuchte (2. Sam. 24,15). Denn die Sündenschuld vergab Gott dem David umsonst; aber es war zum öffentlichen Beispiel für alle Zeiten wie auch zur Demütigung Davids dienlich, daß ein solcher Frevel nicht ungestraft blieb, und deshalb übte er mit seiner Geißel harte Züchtigung an ihm.

 

Diesen Gesichtspunkt müssen wir uns auch angesichts des allgemeinen Fluchs vor Augen halten, den Gott auf die Menschheit gelegt hat. Denn auch wenn wir Gnade empfangen haben, so leiden wir doch alle noch mit unter all dem Elend, das Gott als Strafe für die Sünde über unseren Stammvater verhängt hat. Da erfahren wir nun, daß wir durch solcherlei Übungen daran gemahnt werden, wie heftig Gott an der Übertretung seines Gesetzes Mißfallen hat, damit wir im Bewußtsein unseres jämmerlichen Loses niedergeworfen und gedemütigt werden und uns um so inniger nach der wahren Glückseligkeit sehnen! Ein ganz großer Tor wäre aber der Mensch, welcher memte, die Nöte des gegenwärtigen Lebens wären uns als Strafe für unsere Sünde auferlegt: Das scheint auch Chrysostomus im Sinne zu haben, wenn er schreibt: „Wenn Gott zu dem Zweck straft, daß er die, welche in der Bosheit verharren, zur Buße rufe - so ist die Strafe, wenn die Buße erzeigt ist, überflüssig!“ (An Stagirius III,14). So verfährt der Herr bei jedem einzelnen so, wie er weiß, daß es seiner Art dienlich ist: den einen behandelt er mit größerer Schärfe, den am deren mit freundlicherer Nachsicht. Wenn er also lehren will, daß er beim Vollzug seiner Strafen nicht unmäßig vorgeht, so richtet er gegen das verhärtete und halsstarrige Volk den scharfen Tadel, es habe trotz aller Schläge doch nicht aufgehört zu sündigen (Jer. 5,3). In diesem Sinne hält Gott Klage über Ephraim, er sei „wie ein“ auf der einen Seite bereits ganz angebrannter „Kuchen, den niemand umwendet“ (Hos 7,8). Das heißt: alle Rutenschläge sind ihm nicht ins Herz gedrungen, und so kommt es nicht dazu, daß die Laster ausgebrannt werden und das Volk zum Empfang der Vergebung zubereitet wird. Wenn er so redet, dann zeigt er damit, daß er, sobald ein Mensch Buße tut, auch sogleich zur Versöhnung bereit ist, und daß ihm die Schärfe, mit der er uns für unsere Vergehen züchtigt, durch unsere Halsstarrigkeit abgedrungen wird - denn mit freiwilliger Besserung würde der Sünder der Züchtigung zuvorkommen. Aber unser aller Verhärtung und grobes Wesen sind derart, daß da allewege Züchtigung nottut, und deshalb hat es dem Vater in seiner großen Weisheit gefallen, uns alle ohne Ausnahme unser ganzes Leben lang mit einer uns alle treffenden Geißel zu plagen!

 

Verwunderlich ist aber doch, daß die Römischen ihre Augen so sehr auf das eine Beispiel des David heften, aber nicht von den vielen Beispielen bewegt werden, an denen sich die Vergebung der Sünden aus lauter Gnade hätte anschauen lassen. So lesen wir, daß der Zöllner „gerechtfertigt“ vom Tempel hinabstieg - da folgt keinerlei Strafe! (Luk. 18,14). Petrus erlangte Verzeihung für sein Vergehen (Luk. 22,61) - und wir hören, wie Ambrosius sagt, wohl etwas von seinen Tränen, aber von Genugtuung hören wir nichts! Der Gichtbrüchige hört: Stehe auf, „deine Sünden sind dir vergeben“ (Matth. 9,2) - aber eine Strafe wird ihm nicht auferlegt! All die Lossprechungen, von denen uns die Schrift erzählt, sind nach ihrem Bericht aus Gnaden erfolgt! Aus dieser Fülle von Beispielen hätte man die Regel ableiten sollen - und nicht aus jenem einen, das wer weiß welchen besonderen Inhalt hat!

 

 

 

III,4,36

Wenn Daniel den Nebukadnezar ermahnte: „Mache dich los von deinen Sünden durch Gerechtigkeit und ledig von deiner Missetat durch Wohltat an den Armen“ (Dan. 4,24) - so wollte er damit nicht zum Ausdruck bringen, solche „Gerechtigkeit“ und Barmherzigkeit sei die Versöhnung mit Gott und die Ablösung der Strafe - denn es sei ferne, daß es je eine andere Loskaufung gegeben habe als Christi Blut! -;

 

nein, dieses „Mache dich los“ hat er auf die Menschen und nicht auf Gott bezogen. Er wollte also mit anderen Worten sagen: Du, König, hast ein ungerechtes und gewalttätiges Regiment geführt, du hast die Geringen bedrückt, du hast die Armen beraubt, du hast dein Volk hart und unbillig behandelt - jetzt übe für deine ungerechte Abgabenerpressung, für deine Gewalttätigkeit und Bedrückung Barmherzigkeit und Gerechtigkeit!

 

Den gleichen Sinn hat es, wenn Salomo erklärt: „Liebe deckt zu alle Übertretungen“ (Spr. 10,12): das gilt nicht vor Gott, sondern vor den Menschen selber. Denn der Vers lautet unverkürzt: „Haß erregt Hader; aber Liebe deckt zu alle Übertretungen“. In diesem Verse vergleicht Salomo nach seiner Gewohnheit durch Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Tatbestände das Übel, welches aus dem Haß entsteht, mit den Früchten der Liebe. Er will also sagen: Die Menschen, die sich gegenseitig hassen, die beißen sich, beleidigen und schmähen sich, zerreißen sich untereinander, verkehren alles in Schande - die aber einander lieben, die sehen gegenseitig über vieles hinweg, üben in vielen Dingen Nachsicht, vergeben einander vieles, nicht weil der eine des anderen Fehler billigte, sondern weil er sie trägt und sie durch Ermahnungen heilt, statt sie durch herabsetzende Redensarten schlimmer zu machen!

 

Ohne Zweifel hat auch Petrus diese Stelle in dem gleichen Sinne angeführt (1. Petr. 4,8) - wir müßten ihm sonst schon vorwerfen wollen, er habe die Schrift verfälscht und listig verdreht!

 

Wenn Salomo aber weiter lehrt: „Durch Güte und Treue wird Missetat versöhnt“ (Spr. 16,6), so meint er da auch nicht, Güte und Treue bedeuteten einen Ausgleich vor dem Angesicht des Herrn, so daß Gott also, durch solche Genugtuung versöhnt, die Strafe erlassen würde, die er sonst forderte. Nein, Salomo weist nach der gewohnten Sitte der Schrift darauf hin, daß die Menschen, welche ihren früheren Lastern und Übeltaten den Abschied geben und sich durch Frömmigkeit und Wahrheit zu ihm bekehren, in ihm einen gnädigen Gott finden werden. Er will also etwa sagen: Wenn wir von unseren Missetaten ruhen, dann legt sich der Zorn des Herrn, dann ruht sein Gericht! Damit beschreibt er aber nicht die Ursache der Vergebung, sondern vielmehr die Weise, wie eine wahre Bekehrung vor sich geht. So verkünden die Propheten ja auch oft genug, daß es vergebens ist, wenn die Heuchler Gott erdichtete Zeremonien statt der Buße aufdringen - denn Gott hat an der Aufrichtigkeit und an den Werken der Liebe Gefallen! In diesem Sinne verfährt auch der Verfasser des Hebräerbriefes: er ruft die Leser auf: „Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht“, und mahnt sie dann daran: „Solche Opfer gefallen Gott wohl“ (Hebr. 13,16). Auch wenn Christus die Pharisäer verspottet, weil sie sich nur darum bemühen, die Schüsseln rein zu halten, aber die Reinlichkeit des Herzens vernachlässigen, und wenn er ihnen dann die Weisung erteilt, Almosen zu geben, damit alles rein sei (Matth. 23,25; Luk. 11,39-41) - so ermuntert er sie damit nicht zu „genugtuenden Werken“, sondern er zeigt ihnen nur, welcherlei Reinheit Gott wohlgefällig ist. Von dieser Redeweise ist noch an anderer Stelle die Rede (III,14,21).

 

 

 

III,4,37

Was nun aber die (von den Gegnern herangezogene) Stelle aus dem Lukasevangelium (von der großen Sünderin Luk. 7,36-50, insbesondere Vers 47) betrifft, so wird mir daraus kein Mensch, der das dort vom Herrn gegebene Gleichnis mit vernünftigem Urteil gelesen hat, einen Einwand machen. Der Pharisäer dachte bei sich selbst, das Weib, welches der Herr mit so großer Leichtigkeit an sich hatte herankommen lassen, sei ihm unbekannt. Denn er meinte, er würde ihr doch keinen Zugang gewährt haben, wenn er gewußt hätte, was für eine Sünderin sie tatsächlich war. Daraus schloß er dann, Christus sei kein Prophet, wenn man ihn auf diese Weise täuschen könne. Da wollte nun aber der Herr beweisen, daß diese Frau keine Sünderin mehr sei, da ihr die Sünden schon vergeben wären - und dazu erzählte er ein

 

Gleichnis: „Es hatte ein Gläubiger zwei Schuldner. Einer war schuldig fünfhundert Groschen, der andere fünfzig. Da ... schenkte er\'s beiden. Sage an, welcher unter ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Der Pharisäer antwortete: „Ich achte, dem er am meisten geschenkt hat.“ Darauf sagte der Herr: daß dieser Frau ihre Sünden vergeben sind, das sollst du daraus erkennen, daß sie „viel geliebt hat“. Man sieht deutlich, daß der Herr mit diesen Worten ihre Liebe nicht zur Ursache der Sündenvergebung erklärt, sondern zu deren Beweis. Denn diese Worte sind ja dem Gleichnis entnommen und knüpfen an das an, was dort von dem Schuldner gilt, dem fünf, hundert Groschen erlassen waren: von diesem aber sagt Christus nicht, die Schuld sei ihm erlassen, weil er viel geliebt hätte, sondern umgekehrt, er liebe viel, weil ihm die Schuld erlassen sei! Die Anwendung des Gleichnisses muß man sich nun folgendermaßen denken: Du, Pharisäer, denkst, dieses Weib sei eine Sünderin; sie ist aber keine, und das hättest du wissen sollen, denn ihr sind die Sünden vergeben. Daß ihr aber ihre Sünden vergeben sind, das hätte dir ihre Liebe glaubwürdig machen sollen, mit der sie für die empfangene Wohltat dankt! Es handelt sich daher um einen nachträglichen Beweis, bei dem also etwas aus den Anzeichen bewiesen wird, die sich aus ihm ergeben. Wie diese Frau aber die Vergebung der Sünden erlangt hat, das bezeugt der Herr ganz deutlich: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ (Vers 50). Denn wir empfangen die Vergebung der Sünden durch den Glauben, durch die Liebe sagen wir Dank und geben wir Zeugnis von der Wohltat des Herrn!

 

 

 

III,4,38

Was nun aber in den Schriften der alten Kirchenlehrer an vielen Stellen von der Genugtuung zu lesen steht, das macht auf mich wenig Eindruck. Ich sehe zwar, daß einige von ihnen - nein, ich will geradeheraus sagen: fast alle, deren Bücher auf uns gekommen sind! - in diesem Stück entweder in Irrtümer gefallen sind oder allzu rauh und hart geredet haben. Aber ich werde doch nicht zugeben, sie wären dermaßen ungebildet und unerfahren gewesen, daß sie wirklich in dem Sinne geschrieben hätten, in dem die neuerlichen Verfechter der „Genugtuungen“ sie lesen. Chrysostomus hat an einer Stelle geschrieben: „Wo ein Mensch Barmherzigkeit begehrt, da hört das Verhör auf; wo einer nach Barmherzigkeit verlangt, da wütet nicht das Gericht; wo die Barmherzigkeit erbeten wird, da ist für Strafe kein Raum, wo Barmherzigkeit ist, da ist keine Richterfrage, wo Barmherzigkeit waltet, da ist uns die Antwort erlassen“ (Pseudo-Chrysostomus, Predigt zu Psalm 50). Man mag diese Worte drehen und wenden, wie man will - sie lassen sich jedenfalls nicht mit den scholastischen Lehrsatzungen in Übereinstimmung bringen! In einem dem Augustinus zugeschriebenen Buche über „die kirchlichen Lehrsatzungen“ heißt es ferner: „Die zur Buße gehörige Genugtuung besteht darin, daß wir die Ursachen der Sünde ausrotten und ihren Lockungen keinen Zutritt mehr verstatten“ (Pseudo-Augustin, Von den kirchlichen Lehrsatzungen 24). Daraus geht klar hervor, daß auch in jenen Zeiten die Lehre von den „Genugtuungen“ durchweg verlacht worden ist, sofern man mit diesen „Genugtuungen“ etwa für bereits begangene Sünden eine Gegenleistung zu bieten glaubte. Denn diese Stelle bezieht jede „Genugtuung“ auf die Achtsamkeit, mit der wir uns für die Folgezeit von der Sünde fernhalten. Ich will dabei nicht noch die Lehre des Chrysostomus anführen, wonach Gott nicht mehr von uns fordert, als daß wir unsere Missetat mit Tränen vor ihm bekennen (Predigten über die Genesis,10,2). Dergleichen Äußerungen kommen nämlich in seinen Schriften und denen anderer wiederholt vor. Freilich bezeichnet Augustin an einer Stelle die Werke der Barmherzigkeit als eine Arznei, mit deren Hilfe wir Vergebung der Sünde erlangten (Handbüchlein,72). Aber er sorgt an einer anderen Stelle selbst dafür, daß sich an diesem Wörtlein niemand stößt; da sagt er: „Das Fleisch Christi ist das wahre und einzige Opfer für unsere Sünden, nicht nur für die, welche in der Taufe alle miteinander vertilgt werden, sondern auch für die, welche hernach noch aus Schwach-

 

heit vorkommen und um derentwillen die ganze Kirche tagtäglich ruft: Vergib uns unsere Schulden! (Matth. 6,12). Auch sie werden durch dieses einige Opfer vergeben“ (An Bonifacius III, 6,16).

 

 

 

III,4,39

 

Die Kirchenväter haben ferner die Genugtuung zumeist nicht als „Gegenleistung“ bezeichnet, die wir Gott darbrächten. Sie verstanden darunter im Gegenteil ein öffentliches Zeugnis, durch welches Menschen, die mit dem Bann bestraft worden waren, der Kirche eine Versicherung ihrer Buße abgaben, wenn sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollten. Solchen Büßenden wurden bestimmte Fasten und andere Übungen auferlegt, durch die sie beweisen sollten, daß sie ihr voriges Leben wahrhaftig und von Herzen bereuten, oder besser: durch welche sie die Erinnerung an das früher Geschehene tilgen sollten. Sie leisteten also, wie man sagte, nicht Gott, sondern der Kirche Genugtuung! Das hat Augustin mit eben diesen Worten in seinem „Handbüchlein an Laurentius“ zum Ausdruck gebracht (Handbüchlein,65; zitiert im Decretum Gratiani, II,33,3,1,84). Von diesem alten Brauch haben die Beichten und die „Genugtuungen“ ihren Ausgangspunkt genommen, die heute in Übung stehen. Wahrhaftig eine Schlangenbrut! Denn durch diese neueren Übungen ist es dahin gekommen, daß von jener besseren Gestalt der Dinge nicht einmal mehr ein Schatten übrig ist.

 

Ich weiß freilich, daß die Alten zuweilen ein wenig hart reden, und, wie ich oben bereits gesagt habe, ich leugne auch nicht, daß sie dabei vielleicht (in Irrtum) gefallen sind. Aber Dinge, die an sich bloß mit ein paar Flecken behaftet sind, die werden, wenn die Römischen sie mit ihren ungewaschenen Händen behandeln, ganz und gar besudelt! Wenn aber das Ansehen der alten Kirchenväter hier mit in den Streit geführt werden soll - gütiger Gott, was für „Alte“ drängt man uns da auf! Ein guter Teil der Aussagen, aus denen Petrus Lombardus, ihr Stimmführer, seine Lappen zusammengeflickt hat, ist aus unsinnigen Schwärmereien gewisser Mönche entnommen, die nun unter dem Namen des Ambrosius, des Hieronymus, des Augustinus oder des Chrysostomus umgehen! So nimmt Petrus Lombardus in der hier verhandelten Frage fast alles aus einem dem Augustin zugeschriebenen Buche „Von der Buße“, das tatsächlich von irgendeinem Bänkelsänger in übler Weise gleichermaßen aus guten und schlechten Schriftstellern zusammengeflickt ist, und das zwar Augustins Namen trägt, das aber kein Mensch, der auch nur ein wenig gelehrt ist, als sein Werk anzuerkennen für wert halten wird. Daß ich aber ihre Torheiten nicht allzu scharf untersuche, das mag mir der Leser verzeihen; ich möchte ihm keinen Überdruß bereiten. Es würde mir nicht viel Arbeit machen und wäre doch eine ergötzliche Sache, hier Dinge mit höchster Schande dem Spott preiszugeben, die die Römischen bislang als Geheimnisse ausgegeben haben! Aber ich sehe davon ab, weil ich die Absicht habe, mit meiner Unterweisung Nutzen zu stiften.

Fünftes Kapitel

 

 

 

Von den Anhängseln zur Lehre von den genugtuenden Werken, nämlich vom Ablaß und vom Fegefeuer

 

 

 

III,5,1

 

Aus dieser Lehre von der Genugtuung quillt nun weiter der Ablaß hervor. Was uns nämlich an Fähigkeiten zu solcher Genugtuung mangelt, das kann man nach dem Geschwätz der Römischen durch den Ablaß ergänzen. Ja, sie gehen in ihrer Tollheit so weit, daß sie den Ablaß als Austeilung der Verdienste Christi und der Märtyrer bestimmen, die der Papst mit seinen Bullen vornähme. Nun bedürfen die Vertreter dieser Anschauung allerdings eher des Nießwurz (eines Mittels gegen den Wahnsinn nach damaliger Auffassung), als daß sie etwa eines Beweises würdig wären, und deshalb ist es nicht besonders der Mühe wert, sich mit der Widerlegung so leichtsinniger Irrtümer Arbeit zu machen; denn diese sind ja bereits von vielen Sturmböcken durchstoßen und fangen schon ganz von selber an zu veralten und baufällig zu werden. Trotzdem wird eine kurze Widerlegung für einige unerfahrene Leute von Nutzen sein, und ich will deshalb nicht davon absehen.

 

Man kann wirklich sagen: daß sich der Ablaß so lange halten, daß er in so zügelloser, wilder Ausgelassenheit so lange ungestraft bleiben konnte - das mag uns wirklich zum Beweis dafür dienen, in was für eine tiefe Nacht des Irrtums die Menschen etliche Jahrhunderte lang versunken gewesen sind. Sie sahen, wie sie vom Papst und seinen Bullenträgern offen und unverhüllt zu Narren gehalten wurden; sie sahen, wie man mit ihrem Seelenheil geldgierigen Schacher trieb, sie nahmen es wahr, wie ihre Seligkeit auf den Preis von wenigen Hellern veranschlagt wurde, aber nichts umsonst zu haben war, - sie hatten es vor Augen, wie man sie unter solchem falschen Schein um Opfergaben prellte, die man dann in Ehebruch und Kuppelei und auf Gelagen schnöde verpraßte; sie wußten wohl, daß die vollbäckigsten Ablaßprediger zugleich die schlimmsten Ablaßverächter waren, sie sahen es, wie dieses Untier von Tag zu Tag mit tollerem Mutwillen wütete und immer ausgelassener wurde und wie solch Treiben doch kein Ende fand, nein, wie alle Tage neues Blei dazukam, neue Groschen den Leuten aus der Tasche gelockt wurden! Das alles sahen sie - aber sie empfingen den Ablaß trotzdem mit höchster Ehrerbietung, beteten ihn an, kauften ihn! Und die, welche schärfer sahen als andere Leute, die meinten doch, es sei das nun eben ein frommer Betrug, von dem man sich immerhin mit einigem Nutzen täuschen lassen könnte! Seitdem sich nun zuletzt die Welt gestattet hat, ein wenig klüger zu werden, da erkaltet der Ablaß, er wird nachgerade zu Eis, bis er gänzlich vergeht.

 

 

 

III,5,2

 

Es gibt aber sehr viele Leute, die all den Unflat, all den Betrug, den Diebstahl, den Raub, mit denen uns die Ablaßkrämer bislang betrogen und zu Narren gehalten haben, wohl sehen, aber die eigentliche Quelle dieser Gottlosigkeit nicht bemerken. Es ist also der Mühe wert, wenn wir nicht bloß darlegen, wie der Ablaß beschaffen ist, sondern auch zeigen, was er eigentlich darstellt, wenn er von aller Befleckung gereinigt ist. Die Römischen nennen die Verdienste Christi und der heiligen Apostel und Märtyrer den „Schatz der Kirche“. Die vollkommene Wacht über diese Schatzkammer ist - wie ich bereits kurz erwähnte - nach ihrer erdichteten Darstellung dem römischen Bischof übertragen; und der hat nun die Verwaltung derartig großer Güter inne, daß er sie sowohl selber austeilen, als auch anderen die Vollmacht zu ihrer Austeilung übertragen kann. So erteilt der Papst selbst bald Vollablässe, bald Ablässe für eine bestimmte Zahl von Jahren, die Kardinäle teilen Ablässe auf hundert Tage aus, die Bischöfe auf vierzig Tage!

Aber all diese Ablässe sind - ich will sie beschreiben, wie sie wirklich sind! - tat-

 

sächlich eine Entweihung des Blutes Christi, ein höhnischer Betrug des Satans! Sie sollen das Christenvolk von Gottes Gnade, von dem Leben, das in Christus ist, wegführen, sollen es von dem wahren Wege zum Heil abbringen! Denn wie könnte man Christi Blut schändlicher entweihen als durch die Behauptung, es sei zur Vergebung der Sünden, zur Versöhnung, zur Genugtuung nicht vollgenügend, sofern sein Mangel - als ob es also verdorrt, erschöpft wäre! - nicht von anderer Seite aufgefüllt und ersetzt werde! Nach Petrus geben doch das Gesetz und alle Propheten Christus das Zeugnis, daß wir durch ihn „Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg. 10,43). Der Ablaß dagegen läßt den Menschen durch Petrus, Paulus und die Märtyrer Vergebung der Sünden zuteil werden! „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde“, sagt Johannes (1. Joh. 1,7). Beim Ablaß dagegen findet man die Abwaschung von den Sünden im Blute der Märtyrer! Paulus sagt: „Er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde - das heißt: zur Genugtuung für unsere Sünden! - gemacht, auf daß wir würden Gerechtigkeit Gottes in ihm“ (2. Kor. 5,21). Der Ablaß dagegen läßt die Genugtuung für unsere Sünden auf das Blut der Märtyrer gegründet sein. Paulus hat einst den Korinthern mit lauter Stimme bezeugt, daß allein Christus für sie gekreuzigt und gestorben sei (1. Kor. 1,13). Der Ablaß dagegen verkündigt uns, daß auch Paulus und andere für uns gestorben seien! An anderer Stelle sagt Paulus, Christus habe die Gemeinde erworben mit seinem Blut (Apg. 20,28). Der Ablaß dagegen behauptet, daß es noch einen anderen Preis für dieses „Erwerben“ gibt: nämlich das Blut der Märtyrer! Der Apostel schreibt: „Mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden“ (Hebr. 10,14). Der Ablaß erklärt demgegenüber, die Heiligung empfange durch die Märtyrer ihre Vollendung - sonst sei sie nicht ausreichend! Johannes sagt, alle Heiligen hätten ihre Kleider „gewaschen ... in dem Blut des Lammes“ (Apk. 7,14) - der Ablaß aber lehrt uns, wir sollten unsere Kleider im Blut der Heiligen waschen!

 

 

 

III,5,3

 

Herrliche Worte hat gegen diesen Raub an Gottes Ehre der Bischof Leo von Rom (Papst Leo I.) in seinem Brief an die Palästinenser gesprochen. Er schreibt: „Gewiß ist der Tod vieler Heiligen ‘wertgehalten vor dem Herrn\' (Ps. 116,15). Aber die Tötung keines einzigen Unschuldigen ist die Versöhnung der Welt gewesen. Die Gerechten haben Kronen empfangen, aber keine gegeben. Aus der Tapferkeit der Gläubigen sind Beispiele der Geduld geworden, aber keine Gaben der Gerechtigkeit. Der Tod jedes einzelnen von ihnen hatte nur Bedeutung für ihn selber, und keiner hat durch sein Ende eines anderen Schuld abgetragen. Denn einzig und allein in Christus, dem Herrn, sind wir alle gekreuzigt, alle gestorben, begraben und wieder auferstanden!“ (Brief 124). Diesen tatsächlich sehr denkwürdigen Ausspruch hat Leo an anderer Stelle noch einmal wiederholt (Brief 165). Klareres ließe sich sicherlich zur Vernichtung jener gottlosen Lehre gar nicht wünschen! Jedoch schreibt auch Augustin ebenso treffend in dem gleichen Sinne: „Gewiß sterben wir Brüder für unsere Brüder; aber trotzdem wird das Blut nicht eines einzigen Märtyrers zur Vergebung der Sünden vergossen; denn das hat Christus für uns getan! Und er hat uns diese Gabe zuteil werden lassen - nicht damit wir sein Tun nachahmten, sondern damit wir uns dankbar daran freuten!“ (Predigten zum Johannesevangelium, 84). Oder an anderer Stelle: „Wie allein der Sohn Gottes zum Menschensohn gemacht worden ist, damit er uns mit sich selber zu Söhnen Gottes machte - so hat auch er allein, ohne Böses verdient zu haben, für uns die Strafe getragen, damit wir, die wir nichts Gutes verdient hatten, durch ihn unverdiente Gnade erlangten!“ (An Bonifacius IV,4,6.)

Gewiß ist die ganze Lehre der Römischen aus entsetzlichem Raub an Gottes Ehre und furchtbaren Lästerungen zusammengeflickt; aber hier haben wir es doch mit einer besonders grauenhaften Gotteslästerung zu tun. Ich will ihre Lehre zusammenfassen,

 

und sie sollen selbst zusehen, ob sie nicht wirklich so gemeint ist: Die Märtyrer haben danach durch ihren Tod Gott gegenüber mehr geleistet und mehr Verdienste erworben, als sie es für sich selber nötig hatten; sie haben also eine große Fülle von Verdiensten übrigbehalten, die nun anderen zufließen kann. Damit nun ein so großes Gut nicht ohne Nutzen bleibt, so wird ihr Blut mit dem Blute Christi vermengt und aus beiden der „Schatz der Kirche“ gebildet, zur Vergebung der Sünden und zur Genugtuung für sie. In diesem Sinne ist dann auch das Wort des Paulus zu verstehen: „Ich erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an den Leiden Christi, für seinen Leib, welcher ist die Gemeinde“ (Kol. 1,24; nicht Luthertext). (Soweit der Bericht über die römische Lehre.)

 

Was bedeutet das nun anders, als daß man Christus zwar den Namen läßt, im übrigen aber aus ihm einen gewöhnlichen Heiligen macht, den man in der großen Schar kaum noch zu erkennen vermag? Und dabei sollte doch er, er ganz allein verkündigt werden, er allein den Menschen vor Augen gestellt, er allein genannt, er allein angeschaut werden, wenn es sich darum handelt, wie wir Vergebung der Sünden, Versöhnung und Heiligung erlangen! Aber wir wollen ihre Beweisführung hören; sie sagen: damit das Blut der Märtyrer nicht nutzlos vergossen sei, so muß es zum gemeinsamen Nutzen der Kirche angewendet werden. Wieso nun? Ist es denn keine Frucht, Gott durch den Tod zu verherrlichen? Ist es nutzlos, seine Wahrheit mit dem eigenen Blut zu unterschreiben? Sollte es ohne Belang sein, durch die Verachtung des gegenwärtigen Lebens zu bezeugen, daß man ein besseres sucht? Sollte es fruchtlos sein, mit der eigenen Beständigkeit den Glauben der Kirche zu stärken, die Halsstarrigkeit der Feinde aber zu brechen? Aber das ist es eben: die Römischen finden keinerlei Frucht, wenn Christus allein der Versöhner ist, wenn er allein für unsere Sünden gestorben ist, wenn er allein als Opfer zu unserer Erlösung dargebracht ist! Sie sagen so: Petrus und Paulus hätten die Krone des Sieges auch dann erlangt, wenn sie im Bette den Tod erlitten hätten; es würde sich aber nicht mit der Gerechtigkeit Gottes zusammenreimen lassen, wenn die Tatsache, daß sie bis aufs Blut gekämpft haben, ohne Wirkung und ohne Frucht bliebe! Als ob es Gott nicht verstünde, seinen Knechten nach dem Maß seiner Gaben auch größere Herrlichkeit zu verleihen! Die Kirche aber empfängt (aus dem Sterben der Märtyrer) insgemein Nutzen genug, wenn sie sich durch den Triumph dieser Männer zum Kampfeseifer entflammen läßt!

 

 

 

III,5,4

Nun ziehen unsere Widersacher eine Paulusstelle heran, wonach der Apostel „an seinem Fleische erstattet, was noch mangelt an den Leiden Christi“ (Kol. 1,24; siehe oben). Aber wie durchtrieben verdrehen sie diese Stelle! Dieses „Mangeln“ und „Erstatten“ bezieht der Apostel doch nicht auf das Werk der Erlösung, der Genugtuung und der Versöhnung, sondern auf die „Trübsale“ (wie Luther übersetzt!), in denen Christi Glieder, nämlich alle Gläubigen, geübt werden müssen, solange sie in diesem Fleische leben. Er sagt also, an den Leiden Christi „mangle“ noch das, was er in sich selbst einmal gelitten hat, aber nun alle Tage in seinen Gliedern leidet! Christus würdigt uns solcher Ehre, daß er unsere Trübsale als die seinigen ansieht und gelten läßt. Wenn aber Paulus hinzusetzt: „für die Gemeinde“, so bedeutet das nicht: zur Erlösung, zur Versöhnung der Gemeinde, zur Genugtuung für die Gemeinde - sondern zu ihrer Erbauung und zu ihrem Wachstum! So sagt er auch an anderer Stelle: „Ich erdulde alles um der Auserwählten willen, auf daß auch sie die Seligkeit erlangen in Christo Jesu ...“ (2. Tim. 2,10). Und an die Korinther schrieb er: „Wir haben Trübsal oder Angst, so geschieht es euch zugute!“ (2. Kor. 1,6). Auch erklärt er in Kolosser 1 gleich darauf selber, was er meint: er sagt da, er sei der Diener der Gemeinde geworden, und zwar nicht zur Erlösung der Gemeinde, sondern „nach dem ... Predigtamt“, das ihm „gegeben“ war, und nach dem er das Evangelium von Christus verkündigen sollte! (Kol. 1,25). Verlangen die

 

Gegner aber nach einem anderen Ausleger, so sollen sie Augustin hören: „Das Leiden Christi“, sagt er, „geschieht (einerseits) in Christus allein, als in dem Haupte, (andererseits) in Christus und der Gemeinde, als in dem ganzen Leibe. Daher spricht ein Glied (der Kirche), nämlich Paulus: ‘Ich erstatte an meinem Fleische, was noch mangelt an den Leiden Christi\'. Wenn du also, du Hörer, wer du auch sein magst, zu den Gliedern Christi gehörst, so hat alles, was du von denen erleidest, die nicht Christi Glieder sind, an den ‘Leiden Christi gemangelt\'” (Erklärung zu Psalm 61; 4). Wozu aber die Leiden dienen, welche die Apostel für die Kirche auf sich genommen haben, das setzt Augustin an anderer Stelle auseinander: „Christus ist für mich die Tür zu euch; weil ihr die Schafe Christi seid, die er mit seinem Blute erworben hat, so erkennt den Preis, der für euch gezahlt ist - ich zahle diesen Preis nicht, sondern ich verkündige ihn!“ Und dann setzt er gleich hinzu: „Wie er sein Leben für uns gelassen hat, so sollen auch wir unser Leben für die Brüder lassen, und zwar, um den Frieden zu erbauen und um den Glauben zu bekräftigen“ (Predigten zum Johannesevangelium, 47). So hat es Augustin gesagt! Es kann aber gar keine Rede davon sein, daß Paulus gemeint hätte, an den Leiden Christi habe etwas „gemangelt“, sofern es die ganze Fülle der Gerechtigkeit, des Heils und des Lebens betrifft, oder daß er da etwas hätte „erstatten“ wollen - er redet doch selbst so klar und so herrlich davon, wie die überströmende Fülle der Gnade durch Christus so reichlich ausgegossen ist, daß sie alle Gewalt der Sünde weit überwindet! (Röm. 5,15). Allein durch diese Gnade Christi sind alle Heiligen selig geworden, nicht aber durch das Verdienst ihres Lebens und Sterbens, wie es Petrus ausdrücklich bezeugt (Apg. 15,11). Wer also die Würdigkeit irgendeines Heiligen auf etwas anderes gründet als allein auf Gottes Barmherzigkeit, der schmäht Gott und seinen Christus! Aber wozu soll ich mich hier länger aufhalten, als ob die Sache noch dunkel wäre! Derartige Ungeheuerlichkeiten ans Licht zu ziehen, bedeutet ja schon, sie zu überwinden!

 

 

 

III,5,5

 

Wir wollen also solche Greuel fahren lassen. Aber weiter: wer hat denn den Papst gelehrt, die Gnade Jesu Christi, die nach dem Willen des Herrn durch das Wort des Evangeliums ausgeteilt werden soll, in Blei und Pergament einzuschließen? So muß also notwendig entweder das Evangelium Gottes lügen - oder aber der Ablaß! Denn im Evangelium wird uns Christus dargeboten mit der ganzen Fülle der himmlischen Güter, mit all seiner Gerechtigkeit, Weisheit und Gnade, und zwar ohne jede Einschränkung. Dafür ist Paulus Zeuge; denn nach seinen Ausführungen ist den Dienern das „Wort der Versöhnung“ anvertraut, und die Botschaft dieser Diener soll - gleich als ob Christus selbst durch sie vermahnte - so lauten: „So bitten wir nun ... Lasset euch versöhnen mit Gott. Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5,18ff.). Und die Gläubigen wissen, was die „Gemeinschaft ... Jesu Christi“ vermag, deren Genuß uns nach dem Zeugnis des nämlichen Apostels im Evangelium angeboten wird (1. Kor. 1,9). Der Ablaß nimmt dagegen aus der Schatzkammer des Papstes einen festgesetzten Teil der Gnade, bindet sie an Blei und Pergament, auch an einen bestimmten Ort - und reißt sie von Gottes Wort los!

Fragt man aber nach dem Ursprung dieses Mißbrauchs, so scheint er aus folgendem entstanden zu sein: Vor Zeiten wurden den Büßenden zuweilen derart harte Genugtuungen auferlegt, daß diese nicht für jeden zu ertragen waren; die Leute nun, die sich durch die ihnen auferlegte Bußleistung über das Maß beschwert fühlten, baten die Kirche um Milderung. Der Nachlaß, der solchen Leuten zuteil wurde, wurde „Ablaß“ genannt. Sobald man nun aber diese genugtuenden Werke (von der Kirche) auf Gott übertrug (vgl. III,4,39) und sie für Ablösungsleistungen erklärte, mit denen sich die Menschen vom Urteil Gottes loskaufen könnten - da hat man auch den Ablaß in der gleichen Richtung gezerrt und von ihm gesagt, er sei ein Sühne-

 

mittel, das uns von den verdienten Strafen freimache! Dabei hat man aber die Gotteslästerungen, von denen ich berichtete, mit solcher Schamlosigkeit erdacht, daß es dafür keine Entschuldigung geben kann.

 

 

 

III,5,6

 

Auch mit ihrem Fegefeuer sollen uns die Römischen keine Beschwernis bereiten; denn das ist mit dem gleichen Beil zerschlagen, zerstört und bis auf den Grund ganz und gar umgestürzt. Es gibt nun Leute, die da meinen, man sollte ihnen in diesem Stück durch die Finger sehen, sollte die Erwähnung des Fegefeuers beiseite lassen, weil aus ihr - wie man dann sagt - scharfe Streitigkeiten erwachsen, aber sehr wenig Erbauung erlangt werden kann. Diesen Leuten kann ich mich nicht anschließen. Freilich würde auch ich anraten, dieses Geschwätz zu übergehen, wenn es nicht so ernste Folgen nach sich zöge. Aber dieses Fegefeuer ist aus vielen Gotteslästerungen errichtet und wird alle Tage mit neuen gestützt, es erregt auch viele und schwere Anstöße, und deshalb kann man hier durchaus keine Schonung walten lassen. Man hätte es immerhin vielleicht eine Zeitlang übersehen können, daß die Lehre vom Fegefeuer ohne Gottes Wort in vorwitziger, kühner Vermessenheit erdacht worden ist, daß man bezüglich des Fegefeuers wer weiß welchen von des Satans Kunst bewirkten „Offenbarungen“ Glauben geschenkt hat, daß man zu ihrer Bekräftigung eine ganze Anzahl von Schriftstellen ganz töricht verdreht hat! Und das, obwohl der Herr es nicht leidet, daß menschliche Vermessenheit solchermaßen in die verborgenen Abgründe seiner Gerichte einbricht, obwohl er es streng verboten hat, unter Geringschätzung seines Wortes von den Toten die Wahrheit zu erforschen (Deut. 18,11), und obwohl er es nicht verstattet, daß man sein Wort so schamlos besudelt! Aber geben wir selbst zu, man hätte all dies eine Zeitlang als nicht sehr belangreiche Sache dulden können, so ist doch solches Schweigen ein sehr gefährlich Ding, sobald die Versöhnung für unsere Sünden anderswo gesucht wird, als im Blute Christi, und die Genugtuung auf jemanden anders übertragen wird! Wir müssen also Stimme und Kehle und Lunge gewaltig anstrengen und es laut ausrufen: das Fegefeuer ist eine verderbenbringende Erdichtung des Satans, es macht das Kreuz Christi eitel, es tut Gottes Barmherzigkeit unerträgliche Schmach an, es erschüttert unseren Glauben und stößt ihn um! Denn was ist nach römischer Lehre das Fegefeuer anders als eine Genugtuung, die die Seelen der Verstorbenen nach ihrem Tode für ihre Sünden leisten müssen? Ist also der Wahn zerstört, wir müßten genugtuende Strafen erleiden, so ist auch das Fegefeuer sogleich bis auf die Wurzel zerstört! Wenn es aber auf Grund unserer vorausgehenden Erörterung mehr als deutlich geworden ist, daß Christi Blut die einzige Genugtuung für die Sünden der Gläubigen ist, die einzige Sühne, die einzige Reinigung - was bleibt dann anders übrig, als daß das Fegefeuer nichts weiter ist als eine furchtbare Lästerung Christi? Dabei lasse ich den vielerlei Frevel beiseite, mit dem man es heutzutage verteidigt, auch die Anstöße, die daraus in der Religion erwachsen und viele andere Dinge, die wir aus einer solchen Quelle der Gottlosigkeit haben bervorbrechen sehen:

 

 

 

III,5,7

 

Es ist aber der Mühe wert, den Römischen die Schriftstellen aus der Hand zu schlagen, die sie hier fälschlich und verkehrt an sich zu reißen pflegen.

a) Zunächst sagen sie: Der Herr erklärt doch mit solchem Ernst, daß die Sünde wider den Heiligen Geist weder in dieser Welt noch in der zukünftigen vergeben werden soll (Matth. 12,32; Mark. 3,28f.; Luk. 12,10). Damit gibt er zugleich zu verstehen, daß es gewisse Sünden gibt, die in der zukünftigen Welt vergeben werden. Aber wer bemerkt denn nicht, daß der Herr hier von der Sündenschuld redet? Wenn es aber so ist, was hat diese Sache dann mit ihrem Fegefeuer zu tun? Denn dort soll man doch nach ihrer Einbildung für die Sünden Strafe erleiden, deren Schuld einem - wie sie selbst nicht leugnen - im gegenwärtigen Leben vergeben ist! Damit sie uns nun aber nicht weiter belästigen, so sollen

 

sie eine noch klarere Widerlegung haben. Der Herr wollte jener lästerlichen Bosheit (nämlich der Sünde wider den Heiligen Geist) jede Hoffnung auf Vergebung abschneiden, und deshalb war es ihm nicht genug, zu erklären, sie werde niemals vergeben werden; nein, um es noch stärker auszusprechen, wandte er eine Teilung an, in die er einerseits das Urteil einbegreift, das schon in diesem Leben jeder Mensch in seinem Gewissen empfindet, anderseits aber auch das letzte Urteil, das bei der Auferstehung öffentlich ergeht. Er will also etwa sagen: Hütet euch vor dem boshaften Widerstreben als vor dem ganz sicheren Verderben! Denn wer sich untersteht, das Licht des Heiligen Geistes, das ihm angeboten ist, mit voller Absicht auszulöschen, der wird weder in diesem Leben, das den Sündern zur Bekehrung gegeben ist, Vergebung erlangen, noch auch am jüngsten Tage, wenn Gottes Engel die Schafe von den Böcken scheiden und das Himmelreich von allen Ärgernissen gereinigt wird!

 

b) Ferner bringen die Römischen ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium vor: „Sei willfährig deinem Widersacher, ... auf daß dich der Widersacher nicht dermaleinst überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen ... Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlest“ (Matth. 5,25f.). Wenn an dieser Stelle unter dem Richter Gott zu verstehen ist, unter dem Widersacher der Teufel, unter dem Diener ein Engel und unter dem Kerker das Fegefeuer - dann will ich mich gern geschlagen geben. Aber es steht doch für jedermann fest, daß Christus hier zeigen will, wieviel Gefahren und Übel sich Menschen bereiten, die hartnäckig das schärfste Recht durchsetzen wollen, statt in Billigkeit und Güte ihre Sache zu betreiben, und daß er dies sagt, um die Seinen möglichst eindringlich zu billiger Eintracht zu ermahnen! Wenn es aber so ist, so möchte ich doch gerne wissen, wo man dann das Fegefeuer finden will!

 

 

 

III,5,8

 

c) Ein weiteres Beweismittel entnehmen die Römischen dem Wort des Paulus, nach dem sich vor Christus beugen sollen „alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“ (Phil. 2,10). Sie nehmen dabei von vornherein als ausgemacht an, daß unter denen, „die unter der Erde sind“, nicht solche verstanden werden könnten, die zur ewigen Verdammnis verurteilt sind. Also bleibt nur die Möglichkeit übrig, daß es die Seelen sind, die sich im Fegefeuer quälen. Das wäre nun keine üble Beweisführung, wenn der Apostel unter dem „Beugen der Knie hier die wahre Verehrung verstünde, wie sie aus Frömmigkeit geschieht. Aber er lehrt doch tatsächlich, daß Christus die Herrschaft übertragen ist, der alle Kreatur unterworfen werden soll. Dann aber hindert uns nichts, unter denen, „die unter der Erde sind“, die Teufel zu verstehen, die ganz gewiß vor den Richterstuhl des Herrn werden treten müssen, um ihn in Schrecken und Zittern als ihren Richter anzuerkennen. Die gleiche Prophetenstelle (auf die er sich auch Phil. 2,10 bezieht, nämlich Jes. 45,23) erläutert Paulus selbst an anderer Stelle ebenso: „Wir werden alle vor den Richtstuhl Christi dargestellt werden; denn es steht geschrieben: so wahr als ich lebe ... mir sollen alle Knie gebeugt werden ...“ (Röm. 14,10f.).

 

Da macht man aber den Einwand, es gäbe eine Stelle aus der Offenbarung des Johannes, die sich in dieser Weise nicht deuten ließe, nämlich: „Und alle Kreatur, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde ist und im Meer, und alles was darinnen ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Apk. 5,13). Das gebe ich ohne weiteres zu; aber was für Kreaturen sind nun nach ihrer Meinung an dieser Stelle aufgezählt? Es ist nämlich gewisser als gewiß, daß hier von den vernunftlosen und unbeseelten Geschöpfen die Rede ist. Es wird hier nichts anderes behauptet, als daß die einzelnen Teile der Welt, von der höchsten Höhe des Himmels bis zum Mittelpunkt der Erde, auf ihre Weise die Ehre des Schöpfers verkünden sollen.

d) Dann bringt man noch eine Stelle aus der Geschichte der Makkabäer vor (2. Makk. 12,43). Aber das würdige ich keiner Entgegnung, um nicht den Eindruck

 

zu erwecken, als ob ich dieses Werk zu den Büchern der Heiligen Schrift zählte. Aber - so wendet man ein - Augustin hat es doch als kanonisch anerkannt! Aber ich frage zunächst: mit was für einer Gewißheit hat er das getan? Er sagt: „Die Schrift der Makkabäer hat bei den Juden nicht die gleiche Stellung wie das Gesetz, die Propheten und die Psalmen, denen der Herr das Zeugnis gegeben hat, sie seien gleichsam seine Zeugen, indem er sprach: ‘Es muß noch alles erfüllt werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz Mose\'s, in den Propheten und in den Psalmen\' (Luk. 24,44). Daß dieses Buch aber von der Kirche angenommen worden ist, das ist nicht ohne Nutzen geschehen, wenn man es besonnen liest oder hört ...“ (Gegen Gaudentius I,31,38). Hieronymus aber lehrt ohne allen Zweifel, daß das Ansehen dieses Buches keine Kraft habe, um daraus Kirchenlehren zu beweisen. Und aus einem alten Buch mit dem Titel „Auslegung des Glaubensbekenntnisses“, das dem Cyprian zugeschrieben wird, geht deutlich hervor, daß das Makkabäerbuch in der Alten Kirche keine Autorität gehabt hat. Was streite ich mich aber hier nutzlos herum! Als ob der Verfasser selber nicht deutlich zeigte, wieviel Ansehen ihm zukommt, indem er am Schlusse um Verzeihung bittet, sofern er etwas weniger gut ausgesprochen hätte (2. Makk. 15,39). Wenn einer aber bekennt, daß seine Schrift der Verzeihung bedarf, dann spricht er doch damit ohne Zweifel laut aus, daß es sich dabei nicht um Offenbarungsworte des Heiligen Geistes handelt! Auch wird die Frömmigkeit des Judas Makkabäus - als er nämlich ein Opfer für die Toten nach Jerusalem sandte - nur deshalb gelobt, weil er eine feste Hoffnung bezüglich der letzten Auferstehung hatte (2. Makk. 12,43). Denn der Verfasser der Geschichte deutet das, was Judas getan hat, nicht darauf, daß er mit seiner Gabe etwa die Erlösung jener Toten erkaufen wollte, sondern darauf, daß er den Wunsch hatte, es möchten die Männer, die für Vaterland und Glauben gefallen waren, mit den übrigen Gläubigen zusammen am ewigen Leben teilhaben! Freilich war diese Tat nicht frei von Aberglauben und falschem Eifer. Mehr als Narren sind aber Leute, die solch einem unter dem Gesetz stehenden Opfer eine Beziehung bis auf unsere Zeit geben wollen: denn wir wissen, daß durch Christi Kommen aufgehört hat, was damals in Übung war.

 

 

 

III,5,9

 

e) Eine unbesiegliche Waffe haben die Römischen aber an Paulus - und die ist nicht so leicht zu zerbrechen. Paulus sagt nämlich: „So aber jemand auf diesen Grund bauet Gold, Silber, edle Steine, Holz, Heu, Stoppeln, so wird eines jeglichen Werk offenbar werden; der Tag wird\'s klar machen; denn er wird durch\'s Feuer offenbar werden, und welcherlei eines jeglichen Werk sei, wird das Feuer bewähren ... Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird selig werden, so doch wie durchs Feuer“ (1. Kor. 3,12. 13. 15). Was soll das nun - so fragen die Römischen - anders für ein Feuer sein als das des Fegefeuers, das die Sündenbefleckung verzehrt, damit wir rein in Gottes Reich eingehen? Die meisten unter den Kirchenvätern haben allerdings angenommen, es sei ein anderes Feuer gemeint, nämlich Trübsal oder Kreuz, durch die der Herr die Seinigen prüft, damit sie in den Befleckungen des Fleisches keine Ruhe finden (so Chrysostomus, Augustin und andere). Diese Ansicht ist viel glaubhafter, als wenn man sich ein Fegefeuer erdenkt! Freilich stimme ich auch diesen Kirchenvätern nicht zu; denn ich glaube eine viel sichere und klarere Deutung dieser Stelle gefunden zu haben.

Bevor ich diese Deutung vorbringe, möchte ich aber wissen, ob die Römischen denn glauben, daß auch die Apostel und alle Heiligen durch dieses Fegefeuer hindurch gemußt hätten. Sie werden das verneinen - das weiß ich wohl. Es wäre ja auch allzu ungereimt, wenn die Männer, deren über das Maß hinausgehende Verdienste nach der Träumerei der Papisten auf sämtliche Glieder der Kirche überströmen, selbst solcher Reinigung bedurft hatten! Der Apostel aber behauptet das! Er sagt nämlich nicht, das Werk einiger Gläubiger solle der Bewährung unterworfen werden, sondern das Werk aller! (Vers 13). Das ist nun nicht ein Beweisstück von mir, sondern es stammt von Augustin, der auf diese Weise jener Deutung der

 

Stelle entgegentritt. Und - was noch merkwürdiger ist! - Paulus sagt nicht, sie müßten wegen irgendwelcher beliebigen Werke durchs Feuer gehen; nein, sie sollen, wenn sie die Kirche mit höchster Treue erbaut haben, ihren Lohn empfangen, wenn lhr Werk im Feuer bewährt ist! (Augustin, Handbüchlein an Laurentius,68.)

 

Zunächst sehen wir, daß der Apostel hier ein Gleichnis braucht: er hat die Lehren, die sich die Menschen in ihrem eigenen Kopfe ausgedacht haben, als „Holz, Heu, Stoppeln“ bezeichnet. Der Sinn dieses Gleichnisses ist unschwer zu ermitteln: wie Holz, wenn man es an das Feuer bringt, sogleich verzehrt wird und vergeht, so werden auch jene (vom Menschen selbst erdachten) Lehren keinen Bestand haben, wenn sie erprobt werden. Nun ist es aber jedermann deutlich, daß eine solche Prüfung vom Geiste Gottes vollzogen wird. Um also den Faden des Gleichnisses weiterzuspinnen und die einzelnen Stücke recht aneinander anzupassen, hat Paulus jene Prüfung durch den Heiligen Geist als „Feuer“ bezeichnet. Denn wie sich Gold und Silber, je näher man sie ans Feuer heranbringt, desto gewisser in ihrer Echtheit und Reinheit bewähren, so empfängt auch die Wahrheit des Herrn, je schärferer geistlicher Prüfung sie unterworfen wird, eine desto klarere Bekräftigung ihrer Autorität. Wie aber andererseits Heu, Holz und Stoppeln, wenn man sie ans Feuer bringt, ergriffen und plötzlich verzehrt werden, so können auch Menschensündlein, die im Worte des Herrn nicht gegründet sind, die Prüfung durch den Heiligen Geist nicht aushalten, sondern sie fallen in sich zusammen und vergehen. Kurz, wenn diese selbsterdachten Lehren mit Holz, Heu und Stoppeln verglichen werden, weil sie gleich Holz, Heu und Stoppeln vom Feuer verbrannt und zunichte gemacht werden, und wenn andererseits solche Zerstörung und Ausrottung dieser Lehren einzig und allein durch den Heiligen Geist erfolgt, - so ergibt sich, daß der Heilige Geist dieses „Feuer“ ist, in welchem sie „bewährt“ werden sollen. Diese Bewährung durch den Heiligen Geist nennt Paulus (Vers 13) den „Tag“ des Herrn, und zwar nach der gewohnten Ausdrucksweise der Schrift. Denn jedesmal, wenn der Herr auf irgendeine Weise den Menschen seine Gegenwart kundtut, so sagt die Schrift, das sei der „Tag des Herrn“. Vornehmlich aber leuchtet uns sein Angesicht dann, wenn seine Wahrheit ihr Licht erstrahlen läßt. Damit ist völlig bewiesen, daß für Paulus das „Feuer“ nichts anderes ist als die Prüfung durch den Heiligen Geist.

 

Wie sollen nun aber durch dieses Feuer die Menschen, die an ihren Werken Schaden leiden müssen, selbst gerettet werden? (Vers 15). Das wird nicht schwer zu begreifen sein, wenn wir bedenken, von was für Menschen der Apostel spricht. Er meint nämlich die Baumeister der Kirche, die wohl den rechten „Grund“ der Kirche (Vers 11 und 12a) beibehalten, auf ihm aber sehr verschiedene Dinge „bauen“; sie weichen also nicht von den hauptsächlichen und notwendigen Stücken des Glaubens ab, sondern verfallen bei geringeren und nicht so gefährlichen in Träumerei, indem sie das Wort Gottes mit ihren eigenen Hirngespinsten vermischen. Solche Leute, sage ich, müssen nun an ihrem Werk Schaden leiden, und zwar dadurch, daß ihre Hirngespinste abgetan werden, „sie selbst aber werden selig, so doch wie durch\'s Feuer“. Das heißt: nicht etwa wird ihre Unwissenheit und Träumerei vor dem Herrn gebilligt, sondern sie werden durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes von ihr gereinigt! All die Leute also, die z.B. die goldene Reinheit des Wortes Gottes mit diesem Kot des Fegefeuers besudelt haben - die müssen an ihrem Werk Schaden leiden!

 

 

 

III,5,10

Aber - so wendet man weiter ein - es handelt sich doch hier um eine althergebrachte Meinung der Kirche. Diese Einrede macht Paulus zunichte, indem er auch seine Zeit mit unter den Satz einbegreift, in welchem er bezeugt, alle Menschen, dic beim Bau der Kirche etwas aufbrächten, das weniger zum Fundament der Kirche paßt, müßten notwendig an ihrem Werk Schaden leiden.

 

Die Widersacher halten mir aber vor, schon vor dreizehnhundert Jahren habe der Brauch bestanden, für die Verstorbenen zu beten. Da frage ich aber zurück, auf Grund welches Wortes Gottes, welcher Offenbarung, welches Beispiels das denn geschehen sei. Denn hier fehlt es nicht nur gänzlich an Zeugnissen aus der Heiligen Schrift, sondern auch alle Vorbilder der Heiligen, von denen man da liest, weisen nichts dergleichen auf. Man findet da wohl viele und mitunter lange Berichte über die Trauerübungen und über die Art des Begräbnisses, aber von einem Gebet für die Verstorbenen ist auch nicht das mindeste zu bemerken. Da die Sache aber von so großer Wichtigkeit ist, so hätte man sie um so mehr erwähnen müssen. Aber selbst die unter den Alten, die wirklich solche Gebete für die Verstorbenen verrichteten, sahen, daß ihnen dabei Gottes Auftrag und ein rechtmäßiges Beispiel fehlte! Weshalb wagten sie es dann aber? Ich behaupte, daß ihnen dabei etwas Menschliches widerfahren ist, und ich bestehe darauf, daß man deshalb aus ihrem Tun keinerlei Beispiel zur Nacheiferung machen darf. Denn die Gläubigen sollen nach der Anweisung des Paulus kein Werk angreifen, wenn sie dabei kein ruhiges Gewissen haben (Röm. 14,23) - und diese Gewißheit ist dann doch vornehmlich beim Gebet erforderlich. Man könnte allerdings sagen: es ist doch anzunehmen, daß sie durch eine bestimmte Ursache dazu getrieben worden sind. Ja, sie suchten eben einen Trost, um ihren Schmerz zu lindern, und es erschien ihnen auch unmenschlich, vor Gott keinerlei Zeugnis von ihrer Liebe zu den Verstorbenen von sich zu geben. Wie sehr die Natur des Menschen zu solcher Gesinnung geneigt ist, das erfährt ja jedermann.

 

Auch gab es (damals) eine allgemeine Gewohnheit, die wie eine Fackel das Feuer in vielen Herzen angezündet hat! Wir wissen, daß man bei allen Völkern und zu allen Zeiten den Toten Opfergaben gereicht und daß man ihre Seelen alle Jahre gereinigt hat. Obwohl aber der Teufel durch dergleichen Blendwerk mit den törichten Menschen sein Spiel trieb, so nahm er doch den Anlaß zu diesem Betrug aus einem richtigen Grundsalz, nämlich aus der Einsicht, daß der Tod nicht Vergehen ist, sondern der Übergang aus diesem Leben in ein anderes. Und ohne allen Zweifel wird dieser Aberglaube selbst die Heiden vor Gottes Richtstuhl als schuldig überführen, weil sie die Sorge um dieses ewige Leben, an das sie zu glauben bekannten, vernachlässigt haben! Die Christen wollten nun aber nicht schlimmer sein als unheilige Menschen, und deshalb schämten sie sich, den Verstorbenen keinerlei Dienst zu erweisen - als ob sie gänzlich ausgelöscht wären! Daher kommt denn diese übelberatene Geschäftigkeit: die Christen meinten, wenn sie faul darin wären, für ein feierliches Leichenbegängnis zu sorgen, Totenmähler und Totenopfer zu halten, so würden sie sich schweren Vorwürfen aussetzen. Was aber aus diesem verkehrten Wetteifer (mit den Heiden) hervorgegangen war, das hat dann immer neuen Zuwachs erhalten und ist so sehr gesteigert worden, daß im Papsttum die vornehmste Heiligkeit darin besteht, den Verstorbenen in ihrer Pein Hilfe zu bringen. Die Schrift aber schenkt uns doch einen anderen, weit besseren und stärkeren Trost, indem sie uns bezeugt: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ (Apk. 14,13). Sie fügt auch den Grund gleich zu: „Denn sie ruhen von ihrer Arbeit.“ Unserer Liebe aber dürfen wir nicht soweit nachgeben, daß wir dabei in der Kirche eine verkehrte Gebetssitte aufrichten!

Wer auch nur ein wenig Kenntnis der Dinge besitzt, der wird sicher leicht erkennen, daß alles, was man bei den Alten in dieser Sache zu lesen bekommt, der allgemeinen Sitte und der Unerfahrenheit der Menge zugegeben worden ist. Ich gestehe, daß sie auch selber in diesen Irrtum mit hineingerissen waren, wie denn unbesonnene Leichtgläubigkeit allgemein den Menschengeist um seine Urteilsfähigkeit zu bringen pflegt. Unter wieviel Zweifeln sie indessen die Gebete für die Verstorbenen empfehlen, das zeigt sich, wenn man ihre Äußerungen liest. In seinen „Bekenntnissen“ berichtet Augustin, daß seine Mutter Monika leidenschaftlich darum gebeten habe, man möge ihrer am Altar bei der Feier des heiligen Mahles gedenken. Das war ein Wunsch, wie man ihn bei einer alten Frau wohl erwarten kann. Ihr Sohn hat ihn nun

 

aber nicht an dem Maßstab der Schrift gemessen, sondern aus natürlicher Hinneigung zu seiner Mutter gewünscht, die anderen möchten ihn billigen! Das Buch: „von der Fürsorge für die Toten“, das er geschrieben hat, enthält dermaßen viele Unsicherheiten, daß es mit seiner Kälte mit Recht die Hitze eines törichten Eifers auslöschen sollte, sofern jemand ein Anwalt der Toten zu sein begehrt; es wird sicherlich mit seinen abgeschmackten Vermutungen die Menschen, die zuvor besorgt waren, von ihrer Besorgnis befreien! Seine einzige Stütze ist nämlich diese: da die Gewohnheit, für die Toten zu beten, nun einmal aufgekommen sei, so dürfe man diese Pflicht nicht verachten.

 

Ich will aber zugestehen, daß es den alten Schriftstellern der Kirche fromm erschienen ist, den Toten Beistand zu leisten. Aber es ist doch als untrügliche Regel stets festzuhalten, daß wir nicht das Recht haben, in unseren Gebeten etwas Eigenes vorzubringen, sondern daß unsere Wünsche dem Worte Gottes unterworfen werden müssen; denn bei seinem Urteil steht es, vorzuschreiben, um was er gebeten werden soll! Nun gibt uns aber das ganze Gesetz und das ganze Evangelium nicht mit einer einzigen Silbe die Freiheit an die Hand, für die Toten zu beten, und deshalb bedeutet es eine Entweihung der Anrufung Gottes, wenn wir uns hier mehr zu tun unterstehen, als er uns vorschreibt!

 

Damit sich aber unsere Widersacher nicht rühmen, als ob sie sich mit ihrem Irrtum in der Gesellschaft der Alten Kirche befänden, so behaupte ich, daß da doch ein großer Unterschied besteht. Die Alten gedachten der Verstorbenen, um nicht den Eindruck zu erwecken, als hätten sie alle Sorge um sie von sich geworfen; zugleich aber gestanden sie ein, daß sie im Zweifel waren, wie es um die Toten stünde; jedenfalls stellten sie über das Fegefeuer keine sicheren Behauptungen auf, ja, sie hielten es für eine ungewisse Sache. Unsere heutigen Widersacher dagegen verlangen, daß man ihre Träumereien vom Fegefeuer ohne Widerrede als Glaubenslehre gelten läßt! Die Alten befahlen Gott bei der gemeinsamen Feier des heiligen Mahles ihre Toten, und zwar wortkarg und nur, um ihrer Pflicht nachzukommen. Unsere Widersacher dagegen dringen heftig auf die Fürsorge für die Toten und bewirken mit ihrer ungestümen Predigt, daß man diese allem Dienst der Liebe vorzieht.

 

Es wäre uns aber auch nicht schwer, einige Zeugnisse von Kirchenvätern vorzubringen, die all diese Gebete für die Toten, wie sie damals in Übung waren, offen verwerfen. Von dieser Art ist ein Ausspruch Augustins: er lehrt, daß alle auf die Auferstehung des Fleisches und die ewige Herrlichkeit warten, daß aber die Ruhe, die nach dem Tode folgt, von jedem, der ihrer würdig ist, in dem Augenblick seines Todes empfangen wird. Er bezeugt also, daß alle Frommen nicht weniger als die Propheten und Apostel und Märtyrer gleich nach ihrem Tode selige Ruhe genießen (Predigten zum Johannesevangelium, 49). Wenn es aber so um sie bestellt ist, so möchte ich doch nur zu gern wissen, wozu ihnen dann unsere Fürbitte noch nütze sein soll!

 

Gröbere abergläubische Irrtümer, mit denen die Papisten die Herzen einfältiger Leute betört haben, lasse ich hier beiseite; sie sind aber unzählbar und zumeist ganz ungeheuerlich, so daß sie sie mit keiner ehrbaren Farbe beschönigen können. Auch will ich von dem schnöden Schacher schweigen, den sie bei solcher Betörtheit der Welt nach ihrem Gelüsten haben treiben können. Man kann nämlich da an kein Ende kommen, und der fromme Leser wird hier auch ohne die Aufzählung solcher Dinge genug finden, um sein Gewissen zu stärken!

 

Sechstes Kapitel

 

 

 

Von dem Leben eines Christenmenschen; vor allem mit welchen Gründen uns die Schrift dazu ermahnt

 

 

 

III,6,1

 

Im Leben der Gläubigen soll ein Gleichklang, ein Zusammenstimmen zwischen Gottes Gerechtigkeit und ihrem eigenen Gehorsam stattfinden. Das ist der eigentliche Zweck der Wiedergeburt, wie ich bereits zeigte. Auf diese Weise sollen die Gläubigen die Berufung festmachen (Ausdruck nach 2. Petr. 1,10), mit der sie zu Kindern Gottes angenommen sind.

 

Nun faßt zwar Gottes Gesetz jene Erneuerung, durch die Gottes Ebenbild in uns wiederhergestellt wird, in sich; aber wir haben in unserer Trägheit viel Ansporn und Hilfe nötig, und so wird es von Nutzen sein, aus den verschiedenen Schriftstellen die rechte Weise zu entnehmen, wie wir unser Leben einrichten sollen, damit die, denen es mit ihrer Bekehrung Ernst ist, in ihrem Eifer nicht auf Irrwege geraten.

 

Wenn ich mich nun aber anschicke, das Leben eines Christenmenschen darzustellen, so bin ich mir voll und ganz bewußt, damit einen sehr vielgestaltigen und schwierigen Stoff anzugreifen, der in seiner Umfänglichkeit einen dicken Band füllen könnte, wenn man ihn erschöpfend behandeln wollte. Wir sehen ja auch, wie weitläufig die Mahnreden der Alten auseinanderfließen, wenn sie sich (auch) nur auf die einzelnen Tugenden beziehen. Dabei herrscht aber keineswegs ein übertriebener Wortreichtum. Es ist eben so: wenn man sich vorgenommen hat, irgendeine Tugend in einer Rede recht zu preisen, dann drängt die Fülle des Stoffes von selbst zu einer solchen Breite des Stils hin, daß man meint, man hätte seine Sache nicht nach Gebühr dargestellt, wenn man nicht viel gesagt hätte! Ich habe nun aber nicht die Absicht, die Lebensunterweisung, die ich jetzt vorzutragen im Sinn habe, soweit auszudehnen, daß sie auch noch die gesonderte Behandlung der einzelnen Tugenden mit einschlösse und auch ausgedehnte Ermahnungen dazu enthielte. Das kann man aus den Schriften anderer, vor allem aus den Predigten der Kirchenväter entnehmen. Mir soll es übrig genug sein, wenn ich den Weg zeige, auf dem ein frommer Mann zum rechten Ausrichtungspunkt für die Gestaltung seines Lebens geführt werden kann, und wenn ich eine allgemeine Regel kurz umschreibe, nach der er seine Verpflichtungen recht feststellen kann. Für große Reden wird vielleicht später einmal die Zeit kommen - oder ich will diese Aufgabe, zu der ich nicht eben geschickt bin, anderen überlassen! Ich liebe von Natur die Kürze; und wenn ich auch weitläufiger reden wollte, so würde es mir vielleicht nicht gelingen. Selbst wenn eine wortreichere Art zu reden höchsten Beifall fände, so würde ich sie trotzdem schwerlich versuchen. Die Aufgabe des hier vorliegenden Werkes dagegen erfordert es geradezu, daß wir die schlichte Lehre mit möglichster Kürze umreißen.

 

Wie aber die Philosophen bestimmte Grenzen für Recht und Ehrbarkeit kennen und von da her alle einzelnen Pflichten und die ganze Schar der Tugenden ableiten, - so hat auch die Schrift in dieser Hinsicht ihre Ordnung, ja, sie läßt die herrlichste Einteilung walten, die viel sicherer ist als alles, was die Philosophen hier bieten. Es besteht nur ein Unterschied: die Philosophen waren ehrgeizige Leute und haben sich deshalb mit großem Fleiß um eine ausgesuchte Klarheit der Anordnung bemüht, um auf diese Weise die Gewandtheit ihres Geistes an den Tag zu legen; der Heilige Geist dagegen trieb sein Lehramt ohne Künstelei, und deshalb hat er die geordnete Darstellungsweise nicht so scharf und unentwegt innegehalten. Aber da und dort bringt er sie doch und gibt uns damit genugsam zu verstehen, daß wir sie nicht vernachlässigen dürfen.

 

III,6,2

 

Diese Unterweisung, die uns die Schrift gibt und von der hier die Rede ist, besteht nun vor allem in zwei Stücken. Das erste liegt darin, daß die Liebe zur Gerechtigkeit, zu der wir sonst von Natur keineswegs geneigt sind, in unser Herz hineingeträufelt und eingeführt wird. Das zweite Stück hat sein Wesen darin, daß uns ein Richtmaß vorgeschrieben werden soll, das uns in unserem Trachten nach der Gerechtigkeit nicht vom Wege abirren läßt.

 

Dann hat die Schrift viele und ausgezeichnete Ursachen, um die Gerechtigkeit recht anzupreisen; viele von ihnen haben wir schon oben an verschiedenen Stellen erwähnt, einige weitere werden wir hier noch zu berühren haben, von welchem Fundament sollte sie besser den Ausgangspunkt nehmen können, als von der Ermahnung: „Ihr sollt heilig sein; denn der Herr, euer Gott, ist heilig“? (Lev. 19,2; 1. Petr. 1,15f.). Wir liefen ja alle in der Irre wie versprengte Schafe, wir hatten uns heillos in dem Irrgarten dieser Welt verlaufen - und da hat er uns gesammelt, um uns zu seiner Herde zu machen! Wenn wir unsere Verbundenheit mit Gott erwähnen hören, dann sollen wir immer daran denken, daß die Heiligkeit das Band sein muß, durch welches sie besteht. Das bedeutet nicht, daß wir etwa durch das Verdienst unserer Heiligkeit in die Gemeinschaft mit Gott gelangten. Wir müssen im Gegenteil zuerst ihm anhängen, damit uns seine Heiligkeit durchdringe und wir dann folgen, wohin er uns ruft! Aber jener obige Satz gilt doch, weil es gar sehr zu Gottes Ehre gehört, daß er keinen Umgang mit Ungerechtigkeit und Unreinheit habe! Darum liegt nach der Lehre der Schrift hier der Sinn unserer Berufung, den wir stets im Auge behalten müssen, wenn wir Gott auf sein Rufen antworten wollen: (Jes. 35, 8 u. a.). Was sollte es auch für einen Zweck haben, uns aus der Bosheit und Befleckung dieser Welt, in die wir gänzlich versunken waren, herauszureißen, wenn wir uns nun erlauben wollten, uns in jener Bosheit und Befleckung unser ganzes Leben lang herumzuwälzen? Auch mahnt uns die Heilige Schrift zugleich daran, daß wir ja, um zum Volke des Herrn gezählt zu werden, in der heiligen Stadt Jerusalem wohnen müssen; diese Stadt aber hat sich der Herr selber geheiligt, und deshalb gebührt sich\'s nicht, daß sie durch die Unreinheit ihrer Bewohner entweiht werde! Daher solche Worte wie: „Wer wird wohnen in deiner Hütte? ... Wer ohne Tadel einhergeht und recht tut ...“ (Ps 15,1f.; Psalm 24 und andere Stellen). Denn das Heiligtum, in dem er seine Wohnung hat, darf nicht voll Unreinigkeit sein wie ein Viehstall!

 

 

 

III,6,3

Um uns noch besser aufzumuntern, hält uns dann die Schrift weiterhin vor Augen: wie Gott, unser Vater, sich in seinem Christus selber mit uns versöhnt hat, so hat er uns auch in ihm das Ebenbild vorgezeichnet, nach dem wir nach seinem Willen gestaltet werden sollen (Röm. 6,18). Nun sollen doch die Leute, die da meinen, allein bei den Philosophen trete uns die Lehre von den guten Sitten recht und sinnreich angeordnet entgegen, einmal herkommen und mir bei den Philosophen eine herrlichere Anordnung aufzeigen! Wenn uns die Philosophen eine ganz ausgezeichnete Ermahnung zur Tugend geben wollen, dann tragen sie uns doch nichts anderes als den Satz vor, wir sollten der Natur gemäß leben. Die Schrift dagegen schöpft ihre Ermahnungen aus der wahren Quelle: sie gibt uns nicht allein die Vorschrift, unser Leben auf Gott zu richten, der sein Geber ist und dem es verpflichtet ist, sondern sie lehrt uns auch, daß wir dem wahren Ursprung und dem wahren Gesetz unserer Erschaffung gegenüber entartet sind, und setzt dann hinzu, daß uns Christus, durch den wir bei Gott wieder in Gnaden angenommen sind, als Beispiel vor Augen gestellt ist, dessen Gestalt wir in unserem Leben zur Abbildung bringen müssen. Was kann man Wirksameres suchen als dies Eine? Ja, was kann man überhaupt über dies Eine hinaus noch suchen? Wir werden also dazu vom Herrn zu Kindern angenommen, daß unser Leben Christus, das Band unserer Kindschaft, zur Darstellung bringe! Wenn wir uns nun also nicht der Gerechtigkeit

 

hingeben und angeloben, dann fallen wir nicht bloß in schnöder Treulosigkeit von unserem Schöpfer ab, sondern wir verleugnen auch unseren Erlöser.

 

Einen weiteren Anlaß zu ihrer Ermahnung entnimmt die Schrift all den Wohltaten Gottes, die sie uns ins Gedächtnis ruft, und all den einzelnen Tatsachen, die unser Heil ausmachen. Da sich uns Gott, so lehrt sie uns, als unser Vater erzeigt hat, würden wir den Vorwurf schrecklichsten Undanks auf uns ziehen, wenn wir uns ihm nicht wiederum als Kinder erzeigten! (Mal. 1,6; Eph. 5,1; 1. Joh. 3,1). Da uns Christus mit seinem Blute gereinigt hat und uns diese Abwaschung durch die Taufe hat zuteil werden lassen, geht es nicht an, daß wir uns mit neuem Schmutz beflecken! (Eph. 5,26; Hebr. 10,10; 1. Kor. 6,11; 1. Petr. 1,16; 1. Petr. 1,19). Da uns Christus in seinen Leib eingefügt hat, müssen wir, die wir seine Glieder sind, uns sorglich davor hüten, uns mit Makel und Unreinigkeit zu besudeln! (1. Kor. 6,15; Joh. 15,3ff.; Eph. 5,23ff.). Da er, unser Haupt, zum Himmel emporgestiegen ist, ist es billig, daß wir allen Erdensinn von uns tun und von ganzem Herzen nach dem Himmel trachten! (Kol. 3,1ff.). Da uns der Heilige Geist Gott zu Tempeln geweiht hat, müssen wir uns Mühe geben, daß Gottes Ehre durch uns verherrlicht werde, und wir dürfen es nicht dahin kommen lassen, daß wir durch den Unflat der Sünde entheiligt werden! (1. Kor. 3,16; 6,19; 2. Kor. 6,16). Da unsere Seele und unser Leib für die himmlische Unverwesbarkeit und einen unverwelklichen Kranz bestimmt sind, müssen wir alles daransetzen, daß sie rein und untadelig behalten werden auf den Tag des Herrn! (1. Thess. 5,23; Anklang an Phil. 1,10). Das sind wahrhaftig treffliche Fundamente zur rechten Gestaltung unseres Lebens, dergleichen man bei den Philosophen nie und nimmer antreffen wird; denn wenn diese die Tugend preisen wollen, so kommen sie doch nie über die natürliche Würde des Menschen hinaus!

 

 

 

III,6,4

Hier ist nun der Ort, an dem ich mich mit aller Schärfe gegen solche Leute wenden muß, die mit Christus nur dem Titel und dem Zeichen nach zu tun haben und doch Christen genannt werden wollen. Mit was für Frechheit rühmen sie sich denn seines heiligen Namens? Mit Christus haben doch nur die etwas zu schaffen, die aus dem Worte des Evangeliums seine rechte Erkenntnis empfangen haben. Nach den Worten des Apostels aber haben alle die Menschen Christus nicht recht kennengelernt, die nicht gelehrt sind, „den alten Menschen“ abzulegen, „der durch die Lüste im Irrtum sich verderbet“, und Christus „anzuziehen“ (Eph. 4,22-24). Solche Leute verraten also, daß sie die Erkenntnis Christi fälschlich und unter Beleidigung des Herrn für sich in Anspruch nehmen - wie wohlgesetzt und geläufig sie auch unterdessen vom Evangelium schwatzen mögen! Denn dies ist nicht eine Zungenlehre, sondern eine Lebenslehre, es wird nicht allein mit Verstand und Gedächtnis begriffen wie die anderen Wissenschaften, sondern der Mensch nimmt es erst dann recht in sich auf, wenn es seine ganze Seele in Besitz nimmt und in der tiefsten Regung des Herzens seinen Sitz und seine Herberge findet! Jene Leute sollen also davon ablassen, Gott zu verlästern und etwas für sich in Anspruch zu nehmen, was sie doch gar nicht sind - oder aber sie sollen sich Christus, ihrem Meister, als Jünger erweisen, die seiner nicht unwert sind! Wir haben der Lehre, in der unsere Gottesverehrung beschlossen ist, den ersten Platz gegeben; denn von ihr geht unser Heil aus; aber diese Lehre muß, wenn sie uns anders Frucht tragen soll, in unser Herz tief eingesenkt werden und in unsere Lebensführung eindringen, ja, sie muß uns in sich hineinbilden! Schon die Philosophen tun recht daran, wenn sie gegen solche Leute aufbrausen und sie mit Schmach und Schande aus ihrer Herde entfernen, die zwar jene „Kunst“ lehren, die doch „die Meisterin des Lebens“ sein soll, sie aber dann in ein scheinkluges Geschwätz verkehren! Mit wieviel besseren Gründen müssen wir dann jene geschwätzigen Klüglinge verabscheuen, die sich damit begnügen, das Evangelium ganz vorn auf den Lippen zu tragen - dessen Wirkung doch hundertmal stärker als alle

 

frostigen Mahnreden der Philosophen in die tiefsten Regungen des Herzens dringen, in der Seele einwurzeln und den ganzen Menschen innerlich erfassen sollte!

 

 

 

III,6,5

 

Indessen verlange ich nicht, daß die Lebensführung eines Christenmenschen nichts als das vollkommene Evangelium atme - obwohl das zu wünschen ist und wir uns notwendig darum mühen müssen. Ich stelle die Forderung nach der „evangelischen Vollkommenheit“ (Evangelica perfectio) nicht mit solcher Härte, daß ich einen Menschen, der sie noch nicht erreicht hat, deshalb nicht als Christen anerkennen würde. Denn in solchem Falle würden ja alle Menschen von der Kirche ausgeschlossen; ist doch kein einziger zu finden, der von jenem Ziel nicht noch gar weit entfernt wäre; viele aber sind noch recht wenig vorwärtsgekommen, und doch hätten sie es nicht verdient, daß man sie ausschlösse.

 

Was soll nun aber geschehen? Wir sollen uns jenes Ziel vor Augen stellen und nach ihm allein unser Trachten richten. Es soll uns jenes Zielzeichen gesetzt sein, nach dem all unsere Anspannung, all unser Rennen sich ausrichten soll! Es gebührt sich nämlich nicht, zwischen Gott und dem Menschen in der Weise zu teilen, daß man von dem, was er uns in seinem Worte vorschreibt, einen Teil annimmt, einen anderen aber nach eigenem Ermessen beiseiteläßt. Denn er befiehlt uns überall an erster Stelle die Rechtschaffenheit als das vornehmste Stück seiner Verehrung; darunter versteht er die aufrichtige Einfalt des Herzens, der aller falsche Schein und alle Heuchelei fern ist; der Gegensatz dazu ist das geteilte Herz. Er will also sagen: der geistliche Anfang rechten Lebens liegt darin, daß wir uns ohne Heuchelei mit der inneren Regung unseres Herzens Gott hingeben, um der Heiligkeit und Gerechtigkeit zu dienen.

 

Es hat aber kein Mensch in diesem irdischen Kerker des Leibes Kraft genug, um mit rechter Freudigkeit seinen Lauf dahinzueilen, ja, die meisten leiden unter solcher Schwachheit, daß sie nur wankend und hinkend, ja auf dem Boden kriechend, bescheiden vorankommen. So sollen wir denn alle nach dem Maß unserer kleinen Kraft unseren Gang tun und den angefangenen Weg fortsetzen! Niemandes Weg wird so unglücklich sein, daß er nicht alle Tage ein Stücklein hinter sich bringen könnte. Wir wollen aber nicht aufhören, danach zu streben, daß wir auf dem Wege des Herrn beständig etwas weiterkommen, wollen auch bei der Geringfügigkeit des Fortschrittes nicht den Mut sinken lassen. Mag auch das Weiterschreiten unseren Wünschen nicht entsprechen, so ist doch die Mühe nicht verloren, wenn nur der heutige Tag über den gestrigen Sieger bleibt. Wir wollen nur in aufrichtiger Einfalt auf unser Ziel schauen und nach dem Zielzeichen uns ausstrecken, wir wollen nicht schmeichlerisch an uns selber Gefallen haben, auch unserer bösen Art nicht nachgeben, sondern in unablässiger Mühe danach ringen, besser zu werden, als wir waren, bis wir dann endlich zur Güte selber hindurchgedrungen sind: sie suchen wir, ihr jagen wir nach durch die ganze Zeit unseres Lebens - dann aber werden wir sie erreichen, wenn wir die Schwachheit unseres Fleisches von uns getan haben und in die vollkommene Gemeinschaft mit Gott aufgenommen sind!

Siebentes Kapitel

 

 

 

Die Hauptsumme des christlichen Lebens; hier ist von der Selbstverleugnung zu reden

 

 

 

III,7,1

 

Das Gesetz des Herrn bietet uns gewiß eine großartige und trefflichst geordnete Anleitung zur Gestaltung unseres Lebens. Doch hat es unserem himmlischen Meister Wohlgefallen, die Seinen noch auf eine genauere Weise nach der Regel zu bilden, die er im Gesetz vorgeschrieben hatte. Der Hauptgrundsatz dieser Erziehungsweise ist der: die Gläubigen haben das Amt, „ihre Leiber zu begeben zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei - welches sei ihr vernünftiger Gottesdienst!“ (nach Röm. 12,1). Aus diesem Satz entnimmt Paulus Ursache zu der Ermahnung: „Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der Wille Gottes!“ (Röm. 12,2; Schluß etwas ungenau). Das ist nun eine große Sache, daß wir dem Herrn geheiligt und geweiht sind - um nun in unserem Denken, Reden, Trachten und Handeln nichts anderes zu tun, als was zu seiner Ehre dient! Denn das, was Gott heilig ist, zu unheiligem Gebrauch zu bestimmen, das bedeuter entsetzliches Unrecht gegen ihn!

 

Sind wir nun aber nicht unsere eigenen Herren, sondern gehören wir dem Herrn - so wird sofort klar, welchen Irrtum wir zu meiden haben und worauf alle unsere Werke in unserem ganzen Leben zu richten sind.

 

Wir sind nicht unsere eigenen Herren - also darf bei unseren Plänen und Taten weder unsere Vernunft noch unser Wille die Herrschaft führen. Wir sind nicht unsere eigenen Herren - also dürfen wir uns nicht das Ziel setzen, danach zu suchen, was uns nach dem Fleische nütze! Wir sind nicht unsere eigenen Herren - also sollen wir uns und alles, was wir haben, soweit irgend möglich, vergessen!

 

Auf der anderen Seite: Wir sind Gottes Eigentum - also sollen wir ihm leben und ihm sterben! Wir sind Gottes Eigentum - also muß seine Weisheit und sein Wille bei all unserem Tun die Führung haben! Wir sind Gottes Eigentum - also muß unser Leben in allen seinen Stücken allein zu ihm als dem einzigen rechtmäßigen Ziel hinstreben! (Röm. 14, 8). Wie weit ist der schon fortgeschritten, der erkannt hat, daß er nicht sein eigener Herr ist - und der deshalb seiner eigenen Vernunft Herrschaft und Regiment entzogen hat, um sie Gott allein zu überantworten! Denn die schädlichste Pestilenz, die die Menschen nur zugrunderichten kann, herrscht da, wo der Mensch sich selber gehorcht - und der einzige Hafen des Heils liegt dementsprechend darin, daß wir von uns aus nichts denken, von uns aus nichts wollen, sondern einzig dem Herrn folgen, wie er uns vorangeht!

 

Der erste Schritt soll also darin bestehen, daß der Mensch von sich selber abscheidet, um alle Kraft seines Geistes daran zu setzen, dem Herrn zu Willen zu sein. Unter solcher Dienstschaft verstehe ich nicht nur die, welche im Gehorsam gegen das Wort beruht - sondern jene, bei der sich das Herz des Menschen, leer von allem eigenen, fleischlichen Sinn, ganz zu dem Willen des Geistes Gottes bekehrt. Diese Umwandlung, die Paulus auch „Erneuerung (im Geiste) des Gemüts“ nennt (Eph. 4,23), ist den Philosophen sämtlich unbekannt gewesen, obwohl sie doch der erste Schritt ins Leben hinein ist. Sie setzen allein die Vernunft als Meisterin über den Menschen ein, sind der Meinung, man solle allein auf diese hören, ja, sie übertragen und verstatten ihr allein die Herrschaft über die Sitten. Die christliche Weisheit (Cnristiana pnilosopnia) dagegen läßt die Vernunft weichen, gibt ihr auf, sich dem Heiligen Geiste zu unterwerfen, unter sein Joch zu treten, damit der Mensch fürderhin nicht selber lebt, sondern Christus als den in sich trage, der da lebt und regiert! (Gal. 2,20).

 

III,7,2

 

Hieraus folgt nun auch das Zweite: Wir sollen nicht suchen, was unser ist, sondern was aus des Herrn Willen kommt und zur Mehrung seines Ruhms geschieht. Auch das ist ein großer Fortschritt, wenn wir uns selber schier vergessen, jedenfalls alle Rücksichtnahme auf uns hintanstellen und uns anstrengen, all unseren Eifer getreulich auf Gott und seine Befehle zu richten. Wenn uns nämlich die Schrift die Weisung gibt, die private Rücksicht auf uns selber aufzugeben, so tilgt sie damit nicht allein die Habgier, die Machtsucht und das Streben nach Gunst bei den Menschen aus unseren Herzen - nein, sie entwurzelt auch die Ehrsucht, alles Hängen am menschlichen Ruhm und andere, verborgenere Pestilenz dieser Art! Der Christenmensch muß wahrlich so beschaffen und so zubereitet sein, daß er bedenkt: ich habe es in meinem ganzen Leben mit Gott zu tun. Aus diesem Grunde wird er all sein Tun und Lassen nach Gottes Urteil und Ermessen richten; ebenso wird er auch alles Streben seines Herzens fromm auf ihn lenken. Denn wer es gelernt hat, bei allem, was er auszurichten hat, auf Gott zu schauen, der wird dadurch zugleich von allen unnützen Gedanken abgewendet. Dies ist die Selbstverleugnung, die Christus mit solchem Nachdruck allen seinen Jüngern von ihrer ersten Lehrzeit an aufträgt. Hat diese Selbstverleugnung einmal unser Herz ergriffen, so läßt sie zunächst der Hoffart, der Aufgeblasenheit, der Prahlerei, dann aber auch dem Geiz, der Gier, der Ausschweifung, der weichlichen Wollust und all dem anderen, was aus unserer Selbstliebe entsteht, keinen Raum mehr. Wo sie dagegen nicht das Regiment führt, da verbreiten sich schamlos selbst die gemeinsten Laster - oder aber es wird zwar ein Schein der Tugend sichtbar, er ist aber durch böse Ruhmsucht verdorben. Man zeige mir doch, wenn man kann, einen Menschen, der anderen umsonst Gutes tun wollte - ohne sich nach dem Gebot des Herrn selbst verleugnet zu haben! Denn wer von dieser Gesinnung nicht beherrscht wird, der hat zum wenigsten das Lob im Auge, wenn er den Weg der Tugend geht! Gewiß hat es Philosophen gegeben, die behaupteten, man müsse nach der Tugend um ihrer selbst willen streben - aber die, welche das am schärfsten betont haben, die waren von derartiger Anmaßung aufgeblasen, daß es ganz deutlich wird: sie haben bei ihrem Streben nach der Tugend gar nichts anderes im Auge gehabt, als einen Grund für ihre Hoffart zu gewinnen. Gott aber hat kein Gefallen an solchen Haschern nach öffentlicher Gunst und solchen aufgeblasenen Menschen - nein, er gibt uns kund, daß sie schon in dieser Welt „ihren Lohn dahin haben“ (Matth. 6,2. 5. 16), daß die Huren und Zöllner dem Himmelreich näher sind als sie! (Matth. 21,31). Dabei habe ich aber noch gar nicht deutlich gezeigt, wie viele und wie große Hemmungen den Menschen am Eifer um das Rechte hindern, solange er sich noch nicht selbst verleugnet hat. Es ist wahr, was man einst gesagt hat: in der Menschenseele sei eine Welt von Lastern verborgen. Da läßt sich kein anderes Heilmittel finden als dies, daß du dich selbst verleugnest, die Rücksicht auf dich selber beiseiteschiebst und deinen Sinn einzig danach streben lässest, das zu suchen, was der Herr von dir fordert, und allein darum danach zu suchen, weil es ihm wohlgefällt.

 

 

 

III,7,3

Paulus beschreibt noch an anderer Stelle, freilich kurz, ein recht gestaltetes Leben in seinen einzelnen Teilen. „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und züchtigt uns, daß wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes, Jesu Christi, der sich selbst für uns gegeben hat, auf daß er uns erlösete von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das fleißig wäre zu guten Werken“ (Tit. 2,11-14). Er stellt uns nämlich hier zunächst zu unserer Ermunterung die Gnade Gottes vor Augen und bahnt uns damit den Weg, Gott wahrhaft zu dienen; dann aber behebt er zwei Hindernisse, die uns am meisten hemmen, nämlich das „ungöttliche Wesen“, zu dem wir von Natur nur

 

allzu geneigt sind, und dann die „weltlichen Lüste“, welche sich (noch) viel weiter erstrecken. Unter „ungöttlichem Wesen“ versteht er dabei nicht allein den Aberglauben, sondern er faßt darunter auch alles das zusammen, was mit der ernstlichen Furcht Gottes im Widerspruch steht. Die „weltlichen Lüste“ aber bedeuten soviel wie die Regungen des Fleisches. Wir sollen also nach dem Geheiß des Apostels hinsichtlich beider Tafeln des Gesetzes unsere eigene Art von uns legen und alles, was uns die Vernunft und der eigene Wille diktiert, verleugnen! Alle Lebensgeschehnisse faßt er dann in drei Stücken zusammen: Züchtigkeit, Gerechtigkeit und Gottseligkeit (Vers 12). „Züchtigkeit“ bedeutet dabei ohne Zweifel Keuschheit und Mäßigkeit, zugleich aber auch den reinen und besonnenen Genuß der zeitlichen Güter und das geduldige Ertragen des Mangels. Die „Gerechtigkeit“ umfaßt alle Pflichten der Billigkeit: es soll also jeder empfangen, was ihm zukommt. Dann folgt die „Gottseligkeit“, die uns von den Befleckungen der Welt absondert und uns in wahrer Heiligkeit mit Gott eint. Wo diese drei miteinander unauflöslich verbunden sind, da bewirken sie eine rechte Vollkommenheit. Indessen ist ja nichts so schwer, als der Vernunft des Fleisches den Abschied zu geben, die Begierden zu dämpfen, ja, zu verleugnen - und uns so Gott und unseren Brüdern zu weihen und mitten in dem Schmutz der Erde nach einem engelreinen Leben zu trachten. Darum will Paulus unser Herz aus allen Fesseln losmachen und ruft uns deshalb zur Hoffnung auf die selige Unsterblichkeit zurück. Er erinnert uns daran, daß wir ja nicht vergebens streiten: denn wie Christus einmal als unser Erlöser erschienen ist, so wird er auch bei seinem letzten Kommen die Frucht des Heils, das er uns erworben hat, an den Tag bringen. So macht er alle Lockungen zunichte, die uns umnebeln, so daß wir nicht gebührlich nach der himmlischen Herrlichkeit streben, ja, er lehrt uns, daß wir in der Welt als Fremdlinge wandern müssen, damit uns das himmlische Erbe nicht verlorengeht oder entfällt.

 

 

 

III,7,4

 

Aus diesen Worten des Apostels ersehen wir weiter, daß unsere Selbstverleugnung zum Teil auf die Menschen, zum Teil auch - und zwar vornehmlich - auf Gott gerichtet ist.

Wenn uns die Schrift nämlich für den Umgang mit den Menschen die Weisung gibt: „Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor“ (Röm. 12,10; Phil. 2,3), so daß wir also aus ehrlichem Herzen alles daransetzen sollen, für das Wohlergehen der anderen zu sorgen - so erteilt sie uns damit einen Befehl, den unser Herz nicht fassen kann, wenn es nicht zuvor seines natürlichen Sinnes entledigt worden ist. Denn wir sind ja alle aus furchtbarer Blindheit in Selbstliebe versunken - und deshalb glaubt jeder einen gerechten Grund zu haben, um sich selbst zu erheben, alle anderen dagegen im Vergleich mit sich selber zu verachten. Hat uns Gott etwas geschenkt, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, so setzen wir gleich unser Vertrauen darauf und erheben unser Herz, wir blasen uns auf, ja wir bersten schier vor Hochmut! Unsere Laster, von denen wir soviele haben, verstecken wir mit Fleiß vor den anderen und machen uns selber schmeichlerisch vor, sie seien geringfügig und unerheblich, ja, wir hätscheln sie gar noch als Tugenden! Treten uns nun aber die gleichen Gaben, die wir an uns selber bewundern, bei anderen entgegen, vielleicht gar in höherem Maß, so tadeln und schmähen wir sie in unserer Bosheit, damit wir nur ja nicht genötigt sind, sie bei ihnen anzuerkennen. Finden wir bei den anderen aber Laster, so begnügen wir uns nicht damit, sie in strengem, bitterem Tadel anzumerken, nein, wir machen sie in unserer Gehässigkeit noch größer! Daher kommt dann die Überheblichkeit, mit der wir alle über die anderen hinausragen wollen - als ob wir von dem allgemeinen Gesetz eine Ausnahme machten -, mit der wir alle Sterblichen stolz und übermütig verachten oder sie wenigstens als unter uns stehend von oben herab ansehen! So müssen die Armen vor den Reichen, die Nichtadligen vor dem Adel, die Knechte vor den Herren, die Ungelehrten vor den Gebildeten zurücktreten -

 

aber es ist keiner dabei, der nicht in seinem Herzen irgendwie den Wahn nährte, er sei etwas besonderes. So trägt jeder Einzelne durch seine Selbstbespiegelung irgendein Königreich in seinem Herzen. Denn jeder spricht sich anmaßend etwas zu, kraft dessen er an sich selbst Gefallen findet - und von da aus sitzt er dann über den Charakter und die Lebensweise des anderen zu Gericht! Wenn es dann aber zum Streite kommt, dann bricht das Gift offen hervor. Gewiß legen nämlich viele Leute einige Sanftmut an den Tag, solange sie lauter Schmeichelhaftes und Liebliches zu hören bekommen - aber wie viele unter ihnen mögen wohl diese bescheidene Haltung bewahren, wenn man sie quält und reizt? Da gibt es kein anderes Heilmittel, als daß die furchtbar schädliche Pestilenz der Ehrsucht und Selbsthilfe aus dem tiefsten Innern herausgerissen werde - wie das ja auch durch die Unterweisung der Heiligen Schrift wirklich geschieht. Denn die Schrift lehrt uns so, daß wir daran denken: die Gaben, die uns Gott gewährt hat, sind nicht unser Besitz, sondern Gottes Geschenk; wenn einer nun darüber hoffärtig wird, so kommt seine Undankbarkeit ans Licht. So sagt Paulus: „Wer hat dich vorgezogen? ... So du es aber empfangen hast, was rühmst du dich denn, als ob du es nicht empfangen hättest?“ (1. Kor. 4,7). Weiterhin sollen wir uns auch durch fleißige Betrachtung unserer Laster zur Demut anhalten. So wird in uns nichts übrigbleiben, das uns aufgeblasen machen könnte - dagegen wird zur Beugung viel Grund vorliegen! Auf der anderen Seite wird uns befohlen, die Gaben Gottes, die wir an anderen Menschen zu sehen bekommen, derart zu achten und hochzuhalten, daß wir damit zugleich die Menschen ehren, denen sie beigelegt sind. Denn wenn der Herr sie solcher Ehre gewürdigt hat, so wäre es schlimme Bosheit, wenn wir sie ihnen absprechen wollten. Den Lastern der anderen gegenüber sollen wir nach der Lehre der Schrift Nachsicht üben - gewiß nicht, als ob wir sie durch Schmeichelei bestärken sollten; aber wir sollen um der Laster willen nicht gegen die Menschen grob werden, denen wir doch mit Wohlwollen und Ehrerbietung begegnen sollen. So wird es denn geschehen, daß wir allen Menschen, mit denen wir zu tun haben, nicht nur zurückhaltend und bescheiden, sondern zuvorkommend und freundlich gegenübertreten. Zur wahren Sanftmut kann man eben auf keinem anderen Wege gelangen, als wenn man sich selbst erniedrigt und ganz von Ehrerbietung gegen den anderen erfüllt ist.

 

 

 

III,7,5

Wie schwer ist es uns doch, unsere Amtspflicht zu erfüllen und stets des Nächsten Vorteil im Auge zu haben! Wenn du nicht aller Rücksicht auf dich selbst den Abschied gibst und dich gewissermaßen selber ausziehst, so wirst du hier nichts erreichen. Wie willst du die Werke an den Tag legen, die Paulus als Werke der Liebe beschreibt - ohne dich selbst zu verleugnen und dich ganz dem Dienst der anderen zu weihen? Er sagt doch: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie neidet nicht, sie blähet sich nicht ... sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern ...“ (1. Kor. 13,4f.; etwas ungenau). Wenn auch nur das Eine gefordert würde, daß wir nicht das Unsere suchen sollten - so müßte doch unserer Natur in nicht eben geringem Maß Gewalt angetan werden; denn sie bestimmt uns derart ausschließlich zur Selbstliebe, daß sie es nicht eben leicht hinnehmen würde, wenn wir uns und unsere Interessen leicht hingehen lassen würden, um über das Wohlergehen anderer zu wachen, ja, freiwillig auf unser Recht verzichteten, um es einem anderen zu überlassen! Eben dahin aber will uns die Schrift an der Hand führen, und deshalb mahnt sie uns daran, daß uns alle Gnadengaben, die wir vom Herrn empfangen haben, mit der Bestimmung anvertraut sind, sie zum gemeinen Nutzen der Kirche anzuwenden! Der rechtmäßige Gebrauch aller dieser Gnadengaben besteht also darin, daß wir sie freimütig und gerne mit den anderen teilen! Es läßt sich keine zuverlässigere Regel denken, auch keine kräftigere Ermahnung, sie einzuhalten, als die, daß wir uns unterweisen lassen: all die Gaben, die wir reichlich empfangen haben, sind Gottes uns anvertrautes Eigentum, das

 

uns mit der Bestimmung auf Treu und Glauben hingegeben ist, daß wir es dem Nächsten zugut austeilen!

 

Die Schrift geht aber noch darüber hinaus und vergleicht jene Gaben mit den Fähigkeiten, die den Gliedern des menschlichen Körpers innewohnen. Kein Glied hat seine Fähigkeit für sich selber, wendet sie auch nicht zu seinem eigenen Nutzen an, sondern jedes überträgt sie auf die mit ihm verbundenen Glieder und hat auch keinerlei Nutzen davon als den, der aus dem Wohlergehen des ganzen Leibes kommt. So muß der Fromme alles, was er vermag, für die Brüder vermögen - indem er für sich allein sein Gemerk auf nichts anderes lenkt als darauf, daß sein Herz auf die gemeinsame Erbauung der Kirche gerichtet sei! Den Weg zu Freundlichkeit und Wohltun werden wir also finden, wenn wir bedenken: für alles, was uns Gott übertragen hat und mit dem wir dem Nächsten zu helfen vermögen, sind wir als Haushalter eingesetzt, und wir sind verpflichtet, über die Verteilung solcher Gaben einst Rechenschaft abzulegen. Die rechte Austeilung wird aber einzig die sein, die sich nach der Regel der Liebe richtet. So werden wir das eifrige Trachten nach dem Wohlergehen des anderen nicht allein mit der Sorge um unseren eigenen Nutzen stets verbinden - nein, wir werden diese Sorge jenem eifrigen Trachten unterordnen.

 

Damit uns nun aber nicht vielleicht verborgen bleibt, daß dies das Gesetz ist, nach dem wir alle Gaben, die wir von Gott empfangen haben, recht verwalten sollen - so hat Gott eben diese Ordnung bereits in die geringsten Geschenke seiner Güte vorzeiten hineingelegt. Er hat nämlich geboten, ihm die Erstlinge der Früchte darzubringen (Ex. 22,28; 23,19). Dadurch sollte dem Volke bezeugt werden, es sei unrecht, wenn es für sich selber aus solchen Gütern Nutzen ziehen wollte, die nicht zuvor dem Herrn geweiht waren! Diese Gaben Gottes sind aber erst dann für uns geheiligt, wenn wir sie mit eigener Hand ihrem Geber selbst wieder dargebracht haben; es ist also alles das ein unreiner Mißbrauch der Gaben, was jene Darbringung nicht erkennen läßt. Es wäre nun aber ein vergebliches Bemühen, wolltest du Gott durch Hergabe deines Besitzes etwa reich machen! Da nun aber dein Wohltun nicht zu ihm zu dringen vermag, so sollst du es nach den Worten des Propheten gegen seine Heiligen üben, die auf Erden sind! (Ps. 16,2f. nach der lateinischen Übersetzung). Deshalb werden die Almosen mit heiligen Opfern verglichen, so daß sie also heute jenen Opfern entsprechen, die einst unter dem Gesetz bestanden (Hebr. 13,16).

 

 

 

III,7,6

Damit wir aber weiter nicht müde werden, wohlzutun (Gal. 6,9) - und das würde sonst sehr bald geschehen! -, muß auch das andere noch hinzutreten, was der Apostel uns sagt: „Die Liebe ist langmütig, ... sie läßt sich nicht erbittern!“ (1. Kor. 13,4f.). Der Herr gibt uns die Vorschrift, allen Menschen ohne Ausnahme Gutes zu tun; und darunter ist ein erheblicher Teil dessen gänzlich unwürdig, wenn man diese Menschen nach ihrem eigenen Verdienst beurteilt. Da kommt uns nun die Schrift aufs beste zu Hilfe, indem sie uns lehrt, daß wir nicht auf das zu achten haben, was die Menschen aus sich selber verdienen, sondern daß wir unser Augenmerk bei allen Menschen auf das Ebenbild Gottes zu richten haben, dem wir alle Ehre und Liebe zu erweisen schuldig sind. Mit besonderem Fleiß haben wir auf dieses Ebenbild Gottes bei den Hausgenossen des Glaubens zu achten, sofern es in ihnen ja durch Christi Geist erneuert und wiederaufgerichtet ist (Gal. 6,10). Was für ein Mensch dir nun auch entgegentreten mag, der deiner Dienstleistung bedarf, so hast du keinen Grund, dich ihm zu entziehen und dich ihm nicht zu widmen. Sage du nur, er sei dir fremd: der Herr hat ihm aber ein Kennzeichen aufgeprägt, das dir wohl bekannt sein soll; in diesem Sinne hat er dir doch gesagt: „Entzieh dich nicht von deinem Fleisch!“ (Jes. 58,7). Sage du nur, er sei ein verachteter, nichtswürdiger Mensch: der Herr aber zeigt dir ihn als einen Menschen, den er der Zier seines Ebenbildes gewürdigt hat! Sage du nur, er habe dir keinen Dienst geleistet, der dich wiederum verpflichte: Gott hat ihn aber gleichsam zu seinem Stellvertreter einge-

 

setzt - und du sollst dich diesem Menschen gegenüber für so viele und so große Wohltaten erkenntlich erweisen, mit denen Gott dich zu seinem Schuldner gemacht hat! Sage du nur, er sei es nicht wert, daß du dir um seinetwillen auch nur die geringste Mühe machtest - aber das Ebenbild Gottes, das dir hier entgegentritt, ist doch wohl wert, daß du ihm dich und alles, was dein ist, zur Verfügung stellst! Selbst wenn der andere nicht nur nichts Gutes um dich verdient, sondern dich gar noch mit Beleidigungen und Schmähungen gereizt hat - so ist selbst das noch kein guter Grund, weshalb du aufhören dürftest, ihn mit Liebe zu empfangen und ihm die Dienste der Liebe zu erzeigen! (Matth. 6,14; 18,35; Luk. 17,3). Du magst wohl sagen: Er hat an mir ganz etwas anderes verdient! Aber was hat denn der Herr verdient? Wenn dir der Herr gebietet, ihm alles zu vergeben, was er wider dich gefehlt hat, so will er doch sicherlich, daß du die Sünde des anderen ihm zurechnest! Es gibt nur einen Weg, um das zu erreichen, was der menschlichen Natur gänzlich zuwider, geschweige denn schwer ist, nämlich daß wir lieben, die uns hassen, daß wir Böses mit Gutem vergelten und Segnung gegen Schmähung setzen! (Matth. 5,44). Und dieser Weg liegt darin, daß wir daran denken: wir sollen nicht die Bosheit der Menschen in Betracht ziehen, sondern in ihnen auf das Ebenbild Gottes achten; das bedeckt und vertilgt ihre Missetaten und reizt uns durch seine Schönheit und Würde, den Menschen zu lieben und ihm mit Freundlichkeit zu begegnen.

 

 

 

III,7,7

Dieses Ersterben (des alten Menschen) wird also in uns erst dann statthaben, wenn wir die Liebespflicht gegen unseren Nächsten erfüllen. Diese Erfüllung findet sich noch nicht da, wo ein Mensch bloß alle Werke der Liebe ableistet - selbst wenn er keines unterläßt! Sie ist erst da vorhanden, wo einer das aus aufrichtiger Liebesgesinnung heraus tut! Denn es kann vorkommen, daß einer, soweit es die äußeren Pflichten betrifft, alles ohne Ausnahme leistet, was er leisten soll, daß er aber doch von der rechten Art und Weise solcher Leistung noch weit entfernt ist. Man kann Leute sehen, die für sehr freigebig gelten wollen und die doch nichts geben, ohne durch hoffärtige Blicke oder gar überhebliche Worte dem Beschenkten Vorhaltungen zu machen. In unseren unglücklichen Zeiten ist es dabei zu solchem Jammer gekommen, daß wenigstens die meisten Menschen kaum Almosen geben können, ohne dabei (den Armen) zu schmähen. Das ist eine Niedertracht, die nicht einmal bei den Heiden geduldet werden sollte, von den Christen nämlich wird doch noch ganz etwas anderes gefordert, als daß sie einen freundlichen Blick an den Tag legen und ihre Dienstleistung durch gütige Worte angenehm machen. Sie sollen zunächst die Person dessen, den sie ihrer Hilfe bedürftig sehen, annehmen und sich sein Unglück ebenso zu Herzen gehen lassen, als ob sie es selber erführen und durchmachten; so sollen sie dazu gebracht werden, ihm aus der Empfindung der Barmherzigkeit und der Menschlichkeit heraus ebenso zu Hilfe zu kommen, wie sie es sich selber zugut tun würden. Wer in dieser Gesinnung daran geht, seinen Brüdern zu helfen, der wird seine Dienstleistung nicht mit Anmaßung oder mit Vorhaltungen beschmutzen, er wird zugleich auch den Bruder, dem er wohltut, nicht als Hilfsbedürftigen verachten oder ihn als einen, der ihm etwas schuldig ist, unter ein Joch zwingen - ebensowenig, wie wir doch ein krankes Glied grob anfahren, wenn der übrige Leib sich darum müht, es wieder zum Leben zu bringen, oder wie wir etwa meinen, dieses kranke Glied sei den übrigen nun in besonderer Weise verpflichtet, weil es ja mehr Hilfe auf sich gezogen als geleistet habe! Denn wir glauben doch nicht, daß die Dienstgemeinschaft unter den Gliedern für ein unverdientes Geschenk zu halten ist; sie ist doch vielmehr die Erfüllung einer Verpflichtung, die aus dem Gesetz der Natur stammt und deren Verleugnung ungeheuerlich wäre. Daraus ergibt sich nun aber auch, daß ein Mensch, der eine bestimmte Dienstleistung vollbracht hat, nun nicht denken soll, er sei frei - es kommt ja allgemein immer wieder vor, daß ein reicher Mann etwas von seinem Besitz hingibt und dann andere Lasten auf andere abschiebt, als ob sie ihn nichts an-

 

gingen. Nein, es soll vielmehr jeder bei sich bedenken, daß er mit allem, was er ist und hat, seines Nächsten Schuldner ist - und daß sein Wohltun gegenüber dem Nächsten erst dann sein Ende findet, wenn sein Vermögen dazu aufhört; denn soweit sein Vermögen reicht, muß es auch nach der Regel der Liebe bestimmt sein!

 

 

 

III,7,8

 

Vornehmlich aber richtet sich unsere Selbstverleugnung, wie ich bereits ausführte, auf Gott. Darüber will ich jetzt wiederum, und zwar ausführlicher sprechen. Vieles ist hierüber allerdings bereits gesagt, und es wäre überflüssig, das zu wiederholen. Es muß uns genügen, mit unserer Betrachtung soweit zu gehen, wie es dazu dient, uns zu Gleichmut und Geduld zu führen.

 

Zunächst also: wenn wir Mittel und Wege suchen, unser gegenwärtiges Leben angenehm und ruhig zu gestalten, so ruft uns die Schrift dazu auf, uns selber und alles, was unser ist, dem Ermessen des Herrn hinzugeben und ihm alle Regungen unseres Herzens auszuliefern, damit er sie zähme und unter sein Joch nehme. Wir sind ja voll wilder Lust und unendlicher Gier, Reichtum und Ehre zu erstreben, nach Macht ehrgeizig zu verlangen, Reichtümer aufzuhäufen und all die anderen Narreteien zu sammeln, die uns zu Prunk und Prahlerei zu dienen scheinen! Auf der anderen Seite haben wir eine seltsame Furcht vor Armut, Verachtung und Niedrigkeit, einen merkwürdigen Haß gegen das alles - und dadurch werden wir angestachelt, es uns mit allen Mitteln vom Halse zu schaffen. Daraus läßt sich erkennen, wie unruhig ein Mensch in seinem Wesen ist, der sein Leben nach eigenem Gutdünken gestaltet, wieviel Künste er versucht, mit wieviel Eifer er sich müde macht! Und das alles, um zu erlangen, wonach seine ehrgeizige und habgierige Gesinnung ausgeht, und um andererseits der Armut und Niedrigkeit zu entkommen!

 

Damit nun also der Fromme sich nicht in dergleichen Stricke verfängt, muß er folgenden Weg einschlagen. Zunächst soll er von keiner anderen Seite ein Mittel zum Wohlergehen zu gewinnen trachten oder hoffen oder bedenken, als allein aus dem Segen des Herrn heraus. Auf diesen Segen also soll er sich ruhig und vertrauensvoll verlassen und stützen. Denn mag auch das Fleisch meinen, es habe an sich selber voll und ganz genug, indem es mit eigenem Mühen nach Ehre und Reichtum strebt und sich mit eigenem Eifer darum anstrengt oder auch durch die Gunst der Menschen dazu verholfen bekommt - so ist doch sicherlich das alles nichts, und wir können auch mit Verstand und Mühe nichts erreichen, als sofern uns der Herr zu beidem das Gedeihen schenkt! Auf der anderen Seite aber findet sein Segen allein auch durch alle Hindernisse hindurch den Weg und schenkt uns, daß uns alles fröhlich und glücklich ausgehe. Aber weiter: wir könnten uns wohl auch allenfalls ohne Gottes Segen allerhand Ruhm und Reichtum verschaffen - wir sehen ja, wie die Gottlosen alle Tage große Ehren und Reichtümer aufhäufen -; aber ein Mensch, auf dem Gottes Fluch lastet, kann ja doch nicht das geringste Stücklein Glück kosten, und deshalb werden wir ohne Gottes Segen nur Dinge erlangen, die uns zum Bösen ausschlagen. Nun sollen wir aber doch unter keinen Umständen nach etwas trachten, das den Menschen nur mehr ins Elend stürzen kann!

 

 

 

III,7,9

 

Wir glauben also, daß es allein auf Gottes Segen beruht, wenn unsere Sachen gut fortschreiten und es uns ergeht, wie wir es wünschen; geht uns aber sein Segen ab, so haben wir Elend und Not aller Art zu gewärtigen. Ist es aber so, dann haben wir uns weder auf unsere eigene Klugheit noch auf unseren eigenen Fleiß zu verlassen, auch nicht auf Menschengunst zu stützen oder auf den leeren Wahn des Glücks zu vertrauen und mit alledem gierig nach Reichtum und Ehre zu streben, nein, wir sollen stets auf den Herrn schauen, um durch seine Leitung zu dem Los geführt zu werden, das er uns vorgesehen hat, wie es auch aussehen mag.

Dann wird es erstens geschehen, daß wir nicht mit Frevel, List und falschen Künsten, mit Raubsucht oder mit Unrecht gegen unseren Nächsten darauf los rennen

 

Reichtümer zu erraffen oder Ansehen an uns zu reißen; sondern wir werden einzig nach solchen Gütern trachten, die uns nicht von der Unschuld wegführen! Wer sollte denn unter Betrug und Raub und sonstigen bösen Praktiken hoffen wollen, Gottes Segen werde ihm Hilfe leihen? Denn der Segen Gottes folgt nur dem, der rein denkt und recht handelt, und deshalb ruft er alle, die ihn erflehen, von unaufrichtigem Denken und bösem Tun ab! Weiter wird uns auch ein Zügel angelegt, damit wir nicht in maßloser Gier entbrennen, reich zu werden, und uns nicht ehrsüchtig an äußeres