Apostelgeschichte - Einleitung.

Johannes Calvin

übersetzt von Prof. K. Müller in Erlangen

Damit alle Frommen zum Lesen dieses Geschichtsbuches desto mehr Aufmerksamkeit und Eifer beibringen, lohnt es sich, kurz darauf hinzuweisen, wie viel Nutzen man daraus schöpfen darf. Bei weltlichen Schriftstellern ist es der oberste Ruhmestitel der Geschichte, dass sie eine Lehrerin für das Leben heißt. Wenn schon jede Geschichtserzählung, die doch nur im Blick auf menschliche Taten daran erinnert, was man fliehen und was man suchen soll, solch herrliches Lob verdient, - welcher Titel wird dann erst für die Geschichte der Apostel hinreichend würdig sein, die nicht nur das äußere Leben der Menschen bilden will, damit sie durch ihre Tugend Lob gewinnen, die vielmehr dartut, was uns noch viel höher gelten muss, wie Gott seit Anbeginn für seine Gemeinde sorgte, wie er als gerechter Beschützer denen zur Seite stand, welche zu seiner Obhut ihre Zuflucht nahmen, wie er armen Sündern sich gnädig und erhörlich zeigte! Indem diese Geschichte den Glauben lehrt, hebt sie uns über den Himmel empor. Weiter will ich nicht davon reden, wie sie im Allgemeinen Gottes Vorsehung ins Licht setzt, die wahre Verehrung Gottes vom Götzendienst unterscheidet, über Laster und Tugenden ein niemals irrendes Urteil abgibt. Auch von dem Lob, welches sie mit der heiligen Geschichte insgesamt teilt, will ich jetzt nichts weiter sagen. Nur das will ich andeuten, was dem jetzt zur Verhandlung stehenden Buche eigentümlich ist. Was Lukas uns hier lehrt und vorstellt, hat seinen großen und seltenen Nutzen. Indem er zuerst von der Sendung des heiligen Geistes berichtet, bekräftigt er, dass Christus sich nicht nur wahrhaftig in seiner Verheißung zeigte, sondern auch der Seinen gedachte und sich seiner Gemeinde zum ständigen Regierer gab: denn eben zu diesem Zweck kam der heilige Geist herab. Wir schließen daraus, dass der Abstand des Ortes den Herrn Christus nicht hindert, den Seinen gegenwärtig zu sein, wie er verheißen hat. So wird uns hier der Anfang des Reiches Christi und damit gleichsam die Erneuerung der Welt beschrieben. Gewiss hatte der Sohn Gottes, schon ehe er die Welt verließ, durch seine Predigt etwas wie eine Gemeinde gesammelt; in Wahrheit aber hob die rechte Gestalt der christlichen Kirche doch erst zu existieren an, als die Apostel, mit neuer Kraft ausgerüstet, jenen einigen Hirten als den von den Toten Erstandenen verkündigten, damit unter seiner Herrschaft alle zu einer Herde zusammenwüchsen, die vorher verirrt und zerstreut waren. Die Himmelfahrt Christi also, durch welche er zum obersten König des Himmels und der Erde erklärt ward, ist der Punkt, von welchem anhebend uns Lukas hier den Ursprung und die weitere Entwicklung der Gemeinde erzählt.

In alledem leuchtet sowohl Christi wunderbare Macht als auch die Wirkungskraft und Macht des Evangeliums selbst. Denn dass Christus durch Menschen ohne jedes Ansehen und Vermögen sich den ganzen Erdkreis so leicht durch den bloßen Schall des Evangeliums unterwarf, während sich doch Satan mit so gewaltigen Hindernissen dagegen erhob, darin hat er ein leuchtendes Beispiel seiner göttlichen Kraft gegeben. Auch die unglaubliche Kraft des Evangeliums erkennen wir daran, dass es gegen den Widerspruch einer ganzen Welt nicht bloß emporkam, sondern auch zum höchsten Ruhm alles, was unbezähmbar schien, unter den Gehorsam Christi zwang. So ist von jenen wenigen und verachteten Menschlein durch den geringen Schall ihres Mundes mehr gegen die wütendsten Stürme der Welt ausgerichtet worden, als wenn Gott offensichtlich vom Himmel seine Blitze geschleudert hätte. Übrigens erinnert uns der heilige Geist auf der anderen Seite, dass sich niemals Christi Reich erhebt, ohne dass sich Satan wütend dagegen stellt und alles aufbietet, es umzustürzen oder zu erschüttern. Und nicht bloß dies hören wir hier, dass der Satan feindlich wider Christus steht, sondern dass auch beinahe die ganze Welt von derselben Wut ergriffen ist und alles in Bewegung setzt, dem Herrn Christus das Reich nicht zu lassen. Ja, es muss festgestellt werden, dass die gottlosen Leute mit ihrem Aufruhr wider die Lehre des Evangeliums dem Satan Kriegsdienste tun und durch seine Kunst zu so blinder Wut angestachelt werden. Daher die vielen schweren Erregungen, feindlichen Verschwörungen und verbrecherischen Anschläge, mit welchen frevelhafte Leute den Lauf des Evangeliums hemmen wollen, von denen Lukas allenthalben berichtet.

Wie nun die Apostel durch die Tat erfahren mussten, dass die Lehre des Evangeliums ein Feuer und ein Schwert ist, so sollen wir aus ihrer Erfahrung lernen, dass die verstockte Bosheit Satans und die verhängnisvolle Widerspenstigkeit der Menschen allezeit gewaltige Kämpfe gegen das Evangelium erregen werden, wodurch dann schreckliche Erschütterungen entstehen müssen. Auf der anderen Seite aber berichtet Lukas, dass die Apostel trotz alledem mit unbesiegter Geistesstärke und Beharrlichkeit ausgerichtet haben, was sie als ihren göttlichen Auftrag erkannten. Zugleich erzählt er, mit welcher Dulderkraft sie zahllose Beschwerden, ekelhafte und unwürdige Dinge hingenommen haben, wie geduldig sie grausame Fluten von Verfolgungen aushielten, wie sie endlich sich gerecht zeigten im Ertragen von Vorwürfen und allerlei Plackereien. Solche Beispiele unterweisen uns zur Geduld. Wenn der Sohn Gottes verkündigt hat, dass das Kreuz der ständige Begleiter seines Evangeliums sein werde, so dürfen wir uns nicht an der eitlen Hoffnung weiden, als werde der Zustand der Gemeinde ein ruhiger und blühender sein. Auch wir mögen uns also rüsten, Ähnliches zu ertragen. Es wird aber der nicht geringe Trost hinzugefügt, dass Gott auch heute uns beistehen wird, wie er einst seine so vielfältig gequälte und bedrückte Gemeinde gerettet hat. Lehrt doch dies ganze Buch, dass die Gemeinde, da sie durch ununterbrochene Todesgefahren hindurchging, allein durch Gottes Hand geschützt ward. So stellt Gott selbst uns seine einzigartige Vorsehung und Sorge für ihr Wohlergehen vor Augen.

Des Weiteren wird uns hier von mehrfachen Predigten der Apostel berichtet, welche über Gottes Barmherzigkeit und Christi Gnade, über die Hoffnung auf die selige Unsterblichkeit und die Anrufung Gottes, über Buße, Gottesfurcht und andere Hauptstücke der christlichen Lehre in einer Weise gehandelt haben, dass man die ganze Summe der Frömmigkeit aus keiner andern Quelle zu schöpfen braucht. Wollte ich aber auch von der Entwicklung der gesunden und reinen Lehre schweigen, so wäre es außerdem vor allem nützlich, zu wissen, wie der Anfang der christlichen Kirche beschaffen war, wie die Apostel die Predigt des Evangeliums in die Welt einführten und welche Fortschritte sie damit erzielten, wie sie bei alledem kämpfen mussten, wie sie wacker und tapfer wider alle Hindernisse vordrangen, wie herrlich sie unter der Schmach des Kreuzes über allen Stolz der Welt triumphierten und wie wunderbar Gott ihnen beistand. Dies alles muss uns dies Buch besonders wert machen. Denn wenn wir es nicht hätten, wäre das Gedächtnis von alledem begraben oder wenigstens in Dunkel und Zweifel gehüllt. Was sonst von den Taten der Apostel Petrus und Paulus, insbesondere von einer Disputation des ersteren mit dem Magier Simon, überliefert ist, bietet durch Satans Betrug lauter Lügen und abgeschmackte Fabeln. Hätten wir nicht das Werk des Lukas, so könnte es scheinen, dass der gen Himmel gefahrene Christus auf Erden keine Frucht seines Todes und seiner Auferstehung zurückgelassen habe. Wir wüssten nicht, dass er trotz seiner Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit das Regiment über die ganze Welt antrat, dass die Lehre des Evangeliums durch den Dienst der Apostel verbreitet und durch verschiedene Hände bis zu uns überliefert wurde. Wir wüssten nicht, dass sie unter dem Anhauch des heiligen Geistes die lautere, göttliche Wahrheit predigten, auf welche sich nun unser Glaube sicher stützen kann. Wir wüssten nicht, dass jene Weissagung des Jesaja (2, 3) erfüllt ward, das Gesetz werde von Zion ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Da unser gewiss aus dem heiligen Geist gebornes Buch uns über diese Dinge zweifelsfreien Bericht gibt, sollen wir es für einen großen Schatz halten.

Kapitel 1

1 Die erste Rede hab ich getan, lieber Theophilus, von alle dem, das Jesus anfing, beide, zu tun und zu lehren, 2 bis an den Tag, da er aufgenommen ward, nachdem er den Aposteln (welche er hatte erwählet) durch den heiligen Geist Befehl getan hatte.

V. 1. Um sich den Übergang zu den Ereignissen zu bahnen, welche auf Christi Himmelfahrt folgten, blickt der Schriftsteller kurz auf den Inhalt seines ersten Buches zurück. So verknüpft er die beiden Teile miteinander. Er gibt eine kurze Beschreibung der evangelischen Geschichte, indem er sie als den Bericht von alle dem bezeichnet, das Jesus anfing, zu tun und zu lehren, solange er auf Erden weilte. Damit blickt Lukas auf das Wort zurück, von welchem er am Ende der evangelischen Geschichte berichtet hatte (Lk. 24, 9): Christus ist „ein Prophet, mächtig von Taten und Worten“. Der Unterschied der beiden Aussagen ist nur der, dass die dort gepriesenen, mächtigen Taten allein die Wunder sind, während hier der Bericht von dem, was Jesus zu tun anfing, meines Erachtens alle seine hervorragenden Taten umfasst, welche sein eigentümliches Amt ausmachen, unter welchen Tod und Auferstehung die erste Stelle behaupten. Das Amt des Messias erstreckt ja sich nicht bloß auf die Lehre: er musste der Friedensstifter sein zwischen Gott und Menschen, der Erlöser des Volks, der Erbauer des Reichs und der Urheber ewiger Glückseligkeit.

Dies alles war über den Messias geweissagt, so dass man es von ihm erwartete. So sehen wir, dass das gesamte Evangelium diese beiden Stücke in sich begreift, Christi Lehre und Taten. Er hat nicht bloß die ihm vom Vater aufgetragene Sendung an die Menschen ausgerichtet, sondern auch mit der Tat alles geleistet, was man vom Messias verlangen konnte. Er hat sein Reich angefangen, mit seinem Opfer Gott versöhnt, mit seinem eigenen Blut die Sünden der Menschen gesühnt, hat Teufel und Tod überwunden und in die wahre Freiheit zurückgeführt, hat uns Gerechtigkeit und Leben erworben. Und um zu bekräftigen, was er tat und sprach, hat er sich durch Wunder als den Sohn Gottes bewiesen. So umfasst der Ausdruck an unserer Stelle freilich auch die Wunder, darf aber nicht auf sie beschränkt werden. Daraus entnehmen wir die wertvolle Erkenntnis, dass ein Mensch mit dem bloßen Wissen von der Geschichte das Evangelium durchaus noch nicht ergriffen hat. Es muss die Erkenntnis der Lehre hinzukommen, die uns die Frucht der Taten Christi erschließt. Hier besteht ein heiliger Zusammenhang, den man nicht zerreißen darf. So oft darum der Lehre Christi gedacht wird, sollen wir lernen, seine Werke als Zeichen beizufügen, welche ihre Wahrheit bekräftigten und sie in die Wirklichkeit überführten. Anderseits: sollen Christi Tod und Auferstehung für uns fruchtbar, seine Wunder für uns bedeutsam werden, so müssen wir gleicher weise auf seinen redenden Mund merken. Dies ist die wahre Regel des Christentums.

Bemerkenswert ist, dass Lukas von alle dem geredet hat, was Christus tat und lehrte, dass er also nicht den Anspruch erhebt, geradezu alles erzählt zu haben: Vollständigkeit wäre ja unerreichbar, wie auch Johannes (21, 25) daran erinnert, dass die Welt die Bücher nicht fassen würde. Weiter wollen wir darauf achten, dass Lukas seinen Bericht anhob mit dem Beginn des Wirkens Christi. Nachdem er aber Christi Geburt erzählte, sprang er sofort zu seinem zwölften Lebensjahr über; und nachdem er kurz davon berichtet, wie Jesus im Tempel sich unterredete, übergeht er achtzehn Jahre mit Stillschweigen, um dann erst in die richtige Erzählung von Christi Taten einzutreten. So steht fest, dass er hier nur diejenigen Taten und Reden meint, welche auf den Inbegriff unsers Heils abzielen. Denn nachdem Christus mit unserem Fleisch bekleidet ward und in die Welt einging, lebte er wie ein Privatmann im Hause bis zum dreißigsten Lebensjahre, in welchem ihm vom Vater eine neue Rolle aufgegeben ward. Jener erste Teil seines Lebens sollte nach Gottes Willen im Verborgenen bleiben, damit die Kenntnis dessen, was zur Auferbauung unsers Glaubens dient, dagegen umso heller strahle.

Die erste Rede oder das erste Buch des Lukas wird so genannt im Unterschiede von dem jetzt anhebenden, zweiten Teil. Wir sollen also wissen, dass der Evangelist anlässlich eines neuen Stoffes neu zu schreiben anheben wollte.

V. 2. Bis an den Tag, da er aufgenommen ward. Also ist die Auffahrt Christi in den Himmel der Schlusspunkt der evangelischen Geschichte. Ist er doch, wie Paulus sagt (Eph. 4, 10), aufgefahren, damit er alles erfülle. Gewiss empfängt daraus unser Glaube noch andere Früchte: hier aber mag der Hinweis darauf ausreichen, dass, als Christus zum Vater aufstieg, unsre Erlösung in allen Stücken vollständig abgeschlossen war, so dass also Lukas für den Teil seiner Aufgabe, der sich auf Christi Lehre und Taten bezieht, jetzt alles Erforderliche geleistet hatte. Dass Christus „aufgenommen“ ward, lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass er diese Welt tatsächlich verlassen hat. Darum dürfen wir nicht in den Wahn einstimmen, dass die Himmelfahrt keine Ortsveränderung bedeute.

Nachdem er den Aposteln Befehl getan hatte. Diese Worte erinnern daran, dass Christus mit seinem Scheiden aus der Welt sich der Sorge für uns nicht entledigt hat. Denn dass er eine beständige Leitung in seiner Gemeinde einsetzte, ist ein Beweis dafür, dass er auf unser Heil bedacht sein wollte. Er hat ja auch bezeugt, dass er bis zum Ende die Seinen regieren und geleiten will (Mtth. 28, 20), wie er den tatsächlich durch seine Diener bei ihnen ist. Lukas gibt also zu verstehen, dass Christus nicht eher Abschied nahm, als bis er die Leitung seiner Gemeinde fürsorglich geordnet hatte. Auf diese Fürsorge deutet Paulus ausdrücklich in der eben angezogenen Stelle hin: Christus hat alles erfüllt, „und Er hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten“ usw. Den Befehl, welchen Christus seinen Aposteln gab, verstehe ich als Anweisung zur Predigt des Evangeliums. Pflegen doch Gesandte mit bestimmten Vorschriften versehen zu werden, damit sie nicht vorwitzig etwas unternehmen, was über den Willen ihres Auftraggebers hinausgeht. Diese Bemerkung dient also zur Empfehlung der Lehre, welche die Apostel vortrugen.

Damit dies noch deutlicher werde, wollen wir die einzelnen Aussagen der Reihe nach erwägen. Es heißt von den Aposteln, dass Christus sie erwählet hatte. So soll es uns gewiss und verbürgt sein, dass sie von ihm berufen wurden. Denn hier steht Gottes Erwählung nicht im Gegensatz zu menschlichem Verdienst, sondern die Meinung ist lediglich, dass die Apostel vom Herrn erweckt wurden und sich nicht vorwitzig in ihr Amt gedrängt haben.

Werden wir so ihrer Berufung vergewissert, so sollen wir lernen, nicht auf Menschen zu blicken, sondern auf den Sohn Gottes als den eigentlichen Urheber. Es muss eine bleibende Ordnung in der Gemeinde sein, dass niemand sich eine Ehre anmaße. Zum andern hören wir, dass die Apostel durch Christi Vorschriften für ihre Aufgaben unterwiesen wurden. Sie trugen also nicht eigene Erdichtungen vor, sondern überlieferten treulich, was ihnen vom himmlischen Meister aufgetragen war. Um dieser Anweisung noch tiefere Ehrfurcht zu verschaffen, wird hinzugefügt, dass sie durch den heiligen Geist ergangen sei. Gewiss bedurfte der Sohn Gottes, der die ewige Weisheit ist, nicht einer Leitung von außen. Aber weil er doch auch ein Mensch war, soll niemand glauben, dass aus menschlichem Geist entsprungen sei, was er den Aposteln übergab. Es wird ausdrücklich auf göttliche Autorität zurückgeführt, wie denn der Herr selbst mehr als einmal versichert hat, dass er nichts gelehrt habe, als was er vom Vater empfing (Jes. 7, 16; 12, 69): „Meine Lehre ist nicht mein.“ Es wird uns also eingeprägt, dass die Predigt des Evangeliums kein Menschenwerk ist, sondern auf Anordnung des göttlichen Geistes ruht, so dass die ganze Welt schuldig ist, sich ihr zu unterwerfen.

3 Welchen er sich nach seinem Leiden lebendig erzeiget hatte durch mancherlei Erweisungen, und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang, und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 4 Und als er sie versammelt hatte, befahl er ihnen, dass sie nicht von Jerusalem wichen, sondern warteten auf die Verheißung des Vaters, welche ihr habt gehöret [sprach er] von mir; 5 denn Johannes hat mit Wasser getauft; ihr aber sollt mit dem heiligen Geiste getauft werden, nicht lange nach diesen Tagen.

V. 3. Welchen er sich nach seinem Leiden lebendig erzeiget hatte. Dieser Zusatz hat den Zweck, die Auferstehung glaubwürdig erscheinen zu lassen. Dies ist eine vor allem notwendige Sache: denn ohne die Auferstehung stürzt das ganze Evangelium zusammen und verliert völlig seine Glaubwürdigkeit.

Um von anderm zu schweigen, will ich nur dies herausheben: die ganze Majestät des Evangeliums kommt ins Wanken, wenn wir nicht wissen, dass der lebendige Christus aus dem Himmel redet. Das ist es, worauf Lukas vor allem zielt. Um also jeden Zweifel an der Wahrheit der Sache zu heben, sagt er, dass sie durch mancherlei Erweisungen bestätigt worden sei. Damit die Auferstehung für die Apostel nicht im ungewissen bliebe, hat Christus sie durch viele einleuchtende Zeichen, welche die Kraft unwidersprechlicher Beweise befassen, bezeugt. Diese Zeichen oder Erweisungen zählt Lukas nun nicht auf, sondern bemerkt nur, dass Christus sich vierzig Tage lang häufiger sehen ließ. Eine einzige Erscheinung noch dem Verdacht unterlegen: da der Herr aber so oft sich den Blicken darbot, behielt der Zweifel keinen Raum mehr. Auf diese Weise tilgt Lukas den Vorwurf der Ungeschichtlichkeit, den man aus seiner früheren Erzählung gegen die Apostel entnehmen konnte (Lk. 9, 45. 46; 18, 34): er will der Glaubwürdigkeit ihrer Predigt keinen Abbruch tun.

Und redet mit ihnen vom Reich (oder der Herrschaft) Gottes. Noch einmal wird daran erinnert, dass die Apostel von dem einzigen Meister rechtschaffen unterwiesen wurden, ehe sie ihr Amt übernahmen, die Welt zu lehren. Was sie also über Gottes Reich mündlich und schriftlich vortrugen, sind die Reden, die Christus hielt. Diese Bezeichnung deutet übrigens kurz darauf hin, was die Lehre des Evangeliums bezweckt, nämlich, dass Gott in uns herrsche. Der Anfang dieser Herrschaft ist die Wiedergeburt, Ziel und Vollendung die selige Unsterblichkeit; zwischen hinein macht sie ihre Fortschritte in dem weiteren Wachstum des wiedergeborenen Lebens. Um die Sache aber deutlicher zu machen, wollen wir uns zuerst einprägen, dass wir außerhalb des Reiches Gottes geboren werden und leben, bis uns Gott zu neuem Leben umschafft. So darf man recht eigentlich die Welt, unser Fleisch und den ganzen Inhalt der menschlichen Natur als einen Gegensatz zu Gottes Herrschaft betrachten. Denn die Sinne des natürlichen Menschen halten sich völlig an die Elemente dieser Welt: hier sucht man das Glück und das höchste Gut. Dabei sind wir dem Reiche Gottes fremd, und Gott bleibt gleichsam uns fremd. Christus aber erhebt uns durch die Predigt des Evangeliums zum Trachten nach dem zukünftigen Leben. Um dies zu erreichen, wirkt er bessernd und umgestaltend auf unsere irdischen Neigungen ein, entkleidet uns der Sünden unseres Fleisches und sondert uns von der Welt ab. Ewiger Tod wartet aller, die nach dem Fleisch leben: in demselben Maße aber, wie unser innerer Mensch zum Fortschritt im geistlichen Leben erneuert wird, nähern wir uns der Vollkommenheit des Reiches Gottes, welches eine Gemeinschaft ewiger Herrlichkeit ist. Gott will also jetzt in uns herrschen, um uns endlich die Teilnahme an seinem Reich zu schenken. Wir schließen daraus, dass der Hauptinhalt der Reden Christi sich auf die Verderbnis des Menschengeschlechts und die Tyrannei der Sünde bezog, unter die wir geknechtet sind, ferner auf den Fluch und das Schuldverhängnis es ewigen Todes, dem wir alle unterliegen; weiter wird er geredet haben über den Weg, das Heil wiederzugewinnen, über die Vergebung der Sünden, die Verleugnung des Fleisches, die geistliche Gerechtigkeit, die Hoffnung auf himmlisches Leben usw. Wollen wir richtig im Christentum uns unterweisen lassen, so müssen wir auf diese Dinge unser Interesse richten.

V. 4. Und als er sie versammelt hatte, befahl er ihnen usw. Schon früher, aber nur für kurze Zeit, war den Jüngern eine Sendung zuteil geworden als Vorspiel ihres künftigen Apostelamts (Mt. 10, 7). Es handelte sich um einen Heroldsruf, mit welchem sie ihr jüdisches Volk aufwecken sollten, damit es Christus Gehör schenkte. In das ordentliche Amt der Apostel, als welche sie die ihnen anvertraute Lehre in der ganzen Welt verbreiten sollten, wurden sie erst nach der Auferstehung eingesetzt. Trotz ihrer Wahl für dieses Amt befiehlt ihnen aber Christus, dass sie mit Ausrichtung noch warten sollen. Dies war aus mehrfachen Gründen nötig. Es lag erst kurz zurück, dass sie ihren Meister so schmählich verlassen hatten; noch in letzter Zeit hatten sie viele Zeichen ihres Unglaubens gegeben. Obgleich sie so vollkommen unterrichtet waren, hatten sie plötzlich alles vergessen, - ein Beweis allzu roher Verständnislosigkeit. Dieser Fehler war auch durch ihre Trägheit verschuldet. So war es eine wohl angebrachte Züchtigung, dass die verheißene Gnadengabe aufgeschoben ward: dadurch sollte die Sehnsucht darnach gesteigert werden. Der bemerkenswerteste Grund dafür, dass der Herr einen bestimmten Zeitpunkt für die Sendung des Geistes setzte, ist aber der, dass auf diese Weise das Wunder umso augenfälliger wird. Des Weiteren hielt er die Jünger eine Zeitlang in der Stille, um ihnen die Größe des Auftrags, den er ihnen zu geben im Begriff war, desto mehr ans Herz zu legen. Auch für uns wird die Wahrheit des Evangeliums dadurch bekräftigt, dass die Apostel das Werk seiner Ausbreitung nicht eher angreifen durften, als bis sie eine genügende Vorbereitungszeit durchgemacht hatten. Es wurde ihnen nun befohlen, dass sie nicht von Jerusalem wichen. Sie sollten zusammenbleiben, um alle mit einem und demselben Geiste beschenkt zu werden. Hätten sie sich zerstreut, so wäre diese Einheit minder kenntlich gewesen. Später gingen sie freilich nach verschiedenen Richtungen auseinander: weil sie aber beibrachten, was sie aus derselben Quelle geschöpft hatten, so war es, als hätten sie immer nur einen Mund besessen. In Jerusalem musste die Predigt des Evangeliums anheben, damit die Weissagung erfüllt würde (Jes. 2, 3): „Von Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.“

Sondern warteten auf die Verheißung des Vaters. Die bald darauf das Joch Christi der Welt auflegen sollten, mussten zuvor selbst an Gehorsam gewöhnt werden. Ihr Beispiel ist ein Fingerzeig für uns, dass man immer nur nach Gottes Wink ruhen oder wirken soll. Wenn unser ganzes Leben ein Dienst unter seiner Fahne und Führung ist, so muss er bei uns ein nicht geringeres Ansehen besitzen als jeder irdischer Führer in seinem Heer. Wie es also die militärische Zucht mit sich bringt, dass niemand ohne Geheiß des Führers sich regen darf, so haben auch wir nicht das Recht, eher auszuziehen oder etwas zu unternehmen, als bis der Herr das Zeichen gibt; sobald er aber zum Rückzug bläst, ziemt es uns, Ruhe zu halten. Auch daran werden wir erinnert, dass es die Hoffnung ist, in welcher wir die Gaben Gottes ergreifen. Es gilt aber, auf die Natur der Hoffnung zu achten, wie sie uns hier beschrieben wird. Das ist nicht die rechte Hoffnung, die sich vorwitzig etwas ausdenkt, sondern die sich auf Gottes Verheißung gründet. Darum erlaubt Christus den Aposteln nicht, auf etwas zu warten, was ihnen gut dünkt, sondern deutet ausdrücklich auf das, was der Vater verheißen hat. Für diese Verheißung macht er sich selbst zum Zeugen: welche ihr habt gehöret von mir. Dieselbe muss uns ja so gewiss sein, dass uns auch wider alles Anstürmen der Unterwelt die Gewissheit im Herzen feststeht, dass wir dem Herrn geglaubt haben. So sagt Paulus (2. Tim. 1, 12): „Ich weiß, an wen ich glaube.“ Übrigens ruft uns der Herr hier die Worte ins Gedächtnis zurück, welche im 14. bis 16. Kapitel des Johannes-Evangeliums aufgezeichnet stehen (14, 16. 25; 15, 26; 16, 7 f.): „Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich.“ Auch viel früher schon hatte der Herr gesagt (Joh. 7, 38): „Wer an mich glaubt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

V. 5. Denn Johannes hat mit Wasser getauft. Damit erinnert Christus die Apostel an ein Wort aus des Johannes eignem Munde. Einige von ihnen hatten ihn selbst sagen hören, was die Evangelisten berichten (Mt. 3, 11): „Ich taufe euch mit Wasser; der aber nach mir kommt, wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ Nunmehr verkündigt Christus, dass sie die Wahrheit dieser Worte selbst erfahren sollten. Übrigens trug diese Aussage nicht wenig zur Bekräftigung des Vorangehenden bei: denn sie zieht einen Schluss aus dem Wirken Christi. Johannes ward gesandt, mit Wasser zu taufen: er hat seine Aufgabe vollendet, wie es einem Knechte Gottes ziemte. Dem Sohne ward die Taufe mit dem Geist übertragen. Es bleibt also noch übrig, dass er dieses sein Amt durchführe. Es kann ja nicht sein, dass er unausgeführt lasse, was der Vater ihm aufgetragen hat, und um dessentwillen er auf die Erde herabstieg. Es scheint aber ungereimt, dass auf die sichtbare Sendung des Geistes beschränkt wird, was allgemein von der Gnadengabe der Wiedergeburt gesagt war. Indessen war jene sinnenfällige Sendung des heiligen Geistes ein Zeichen der verborgenen Gnadenkraft, welche der Herr fortwährend den Seinen einflößt. Darum ist es ganz passend, das Zeugnis des Johannes auch auf sie anzuwenden. Diese Sendung war ja auch sicherlich gleichsam eine Taufe der ganzen Gemeinde. Abgesehen davon, dass die Apostel den Geist nicht für sich persönlich, sondern zum Nutzen für alle Gläubigen empfingen, wurde dabei wie in einem Spiegel Christi die Gemeinde als ein Ganzes umfassende Gnade gezeigt, da er die Gaben seines Geistes wie mit vollen Schalen ausgoss. Gewiss tauft Christus die Auserwählten seines Vaters an jedem Tage. Dem steht aber nicht entgegen, dass er auch diesen vor andern eindrücklichen Kraftbeweis geben konnte, um die Apostel wissen zu lassen, dass sie von Johannes nur eine erste Weihe empfangen hatten, die doch nicht vergeblich war, weil die Vollendung bevorstand. Wenn man aber aus dieser Stelle und ähnlichen Aussagen den Schluss zieht, dass die Taufe des Johannes eine andere sei als die Taufe Christi, so ist dies nichtig. Denn hier soll gar nichts über die Taufe behauptet, sondern lediglich ein Vergleich zwischen den beiden Personen angestellt werden. Als Johannes sagte, dass er mit Wasser taufe, sprach er nicht davon, was seine Taufe, sondern was er selbst sei: er wollte sich nicht anmaßen, was nur Christus zusteht. So dürfen auch heute die Diener am Wort für sich selbst nichts anderes beanspruchen: die Ehre für alles das, was in der Taufe dargestellt wird, müssen sie Christus geben; für sich dürfen sie nur die äußere Verwaltung in Anspruch nehmen. Denn wenn die Taufe als ein Bad der Wiedergeburt, eine Abwaschung von Sünden, als die Gemeinschaft des Todes und Begräbnisses mit Christus und als die Einsenkung in seinen Leib gepriesen wird (Tit. 3, 5; Röm. 6, 4), so ist dabei nicht von dem die Rede, was der Mensch, der Verwalter des äußeren Zeichens, sondern vielmehr was Christus selbst schafft, der allein dem Zeichen Wirkungskraft verleiht. Diese Unterscheidung müssen wir stets festhalten, damit wir nicht Menschen einen Schmuck geben, den wir Christus geraubt hätten. Indessen kann man fragen, warum gerade Johannes und nicht sonst irgendein Mensch genannt wurde. Es geschieht dies erstlich wegen der Anknüpfung an das bekannte Wort des Johannes. Er hatte ja außerdem gesagt (Joh. 3, 30): „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Zudem stand er bei den Aposteln noch in solchem Ansehen, dass Christi Ehre dadurch einigermaßen verdunkelt werden konnte. Darum will Christus sie an sich allein binden, indem er erklärt, dass sie von Johannes nur eine Weihe mit dem äußeren Zeichen empfingen: zugleich will er sie doch stärken, damit sie nicht an der Verheißung zweifelten. Denn viel trauten sie dem Johannes zu: darum waren sie fest überzeugt, dass die Taufe, die sie von seiner Hand empfangen hatten, nicht ein leeres Spiel sei.

Wenn man ihre wahre und kräftige Durchführung von Christus erwarten sollte, so mussten die Apostel mit Bestimmtheit hoffen, dass jetzt vollendet werde, was Johannes sinnbildlich darstellte. So müssen auch wir überzeugt sein, dass wir nicht vergeblich von der Hand eines Menschen mit Wasser getauft wurden, weil Christus, der dies anordnete, das Seine tun wird, uns mit dem Geist zu taufen. So zieht der Glaube von dem äußeren Zeichen den Schluss auf die innere Wirkung und schreibt dabei doch dem Zeichen oder dem Diener nicht mehr zu, als sich gebührt. Denn er sieht im Zeichen die Verheißung, die Christi Sache ist, und erkennt ihn allein als den an, welcher die Gnade schenkt. Wir sollen also nach beiden Seiten Maß halten, so dass wir Christi Ehre in keinem Stück schmähen und doch die hier beschriebene Frucht von unserer Taufe erhoffen.

Dass die Apostel nicht lange nach diesen Tagen mit dem heiligen Geiste getauft werden sollen, soll ihnen frohe Hoffnung machen. So ergibt sich ja, dass man Christi Tod nicht beklagen darf, der alsbald eine so kostbare Frucht bringt. Dass die Apostel getauft werden sollen, ist übrigens eine uneigentliche Redeweise, die um des nachdrücklichen Gegensatzes willen gewählt wurde. Ähnlich hat sich einmal Paulus veranlasst gesehen, statt vom Glauben vom „Gesetz des Glaubens“ zu reden, um einen Gegensatz gegen das „Gesetz der Werke“ zu gewinnen (Röm. 3, 27).

6 Die aber, so zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? 7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat; 8 sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.

V. 6. Es wird berichtet, dass die Apostel zusammengekommen waren, als die folgende Frage aufgeworfen wurde: wir sollen wissen, dass es nicht die Torheit eines einzelnen, sondern aller zugleich war, die sie aufbrachte. Freilich war es eine ganz wunderbare Ungeschicklichkeit, dass sie nach einer so vollkommenen und sorgfältigen Belehrung dreier Jahre eine Unwissenheit verraten, als hätten sie überhaupt noch kein Wort vernommen. Ihre Frage enthält so viele Irrtümer wie Worte. Sie fragen nach dem Reich, träumen aber von einem irdischen Reich, das Reichtum, Genüsse, äußeren Frieden und ähnliche Güter bringt. Indem sie ein solches schon für die gegenwärtige Zeit erwarten, wollen sie triumphieren, ehe sie gekämpft haben. Bevor sie noch eine Hand an das Werk gelegt haben, für welches sie berufen sind, wollen sie eine Frucht genießen, die nur der Mühe gebührt.

Auch darin irren sie, dass sie Christi Reich auf das Israel nach dem Fleisch beschränken, welches sich doch bis zu den äußersten Grenzen der Welt erstrecken soll. Weiter leidet die ganze Frage an dem Fehler, dass ihre Wissbegier sich nicht innerhalb der rechten Schranken hält. Ohne Zweifel war ihnen bekannt, was die Propheten von der Wiederaufrichtung des Reiches Davids geweissagt hatten; sie hatten Christus häufiger über diese Sache reden hören, die ja auch allgemein derartig geläufig war, dass in der elendesten Knechtschaft des Volkes doch jedes Gemüt durch die Hoffnung auf das zukünftige Reich sich wiederaufrichtete. Die Herstellung desselben erwartete man vom Erscheinen des Messias.

So geschah es, dass die Apostel durch das Erlebnis der Auferstehung Christi sich reizen ließen, ihre Gedanken sofort diesem letzten Ziel zuzuwenden. Dabei zeigen sie aber, wie schlechte Fortschritte sie bei ihrem so trefflichen Lehrer gemacht haben. Darum tadelt Christi kurze Antwort, wie wir sofort sehen werden, geschickt jeden einzelnen ihrer Irrtümer. Dass Christus das Reich wieder aufrichten soll, besagt, dass er es von neuem gründen möge, nachdem es zusammengebrochen und durch vielfachen Einsturz verunstaltet war. Denn aus dem dürren Wurzelstamme des Isai musste ein Zweig aufschießen, und die jämmerlich zerfallene Hütte Davids musste wiederaufgerichtet werden.

V. 7. Es gebührt euch nicht usw. Darin liegt ein Tadel der ganzen Frage. Dieselbe war ja aus falscher Neugier entsprungen, indem die Apostel zu wissen begehrten, was der Herr verbergen wollte. Rechte Weisheit aber hat das Maß, dass wir auf der einen Seite zu lernen bereit sind, soweit er mit Lehren vorangeht, auf der anderen Seite aber uns bescheiden, nicht zu wissen, was er selbst uns verhehlt. Da aber beinahe uns allen eine törichte und eitle Neugier angeboren ist, zu der sich alsbald frecher Vorwitz gesellt, so müssen wir fleißig auf diese Mahnung Christi achten, welche den doppelten Fehler bessern will. Wollen wir aber seine Meinung recht verstehen, so müssen wir die beiden Satzglieder, die er miteinander verbunden hat, zugleich festhalten.

Jesus sagt: es ist nicht eure Sache, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Er redet zwar von der Zeit; aber da es mit allen Dingen eine gleiche Bewandtnis hat, so müssen wir hier eine allgemeine Vorschrift finden: wir sollen uns an Gottes Offenbarung genügen lassen und es für ein Unrecht halten, nach weiterem zu fragen. Das ist der rechte Mittelweg zwischen zwei Abwegen. Wir sollen lernbegierig sein, soweit der himmlische Meister uns lehrt; was er aber verbergen will, soll niemand anzurühren wagen: wir sollen keine höhere Weisheit kennen als die Nüchternheit. So oft also eine törichte und übertriebene Wissbegier uns reizt, sollen wir uns Christi Wort ins Gedächtnis rufen: Es gebührt euch nicht zu wissen usw.! Dies wird gewichtig genug sein, unsern ausschweifenden Geist zu zügeln, wenn anders wir nicht wider seinen Willen und Befehl durchbrechen wollen. Was nun das Vorauswissen der Zeit angeht, so verbietet Christus nur ein solches Fragen, welches das Maß der göttlichen Offenbarung überschreitet. Wir sagten schon, dass darauf das zweite Satzglied deutet: wir sollen nicht erforschen wollen, was der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Gewiss stehen Sommer und Winter, Kälte und Hitze, gutes oder regnerisches Wetter in Gottes Hand (1. Mos. 1, 14). Weil er aber bezeugt hat, dass der Lauf der Jahre ständig sich wiederholen soll (1. Mos. 8, 22), heißt es nicht, dass er seiner Macht vorbehalten habe, war er doch eben den Menschen mitteilte. Was die Menschen durch Kunst, Unterweisung, Urteil und Erfahrung theoretisch oder praktisch erarbeiten, das hat Gott sich nicht vorbehalten, sondern gleichsam in ihre Hand gelegt. Das gleiche Urteil gilt von den Propheten. Es war ja ihre Pflicht, zu wissen, was der Herr offenbarte. Blind aber müssen wir sein bezüglich des zukünftigen Ablaufs der Dinge, soweit er uns verborgen ward. Denn nichts zieht uns mehr von unsrer Pflicht ab als ein gar zu peinliches Fragen in diesem Stück. Denn immer wollen wir unsere Pläne nach dem zukünftigen Ausgang einrichten; der Herr dagegen verhüllt uns den Ausgang und schreibt uns vielmehr vor, was zu tun nötig ist. So entsteht ein Zwiespalt, weil wir nicht gern dem Herrn überlassen, was sein ist, dass er nämlich allein den Ausgang lenke, und uns mit fremden und unzeitigen Sorgen befassen. Alles in allem will Christus dem wehren, dass wir nicht uns anmaßen, was Gott für sich beansprucht. Dazu gehört auch das Vorauswissen von solchen Dingen, die er seiner eignen Regierung in einer Weise vorbehalten hat, die unser Vermuten und unser Begriffsvermögen übersteigt.

V. 8. Ihr werdet Kraft empfangen usw. Damit legt Christus der vorwitzigen Neugier den kräftigsten Zügel an, indem er die Jünger auf Gottes Verheißung und Gebot verweist. Solche Neugier pflegt aus Müßiggang und Misstrauen geboren zu werden; dieses Misstrauen wird geheilt, wenn sich die Gedanken in die Verheißung versenken. Gottes Gebote zeigen dann, worauf wir unsern Eifer wenden sollen. Darum heißt der Herr die Jünger geduldig auf das warten, was Gott verheißen hat, und sich der Ausführung der Pflicht entgegenstrecken, die er ihnen auflegte. Dabei tadelt er ihre übergroße Eile, dass sie, die noch nicht einmal mit dem heiligen Geist beschenkt waren, etwas unzeitig vorwegnehmen wollen, was doch nur seine Gabe sein kann. Es ist doch gewiss nicht der rechte Weg, statt der Arbeit sanfte Ruhe zu suchen, wenn man zum Kriegsdienst berufen wäre. Der Hinweis darauf also, dass sie Kraft empfangen sollen, erinnert sie an ihre Schwachheit, damit sie nicht vor der Zeit Dingen nachjagen, die sie nicht erreichen können. Übrigens ist eine doppelte Übersetzung möglich. Entweder: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird,“ oder: Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch kommen wird. Ich bevorzuge die zweite Möglichkeit, welche auch deutlicher ausdrückt, dass sie solange kraftlos sind, bis der Geist über sie kommt.

Und werdet meine Zeugen sein. Dies will besagen, dass der Landmann erst arbeiten muss, ehe er Frucht empfängt. Wir sollen also unsere Blicke lieber auf den Weg richten, der zu Gottes Reich führt, als uns über den Zustand des zukünftigen Lebens gar zu feine Gedanken machen. Man streitet darüber, wie unser künftiges Leben bei Christus beschaffen sein wird, - aber man denkt nicht daran, dass wir erst mit ihm sterben müssen, um dann mit ihm zu leben. Es halte sich also ein jeder an sein gegenwärtiges Werk. Wir wollen wacker unter Christi Führung streiten, standhaft und unermüdet im Lauf unsers Berufs vorangehen: die Frucht wird Gott zu seiner Zeit schenken. Noch eine zweite Zurechtweisung enthält aber Christi Wort. Es will den Jüngern die falsche Einbildung von einem irdischen Reich austreiben, indem es ganz kurz sagt, dass das Reich in der Predigt des Evangeliums besteht. Darum sollen sie nicht von Reichtum, Genuss, äußerer Macht oder anderen irdischen Dingen träumen; sie hören ja, dass Christus seine Herrschaft ausübt, wo er durch die Lehre des Evangeliums sich die Welt untertänig macht. Daraus ergibt sich, dass er in geistlicher, nicht in weltlicher Weise herrscht. Dass aber die Apostel mit der Voraussetzung eines fleischlichen Königreichs rechneten, entsprang aus dem allgemeinen Irrtum des ganzen Volkes.

Wir dürfen uns nicht wundern, dass sie in diesem Stück sich alle durch ein Wahngebilde täuschen ließen. Denn wenn wir Gottes Reich nach unserm Sinne entwerfen, können wir nur auf rohe und irdische Gedanken kommen. Außerdem lassen wir uns wie das Vieh ganz und gar zu Dingen ziehen, die unserm Fleische bequem sind. Wir ergreifen, was vor Augen liegt. Darum sind auch die Leute zu Fall gekommen, die für das tausendjährige Reich schwärmten; alle Weissagungen, die Christi Reich anschaulich unter dem Bilde irdischer Königreiche darstellen, deuteten sie nach dem Geschmack des Fleisches, während es doch Gottes Absicht war, ihre Gedanken höher empor zu führen. Um solchen Irrtum zu meiden, wollen wir immer tiefer in die Verkündigung des Evangeliums eindringen, welches dem Reiche Christi seinen Sitz in unseren Herzen anweist.

In Jerusalem und in ganz Judäa usw. Wenn die Apostel den ganzen Erdkreis mit der Lehre des Evangeliums durchlaufen sollen, müssen sie verstehen, dass dies nicht die Arbeit eines Tages ist. Außerdem schiebt dieser Hinweis auch die falsche Meinung beiseite, welche die Jünger über Israel gefasst hatten. Ihnen schwebten allein diejenigen vor, die nach dem Fleisch von Abraham abstammten. Christus aber bezeugt, dass man auch Samarien in Angriff nehmen solle, welches ihnen körperlich sehr nahe, geistlich aber sehr fern lag. Er bezeugt weiter, dass alle anderen Gegenden, so fern und so unheilig sie sein mochten, mit dem heiligen Volk vereinigt werden und an der gleichen Gnade Teil gewinnen sollten. Wie sich die Juden von den Samaritern zurückhielten, ist bekannt (Joh. 4, 9). Jetzt aber will Christus den Zaun abbrechen, aus beiden einen Leib machen und sein Reich allenthalben errichten (Eph. 2, 14). Indem aber der Herr Jerusalem und Judäa nennt, wo die Jünger Scharen von wütenden Feinden begegnen mussten, erinnert er sie daran, dass hinreichende Mühen und Beschwerden ihrer warten; sie mögen also aufhören, von einem nahen Triumph zu träumen. Den Juden wird nun der erste Platz angewiesen, weil sie gleichsam die Erstgeborenen waren (2. Mos. 4, 22). Doch nennt der Herr unterschiedslos auch alle Heiden, die zuvor von der Hoffnung auf die Seligkeit ausgeschlossen waren. Hieraus entnehmen wir, dass die Predigt, in deren Verfolg das Evangelium auch zu uns kommen sollte (Eph. 2, 7), auf einem ausdrücklichen Befehl Christi ruht.

9 Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. 10 Und als sie ihm nachsahen gen Himmel fahrend, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Kleidern, 11 welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.

V. 9. Was Christi Himmelfahrt uns nützt, mögen die Leser aus meinem „Unterricht in der christlichen Religion“ (II, 16, 8) entnehmen. Weil sie aber eins der Hauptstücke unseres Glaubens ist, wendet Lukas viel Fleiß an, sie glaubhaft zu machen. Ja, der Herr selbst wollte sie über jeden Zweifel hinausrücken, indem er so öffentlich in den Himmel emporstieg und auch durch sonstige Umstände die Gewissheit seines Aufstiegs bezeugte. Denn, wäre er heimlich verschwunden, so hätten die Jünger erschreckt und in Zweifel gestoßen werden müssen. Nun aber sehen sie den, in dessen Umgang sie standen, den sie soeben noch reden hörten, in die Höhe emporsteigen; sie begleiten ihn mit ihren Augen und sehen, wie die Wolke ihn wegnimmt: so brauchen sie nicht zu zweifeln, wohin er gegangen ist. Außerdem sind Engel zur Stelle, die durch ihr Zeugnis dies bekräftigen. Die Geschichte musste aber um unsertwillen so genau aufgezeichnet werden, damit wir wissen, dass der Sohn Gottes im Himmel lebt, wenn er auch jetzt nirgend mehr in der Welt erscheint. Dass aber eine Wolke ihn den Blicken entzog, noch ehe er in die himmlische Herrlichkeit einging, ist geschehen, damit die Jünger sich innerhalb ihrer Schranke halten und nicht weiter forschen sollten. Auch wir sollen uns mit ihnen belehren lassen, dass unser Scharfsinn nicht ausreicht, zur Höhe der Herrlichkeit Christi emporzusteigen. Die Wolke soll eine Schranke sein, die unsere Kühnheit zurückhält, gleichwie unter dem Gesetz die Rauchsäule, welche den Eingang der Stiftshütte erfüllte.

V. 10. Zwei Männer. So werden die Engel um ihrer Gestalt willen genannt. Mochten sie, worüber ich nach keiner Richtung hin etwas behaupten will, wirklich mit menschlichen Leibern bekleidet gewesen sein, so waren sie doch ganz sicher keine Menschen. Weil aber diese Ausdrucksweise in der heiligen Schrift, besonders im ersten Buch Mose, häufig vorkommt, halte ich mich nicht länger dabei auf. Weiße Kleider sind das Zeichen seltener und beachtenswerter Würde. Dadurch wollte Gott die Engel von der Schar der Menschen auszeichnen und die Aufmerksamkeit der Jünger für ihre Rede wecken. Auch wir sollen heute noch daraus abnehmen, dass diese ihre Schauung göttlichen Ursprungs war.

V. 11. Ihr Männer von Galiläa. Auch dies musste die Aufmerksamkeit erregen, dass sie als Unbekannte und niemals gesehene Leute von den Engeln wie Bekannte angesprochen werden. Ungerecht scheint aber die tadelnde Frage: Was stehet ihr und sehet gen Himmel? Denn an welcher passenderen Stelle sollte man Christus suchen? Weist uns die Schrift nicht immer wieder dorthin? Aber nicht darum werden die Jünger getadelt, dass sie ihre Augen aufheben, sondern dass sie mit ihren Augen Christus suchen, obwohl doch die soeben zwischengeschobene Wolke allen Sinnen des Körpers verbieten wollte, nach ihm zu forschen. Zum andern, dass sie auf eine baldige Rückkehr hofften, um Jesu Anblick wieder zu genießen, während er doch auffuhr, um im Himmel zu bleiben, bis er zum zweiten Male als Richter der Welt erscheinen wird. Darum sollen wir aus dieser Stelle lernen, dass man Christus sowohl im Himmel als auf Erden nur im Glauben suchen und nicht auf eine körperliche Gegenwart rechnen darf, mit der er bei uns in der Welt weilen sollte. Wer sich an solche Dinge hält, wird sich nur immer weiter von ihm entfernen. So wird die Verwunderung der Jünger nicht schlechthin getadelt, sondern nur, weil sie sich durch die Neuheit der Sache bestürzt machen ließen, wie wir ja oft zur Größe der Werke Gottes uns in unüberlegter Stimmung hingezogen fühlen, aber uns nicht Mühe geben, ihren Zweck zu erwägen.

Dieser Jesus usw. Der Satz hat zwei Glieder. Zuerst wird gesagt, dass Jesus aufgenommen ist gen Himmel; so soll man ihn nicht mit törichtem Wunsch wieder auf die Erde zurückziehen. Zum Trost wird aber sofort das andere hinzugefügt: er wird zum zweiten Mal kommen. Aus diesen beiden verbundenen Stücken und aus jedem einzelnen besonders lässt sich ein unwiderleglicher Beweis wider die Papisten und jeden andern entnehmen, der von einer fleischlichen Gegenwart Christi in den Zeichen des Brotes und Weines träumt. Denn wenn Christus in den Himmel aufgenommen ward, haben wir doch gewiss an eine örtliche Entfernung zu denken. Freilich wird das Wort „Himmel“ in verschiedenem Sinne gebraucht: bald für die Luft, bald für den ganzen oberen Weltenraum, bald für Gottes herrliches Reich, in welchem Gottes Majestät ihren eigentlichen Sitz hat, obwohl sie die ganze Welt erfüllt. Unter diesem Gesichtspunkt sagt Paulus (Eph. 4, 10), dass Christus über alle Himmel aufgefahren sei: denn er ist erhaben über die Welt und nimmt an jener Stätte seliger Unsterblichkeit die oberste Stufe ein, ragt über alle Engel empor, deren Haupt er ist. Damit stimmt dennoch zusammen, dass er sich von uns entfernt hat; und eben die Erinnerung an den Himmel deutet auf sein Scheiden aus der Welt. Darum wollen die Engel der Sehnsucht nach einer fleischlichen Gegenwart entgegenwirken und kündigen an, dass man Christus vor seiner zweiten Ankunft körperlich nicht wieder erwarten darf. Diesem Schluss glaubt man sich freilich in spitzfindiger Weise entziehen zu können, indem man sagt: dann werde Christus in sichtbarer Gestalt erscheinen, jetzt aber komme er täglich unsichtbar. Indessen ist von der Gestalt hier keine Rede: die Apostel werden lediglich daran erinnert, dass man Christus im Himmel lassen muss, bis er am letzten Tage erscheinen wird. Das Begehren nach seiner körperlichen Gegenwart wird als töricht und verkehrt verurteilt. Denn dass man ihm einen unbegrenzten Leib zuschreibt, ist ein alberner und verwerflicher Traum. Bei alledem bekenne ich mit Freudigkeit, dass Christus zum Himmel aufgestiegen ist, um alles zu erfüllen; er durchdringt aber allem mit der Kraft seines Geistes, nicht mit der Substanz seines Fleisches. Ich bekenne des Weiteren, dass er im Wort und in den Sakramenten uns gegenwärtig ist; ohne Zweifel wird auch seines Fleisches und Blutes teilhaftig, wer die Zeichen derselben im Glauben empfängt. Aber diese Gemeinschaft ist etwas ganz anderes, als was die Papisten träumen.

Indem Christus uns im heiligen Mahle das Brot darreicht, lockt er uns aufwärts zum Himmel, damit wir durch den Glauben Leben aus seinem Fleisch und Blut schöpfen. Wenn sein Fleisch uns lebendig machen soll, so wird es nicht etwa in uns übergeführt, sondern lässt durch verborgenes Wirken des heiligen Geistes seine Kraft in uns ausstrahlen.

Wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Ich sagte schon, dass dieser tröstliche Hinweis auf Christi Wiederkunft die Traurigkeit über seinen Abschied lindern, ja ganz vertreiben soll. Denn zugleich müssen wir an den Zweck der Wiederkunft denken; Christus wird als Erlöser erscheinen, der uns zu sich in die selige Unsterblichkeit nimmt. So kann allein das Harren auf ihn die unzeitige Sehnsucht unseres Fleisches zähmen, in allen Widrigkeiten unsere Geduld aufrecht halten und unsern Überdruss heilen. Diese Wirkung ergibt sich bei den Gläubigen, die Christi als ihres Erlösers gewiss sind; den Gottlosen erweckt der Gedanke an seine Wiederkunft nur das Gefühl des Schreckens und Entsetzens. Mögen sie dabei jetzt spotten; sie werden ihn, über dessen Worte sie sich jetzt erhaben dünken, dereinst als Richter auf seinem Stuhle sehen müssen.

12 Da wandten sie um gen Jerusalem von dem Berge, der da heißet Ölberg, welcher ist nahe bei Jerusalem, und liegt einen Sabbatweg davon. 13 Und als sie hineinkamen, stiegen sie auf den Söller, da denn sich aufhielten Petrus und Jakobus, Johannes und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, des Alphäus Sohn, und Simon Zelotes und Judas, des Jakobus Sohn. 14 Diese alle waren stets beieinander einmütig mit Beten und Flehen samt den Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Im Übergang zu einer andern Geschichte wird erzählt, dass die Jünger nach ihrer Rückkehr nach Jerusalem in einem einzigen Gemach beisammen waren. Ein Söller war ein Obergemach, welches man an Fremde zu vermieten pflegte, während der Besitzer des Hauses den unteren, bequemeren Teil für sich behielt. So deutet Lukas mit diesem Worte an, dass die Jünger auf einen engen Raum zusammengedrängt waren. Und doch veranlasste sie diese Unbequemlichkeit nicht, sich voneinander zu trennen. Sie hätten ja dann viel bequemer leben können; aber es wäre doch nicht recht gewesen, vor Empfang des heiligen Geistes auseinander zu gehen. Die genaue Angabe der Entfernung lässt die Geschichte umso glaubwürdiger erscheinen. Ein Sabbatweg betrug 2000 Schritte; dies stimmt zusammen mit der Angabe des Johannes (11, 18), dass Jerusalem von Bethanien 15 Stadien entfernt war, was ungefähr 1900 Schritte ausmacht. Und der Ölberg lag seitwärts von Bethanien. Das Gesetz enthielt keine Anordnung über den Sabbatweg, sondern nur über die Sabbatruhe; aber weil die Juden sich nicht leicht von ihren Geschäften am Sabbat abhalten ließen - wie denn der Herr klagt, dass sie Lasten durch die Tore trugen (Jer. 17, 24) - so wird man anzunehmen haben, dass zur Einschränkung dieser frechen Willkür eine allgemeine Versammlung von Priestern oder Schriftgelehrten die betreffende Verordnung gab.

Da denn sich aufhielten usw. Die Meinung wird nicht sein, dass sie dort wohnten, sondern dass sie sich dieses gemieteten Raumes bedienten, sich zu versammeln, bis der heilige Geist käme. Dass die Papisten den Primat des Petrus damit begründen wollen, dass er hier an erster Stelle unter den Aposteln genannt wird, ist lächerlich. Gewiss war er der erste unter den Zwölfen, aber darum doch nicht der ganzen Welt. Wollte man solchen Schluss darauf gründen, dass sein Name im Apostelverzeichnis zuerst genannt wird, so könnte ich umgekehrt auch den Schluss ziehen, den sie gewiss nicht zulassen würden, dass die Mutter Christi die geringste unter den Weibern sei, weil sie hier an letzter Stelle steht. Doch lassen wir dies und achten lieber auf die Absicht des Lukas. Da die Jünger schmählich von Christus geflohen und auseinander gelaufen waren, wohin einen jeden seine Furcht trieb, so hätten sie um dieser feigen Fahnenflucht willen verdient, ihre Ehrenstellung zu verlieren. Damit wir also wissen, dass sie unter des Herrn Leitung wieder gesammelt und zu ihrer Stufe wieder erhoben wurden, verzeichnet Lukas den Namen jedes einzelnen.

V. 14. Samt den Weibern. Ich möchte fast übersetzen: samt ihren Weibern. Denn wenn nach dem Zeugnis des Paulus (1. Kor. 9, 5) die Apostel später von ihren Ehefrauen begleitet waren, so ist nicht wahrscheinlich, dass sie sich gerade jetzt von ihnen getrennt hätten. Es war ja viel leichter, an einem Orte mit ihnen ruhig zu bleiben, als auf der Reise fortwährend den Ort zu wechseln. Sollten die Apostel, da sie die nahe Ankunft des Geistes erwarteten, ihre Frauen von der Teilnahme an solch großem Gut ausgeschlossen haben? Das Weib des Petrus sollte alsbald seine Gehilfin werden; ebenso wird es mit den übrigen gewesen sein. Dazu bedurften jene Frauen heroische Stärke und Beständigkeit, um nicht zu ermatten. Sollte man glauben, dass die Männer sie dahinten gelassen hätten, als sie auf die Kraft des Geistes warteten? Will man also an Weiber ganz allgemein denken, so scheint es mir doch vernünftig, die Eheweiber darunter wenigstens mitzubefassen. Wie dem auch sei, Lukas will daran erinnern, welche Umwandlung zum Besseren die Herzen erfahren hatten. Waren vorher die Männer voll Furcht geflohen, so haben sich jetzt mit ihnen auch die Weiber gesammelt und fürchten keine Gefahr. Auch die Mutter Jesu war unter ihnen, von der wir doch wissen (Joh. 19, 27), dass Johannes sie zu sich in sein Haus genommen hatte. Aber wir hörten ja, dass sie nur für kurze Zeit sich sammelten. Später sind sie ohne Zweifel auseinander gegangen. Zu den Brüdern rechneten die Hebräer bekanntlich alle Verwandten.

Diese alle waren beieinander. Diese Beschreibung zeigt, wie ihre Seele auf die Erwartung des Geistes gespannt war. Denn ihr Beten zielte eben darauf, dass Christus seinen Geist senden möge, wie er verheißen hatte. Ein echter Glaube ist also nur der, der uns zur Anrufung Gottes reizt. Die Gewissheit des Glaubens ist ja ganz etwas anderes als Sorglosigkeit. Der Herr macht uns nicht dazu seiner Gnade gewiss, damit unsere Seele sich in stumpfe Gleichgültigkeit verliere, sondern damit er sie zu eifrigem Gebet treibe. Das Beten ist auch nicht ein Anzeichen des Zweifels, sondern vielmehr ein Zeugnis der Zuversicht. Wir erbitten ja vom Herrn, er möge auf unser Gebet hin schenken, was er, wie wir sicher wissen, uns verheißen hat.

So sollen auch wir nach dem Beispiel der Jünger am Gebet anhalten, um täglich neuen Zufluss des Geistes zu empfangen. Zufluss sage ich; denn mit den Erstlingen müssen wir bereits beschenkt sein, um überhaupt beten zu können. Denn nur der Geist, der nicht nur die Worte uns eingibt, sondern auch die Stimmung des Herzens lenkt (Röm. 8, 26), kann uns in rechter Weise beten lehren. Im Übrigen weist Lukas noch auf zwei Stücke hin, die zum rechten Beten gehören: sie trieben es stets und einmütig. Es war dies eine Übung ihrer Geduld, dass Christus sie eine Zeitlang in gespannter Erwartung hielt, obwohl er ihnen den Geist sofort hätte senden können. So lässt uns Gott oft warten und müde werden, um uns zum Ausharren zu erziehen. Überstürzung im Gebet ist sündhaft und schädlich; wir sollen uns nicht wundern, wenn der Herr züchtigend gegen sie einschreitet. Wollen wir nicht vergeblich beten, so dürfen wir uns durch keinen Verzug ermüden lassen. Was sodann die Einmütigkeit angeht, so steht sie im Gegensatz zu der Zerstreuung, wie sie die Furcht herbeigeführt hatte. Doch können wir hier auch ganz im Allgemeinen lernen, wie nötig sie beim Beten ist. Lehrt doch auch Christus den einzelnen für den ganzen Körper und gleichsam im Namen der Gesamtheit beten: Unser Vater, gib uns usw. Woher anders kommt diese Einigkeit der Zungen als von dem einen Geist? Wenn darum Paulus Juden und Heiden einen Fingerzeig zum rechten Beten geben will (Röm. 15, 5 f.), so bringt er allen Streit zum Schweigen, damit wir „einmütiglich mit einem Munde“ Gott loben. Sicherlich ist es so: sollen wir Gott als Vater anrufen, so müssen wir Brüder sein und brüderlich zusammenstimmen.

15 Und in den Tagen trat auf Petrus unter die Jünger und sprach (es war aber eine Schar zuhauf bei hundertundzwanzig Namen): 16 Ihr Männer und Brüder, es musste die Schrift erfüllet werden, welche zuvorgesagt hat der heilige Geist durch den Mund Davids von Judas, der ein Vorgänger war derer, die Jesum singen; 17 denn er war mit uns gezählet, und hatte dies Amt mit uns überkommen. 18 (Dieser hat gewonnen den Acker um den ungerechten Lohn, und ist abgestürzt und mitten entzwei geborsten, und all sein Eingeweide ausgeschüttet. 19 Und es ist kundgeworden allen, die zu Jerusalem wohnen, also dass derselbige Acker genannt wird auf ihre Sprache: Hakeldama, das ist, ein Blutacker.) 20 Denn es stehet geschrieben im Psalmbuch: „Seine Behausung müsse wüste werden, und sei niemand, der drinnen wohne“, und: „Sein Bistum empfahe ein andrer.“ 21 So muss nun einer unter diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, welche der Herr Jesus unter uns ist aus und ein gegangen, 22 von der Taufe des Johannes an bis auf den Tag, da er von uns genommen ist, ein Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden.

V. 15. An die Stelle des Judas musste Matthias gesetzt werden, damit es nicht scheine, als sei durch die Untreue eines einzigen Menschen zusammengestürzt und umgerissen, was Christus einmal verordnet hatte. Es hatte ja seinen guten Sinn, dass er gleich im Anfang zwölf Männer als die ersten Verkündiger seines Evangeliums erwählte. Wenn er verkündet, dass sie die zwölf Stämme Israels richten sollen (Mt. 19, 28), so erkennt man die Absicht, dass sie die über den ganzen Erdkreis zerstreuten Stämme Israels zur Einheit des Glaubens sammeln sollten. Nachdem aber die Juden die ihnen angebotene Gnade verachtet hatten, musste das Israel Gottes auch aus allen Heiden gesammelt werden. Es handelt sich also gleichsam um eine heilige Zahl; wäre dieselbe durch das Verbrechen des Judas vermindert worden, so würde auch die Predigt des Evangeliums bis zur Stunde an Glaubwürdigkeit verloren haben; sie hätte ja ihren Lauf, sozusagen, mit Hinken begonnen. Obwohl also Judas an seinem Teil Christi Einsetzung schädigte, blieb sie doch fest und unverletzt bestehen. Er selbst ging zugrunde, wie er es verdiente; das Amt der Apostel aber blieb unversehrt.

Bei hundertundzwanzig Namen. Gemeint werden nicht bloß die Männer sein, unter deren Namen die Weiber mitbegriffen wurden, sondern alle einzelnen Häupter oder, wie man sagt, Seelen. Die Zahlenangabe will ausdrücken, dass damals alle versammelt waren, die sich sonst auch wohl entfernten, als Petrus seine Ansprache hielt. Da es sich um eine ernste Sache handelte, trat auf Petrus, nachdem man die ganze Gemeinschaft berufen hatte.

V. 16. Es musste die Schrift erfüllet werden. Daran erinnert Petrus, damit niemand sich durch den schrecklichen Fall des Judas beirren lasse. Denn es schien ein schwerer Anstoß, dass ein Mann, den Christus zu einem so herrlichen Amt ausgesondert, sofort bei Beginn seines Laufes so schmählich zu Fall kam. So ist es auch für uns allezeit nützlich, dass wir den Weissagungen der Schrift die Ehre geben und sie zur Stillung unserer Unruhe bei unerwarteten Zufällen dienen lassen. Denn nichts verwirrt uns schlimmer, als wenn wir bei den eigenen Gedanken hängen bleiben und uns dadurch selbst Anstöße schaffen. Der Herr seinerseits wäre bereit, sie zu heben, wenn nur dies eine uns feststände, dass nichts widersinnig sein kann, was er vorausgesehen, beschlossen und sogar vorausgesagt hat, um uns zu stärken. Indessen wird Judas nicht etwa schuldlos, weil sein Falle geweissagt war; denn er fiel nicht durch Antrieb der Weissagung, sondern durch die Bosheit seines Herzens. Die Rede des Petrus hat nun zwei Glieder. Zuerst begegnet er dem Anstoß, der frommen Gemütern aus dem Sturz des Judas erwachsen konnte; ja er zieht die mahnende Folgerung, dass die übrigen lernen sollen, den Herrn zu fürchten. Zum andern schlägt er vor, was noch übrig bleibt, dass nämlich ein anderer an seine Stelle gewählt werde. Beides bekräftigt er mit einem Schriftzeugnis.

Welche zuvorgesagt hat der heilige Geist. Es dient zur Verstärkung des Ansehens der heiligen Schrift, wenn wir durch derartige Wendungen daran erinnert werden, dass David und alle Propheten unter ausschließlicher Leitung des Geistes redeten, dass nicht sie die Urheber ihrer Weissagungen sind, sondern der Geist, der sich ihrer Zunge als seines Werkzeugs bediente. Da unsere Gleichgültigkeit der Schrift die schuldige Ehrfurcht oft verweigert, so sollten wir fleißig solche Wendungen uns einprägen und uns an sie halten, damit wir zur Stärkung unseres Glaubens immer wieder die Autorität Gottes uns vergegenwärtigen.

V. 17. Denn er war mit uns gezählet usw. Aus diesem Hinweis folgt, dass der Organismus verstümmelt sein würde, wenn dies eine Glied fehlte. Freilich war es eine erstaunliche Sache, dass er von der erhabenen Ehrenstufe, zu welcher Christus ihn erhoben hatte, in solches Verderben herabgestürzt wurde. Dieser Umstand macht sein Verbrechen besonders schrecklich und mahnt die übrigen, sich zu hüten und zu fürchten. Ohne Zweifel war die Erinnerung an Judas den Jüngern traurig und bitter. Aber absichtlich spricht Petrus von seinem erhabenen Amt, damit man umso ernstlicher und sorgfältiger Abhilfe schaffe.

V. 18. Dieser hat usw. Wahrscheinlich hat Lukas diese Erzählung über das Ende des Judas eingefügt; ich habe sie darum in Klammern gesetzt, damit sie sich von der Predigt des Petrus abhebe. Denn wie hätte Petrus selbst dazu kommen sollen, den Jüngern eine bekannte Sache vorzutragen? Auch passt in seinen Mund nicht die Übertragung aus der hebräischen Sprache in die griechische (V. 19). Damit also die Worte des Petrus den Lesern, welche die Tatsache noch nicht kannten, nicht undurchsichtig blieben, hat Lukas seinerseits die Sätze über den Tod des Judas zwischengeschoben. Dass Judas den Acker gewonnen hat, will nicht besagen, dass er selbst ihn kaufte; er wurde ja erst nach seinem Tode gekauft (Mt. 27, 7). Vielmehr war die Meinung des Lukas, dass diese Begräbnisstätte mit dem Merkmal ewiger Schande, welche Judas nun hatte oder bekam, der Lohn für sein treuloses Verbrechen war. Um die dreißig Silberlinge hat er eigentlich nicht Christus, sondern sein apostolisches Amt verkauft. Das Geld konnte er nicht behalten, sondern nur den Acker. Weiter geschah es durch Gottes wunderbare Vorsehung, dass der im Volk geläufige Name Blutacker ein öffentliches Denkmal der Schande für die Priester wurde, die unschuldiges Blut von dem Verräter gekauft hatten. Lukas, der selbst ein Grieche war, sagt, dass die Hebräer den Acker auf ihre Sprache nannten: Hakeldama.

V. 20. Denn es stehet geschrieben im Psalmbuch. Die Autorität der Schrift muss den Anstoß heben, den sonst der Hingang des Judas bereitet hätte. Es scheint aber, als wäre die Stelle aus dem 69. Psalm (V. 26) gewaltsam umgedeutet; denn David redet in der Mehrzahl und flucht nicht einem Menschen, sondern seinen Feinden. Wie konnte Petrus dies auf Judas beziehen? Es diene zur Antwort, dass was David dort von sich selbst sagt, die Lage des Reiches Christi beschreiben will. Jener Psalm entwirft ein allgemein gültiges Bild der ganzen Gottesgemeinde, welche ja der Leib des Sohnes Gottes ist. Darum musste sein Inhalt am Haupte selbst erfüllt werden, von welcher Erfüllung die Evangelisten nun berichten. Wenn also David auch die ganze Gemeinde mit befasst, so macht er doch den Anfang mit dem Haupt, beschreibt also vornehmlich, was Christus von den Gottlosen leiden sollte. Lehrt uns doch Paulus (Kol. 1, 24), dass alle Leiden der Heiligen zu den Trübsalen Christi gehören und auf deren vollständige Durchführung abzielen. Sicherlich hat David, oder vielmehr der Geist Gottes, der durch seinen Mund die ganze Gemeinde lehren wollte, diese Verknüpfung beobachtet. Was aber die Verfolger Christi im allgemeinen tun, wird mit Recht auf ihren Anführer übertragen, dessen gottloses Verbrechen ebenso hervorragt, wie seine Strafe handgreiflich und denkwürdig sein muss. Sollte man aber wiederum einwenden, dass der Psalm verwünschende Gebete, nicht Weissagungen enthält, dass also Petrus vergeblich schließt, er müsse erfüllt werden, so ist die Antwort leicht. Denn David ließ sich nicht durch sündhafte, fleischliche Stimmung zum Rachegebet treiben, sondern durch den Geist. Was er unter seiner Anregung betete, hat also das Gewicht einer Weissagung; denn der Geist erbittet nur, was Gott zu leisten bei sich beschlossen hat, und was er auch uns versprechen will.

Sein Bistum, d. h. sein Aufsichtsamt, empfahe ein anderer. Das Gebet geht nicht bloß dahin, dass dem Gottlosen sein Leben, sondern dass ihm auch seine Ehre genommen werde (Ps. 109, 8), und damit die Strafe verdoppelt erscheint, soll ein anderer an seine Stelle treten. Zwischen den Zeilen können wir auch lesen, dass der bundbrüchige und verbrecherische Mensch, von dem die Rede ist, nicht dem gemeinen Volk angehört, sondern mit einer Würde begabt ist, aus der er doch herausfallen wird. Übrigens können wir aus dieser Stelle lernen, dass den Gottlosen ihre Verfolgung der Gemeinde Gottes nicht ungestraft hingehen wird. Denn solch unglückliches Ende wartet ihrer aller.

V. 21. So muss nun usw. Weil sich die Jünger mit dem Aufbau der Gemeinde betraut wussten, zieht Petrus mit Recht den Schluss, dass sie auszuführen haben, was sie als dem Herrn wohlgefällig erkannten. Da Gott unseren Dienst gebrauchen will, seine Gemeinde zu regieren, so dürfen wir nicht säumen, wacker durchzuführen, was im Bereiche unseres Amtes liegt, sobald wir über Gottes Willen gewiss geworden sind. Indem nun Petrus von der Wahl eines Apostels spricht, erklärt er, dass ein solcher ein Zeuge der Auferstehung Christi sein müsse. Es gehört also zum Dienst eines Apostels unweigerlich die Verkündigung des Evangeliums. Petrus fordert zudem, um die Glaubwürdigkeit zu vermehren, Augenzeugenschaft, wie auch Johannes von sich sagt (19, 35): „Der das gesehen hat, der hat es bezeugt.“ Dabei bindet doch Petrus sich und seine Amtsgenossen an die Notwendigkeit des Lehrens, wenn er sie zu Herolden der Auferstehung Christi macht. Die Auferstehung nennt er, nicht als sollten sie von ihr allein zeugen, sondern erstlich, weil unter ihr die Predigt vom Tode Christi mitbegriffen ist; sodann haben wir an ihr das Ziel und die Vollendung unserer Erlösung.

Sie zieht auch Christi himmlisches Reich und sein mächtiges Geisteswalten nach sich, mit welchem er die Seinen schützt, Recht und Gerechtigkeit schafft, seine Ordnung aufrichtet und auf der andern Seite die Herrschaft der Sünde zerbricht, sowie alle Feinde der Gemeinde niederschlägt. Wir sollen also wissen, dass der Hinweis auf die Auferstehung keineswegs ausschließt, was notwendig mit ihr zusammenhängt. Sie wird vor den anderen Stücken genannt, weil sie das Hauptstück des Evangeliums ist, wie auch Paulus lehrt (1. Kor. 15, 17). Aber waren nur die Apostel Zeugen der Auferstehung? Hatten nicht auch die andern Jünger den gleichen Auftrag? Petrus will aber die Apostel nur besonders ehren, weil sie zunächst mit der Ausrichtung dieser Botschaft betraut waren; sie standen jedoch nicht allein, sondern nur an der Spitze.

Von der Taufe des Johannes an. Dies deutet auf den Zeitpunkt, in welchem Christus zuerst der Welt sich bekannt gab, nachdem er ungefähr bis zum dreißigsten Jahre als ein Privatmann im Verborgenen lebte. Denn er wollte sich nur insoweit erkennen lassen, als es für unser Heil nützlich war. Als der Zeitpunkt kam, das ihm vom Vater auferlegte Amt anzutreten, trat er wie ein neuer und soeben geborener Mensch auf. Hier kann jedermann ersehen, wie sehr dies zur Zügelung unserer Neugier dient.

Sicherlich hätte das ganze Leben Christi ein bewundernswürdiger Spiegel mehr als vollendeter Vollkommenheit sein können; aber er wollte den größten Teil seines Lebens verhüllen und verdecken, um uns bei der Versenkung in das festzuhalten, was zu erkennen unerlässlich ist. Wer sollte nun wagen, über Christus hinauszuschweifen, da er selbst sich zur Erbauung unseres Glaubens nur in bestimmter Beschränkung zu erkennen gibt? Dass der zu wählende Apostel mit den Jüngern aus und ein gegangen sein soll, besagt, dass er mit ihnen in Lebensgemeinschaft gestanden haben muss. In diesem Sinne heißt es von den Bewohnern einer Stadt, dass sie durch ihre Tore aus und ein gehen, - wie auch Jesus sagt (Joh. 10, 9): „So jemand durch mich eingeht, der wird ein und aus gehen und Weide finden.“

23 Und sie stelleten zwei, Joseph, genannt Barsabas, mit dem Zunamen Just, und Matthias, 24 beteten und sprachen: Herr, aller Herzen Kündiger, zeige an, welchen du erwählet hast unter diesen zweien, 25 dass einer empfahe diesen Dienst und Apostelamt, davon Judas abgewichen ist, dass er hinginge an seinen Ort. 26 Und sie warfen das Los über sie; und das Los fiel auf Matthias; und er ward zugeordnet zu den elf Aposteln.

V. 23. Und sie stelleten zwei. Da nur ein Ersatzmann für Judas zu bestellen war, lässt sich fragen, warum sie zwei ins Auge fassen. Waren die beiden etwa in einem Grade gleichwertig, dass sie nicht unterscheiden konnten, wer geeigneter wäre? Vielmehr wurde das Los angewandt, um kundzutun und zu bezeugen, dass Matthias nicht durch menschliche Stimmen erwählt, sondern durch göttliches Urteil eingesetzt ward. Denn darin unterscheiden sich die Apostel von den Pastoren, dass sie göttlich berufen werden mussten, während diese einfach von der Gemeinde gewählt werden. Unter diesem Gesichtspunkt bekräftigt Paulus im Eingang des Galaterbriefes, dass er ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch Menschen sei. Entsprechend der einzigartigen Würde des Amtes ziemte es sich also bei der Wahl des Matthias, dass man dem Herrn das oberste Urteil überließ, wenn auch Menschen dabei das Ihre taten. Christus hatte die anderen durch seinen Ruf bestimmt. Wäre nun Matthias nur durch menschliche Wahl in ihren Kreis eingetreten, so hätte er eine geringere Autorität besessen. So ergab sich der Ausweg, dass die Jünger ihre trefflichsten Leute dem Herrn anboten, er selbst aber für sich annahm, den er als den Geeignetsten erkannte. So verkündet Gott durch den Ausfall des Loses, dass ihm Matthias als Apostel angenehm ist. Doch scheint es vorwitzig und verkehrt, dass die Jünger eine so wichtige Sache dem Los anvertrauen.

Welche Gewissheit konnte dies bieten? Ich antworte, dass sie nur unter Antrieb des Geistes zum Los ihre Zuflucht nahmen. Wenn dies Lukas auch nicht ausdrücklich sagt, so will er doch den Jüngern nicht etwa Eigenmächtigkeit vorwerfen; da er vielmehr erzählt, dass Gott diese Wahl als rechtmäßig anerkannte, so zweifle ich nicht, dass sie diesen Weg unter der Leitung des heiligen Geistes betraten.

V. 24. Beteten und sprachen usw. Das Gebet wird nicht wörtlich, sondern nur in seinem Hauptinhalt mitgeteilt; weil beide Männer ein bewährtes Leben führten, ja sich durch Heiligkeit und andere Tugenden auszeichneten, so bitten die Jünger, dass Gott, der allein die Rechtschaffenheit des Herzens kennt, auf die es doch vor allem ankommt, ans Licht bringe, was Menschen verborgen ist. So haben wir auch heute zu bitten, wenn es sich um eine Pastorenwahl handelt. Gewiss sind nicht immer zwei statt eines aufzustellen; da wir aber nur zu leicht der Täuschung unterliegen und die Unterscheidung der Geister eine Gabe des Herrn ist, so müssen wir immer Gott bitten, er möge uns zeigen, wen er zum Diener haben will, und unsre Überlegungen leiten. Wir können hier auch entnehmen, dass bei der Wahl von Pastoren das stärkste Gewicht auf ein unbescholtenes Leben fallen muss, ohne welches Bildung, Beredsamkeit und alle sonst erdenklichen Vorzüge in Rauch aufgehen.

V. 25. Diesen Dienst und Apostelamt. Weil das Wort „Dienst“ einen geringen Klang hat, wird das „Apostelamt“ hinzugefügt, welches würdiger lautet. Nach einem der Schrift geläufigen Sprachgebrauch ließe sich vielleicht am klarsten sagen: „Dienst des Apostelamts.“ Ohne Zweifel will Lukas neben der Last auch auf die Ehre des Amtes hinweisen, um demselben Ehrfurcht und Ansehen zu verschaffen; zugleich aber will er daran erinnern, dass die Apostel zu einer arbeitsreichen Aufgabe berufen werden.

V. 26. Und sie warfen das Los. Die Leute, die jedes Losen für Unrecht halten, haben zum Teil keine Erfahrung, zum Teil fassen sie nicht, was der Name besagt. Es gibt ja nichts, was nicht menschliche Eitelkeit und Frechheit verderben könnte. So ist es auch geschehen, dass man das Los in abergläubischer Weise missbrauchte. Aus dem Lose zu wahrsagen, ist ja vollkommen teuflisch. Wenn aber Beamte ihre Arbeitsgebiete, oder Geschwister ihr Erbe auslosen, so ist dies eine erlaubte Sache. Dies bezeugt Salomo deutlich, indem er dem Herrn den Ausgang zuschreibt (Spr. 16, 33): „Los wird geworfen in den Schoß; aber es fällt, wie der Herr will.“ Um des Missbrauchs willen wird diese Einrichtung an sich nicht verwerflicher als die echte Sternkunde durch die eitle Sterndeuterei.

Das Los fiel auf Matthias. So geschah, was niemand erwartete; denn aus dem Vorangehenden lässt sich schließen, dass man ihn hinter den andern zurückstellte. Erstlich stellte man den Joseph, genannt Barsabas, an die Spitze; zum andern deutet auch dieser Doppelname auf eine besondere Schätzung. Barsabas heißt: Sohn des Schwurs oder des Friedens; so wird er genannt worden sein, weil er ein Beispiel unanfechtbarer Zuverlässigkeit oder aber ein sanfter und bescheidener Geist war. Er also war nach Menschenurteil der erste; aber Gott hat ihm den Matthias vorgezogen. Ein Fingerzeig, dass wir uns nicht rühmen dürfen, wenn uns die Meinung der Menschen bis zum Himmel erhebt und ihre Stimmen uns die höchsten Vorzüge zusprechen; vielmehr soll dies unsre Sorge sein, dass wir uns dem Herrn empfehlen, der allein der zuständige Richter ist, durch dessen Urteil wir stehen oder fallen. Auch dies lässt sich oft beobachten, dass Gott Leute übergeht, die in den Augen der Menschen hervorragen, um jeden Stolz des Fleisches niederzuschlagen.

Dass Matthias zu den elf Aposteln zugeordnet ward, wehrt allem Verdacht ab, als hätte man mit dem Losen vorwitzig gehandelt. Die Gemeinde nahm den, auf welchen das Los gefallen war, als den von Gott Erwählten an.

Kapitel 2.

1 Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle einmütig beieinander. 2 Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel, als eines gewaltigen Windes, und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilet wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; 4 Und wurden alle voll des heiligen Geistes, und fingen an, zu predigen mit andern Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

V. 1. Als der Tag der Pfingsten erfüllet, d. h. gekommen war. Wiederum gibt Lukas der Beständigkeit der Jünger ein gutes Zeugnis, indem er berichtet, dass sie bis zur bestimmten Zeit beieinander blieben, und zwar einmütig. Weshalb übrigens der Herr die Ankunft des Geistes um ein und einen halben Monat hinausschob, haben wir schon gesagt. Es lässt sich aber fragen, warum die Sendung gerade an diesem Tage erfolgte. Ich will die Parallele, welche Augustin zieht, nicht anfechten: wie dem Volk des alten Bundes fünfzig Tage nach dem Passah das Gesetz gegeben wurde, von Gottes Hand in steinerne Tafeln geschrieben, so hat der Geist, der das Gesetz in unsere Herzen schreiben soll, ebenso viele Tage nach der Auferstehung Christi, des wahren Passahlammes (1. Kor. 5, 7), erfüllt, was im Gesetz nur bildlich dargestellt war. Gewiss erscheint mir aber, dass das Wunder an einem festlichen Tage, an welchem eine ungeheure Menschenmenge in Jerusalem zusammenzuströmen pflegte, geschehen und dadurch bekannter werden sollte. Sicherlich wurde es durch diese Gelegenheit bis an die äußersten Grenzen der Erde ausgebreitet, wie wir bald sehen werden. In derselben Absicht ist auch Christus oft zu den Festtagen nach Jerusalem gegangen, um seine Wunder in weiteren Kreisen bekannt zu machen und dadurch für eine größere Zahl von Menschen seiner Lehre Frucht zu schaffen (Joh. 2, 13 ff. usw.).

Auch von Paulus wird Lukas berichten, dass er sich eilte, vor Pfingsten nach Jerusalem zu kommen (Apg. 20, 16), nicht aus religiöser Peinlichkeit, sondern weil er bei dem großen Zufluss von Menschen für viele Nutzen schaffen konnte. So wurde dieser Tag für das Wunder um der Zweckmäßigkeit willen ausgewählt: erstlich sollte man es in Jerusalem höher rühmen, weil die Juden jetzt besonders auf die Betrachtung der Werke Gottes gestimmt waren; zum andern sollte die Kunde in entfernte Gegenden dringen. „Pfingsten“, d. h. der fünfzigste Tag, hieß das Fest, weil man von der Darbringung der Erstlingsgarbe an rechnete.

V. 2. Und es geschah schnell usw. Die Gabe musste sichtbar sein, damit die körperliche Empfindung die Jünger desto mehr aufwecke. Denn bei unserer Trägheit für die Erwägung göttlicher Gaben wird deren Kraft unerkannt vorübergehen und verfließen, wenn nicht im Voraus alle unsre Sinne aufgeweckt werden. Es handelte sich also um eine Vorbereitung, welche die Jünger besser erkennen ließ, dass jetzt der von Christus verheißene Geist erscheine. Immerhin geschah das Zeichen weniger um ihret- als um unsertwillen. Dass zerteilte und feurige Zungen erschienen, geschah mehr in Rücksicht auf uns und die gesamte Kirche als auf sie. Gott hätte sie mit der für die Ausbreitung des Evangeliums erforderlichen Fähigkeit ausrüsten können, auch ohne ein Zeichen hinzuzufügen. Sie würden gewusst haben, dass die plötzliche Änderung nicht durch Zufall oder ihr eigenes Bemühen herbeigeführt wurde. Aber die hier berichteten Zeichen sollten allen Jahrhunderten nützen, wie wir denn ihren Nutzen noch heute spüren.

Übrigens haben wir kurz auf die Bedeutung der Zeichen zu achten. Das Brausen vom Himmel soll Schrecken erregen. Denn wir werden zur Aufnahme der göttlichen Gnade erst recht gerüstet, wenn unsere fleischliche Zuversicht gebändigt ist. Wie der Glaube uns den Zugang zu Gott öffnet, so schaffen Beugung und Furcht, dass ihm die Tür zu uns offen steht. Mit stolzen, sicheren und selbstgefälligen Leuten lässt er sich nicht ein. Dass der Wind den Geist bezeichnet, ist bekannt. Denn auch Christus hauchte seine Jünger an, als er ihnen den Geist geben wollte (Joh. 20, 22). Und in der Vision des Hesekiel (1, 4) ist ebenfalls der ungestüme Wind auf den Geist zu deuten. Der Wesensteil in Gott, den man Geist nennt, ist an sich unbegreiflich. Darum beschreibt ihn die Schrift als einen Windhauch; denn es handelt sich um eine Kraft, die Gott gleichsam hauchend in alle Kreaturen ergießt. Die Erscheinung der Zungen (V. 3) entspricht der gegebenen Lage. Denn wie die Gestalt der Taube, die sich auf Christus niederließ, eine seinem Wesen und Amt entsprechende Bedeutung hatte, so wählte Gott auch jetzt ein Zeichen, das zur bezeichneten Sache stimmte; er wollte die Wirkung des heiligen Geistes anschaulich machen, wie sie alsbald durch die Apostel offenbar wurde. Die Verschiedenheit der Zungen oder Sprachen war ein Hindernis für die weitere Verbreitung des Evangeliums. Hätten seine Verkündiger nur eine einzige Sprache besessen, so hätte jedermann geglaubt, Christus solle im Winkel von Judäa eingeschlossen bleiben. Gott aber fand einen Weg, hier durchzubrechen; er teilte die Zungen der Apostel, damit sie durch alle Nationen ausbreiteten, was ihnen anvertraut war. Darin leuchtet Gottes wunderbare Güte, welche in ein Mittel des Segens verwandelte, was eine Strafe für den Stolz der Menschen war. Hatte doch die Verschiedenheit der Sprachen eben darin ihren Anlass, dass die gottlosen und verbrecherischen Anschläge der Menschen verwirrt werden sollten (1. Mos. 11, 7). Nunmehr rüstet Gott die Apostel mit verschiedenen Sprachen aus, um die hierhin und dorthin auseinanderstrebenden Menschen zur seligen Einheit zurückzurufen. Ihre zerteilten Zungen schafften es, dass alle die Sprache Kanaans reden lernten, wie Jesaja (19, 18) geweissagt hatte. Denn welche Sprache sie immer reden, so rufen sie doch alle mit einem Munde und in einem Geist denselben Vater im Himmel an (Röm. 15, 6). Ich sagte, dass dies um unsertwillen geschah, nicht allein weil der Ertrag uns zugute kam, sondern weil wir nun auch wissen können, dass das Evangelium nicht von ungefähr zu uns flog, sondern nach Gottes Verfügung, welcher den Aposteln zu diesem Zweck zerteilte Zungen gab. Es dient zur Bekräftigung des an die Heiden ergangenen Rufs, dass keinem Volk die den Aposteln anvertraute Lehre entzogen werden soll; auch wird dieselbe dadurch glaubwürdiger, indem wir wissen, dass nicht Menschen sie gemacht haben, da ja, wie wir hören, in ihren Zungen der heilige Geist wohnte. Endlich bleibt noch zu sagen, was (V. 3) das Feuer bedeutet. Ohne Zweifel war es ein Zeichen der Wirkungskraft, die sich im Wort der Apostel offenbaren sollte. Denn hätten sie ohne solche Kraft ihre Stimme bis zu den äußersten Grenzen der Welt dröhnen lassen, so hätten sie lediglich ohne Frucht die Luft in Bewegung gesetzt. Darum deutet der Herr darauf hin, dass ihre Stimme feurige Kraft haben wird, die Herzen der Menschen zu entzünden; sie wird das eitle Wesen der Welt verbrennen und verzehren und alles reinigen und erneuern. Die Apostel würden nicht gewagt haben, ein so schwieriges Werk anzugreifen, hätte nicht der Herr sie der Wirkungskraft ihrer Predigt gewiss gemacht. So geschah es, dass ihre Lehre nicht bloß durch die Luft schallte, sondern in die Herzen der Menschen drang und sie mit himmlischer Glut erfüllte. Und diese Gewalt wurde nicht bloß im Wort der Apostel offenbar, sondern zeigt sich noch täglich. Umso mehr sollen wir uns hüten, dass wir nicht Stoppeln seien, wenn das Feuer brennt. Übrigens hat der Herr den heiligen Geist seinen Jüngern einmal unter sichtbarer Erscheinung gegeben, damit wir mit Sicherheit urteilen können, dass der Gemeinde niemals seine unsichtbare und verborgene Gnadenwirkung fehlen werde.

Und er setzte sich usw. Der Satz könnte auch auf das Feuer bezogen werden: es setzte sich. Ich beziehe ihn aber auf den Geist, der ja mit den Zungen zusammenfällt, von denen eben die Rede war. So nennt auch Johannes die Taube den heiligen Geist (Joh. 1, 32), weil unter diesem Zeichen der Herr die Gegenwart seines Geistes bezeugen wollte. Handelte es sich um ein leeres Zeichen, so wäre diese Redeweise ungereimt; wo aber die Sache mit dem Zeichen sich verbindet, da kann man diesem recht wohl den Namen derselben geben; denn das Zeichen bietet uns die Sache sinnenfällig an. Dass (V. 4) alle voll des heiligen Geistes wurden, besagt nicht, dass ein jeder das gleiche Maß von Gaben, sondern dass er eine herrliche Fülle empfing, die für die Ausrichtung seines Amtes ausreichte.

Und fingen an zu predigen. Der Satz gibt an, dass die Wirkung sofort sich zeigte, wie auch, zu welchem Zweck die Zungen gebraucht werden sollten. Wenn nun Lukas alsbald berichtet (V. 6), dass ein jeder der aus verschiedenen Gegenden gekommenen Fremdlinge die Apostel zu seiner Verwunderung mit seiner Sprache reden hörte, so halten manche Ausleger es für wahrscheinlich, dass sie nicht verschiedener Sprachen sich bedienten, sondern dass die verschiedenen Zuhörer, was in einer einzigen Zunge geredet ward, so vernahmen, als hörten sie ihre angeborene Sprache. So wäre ein und derselbe Wortlaut den Zuhörern in verschiedener Weise zugeteilt worden. Petrus habe von den vielen Leuten aus verschiedenen Völkern eine einzige Predigt gehalten, welche seine Rede nicht hätten verstehen können, wäre nicht ein anderer Klang zu ihren Ohren gedrungen, als er von seinem Munde ausging. Ich behaupte aber, dass die Jünger tatsächlich in fremden Zungen geredet haben; denn sonst wäre das Wunder nicht an ihnen, sondern an den Zuhörern geschehen; dann wäre auch die gleichnisartige Veranschaulichung, von der wir hörten, unrichtig, da ja nicht ihnen der heilige Geist gegeben wäre, sondern den andern. Bekanntlich dankt auch Paulus dem Herrn dafür, dass er mit anderen Zungen reden kann (1. Kor. 14, 18). So nimmt er ohne Zweifel für sich in Anspruch, dass er sie verstehe und zu gebrauchen wisse. Er hatte aber diese Fähigkeit nicht durch eigenes Bemühen oder Fleiß erlangt, sondern durch die Gabe des Geistes. Wir sehen daraus, dass es sich um eine besondere Begabung handelt, die nicht jedermann zuteil wurde. Den Aposteln aber war verliehen, die verschiedenen Sprachen zu gebrauchen und zu verstehen, so dass sie mit Griechen griechisch, mit Leuten aus Italien lateinisch reden und mit ihren Zuhörern völlig ungehindert verkehren konnten. Ob noch das zweite Wunder hinzukam, dass Ägypter und Elamiter den chaldäisch redenden Petrus verstehen konnten, als hätte er verschiedene Sprachen geredet, will ich nicht entscheiden. Denn seine Predigt konnte von dem größten Teil der Hörer trotz ihrer sehr verschiedenen Herkunft ohnedies verstanden werden; wahrscheinlich verstanden die meisten der Fremdlinge, die in Jerusalem zusammengeströmt waren, das Chaldäische.

5 Es waren aber Juden zu Jerusalem weilend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. 6 Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen, und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, dass sie mit seiner Sprache redeten. 7 Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? 8 Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen wir geboren sind? 9 Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadocien, Pontus und Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Libyen bei Kyrene und Ausländer von Rom, 11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden. 12 Sie entsetzten sich aber alle, und wurden irre, und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

V. 5. Es waren aber Juden zu Jerusalem weilend. Dass diese Juden als gottesfürchtige Männer bezeichnet werden, soll wohl andeuten, dass sie um der Verehrung Gottes willen nach Jerusalem kamen. Gott hat ja in allen Jahrhunderten nach der Zerstreuung, gleichwie durch eine erhobene Fahne, einen übrig gebliebenen Samen in jener Stadt zusammengeführt, weil noch der Tempel seinen Nutzen hatte. Die Bezeichnung lehrt uns aber auch, welchen Leuten die Wunder wirklichen Nutzen schaffen, die Gott zum Beweise seiner Macht tut. Denn gottlose und unheilige Menschen lachen darüber oder kümmern sich nicht darum, wie wir sofort sehen werden. Außerdem sollten die Zeugen als Leute beschrieben werden, die wegen ihrer Frömmigkeit besonders glaubwürdig sind. Sie stammen nun aus allerlei Volk, also aus sehr verschiedenen und weit voneinander entfernten Gegenden. Werden doch alsbald Länder aufgezählt, die in ungeheurem Abstand voneinander lagen: Libyen und Pontus, Rom und das Partherland, Arabien usw. Dadurch wächst die Größe der Sache. Denn Kreter und Asiaten hätten wegen ihrer nahen Nachbarschaft etwa sprachlichen Austausch pflegen können; so aber stand es nicht zwischen den Bewohnern von Italien und Kappadocien, von Arabien und Pontus. Übrigens war es ein merkwürdiges und äußerst bewundernswertes Werk Gottes, dass er bei der weiten und schrecklichen Zerstreuung des Volks doch allenthalben noch einige Reste bewahrte, ja sogar es bewirkte, dass dem so gebeugten und gleichsam verlorenen Volk manche Fremde sich anschlossen. Alle diese Leute, die weithin in die Verbannung getrieben waren und gleichsam in verschiedenen Welten wohnten, fühlten sich doch durch die Einheit des Glaubens verbunden. Denn nicht umsonst heißen sie fromme und gottesfürchtige Männer.

V. 6. Kam die Menge zusammen. Dies Zusammenströmen wird der Anlass, dass die Verschiedenheit der Sprachen durch den Vergleich sich feststellen lässt und nun umso mehr auffällt. Der Umstand kommt hinzu, dass man allgemein weiß, woher die Apostel stammen und wie sie nie ihr Vaterland verließen, so dass sie fremde Sprachen hätten lernen können. Indem sie nun unterschiedslos, wie es die Gelegenheit bringt, der eine lateinisch, der andere griechisch, wieder ein anderer arabisch reden, auch von einer Sprache in die andere übergehen, wird Gottes Werk ganz besonders eindrücklich.

V. 11. Wir hören sie die großen Taten Gottes reden. Zweierlei gibt Lukas an, welches die Verwunderung der Zuhörer hervorrief: erstlich redeten die Apostel, die in einem verachteten Winkel geboren und zuvor ungelehrte Laien waren, großartig und mit himmlischer Weisheit von göttlichen Dingen; zum andern waren sie plötzlich mit neuen Zungen begabt. So gibt man dem Herrn die schuldige Ehre, indem man verwundert aufmerkt. Als Hauptfrucht des Wunders wird aber angegeben, dass man zu fragen anfängt. Das ist ein Beweis, dass die Leute zu lernen bereit sind. Das bloße Erstaunen hätte sonst nicht viel genützt; vielmehr sollen sich mit der staunenden Bewunderung der Werke Gottes die erwägende Betrachtung und der Trieb verbinden, sie zu verstehen.

V. 13. Die andern aber hatten's ihren Spott. Hier sieht man, wie wunderbar gedankenlos und verkehrt die Menschen sind; Satan hat ihnen den Verstand genommen. Stiege Gott sichtbar vom Himmel herab, so könnte man seine Majestät kaum klarer schauen als in diesem Wunder. Wer auch nur einen Tropfen unverdorbenen Sinnes hat, muss schon durch bloßes Hören sich gepackt fühlen. Wie stumpf sind nun jene Leute, die mit den Augen sehen und doch spotten und mit ihren Witzen Gottes Macht beiseite schieben wollen! Aber so ist es. Nichts ist so bewundernswert, dass nicht Menschen, die Gott aus dem Wege gehen, es in Spott verkehren könnten; absichtlich ziehen sie sich angesichts der klarsten Dinge eine Hornhaut von Unwissenheit über. Gottes Rache gegen solch stolzes Gebaren ist gerecht; er übergibt sie dem Satan, damit er sie in blinde Wut hineinstoße. So dürfen wir uns nicht wundern, wenn heute die meisten trotz hellsten Lichtes blind sind und taub gegenüber der klarsten Lehre, ja anspruchsvoll das ihnen dargebotene Heil verwerfen. Denn wenn die außerordentlichen Werke Gottes, in welchen er seine Macht ganz großartig ins Licht setzt, dem Spott der Menschen unterliegen, wie wird es dann erst der Lehre ergehen, die sie für eine ganz gewöhnliche Sache halten? Die fromme Scheu, die der Anfang gesunder Einsicht ist, findet sich nur selten und bei wenigen Menschen. Wenn aber auch die Mehrheit sich mit eiserner Widerspenstigkeit gegen die Betrachtung der Werke Gottes verschließt, so werden dieselben, wie man auch in unserer Geschichte sehen kann, doch niemals ohne Frucht bleiben.

14 Da trat Petrus auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, lieben Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. 15 Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet; sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; 16 sondern das ist's, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: 17 „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselbigen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen; 19 und ich will Wunder tun oben im Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbarliche Tag des Herrn kommt, 21 und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden.“

V. 14. Da trat Petrus auf. Dies deutet darauf, dass er in der Versammlung eine wichtige Rede halten will. Denn wer eine Ansprache an das Volk richtet, erhebt sich, um leichter verstanden zu werden. Der Hauptinhalt der Predigt ist nun der, man solle aus der vor Augen liegenden Gabe des heiligen Geistes den Schluss ziehen, dass der Messias bereits erschienen sei. Zuerst aber tritt Petrus der falschen Meinung entgegen, als wären die Jünger betrunken. Er erklärt dies schon darum für unwahrscheinlich, weil die Menschen sich nicht am frühen Morgen zu berauschen pflegen. Es ist ja, wie Paulus sagt (1. Thess. 5, 7): „Die da trunken sind, die sind des Nachts trunken.“ Aus Scham fliehen sie das Licht. Mit Recht, denn dies Laster ist besonders hässlich. Immerhin würde dieser Beweis nicht unter allen Umständen gelten; schon Jesaja (5, 11) fuhr seinerzeit gegen die Leute los, die früh aufstanden, sich des Saufens zu befleißigen. Aber weil dies nicht die gewöhnliche Sitte ist, kann Petrus wohl sich dieses Wahrscheinlichkeitsbeweises bedienen. Wer das Altertum einigermaßen kennt, weiß, dass man den bürgerlichen Tag vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang rechnete und in zwölf Stunden teilte. So waren die Stunden im Sommer länger, im Winter kürzer. Was die Alten als die dritte Stunde zählten, wäre also jetzt im Winter etwa neun Uhr, im Sommer acht Uhr vormittags. Des Weiteren führt Petrus seinen Beweis mit dem Zeugnis des Propheten Joel. Wenn jetzt erfüllt ist, was geweissagt war, so muss er den Undank tadeln, dass man eine so ausgezeichnete, längst verheißene Gnadengabe, da sie nun vor Augen liegt, nicht anerkennen will. Gewiss soll der Spott weniger Leute nicht der Gesamtheit Schuld gegeben werden; aber Petrus versäumt nicht, an diesen Anlass anzuknüpfen, um alle zugleich zu belehren.

V. 17. Und es soll geschehen in den letzten Tagen usw. Aus dieser Wirkung soll sich der Beweis ergeben, dass der Messias bereits erschienen ist. Joel (3, 1) spricht zwar nicht ausdrücklich von den letzten Tagen; da er aber von der völligen Wiederherstellung der Gottesgemeinde handelt, zielt seine Weissagung ohne Zweifel auf die letzte Zeit. Weil also mit der Erneuerung der Gemeinde gleichsam ein neues Zeitalter anhebt, darum verlegt Petrus sie auf die letzten Tage. War es doch überhaupt den Juden geläufig, alle jene herrlichen Verheißungen von einem glücklichen und wohlgeordneten Zustand der Gemeinde nicht früher erfüllt zu denken, als bis Christus durch seine Ankunft alles wiederherstellte. So hat Petrus die Worte des Propheten nicht mit einem fremdartigen Zusatz versehen, sondern richtig erläutert.

Ich will ausgießen von meinem Geist. Der Apostel will beweisen, dass die Gemeinde nicht anders wiederhergestellt werden kann als durch die Gabe des heiligen Geistes. Wenn also jedermann auf die nahe Wiederherstellung hoffte, so muss die Gedankenlosigkeit getadelt werden, dass man nicht erwägt, in welcher Weise der Geist kommen wird. Dass Gott, wie der Prophet sagt, ihn „ausgießen“ will, deutet ohne Zweifel auf einen reichen Zufluss. Dass er aber „von seinem Geist“ ausgießt, wie Petrus nach der griechischen Übersetzung sagt, ist nichts anderes, als dass er seinen Geist ausgießt, wie der hebräische Text des Propheten lautet. Immerhin könnte dieser Ausdruck darauf deuten, dass Gott aus seinem Geist als aus dem einzigen und unerschöpften Quell eine vielgestaltige Mannigfaltigkeit seiner Gaben auf die Menschen fließen lässt. Denn nach dem Zeugnis des Paulus (1. Kor. 12, 4) sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist. Daraus erschließen wir die nützliche Lehre, dass Gott uns nichts Herrlicheres geben kann als die Gnadengabe seines Geistes, ja dass ohne dieselbe alles andere nichts ist. Denn wenn Gott seinem Volk ganz im allgemeinen Heil verheißt, sagt er, dass er seinen Geist geben wolle. Daraus folgt, dass wir ein Gut nicht eher gewinnen können, als bis wir mit dem heiligen Geist beschenkt worden sind. Er ist der Schlüssel, der uns die Tür zu den Schätzen aller geistlichen Gaben, ja zum Eingang in Gottes Reich öffnet.

Über alles Fleisch. Dieser umfassende Ausdruck wird durch die nachfolgende Teilung erläutert: es soll kein Unterschied der Alters und Geschlechts mehr sein. Gott will alle ohne Ausnahme in die Gemeinschaft seiner Gnade zulassen. Von allem Fleisch ist die Rede, weil Junge und Alte, Männer und Weiber in Betracht kommen. Doch lässt sich fragen, weshalb Gott seinem Volk als ein neues und bis dahin unerhörtes Gut verspricht, was er doch von Anbeginn der Welt an bereits allgemein zu schenken pflegte. Denn kein Zeitalter ist ohne die Gnadengabe des Geistes gewesen. Die Lösung dieser Frage liegt in den beiden Ausdrücken: „Ich will ausgießen“ und „über alles Fleisch“. Sie bezeichnen einen doppelten Gegensatz zwischen der Zeit des Alten und Neuen Testaments. Denn das Ausgießen deutet, wie wir schon sagten, auf eine reiche Fülle, während die Austeilung unter dem Gesetz spärlicher vor sich ging. Darum sagt auch Johannes (7, 39), der heilige Geist sei nicht eher gegeben worden, als bis Christus gen Himmel fuhr. Alles Fleisch bezeichnet eine ungeheure Menge, während der Herr vorher nur wenige einer so reichen Mitteilung seines Geistes gewürdigt hatte. Bei alledem soll doch nicht geleugnet werden, dass die Väter unter dem Gesetz im Genuss der gleichen Gnade standen wie wir; aber der Herr will sagen, dass wir ihnen überlegen seien, wie wir es denn wirklich sind. Wie gesagt, waren alle Frommen vom ersten Anbeginn der Welt an mit demselben Geist der Erkenntnis, Gerechtigkeit und Heiligung begabt, mit welchem heute der Herr uns erleuchtet und zu neuem Leben führt; aber im Vergleich mit der gewaltigen Menge von Gläubigen, welche Christus plötzlich durch seine Ankunft sammelte, war damals doch nur wenigen das Licht der Erkenntnis geschenkt. Zudem war ihre Erkenntnis dunkel und gering, gleichsam wie mit einer Hülle bedeckt, im Vergleich zu der Erkenntnis, die wir heute aus dem Evangelium gewinnen, da Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, mit vollem Glanze, als am Mittage, leuchtet. Dem widerspricht auch nicht, dass einige sich durch einen erhabenen Glauben auszeichneten, wie ihn heute fast niemand besitzt. Denn ihre Erkenntnis schmeckte trotz allem nach der Erziehung unter dem Gesetz. Es bleibt immer wahr, dass fromme Könige und Propheten nicht gesehen noch gehört haben, was Christus durch sein Erscheinen offenbart hat (Mt. 13, 17; Lk. 10, 24). Um also den Vorzug des Neuen Testaments zu rühmen, kündigt Joel an, dass unter ihm eine reichere Gnadengabe des Geistes kommen und zu einem weiteren Kreis von Menschen gelangen werde.

Eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen. Die Prophetie soll als eine seltene und einzigartige Gabe der Erkenntnis verstanden werden. Eben darauf zielt die Fortsetzung: eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben. Damit wird nämlich die geläufige Weise beschrieben, in welcher Gott sich den Propheten zu offenbaren pflegte. Es ergibt sich dies aus 4. Mose 12, 6 f., wo Gott seinen Knecht Mose der gewöhnlichen Ordnung der Propheten gegenüberstellt; ihnen will er sich kundmachen in einem Gesicht oder in einem Traum, mit Mose aber will er von Angesicht zu Angesicht reden. Wir sehen also, wie Joel zur Bekräftigung die allgemeine Gabe der Prophetie in zwei Unterteile zerlegt. Alles in allem will er sagen, dass alle Glieder der Gemeinde Propheten werden sollen, sobald der heilige Geist sich vom Himmel ergießt. Allerdings wirft man ein, dass sich davon nichts nachweisen ließ, selbst nicht bei den Aposteln, geschweige denn bei der gesamten Herde der Gläubigen.

Demgegenüber erinnere ich daran, dass die Propheten das Reich Christi unter den ihrem Zeitalter geläufigen Bildern abzuschatten pflegten. Wenn sie von der Gottesverehrung reden, nennen sie den Altar, die Opfer, die Darbringung von Gold, Silber und Weihrauch. Und doch wissen wir, dass die Altäre jetzt gewichen, die Opfer, deren man sich unter dem Gesetz bediente, abgeschafft sind, und dass der Herr jetzt etwas Höheres von uns fordert als irdische Schätze. So wahr dies nun ist, so passen doch die Propheten ihre Redeweise dem Verständnis ihrer Zeitgenossen an, indem sie unter den Bildern, welche dem Volk damals vertraut waren, die Dinge verhüllt darstellen, die uns doch jetzt auf andere Weise dargeboten werden. So verheißt Gott an einer anderen Stelle (Jes. 66, 21), er wolle auch aus den Leviten Priester und aus dem gemeinen Volk Leviten nehmen, was nichts anderes besagen soll, als dass unter dem Reich Christi auch der Geringste auf einer ehrenvollen Stufe stehen wird. Wollen wir also unsere Stelle in ihrem wahren und echten Sinn verstehen, so dürfen wir nicht die Worte pressen, die der alten, gesetzlichen Heilsveranstaltung entnommen sind, sondern müssen lediglich nach der Bedeutung der Bilder fragen. Diese aber ist, dass die Apostel plötzlich unter dem Anhauch des Geistes über die himmlischen Geheimnisse prophetisch, das ist in göttlicher und erhabener Kraft zu reden vermochten. „Weissagen“ bedeutet also nichts anderes als eine seltene und hervorragende Gabe der Erkenntnis. Joel will sagen, dass unter Christi Reich es nicht nur wenige Propheten geben solle, welchen Gott seine Geheimnisse offenbart, sondern dass alle bis zu prophetischer Erhabenheit mit geistlicher Weisheit begabt sein wollen. So lesen wir auch bei Jeremia (31, 34): „Es wird keiner den anderen, noch ein Bruder den andern lehren, sondern sie sollen mich alle kennen, beide klein und groß.“ So lädt denn Petrus mit diesen Worten die Juden, an welche er sich richtet, zur Teilnahme an derselben Gnade ein. Er will etwa sagen: den Geist, den der Herr auf uns ausgegossen hat, ist er bereit, weit und breit auszugießen. Also wenn ihr es nicht hindern wollt, werdet ihr mit uns aus dieser Fülle schöpfen. Wir sollen aber wissen, dass heute uns gilt, was den Juden damals gesagt wurde. Haben auch die sichtbaren Gaben des Geistes aufgehört, so hat doch Gott nicht den Geist selbst seiner Kirche entzogen. Er bietet ihn mit dieser Weissagung unterschiedslos uns allen an. Dass wir dürftig und arm sind, liegt also nur an unserer Trägheit. Zugleich lässt sich klar ersehen, dass nur gottlose und tempelschänderische Feinde des Geistes das christliche Volk von der Erkenntnis Gottes abhalten können, während der Herr selbst Weiber und Männer, Jünglinge und Greise nicht bloß zulässt, sondern mit Namen herbeiruft.

V. 18. Und auf meine Knechte usw. Diese Worte beschränken die Verheißung auf die Verehrer Gottes. Denn Gott macht seinen Geist nicht gemein, was geschehen würde, wenn er ihn den Ungläubigen und Verächtern hinwürfe.

Freilich ist richtig, dass wir durch den Geist Knechte Gottes werden, es also nicht sind, bis wir ihn empfangen. Aber zum ersten häuft Gott darnach immer neue Gaben auf diejenigen, welche er in seine Familie aufgenommen und durch seinen Geist zum Gehorsam gebildet hat. Zum andern beschäftigt sich der Prophet nicht mit dieser zeitlichen Reihenfolge, sondern will lediglich zu verstehen geben, dass diese Gnadengabe ein eigentümlicher Besitz der Gemeinde ist. Weil aber die Gemeinde nur bei den Juden ihre Stätte hatte, empfangen sie den Ehrennamen der Knechte und Mägde Gottes.

Nachdem aber der Herr die Scheidewand abgebrochen und sich eine Gemeinde aus allen Völkern gesammelt hat, wird der gleiche Name allen zuteil, die in die Gemeinschaft dieses Bundes Aufnahme fanden. Es gilt also festzuhalten, dass der Geist insbesondere der Gottesgemeinde zugedacht ist.

V. 19. Und ich will Wunder tun. Zuerst müssen wir fragen, welches jener große Tag des Herrn ist, auf welchen der Prophet deutet. Manche denken an Christi erste Ankunft im Fleisch, andere an den jüngsten Auferstehungstag. Beides scheint mir nicht ganz richtig; vielmehr dürfte der Gedanke des Propheten das ganze Reich Christi umspannen. Er spricht von dem ganzen Tage, der anhob, als der Sohn Gottes sich im Fleisch offenbarte, und währen wird, bis er uns zur Vollendung seines Reiches führt. So handelt es sich nicht um einen bestimmten „Tag“, sondern um die ganze Zeitspanne von der ersten Darbietung des Evangeliums an bis zur letzten Auferstehung. Die Ausleger, welche die Aussage auf die apostolische Zeit beschränken, lassen sich dadurch bestimmen, dass der Prophet von jenem Tage im Anschluss an das Vorangehende spricht (V. 17). Aber es lässt sich verstehen, dass der Prophet den Zeitpunkt angibt, in welchem diese Dinge ihren Anfang nahmen, wenn sie sich auch bis zum Ende der Welt beständig weiter entwickeln werden. Dass (V. 20) die Sonne sich in Finsternis verkehren soll und der Mond in Blut, sind bildliche Reden, die besagen, dass der Herr Zeichen seines Zorns durch das ganze Weltgebäude geben werde, so dass die Menschen im Schrecken allen Mut verlieren, als würde die ganze Natur in schrecklicher Weise umgekehrt. Denn wie Sonne und Mond uns Gottes väterliche Gunst bezeugen, wenn sie durch ihren Dienst die Erde erleuchten, so sollen sie nach dem Wort des Propheten es auch verkünden, wenn Gott erzürnt und beleidigt ist. Und dies ist das zweite Stück der Weissagung. Zuerst war davon die Rede, dass die Gnadengabe des Geistes allem Fleisch reichlich zufließen solle. Damit nun aber niemand von einem sofort eintretenden, glücklichen und ruhigen Zustande träume, fügt der Prophet hinzu, dass die Welt unter Christi Herrschaft voll Verwirrung und vieler Schrecknisse sein werde. Das hat ja Christus selbst uns ausführlich vorgestellt (Mt. 24, 6 ff.). Dabei dient es dann zum besonderen Ruhm der Gnade, dass unter dem überall drohenden Verderben seines Heils gewiss sein darf, wer den Namen des Herrn anruft. Was der Prophet von Verfinsterung der Sonne, von blutigem Schein des Mondes, von Feuer und Rauchdampf sagt, will in Aussicht stellen, dass die Augen der Menschen, wohin sie sich auch wenden, in der Höhe und in der Tiefe, lauter schreckliche Dinge sehen müssen. Daran ermessen wir dann Gottes unermessliche Güte, die gegen so große Übel ein Heilmittel anbietet. Wie undankbar und verkehrt sind die Menschen, die nicht die nahe und offene, rettende Zuflucht benutzen! Ohne Zweifel will Gott durch diese schreckliche Beschreibung alle Frommen aufwecken, dass sie mit glühender Sehnsucht die Rettung noch eifriger suchen. Und indem Petrus diese Weissagung zitiert, will er die Juden wissen lassen, dass sie mehr als unglücklich sein werden, wenn sie nicht die angebotene Gnadengabe des Geistes ergreifen. Man fragt aber: wie stimmt es zusammen, dass bei und nach der Erscheinung Christi ein so gewaltiges Meer von Übeln sich ergießen wird? Ist es nicht ungereimt, dass wir ihn als das einzige Unterpfand der Liebe gegen das Menschengeschlecht betrachten, in welchem der himmlische Vater alle Schätze seiner Güte, ja sein erbarmendes Herz uns erschließt, - und dass doch bei seiner Ankunft Gottes Zorn heftiger als gewöhnlich brennen und gleichsam Himmel und Erde mit seiner Glut verzehren soll? Wir haben aber erstlich darauf zu achten, dass die Menschen zur Aufnahme Christi nur zu träge sind und darum mit mancherlei Bedrängnissen wie mit Geißeln getrieben werden müssen. Zum andern ruft Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich (Mt. 11, 24); darum müssen erst viele Übel uns beugen, damit wir Demut lernen. Das Glück pflegt die Menschen stolz zu machen; und wer sich glücklich dünkt, kann fast nicht anders, als Christus trotzig verachten. Zum dritten sind wir nur zu geneigt, Behaglichkeit des Fleisches zu suchen, so dass viele die Gnade Christi nur für das gegenwärtige Leben schätzen; darum ist es gut, dass wir zu andern Gedanken gezogen werden und Christi Reich als ein geistliches betrachten lernen. So übt Gott unser Fleisch durch viele Trübsale, um uns den Blick für die himmlischen Güter Christi zu öffnen. Wir lernen dadurch unser Glück jenseits der Welt suchen. Auch der Undank der Menschen trägt dazu bei, dass das Elend sich häuft. Denn (Lk. 12, 47) der Knecht, der seines Herrn Willen weiß und nicht darnach tut, muss viel Streiche leiden. Je freundlicher Gott in Christus mit uns verkehrt, desto größer wird unsere Unfrömmigkeit und wandelt sich endlich in offenbaren Widerspruch. So dürfen wir uns nicht wundern, wenn mit der Offenbarung Christi auch viele Zeichen der göttlichen Rache auf der andern Seite sich sehen lassen, da die Menschen seitdem durch unfromme Verachtung Gott nur heftiger reizen und seinen Zorn entzünden. Gewiss aber ist es nur eine Nebenerscheinung, wenn Christi Tag sich als erschrecklich darstellt, denn an sich bringt er nichts als Freude. Aber durch die Verachtung seiner Gnade reizt man den Herrn zu schrecklicher Zornesglut.

V. 21. Wer den Namen des Herrn anrufen wird usw. Ein herrliches Wort! Freilich treibt uns Gott wie träge Esel mit Drohungen und Schrecken, dass wir das Heil suchen. Nachdem er aber Himmel und Erde in Finsternis gehüllt hat, zeigt er auch einen Weg, das Heil vor unsern Augen aufleuchten zu lassen: wir haben einfach seinen Namen anzurufen. Beachtenswert ist die Lage, in welcher dies geschieht. Verhieße Gott überhaupt Rettung, so wäre dies schon eine große Sache. Dass er sie aber inmitten eines Strudels tausendfachen Todes verheißt, ist weit größer. Und wie umfassend lautet die Zusage, dass jeder, welcher den Namen des Herrn anruft, zur Rettung eingeladen wird (vgl. auch Röm. 10, 13). So hat schon der Prophet gesprochen (Ps. 65, 3): „Du erhörst Gebet, darum kommt alles Fleisch zu dir.“

Da also niemand von der Anrufung Gottes ausgeschlossen ist, so steht die Tür des Heils für alle offen. Es gibt nichts, was uns den Eintritt verwehren könnte, als der eigne Unglaube. Von allen spreche ich, welchen Gott sich durch das Evangelium offenbart. Wie aber die Anrufung Gottes gewisses Heil bedeutet, so muss auf der andern Seite gesagt werden, dass wir ohne sie dreifach elend und verloren sind. Übrigens tut des dem Glauben keinen Abbruch, wenn das Heil auf die Anrufung Gottes gegründet wird; denn sie kann ja allein aus dem Glauben erwachsen. Bemerkenswert ist auch, dass der Prophet die Anrufung Gottes insbesondere den letzten Tagen zuweist. Denn wenn der Herr auch zu allen Zeiten angerufen sein will, so ist der Zugang zu ihm doch leichter geworden, seitdem er sich uns in Christus zum Vater gab. Dies muss auch unsere Zuversicht steigern und die Lässigkeit austreiben. Auch Jesus zieht den Schluss, dass dieses Vorrecht unsern Gebetseifer verdoppeln müsse (Joh. 16, 24): „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen; bittet, so werdet ihr nehmen.“ Er will damit sagen: „Bisher habt ihr doch gebetet, wiewohl der Mittler und Fürsprecher noch nicht im Fleisch erschienen war. Wie viel mutiger muss es euch nun machen, da ihr euch auf meinen Namen und meine Fürsprache berufen dürft!

22 Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch mit Machttaten und Wundern und Zeichen erwiesen, welche Gott durch ihn tat unter euch (wie denn auch ihr selbst wisset), 23 denselbigen (nachdem er aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes übergeben war) habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten, und ihn angeheftet und erwürget. 24 Den hat Gott auferwecket, und aufgelöset die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er sollte von ihm gehalten werden.

V. 22. Jesum von Nazareth usw. Jetzt wendet Petrus die Weissagung des Joel für seinen Zweck an; die Juden sollen daraus erkennen, dass die Zeit der Erneuerung da ist, dass also der Messias ihnen gegeben ward. Denn nur durch die Ankunft des Mittlers konnte diese Verheißung erfüllt werden. Und dann erst machen wir von allen Gaben, die wir durch Christus empfangen, den rechten Gebrauch, wenn wir uns durch sie zu Christus selbst als dem Quell führen lassen. Doch schreitet die Rede nur allmählich zur Höhe. Petrus bezeichnet Jesus nicht gleich im Anfang als den Messias, sondern nur als den Mann, von Gott mit Machttaten und Wundern und Zeichen erwiesen. Dann fügt er hinzu, Jesus sei, nachdem er getötet war, vom Tode auferstanden. Daraus lässt sich gewiss und deutlich erkennen, dass er nicht ein beliebiger Prophet war, sondern Gottes Sohn, der verheißene Wiederhersteller aller Dinge. Ausdrücklich sagt Petrus den Juden: Gott hat ihn unter euch erwiesen. Denn unter ihnen wollte Gott seinen Sohn verherrlichen, damit sie ihn als den Boten Gottes erkennen möchten. Für die Wunder bedient sich der Apostel eines dreifachen Ausdrucks. Sie sind „Machttaten“, weil Gott darin in neuer und ungewohnter Art seine Macht beweist, „Wunder“, weil außerordentliche Dinge uns zur Verwunderung zwingen. „Zeichen“ aber heißen sie, weil nach Gottes Willen unsre Gedanken nicht an ihnen hängen bleiben, sondern höher hinaufsteigen sollen, wie sie denn über sich hinaus auf ein anderes Ziel deuten. Weil übrigens, wie ich sagte, der Apostel nur allmählich zur Höhe empor führen will, stellt er Christus nicht als ersten Urheber, sondern nur als Handlanger bei den Wundern dar. Man könnte aber fragen, ob Wunder als ausreichender Beweis gelten dürfen, weil ja durch solche auch Betrüger und Zauberer sich Glauben verschafften. Aber das Gaukelwerk des Satans, welches freilich beinahe auch die Auserwählten verführen könnte (Mt. 24, 24; vgl. 2. Thess. 2, 8 f.), hebt sich doch stark von Gottes Krafttaten ab. Dass wir uns dadurch täuschen lassen, ist nur die Schuld unserer Sünde und Stumpfheit. Gott enthüllt seine Macht deutlich genug. Die Wunder, die er wirkt, sind ein hinreichend sicherer Beweis der Lehre und des Amtes. Wer nur reines Herzens ist, wird auch mit klaren Augen des Geistes Gott erkennen, so oft er sich erweist. Der Satan kann uns nur täuschen, wenn durch die Verkehrtheit unsers Herzens unser Urteil getrübt ward.

V. 23. Denselbigen habt ihr erwürget. Des Todes Christi gedenkt Petrus, um die Auferstehung desto glaubwürdiger zu machen. Es war eine bekannte Sache bei den Juden, dass man Christus ans Kreuz gehängt hatte. Dass er nun auferstand, ist ein gewaltiger und wunderbarer Beweis göttlicher Kraft. Um aber das Gewissen der Juden durch die Empfindung der Sünde zu treffen, sagt Petrus, dass sie ihn erwürgt haben, - nicht als hätten sie ihn mit eigenen Händen ans Kreuz geschlagen; wohl aber hatte das ganze Volk einstimmig seine Hinrichtung verlangt.

Mochten auch viele der gegenwärtigen Hörer jener verbrecherischen Grausamkeit nicht zugestimmt haben, so rechnet er sie doch mit gutem Grund dem Volk als solchem zu, weil alle sich durch Schweigen oder Gleichgültigkeit versündigt hatten.

Auch mit Unwissenheit kann sich niemand entschuldigen, da ja Christus von Gott zuvor geweissagt war. Diese Schuld, welcher der Apostel alle unterwirft, ist eine Vorbereitung zur Buße.

Aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes. Damit begegnet der Apostel einem Anstoß. Denn auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass der Mann, den Gott so herrlich geschmückt hat, alsbald dem allgemeinen Spott ausgesetzt ward und einen überaus schmachvollen Tod leiden musste. Weil also Christi Kreuz beim ersten Anblick uns zu verwirren pflegt, erinnert Petrus daran, dass Christus nicht durch Zufall leiden musste, oder weil er nicht die Kraft besessen hätte, sich zu befreien, sondern weil es so von Gott verordnet war. Denn allein diese Erkenntnis, dass in Christi Sterben sich der ewige Rat Gottes vollzieht, bricht törichten und verkehrten Gedanken die Spitze ab und beseitigt Anstöße, die sonst entstehen könnten.

Denn es muss gelten, dass Gott nichts vergeblich und leichthin beschließt. So folgt, dass er einen gerechten Grund hatte, um dessentwillen Christus leiden musste. Eben diese Erkenntnis der göttlichen Vorsehung führt uns empor zur Erkenntnis des Zwecks und der Frucht des Todes Christi. Denn alsbald erfassen wir die Absicht Gottes, dass der Gerechte dem Tode übergeben ward für unsre Sünden, und dass sein Blut das Ablösungsgeld unsers Todes war. Übrigens ist die Stelle besonders bedeutsam für die Erkenntnis der göttlichen Vorsehung, die unser Leben und Sterben regiert. Allerdings beziehen sich die Worte des Lukas auf Christus; aber dessen Person ist uns doch ein Spiegel, von dem wir Gottes die ganze Welt umspannendes Vorsehungswalten ablesen können, wo diese Vorsehung insbesondere uns leuchtet, die wir Christi Glieder sind. Übrigens lehrt Petrus nicht bloß, dass Gott vorhergesehen, sondern auch dass er verordnet habe, was Christus zustieß. Daraus können wir für das allgemeine Weltregiment schließen, dass es Gottes Sache ist, nicht bloß zukünftige Dinge voraus zu wissen, sondern auch festzusetzen, was nach seinem Willen geschehen soll. Eben dies will Petrus einprägen, indem er von Gottes vorbedachtem Rat spricht.

Wer dies nicht annimmt, träumt von einem Gott, der müßig im Himmel sitzt. Die Schrift aber kennt ein Regiment Gottes, welches bis ins einzelnste die Dinge und die Handlungen der Menschen leitet. Indessen müssen wir uns stets gegenwärtig halten, zu welchem Zweck sie dies lehrt. Denn vor wahnsinnigen Spekulationen, in deren Strudel wir viele geraten sehen, müssen wir uns hüten. Die Schrift will unsern Glauben üben und uns wissen lassen, dass Gottes Hand uns deckt und wider die Angriffe des Satans und gottloser Leute schützt. Dies eine zu ergreifen ist nützlich; und zu nichts anderm will Petrus uns hier anleiten. Wenn wir Gottes Vorsehung über alles stellen, halten wir uns doch in unseren Schranken, mischen uns auch nicht vorwitzig in Gottes Geheimnisse, in welche unsre blöden Augen nicht dringen können.

Durch die Hände der Ungerechten. Wenn die Gottlosen mit ihrem Tun Gottes Willen vollziehen, so scheint sich auf beiden Seiten eine Unmöglichkeit zu ergeben: entweder ist Gott Urheber des Bösen, oder die Menschen dürfen nicht als Sünder beurteilt werden, auch wenn sie das schlimmste Verbrechen begehen. Aber - so sage ich gegenüber dem zweiten Schluss - wenn die Gottlosen auch Gottes Ratschluss durchführen, sind sie doch sehr weit vom Gehorsam gegen Gott entfernt. Denn Gehorsam erwächst aus freiwilliger Neigung, den im Gesetz geoffenbarten, göttlichen Willen zu tun, wovon bei gottlosen Leuten gar keine Rede sein kann. Es ist ihnen selbst völlig unbewusst, dass Gott sie zu diesem oder jenem Ziel treibt. Niemand entschuldige sie also, als leisteten sie dem Herrn Gehorsam. Was den ersten Schluss angeht, so leugne ich, dass Gott der Urheber des Bösen ist. Wer dies sagt, müsste ihm eine böse Absicht zuschreiben. Eine solche hat freilich der Mensch, der einen Diebstahl oder Mord begeht. Gott aber, der solcher Bosheit sich bedient, steht darüber und hat eine ganz andere Absicht. Er will den einen züchtigen, den andern in der Geduld üben; so biegt er niemals von seinem Wesen, das ist von der vollkommenen Bahn des Rechten und Guten, ab. Dass also Christus durch die Hände gottloser Leute übergeben und gekreuzigt ward, geschah nach Gottes Wink und Verfügung. Den Verrat selbst aber, der verabscheuungswert ist, und das ungeheure Verbrechen des Mordes darf man nicht als ein Werk Gottes ansehen.

V. 24. Und aufgelöset die Schmerzen des Todes. Darunter ist mehr zu verstehen als die körperliche Empfindung. Wer das Wesen des Todes recht bedenkt und hört, dass er ein Fluch Gottes ist, kann nicht umhin, im Tode Gottes Zorn zu spüren. Daher die schreckliche Angst, die viel schlimmer ist als der Tod selbst. Christus nun hat unsern Tod auf sich genommen, um unsere Schuldverhaftung zu tragen. Jene innere Angst des Gewissens, die ihn schüttelte und ihm Schweiß und Blut austrieb, da er vor Gottes Gericht sich darstellte, hat ihm viel mehr Schrecken und Erschütterung gebracht als alle leiblichen Qualen. Wenn aber nun Petrus lehrt, dass Christus mit solchen Ängsten gerungen hat und als Sieger daraus hervorging, so folgt, dass die Gläubigen den Tod nicht mehr zu fürchten brauchen. Denn er hat eine ganz andere Art gewonnen, als sie in Adam war: Christi Sieg hat den Fluch Gottes verschlungen (1. Kor. 15, 55 ff.). Gewiss spüren wir noch die Stiche der Schmerzen, aber sie verwunden uns nicht ganz und gar, wenn wir ihnen den Schild des Glaubens entgegenhalten. Endlich spricht Petrus noch aus, dass Christus eben darum vom Tode nicht konnte gehalten werden, weil er der Urheber des Lebens ist.

25 Denn David spricht von ihm: „Ich habe den Herrn allezeit vorgesetzt vor mein Angesicht; denn er ist an meiner Rechten, auf dass ich nicht bewegt werde. 26 Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge freuet sich; denn auch mein Fleisch wird ruhen in der Hoffnung. 27 Denn du wirst meine Seele nicht der Grube lassen, auch nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. 28 Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freuden vor deinem Angesichte.“ 29 Ihr Männer, lieben Brüder, lasset mich frei reden zu euch von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. 30 Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eide, dass die Frucht seiner Lenden sollte auf seinem Stuhl sitzen, 31 hat er's zuvor gesehen, und geredet von der Auferstehung Christi, dass seine Seele nicht der Grube gelassen ist, und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat.

V. 25. Obwohl Christi Auferstehung durch bestimmte oder deutliche Weissagungen bezeugt war, auch aus der allgemeinen Lehre der Propheten hätte erschlossen werden können, so musste sie doch den Juden wie eine neue und unerhörte Sache bewiesen werden. Das ist nicht zu verwundern. Wir sehen ja auch, dass Christus bei seinen Jüngern wenig ausrichtete, so oft er ihnen auch die Auferstehung einprägte. Und doch besaßen sie klare und richtige Grunderkenntnisse, welche ihnen den Weg zur Erkenntnis Christi hätte bahnen können. Weil also die Gabe des Geistes eine Frucht der Auferstehung Christi war, bekräftigt Petrus durch Davids Zeugnis, dass Christus auferstehen musste; daraus sollen die Juden abnehmen, dass eben dieser Christus die Gabe geschenkt hatte. Denn er setzt als zugestanden voraus, dass Christus nicht für sich vom Tode erweckt ward, sondern um für die Seinen zu leben. Bevor wir nun die erforderlichen Einzelheiten erörtern, muss zuerst die Frage aufgeworfen werden, ob Davids Aussage überhaupt auf Christus gedeutet werden darf, wie Petrus behauptet. David soll nicht von sich selbst gesprochen haben, weil er sich des Ausdrucks bediente (Ps. 16, 10): „Du wirst nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.“ Davids Leichnam sei aber im Grabe verwest. Das scheint doch ein leichtfertiger Beweis. Es lässt sich dagegen sagen, dass man das Wort nicht pressen dürfe und dass David lediglich gemeint habe, Gott werde ihn vor dem Untergang bewahren. Ich möchte kurz antworten, dass der Satz doch noch etwas Weiteres in sich begreift als die allgemeine Errettung der Frommen. Denn David äußert die Zuversicht, Gott werde im Leben wie im Tode sein ewiger Erlöser sein. Es hätte ihm auch nicht viel genützt, einmal aus einer Gefahr gerissen zu werden, wenn er nicht hätte vertrauen dürfen, dass Gottes Schutz ihn bis zum Ende behüten werde.

Das Unversehrtbleiben, von dem er spricht, liegt über das gemeine Los weit hinaus. Mögen die Worte auch den einfachen Sinn haben, Gott werde Davids Leben nicht schon ins Grab sinken lassen, so lauten sie doch zugleich wie ein Rühmen eines neuen und einzigartigen Vorzugs. Sie wollen auch besagen, Gott werde nicht leiden, dass der, von welchem der Psalm spricht, im Grabe verwese. Da aber David über diese Naturnotwendigkeit nicht erhaben war, haben wir es mit einer Weissagung zu tun, die in ihm nicht voll und ganz erfüllt ward. Dass der ganze Psalm auf Christus gedeutet werden muss, liegt auf der Hand. David als ein Adamssohn konnte dem allgemeinen Menschenlos nicht entgehen (1. Mos. 3, 19): „Du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Für alle Adamskinder öffnet sich das Grab, sie zu verschlingen und zu verzehren, so dass niemand sich der Vernichtung entziehen kann. Sehen wir uns an ohne Christus, so sehen wir das für uns geöffnete Grab, das uns mit Verwesung bedroht. Denkt man also David losgelöst von Christus, so stimmt durchaus nicht für ihn, was hier steht, dass er vor der Grube bewahrt bleiben werde. Da nun bei den Juden, an welche die Predigt des Petrus gerichtet ist, der Grundsatz feststand, dass man die Wiederherstellung allein vom Messias erhoffen dürfe, so beruhigten sie sich ohne Zweifel umso leichter bei den Worten des Apostels, da sie ja sehen mussten, dass diese Aussage erst dann ihren vollen Sinn gewinnt, wenn man bis zum Messias weiterdenkt. Ihn suchten sie ja im Alten Testament und wussten, dass David eine Vorausdarstellung seines Bildes war. Weil die Juden es aber immerhin als eine harte Rede empfunden haben würden, dass der Psalm nicht in David erfüllt sei, sagt Petrus dies nicht geradezu, sondern gibt es nur auf einem Umwege durch den Hinweis zu verstehen, dass auch David, wie alle Menschen, in Tod und Grab gesunken sei (V. 29). Wenn übrigens David weissagend von Christus redet, so schließt dies nicht aus, dass er diesen Trost auch auf die eigene Person anwendet, ja auf den gesamten Leib der Gemeinde ausdehnt. Denn was im Haupte ganz vollendet und vollkommen erscheint, fließt alsdann in alle Glieder über und wird ihnen zugeteilt. So brauchen wir nicht durchaus zu leugnen, dass Davids Worte auch von ihm selbst gelten, aber nur soweit er sich in Christus als dem Spiegel des Lebens betrachtet. Sein Auge richtet sich also zuerst auf Christus, sodann auf die eigne Person und die anderen Gläubigen. In diesem Sinne empfangen wir hier freilich eine allgemeine Lehre von der Natur des Glaubens, von der inneren Freude des Gewissens, von der Hoffnung auf ewige Erlösung.

„Ich habe den Herrn vorgesetzt vor mein Angesicht.“ Soll Gott bei uns sein, so müssen wir den Grundsatz festhalten, dass wir ihn uns vor Augen stellen, und zwar ehe er sich deutlich sehen lässt. Denn der Blick des Glaubens dringt weit über die gegenwärtige Erfahrung vor. Es ist die Eigenart des Glaubens, sich in Verwirrung und Gefahren allezeit Gott als Führer vorzustellen. Denn nichts anderes kann uns aufrechterhalten als die Erkenntnis der Gegenwart Gottes. Müssten wir an seine Abwesenheit glauben, so müsste uns dies verwirren und gänzlich mutlos machen. David fügt hinzu, dass er auf diese Leitung Gottes nicht vergeblich schaute: Er ist an meiner Rechten. So ist keine Gefahr, dass der Herr jemals uns und unsern Glauben täusche, wenn wir ihn uns als gegenwärtig vor Augen stellen; wir werden immer seine gegenwärtige Hilfe spüren.

Der Glaube, der auf Gottes Hilfe hofft, geht freilich aller spürbaren Erfahrung voran; nachdem er aber dem Herrn die Ehre gab und ihn, den Unsichtbaren und scheinbar Abwesenden, im Worte schaute, wird er sich endlich durch den tatsächlichen Erfolg noch übertroffen sehen. Denn das Maß des Glaubens ist zu eng, die unermessliche Weite der göttlichen Macht und Güte zu fassen. In bildlicher Rede wird nun der Herr wie ein Mann dargestellt, der einen schwachen und furchtsamen Menschen stützen und stärken will und darum an seine Seite tritt.

Dass ich nicht bewegt, d. h. aus der Bahn geworfen werde und in festem Stand bleibe. In diesem Sinne heißt es von Zion (Ps. 46, 6): „Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben.“ Dies gilt von den Frommen, weil sie bei allen harten Erschütterungen immer wieder zu sich selbst kommen. Wenn uns Gottes Hilfe stützt, brauchen wir uns also vor keinem Fall zu fürchten. Wer aber anderswo seine Stärke sucht als in Gott, wird beim geringsten Lufthauch wanken und schon bei mäßigem Ansturm der Versuchung zusammenbrechen.

V. 26. Darum ist mein Herz fröhlich usw. Auf die Zuversicht folgen Freude des Herzens, Jubel der Zunge, Sicherheit des ganzen Leibes. Ein Mensch, der nicht stumpfsinnig ist, muss ängstlich und traurig sein, ja sich jämmerlich gequält fühlen, solange er sich von Gottes Hilfe verlassen glaubt. Die Zuversicht aber, die wir auf Gott setzen, befreit uns nicht bloß von der Angst, sondern durchströmt auch unsere Seele mit wunderbarer Freude. Das ist die vollkommene Freude, die Christus seinen Jüngern verhieß und die ihnen niemand soll entreißen können (Joh. 16, 22; 17, 13). Wie groß aber diese Freude ist, so dass man sie nicht in sich verschließen kann, zeigt die Fortsetzung: meine Zunge freuet sich. Dass auch das Fleisch ruhen wird, deutet auf die Sicherheit, welche Gottes Schutz dem ganzen Menschen bringt. Dem steht nicht entgegen, dass die Gläubigen fortwährend in Unruhe und Bangigkeit sind. Sie haben doch Freude inmitten der Traurigkeit; und keine Unruhe kann ihnen die Ruhe völlig rauben. Sollte aber jemand sagen, dass doch der Friede der Gläubigen im Geiste wohne, nicht im Fleisch, so diene zur Antwort: Ruhe am Fleisch haben die Gläubigen nicht, weil sie von jeder Belästigung frei wären, sondern weil sie sich ganz der Fürsorge Gottes anvertrauen und darum wissen dürfen, dass unter seinem Schutz nicht nur die Seele gerettet, sondern auch der Leib sicher sein wird.

V. 27. Du wirst meine Seele nicht der Grube lassen, d. h. du wirst nicht zugeben, dass sie zugrunde gehe. Denn nach den hebräischen Ausdrücken ist vom Grabe die Rede. Darum ist es überflüssig und führt von dem Sinn und der Absicht des Propheten ab, wenn man hier Erörterungen über den Abstieg Christi zur Unterwelt anstellt. Denn die Seele bezeichnet hier nicht das unsterbliche Geistwesen, sondern einfach das Leben selbst. Wenn ein erloschener Mensch im Grabe liegt, so kann man sagen, dass das Grab über sein Leben die Herrschaft gewonnen hat.

V. 28. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens. David will sagen, dass Gottes Gnade ihn aus dem Tode ins Leben führte. Dass er gleichsam aus dem Tode neu erstehen durfte, betrachtet er als eine einzigartige Wohltat Gottes. Das ist nun in Christus ganz vollkommen erfüllt, an seinen Gliedern nur in beschränktem Maße. Darum hat Christus die Verwesung nicht gesehen, sondern wurde der Erstling der Auferstandenen (1. Kor. 15, 20).

Wir werden ihm endlich folgen, ein jeder in seiner Ordnung, nachdem wir zuvor zu Staub wurden (1. Kor. 15, 42). Dass der Gläubige vor Gottes Angesicht mit Freuden erfüllt wird, trifft mit dem anderen Psalmwort zusammen (Ps. 80, 4): „Lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir.“ Und wiederum (Ps. 4, 7 f.): „Erhebe über uns das Licht deines Antlitzes! Du hast Freude in mein Herz gegeben.“ Denn allein der freundliche Glanz des göttlichen Angesichts schafft uns Freude und Leben; hat sich aber dies Angesicht abgewendet oder verfinstert, so müssen wir vergehen.

V. 30. Da er nun ein Prophet war usw. Ein doppelter Grund erinnert, dass wir uns nicht wundern dürfen, wenn Davids Rede weit über die Grenzen seiner Zeit hinausgreift. Erstlich war er ein Prophet: einem solchen werden bekanntlich zukünftige, der menschlichen Erkenntnis unerreichbare Dinge geoffenbart. Darum heißen die Propheten auch „Seher“; wie von einer hohen Warte sehen sie, was den andern wegen des weiten Abstandes verborgen bleibt. Zum andern gilt der besondere Grund, dass dem David der Messias als sein Nachkomme verheißen war. Diese Tatsache war den Juden so geläufig, dass sie den Messias fortwährend den Sohn Davids nannten. So war dem David Christus einmal durch prophetische Offenbarung, zum andern durch besondere Verheißung bekannt. Diese Verheißung gab ihm Gott mit einem Eide, um sie glaubwürdig und den verheißenen Gegenstand desto schätzbarer zu machen. Unser schwacher Glaube bedarf dieser Unterstützung, dass Gott seinen heiligen Namen wie ein Pfand einsetzt, um Zutrauen zu seinem Wort zu erwecken.

32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. 33 Nun er durch die Rechte Gottes erhöhet ist, und empfangen hat die Verheißung des heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret. 34 Denn David ist nicht gen Himmel gefahren. Er spricht aber: „Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 35 bis dass ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.“ 36 So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuziget habt, zu einem Herrn und Christ gemacht hat.

V. 32. Diesen Jesus hat Gott auferweckt. Nachdem der Apostel durch Davids Zeugnis bekräftigt, dass Christus auferstehen musste, spricht er nun aus, dass er und seine Amtsgenossen Augenzeugen dieser Auferstehung seien. So folgt, dass in Jesus von Nazareth erfüllt war, was David vom Messias geweissagt hatte. Darnach wendet sich die Rede zur Frucht und Wirkung der Auferstehung. Denn zuerst musste eben dies bewiesen werden, dass Christus lebt. Sonst wäre es ja ungereimt und unglaublich, dass er ein so gewaltiges Wunder gewirkt hätte. Zugleich aber erinnert der Apostel, dass Christus nicht für sich auferstand, sondern um durch Ausgießung seines Geistes der ganzen Gemeinde Anteil an seinem Leben zu schenken.

V. 33. Nun er durch die Rechte, d. h. durch die Hand oder Kraft Gottes, erhöhet ist. Der Apostel will es als die denkwürdigste Tat Gottes darstellen, dass er seinen Messias, den die Menschen im Tode vernichtet glaubten, zu solch erhabener Herrlichkeit emporhob. Die Verheißung des Geistes ist soviel wie der verheißene Geist. Jesus hatte öfter den Aposteln die Sendung des Geistes zugesagt. Petrus spricht nun aus, dass er die Kraft, ihn zu geben, vom Vater erlangt habe. Auf diese Verheißung wird ausdrücklich hingewiesen, damit die Juden wüssten, dass der Geist nicht unvermutet kam, sondern dass die längst zuvor gesprochenen Prophetenworte jetzt Glaubwürdigkeit gewannen. Dass aber Christus den Geist vom Vater empfing, entspricht seiner Stellung als Mittler. Man kann sowohl sagen, dass Christus den Geist von sich aus gesandt habe, als auch dass er vom Vater stamme. Das erstere gilt, weil er ewiger Gott ist, das andere, weil er als Mensch vom Vater empfing, was er uns mitteilen sollte. Weiter wollen wir auf die Anordnung achten, dass Christus den Geist erst senden konnte, nachdem er erhöht war. Es stimmt dies mit seinem Wort (Joh. 16, 7, vgl. 7, 39): „So ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch.“ Gewiss war es jetzt nicht das erste Mal, dass Geist überhaupt gegeben wurde; besaßen ihn doch bereits die heiligen Väter seit Anfang der Welt. Aber jenen reichen Zufluss seiner Gnade, der als Ausgießung bezeichnet wird, verschob Gott bis zu dem Zeitpunkt, da er Christus auf den königlichen Thron gesetzt hatte. Denn auf diese Weise werden die Kraft und Frucht des Todes und der Auferstehung versiegelt. Zugleich erkennen wir, dass Christi Weggang aus der Welt für uns keinen Verlust bedeutet, da er, der dem Leibe nach abwesend ist, uns durch die Gnadenwirkung seines Geistes weit näher kommt.

V. 34. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren. Dass Christus die Herrschaft verliehen war, ließ sich schon aus der Wirkung schließen, die man mit Augen sah. Der Apostel beweist aber seine Herrlichkeit, um sie desto glaubwürdiger zu machen, mit einem Zeugnis Davids; es war längst von Gott bestimmt, dass Christus zur höchsten Stufe der Ehre sollte erhoben werden. Denn dass er zur Rechten Gottes sitzt, bedeutet eben, wie wir alsbald ausführen werden, dass er die oberste Herrschaft innehat. Bevor aber der Apostel die Weissagung beibringt, schickt er voraus, dass sie allein auf Christus zutreffe. Zur Verdeutlichung des Sinnes wird man sich die Gedanken folgendermaßen zurechtzulegen haben: David verkündigt als einen Beschluss Gottes, dass ein König zu seiner Rechten sitzen soll. Dies aber gilt für David nicht, weil er zu solcher Höhe niemals erhoben ward. Also deutet seine Verkündigung auf Christus. Ihre Wahrheit lässt sich nur in Christus erkennen. Und nun bleibt allein übrig, dass die Juden als erfüllt anerkennen, was die Weissagung längst zuvor verheißen hatte. Gewiss ist richtig, dass David von Gott als König und gewissermaßen als sein Stellvertreter eingesetzt war; aber er ragte doch nicht über alle Kreaturen empor. Das Sitzen zur Rechten Gottes in diesem Sinne kommt nur dem zu, der über der ganzen Welt steht. Dass übrigens David nicht gen Himmel gefahren ist, soll ihm nicht die Aufnahme seiner Seele in die selige Ruhe und himmlische Wohnung absprechen, sondern nur jenen Aufstieg, der alles das in sich begreift, was Paulus beschreibt (Eph. 4, 10): „Er ist aufgefahren über alle Himmel, auf dass er alles erfüllte.“

„Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn.“ Da eine rechtmäßige Regierungsgewalt dem Könige oder einem sonstigen Oberherrn von Gott übertragen sein muss, so sagt David ausdrücklich, dass Christus der Auftrag ward, zu herrschen (Ps. 110, 1). Die Meinung ist, dass er sich diese Ehre nicht vorwitzig nahm, sondern im Gehorsam gegen Gottes Gebot aneignete. Und zwar empfängt er eine Stellung, die über alle Herrschaft und jeden Namen geht, der in dieser und der zukünftigen Welt genannt werden kann. Weil nun David weit unter den Engeln steht, kann er es nicht sein, der diesen erhabenen Sitz unmittelbar neben Gott einnimmt. Wer zur Rechten Gottes gelangen will, muss ja alle Himmel übersteigen. Darum kann dort im wahren und eigentlichen Sinne nur sitzen, wer an Würde höher ist als alle Kreaturen. Wer selbst eine Kreatur ist, bleibt weit hinter jener Höhe zurück, selbst wenn er unter die Engel gezählt würde. Besonders gewichtig ist außerdem der Zusammenhang der Rede. Der König soll, so sagt ihm Gott, die Oberherrschaft führen, „bis dass ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.“ Wollte man einem irdischen Herrn selbst einmal den Titel zubilligen, dass er zur Rechten Gottes sitze, so hat David doch gewiss nicht solange regiert, bis alle seine Feinde unterworfen waren. So ziehen wir mit Recht den Schluss, dass die Rede auf Christi ewiges Reich deutet. Davids Reich dagegen war nicht nur irdisch, sondern auch hinfällig und von kurzer Dauer. Als er starb, waren noch viele seiner Feinde übrig geblieben. Trotz vieler herrlicher Siege fehlte doch viel, dass er alle seine Feinde gebändigt hätte. Manche Nachbarvölker machte er tributpflichtig, manche schlug er nieder oder tilgte sie aus; aber was bedeutet dies fürs Ganze? Endlich beweist auch der Gesamtzusammenhang des Psalms, dass man an nichts anderes als an Christi Reich denken darf. Um anderes zu übergehen: was wir dort von dem ewigen Priestertum lesen, trifft ganz und gar auf David nicht zu. Denn es handelt sich um ein Priestertum, wie es Mose dem Melchisedek zuschreibt (1. Mos. 14, 18 ff.). David durfte sich in das Priesteramt nicht eindrängen. Wie sollte er vollends ein Priester sein, größer als Aaron und von Gott für alle Zeit geweiht (Ebr. 7, 4 ff.)?

V. 36. So wisse nun das ganze Israel. Das Haus Israel bekannte sich zu dem Glauben, dass der Messias kommen werde; wer es aber sein sollte, wussten sie nicht. So zieht Petrus den Schluss, dass der Jesus, den man so schmählich behandelt hatte und dessen Namen man verfluchte, der Mann sei, den sie als Herrn erkennen und verehren müssten.

Er sagt: Gott hat ihn zu einem Herrn und Christ gemacht. Man darf also auf keinen andern hoffen als auf ihn, den Gott geschaffen und gegeben hat. Denn dass Gott ihn „gemacht“ hat, will besagen, dass der Vater ihm die Ehre übertrug. Der Messias heißt nun auch „Herr“, weil bei den Juden feststand, dass er zum Haupt der Gemeinde gesalbt und mit der obersten Regierungsgewalt ausgestattet sein sollte. Das „ganze“ Haus Israel wird etwa in dem Sinne angeredet: wer immer zu den Kindern Jakobs gehören und mit auf den verheißenen Messias warten will, soll mit Bestimmtheit wissen, dass dieser es ist und kein anderer. Gottes „Haus“ heißt Israel, weil er es sich als seine Familie von allen übrigen Völkern ausgesondert hatte. Sie sollen es aber gewiss oder sicher wissen: ihr Geist soll mit fester Zuversicht an Christus hangen, und auch Leute, die an gewissen Dingen oft nur zu gern zweifeln, sollen durchaus keinen Vorwand und kein Bedenken mehr haben dürfen. Endlich wird ihnen noch einmal vorgeworfen, dass sie Christus gekreuzigt haben; dies soll ihr Gewissen schmerzlich treffen und die Sehnsucht nach Heilung erwecken. Die Anklage musste umso wuchtiger wirken, weil sie nun schon wussten, dass Jesus der Christ des Herrn, das Haupt der Gemeinde, der Spender des heiligen Geistes sei. Dass sie ihn gemordet hatten, war also nicht bloß ein grausames Verbrechen, sondern auch ein Zeugnis schrecklicher Untreue gegen Gott, des Gottesraubs und des Undanks, ja des Abfalls. So mussten sie verwundet werden, damit sie aus ihrer Trägheit sich aufrafften und das Heilmittel suchten. Auch uns trifft die Anklage dieses Wortes, wenn wir den schon im Himmel verherrlichten Sohn Gottes kreuzigen und ihn für Spott halten (Ebr. 6, 6).

37 Da sie aber das höreten, ging's ihnen durchs Herz, und sprachen zu Petrus und zu den andern Aposteln: Ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir tun? 38 Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes. 39 Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung, und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird.

V. 37. Nunmehr wird der Erfolg der Predigt beschrieben. Die Kraft des heiligen Geistes offenbarte sich nicht nur in der Mannigfaltigkeit der Zungen, sondern auch in den Herzen der Hörer. Es wird aber eine doppelte Frucht verzeichnet. Zuerst: die Rede ging ihnen durchs Herz. Zum andern zeigten sie sich dem Rat des Petrus folgsam. Dass unsere Sünden uns traurig machen und die Empfindung unseres Übels uns verwundet, ist der Anfang zur Buße und das Eingangstor zur Frömmigkeit. Darum wird Gottes Wort mit einem Schwert verglichen, welches unser Fleisch tötet, um uns dem Herrn zum Opfer zu bringen (Ebr. 4, 12). Mit der Erschütterung des Herzens muss sich aber die Willigkeit zum Gehorsam verbinden. Auch Kain und Judas waren erschüttert, aber ihre Verzweiflung wehrte ihnen, sich dem Herrn zu unterwerfen. Denn ein von Schrecken erfüllter Geist kann ja nur Gott fliehen. Wenn David (Ps. 51, 19) einen geängsteten Geist und ein gedemütigtes Herz als die Opfer bezeichnet, welche Gott gefallen, so beschreibt er jene innere, gutwillige Erschütterung, während die Erschütterung der Gottlosen mit Murren gepaart ist. Wir müssen also gute Hoffnung hegen und unsere Seele durch die Zuversicht auf Rettung aufrichten. Daraus erwächst dann die Bereitschaft, sich dem Herrn zu übergeben und seinen Befehlen zu folgen. Wer seinen Willen gegen die Erschütterung stemmt, gelangt nur zum Zähneknirschen, zu frechem Widerspruch und wahnsinniger Raserei. Zum Segen wird die Erschütterung nur, wenn man den Schmerz willig sich gefallen lässt und zugleich den Herrn um Heilung bittet.

V. 38. Petrus sprach zu ihnen usw. Hier sehen wir, dass niemals unverrichteter Sache davongehen muss, wer den Mund des Herrn befragt und sich seiner Leitung und Belehrung übergibt. Denn die Zusage täuscht nicht (Mt. 7, 7): „Klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Wer also in Wahrheit zum Lernen bereit ist, dessen fromme Sehnsucht wird der Herr nicht betrügen; denn er ist der beste und treuste Lehrer, wenn er nur gelehrige und eifrige Schüler hat. Übrigens müssen wir uns durch den Rat und das Ansehen derjenigen leiten lassen, die Gott uns zu Lehrern gibt. Daher kommt es bei diesen Leuten, dass sie sich jetzt in so eifrigem Gehorsam plötzlich den Aposteln übergeben und anschließen, weil sie überzeugt sind, dass Gott sie gesandt habe, ihnen den Weg des Heils zu zeigen.

Tut Buße. Das griechische Wort lautet nachdrücklicher und bedeutet eine Sinnesänderung, welche den ganzen Menschen erneuert und zu einem andern macht. Dies müssen wir uns fleißig einprägen, weil diese Lehre unter dem Papsttum jämmerlich verderbt wurde; man verstand unter Buße nur irgendwelche äußere Formen. Die wahre Buße besteht aber darin, dass der Mensch eine Erneuerung seines Sinnes erlebt, wie Paulus sich ausdrückt (Röm. 12, 2). Übrigens hat Petrus ohne Zweifel über Kraft und Wesen der Buße ausführlicher geredet; Lukas hat nur den Hauptinhalt, nicht aber die Worte verzeichnet. Der Apostel wird zuerst die Juden zur Buße ermahnt und sie dann aufgerichtet haben, Zuversicht zur Vergebung zu fassen. Denn er verheißt ihnen Vergebung der Sünden. Dies sind ja bekanntlich die beiden Stücke des Evangeliums.

Darum sagt auch Christus, wo er die Lehre des Evangeliums umfassend beschreiben will, es müsse in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden. Weil wir aber nur durch Christi Tod mit Gott versöhnt und die Sünden allein durch sein Blut gesühnt und getilgt werden, darum ruft uns Petrus ausdrücklich zu ihm. Als ein viertes Stück nennt er die Taufe, die wie ein Siegel die Verheißung der Gnade bekräftigt. Übrigens wollen wir noch anmerken, dass die Buße zwar mit der ersten Bekehrung zu Gott anhebt, aber doch durchs ganze Leben währen muss. Darum muss in der Kirche täglich die Predigt erschallen (Mk. 1, 15): „Tut Buße.“ In der Lehre davon gilt folgende Ordnung: die noch der Welt und dem Fleisch leben, müssen damit anfangen, den alten Menschen zu kreuzigen und müssen zu einem neuen Leben auferstehen; die aber schon in den Lauf der Buße eingetreten sind, müssen bis zum letzten Ziel fleißig fortfahren. Weil nun die innere Bekehrung des Herzens im Leben Früchte bringen muss, so kann man die Buße nur richtig lehren, wenn man auch Werke fordert. Freilich nicht jene abgeschmackten, die bei den Papisten allein im Wert stehen, sondern die ernste Zeugnisse der Unschuld und Heiligkeit sind.

Und lasse sich ein jeglicher taufen. Zwar steht in der Wortfolge die Taufe hier vor der Vergebung der Sünden; jedoch in der sachlichen Ordnung folgt sie ihr nach; denn sie ist nichts anderes als die Versiegelung der Güter, die wir durch Christus empfangen, damit dieselben nun für unser Gewissen gültig seien. Nachdem also Petrus zur Buße gemahnt, lockt er die Juden, auf die Gnade zu trauen und auf Heil zu hoffen. Darum erscheinen auch in einem späteren Bericht des Lukas über eine Predigt des Paulus (Apg. 20, 21) in demselben Sinne wie hier Buße und Glaube verbunden. Mit Recht, denn der Heilsglaube kann nur auf freier Zurechnung der Gerechtigkeit ruhen. Als gerecht gelten wir aber vor Gott, wenn er uns die Sünden vergeben hat. Wie ich nun zuvor erinnerte, dass die Lehre von der Buße täglich in der Kirche im Schwange gehen muss, so muss uns gleicher weise die Vergebung der Sünden immer wieder angeboten werden. Wir bedürfen ihrer im ganzen Lebenslauf nicht minder als beim ersten Eintritt in die Gemeinde. Die einmalige Aufnahme in Gottes Gnade würde uns nichts nützen, wenn nicht beständig die Botschaft erginge (2. Kor. 5, 20): „Lasset euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit Gottes.“ Auch dieses zweite Stück des Evangeliums verderben und verfälschen die Papisten derartig, dass sie die Vergebung der Sünden, die man durch Christus gewinnen sollte, völlig ausmerzen. Sie gestehen zu, dass die Sünden bei der Taufe umsonst vergeben werden; nach der Taufe soll man sich aber mit genugtuenden Leistungen loskaufen. Dabei reden sie zwar auch von der Gnade Christi; weil sie dieselbe aber durch die menschlichen Verdienste verhüllen, stürzen sie die ganze Lehre des Evangeliums um. Denn zuerst erschüttern sie dem Gewissen die Gewissheit des Glaubens. Sodann berauben sie uns gänzlich der Wohltat Christi, weil sie zwischen seinem Tode und unseren genugtuenden Leistungen halb und halb teilen. Christus aber versöhnt uns nicht zum Teil, sondern ganz und gar mit Gott. Auch empfängt man durch ihn Vergebung der Sünden nur, wenn man sie ganz und ungeteilt sucht. Das aber ist ein schwerer Irrtum der Papisten, dass sie die Wirkung der Taufe auf die Sünden beschränken, die der Mensch durch seine Geburt hat oder im vorangehenden Leben beging, - als ob nicht ihre Bedeutung und Kraft bis zum Tode währte. Was es nun heißt, dass wir zur Vergebung der Sünden getauft werden, bedarf nicht langer Erläuterung. Gewiss hat Gott die Menschen einmal in Christus mit sich versöhnt, indem er ihnen die Sünden nicht zurechnete (2. Kor. 5, 19); und jetzt prägt er den Glauben an diese Versöhnung durch seinen Geist in unsre Herzen. Weil aber die Taufe das Siegel ist, durch welches er diese Wohltat uns bekräftigt, ja das Angelt und Pfand unserer Annahme zur Kindschaft, so kann man mit Recht sagen, dass sie uns zur Vergebung der Sünden gespendet werde. Weil wir durch den Glauben Christi Gaben ergreifen, die Taufe aber ein Hilfsmittel zur Stärkung und Mehrung des Glaubens ist, so knüpft man die Vergebung der Sünden, die eine Wirkung des Glaubens ist, auch an dies beigegebene Mittel. Übrigens beschreibt Petrus hier die Taufe nicht vollständig. Nach der Lehre des Paulus wird in ihr auch unser alter Mensch gekreuzigt, damit wir zu einem neuen Leben auferstehen; ja wir ziehen Christus selbst an (Röm. 6, 4 ff.; Gal. 3, 27 usw.). Weil aber Petrus hier nicht das Wesen der Taufe geflissentlich erörtert, so kann er sich wohl auf eine Seite der Sache beschränken.

Auf den Namen Jesu Christi. Obwohl die Taufe nicht eine leere Darstellung, sondern ein wahres und kräftiges Zeugnis ist, so soll doch niemand dem Element des Wassers zuschreiben, was uns darin angeboten wird; darum wird ausdrücklich auf Christi Namen hingewiesen. Wir sollen wissen, dass das Zeichen der Taufe uns dann erst seinen Nutzen bringt, wenn wir seine Kraft und Wirkung in Christus suchen; wir sollen wissen, dass wir darum in der Taufe abgewaschen werden, weil Christi Blut unsere Abwaschung ist. So erkennen wir Christus als das Ziel, auf welches die Taufe uns hinlenkt. Einem jeglichen nützt die Taufe nur soviel, wie er lernt, auf Christus zu schauen. Christi Namen wirkt also nicht als Zauberformel; überhaupt spricht Petrus hier nicht von der Form der Taufe, sondern will einfach einprägen, dass die ganze Kraft der Taufe in Christus enthalten ist. Denn durch sein Blut werden wir gereinigt, und durch die Wohltat seines Todes und seiner Auferstehung kommen wir in ein neues Leben.

So werdet ihr empfangen, die Gabe des heiligen Geistes. Das Volk war von Bewunderung ergriffen, als es die Apostel plötzlich mit andern Zungen reden hörte. Darum sagt ihnen Petrus, dass sie selbst die gleiche Gabe empfangen sollen, wenn sie sich zu Christus wenden. Gewiss waren Vergebung der Sünden und Erneuerung des Lebens die Hauptstücke; es war aber eine Zugabe, dass Christus auch durch ein sichtbares Geschenk seine Kraft an ihnen bewies. Und unsre Stelle darf nicht von der Gnadengabe der Heiligung verstanden werden, die alle Frommen insgemein empfangen. Die Gabe des Geistes, die hier verheißen wird, soll man an der Verschiedenheit der Zungen äußerlich sehen können.

Darum geht eigentlich uns dies nicht an. Die Wundergaben, mit welchen Christus den Anfang seines Reiches zieren wollte, waren nur für eine Zeit vorhanden. Da aber die sichtbaren Gnadengaben, welche der Herr den Seinen austeilte, wie in einem Spiegel zeigten, dass Christus der Spender des heiligen Geistes ist, so geht doch irgendwie die ganze Gemeinde an, was Petrus sagt: Ihr werdet die Gabe des Geistes empfangen. Denn wenn uns auch nicht geschenkt wird, dass wir mit Zungen reden, weissagen, Kranke heilen und Wunder tun, so empfangen wir doch die viel bessere Gabe, dass wir mit dem Herzen glauben zur Gerechtigkeit, dass unsere Zunge zu wahrem Bekenntnis gebildet wird, dass wir aus dem Tode ins Leben dringen, dass unsere Armut sich in Reichtum wandelt, dass wir wider Satan und Welt unbesiegt dastehen (Röm. 10, 10; Joh. 5, 24). So wird mit der Taufe sich die Gnadengabe des Geistes immer verbinden, wenn wir nicht unserseits ein Hindernis bereiten.

V. 39. Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung. Dies musste ausdrücklich hinzugefügt werden, um die Juden zu vergewissern, dass ihnen dieselbe Gnade zugedacht sei wie den Aposteln. Petrus beweist dies aber damit, dass Gottes Verheißung für sie bestimmt ist.

Auf diese müssen wir ja immer den Blick richten, weil uns Gottes Wille nicht anders bekannt werden kann als durch das Wort. Es genügt aber nicht, das Wort im Allgemeinen zu besitzen; wir sollen auch wissen, dass es für uns bestimmt ist. Darum sagt Petrus, dass die Wohltaten Gottes, die man an ihm und seinen Genossen sieht, den Juden längst zugesagt waren. Denn zur Gewissheit des Glaubens gehört für jeden einzelnen unbedingt die feste Überzeugung, dass er selbst in der Zahl derjenigen einbegriffen sei, zu denen Gott redet. Rechter Glaube hat die Regel, dass ich fest überzeugt bin, das Heil gehöre mir, weil die Verheißung, die es anbietet, mich angeht. Bemerkenswert sind die drei Stufen, dass die Verheißung zuerst den Juden, sodann ihren Kindern gilt, endlich auch den Heiden mitgeteilt werden soll. Weshalb die Juden einen Vorzug genießen, ist bekannt: sie sind wie die Erstgeborenen in Gottes Familie (2. Mos. 4, 22), ja durch eine besondere Gnadengabe waren sie von allen übrigen ausgesondert. So hält sich Petrus an die rechtmäßige Ordnung, wenn er den Juden den obersten Ehrenplatz anweist. Dass er ihre Kinder mit einschließt, ergibt sich aus den Worten der Verheißung (1. Mos. 17, 7): „Ich will dein Gott sein und deines Samens nach dir.“ Diese Stelle widerlegt hinreichend die Wiedertäufer, welche die Kinder gläubiger Eltern von der Taufe ausschließen, als wären sie nicht Glieder der Gemeinde. Auch die Beschneidung zeugt dafür, dass an dem Recht der Gotteskindschaft auch die Kinder teilhaben.

Und aller, die ferne sind. An letzter Stelle werden die Heiden genannt, die zuvor draußen standen. Einer ähnlichen Ausdrucksweise bedient sich Paulus (Eph. 2, 12 ff.): die Heiden, die fremd waren den Verheißungen, sind jetzt durch Christus Gott nahe gekommen. Christus hat den Zaun abgebrochen und beide Gruppen mit dem Vater versöhnt; er ist gekommen und hat Frieden verkündigt denen, die nahe, und denen, die ferne waren.

40 Auch mit viel andern Worten bezeugte er und ermahnte und sprach: Lasset euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht. 41 Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen. 42 Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

V. 40. Auch mit viel andern Worten usw. Schon im bisherigen hat Lukas nicht die Worte, sondern nur die Hauptgedanken des Petrus mitgeteilt; nun weist er noch einmal darauf hin, dass Petrus nicht eine einfache Lehre vortrug, sondern den Stachel der Ermahnung hinzufügte. Dass er dies mit nachdrücklichem Eifer tat, beschreibt der Doppelausdruck: er bezeugte und ermahnte. Denn es war keine leichte Sache, die Irrtümer gänzlich fahren zu lassen, in denen man unterwiesen war, und das gewohnte Joch der Priesterherrschaft abzuschütteln; es bedurfte eines kräftigen Verfahrens, die Leute aus diesem Sumpf zu reißen. In der Hauptsache geht die Ermahnung dahin, dass man sich hüte vor diesem verkehrten Geschlecht. Man konnte ja nicht Christus angehören, wenn man nicht von seinen erklärten Feinden abrückte. Priester und Schriftgelehrte besaßen damals die oberste Autorität, und indem sie sich als die Kirche gebärdeten, machten sie schlichten Leuten einen Dunst vor. Das war für die meisten ein großes Hindernis, zu Christus zu kommen. Andere konnten schwankend werden, noch andere vom rechten Glauben abfallen. Darum gebietet Petrus seinen Zuhörern, sich von jenen Leuten zu scheiden und sich nicht in ihre gottlose und verderbliche Gemeinde zu verstricken. Er ruft ihnen zu: Lasset euch erretten, und gibt damit zu verstehen, dass es sie ins Verderben bringen wird, wenn sie sich mit jener Pest einlassen. Lehrt doch die Erfahrung, wie jämmerlich Leute auf und ab getrieben werden, welche die Stimme des Hirten nicht von der Stimme der Fremden zu unterscheiden wissen. So hätte es nicht genügt, auf Christus hinzuweisen; wir müssen auch belehrt werden, dass es solche Leute zu meiden gilt, die uns von ihm abführen. Es ist die Aufgabe eines guten Hirten, die Schafe nicht unter die Wölfe geraten zu lassen. Dabei soll er die Gefahren, welche die Seele töten könnten, beim rechten Namen nennen; denn die Menschen werden sich vor dem Gift nur hüten, wenn sie wissen, dass es Gift ist.

V. 41. Die nun sein Wort gerne annahmen usw. Jetzt wird von der Frucht erzählt, welche die Predigt des Petrus zeitigte; sie gewann ungefähr dreitausend Menschen für Christus. Dass dieselben das Wort mit willigem und frohem Herzen annahmen, ist zugleich eine Beschreibung der Natur und Art des Glaubens. Mit dieser Bereitschaft zu fröhlichem Gehorsam muss er anheben. Da aber viele sich anfangs ganz willig zeigen, die nachher nicht beständig bleiben, sollen wir nicht meinen, dass ein plötzlicher Ansturm genüge, der doch bald zusammenbricht.

Lukas rühmt alsbald (V. 42) auch die beständige Treue der Leute, welche das Wort annahmen. Dies Beispiel kann uns beschämen. Durch eine einzige Predigt wurde damals eine gewaltige Menge zu Christus bekehrt, während bei uns hundert Predigten an viel wenigere Herzen greifen. Von jenen Leuten erzählt Lukas, dass sie beständig blieben, während bei uns unter zehn kaum einer einen mäßigen Eifer zum Fortschreiten zeigt, sondern der größte Teil der Lehre schnell überdrüssig wird. Wehe der Welt wegen der Trägheit und des Leichtsinns! V. 42. Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre usw. Lukas rühmt nicht bloß jener Leute Beständigkeit in Glauben und Frömmigkeit, sondern auch, dass sie sich treulich mit den Übungen abgaben, welche zur Stärkung des Glaubens dienen. Was nun die Lehre und das Gebet angeht, so ist der Sinn ohne weiteres verständlich. Die Gemeinschaft deute ich auf die brüderliche Verbindung, Almosen und andere Pflichten brüderlicher Liebe. Zu den Stücken, welche die öffentliche Ordnung der Gemeinde ausmachen, zählt Lukas auch das Brotbrechen, d. h. die Feier des Mahls des Herrn. An den vier Stücken, die er nennt, lässt sich die wahre und echte Gestalt der Kirche erkennen. Fragen wir also nach Christi wahrer Kirche? Hier wird uns ihr Bild lebendig vorgestellt. Anfang und Grundlage ist die Lehre, gleichsam die Seele der Kirche. Es ist aber nicht von irgendwelcher Lehre der Kirche die Rede, sondern von der Lehre der Apostel, also von dem, was der Sohn Gottes durch ihre Hand uns zukommen ließ. Wo also nur immer die lautere Stimme des Evangeliums erschallt, wo die Menschen im Bekenntnis dazu verharren, wo sie mit Erfolg sich üben, dieselbe regelmäßig zu hören, da ist ohne Zweifel die Kirche.

Hier ziehen wir den sicheren Schluss, dass es abgeschmackt ist, wenn die Papisten mit aufgeblasenen Backen uns prahlerisch den Namen der Kirche entgegentönen, während sie doch die ganze Lehre der Apostel aufs schändlichste verderbt haben. Wir dürfen ungestraft jene hohle Larve verachten, da ja der heilige Geist es hier als hauptsächlichstes Erkennungszeichen der Kirche angibt, dass die schlichte, von den Aposteln überlieferte Lehre in ihr im Schwange gehe.

In der Gemeinschaft. Dieses und das letzte Glied erwachsen als Frucht oder Wirkung aus dem ersten. Denn die Lehre ist einmal das Band brüderlicher Gemeinschaft, und zum andern eröffnet sie uns die Tür zur Anrufung Gottes. Die Feier des Abendmahls kommt aber zur Lehre als Bekräftigung hinzu. Darum hat es guten Grund, dass Lukas diese vier Stücke aufzählt. Er beschreibt uns damit die rechte Gestaltung der Kirche. Solcher Ordnung müssen wir nachstreben, wollen wir vor Gott und den Engeln in Wahrheit als Kirche gelten und nicht bloß vor Menschen mit einem hohlen Namen prunken. Beim Gebet ist ohne Zweifel an das öffentliche gedacht. Es genügt also nicht, dass jeder einzelne zu Hause betet, sie sollen auch alle zum Gebet zusammenkommen; auch darin liegt ein Bekenntnis des Glaubens.

43 Es kam auch alle Seelen Furcht an; und geschahen viel Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden, waren miteinander verbunden und hielten alle Dinge gemein. 45 Ihre Güter und Habe verkauften sie, und teileten sie aus unter alle, nach dem jedermann not war.

V. 43. Es kam auch alle Seelen Furcht an. Der Anblick der Gemeinde war also derartig, dass er auch Leute, welche der Lehre nicht beistimmten, erzittern ließ. So schaffte es Gott, um seine Gemeinde zu behüten und zu vermehren. Wo eine neue Sekte auftritt, stößt sie auf allgemeinen, heftigen Widerspruch; darum hätten die Juden die Gemeinde Christi auch nicht einen Augenblick bestehen lassen, hätte sie nicht der Herr durch Furcht im Zaum gehalten. Die Furcht, welche Lukas meint, ist übrigens nicht eine solche, welche die Menschen zum Gehorsam Christi führt; sie hält sie nur erschreckt und gebunden, dass sie das Werk des Herrn nicht zu hindern wagen. Dass „alle“ Seelen solche Furcht ankam, ist ein etwas übertreibender Ausdruck; denn sicherlich haben viele Gottes Hand verachtet; andere haben sich durch keine Furcht abschrecken lassen, rasend gegen die Gemeinde zu wüten. Lukas wollte aber sagen, es habe aus der Gemeinde eine solche Kraft Gottes gestrahlt, dass das Volk zum guten Teil verstummen musste.

Und geschahen viele Wunder usw. Auch dieser zweite Satz dient noch der Angabe des Grundes; die Leute mussten sich fürchten, dem Herrn zu widerstehen, der sich ja, wie die Wunder zeigten, auf die Seite der Gläubigen geschlagen hatte.

Wunderzeichen haben also nicht nur den Nutzen, dass die Menschen sich im Gehorsam dem Herrn unterwerfen, sondern auch, dass die Gottlosen etwas sanftmütiger gestimmt und ihre trotzigen Gesinnungen gebändigt werden. Eine ganz besonders aussichtslose Widerspenstigkeit bewies Pharao; und doch sehen wir, wie die Wunder ihn je und dann stutzig machen und sein Herz erschüttern. Freilich vergisst er dies bald; aber wenn Gottes Hand ihn drückt, sieht er sich doch gezwungen, dem Schrecken zu weichen. Immerhin ist an unserer Stelle nicht bloß von jener Furcht die Rede, welche die Lust zu schaden bändigte, sondern auch von der wahren Ehrfurcht, zu der man sich zum Ruhme des Evangeliums beugen ließ.

V. 44. Waren miteinander verbunden. Das letzte Wort steht nicht ausdrücklich im Text des Lukas. Aber die Meinung wird doch nicht nur sein, dass die Gläubigen räumlich mit- oder beieinander waren, sondern dass brüderliche Liebe sie untereinander verband. Diese Liebe bezeugten sie dann mit der Tat, indem die Reichen ihr Eigentum verkauften, um die Armen zu unterstützen. Diesen einzigartigen Beweis der Liebe berichtet Lukas, um uns die Pflicht einzuprägen, dass wir mit unserm Überfluss den Mangel der Brüder zu lindern haben. Weil aber manche Schwärmer an eine Gütergemeinschaft denken, die alle sozialen Ordnungen auflösen würde, so bedarf diese Aussage einer gesunden Auslegung. Welchen Aufruhr haben in unsrer Zeit die Wiedertäufer angerichtet, die es zur notwendigen Ordnung der Kirche rechneten, dass man allen Privatbesitz auf einen gemeinsamen Haufen warf, aus welchem dann unterschiedslos allen das Nötige zufließen sollte! Darum gilt es zwei Abwege zu meiden. Viele verschließen unter dem Vorwand der sozialen Ordnung ihren Besitz bei sich, entziehen sich den Armen und halten sich schon für mehr als gerecht, wenn sie nur den andern nicht berauben. Andere fallen in den entgegen gesetzten Irrtum und wollen alles durcheinander mengen. Was aber sagt Lukas? Nach seinem Bericht war ohne Zweifel eine getrennte Ordnung, da man ja bei der Verteilung eine Auswahl traf. Das Wort: die Gläubigen hielten alle Dinge gemein - deutet doch nicht auf eine Beseitigung des Privateigentums, sondern nur auf eine Verwendung, wie sie alsbald beschrieben wird (V. 45); sie teileten aus unter alle, nachdem jedermann not war. Es wurden also die Armen unterstützt.

Bekannt ist das alte Sprichwort: Zwischen Freunden ist alles gemein. Wenn die Pythagoräer so redeten, so wollten sie nicht einem jeglichen sein Haus oder Weib nehmen. Ebenso wenig hebt die Gemeinsamkeit, die Lukas hier rühmt, den Privatbesitz auf. Das ergibt sich vollends deutlich aus dem späteren Bericht (4, 36; 5, 1), wo aus den Tausenden von Gläubigen nur zwei genannt werden, die ihre Besitztümer verkauften. Wir schließen daraus, dass die Gütergemeinschaft nur eine Hilfe für die gegenwärtige Not bedeutete.

46 Und sie waren täglich und stets beieinander einmütig im Tempel, und brachen das Brot hin und her in Häusern, 47 nahmen die Speise mit Freude und einfältigem Herzen, lobeten Gott und hatten Gnade bei dem ganzen Volk. Der Herr aber tat hinzu täglich, die da selig wurden, zu der Gemeine.

V. 46. Und sie waren beieinander im Tempel. Den Tempel besuchten sie, weil dort die bequemste Gelegenheit sich bot, das Evangelium auszubreiten. Nicht zog sie die Heiligkeit des Ortes; wussten sie doch, dass die Schatten des Gesetzes gewichen waren; noch wollten sie andere durch ihr Beispiel zum Kultus im Tempel locken. Vielmehr pflegten sich dort viele Fromme zu sammeln, die sich von den sonst sie zerstreuenden Sorgen freimachten, um Gott zu suchen. Solche für Christus zu gewinnen, dazu weilten die Gläubigen stets im Tempel. Außerdem hatten sie bei ihrer wachsenden Zahl dort Gelegenheit, untereinander Austausch über die Lehre zu pflegen, was in Privathäusern weniger gut sich hätte tun lassen.

Und brachen das Brot hin und her in Häusern. Es scheint mir den Sinn des Lukas nicht zu treffen, wenn man hier an das heilige Mahl denkt. Vielmehr ist die Meinung, dass die Gläubigen nicht bloß in der Öffentlichkeit wahre Frömmigkeit bewiesen, sondern dass dies auch der Lauf und die Haltung ihres Privatlebens war. Die Sätze beschreiben, dass sie gemeinsam ihre Nahrung einzunehmen pflegten, und zwar in bescheidener Weise. Denn auch dies ist ein Zeichen des Maßhaltens, dass sie die Speisen (V. 47) mit einfältigem Herzen nahmen. Alles in allem will Lukas sagen, dass die Gläubigen eine brüderliche und nüchterne Lebensweise einhielten. Weniger passend, aber nach dem Wortlaut nicht unmöglich, ist die von andern gegebene Wortverbindung: und lobeten Gott mir Freuden usw. Bemerkenswert ist nun die Lage, in welcher die Gläubigen, von mancherlei Gefahren umgeben, froh und heiter bleiben. Dieses Gut bringt uns die Erkenntnis der Liebe Gottes gegen uns und das Vertrauen zu seinem Schutz, dass wir mit ruhigem Gemüte den Herrn loben können, wie auch die Welt drohe. Wie aber Lukas zuvor den öffentlichen Zustand der Gemeinde beschrieb, so stellt er uns jetzt die regelmäßige Lebenshaltung der Gläubigen vor Augen. An ihrem Vorbild sollen auch wir lernen, im Leben bescheidene Gemeinschaft und einfaches Wesen zu pflegen, der Freude im Geist zu genießen und uns im Lobpreis Gottes zu üben. Wo man freilich seine Sorgen nicht auf Gott wirft, droht der gerechte Lohn, dass man in Unruhe und Zittern dahingehen muss.

Und hatten Gnade bei dem ganzen Volk. Das ist die Frucht eines unschuldigen Lebens. Übrigens ist kein Zweifel, dass die Gläubigen auch bei vielen Leuten verhasst waren. Aber indem Lukas vom ganzen Volk spricht, denkt er wenigstens an den besseren Teil, der sich von dem Gift des Hasses nicht hatte anstecken lassen.

Der Herr aber tat hinzu täglich usw. Diese Worte zeigen, dass der treue Eifer nicht ohne Frucht blieb. Die Gläubigen suchten, soviel an ihnen war, die Verirrten und Zerstreuten in den Schafstall Gottes zu sammeln. Und wir hören, dass ihre Mühe in diesem Stück nicht vergeblich war, indem der Herr täglich Glieder zur Gemeinde hinzutat. Wenn stattdessen die Gemeinde abnimmt, so muss dies auf Rechnung unserer Trägheit und Verkehrtheit gesetzt werden. Wie wacker aber alle strebten, das Reich Christi zu vermehren, so gibt Lukas doch allein dem Herrn die Ehre dafür, dass er Draußenstehende zur Gemeinde geführt habe. Und sicherlich ist dies sein eigentümliches Werk. Die Diener schaffen weder mit Pflanzen noch Begießen etwas, wenn nicht der Geist durch seine Kraft ihre Arbeit wirksam macht (1. Kor. 3, 6). Bemerkenswert ist auch der Ausdruck, dass zur Gemeinde hinzukamen, die da selig wurden. Wir erkennen es daraus als den Weg zur Seligkeit, dass man sich der Gemeinde anschließt. Außerhalb derselben ist weder Vergebung der Sünden noch Hoffnung auf ewiges Leben. So ist es für alle Frommen ein herrlicher Trost, dass sie in die Gemeinde aufgenommen wurden, um die Seligkeit zu erlangen, wie denn das Evangelium eine Kraft Gottes heißt, selig zu machen alle, die daran glauben (Röm. 1, 16). Indem nun aber Gott nur eine bestimmte Zahl der Gemeinde zuführt, erscheint diese Gnadengabe an die Erwählung gebunden, welche die oberste Ursache unserer Seligkeit ist.

Kapitel 3.

1 Petrus aber und Johannes gingen miteinander hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, da man pflegt zu beten. 2 Und es war ein Mann, lahm von Mutterleibe, der ließ sich tragen; und sie setzten ihn täglich vor des Tempels Tür, die da heißet die schöne, dass er bettelte das Almosen von denen, die in den Tempel gingen. 3 Da er nun sah Petrus und Johannes, dass sie wollten zum Tempel hineingehen, bat er um ein Almosen. 4 Petrus aber sah ihn an mit Johannes und sprach: Siehe uns an! 5 Und er sah ihn an, wartete, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandle! 7 Und griff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Alsbald standen seine Schenkel und Knöchel fest; 8 sprang auf, konnte gehen und stehen, und ging mit ihnen in den Tempel, wandelte und sprang und lobete Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk wandeln und Gott loben. 10 Sie kannten ihn auch, dass er's war, der um das Almosen gesessen hatte vor der schönen Tür des Tempels; und sie wurden voll Wunderns und Entsetzens über dem, das ihm widerfahren war. 11 Als aber dieser Lahme, der nun gesund war, sich zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißet Salomos, und wunderten sich.

Zuerst hörten wir, dass durch die Hand der Apostel viele Zeichen geschahen; jetzt erzählt Lukas nach seiner Weise ein Beispiel aus vielen, dass ein Lahmer, der von Mutterleibe an seiner Füße nicht mächtig war, völlig gesund wurde. Alle Umstände, die zur Erläuterung des Wunders dienen konnten, werden dabei genau verzeichnet. Hätte es sich um eine Verletzung oder eine später entstandene Krankheit gehandelt, so wäre eine Heilung leichter gewesen. Ein angeborener Fehler lässt sich aber nicht so leicht heilen. Und wenn der Mensch sich tragen ließ, so wird deutlich, dass er nicht bloß leicht hinkte, sondern gleichsam mit erstorbenen Schenkeln dalag. Dem ganzen Volk war er noch besonders dadurch bekannt, dass er täglich an der Tür des Tempels bettelte. Dass er nun zur Stunde des Gebets gesund im Tempel umhergeht, musste den Ruhm der Wundertat erheblich ausbreiten. Auch dies trug nicht wenig zur Erhöhung bei, dass der Mensch plötzlich auf seine Füße sprang und munter gehen konnte. Die neunte Stunde, da der Tag sich zum Abend zu neigen beginnt, ist die Stunde des Gebets. Übrigens glaube ich nicht, dass die Apostel in den Tempel gingen, um nach der Ordnung des Gesetzes zu beten, sondern um die günstige Gelegenheit zur Ausbreitung des Evangeliums zu benutzen. Gott hatte verordnet, dass die Juden am Morgen und am Abend ein Opfer darbringen sollten (4. Mos. 28, 4). Durch diese Übung wurde ihnen eingeprägt, dass man den Tag mit Anrufung und Verehrung Gottes anheben und schließen müsse. Gewiss verunreinigten sich also Petrus und Johannes nicht, wenn sie sich mit Israel zusammenschlossen, den Herrn in seinem ihm geweihten Tempel anzurufen. Und aus der Festsetzung bestimmter Stunden sehen wir, dass die Gemeinde eine bestimmte äußere Ordnung nicht entbehren kann. Wenn nicht die gar zu große Gleichgültigkeit entgegenstände, so wäre es sogar heute nützlich, täglich solche Zusammenkünfte zu halten. Immerhin war die Hauptsache, dass die Apostel nicht unterließen, das Evangelium zu fördern.

V. 3. Bat er um ein Almosen. Der unheilbar Kranke verschaffte sich durch Betteln seinen Lebensunterhalt. Nun wird ihm etwas gegeben, was er nie zu erbitten gewagt hätte. So kommt Gott auch uns oft zuvor, ohne zu warten, bis wir ihn anreden. Daraus sollen wir freilich keinen Vorwand zur Lässigkeit machen, als ob uns Gott darum mit seinen Wohltaten zuvorkäme, damit wir müßig und träge dasitzen. Wir haben den Befehl zu beten, dürfen also diese Pflicht nicht versäumen. In der Person des Lahmen wird uns nun erstlich das Beispiel eines noch nicht durch den Glauben erleuchteten Menschen vor Augen gestellt. Solchen Leuten kommt Gottes Gnade zuvor, wie sie es bedürfen. Wenn also der Herr unseren Seelen nicht bloß Gesundheit, sondern auch Leben wiedergibt, so liegt der Grund lediglich in ihm selbst. Denn dies ist der Anfang unserer Berufung, dass er ins Leben ruft, was nicht ist, dass er denen sich zeigt, die ihn nicht suchen (Röm. 4, 17; Jes. 65, 1). Hat uns dann aber der Glaube schon beten gelehrt, so fühlen wir doch oft unser Übel nicht hinreichend und vergessen, um Heilung zu flehen. So schenkt uns der Herr dieselbe unverdient und unverhofft. Und selbst wenn wir eifrig beten, gibt er doch in seiner Güte über Hoffen und Wünschen.

V. 4. Siehe uns an! So kann Petrus nur reden, weil er der Absicht Gottes gewiss ist. Und sicherlich heißt er damit den Lahmen auf eine einzigartige und unerhörte Wohltat hoffen. Indessen könnte man fragen, ob die Apostel immer Wunder tun konnten, so oft es ihnen beliebte. Ich antworte, dass sie als Diener der göttlichen Kraft nichts nach Gutdünken und eigenem Antrieb unternahmen, sondern dass der Herr durch sie wirkte, da er es für nützlich hielt. So kam es, dass sie den einen heilten und nicht unterschiedslos alle. Wie sie also in anderen Dingen durch Gottes Geist sich lenken und führen ließen, so auch in diesem Stück. Ehe also Petrus den Lahmen aufstehen heißt, wendet und heftet er die Augen auf ihn. Dieser Blick ruht auf einem besonderen Antrieb des Geistes. So kann er mit völliger Sicherheit das Wunder ankündigen. Und er will mit seinem Wort den Lahmen zur Aufnahme der Gnade Gottes erwecken; jener indes erwartet lediglich ein Almosen.

V. 6. Silber und Gold habe ich nicht. Petrus entschuldigt sich, dass er über die Hilfe nicht verfügt, welche der Lahme erbittet. Er bezeugt, dass er gern seinen Mangel heben würde, wenn er es vermöchte, wie ja ein jeder von uns, was er vom Herrn empfangen hat, aufwenden muss, den Nächsten zu unterstützen. Die Fähigkeiten, die Gott jedem Menschen verlieh, sollen nach seinem Willen Mittel und Hilfen der Liebesübung sein. Darum sagt Petrus: Was ich habe, das gebe ich dir. Zuerst freilich scheint es wie ein Spott, dass der Apostel die Seele des Lahmen zu seltener Hoffnung stimmte und dann von seinem eigenen Mangel sprach, - gleich als wenn jemand einen Raben betrügt, der schon den Schnabel aufsperrt. Aber alsbald fügt Petrus den Trost hinzu, um den Wert des Wunders gerade durch den Vergleich zu steigern.

Im Namen Jesu Christi usw. Er schickt voran, dass es das Werk und die Wohltat Christi seien, welche dem Lahmen den Gebrauch seiner Füße wiedergeben. Denn Christi Name bedeutet seine Herrschaft und Kraft. Davon nämlich darf man nicht träumen, dass eine magische Kraft in dem Schall dieses Wortes liege. Alles in allem wollte Petrus bezeugen, dass er nur der Diener sei, Christus aber der Urheber des Wunders. Denn es musste ihm am Herzen liegen, dass Christus in der Welt bekannt gemacht und sein Name geheiligt werde. Warum aber sagt Petrus ausdrücklich: Jesus von Nazareth? Da man auf diese Herkunft Christi verächtlich hinzuweisen pflegte, so scheint er absichtlich einprägen zu wollen, dass jener gekreuzigte Jesus, dessen Name den Juden verächtlich und unrühmlich, den meisten sogar abscheulich dünkte, dennoch der von Gott verheißene Messias sei, dem alle Gewalt vom Vater gegeben ward, wie auch Paulus sagt, dass er Christus predige, und zwar den Gekreuzigten (1. Kor. 2, 2).

Stehe auf und wandle! Dies konnte überaus lächerlich erscheinen. Denn dem Lahmen musste die Antwort nahe liegen: Warum hast du mir nicht zuvor Schenkel und Füße gegeben? Es ist doch ein Spott, wenn man einen Menschen, der des Gebrauchs seiner Füße beraubt ist, gehen heißt. Aber der Mensch schenkt den Worten des Petrus Glauben. Und er, der zunächst so träge war, ergreift jetzt mit aufgerichtetem und frischem Geist Gottes Gabe. Man erkennt daraus die Kraft des Wortes und die Frucht des Glaubens. Die Kraft des Wortes ist eine doppelte: erstlich ergreift es den Lahmen derartig, dass er sofort ohne Schwierigkeit gehorcht; zum andern flößt es seinen erstorbenen Gliedern Leben ein und schafft den Menschen gleichsam um.

Der Glaube aber empfängt seinen Lohn; der Gehorsam gegen den Befehl, aufzustehen, ist nicht vergeblich. Wir sehen also, in welcher Weise Gott durch das Wort wirkt: er gibt der Predigt desselben Erfolg, dass sie in die Menschenseele dringt; zum andern schenkt seine Hand, was er darin verspricht. Zudem lässt er den Glauben nicht vergeblich bleiben; er bemächtigt sich in Wahrheit all der Güter, die er auf Grund des Angebots im Wort erwarten darf. Wir wollen uns dabei erinnern, dass diese Geschichte uns gleichsam ein umfassendes Bild unserer geistlichen Erneuerung vor Augen stellt; wie das im Glauben ergriffene Wort dem Lahmen die Gesundheit schenkte, so dringt der Herr durch das Wort in die Seelen, um sie wiederherzustellen. Zuerst spricht er durch Menschenmund und treibt uns zu dem Gehorsam des Glaubens an; sodann bewegt er innerlich die Herzen durch seinen Geist, damit das Wort in uns lebendige Wurzeln schlage; endlich streckt er die Hand aus und erfüllt auf alle Weise in uns sein Werk. Dass man die Wunder so behandeln muss, haben wir aus dem Matthäusevangelium gelernt.

V. 9. Und es sah ihn alles Volk usw. Jetzt wird uns die Frucht des Wunders beschrieben; der Lahme bezeugte seinen Dank, indem er Gott lobte, und das ganze Volk wurde zur Bewunderung hingerissen. Dass die Leute (V. 10) voll Wunderns und Entsetzens wurden, beschreibt nur die Vorbereitung. Der völlige Erfolg kam darnach. Denn man musste weiter fortschreiten; die Verwunderung an sich hätte nicht viel geholfen, sie hätte die Menschen mehr starr gemacht als zu Gott geführt. Dass das Volk sich verwunderte, was also gleichsam das Fundament des künftigen Gebäudes. Denn wenn wir achtlos an Gottes Werken vorübergehen, so werden sie uns niemals einen Nutzen schaffen können. Übrigens zeigt diese Stelle auch, was die Wunder an sich in den Menschen wirken; sie erzeugen ein verworrenes Staunen. Denn obgleich der Herr uns geradeswegs zu sich ruft, wenn er in den Wundern seine Macht und Güte offensichtlich zeigt, so bleibt unser schwacher Geist doch hängen und macht nur den halben Weg mit, bis die Lehre unterstützend hinzutritt. Wir wollen also lernen, Gottes Werke mit Ehrfurcht zu betrachten, damit die Bewunderung derselben unser Herz für die Lehre erschließt. Wir sind nicht so scharfsichtig, an den Werken Gottes hinreichende Erkenntnis zu gewinnen; wollen wir zum Ziel gelangen, so müssen wir uns durch die Lehre weiterhelfen lassen. Alles in allem darf man das eine Stück vom andern nicht trennen, wie die Erfahrung reichlich beweist. Durch diese Trennung kam es, dass die Welt die Welt die Wunder so übel missbrauchte. So berufen sich die Papisten fortwährend auf Wunder. Nehme ich einmal an, dass ihre Prahlereien wahr seien, so irren sie doch jedenfalls gewaltig, wenn sie die Wunder für einen fremden Zweck verwenden, nämlich um Gottes Namen zu verdunkeln und die reine Lehre des Evangeliums mit ihren Lügen verunreinigen. Entspringt nicht soviel abergläubische und gottlose Verehrung der Heiligen allein aus dem Missbrauch der Wunder?

Satans Trug leitet uns aus dem Staunen zum Aberglauben. Ein Beispiel: Ich soll göttliche Macht in dem Wunder erkennen. Wenn nun Petrus das Wunder tat, raunt mir der Satan alsbald zu: Siehst du nicht, dass hier ein göttlicher Mensch ist, dem du also Verehrung schuldest wie einem Gott? So würde es den Juden ergangen sein, wenn nicht die Predigt des Petrus sie aus ihrem Staunen auf den rechten Weg geleitet hätte. Im Papsttum dagegen, wo niemand dem Aberglauben wehrte, griff leicht ein verkehrtes Anstaunen von Menschen Platz. Umso eifriger sollten wir darauf bedacht sein, aus dem Wort das Heilmittel zu nehmen; nachdem die Wunder die Aufmerksamkeit erweckt haben, soll die Lehre zum rechten Ziel leiten.

V. 11. In die Halle, die da heißet Salomos. Dieselbe hatte wohl ihren Namen daher erhalten, dass sie an der Stelle errichtet war, wo sich einst ein Säulengang Salomos befand. Denn der alte Tempel war zerstört, aber seine Gestalt hatten Serubabel und Esra möglichst nachgeahmt. Später hatte Herodes ihn mit größerem Glanz erneuert, aber auch sein hohler Aufwand hatte in dem Herzen des Volks die Erinnerung an Salomo nicht ausgelöscht. Lukas nennt nun eine besonders berühmte Stelle, an welcher der Zusammenlauf des Volkes stattfand.

12 Als Petrus das sah, antwortete er dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber? oder was sehet ihr auf uns, als hätten wir diesen wandeln gemacht durch unsere eigene Kraft oder Verdienst? 13 Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesum verkläret, welchen ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, da derselbige urteilte, ihn loszulassen. 14 Ihr aber verleugnetet den Heiligen und Gerechten und batet, dass man euch den Mörder schenkte; 15 aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet, den hat Gott auferwecket von den Toten; des sind wir Zeugen. 16 Und durch den Glauben an seinen Namen hat diesen, den ihr sehet und kennet, sein Name stark gemacht, und der Glaube durch ihn hat diesem gegeben diese Gesundheit vor euren Augen.

V. 12. Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber? Petrus hebt seine Predigt mit einem Tadel an. Er tadelt aber das Volk nicht einfach darum, dass es sich wunderte, was ja durchaus nützlich und lobenswert war, sondern dass es den Preis des göttlichen Werkes fälschlich auf Menschen übertrug. Er will etwa sagen: es ist verkehrt, dass ihr an uns hängen bleibt, während ihr vielmehr eure Augen auf Gott und Christus richten müsstet. Der Irrtum und die Sünde liegen darin, dass man der Frömmigkeit und Kraft von Menschen zuschreibt, was allein Gott und Christus eignet, wie Petrus sagt: als hätten wir es gemacht durch unsre eigene Kraft oder Verdienst. Dass die Kraft allein von Gott ausgehen kann, gibt freilich jedermann zu. Nachdem man dies aber obenhin anerkannt, raubt man dem Herrn sein Recht, um damit Geschöpfe zu schmücken. So suchen die Papisten Gottes Kraft in den Heiligen, ja sie schließen das gottheitliche Wirken in Stein und Holz ein, sobald nur einmal eine Statue der Barbara oder dem Chrysogonus geweiht ist. So lassen sie Gott die Macht, den Vollzug des Wunders aber schreiben sie der Frömmigkeit der Heiligen zu. Denn warum fliehen sie zu ihnen, wenn sie Regen oder Sonnenschein oder Befreiung von einer Krankheit begehren? Doch nur, weil sie wähnen, dass die Heiligen mit ihrer Frömmigkeit er verdienten, dass Gott ihnen solchen Vorzug gab.

Gegenüber allen Vorwänden ist festzuhalten, dass Petrus ganz allgemein jedem das Urteil spricht, der bei den Wundern auf Menschen schaut und den Grund davon in ihrer Heiligkeit sucht. So ist es bemerkenswert, dass die Predigt mit einem Tadel des Aberglaubens anhebt; denn nichts liegt näher, als dass man von Gott auf die Geschöpfe hinüber gleitet. Sollte nun das Volk schon nicht auf die Apostel sehen, so will es der Geist uns noch viel gewisser wehren, irgendeinen kleinen Heiligen anzurufen.

V. 13. Der Gott Abrahams usw. Jetzt fügt der Apostel das Heilmittel hinzu, indem er die Leute zu Christus ruft. Er erklärt es als Gottes hauptsächliche Absicht, durch die Wunder, welche er die Apostel tun lässt, die Herrlichkeit seines Christus zu verklären. Es ist verkehrt, den Petrus oder irgendeinen andern zu erheben, denn alle müssen abnehmen, Christus aber allein wachsen (Joh. 3, 30). Hier sieht man deutlich den Unterschied zwischen Christus und den Aposteln. Erstlich ist er der Urheber, sie sind lediglich Handlanger. Zum andern ist das rechte Ziel, dass er allein und völlig die Ehre behalte, dass aber für diese Ehre kein anderer in Betracht komme. Wer durch die Wunder einen anderen als Christus ehren will, widerstrebt offensichtlich dem Rat Gottes. Petrus spricht von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, um dem Volk zu bezeugen, dass er es durchaus nicht von der altüberkommenen Verehrung des wahren Gottes abführen wolle. Diesen Titel aber hatte sich Gott beigelegt, um sich durch solches Kennzeichen von den Götzen zu unterscheiden. Denn Gott in seinem unsichtbaren und unendlichen Wesen begreifen wir nicht. So schafft er eine für uns angemessene Offenbarungsweise, um uns zu seiner Erkenntnis zu leiten. Die Türken freilich rühmen sich, dass sie den Schöpfer Himmels und der Erde verehren; aber ihre Gedanken verflattern, ehe sie zum Himmel gelangen. Um also sein Volk nicht in Irrwege geraten zu lassen, hielt Gott es in seinem Bunde fest. Und seine Selbstbezeichnung als Gott Abrahams prägt in Kürze ein, was Mose ausführlicher darlegt (5. Mos. 30, 12 ff.): Sage nicht, wer will uns in den Himmel steigen? wer will in den Abgrund fahren? wer will über das Meer fahren? Das Wort ist gar nahe usw. Wie nun weiter bei den Juden der heilige Name der Väter beliebt war, so gibt Petrus hier andeutend zu verstehen, dass sie ohne den eingeborenen Sohn Gottes doch nicht besser sind als andere.

Heute aber will sich Gott an einem noch deutlicheren Zeichen erkennen lassen, indem er sich den Vater Jesu Christi nennt. Kehren wir jetzt zu Petrus zurück. Er sagt, dass er keine neue Religion aufbringen, noch das Volk vom Gesetz und den Propheten abführen wolle. Denn Gott hatte verboten, auf einen Menschen zu hören, der dies versuchen würde (5. Mos. 13, 4). So mahnt auch Paulus, man solle in dem geistlichen Gebäude den einigen Grund festhalten (1. Kor. 3, 11): denn wo man auch nur im Geringsten von Christus sich entfernt, ist die notwendige Folge der Zusammenbruch. So können wir unterscheiden, in welchem Sinne Petrus von dem Gott der Väter spricht. Er will nicht etwa, wie die Papisten in ihrem hohlen Rühmen der väterlichen Überlieferung, den allgemeinen Grundsatz aufstellen, dass man unter allen Umständen bei der Gottesverehrung verharren müsse, welche die Väter pflegten. Denn er nennt Abraham und Isaak und Jakob mit Namen, von welchen die wahre, göttlich überlieferte Religion ihren Ursprung nahm. Man soll also nicht an jegliche, auch nicht an die aus der Art geschlagenen Vorfahren sich hängen. Allein den Kindern Gottes gebührt diese Ehre; andere muss man verschmähen; so betonen auch die Propheten immer wieder (Hes. 20, 18): „Ihr sollt nach eurer Väter Gebot nicht leben.“

Welchen ihr überantwortet habt usw. Unter die Lehre mischt Petrus, wie es die Sache erforderte, einen strengen Tadel. Denn seine Zuhörer konnten nicht in Wahrheit zu Gott geführt werden, wenn sie nicht ihre Sünde erkannten. Und er trifft sie nicht bloß oberflächlich, sondern beweist mit Ernst, wie schwer das von ihnen begangene Verbrechen war. Darauf zielt der Vergleich, dass sie den dem Tode übergaben, von welchem Pilatus urteilte, ihn loszulassen. Weiter (V. 14), dass sie den Mörder geschont, den Lebensfürsten getötet, den Gerechten und Heiligen verworfen haben. So müssen die Menschen getroffen werden, damit sie ihre Sünde erkennen und ernstlich die Hilfe in der Vergebung suchen. Solch wuchtige Rede hat auch Petrus in seiner ersten Predigt geführt. Sodann fügt er hinzu (V. 15): den hat Gott auferwecket. So müssen die Juden erkennen, dass sie mit Gott Krieg führten, als sie Christus töteten. Doch Petrus will noch mehr sagen: ihr grausames Wüten konnte der Herrlichkeit Christi keinen Abbruch tun, weil Gott ihn trotz allem wieder ins Leben führte. Dies bezeugen die Apostel mit der Autorität von Augenzeugen.

V. 16. Und durch den Glauben an seinen Namen usw. Die umständliche Ausdrucksweise fließt aus brennendem Herzen. Der Apostel kann nicht oft genug wiederholen, was zur Ehre Christi dient. So kann auch ein Paulus sich niemals genug tun, wenn er von Christi Gnade predigt. Wenn es nun heißt: sein Name hat durch den Glauben an seinen Namen den Lahmen stark gemacht, so werden damit die letzte Ursache und die Weise der Ausführung angegeben. Christi Kraft hatte den Lahmen geheilt, aber durch Vermittlung des Glaubens. Die Bezeichnung „der Glaube durch ihn“ will besagen, dass unser Glaube zu Gott nur aufsteigt, wenn er sich auf Christus gründet. Auf Christus also muss der Glaube schauen und auf ihn sich stützen; wo man an ihm vorbeigeht, ist kein rechter Glaube an Gott. Wie nun Petrus zuvor sich und die andern Apostel als Zeugen des Lebens Christi vorstellte, so erinnert er jetzt daran, dass den Juden dies sein Leben durch das Zeichen und durch seine Wirkung bewiesen war: Christus hat diesem gegeben diese Gesundheit vor euren Augen. Daran hatten sie einen leuchtenden Beweis von Christi göttlicher Macht. Indem aber als Grund der Gesundung der Glaube genannt wird, empfängt die Undankbarkeit, welche dem Glauben nicht die schuldige Anerkennung zollt, einen versteckten Tadel. Es ist nun nicht sicher, ob wir an den Glauben des geheilten Menschen oder der Apostel zu denken haben. Wir brauchen aber darnach nicht peinlich zu fragen, weil ja der Glaube nur wie ein Deckwort ist, unter welchem die Kraft des Evangeliums angepriesen wird.

17 Nun, lieben Brüder, ich weiß, dass ihr's durch Unwissenheit getan habt, wie auch eure Obersten. 18 Gott aber, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündiget hat, wie Christus leiden sollte, hat's also erfüllet. 19 So tut nun Buße und bekehret euch, dass eure Sünden vertilget werden; 20 auf dass da komme die Zeit der Erquickung von dem Angesichte des Herrn, wenn er senden wird den, der euch jetzt zuvor gepredigt wird, Jesum Christ, 21 welcher muss den Himmel einnehmen bis auf die Zeit, da wiederhergestellt werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von der Welt an.

V. 17. Ich weiß, dass ihr's durch Unwissenheit getan habt. Weil Gefahr bestand, die Zuhörer möchten sich in der Verzweiflung ablehnend gegen die Lehre verhalten, so wird ihnen nun etwas Erleichterung geboten. So muss unsere Predigt Maß halten, soll sie anders Nutzen schaffen. Denn wenn nicht die Hoffnung auf Vergebung bleibt, so macht die Furcht vor Strafe die Herzen widerspenstig und verstockt. David sagt mit Recht, dass die wahre Gottesfurcht sich darauf gründet, dass man seine gnädige Vergebung erfährt (Ps. 130, 4). Unter diesem Gesichtspunkt lässt Petrus die Sünde seines Volkes wegen der Unwissenheit in milderem Lichte erscheinen. Das Bewusstsein, den Sohn Gottes mit Wissen und Willen verleugnet und in den Tod geliefert zu haben, wäre ja unerträglich gewesen. Immerhin will er ihnen nicht schmeicheln, wenn er ihre Tat auf Unwissenheit zurückführt, sondern seine Rede nur in soweit mildern, dass er sie nicht mit Verzweiflung überschüttet und erdrückt. Weiter dürfen wir die Worte nicht so verstehen, als wäre die Sünde des Volkes aus reiner Unwissenheit entsprungen, da ja unter derselben auch Heuchelei verborgen war. Aber die Benennung des Verhaltens wird gewählt, je nachdem die Bosheit oder die Unwissenheit überwiegt. Die Meinung des Petrus ist also, dass sie mehr in Irrtum und blindem Eifer gehandelt haben als in entschlossener Bosheit. Hier lässt sich die Frage aufwerfen: Muss denn jemand, der mit Wissen und Wollen gesündigt hat, notwendig in Verzweiflung geraten? Es diene zur Antwort, dass hier nicht von jeder beliebigen Sünde die Rede ist, sondern von der Verleugnung Christi und davon, dass die Menschen, soviel an ihnen ist, Gottes Gnade ersticken. Genaueres kann man aus 1. Tim. 1, 13 ersehen.

Wie auch eure Obersten. Auf den ersten Blick erscheint der Vergleich unzutreffend. Denn die Schriftgelehrten und Priester ließen sich durch eine wunderbare Wut treiben und waren von verbrecherischer Treulosigkeit erfüllt. Das Volk dagegen wurde von verkehrtem Gesetzeseifer geleitet. Außerdem lag es doch nur an dem Anreiz der Obersten, wenn das Volk gegen Christus entbrannte. Ich antworte, dass nicht in allen der gleiche Sinn war. Viele glichen ohne Zweifel dem Paulus, auf welche zutrifft, was derselbe anderwärts von den Obersten dieser Welt schreibt (1. Kor. 2, 8): „Wenn sie die Weisheit Gottes erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.“ Also spricht Petrus nicht von den Obersten insgemein, sondern lädt diejenigen zur Buße ein, die etwa heilbar sind.

V. 18. Gott aber usw. Hier wird noch deutlicher, zu welchem Zweck er der Unwissenheit gedachte. Wenn Gott seine Voraussage durchführte, so wird ja die Schuld der Juden am Tode Christi derartig eingeschätzt, dass sie ihnen doch zum Heil diene. Petrus sagt: Euch hat die Unwissenheit in Schuld verstrickt; Gott aber hat durchgeführt, was er beschlossen hatte, dass Christus durch seinen Tod euer Erlöser werden sollte. Das ist eine wunderschöne Betrachtung, wenn wir uns vorstellen, dass Gottes wunderbarer Rat das Böse, das wir tun, uns zu gut zu einem andern Ziel wendet. Übrigens darf dies keinen Vorwand zur Entschuldigung abgeben. Denn soviel an uns ist, richten wir uns durch die Sünde zugrunde: jene Umwandlung aber, von der ich sprach, ist ein ausgezeichnetes Werk des göttlichen Erbarmens, das wir in Demut preisen müssen. An den Juden lag es doch nicht, wenn mit Christi Person nicht die Hoffnung des Lebens ausgelöscht wurde. Trotz allem aber wurde sein Sterben für sie wie für die ganze Welt zur Lebensquelle. Auch daran darf noch einmal erinnert werden, was ich schon anderwärts sagte, dass der Apostel, damit nicht die falsche und widersinnige Meinung einschleiche, der Messias sei der Laune der Gottlosen unterlegen, auf Gott als den obersten Urheber hinweist, nach dessen Verfügung der eingeborene Sohn leiden musste.

V. 19. So tut nun Buße. In bemerkenswerter Weise verbindet sich mit der Mahnung zur Buße zugleich die Erklärung, dass für sie die Vergebung der Sünden bei Gott bereitliege. Denn man kann, wie ich schon sagte, niemand zur Buße erwecken, wenn man ihm nicht Rettung in Aussicht stellt. Wer Misstrauen in die Vergebung setzt, trägt als ein Mensch, der sich schon dem Verderben geweiht glaubt, kein Bedenken, hartnäckig wider Gott anzustürmen. Hier liegt der Grund, weshalb die Papisten keine Buße lehren können. Freilich schwätzen sie viel davon: aber weil sie das Vertrauen auf freie Gnade untergraben, können sie unmöglich ihren Jüngern den ernsten Trieb zur Umkehr einflößen.

V. 20. Auf dass da komme die Zeit der Erquickung usw. Um die vorangehende Ermahnung wirksamer zu machen, stellt Petrus den Juden den Tag des Gerichts vor Augen. Denn nichts sticht uns tiefer als die Erinnerung, dass wir einst werden Rechenschaft geben müssen. Solange also unsre Gedanken in dieser Welt befangen bleiben, sind sie sozusagen in tiefen Schlaf gehüllt.

Darum muss die Ankündigung des jüngsten Gerichts wie eine Posaune erschallen, die uns vor Gottes Richterstuhl ruft. Nun erst werden wir wahrhaft aufgeweckt und beginnen auf ein neues Leben zu denken. In derselben Weise predigte Paulus den Athenern (17, 30 f.): „Nun aber gebietet Gott allen Menschen, Buße zu tun, darum dass er einen Tag gesetzt hat, auf welchen er richten will den Kreis des Erdbodens.“ Alles in allem: derselbe Christus, der jetzt bei uns das Lehramt übt und uns durch das Evangelium unterweist, wurde vom Vater zum Richter bestellt und wird zu seiner Zeit kommen; darum muss man seiner Lehre beizeiten sich unterwerfen, will man anders die Frucht des Glaubens brechen. Allerdings ließe sich sagen, dass Petrus hier in anderem Ton vom jüngsten Tage spricht. Denn was er von den Zeiten der Erquickung sagt, will doch nicht Furcht erregen. Ich möchte antworten, dass ein doppelter Stachel und Antrieb vorhanden ist, wenn den Gläubigen vom letzten Gericht gepredigt wird. In dieser Welt nämlich tritt der Nutzen des Glaubens noch nicht in die Erscheinung. Vielmehr scheint es den Verächtern Gottes gut und glücklich zu gehen, während das Leben der Frommen mit zahllosem Elend angefüllt ist. Es würde uns also immer wieder der Mut entschwinden, wenn wir nicht an den künftigen Tag der Erquickung denken dürften, welcher die Glut aller unserer Trübsale auslöscht und dem Jammer ein Ende bereitet. Der andere Stachel ist der, von dem ich schon sprach, dass Gottes schreckliches Gericht uns Behaglichkeit und Schlaf austreibt. So mischt Petrus hier Drohungen und Verheißungen, um die Juden teils zu Christus zu locken, teils durch Furcht zu treiben. Gerade indem er sie zur Hoffnung auf Vergebung aufrichtet, ist es passend, ihnen den Tag Christi von seiner frohen Seite zu zeigen, um die Sehnsucht nach ihm zu wecken.

Wenn er senden wird den usw. Ausdrücklich verkündigt er Christus als Richter, damit man wisse, die Verachtung des Evangeliums werde nicht straflos bleiben. Denn wie sollte Christus dieselbe nicht rächen? Dabei bringt es den Gläubigen einen herrlichen Trost, zu wissen, dass die Entscheidung über das Heil in der Hand dessen liegt, der es jetzt verheißt und anbietet. Außerdem fügt der Apostel hinzu: es wird derjenige kommen, der euch jetzt zuvor gepredigt wird. Dadurch schiebt er jede Entschuldigung mit Unwissenheit beiseite und will etwa sagen: Jetzt wird euch Christus gepredigt, bevor er als Richter er Welt erscheint, damit, die ihn ergriffen haben, dann die Frucht ihres Glaubens ernten, die andern aber, die ihn verschmähten, die Strafe für ihren Unglauben empfangen. Übrigens bieten griechische Handschriften noch eine andere Lesart: „der euch jetzt vor Augen gestellt ist.“ Für den Sinn macht dies keinen Unterschied.

V. 21. Welcher muss den Himmel einnehmen oder: „welchen muss der Himmel einnehmen“. In jedem Falle will Petrus sagen, dass Christus jetzt im Himmel ist. Da der menschliche Sinn immer zu einer rohen und irdischen Betrachtung Gottes und Christi neigt, so konnten die Juden etwa denken, man predige ihn zwar, dass Christus von den Toten erweckt sei, zeige ihnen aber nicht, wo er sich befinde. Jetzt sollen sie aus den Worten des Petrus entnehmen, dass es gilt, die Herzen emporzuheben und Christus mit den Augen des Glaubens zu suchen, obwohl ein ungeheurer, räumlicher Abstand ihn von uns trennt, obwohl er außerhalb der Welt in himmlischer Herrlichkeit thront.

Bis auf die Zeit, da wiederhergestellt werde. Zieht man die Kraft und Ursache in Betracht, so hat Christus schon durch seinen Tod alles wiederhergestellt; aber die Wirkung ist noch nicht vollständig da, weil die Wiederherstellung, ja die Erlösung noch in der Entwicklung begriffen sind, solange wir unter der Last der Knechtschaft seufzen. Denn wie Christi Herrschaft erst angehoben hat und ihre Vollendung bis auf den letzten Tag sich verschiebt, so tritt alles, was damit zusammenhängt, jetzt erst zur Hälfte in die Erscheinung. Sehen wir heute noch viel Verwirrung in der Welt, so möge uns jene Zuversicht erquicken, dass einst Christus kommen wird, um alles zum vollkommenen Stande herzustellen. Wenn wir inzwischen die Reste der Sünde uns noch ankleben sehen, wenn uns mancherlei Elend rings umgibt, wenn die Welt so vielfach zerrissen ist, so mögen wir zwar diese Übel beweinen, aber die Hoffnung auf Wiederherstellung soll uns doch aufrecht halten. Christus erscheint darum nicht sofort, weil der Kriegsdienst seiner Gemeinde noch nicht vollendet ist; und es ist nicht unsere Sache, der von Gott gesetzten Zeit zuvorzukommen.

Was Gott geredet hat usw. Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums wird sicherlich dadurch erheblich verstärkt, dass Gott immer den Messias in den Mittelpunkt stellte, seitdem er anfing, sich der Welt zu offenbaren. Dieser war die Grundlage, auf welcher schon alle Reden an die Väter ruhten. Desselben Beweises bedient sich auch Paulus im Anfang und Schluss des Römerbriefes (1, 2; 16, 26): das Evangelium ist keine Neuerung, sondern seit Urzeiten verheißen. Das ist das rechte Altertum, welches der Lehre Glaubwürdigkeit verleiht, wo Gott als Urheber dasteht, die heiligen Väter als Zeugen, und wo die ununterbrochene Reihe der Zeiten das Zeugnis bekräftigt. Dies Bekräftigung war besonders bei den Juden notwendig, die in der Lehre des Gesetzes erzogen waren und nichts anderes zulassen duften, als was damit übereinstimmte. So heißt Petrus sie lediglich anerkennen, was die Propheten über den Messias gesagt hatten.

22 Denn Mose hat gesagt zu den Vätern: „Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern, gleichwie mich; den sollt ihr hören in allem, das er zu euch sagen wird; 23 und es wird geschehen, welche Seele denselbigen Propheten nicht hören wird, die soll vertilget werden aus dem Volk.“ 24 Und alle Propheten von Samuel an und hernach, wie viel ihrer geredet haben, die haben von diesen Tagen verkündiget.

V. 22. Denn Mose hat gesagt usw. Petrus will beweisen, dass er nicht zum Abfall von Mose verleiten will, weil es ja auch im Gesetz steht (5. Mos. 18, 15. 19), dass man sich dem verheißenen, obersten Lehrer gelehrig und folgsam beweisen soll. Man kann allerdings fragen, warum er dieses Zeugnis Moses vor anderen zitierte, da doch weit durchschlagendere bereit lagen. Er tut dies, weil es sich hier gerade um die Autorität der Lehre handelt. Er will es ja bewirken, dass man auf Christus als auf den von Gott verordneten Lehrer höre. Viel schwieriger aber ist noch die andere Frage, wieso Petrus auf Christi Person deuten kann, was Mose im Allgemeinen von den Propheten gesagt hatte. Denn dessen Meinung ist entschieden (vgl. zu der Stelle), dass Gott immer einen Propheten erwecken werde, von welchem die Juden jederzeit das Nötige lernen könnten. Wir dürfen uns also nicht vor den Juden lächerlich machen, indem wir etwa Moses Worte dahin verdrehen, als zielten sie allein auf Christus. Dennoch findet sich in der Rede des Petrus durchaus nichts Unpassendes. Er sieht ein, was allgemein zugestanden war, dass ein Lobspruch, der alle Propheten umfasst, ganz besonders auf Christus zielt. Denn er war nicht bloß der oberste aller Propheten, sondern es zielten auch auf ihn alle früheren Weissagungen, und durch ihn hat Gott in vollkommener Weise endlich geredet. Nachdem er vielfältig und in mancherlei Weise einst zu den Vätern durch die Propheten gesprochen, hat er in den letzten Tagen den Schluss in seinem eingebornen Sohn gemacht (Ebr. 1, 1 f.). Darum schwiegen seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft alle Propheten, damit das Volk durch solches Schweigen und Nachlassen der Offenbarungen desto gespannter würde, den Messias zu hören. Petrus hat also die Stelle aus Mose nicht verdreht oder in Unwissenheit missbraucht, sondern eine allgemein anerkannte Lehre als Grundsatz verwendet: Gott hat verheißen, er wolle der Lehrer seines Volkes sein, zunächst durch Vermittlung der Propheten, endlich aber besonders durch Christus, von dem man eine volle und zuverlässige Offenbarung über alle Dinge erwarten musste. Darauf bezieht sich der auszeichnende Spruch, mit welchem der Vater ihn empfiehlt (Mt. 17, 5): „Den sollt ihr hören.“

V. 23. Welche Seele denselbigen Propheten nicht hören wird usw. Mit dieser schweren Strafandrohung wider die Aufrührer wird die Autorität aller Propheten, insbesondere aber Christi, bestätigt. Mit Recht: denn da Gott nichts Wertvolleres hat als sein Wort, so kann er es unmöglich ungestraft verachten lassen. Für die Wegwerfung des Gesetzes Moses war die Todesstrafe angesagt. Darauf deutet auch Moses Wort: Solche Seele soll vertilget werden aus dem Volk. Denn als Gott Abrahams Geschlecht in seine Kindschaft aufnahm, tat er es unter der Bedingung, dass man mit der Einrechnung in jene Zahl als mit dem höchsten Glück sich zufrieden gebe, wie es auch in den Psalmen (33, 12; 144, 15) heißt: „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, das er zum Erbe erwählt hat!“ So will der Apostel ohne Zweifel ankündigen, dass ein Mensch, der auf Christus zu hören sich weigert, aus dem Buch des Lebens gestrichen werden muss. Denn es verdient nicht ein Glied der Gemeinde zu sein, wer den Lehrer verschmäht, durch welchen allein Gott uns seine Lehre zu Gehör bringen will; wer dem Haupt sich nicht untergeben will, schneidet sich vom Leibe ab.

V. 24. Und alle Propheten usw. Wenn alle Propheten einstimmig ihre Jünger zu Christus schicken, so wird noch deutlicher, dass jenes Zeugnis Moses eine Empfehlung des Evangeliums in sich birgt und vornehmlich auf diesen letzten Abschluss aller Weissagung deutet. Es hebt nun die Glaubwürdigkeit des Evangeliums nicht wenig, dass alle, über so weite Zeiträume verteilte Propheten doch einhellig ihre Lehre auf das Zeugnis stimmen, dass man auf etwas Besseres und Vollkommeneres hoffen müsse. Wer also Mose und den Propheten glaubt, muss notwendig der Lehre Christi sich unterwerfen, ohne welche verstümmelt bleibt, was sie überlieferten.

25 Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern, da er sprach zu Abraham: „Durch deinen Samen sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ 26 Euch zuvorderst hat Gott erweckt seinen Knecht Jesum und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, indem er einen jeglichen bekehret von seiner Bosheit.

V. 25. Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder. Die Meinung ist, dass recht eigentlich für die Hörer die Gnade des Bundes bestimmt ist, den Gott mit den Vätern geschlossen hatte. So tritt neben die Strafandrohung, die mit ihrem Schrecken zum Gehorsam gegen das Evangelium treiben sollte, die Lockung, man möge die in Christus angebotene Gnade Gottes ergreifen. Wir sehen also, dass Gott nichts unterlässt, uns zu sich zu führen. Demgemäß wird ein kluger Diener des Wortes einerseits die Trägen und Lässigen scharf stechen, anderseits die Gelehrigen freundlich leiten. Beachtenswert ist auch die Weise, in welcher Petrus lehrt und darlegt, dass das Evangelium für die Juden bestimmt ist; denn eine allgemeine Gnadenpredigt genügt nicht: wir müssen auch wissen, dass nach Gottes bestimmter Verordnung die Gnade auch uns angeboten wird. Darum bemüht sich Paulus so oft, die Berufung der Heiden zu bekräftigen (Röm. 15, 9; Eph. 3, 6): denn wenn jemand meinen müsste, das Evangelium sei zufällig ausgestreut und zu ihm gekommen, so würde sein Glaube wanken, ja an die Stelle des Glaubens würde eine zweifelhafte Meinung treten. Soll das Angebot des Heils bei uns festen Glauben finden, so ist diese persönliche Anwendung unentbehrlich, welche den Menschen sagt: Gott schleudert nicht unbestimmte Worte in die Luft, sondern wendet sich mit bestimmter Absicht an euch. nach diesem Grundsatz erinnert Petrus die Juden, dass Christus ihnen verheißen ward. So sollen sie ihn umso freudiger annehmen. Womit beweist er dies? Damit, das sie Kinder der Propheten und des Bundes sind. Kinder der Propheten heißen sie, weil sie aus demselben Geschlecht stammten wie sie und darum Erben des Bundes waren, der den ganzen Volkskörper anging. Der Beweisgang ist der: Gott hat seinen Bund mit unsern Vätern geschlossen; also sind wir als ihre Nachkommen in denselben einbegriffen. Damit wird die spitzfindige Träumerei der Wiedertäufer widerlegt, welche die Bezeichnung Abrahamskinder lediglich geistlich deuten, als hätte Gott an das bestimmte Volk überhaupt nicht gedacht, da er sprach (1. Mos. 17, 7): „Ich will der Gott deines Samens sein.“ Gewiss redet Petrus hier nicht von den Schatten des Gesetzes, sondern prägt als noch in Christi Reich gültig ein, dass Gott zusammen mit den Vätern auch die Nachkommen in seine Kindschaft aufnimmt, dass also die Gnadenwirkung des Bundes auch auf solche sich erstreckt, die noch nicht geboren sind. Ich gebe zu, dass viele, die nach dem Fleisch von gläubigen Eltern stammen, als Bastarde, nicht als echte Kinder eingeschätzt werden müssen (Röm. 9, 6 ff.), weil sie durch ihren Unglauben sich von der heiligen Nachkommenschaft trennen. Das schließt aber nicht aus, dass Gott den Samen der Frommen zur Gemeinschaft seiner Gnade beruft und zulässt, und dass jene allgemeine Erwählung, die freilich nicht an jedem einzelnen wirksam ist, der besonderen den Weg bereitet (vgl. auch Röm. 11, 23).

„Durch deinen Samen sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ Dies Wort an Abraham begründete den Bund mit den Vätern. In seiner Auslegung stimmt Petrus mit Paulus überein, welcher ja (Gal. 3, 16) den Segen auf das ganze Volk sich erstrecken lässt, aber als Quellpunkt Christus betrachtet. Denn dass dies Wort ausschließlich auf Christus gehe, ist seine Meinung nicht. Uns aber wird der Segen in Christus zuteil, weil wir außerhalb seiner Gemeinschaft alle unter dem Fluch stehen. Die Völker werden gesegnet, weil sie in seine Gemeinschaft eingepflanzt werden. Darauf deutet auch der Name Abraham, d. h. Vater der Menge; stand es doch bevor, dass Gott alle Völker zu ihm sammeln wollte. Wir sehen daraus, dass der Bund Gottes, welcher damals ein besonderes Eigentum der Juden war, jetzt nicht bloß ein Allgemeinbesitz ist, sondern ausdrücklich auch mit uns geschlossen wird. Anders könnten wir aus dem Evangelium nicht hinreichend sichere Heilszuversicht schöpfen. Darauf blickte Petrus auch, als er kurz darnach sagte (V. 26), Christus sei zuvorderst für die Juden gesandt. Darin liegt eine Andeutung, dass auch die Heiden an die Reihe kommen, wenn auch erst in zweiter Linie.

Euch hat Gott erweckt seinen Knecht Jesum. Der Apostel schließt aus Moses Worten, dass jetzt Christus erschienen sei. Doch scheinen dieselben etwas Derartiges nicht zu enthalten. Indessen zieht er einen ganz richtigen Schluss, weil ja sonst kein Segen vorhanden wäre, wenn er nicht vom Messias her uns zuflösse. Denn man muss immer im Gedächtnis behalten, dass das ganze menschliche Geschlecht unter dem Fluch steht, uns also ein einzigartiges Heilmittel verheißen wird, was uns nur durch Christus dargeboten werden kann. Darum ist er allein Quell und Ursprung des Segens. Und wenn er zu dem Zweck gekommen ist, zuerst die Juden, dann uns zu segnen, so hat er ohne Zweifel seine Aufgabe erfüllt, und wir werden die Kraft und den Erfolg seines Wirkens in uns spüren, wenn nicht unser Unglaube hindernd dazwischentritt. Es war unter dem Gesetz ein Teil des priesterlichen Amts, das Volk zu segnen. Und damit nicht eine leere Zeremonie daraus würde, war eine Verheißung angehängt (4. Mos. 6, 27).

Was aber im alttestamentlichen Priestertum schattenhaft dargestellt war, ist in Christus wahrhaft gegeben (vgl. zu Ebr. 7, 16). Übrigens soll man nicht übersetzen, dass Gott seinen Knecht „auferweckt“ habe, denn das Wort deutet nicht auf dies vergangene Ereignis zurück, sondern Petrus meint, dass Christus „erweckt“ ward, da er als Urheber des Segens offenbar wurde. Dieses soeben erst geschehene, plötzliche Ereignis musste die Gemüter noch stärker ergreifen. Denn so pflegt die Schrift zu reden, wie dies auch in dem eben zitierten Wort Moses (V. 22) geschieht. Dass Gott einen Propheten erweckt, bedeutet, dass er ihn mit den notwendigen Gaben zur Durchführung seines Amtes ausrüstet und ihn eben auf die Ehrenstufe eines Propheten erhebt. In diesem Sinne ward Christus „erweckt“, als er den ihm vom Vater aufgetragenen Dienst leistete; aber es geschieht auch täglich, wenn er uns durch das Evangelium angeboten wird, um unter uns gleichsam aufgerichtet dazustehen.

Indem er einen jeglichen bekehret. Obgleich andere abweichen, ist doch dies die allein richtige Übersetzung. Petrus legt uns noch einmal die Lehre von der Buße ans Herz und gibt zu verstehen, dass er unter der Segnung Christi die Erneuerung des Lebens mitbefasst. Ebenso fügt Jesaja (59, 20), wenn er für Zion den kommenden Erlöser verheißt, einschränkend hinzu: „denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob.“ Auch Christus tilgt die Sünden der Gläubigen nicht, um ihnen einen Vorwand zu weiterem sündigem Sichgehenlassen zu schaffen, sondern macht zugleich aus ihnen neue Menschen. Immerhin muss man diese beiden unter sich zusammenhängenden Gnadengaben auch klüglich unterscheiden, damit das Fundament bleibe, dass unsere Versühnung auf Gottes gnädiger Verzeihung beruht.

Kapitel 4.

1 Als sie aber zum Volk redeten, traten zu ihnen die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer 2 (die verdross, dass sie das Volk lehreten und verkündigten an Jesu die Auferstehung von den Toten); 3 und legeten die Hände an sie und setzten sie ein bis auf morgen; denn es war jetzt Abend. 4 Aber viele unter denen, die dem Wort zuhöreten, wurden gläubig; und ward die Zahl der Männer bei fünf tausend.

Vornehmlich drei Stücke wollen in dieser Erzählung erwogen sein. Sobald die Wahrheit des Evangeliums aufgeht, legt sich Satan auf jede mögliche Weise dagegen und setzt alles in Bewegung, sie im ersten Keim zu ersticken. Zum andern: der Herr rüstet die Seinen mit unbesieglicher Tapferkeit aus, damit sie gegen alle Anstürme Satans fest und unbeweglich ausharren und der Gewalt gottloser Leute nicht weichen. Endlich wollen wir auf den Ausgang achten; wie sehr auch die Gegner Macht und oberste Gewalt in der Hand zu haben scheinen und ihrerseits nichts unterlassen, den Namen Christi auszutilgen, während die Diener der gesunden Lehre wie Schafe im Rachen der Wölfe sind, breitet Gott doch das Reich seines Sohnes aus, hegt das angezündete Licht des Evangeliums und schützt das Heil der Seinen. Also gegenüber allen Bewegungen, die sich wider die aufgehende Lehre des Evangeliums erheben, und allen Hindernissen, die seinen Lauf hemmen wollen, sollen fromme Herzen nicht wankend und furchtsam werden, als wären dies ungewohnte Dinge. Sie mögen sich vielmehr sagen, dass es die gewöhnlichen Anstrengungen Satans sind; und noch ehe diese ins Werk treten, müssen wir wohl bedenken, dass Satans Angriffe und Ausbrüche unvermeidlich sind, sobald Christus mit seiner Lehre auf den Plan tritt. Auch dies wollen wir uns vorsagen, dass uns die Standhaftigkeit der Apostel zum Beispiel dienen soll, damit keine Gefahren, Drohungen und Schrecken uns von dem Bekenntnis des Glaubens abtreiben, welches der Herr von uns fordert. Dazu geselle sich ein Trost: wenn wir treulich unsere Pflicht tun, brauchen wir nicht zu fürchten, dass der Herr nicht glücklichen Erfolg schenken werde.

V. 1. Als sie aber zum Volk redeten usw. Wir sehen hier, wie eifrig die Gegner wachen; im ersten Augenblick sind sie zur Stelle, um Christi Knechten den Mund zu stopfen. Ohne Zweifel laufen sie herbei, um gleichsam einen Brand zu löschen. Dies will der Bericht des Lukas eindrücklich machen, wenn er erzählt, dass der Hauptmann des Tempels zur Stelle war, und dass man es übel empfand, wenn die Apostel lehrend auftraten. Denn nicht zufällig treten jene Leute hinzu, sondern geflissentlich, um den Aposteln kraft ihres Amtes zu wehren. Dabei haben sie einen gewissen Schein des Rechts und des Guten. Denn wenn jemand vorwitzig sich eindrängte, so war es die Pflicht der Priester, solcher Frechheit zu steuern, das Volk im Gehorsam gegen Gesetz und Propheten zu erhalten und neuen Lehrern die Tür zu verschließen. Wenn sie also vernehmen, dass unbekannte, mit keiner Autorität bekleidete Leute im Tempel zum Volk predigen, so scheint es ihrer Amtspflicht und dem Auftrag Gottes zu entsprechen, dass sie Abwehr leisten. Sicherlich lässt sich in ihrem Vorgehen selbst nichts Tadelnswertes entdecken, aber ihr weiteres Verfahren zeigt, dass ihr Plan verbrecherisch war und aus sündhaftem Vorurteil hervorging.

Lukas führt ihre Wut und ihren Schrecken darauf zurück, dass an Jesu die Auferstehung von den Toten verkündigt wurde. Daraus sieht man doch, dass sie von Hass gegen die Lehre schon erfüllt waren, noch ehe man die Sache untersucht hatte. Mit Namen werden die Sadduzäer genannt, die sich in dieser Sache am meisten aufregten. Sie waren eine Gruppe in der Priesterschaft; da aber die Frage nach der Auferstehung aufgeworfen wurde, stellen sie sich noch schärfer ablehnend als die anderen. Es herrschte eine wunderbare Verwirrung unter den Juden, wenn eine so unheilige Partei das meiste Ansehen besaß. Denn was konnte von Frömmigkeit noch übrig bleiben, wenn man die Unsterblichkeit der Seele für eine Fabel ausgeben durfte? Aber die Menschen mussten kopfüber in die Tiefe stürzen, nachdem sie dem Zusammenbruch der reinen, göttlichen Lehre ruhig zugesehen hatten. Umso ernstlicher müssen wir uns vor jeder sündhaften Abweichung hüten, damit nicht ein solcher Sturz alsbald nachfolge.

V. 4. Aber viele unter denen usw. Man hat die Apostel ins Gefängnis geschlossen, aber ihre Predigt beweist weithin ihre Kraft, und deren Lauf ist frei. Solche Erfahrung rühmt auch Paulus mit hohem Wort (2. Tim. 2, 9); wenn er in Banden liegt, ist doch Gottes Wort nicht gebunden. Wir sehen daraus, dass dem Satan und den Gottlosen zwar der Zügel gelockert wird, so dass sie gegen Gottes Kinder wüten dürfen, dass sie aber mit allen ihren Machenschaften nicht hindern können, dass Gott das Reich seines Sohnes ausbreitet, dass Christus seine Schafe sammelt, dass wenige unkriegerische und mit keinen Hilfsmitteln ausgerüstete Menschen mit ihrem bloßen Wort mehr Macht beweisen als die ganze Welt mit ihrem wütenden Widerspruch. Auch dies ist ein nicht gewöhnliches Werk Gottes, dass eine einzige Predigt eine so reiche und große Frucht brachte; in noch höherem Maße bewundernswert aber ist, dass durch die gegenwärtige Gefahr die Gläubigen sich nicht abschrecken lassen, Christi Kreuz im Glauben zu ergreifen. Denn es war ein harter Anfangsunterricht für die neu gewonnenen Christen. In dieser Wirkungskraft der Lehre gab Christus einen besseren Beweis seiner Lebendigkeit, als wenn er seinen Leib dargeboten hätte, dass man ihn mit Händen taste und mit Augen schaue. Unter der Zahl der Gläubigen, die auf ungefähr fünftausend angegeben wird, verstehe ich nicht den neuen Zuwachs, sondern den Gesamtbestand der Gemeinde.

5 Als er nun kam auf den Morgen, versammelten sich ihre Obersten und Ältesten und Schriftgelehrten gen Jerusalem, 6 Hannas, der Hohepriester, und Kaiphas und Johannes und Alexander, und wie viel ihrer waren vom Hohenpriestergeschlechte; 7 und sie stelleten sie vor sich und fragten sie: Aus welcher Gewalt oder in welchem Namen habt ihr das getan? 8 Petrus, voll des heiligen Geists, sprach zu ihnen: Ihr Obersten des Volks und ihr Ältesten von Israel! 9 So wir heute werden gerichtet über diese Wohltat an dem kranken Menschen, durch welche er ist gesund geworden, 10 so sei euch und allem Volk von Israel kundgetan, dass in dem Namen Jesu Christi von Nazareth, welchen ihr gekreuziget habt, den Gott von den Toten auferwecket hat, stehet dieser allhie vor euch gesund. 11 Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein geworden ist; 12 und ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.

Hier ist bemerkenswert, dass die gottlosen Leute zwar alle Verschlagenheit anwenden, um das Evangelium und Christi Namen auszutilgen, dass sie aber durchaus nicht erreichen, was sie hoffen, da Gott ihre Anschläge zunichte macht. Sie halten eine Ratsversammlung und verfahren dabei so tyrannisch, dass ihre Willkür nur einen Schein des Rechts trägt, die Freiheit aber gänzlich ausgeschlossen wird und es endlich scheinen kann, als hätte man die Wahrheit mit Recht verdammt. Aber der Herr jagt ihnen einen plötzlichen Schrecken ein, dass sie doch nicht auszuführen wagen, was sie können und auf das heftigste wollen. Die Apostel hätten zur Verteidigung ihrer Sache alles Mögliche vorbringen können, - es wäre zwischen den Wänden verschlossen und begraben geblieben, da ja niemand wohlwollend darauf hörte. Es war kein Raum für die Wahrheit. Und doch sehen wir, wie der Herr den Rat der Feinde zersplittert: sie fühlen sich gehalten und stehen still; sie legen ihrer Wut einen Zügel an, um der Missgunst des Volkes auszuweichen.

V. 7. Aus welcher Gewalt usw. Noch immer gebrauchen sie den Eifer um Gott als Vorwand. Angeblich liegt es ihnen am Herzen, dass man dem Herrn nicht seine Ehre entwende. „Name“ steht hier für Autorität. Alles in allem gebärden sie sich als die trefflichsten Schützer der Ehre Gottes. Dabei verfahren sie mit merkwürdiger Ungeschicklichkeit. Immer wieder forschen sie nach einem doch unzweifelhaften Tatbestand; sie wollen dadurch die Apostel zur Ableugnung treiben und durch Furcht etwas anderes erpressen, als was dieselben bisher bekannt hatten. Gott aber spottet ihrer Schlauheit und schafft, dass sie hören müssen, was sie nicht wollen.

V. 8. Petrus, voll des heiligen Geists usw. Dies fügt Lukas mit gutem Grund ausdrücklich hinzu, um uns wissen zu lassen, dass Petrus nicht aus sich selbst eine so herrliche Rede hielt. Sicherlich wäre ein Mann, der sich durch die Anrede eines Weibleins erschrecken ließ und Christus verleugnete, vor dieser Versammlung beim bloßen Anblick des Prunks entseelt zusammengebrochen, hätte ihn nicht die Kraft des Geistes aufrechterhalten. Es war Tapferkeit und Klugheit erforderlich. Beide bewies er in so erhabenem Maße, dass seine Antwort wahrhaft göttlich erscheint. Hier ist er ein ganz anderer Mensch als zuvor. Wir empfangen dadurch einen doppelten Nutzen. Die lobende Erinnerung, dass Petrus im heiligen Geiste redete, trägt viel zur Empfehlung der Lehre bei, die er alsbald vortragen wird. Wir aber lassen uns mahnen, dass man, wenn es sich um das Bekenntnis unseres Glaubens handelt, vom Herrn den Geist der Tapferkeit und Klugheit erbitten muss, damit er Gedanken, Gemüt und Herz regiere. Dass Petrus des heiligen Geistes „voll“ war, beschreibt ein reiches und mehr als gewöhnliches Maß desselben.

V. 9. So wir heute werden gerichtet über dieser Wohltat usw. Ohne Zweifel will Petrus den Priestern und Schriftgelehrten Tyrannei vorwerfen, weil sie ein ungerechtes Fragen über eine lobenswerte Wohltat anheben, als hätten er und sein Mitapostel eine verbrecherische Tat begangen. Wir werden angeklagt, weil wir einen kranken Menschen gesund gemacht haben! Dabei sieht Petrus mehr auf die verkehrte Stimmung des Herzens als auf die Frage an sich. Denn wenn die Apostel unter dem Vorwand des Wunders das Volk von der wahren und echten Gottesverehrung hätten abführen wollen, so würde man sie mit gutem Grunde zur Rechenschaft gezogen haben, weil die Religion mehr wert ist als alle Güter des gegenwärtigen Lebens. Weil aber die Ratsmitglieder keinen wirklichen Anlass haben und böswillig zum Verbrechen stempeln, was sie hätten ehren sollen, so tritt Petrus sehr zuversichtlich auf und wirft ihnen in einer ironischen Einleitung spottend vor, dass sie zu Gericht sitzen, um Wohltaten zu verdammen. Doch rührt er dies nur kurz an, um den Übergang zur Sache selbst zu gewinnen.

V. 10. So sei euch kundgetan usw. Wie ich schon sagte, hätte Petrus mancherlei Ausreden gebrauchen können, wenn er in die Verhandlung der Sache nicht hätte eintreten wollen. Aber weil das Wunder zu dem Zweck geschehen war, dass Christi Name verherrlicht werde, so wendet er sich sofort demselben zu. Wusste er sich doch als den Verkünder einer so herrlichen Kraftwirkung Gottes, die ihm auch ein Siegel zur Bekräftigung seiner Lehre in die Hand gab. Dabei müssen die gottlosen Leute eben das zu hören bekommen, was sie gänzlich begraben wünschten. Mit allen ihren Machenschaften erreichen sie nur dies eine, dass Petrus ihnen kräftig ins Angesicht schleudert, worüber sie sich schon entrüsteten, dass man es andern predigte. Zuerst stellt nun der Apostel Christus als denjenigen dar, der das Wunder gewirkt hat. Weil es aber töricht und unglaublich schien, dass ein toter Mann mit göttlicher Kraft sollte ausgerüstet sein, bezeugt er, dass Christus lebt, weil Gott ihn, den sie gekreuzigt hatten, wieder vom Tode erweckte. So bot das Wunder einen Anlass, Christi Auferstehung zu predigen. Mit ihrem Zeugnis aber wollte Petrus beweisen, dass Jesus der Messias sei. Nicht bloß um die Juden zu tadeln und zur Erkenntnis ihrer Schuld zu führen, hält er ihnen vor: welchen ihre gekreuziget habt. Sie sollen daraus auch abnehmen, dass sie vergeblich wider Gott kämpften, und nun von ihrer unglücklichen, zu einem verderblichen Ausgang führenden Raserei abstehen.

V. 11. Das ist der Stein usw. Ein Schriftzeugnis soll beweisen, dass es nichts Unerhörtes ist, wenn die Obersten der Kirche, die mit glänzenden Titeln prunken und den obersten Sitz im Tempel Gottes einnehmen, den Messias frevelhaft verwerfen. In der zitierten Psalmstelle (118, 22) klagt David, dass die Führer des Volks ihn von sich stießen, rühmt aber zugleich, dass Gott ihn erwählte und an die Spitze stellte. Dabei vergleicht er mit einem geläufigen Bilde die Gottesgemeinde oder den Zustand des Königreichs mit einem Gebäude. Die darin das Regiment führen, nennt er Bauleute, sich selbst aber stellt er als den Eckstein dar, welcher die ganze Last des Gebäudes stützt. Dies also ist Davids Trost, dass alle verkehrten und sündhaften Versuche der Vornehmen, die ihn verdammten und ihm nicht einmal den letzten Platz gönnten, es nicht hindern konnten, dass Gott ihn auf die oberste Stufe der Ehre erhob. Nun war aber in David schattenhaft dargestellt, was Gott in vollkommener Weise im Messias zum Ausdruck bringen wollte. Indem also Petrus zu Juden redet, führt er ganz passend dies Zeugnis als eine Weissagung auf Christus an; wussten doch seine Zuhörer, dass es auf den Messias recht eigentlich zutreffen solle. Jetzt verstehen wir, zu welchem Zweck Petrus diesen Psalm beibringt. Die Ältesten und Priester sollten nicht in frecher Selbstüberhebung sich das Recht und Urteil anmaßen, zu billigen oder zu verwerfen, was ihnen gut dünkte. Denn es steht fest, dass Gottes Hand den Stein, welchen die Bauleute verworfen hatten, an die erste Stelle rückte, damit er zum Träger des ganzen Hauses werde. Wenn die Vorsteher der Gemeinde „Bauleute“ heißen, so erinnert sie schon dieser Name an ihre Pflicht: sie haben sich ganz und gar der Erbauung des Tempels Gottes zu widmen. Und da nicht alle ihr Amt treulich ausrichten, mögen sie darauf achten, wie man in rechter Weise baut, nämlich indem man sich an Christus als an das Fundament hält. Weiter sollen sie nicht Heu oder Stroh untermischen, sondern das ganze Gebäude nach der einen Lehre aufrichten, wie Paulus dies vorschreibt (1. Kor. 3, 11 f.). Dass Gott Christus, den die Bauleute verworfen hatten, zur Höhe emporhob, soll unsern Mut für den Fall stärken, dass etwa die Würdenträger in der Gemeinde sich wider Christus auflehnen; trotz aller ihrer Macht wird Christi Ehre unangetastet bleiben. Aus solcher Zuversicht wird auch die Frucht erwachsen, dass wir tapfer und unerschüttert im Kampfe für Christi Reich stehen, als dessen unbesieglichen Beschützer Gott sich darstellt. Wie standhaft tritt Petrus hier auf! Feindlich stehen ihm die Richter gegenüber, nur ein einziger Genosse teilt mit ihm die Gefahr; doch gibt er kein Zeichen von Furcht und legt in jener wütenden Versammlung ein Bekenntnis ab, von dem er wusste, dass man es mit feindlichem Sinn aufnehmen werde. Dass er ihnen aber streng das Verbrechen vorwirft, das sie begangen hatten, diene uns zur Regel für den Fall, dass wir zu erklärten Feinden der Wahrheit zu reden haben. Es gilt nämlich einen doppelten Fehler zu meiden: wir dürfen nicht durch Schweigen oder Anpassung in der Rede den Schein der Schmeichelei erwecken; denn solch treuloses Schweigen wäre ein Verrat an der Wahrheit. Auf der andern Seite dürfen wir nicht hochfahrend oder mit maßloser Hitze auftreten, wie denn der Geist im Streit oft mehr als billig überschäumt. Es herrsche eine maßvolle Würde; man tadle frei, aber schmähe nicht, noch erhitze man sich. Diese Regel befolgt hier Petrus. Im Eingang redet er die Ratsmitglieder mit Ehrerbietung an; da er aber zur Sache selbst kommt, tadelt er sie nachdrücklich; er konnte ja an ihrer verbrecherischen Gottlosigkeit nicht schweigend vorübergehen. Wer diesem Beispiel folgt, wird nicht nur Petrus, sondern den Geist Gottes zum Führer haben.

V. 12. Und ist in keinem Andern Heil usw. Die Rede wendet sich von dem besonderen Fall zu einer allgemeinen Aussage, und von der leiblichen Wohltat steigt sie zu dem alles umfassenden Heil auf. In der Tat hatte Christus diesen einen Beweis seiner Gnade gegeben, damit man ihn als den einzigen Spender des Lebens erkenne. Bei besonderen Wohltaten Gottes muss man den Gedanken fassen, dass er überhaupt der Quell des Heils ist. Übrigens wollte Petrus mit seinem Wort die Hohenpriester verwunden, indem er erklärt, dass allein in dem Christus, den sie auszutilgen trachteten, Heil zu finden sei. Er gibt zu verstehen, dass man doppelt verdammlich wird, wenn man das von Gott angebotene Heil nicht bloß verwirft, sondern zunichte zu machen sich müht, so dass nun auch dem Volk die Frucht und der Gebrauch desselben entrissen werden. Obgleich er aber tauben Ohren zu predigen scheint, redet er doch von Christi Gnade, - falls etwa dieser oder jener darauf merken möchte; wollten sie aber nicht, so soll dies Zeugnis ihnen wenigstens jede Entschuldigung nehmen.

Und ist auch kein andrer Name usw. Dieser Satz dient zur weiteren Erläuterung des vorigen. Er besagt, dass allein in Christus Heil ist, weil Gott es so beschlossen hat. Unter dem „Namen“ ist die Ursache oder das Mittel zu verstehen, etwa in dem Sinne: da bei Gott allein das Heil zu finden ist, so will er es uns nicht anders mitteilen, als wenn wir es allein bei Christus suchen. Unter dem Himmel deutet darauf hin, dass die Menschen nicht bis in den Himmel aufsteigen können, um zu Gott zu gelangen. Da wir so weit von Gottes Reich entfernt sind, muss er uns nicht nur zu sich einladen, sondern mit weit ausgestreckter Hand das Heil uns zum Genusse darbieten. Dies, so erklärt Petrus, hat er nun in Christus getan, der auf die Erde herabstieg, um das Heil mit sich zu bringen. Mit dieser Lehre streitet es auch nicht, dass er über alle Himmel emporstieg (Eph. 4, 10). Denn er ist noch jetzt uns gegenwärtig, um uns die Frucht der ewigen Erlösung genießen zu lassen. An unserer Stelle aber ist von der Offenbarung des Heils die Rede, welches uns in Christus in einer Weise dargeboten wird, dass man nicht weiter fragen darf (Röm. 10, 6): Wer will hinauf gen Himmel fahren? Darum ruft uns Petrus zu Christus allein. Von ihm muss man das ganze Heil erwarten. Denn wenn Petrus alle andern Mittel ausdrücklich ausschließt, will er doch eben sagen, dass man das Heil nicht bloß teilweise, sondern vollkommen und unverkürzt in Christus findet.

13 Sie sahen aber an die Freudigkeit des Petrus und Johannes, und verwunderten sich; denn sie waren gewiss, dass es ungelehrte Leute und Laien waren, und kannten sie auch wohl, dass sie mit Jesus gewesen waren. 14 Sie sahen aber den Menschen, der gesund war geworden, bei ihnen stehen, und hatten nichts dawider zu reden. 15 Da hießen sie sie hinausgehen aus dem Rat, und handelten miteinander und sprachen: 16 Was wollen wir diesen Menschen tun? Denn das Zeichen, durch sie geschehen, ist kund, offenbar allen, die zu Jerusalem wohnen, und wir können's nicht leugnen. 17 Aber auf dass es nicht weiter einreiße unter das Volk, lasset uns ernstlich sie bedräuen, dass sie hinfort keinem Menschen von diesem Namen sagen. 18 Und riefen ihnen, und geboten ihnen, dass sie sich allerdinge nicht hören ließen, noch lehreten in dem Namen Jesu.

Hier zeigt sich das böse Gewissen. Da die Ratsmitglieder keine rechtliche Handhabe erfassen konnten, springen sie zu handgreiflicher Tyrannei über, deren Schein sie doch zuerst meiden wollten. Es wird uns zunächst erzählt, dass sie sich von dem Tatbestand überzeugen mussten; man sieht daraus, dass sie wie Giganten mit Wissen und Willen wider Gott Krieg führen. In der Freudigkeit des Petrus und Johannes, von denen sie doch wussten, dass sie ungelehrte und ungebildete Leute waren, erkennen sie etwas Übermenschliches; sie fühlen sich zum Staunen hingerissen, ob sie wollen oder nicht. Dennoch steigern sie sich zu solcher Unverschämtheit, dass sie unbedenklich ein tyrannisches Verfahren anwenden, die Wahrheit zu unterdrücken.

Wenn sie gestehen müssen, dass ein herrlich klares Zeichen vorliegt, so verurteilen sie schon dadurch sich und ihr böses Gewissen. Wenn sie sagen (V. 16), dass das Zeichen allen offenbar ist, so verraten sie, dass sie sich um Gott nicht kümmern und allein auf die Menschen blicken. Sie zeigen eine eherne Stirn; wenn man irgendwie die Tatsache hätte leugnen können, so würden sie unbedenklich jede Ausflucht gebraucht haben. Wenn sie aber fragen: Was wollen wir tun? so verraten sie eine verstockte Bosheit. Denn hätte nicht eine teuflische Wut sie in andere Richtung getrieben, so hätten sie Gott nachgeben müssen.

Hier spüren wir den Geist des Taumels und der Raserei, mit welchem Gott seine Feinde trunken macht. Kann es etwas Törichteres geben, als wenn sie bald darauf ihr Vertrauen auf Drohungen setzen, mit denen sie die Ausbreitung des Gerüchts unterdrücken wollen? Hätten sie auch zwei unbedeutenden Menschen den Mund gestopft, wäre damit Gottes Arm gebrochen?

V. 17. Lasset uns ernstlich sie bedräuen. Hier sehen wir, ein wie verderbliches Übel eine Macht ist, die sich nicht mit der Gottesfurcht verbindet. Ein Mensch, den nicht religiöse Scheu beherrscht, wird umso frecher rasen, einen je heiligeren Posten er einnimmt. Darum muss man sich stets hüten, dass man nicht gottlose Leute zur Regierung der Kirche emporhebe. Die aber ein solches Amt führen, müssen in Scheu und Bescheidenheit sich zügeln, damit sie nicht bewaffnet scheinen, Schaden zu tun. Wenn sie jetzt ihre Ehrenstellung missbrauchen, so zeigt uns der Geist wie in einem Spiegel, dass man für nichts halten muss, was sie beschließen und befehlen. Die Vollmacht der Hirten hat ganz bestimmte Grenzen, die sie nicht überschreiten dürfen. Wenn sie dies aber wagen, ist es für uns recht und billig, dass wir ihnen den Gehorsam verweigern, welchen zu leisten höchstes Unrecht wäre. Davon hören wir im Folgenden.

19 Petrus aber und Johannes antworteten und sprachen zu ihnen: Richtet ihr selbst, ob's vor Gott recht sei, dass wir euch mehr gehorchen denn Gott. 20 Wir können's ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehöret haben. 21 Aber sie dräueten ihnen, und ließen sie gehen, und fanden nicht, wie sie sie peinigten, um des Volks willen; denn sie lobeten alle Gott über dem, das geschehen war. 22 Denn der Mensch war über vierzig Jahre alt, an welchem dies Zeichen der Gesundheit geschehen war. 23 Und als man sie hatte lassen gehen, kamen sie zu den Ihren, und verkündigten ihnen, was die Hohenpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

V. 19. Richtet ihr selbst, ob's vor Gott recht sei. Wir wollen uns vergegenwärtigen, welchen Leuten sie diese Antwort geben. Jene Versammlung war die offizielle Vertretung der Gottesgemeinde. Weil sie aber ihr Recht missbraucht, verweigern ihr die Apostel den Gehorsam. Und wie man es bei einer über jeden Zweifel erhabenen Sache zu tun pflegt, überlassen sie der Gegenpartei das Urteil, um ihren Vorwurf zu verstärken. Weiter ist bemerkenswert, dass sie Gottes Autorität wider ihre Dekrete setzen. Das wäre unpassend, wären nicht die Leute, die im Übrigen als rechtmäßige Hirten der Gemeinde dastanden, Gottes Feinde gewesen. Und die Apostel sagen noch mehr, nämlich dass ein Gehorsam, den man bösen und treulosen Hirten leistet, auch wenn sie die rechtmäßige Herrschaft über die Kirche innehaben, wider Gott streitet. Diese Frage löst der Papst wie mit einem schlechten Witz, indem er einfach alles, was ihm herauszusprudeln beliebt, für göttliche Orakelsprüche erklärt. Mögen aber Menschen einen Titel haben, welchen sie wollen, man darf sie nur insoweit hören, als sie uns nicht vom Gehorsam gegen Gott abbringen. Alles, was sie vortragen, muss nach der Regel des Wortes Gottes geprüft werden. Fürsten und anderen Oberherren muss man gehorchen, aber mit der Schranke, dass sie Gott, dem obersten Könige, dem Vater und Herrn, sein Recht in keinem Stücke schmälern. Gilt dies schon gegenüber der weltlichen Herrschaft, so noch viel mehr bei dem geistlichen Regiment der Gottesgemeinde. Sicherlich hat der Geist diese Antwort den Aposteln in den Mund gelegt, nicht bloß, um den Trotz der Feinde zu bändigen, sondern auch, um uns an unsere Pflicht zu erinnern, so oft Menschen in maßlosem Übermut Gottes Joch abschütteln und uns das Ihrige auflegen wollen. In solchem Fall muss Gottes unverletzliche Autorität unsre Gedanken erfüllen und den eitlen Dunst jeder menschlichen Herrlichkeit vertreiben.

V. 20. Wir können's ja nicht lassen usw. Vieles muss man um des Friedens willen schweigend ansehen und anhören. Es ist unfreundlich und ein Zeichen sündhafter Streitsucht, um unnötiger Dinge willen Lärm zu schlagen. Wenn aber die Apostel sagen, dass sie das Reden nicht lassen können, so meinen sie dies eben nicht für jeden Fall. Es handelt sich vielmehr um das Evangelium Christi, auf welchem Gottes Ehre und der Menschen Heil beruht. Dieses mit menschlichem Gebot zu unterdrücken, wäre unwürdig und ein frevelhafter Raub an Gott. Denn Gott befiehlt, dass man sein Evangelium predigt. Namentlich befiehlt er das ihnen, die sich aus auserwählte Zeugen und Herolde Christi wussten, denen der Mund durch Gottes Geist aufgetan war. Wer hier Stillschweigen gebietet, strebt, soviel an ihm ist, Gottes Gnade und das Heil der Menschen auszutilgen. Wehe unserer Feigheit, wenn wir uns durch ein so gottloses Verbot den Mund stopfen ließen! Sonderlich wer zum Lehramt berufen ist, darf durch keine Drohungen von Menschen, durch kein scheinbar noch so rechtmäßiges Regiment sich abschrecken lassen, in Freiheit das auszurichten, was er vom Herrn sich übertragen weiß. Wehe mir, sagt Paulus (1. Kor. 8, 18), wenn ich das Evangelium nicht predigte, das mir anbefohlen ist. Und nicht bloß einer tyrannischen Herrschaft von Menschen muss man diesen Befehl Gottes entgegensetzen, sondern allen Hindernissen, welche der Satan immer wieder bereitet, um den Lauf des Evangeliums zu brechen und zu hindern. Wir bedürfen eines harten Schildes, solch schwere Anläufe zu ertragen. Derartiges erleben alle Diener Christi. Was aber auch geschehe, hier ist eine eherne Mauer; die Predigt des Evangeliums ist eine Gott wohlgefällige Sache, kann also unter gar keinen Umständen unterdrückt werden.

V. 21. Aber sie dräueten ihnen usw. Der Ausgang der Sache ist, dass die Gottlosen zwar noch immer vor Wut schnauben, sich aber durch Gottes verborgene Kraft gezügelt fühlen, so dass sie keinen Schaden tun können. So müssen sie sich mit Drohungen begnügen und können nicht gegen die Leiber wüten. Ist es nicht allein Gottes Kraft, die sie mit dieser Fessel bindet? Gewiss gilt bei ihnen die Furcht Gottes nichts, sondern allein die Rücksicht auf das Volk hindert sie; aber der Herr hält sie gefesselt, ohne dass sie es wissen. Uns aber legt damit Lukas die Vorsehung Gottes ans Herz, der das Heil der Seinen behütet; bleibt sie auch den Gottlosen verborgen, so dürfen wir sie doch mit den Augen des Glaubens schauen. Ferner offenbart sich Gottes wunderbarer Rat darin, dass die heftigsten Widersacher Christi Ehre fördern müssen. Die Hohenpriester können sich nicht ohne großes Aufsehen versammeln. Nun sind alle Gemüter durch die Erwartung eines seltenen und ganz besonderen Ausgangs gespannt; die Apostel aber gehen als Freigesprochene heim.

So liegen die Feinde nicht bloß besiegt am Boden, sondern bekräftigen wider ihren Willen das Evangelium. Anderseits aber sollen wir auch beobachten, dass der den Gläubigen geschenkte Sieg ihnen die beständige Demütigung unter dem Kreuz nicht erspart. Denn man wiederholt die Drohung, dass die Apostel nicht weiter in Christi Namen lehren sollen. So siegen sie zwar, aber triumphieren durchaus nicht, es wäre denn unter der Schmach des Kreuzes. Wenn Lukas weiter berichtet, dass jedermann Gott die Ehre gab, so deutet dies noch einmal auf die Frucht des Wunders. Immerhin ist es möglich, dass nicht alle sich bis zum rechten Ziel führen ließen. Denn wer unter dem Eindruck einer Kraftwirkung Gottes nicht zu Christus kommt und das Wunder nicht zum Siegel des Glaubens gebraucht, bleibt gleichsam auf halbem Wege stehen. Doch war es schon etwas, wenn auch nicht alles, dass man in der Heilung des Menschen Gottes Kraftwirkung erkennen musste, und dass die Feinde schamerfüllt von ihrer Wut abstanden oder wenigstens für eine Weile davon abließen.

V. 23. Kamen sie zu den Ihren, und verkündigten ihnen usw. Wir werden alsbald sehen, welchen Zweck dieser den andern Jüngern erstattete Bericht verfolgte; sie sollen nämlich für die Zukunft aus Gottes Gnade desto mehr Mut und Zuversicht schöpfen, ferner sollten sie sich gegen die frechen Drohungen der Feinde mit Gebet wappnen. Und in der Tat muss man so handeln, dass einer den andern treibt und dass die Kinder Gottes unter sich eine fromme Verbindung pflegen, um unter Christi Fahne den gemeinsamen Feind gemeinsam zu bekämpfen. Die drohenden Gefahren mögen sie bei sich erwägen, um desto gerüsteter zu sein, ihnen zu begegnen; sehen sie auch die Feinde heftig anstürmen, so soll es sie doch nicht verdrießen, den Kampf immer von neuem aufzunehmen; sie sollen vertrauen, dass sie durch dieselbe Gotteskraft, durch welche sie zuvor siegten, für alle Zeit unüberwindlich sein werden. Obgleich es nun Lukas nicht ausdrücklich berichtet, so ist doch wahrscheinlich, dass die Apostel sich mit ihrer zuerst gemeldeten Antwort begnügten und nicht weiter mit den rasenden Menschen stritten. Doch werden sie ihre soeben bewiesene Standhaftigkeit nicht soweit vergessen haben, dass sie den gottlosen Beschluss in knechtischer Weise aufgenommen hätten.

24 Da sie das höreten, hoben sie ihre Stimme auf einmütiglich zu Gott und sprachen: Herr, der Du bist der Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was drinnen ist, gemacht hat; 25 der du durch den Mund Davids, deines Knechts, gesagt hast: „Warum empören sich die Heiden, und die Völker nehmen vor, das umsonst ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich zuhauf wider den Herrn und wider seinen Christ“: 27 Wahrlich ja, sie haben sich versammelt über deinen heiligen Sohn Jesus, welchen du gesalbet hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und dem Volk Israel, 28 zu tun, was deine Hand und dein Rat zuvor bedacht hat, dass es geschehen sollte. 29 Und nun, Herr, siehe an ihre Dräuen, und gib deinen Knechten mit aller Freudigkeit zu reden dein Wort, 30 und strecke deine Hand aus, dass Gesundheit und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesu. 31 Und da sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, da sie versammelt waren; und wurden alle des heiligen Geistes voll, und redeten das Wort Gottes mit Freudigkeit.

Dies Beispiel lehrt uns, was wir zu tun haben, wenn Feinde uns in herrischer Weise bedrohen. Wir dürfen nicht in Gefahren sicher sein und spotten; vielmehr muss die Furcht vor der Gefahr uns treiben, Gottes Hilfe zu erbitten. Dies ist auch ein Mittel, uns aufzurichten, damit wir uns nicht durch Drohungen von unserer Pflicht abschrecken lassen. Kinder Gottes werden weder sorglos noch über die Maßen furchtsam, sondern stärken sich mit frommem Gebet zu unbesieglicher Standhaftigkeit.

V. 24. Du bist der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Dieser Preis der Macht Gottes lautet allgemein, ist aber dem gegenwärtigen Zweck angepasst. So loben auch die Propheten oft den Herrn, um die Furcht zu besiegen, die angesichts mächtiger Feinde uns verwirren könnte. Sodann fügen die Gläubigen eine Verheißung hinzu und legen damit die zwei Grundpfeiler der Gebetszuversicht. Sicherlich sind unsere Gebete nur dann rechtmäßig und dem Herrn annehmbar, wenn wir, auf seine Verheißungen und seine Kraft zugleich uns stützend, mit der gewissen Hoffnung auf Erhörung beten. Denn wahre Zuversicht kann nur erwachsen, wenn Gott uns zu sich einlädt und seine Bereitschaft zur Hilfe zusagt; zum andern, wenn wir anerkennen, dass er Kraft genug hat, Hilfe zu leisten. In dieser doppelten Betrachtung sollen also die Gläubigen sich üben, so oft sie sich zum Gebet rüsten. Weiter können wir hier lernen, unter welchem Gesichtspunkt wir die Schöpfung der Welt zu betrachten haben; wir sollen wissen, dass dem Herrn alles unterworfen ist und durch seinen Willen gelenkt wird, so dass trotz aller Anstrengungen der ganzen Welt nichts anderes geschehen wird, als was er beschlossen hat, dass also das anmaßende Auftreten der Gottlosen ein ebenso wunderliches Ding ist, als wollte sich der Ton wider den Töpfer erheben. Denn dies ist der Hauptgedanke der Gläubigen, dass Gott allen möglichen drohenden Gefahren in viel tausend Weisen begegnen könne, da er alles in der Hand hat und jeden einzelnen Teil des Himmels und der Erde, deren Schöpfer er ja ist, zum Gehorsam zwingen kann.

V. 25. Der du durch den Mund Davids usw. Jetzt wenden sich die Gläubigen zum zweiten Stück und erklären, dass sie nichts erbitten, als wovon Gott bezeugt hat, dass er es tun wolle. Sie fügen also, um die Zuversicht auf Erhörung vollzumachen, zu Gottes Macht seinen Willen. Da es sich aber um Christi Reich handelt, so bringen sie eine Verheißung Gottes vor, in welcher er bezeugt, dass er desselben Schützer sein wolle und dass die ganze Welt vergebens auf seinen Umsturz sinnen werde. Darin zeigen sich Frömmigkeit und echter Eifer, dass die Gläubigen weniger um ihr persönliches Heil als um die Mehrung des Reiches Christi besorgt sind.

Warum empören sich die Heiden? Man darf nicht leugnen, dass David von sich selbst spricht. Denn als er, vom Herrn zum König erwählt und durch Samuels Hand gesalbt, unter den äußersten Schwierigkeiten sich des Königtums bemächtigte, umgaben ihn Feinde ringsum. Bekanntlich hielten die Obersten und fast das ganze Volk mit dem König Saul und seinem Hause zusammen. Darnach erregten die Philister und andere äußere Feinde Krieg über Krieg, weil sie den neuen König verachteten. So klagt David nicht ohne Grund, dass die Könige lärmen und ratschlagen und die Völker allerlei ersinnen.

Weil er jedoch weiß, dass Gottes Hand sein Königtum aufrechterhält, lacht er ihrer törichten Anstrengungen und erklärt, dass sie vergeblich sein werden. Weil aber sein Königtum aufgerichtet ward, damit es zum Abbild des Königtums Christi werde, bleibt David nicht am Schattenbilde hänge, sondern ergreift das Wesen selbst. Ja, wie die Apostel hier mit Recht sagen, der heilige Geist selbst straft die Welt, dass sie in lächerlicher Raserei gegen das von Gott errichtete Reich Christi anzustürmen wagt, und zwar sowohl gegen Davids Person als gegen Christus selbst. Es ist aber ein herrlicher Trost, dass Gott selbst auf unserer Seite steht, wenn wir unter Christi Regiment zu Felde ziehen. Es steht ja fest, dass alle Menschen nichts ausrichten werden, wenn sie auch, hoch und niedrig vereint, in gottlosem Bunde dies Königreich bekämpfen. Denn was ist die ganze Welt gegen Gott? Das aber sollen wir über alles schätzen, dass Gott das Reich seines Sohnes, das er gegründet hat, fortwährend schützen will, so dass wir seinen unverletzlichen Beschluss wider die Frechheit der Menschen setzen können; dann werden wir auch im Vertrauen auf seine schützende Hand unbedenklich die schreckhaftesten Zurüstungen der Menschen verachten. Von solchen spricht der Psalm, wenn er auf der einen Seite darauf hinweist, wie die Könige murren, auf der andern, wie die Völker lärmen. Alle Stände stehen feindlich wider Gottes Reich. Darüber sollen wir uns nicht wundern, weil nichts dem Fleisch mehr entgegen ist als das geistliche Schwert des Evangeliums, mit welchem Christus uns tötet, um uns zum Gehorsam zu unterwerfen. Wir sollen also bedenken, dass Christi Reich in der Welt niemals einen ruhigen Stand haben wird; so werden wir nicht zittern, als wäre es etwas Unerhörtes, wenn wir kämpfen müssen.

V. 26. Wider den Herrn und wider seinen Christ. Mit diesem Wort lehrt uns der Geist, dass jeder, der sich Christus nicht unterwerfen will, Krieg wider Gott führt. Das meinen die Menschen oft selbst nicht. Es ist aber so; denn weil Gott nur durch seinen Sohn regieren will, schütteln wir seine Herrschaft ab, so oft wir uns wider Christus auflehnen. Sagt doch der Herr selbst bei Johannes (5, 23): „Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht.“ Diese Lehre schafft einen doppelten Nutzen. Sie wappnet uns wider allen fleischlichen Schrecken, weil wir nicht zu fürchten brauchen, dass die Feinde des Evangeliums mächtiger sein könnten als Gott. Anderseits soll man sich hüten lernen, dass man sich nicht durch Verachtung der frommen Lehre zu seinem eigenen Verderben wider Gott erhebe.

V. 27. Wahrlich ja, haben sich versammelt. Die Gemeinde stärkt ihren Glauben dadurch, dass sie auf die Erfüllung der Weissagung hinweist. Der Sinn ist etwa: Herr, was du gesprochen hast, haben wir selbst als Wahrheit erlebt. Freilich konnte es scheinen, als wäre die Sache jetzt ganz anders gelaufen, als der Psalm verkündigt, als hätten die Feinde nicht vergeblich gelärmt, als wären ihre Angriffe, indem sie Christus töteten und ihre Gewaltsamkeit immer weiter greifen ließen, nicht vergeblich gewesen. Diesem Anstoß begegnen die Gläubigen und sprechen aus, dass die Feinde nicht mehr vermochten, als was Gott beschlossen hatte; trotz ihrer Triumphgesänge haben sie vergeblich gelärmt.

Über deinen heiligen Sohn Jesus. Man könnte auch übersetzen: „über deinen heiligen Knecht“. Doch passt für Christus der Sohnesname besser. Ausdrücklich wird hinzugefügt, dass Gott seinen Sohn gesalbet hat. So trifft auf ihn in Wahrheit zu, was wir im (zweiten) Psalm lesen: denn durch die Salbung hat Gott ihn zum König geweiht. Übrigens wurde dieselbe nicht mit sichtbarem Öl, sondern mit dem heiligen Geist vollzogen.

V. 28. Zu tun, was dein Rat zuvor bedacht hat. Ich legte schon dar, was diese Aussage soll; jene Verschwörung hat Christi Herrschaft so wenig umgestoßen, dass sie derselben vielmehr zu vollem Aufschwung verhalf. Gott leitet alles durch seinen verborgenen Rat und vollzieht selbst durch gottlose Leute seine Beschlüsse. Nicht als stellten sie ihm freiwillig ihre Hände zu solchem Dienst zur Verfügung, - aber er lenkt ihre Pläne und Unternehmungen rückwärts, so dass man deutlich auf der einen Seite höchste Billigkeit und Gerechtigkeit, auf der andern Verbrechen und Ungerechtigkeit sehen muss. Gott zügelt den Teufel und alle Gottlosen, dass sie uns nicht schaden können. Es wird ihnen nur der Zügel insoweit gelockert, als es zu unserer Übung nützlich ist. Übrigens sieht man hier, dass mit einem bloßen Vorauswissen Gottes nicht gedient ist. Gottes alles lenkender Wille hat zuvor verordnet, was geschah. Darum redet Lukas von Gottes Hand, nicht bloß von seinem Rat.

V. 29. Und nun, Herr, siehe an ihr Dräuen. Das Wort, was sie über Christus beibrachten, denen die Gläubigen nun auch auf sich aus; denn er will sich von seinem Evangelium nicht trennen lassen, ja alle Belästigung, die man seinen Gliedern antut, als ihm persönlich geschehen behandeln. Dass der Herr die Wut der Feinde unterdrücken möge, bitten die Gläubigen weniger um ihretwillen, weil sie etwa ruhig und unbelästigt leben wollen, als im Eifer für die Ausbreitung des Evangeliums. Denn ihre Berufung zu verlassen und müßig dahinzuleben, wäre ihnen nichts Erwünschtes gewesen. Darum fügen sie hinzu: Gib deinen Knechten mit aller Freudigkeit zu reden. Bemerkenswert ist übrigens die Wendung, Gott möge das Drohen der Feinde ansehen. Denn da es sein eigentliches Amt ist, den Stolzen zu widerstehen und ihren Übermut zu dämpfen, so werden sie in demselben Maße, als sie sich frech gebärden, seinen Zorn nur umso heftiger reizen. Gott wird, durch ihr unwürdiges Betragen beleidigt, Hilfe bringen. So hat Hiskia, als er in äußerster Not Hilfe erbat, dem Herrn Sanheribs Anmaßung und harte Drohungen vorgehalten (Jes. 37, 14. 17). Die Grausamkeit und Schmähsucht unserer Feinde sollen also unsern Mut nicht schwächen, noch uns aus dem Lauf der Pflicht drängen, sondern vielmehr zu eifrigem Gebet treiben.

V. 30. Und strecke deine Hand aus usw. Wie können diese heiligen Leute wünschen, dass täglich neue Wunder geschehen, da doch schon ein einziges die Feinde so heftig gereizt hatte? Es liegt ihnen eben Gottes Ruhm am Herzen, so dass alles andere ihnen gleichgültig wird. Durch Wunder und ebenso durch freudiges Reden soll Gottes Kraft verherrlicht werden. Die Gläubigen wissen, dass die gottlosen Leute nichts weniger ertragen können, als dass das Evangelium freien Lauf habe; weil sie aber auch wissen, dass es die Lehre des Lebens ist, die Gott verkündigt haben will, stellen sie seine Predigt unbedenklich über alles andere, was auch geschehen mag. Übrigens lernen wir hier, dass man Gottes Wohltaten mit rechtem Dank nur anerkennt, wenn man durch sie sich zu dem Gebet treiben lässt, er möge kräftig fortführen, was er angefangen hat. Die Apostel haben heldenhafte Tapferkeit bewiesen; nun beten sie wiederum, dass Gott sie mit Zuversicht rüste. So hat Paulus die Gläubigen um Fürbitte ersucht (Eph. 6, 19), es möge ihm ein freudiges Auftun seines Mundes gegeben werden, - während doch sein Wort ringsum erscholl.

V. 31. Bewegte sich die Stätte. Lukas berichtet, dass die Erhörung des Gebets nicht nur vom Herrn gewährt, sondern auch mit einem sichtbaren Zeichen bekräftigt wurde. Denn die Erschütterung des Orts hätte an sich nichts genützt, sie zielt aber darauf hin, dass die Gläubigen Gottes Gegenwart spüren sollen. Als Frucht wird endlich angegeben: sie wurden alle des heiligen Geistes voll und redeten das Wort Gottes mit Freudigkeit. Das ist die Hauptsache. Denn die Erschütterung des Ortes war ein seltener und außerordentlicher Beweis der Kraft Gottes. Dass aber die Jünger tatsächlich erlangten, was sie begehrt hatten, beschreibt den dauernden Nutzen ihres Gebets, - zu einem Beispiel auch für uns.

32 Der Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch keiner sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein. 33 Und mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesu, und war große Gnade bei ihnen allen. 34 Denn es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wie viel ihrer waren, die da Äcker oder Häuser hatten, verkauften sie dieselben und brachten das Geld des verkauften Guts, 35 und legten's zu der Apostel Füßen; und man gab einem jeglichen, was ihm not war. 36 Joses aber, mit dem Zunamen von den Aposteln genannt Barnabas (das heißet ein Sohn des Trosts), von Geschlecht ein Levit aus Cypern, 37 der hatte einen Acker, und verkaufte ihn, und brachte das Geld und legte es zu der Apostel Füßen.

V. 32. Der Menge aber usw. Drei Stücke werden hier gelobt. Zuerst, dass die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren. Ist dies in einer größeren Menge der Fall, so bedeutet es weit mehr, als wenn nur wenige Menschen unter sich zusammenstimmen. Und die Gemeinde war doch schon auf fünftausend Seelen gewachsen. Wo freilich der Glaube regiert, vereinigt er die Seelen, dass alle dasselbe wollen und nicht wollen. Zwietracht kommt aber daher, dass wir uns nicht von demselben Geist Christi regieren lassen. Die Ausdrücke „Herz“ und „Seele“ deuten bekanntlich auf den Willen. Weil nun aber gottlose Leute oft zum Bösen sich zusammenschließen, so erscheint jene heilige Eintracht, die unter den Gläubigen blühte, besonders löblich.

Keiner sagte von seinen Gütern usw. Das zweite Stück ist dies, dass die Gläubigen die Liebe mit äußerer Tat pflegten. Das ist die Frucht, die aus der inneren Einigkeit der Herzen erwächst. Eine äußere Guttätigkeit, die nicht von Herzen kommt, würde ja auch vor Gott nichts gelten. Weiter deutet Lukas an, dass man die Einigkeit pflegte, ohne an den eigenen Nutzen zu denken; denn wenn die Reichen freiwillig das Ihre dahingaben, suchten sie nichts weniger als Gewinn.

V. 33. Und mit großer Kraft usw. Dies dritte Stück betrifft die Lehre. Der Eifer der Apostel für die Predigt des Evangeliums nahm nicht ab, sondern gewann immer neue Kraft. Die Auferstehung des Herrn Jesus wird gleichsam als der krönende Schlussstein des Evangeliums herausgegriffen. Um dieses Stückes willen, welches den damals herrschenden Sadduzäern am anstößigsten war, hatten ja die Apostel soeben erst den heftigen Kampf aushalten müssen.

Und war große Gnade bei ihnen allen. Offenbar trug es zur Ausbreitung der Lehre, wie auch zur allgemeinen Beliebtheit der Gläubigen bei den Draußenstehenden nicht wenig bei, dass sie die Armen so gütig unterstützten. Dies deutet Lukas an, wenn er den folgenden Satz (V. 34) begründend anschließt: Denn es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte. Ohne Zweifel stimmten aber auch andere Tugenden der Gläubigen, wie ihre Rechtschaffenheit, ihr Maßhalten, ihre Bescheidenheit und ihre Geduld die Menge zum Wohlwollen.

Die da Äcker oder Häuser hatten, verkauften dieselben usw. Diese Gütergemeinschaft ist nicht von allen ohne Ausnahme gepflegt worden. Der Zusammenhang lässt ersehen, dass es viele gab, die ihren Besitz nicht anrührten. Wird doch (V. 36) Joses als ein vor andern denkwürdiges Beispiel herausgehoben. So ist die Meinung nicht, dass alle Gläubigen ihr ganzes Eigentum verkauften, sondern nur, dass dies nach Bedarf geschah. Insbesondere sollen wir dieser Mitteilung die rühmliche Tatsache entnehmen, dass die Reichen nicht bloß aus dem Jahresertrag ihrer Äcker Unterstützungen gaben, sondern in großer Freigebigkeit nicht einmal der Äcker selbst schonten. Dies aber konnte geschehen, auch wenn sie sich nicht gänzlich beraubten, sondern ihre Einkünfte nur teilweise minderten. Dies lässt sich wiederum aus den Worten des Lukas schließen, der ja eben als Zweck angibt, dass niemand Mangel haben sollte. Zugleich lässt er ersehen, dass Klugheit waltete (V. 35): man gab einem jeglichen, was ihm not war. Es wurde also nicht eine gleichmäßige Verteilung der Güter vorgenommen, vielmehr teilte man in überlegter Weise aus, so dass niemand seine Dürftigkeit über die Maßen drückte. Und Joses wird ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt gelobt, dass er seinen einzigen Acker verkaufte und dadurch alle anderen übertraf. Nun sehen wir, worin die Gütergemeinschaft bestand: es genoss niemand sein Gut ohne Rücksicht auf die andern, sondern ein jeder war bereit, nach Bedarf fürs Allgemeine beizusteuern. Unser Herz müsste härter sein als Eisen, wenn diese Geschichte uns nicht Eindruck machte. Damals spendeten die Gläubigen reichlich von ihrem Gut; wir begnügen uns heute nicht, missgünstig zu verschließen, was wir in Händen haben, sondern rauben grausam noch Fremdes.

Jene boten schlicht und gutgläubig ihr Eigentum dar; wir ersinnen tausend trügerische Künste, um alles von allen Seiten an uns zu ziehen. Jene legten ihre Gaben zu den Füßen der Apostel; wir berauben frech das Heiligtum und stehlen ohne Scheu, was dem Herrn geweiht war. Einst verkaufte man seine Besitztümer; jetzt herrscht eine unersättliche Gier, alles zusammenzukaufen. Damals machte die Liebe den Privatbesitz den Armen gemein; jetzt sind gewisse Leute so unmenschlich, dass sie den Armen missgönnen, mit ihnen zusammen auf der Erde zu wohnen und mit ihnen das Wasser, die Luft und den Himmel zu genießen. Was hier geschrieben steht, dient also zu unserer Beschämung. Doch haben auch die Armen an dem gegenwärtigen Übel zum Teil Schuld. Ein Austausch der Güter kann doch nur stattfinden, wo fromme Eintracht waltet und man ein Herz und eine Seele ist; viele aber sind so hochfahrend, undankbar, faul, räuberisch und lügenhaft, dass sie, soviel an ihnen ist, der Neigung, Gutes zu tun, nicht nur entgegenwirken, sondern die Durchführung geradezu unmöglich machen. Dennoch wollen wir an die Mahnung des Paulus gedenken (Gal. 6, 9), dass man im Gutes tun nicht müde werden soll. Übrigens ist es ein Missbrauch unserer Geschichte, wenn die Wiedertäufer und andere Schwärmer daraus den Wahnsinn folgern, dass unter Christen der bürgerliche Privatbesitz unerlaubt sei. Denn weder schreibt Lukas ein für jedermann verbindliches Gesetz vor, wenn er von dem Verhalten der ältesten Christen berichtet, in welchem eine einzigartige Kraft des göttlichen Geistes sich auswirkte - noch spricht er ausnahmslos von allen, so dass man etwa denjenigen nicht für eine Christen angesehen hätte, der nicht sein ganzes Gut verkaufte.

Kapitel 5.

1 Ein Mann aber, mit Namen Ananias, samt seinem Weibe Saphira verkaufte sein Gut, 2 und entwandte etwas vom Gelde mit Wissen seines Weibes, und brachte einen Teil, und legte es zu der Apostel Füßen. 3 Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllet, dass du dem heiligen Geist lögest, und entwendetest etwas vom Gelde des Ackers? 4 Hättest du ihn doch wohl mögen behalten, da du ihn hattest; und da er verkauft war, war es auch in deiner Gewalt. Warum hast du denn solches in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gotte gelogen. 5 Da Ananias aber diese Worte hörte, fiel er nieder, und gab den Geist auf. Und es kam eine große Furcht über alle, die dies höreten. 6 Es standen aber die Jünglinge auf, und taten ihn beiseit, und trugen ihn hinaus und begruben ihn.

V. 1. Der bisherige Bericht des Lukas könnte den Schein erwecken, als wären die damals unter Christi Namen gesammelten Leute mehr Engel als Menschen gewesen. Denn es ist eine unglaubliche Tugend, dass die Reichen zur Unterstützung der Armen nicht bloß Geld, sondern sogar Grundbesitz drangaben. Jetzt aber vernehmen wir, dass Satan einen Betrug ersann, in jene heilige Gemeinschaft einzudringen, und zwar unter dem Vorwand besonderer Tugend. Denn die Heuchelei bedient sich sonderbarer Schleichwege. Mit ihr aber greift der Satan die Gemeinde an, wenn er in offenem Kampfe nichts ausrichten kann. Es gilt hier aber vor allem auf die Absicht des heiligen Geistes zu achten. Er will durch diese Geschichte erstlich bezeugen, dass dem Herrn nur ein aufrichtiges Herz wohl gefällt, zum andern, dass er auf eine heilige und reine Zucht in seiner Gemeinde großen Wert legt. Denn die Strafe, welche Gott dem Ananias und seinem Weibe auflegt, ist ein wesentlicher Punkt. Bei Erwägung aller Umstände erkennen wir, dass die Hauptsünde des Ananias in der heuchlerischen Darbringung besteht, mit welcher er Gott und die Gemeinde täuschen wollte. Unter dieser Heuchelei aber verbargen sich noch weitere Sünden: Verachtung Gottes, vor dem er sich nicht scheute, als wüsste er nichts um sein verkehrtes Wesen; Raub am Heiligtum, weil er von dem, was er als gottgeweiht ausgab, einen Teil entwendete; sündhafter und eitler Ehrgeiz, weil er es nicht auf Gottes, sondern der Menschen Urteil absieht; Unglaube, weil er diesen unerlaubten Weg nur im Misstrauen gegen Gott betreten konnte. Zu alledem kommt das versteckte und freche Lügen. Es wäre schon eine denkwürdige Tat gewesen, hätte Ananias nur die Hälfte vom Ertrag seines Ackers hingegeben. Aber es gilt (Spr. 15, 8): „Der Gottlosen Opfer ist dem Herrn ein Gräuel.“ Nichts kann ihm angenehm sein, wo die schlichte Gradheit des Herzens fehlt. So geschieht es, dass Christus die zwei Scherflein, welche die Witwe opferte (Lk. 21, 2), höher wertet als große Summen, die andere aus ihrem gehäuften Reichtum darbieten.
V. 2. Und legte es zu der Apostel Füßen. Hier sieht man, was Ehrgeiz vermag. Es verdrießt den Ananias, dass man ihn nicht für einen der Besten hält. Trotz seiner Geldgier beraubt er sich also eines Teils seines Vermögens, um einen guten Ruf unter den Menschen zu gewinnen. Dabei bedenkt er nicht, dass er vor Gottes Angesicht lügt und trügt, und dass Gott diese Lüge strafen wird. So geschieht es, dass er den Füßen der Apostel mehr Ehre erweist als den Augen Gottes. Umso mehr sollen wir uns hüten, dass wir beim Gutes tun nicht nach dem Beifall der Zuschauer haschen; und nicht vergeblich empfiehlt Christus, dass die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, wenn wir Almosen geben (Mt. 6, 3).
V. 3. Petrus aber sprach usw. Wie durchschaute Petrus den Betrug des Ananias? Ohne Zweifel durch Offenbarung des Geistes. Lukas gibt also zu verstehen, dass der Apostel gleichsam an Gottes Stelle stand und seine Sache führte. Wenn Gottes Geist durch den Mund eines sterblichen Menschen einem Heuchler, der unter dem Schein glänzender Tugend dastand, das Verbrechen auf den Kopf zusagt, wie wollen dann die Verworfenen Gottes eigene Stimme samt dem Schall der Posaune ertragen, wenn sie vor seinen Richterstuhl treten müssen? Wie schwer das Verbrechen ist, deutet die Frage des Petrus an: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt? Es gibt keinen Menschen, dessen Herz der Satan nicht mit seinen Stacheln träfe; jeden einzelnen wandeln viele Versuchungen an und dringen in sein Herz. Wo aber der Satan ein Herz „erfüllt“, hat er gleichsam den Herrn vertrieben und übt die Herrschaft im ganzen Menschen. Dies ist das Zeichen eines Verworfenen: er ist völlig dem Satan übergeben, so dass Gottes Geist keinen Raum mehr hat. Der Tadel, dass Ananias dem heiligen Geist gelogen habe, besagt nichts anderes, als was ihm nachher vorgeworfen wird, er habe nicht Menschen, sondern Gott gelogen. Umso mehr müssen wir uns hüten, dass in uns nicht die Heuchelei die Oberhand gewinnt, an welcher das eigentlich Sündhafte eben dies ist, dass sie den allwissenden Gott täuschen will. Das ist doch ohne unwürdigen Spott über ihn nicht möglich. Darum sagt Petrus nicht mit Unrecht über ihn, dass ein Herz, das solches tut, vom Satan erfüllt sei. Denn wer sollte Gott so zu schmähen wagen, wenn er nicht alle gesunde Vernunft verloren hat? Angesichts dieser schrecklichen Blindheit stellt Petrus seine Frage in einem Ton, als handle es sich gleichsam um ein Wunder.
V. 4. Hättest du ihn doch wohl mögen behalten. Die Schuld des Ananias wird noch größer, weil er ohne jeden Zwang sündigte. Schon die Entschuldigung wäre unzureichend, dass wir von außen zur Sünde gereizt werden; wie viel schlimmer aber ist es, wenn wir uns aus freien Stücken in das Böse stürzen und gleichsam geflissentlich Gottes Rache heraufbeschwören! Übrigens ziehen wir hier den Schluss, dass niemand ein Gesetz auferlegt war, sich von seinem Vermögen zu trennen. Denn Petrus erklärt, es habe dem Ananias freigestanden, sowohl den Acker zu behalten als auch das dafür erlöste Geld.
Du hast nicht Menschen, sondern Gotte gelogen. Die Heuchler täuschen sich selbst, indem sie meinen, es nicht mit Gott zu tun zu haben. Daher diese ausdrückliche Erklärung des Petrus, weil ja Ananias der Gemeinde den Trug vormachte. Er hätte aber bedenken müssen, dass Christus selbst gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen sich versammeln (Mt. 18, 20). In der Versammlung der Gemeinde hätte er sich betragen müssen, als wenn er Gott mit Augen sähe. Denn weil Gott in seiner Gemeinde regieren will, gehört es zur Ehrfurcht gegen ihn, dass man auch dem Regiment, welches er durch sein Wort ausübt, heilige Scheu entgegenbringt. Freilich waren die Apostel Menschen, aber nicht Privatleute; denn Gott hatte sie mit seiner Stellvertretung betraut. Außerdem ist bemerkenswert, dass wer den heiligen Geist belügt, gegen Gott selbst lügt. Diese Ausdrucksweise ist ein deutlicher Beweis für die Gottheit des heiligen Geistes. In derselben Weise sagt auch Paulus: Ihr seid Gottes Tempel, weil sein Geist in euch wohnt (1. Kor. 3, 16 f.; 6, 19).
V. 5. Da Ananias diese Worte hörte usw. Der Tod des Ananias ist ein Tatbeweis für die Wirkungskraft des Wortes, die Paulus herrlich erhebt, indem er es als einen Geruch des Todes zum Tode für die Verlorenen bezeichnet (2. Kor. 2, 16). Er spricht freilich von dem geistlichen Tod der Seele; was aber dem Leibe des Ananias widerfuhr, war ein sichtbares Zeichen dieser vor Menschenaugen verborgenen Strafe. Er ward nicht mit dem Schwert, mit der Hand, noch mit Gewalt getötet, sondern erlosch durch bloßes Vernehmen des Wortes. Wenn wir dies hören, mögen uns die Drohungen des Evangeliums schrecken und beizeiten demütigen, damit nicht auch wir eine ähnliche Demütigung erfahren. Denn von Christus gilt das Wort (Jes. 11, 4): „Er wird mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.“ Was seiner Natur nach Heil bringt, muss für solche Leute tödlich werden, die das im Wort angebotene Heil von sich weisen. Sollte sich aber jemand daran stoßen, dass der Apostel eine körperliche Strafe verhängt, so antworte ich, dass dies eben eine jener außerordentlichen Geistesgaben war, von welchen Paulus spricht (1. Kor. 12, 10). Dahin gehört es auch, dass Paulus den Zauberer Elymas mit Blindheit schlug (Apg. 13, 8). Dass aber manchen diese Strafe zu grausam dünkt, kommt daher, dass sie die Sünde des Ananias nicht auf Gottes, sondern auf ihrer eigenen Wage wiegen, also eine schwere Untat, unter der sich doch, wie wir zeigten, noch viele andere Verbrechen bergen, als einen leichten Fehler einschätzen. Wie Gott in der Anfangszeit sichtbare Gnadengaben über die Gemeinde ausgoss, um uns sicher wissen zu lassen, dass er mit der verborgenen Kraft seines Geistes bei uns sein würde, ja wie er mit äußeren Zeichen handgreiflich darbot, was wir in der Erfahrung des Glaubens innerlich fühlen – so hat er auch durch sichtbare Bestrafung zweier Menschen bezeugt, welch schreckliches Gericht aller Heuchler wartet, die ihn und seine Gemeinde verspotten.
Und es kam eine große Furcht usw. Gott wollte durch Bestrafung des einen auch den andern Furcht einjagen, damit sich in heiliger Scheu von aller Täuschung fernhielten. Was Lukas von der Furcht berichtet, die sie ergriff, geht auch uns an. Denn der Herr wollte damals ein allgemein gültiges Zeugnis für alle Zeiten ablegen, damit jedermann lerne, aufrichtig mit ihm zu handeln. Dabei sollen fromme Seelen sich durch diese Strafe über den Verbrecher auch getrieben fühlen, in Zukunft das Ihrige noch freigebiger dem Herrn und den Armen zu weihen; sie können ja hier ersehen, wie wertvoll vor Gott das Almosengeben ist, dessen Entweihung so schwer geahndet wurde.

7 Und es begab sich über eine Weile bei dreien Stunden, kam sein Weib hinein, und wusste nicht, was geschehen war. 8 Aber Petrus antwortete ihr: Sage mir, habt ihr den Acker so teuer verkauft? Sie sprach: Ja, so teuer. 9 Petrus aber sprach zu ihr: Warum seid ihr denn eins geworden, zu versuchen den Geist des Herrn? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, sind vor der Tür, und werden dich hinaustragen. 10 Und alsbald fiel sie zu seinen Füßen, und gab den Geist auf. Da kamen die Jünglinge, und fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihren Mann. 11 Und es kam eine große Furcht über die ganze Gemeine und über alle, die solches hörten.

V. 7. Und es begab sich über eine Weile usw. Es geschah durch Gottes handgreifliches Vorsehungswalten, dass die Gemeinde eine gesonderten Eindruck davon empfing, wie treulos das Herz und wie verstockt die Bosheit dieser beiden Leute war. Da sie beide den gleichen Fall darboten, hätte ihr Verbrechen auch zu gleicher Zeit aufgedeckt werden können; aber es war für die Erbauung der Gemeinde passender und nützlicher, dass sie beide nacheinander ihre Gottlosigkeit offenbarten.
V. 8. Sage mir usw. Wir sehen, wie Gott nicht plötzlich mit seiner Strafe daher fährt, sondern zuerst die nötige Nachfrage hält; die Rache soll erst über ganz verstockte Menschen ergehen, die sich die Vergebung abschneiden. Da Saphira ihre Sache für geheim hielt, musste sie sich durch diese Frage des Petrus getroffen fühlen, als wäre sie vor Gottes Richterstuhl zitiert. Es wird ihr Zeit zur Umkehr gegeben, ja, es ist dies eine sanfte Einladung zur Buße. Indem sie aber sicher auf ihrem Wege beharrt, zeigt sie sich unheilbar, indem keine Gottesfurcht sie erschüttert. Hier können wir lernen, wie eifrig wir uns mühen müssen, Sünder auf den rechten Weg zurückzuführen. Diese Mäßigung beobachtet auch der Geist Gottes; wo aber zum Verbrechen eine hartnäckige Verachtung Gottes sich gesellt, da ist die Zeit zur Strafe reif. Es sind also anmaßende Menschen, die hier ein Missfallen über Gottes unmäßige Strenge äußern. Wir sollen vielmehr darüber nachdenken, wie wir dereinst vor seinem Richterstuhl bestehen können. Es ist Verachtung seines heiligen, göttlichen Wesens, wenn man wünscht, dass die ihm zugedachte Täuschung ungestraft bleibe. Dass Ananias und Saphira sich vor Christus nicht scheuen, der in der Versammlung der Seinen den Vorsitz führt, geht aus einem Gemisch von Gottlosigkeit und Frechheit hervor: wenn sie nur Schmach und Schande vor Menschen vermeiden, vor denen sie scheinen wollen, so macht es ihnen gar nichts aus, vor Gott ein handgreifliches Verbrechen abzuleugnen. Diese hartnäckige Ableugnung der Sünde ist der Gipfelpunkt. Dass aber zahllose Heuchler nicht minder Gottes und seiner Gemeinde täglich spotten und doch nicht tödlich geschlagen werden, darf uns nicht wundernehmen. Da Gott allein der Welt Richter ist, bleibt es seine Sache, jeden einzelnen zu strafen, wann und wie es ihm gut scheint. Man darf ihm nicht ein bestimmtes Maß vorschreiben. Es wird uns aber in der körperlichen Bestrafung der beiden wie in einem Spiegel das schwere, innere Gericht vorgestellt, das noch verborgen ist. Denn wenn wir bedenken, was es heißt, in das ewige Feuer geworfen zu werden, so können wir es nicht als das äußerste Übel ansehen, vor Menschen tot niederzustürzen (vgl. 1. Kor. 10, 5).
V. 9. Zu versuchen den Geist des Herrn. Mit diesem Ausdruck wird der Spott, den die beiden mit Gott trieben, bezeichnet, weil sie in völliger Sicherheit den Betrug geplant hatten, als wäre Gottes Geist nicht der Herzenskündiger. Welche Sorglosigkeit, dass einer den andern zum Vertrauten des Verbrechens machte und sie untereinander eins wurden, indem sie dem Herrn die Tür wiesen! Denn, dass man Gott versucht, sagt die Schrift, wo man ihm seine Macht oder seine Allwissenheit abspricht. Vom Geist aber ist hier die Rede, weil derselbe durch die Apostel die Gemeinde leitet. Denn Christi Aussage, dass der Geist die Welt strafen oder richten werde (Joh. 16, 8), deutet eben auf dies Gericht, welches er durch den Dienst der Gemeinde ausübt.
V. 11. Und es kam eine große Furcht usw. Diese wiederholte Erinnerung spricht von einer doppelten Furcht. Einmal kam Furcht über die ganze Gemeine, weil ja die Gläubigen nie in so vollkommener Gottesfurcht stehen, dass eine Mahnung durch seine Gerichte ihnen nicht weiteren Fortschritt bringen könnte. Der Blick auf die Strafen, die Gott einst und noch täglich über Frevler verhängt, soll uns mit Furcht vor ihm erfüllen und von schamlosem Sündigen abschrecken. Immer von neuem muss man das Fleisch in Zaum halten, weil schwerlich ein einziger Zügel für dasselbe genügen würde. Weiter kam Furcht über alle, die solches hörten. Damit aber hatte es eine andere Bewandtnis: die Furcht führte sie nicht bis zur rechten Anbetung Gottes, sondern zwang sie nur, ihm die Ehre zu geben.

12 Es geschahen aber viele Zeichen und Wunder im Volk durch der Apostel Hände; und waren alle in der Halle Salomos einmütiglich, 13 der andern aber wagte keiner, sich zu ihnen zu tun, sondern das Volk hielt groß von ihnen. 14 Es wurden aber immer mehr hinzugetan, die da glaubeten an den Herrn, eine Menge Männer und Weiber, 15 also dass sie die Kranken auf die Gassen heraus trugen und legeten sie auf Betten und Bahren, auf dass, wenn Petrus käme, sein Schatten ihrer etliche überschattete. 16 Es kamen auch herzu viele von den umliegenden Städten gen Jerusalem und brachten die Kranken und die von unsaubern Geistern gepeiniget waren; und wurden alle gesund.

V. 12. Der Bericht kehrt zu allerlei Wundern zurück, welche der Art des Evangeliums recht eigentlich entsprechen, zu solchen nämlich, durch welche Christus nicht bloß seine Macht, sondern auch seine Güte bezeugt, um durch die Süßigkeit seiner Gnade Menschen an sich zu locken. Denn er ist gekommen, die Welt zu retten, nicht zu verdammen. Wenn also Kranke geheilt, andere von bösen Geistern befreit werden, so stellen diese körperlichen Wohltaten die geistliche Gnade Christi dar und gehören darum recht eigentlich zu seinem Amt. Das schreckliche Zeichen aber, das sich bei Ananias und Saphira ereignete, war gleichsam eine Nebenerscheinung. Durch die Fülle der Wunder, von denen Lukas berichtet, wollte Gott das Evangelium seines Sohnes verherrlichen, besonders in seinen Anfängen, um den Juden mit Sicherheit zu bezeugen, dass jene Herstellung aller Dinge, die so oft verheißen war und auf welche sie alle ihre Hoffnung zu setzen behaupteten, jetzt gegenwärtig sei. Unter den „Bahren“ (V. 15) sind kleine Betten zu verstehen, auf welchen man im Altertum Mittagsruhe zu halten pflegte. Auf sie legte man die Kranken, weil sie in dieser Weise leichter hinausgebracht werden konnten.
Und waren alle in der Halle Salomos einmütiglich. Damit beschreibt Lukas die Gewohnheit der Christen, zu bestimmten Stunden sich zu versammeln, nicht bloß des Gebets und der Lehre wegen, sondern auch um nach Gelegenheit andere für den Herrn zu gewinnen. Dass sie einmütig waren, lässt ersehen, dass sie alle aus freien Stücken diese Ordnung pflegten und dass niemand etwa widerspenstig war, indem er die öffentliche Versammlung vernachlässigte und sich in seinen vier Wänden hielt. Damit gaben sie ein Beispiel nicht nur von Bescheidenheit, sondern auch von Standhaftigkeit. Denn das Zusammenkommen an einem so viel besuchten Orte war von Gefahr nicht frei. Umso lobenswerter war ihre einmütige Bereitschaft, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.
V. 13. Der andern aber wagte keiner usw. Hier erscheint eine weitere Frucht der Wunder: überwunden von einer so handgreiflichen Macht Gottes, wagen die Ungläubigen nicht, die Apostel zu verachten, sehen sich vielmehr zur Ehrfurcht gegen die Gemeinde gezwungen. Es könnte freilich ungereimt erscheinen, dass die Wunder sie abschrecken, so dass sie nun Gott und sein Volk fliehen. Ich antworte, dass ihre eigene Schuld sie hinderte, näher heranzutreten. Denn ohne Zweifel will Gott durch Wunder uns zu sich einladen. Wer daraus nicht den Nutzen zieht, dass er die dort leuchtende Gottesgnade begierig küsst, ist durch ein böses Gewissen gehindert. Immerhin ist es eine Frucht, dass Gott jenen Leuten einige Furcht auspresst, obwohl Lukas dies nicht allein den Wundern zuschreibt, sondern überhaupt an alles denkt, was die Würde der Gemeinde mehren konnte. War doch alles derartig geordnet, dass darin gleichsam die göttliche Majestät wider strahlte, und die Christen unterschieden sich von den andern wie die Engel von den Menschen. Denn in einer heiligen Zucht und echter, der Frömmigkeit entsprechender Ausgestaltung des Kultus liegt eine geheime Ehrwürdigkeit, welche die Bösen auch wider ihren Willen fesselt. Dabei denkt Lukas an maßvolle Leute, bei denen ein Same der Gottesfurcht in der Tiefe schlummerte, wie es auch heute manchen gibt, der sich zwar durch Eitelkeit der Welt abhalten lässt, Christi Joch auf sich zu nehmen, der aber Bedenken trägt, unsere Lehre zu verachten, weil er an derselben etwas Göttliches spürt.
V. 15. Wenn Petrus käme usw. Diese Erzählung missbrauchen die Papisten nicht bloß zur Empfehlung erlogener Wunder, die angeblich an den Märtyrergräbern geschehen, sondern auch zur Anpreisung ihrer Reliquien. Warum, so sagen sie, sollte bloß der Schatten des Petrus Heilkraft besitzen, nicht aber sein Grab, Kleid oder die Berührung seiner Gebeine? Ich antworte, dass man nicht sofort alles für wohlgetan halten muss, was nach dem Bericht des Lukas rohe und im Glauben noch unerfahrene Leute getan haben. Und noch eine bessere Widerlegung ist zur Hand: waren doch die Apostel mit dieser Kraft nur als Diener des Evangeliums begabt. Soweit es also zur Förderung des Glaubens an das Evangelium diente, bedienten sie sich dieser Gabe, ja Gott ließ seine Kraft nicht minder durch ihren Schatten als durch ihren Mund wirken. Die Wunder dagegen, von welchen die Papisten schwätzen, führen genau in die entgegen gesetzte Richtung: ihr Zweck ist, die Welt von Christus abzuziehen, damit sie zu den Heiligen fliehe.

17 Es stand aber auf der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, welches ist die Sekte der Sadduzäer, und wurden voll Eifers, 18 und legten die Hände an die Apostel und warfen sie in das gemeine Gefängnis. 19 Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf, und führte sie heraus, und sprach: 20 Gehet hin und tretet auf, und redet im Tempel zum Volk alle Worte dieses Lebens. 21 Da sie das gehört hatten, gingen sie frühe in den Tempel und lehreten. Der Hohepriester aber kam und die mit ihm waren, und riefen zusammen den Rat und alle Ältesten der Kinder von Israel; und sandten hin zum Gefängnis, sie zu holen. 22 Die Diener aber kamen hin und fanden sie nicht im Gefängnis; kamen wieder und verkündigten 23 und sprachen: Das Gefängnis fanden wir verschlossen mit allem Fleiß, und die Hüter außen stehen vor den Türen; aber da wir auftaten, fanden wir niemand drinnen. 24 Da diese Rede höreten der Hohepriester und der Hauptmann des Tempels und andere Hohepriester, wurden sie über ihnen betreten, was doch das werden wollte. 25 Da kam einer, der verkündigte ihnen: Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, sind im Tempel, stehen und lehren das Volk. 26 Da ging hin der Hauptmann mit den Dienern und holeten sie, nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten sich vor dem Volk, dass sie nicht gesteiniget würden.

V.17. Bis dahin hat Lukas berichtet, wie die Gemeinde an Mitgliederzahl wuchs, wie sie durch mancherlei Gaben herrlich geschmückt war und sich durch Wunder auszeichnete, kurz, wie in jeder Weise Christi Herrschaft in ihr blühte. Nunmehr beginnt er zu erzählen, wie dies alles die Wut der Gottlosen entzündete, so dass sie von neuem umso heftiger rasten. Das offensichtliche Wirken Gottes schreckt sie nicht, sondern treibt sie nur zu frecherem Ansturm. Diese Blindheit als eine schreckliche Strafe Gottes soll für alle Menschen eine Mahnung sein, dass sie sich beizeiten dem Herrn unterwerfen, damit sie nicht im Taumelgeist wider Gottes Hand stoßen und von derselben zermalmt werden. Weiter wird uns eingeprägt, dass Gott zwar seine Gemeinde durch geistliche Güter heben, aber doch zulassen will, dass sie von den Gottlosen gequält werde. Darum müssen wir immer zum Kampf bereitstehen.
Der Hohepriester und alle, die mit ihm waren. Gemeint sind die nächsten Freunde und Ratgeber des Hohenpriesters, die er nicht nach rechtem Urteil, sondern aus Parteiliebe sich zugesellt hatte, wie denn damals die verschiedenen Gruppen schamlos widereinander kämpften. Die erneute Erinnerung, dass die Sadduzäer fast alle Macht in Händen hatten, will den Zustand der Gottesgemeinde, über die eine solche Sekte herrschte, als schrecklich wüst und verwirrt darstellen. In diese tiefste Schande ließ Gott die Synagoge versinken, nachdem er seine Kirche von derselben abgesondert hatte; wer das Evangelium verachtete und in diesem Sumpf zurückblieb, war umso weniger zu entschuldigen. Was anders übrigens konnte jene Schweine treiben, die sich um kein ewiges Leben kümmerten, als bloßer Ehrgeiz und die Sucht, die einmal ergriffene Herrschaft festzuhalten?
Und wurden voll Eifers. Dieser Eifer, mit welchem die Heuchler ihre abergläubischen Einrichtungen verteidigen wollen, treibt sie zu sündhaftem und gewalttätigem Angriff. Hieraus kann man sehen, wie viel solch menschlicher „Eifer“ vor Gott wert ist, wenn er sich nicht durch Vernunft und Klugheit, das ist aber durch Gottes Geist, leiten lässt. Die Verworfenen haben ein böses Gewissen, wenn sie mit Wissen und Willen wider die Frömmigkeit kämpfen; aber sie betrügen sich selbst mit dem täuschenden Schein wahren Eifers, der unberechtigten Neuerungen entgegentritt. Mit solchem „Eifer“ brüstet man sich heute fast überall im Papsttum. Es sollte aber das erste sein, auf den Unterschied von Gut und Böse zu achten und nicht leichthin etwas zu verwerfen.
V. 19. Aber der Engel des Herrn usw. Der Herr führte die Apostel aus dem Gefängnis, freilich nicht um sie gänzlich aus den Händen der Feinde zu befreien; denn alsbald lässt er zu, dass man sie zurückholt und mit Ruten schlägt (V. 26. 40). Er wollte aber mit diesem Wunder bezeugen, dass sie, die für sein Evangelium wirkten, unter seinem Schutz standen, wodurch einerseits der Gemeinde eine neue Glaubensstärkung zuteil werden, andererseits den Gottlosen jede Entschuldigung genommen werden sollte. Darum sollen wir nicht immer hoffen, ja nicht einmal wünschen, dass Gott uns aus dem Tode reiße; es gilt vielmehr mit dem einen zufrieden zu sein, dass seine Hand unser Leben deckt, soweit es möglich ist. Dass er hierfür sich eines Engels bedient, entspricht seinem gewöhnlichen Verfahren; denn überall in der Schrift gibt er Zeugnis, dass die Engel es sind, durch welche er uns seine Wohltaten darreicht. Das ist keine eitle Spekulation, sondern eine nützliche Stütze für unsere Schwachheit, zu wissen, dass nicht nur Gott für uns Sorge trägt, sondern dass auch die himmlischen Geister über unser Wohlergehen wachen. Gott hat ein mehr als gewöhnliches Unterpfand seiner Liebe gegeben, indem er die edelsten seiner Geschöpfe mit der Sorge für unser Heil betraute. Der Engel aber öffnet das Gefängnis in der Nacht, weil er das Wunder nicht vor den Augen gottloser Leute tun wollte; indessen sollte man aus dem Erfolg erkennen, dass es geschehen sei.
V. 20. Redet im Tempel. Der Zweck der Befreiung ist, dass die Apostel die Predigt des Evangeliums fleißig fortsetzen und mutig ihre Feinde reizen sollen, bis sie endlich tapfer zugrunde gehen. Endlich erst, nach vollbrachtem Beruf, hält Gottes Hand sich ruhig, und sie werden zum Tod geschleppt. Jetzt aber öffnet der Herr ihnen das Gefängnis, sie für die Ausrichtung ihres Amts frei zu machen. Das ist bemerkenswert, weil wir sehen, dass viele, die einer Verfolgung entgingen, in der Folgezeit stillschweigen, als hätten sie nun ihre Pflicht gegen Gott getan. Andere bereiten sich sogar ihren Weg durch Verleugnung Christi. Der Herr aber befreit die Seinen nicht, damit sie von dem begonnenen Lauf ablassen, sondern für die übrige Zeit noch glühender zu werden. Die Apostel hätten ja antworten können: Es ist besser, eine Zeitlang zu schweigen, da wir ohne Gefahr ja nicht werden reden können. Jetzt wirft man uns wegen einer einzigen Predigt ins Gefängnis; wie viel heftiger wird demnach die Wut der Feinde entbrennen, wenn sie sehen, dass wir kein Ende machen. Weil sie aber wissen, dass wir dem Herrn leben und sterben sollen, lehnen sie den Auftrag nicht ab. So ziemt es sich immer, darauf zu sehen, welche Aufgabe der Herr uns stellt. Es werden uns viele Dinge begegnen, die unsern Mut brechen, wenn wir uns nicht mit Gottes Gebot einfach begnügen, bei unserer Pflicht auszuharren und ihm den Fortgang anheim stellen.
Alle Worte dieses Lebens. Es ist ein ausgezeichnetes Lob des Evangeliums, dass es eine den Menschen Heil und Leben spendende Lehre heißt. Denn es wird uns darin Gottes gnädige Gerechtigkeit geoffenbart, und Christus bietet sich uns darin an mit dem Opfer seines Todes, mit dem Geist der Wiedergeburt, dem Pfand zur Annahme unserer Gotteskindschaft. Und es wird dies namentlich den Aposteln gesagt, damit sie umso mutiger alle Kämpfe für das Evangelium auf sich nehmen, wenn sie hören, dass sie ewiges Heil spenden dürfen. Auf das Wort „dieses“ Lebens wird gleichsam wie mit Fingern gewiesen, damit wir wissen, dass wir es nicht in der Ferne zu suchen haben, da ja das Wort in unserem Munde und Herzen ist. Allerdings ließe sich der Ausdruck auch als eine Umstellung deuten, einfach in dem Sinne: diese Lebensworte.
V. 21. Der Hohepriester aber kam usw. Jetzt ruft der Hohepriester den ganzen Rat zusammen, weil er die Last nicht tragen könnte, wenn er nur seiner Partei die Ehre gäbe und die andern überginge. Es treibt ihn also die Furcht zur Berufung der ganzen Körperschaft. Doch hält er peinlich auf die Formen des Rechts. Es werden die Ältesten berufen, die das Regiment in Händen hatten, so dass alles, was man hat, aus Beschluss und Autorität des Konzils floss. Wer hätte bei einem solchen Anfang nicht auf einen gemäßigten Ausgang gehofft? Und sicher wenden sie allen Schein auf, damit es nicht aussähe, als unterdrückten sie die Wahrheit mit tyrannischer Gewalt. Als sie aber vernehmen, dass die Apostel im Tempel lehren, stehen sie von der Verfolgung ihrer Absicht nicht ab, obwohl sie wissen, dass dieselben nicht durch menschlichen Betrug, sondern durch ein Wunder frei wurden. So verbindet sich mit ihrer gottlosen Unsittlichkeit und der Verachtung Gottes ein offenbarer, schrecklicher Wahnsinn. Die Heuchler können sich eben mit dem Schein guten Rechts nur eine Weile decken; endlich müssen sie ihre Bosheit verraten. Das trifft auch für unsere Zeit zu. Wir wissen, wie hochmütig die Papisten auf ihrem Grundsatz pochen, man müsse einem rechtmäßigen Konzil sich unterwerfen, weil es die offizielle Vertretung der Kirche ist. Als rechtmäßig geben sie aber ein solches aus, bei welchem nichts an der äußeren Form fehlt. Dies traf freilich auf das Konzil zu, von welchem Lukas hier berichtet; und doch wissen wir, dass es zusammentrat, um Christi Namen auszulöschen. Es genügt aber nicht, dass die Inhaber des Kirchenregiments sich versammeln, wenn dies nicht in Christi Namen geschieht.
V. 26. Und holeten sie nicht mit Gewalt. Man vermied die Gewalt, damit nicht ein Aufruhr entstünde. So scheut man sich nicht vor Gott, fürchtet sich aber vor Menschen. Die Apostel bewahren dabei die rechte Bescheidenheit; obwohl sie von einer großen Menschenmenge umgeben sind, lassen sie sich von den Dienern abführen, um nicht zu Urhebern eines Tumults zu werden.

27 Und als sie sie brachten, stelleten sie sie vor den Rat. Und der Hohepriester fragte sie 28 und sprach: Haben wir euch nicht mit Ernst geboten, dass ihr nicht solltet lehren in diesem Namen? Und sehet, ihr habt Jerusalem erfüllet mit eurer Lehre und wollt dieses Menschen Blut über uns führen.

V. 27. Ein doppeltes Verbrechen wirft der Hohepriester den Aposteln vor. Weil sie dem Beschluss des Hohenrats sich nicht gefügt hatten, zeiht er sie des Ungehorsams und der Auflehnung. Im andern Satz verrät er ein böses Gewissen oder lässt wenigstens merken, dass er mehr seine persönliche Sache als eine öffentliche Angelegenheit führt. Denn er beklagt sich darüber, dass die Apostel in gehässiger Weise die Schuld an Christi Tod den Priestern und Schriftgelehrten zuschieben wollten. Das ist´s also, was jene Leute innerlich peinigt, dass sie Rache und Strafe für den gottlosen Mord fürchten. Zuerst freilich schiebt der Hohepriester die Lehre in den Vordergrund. Zuletzt aber kann man merken, dass ihm an der Lehre so viel nicht liegt. Inzwischen klagt er die Apostel des Aufruhrs an. Wer dem obersten Priester nicht gehorchte, beging ein todeswürdiges Verbrechen; wie viel mehr also, wer die ganze Priesterschaft verachtete! Der Hohepriester vergisst aber, daran zu denken, was die Priesterschaft ihrerseits Gott und der Gemeinde leisten musste. Er missbraucht seine Gewalt zur Tyrannei, als wäre sie über jedes Gesetz erhaben. Ebenso macht es heute mit uns der Papst. An dem Hohenpriester aber kann man sehen, wie hochfahrend und überfrech solche geistlichen Tyrannen sich gebärden, welche eine Herrschaft für sich beanspruchen, die dem Worte Gottes nicht untertan sein soll. Wir haben euch mit Ernst geboten, sagen sie. So hart und streng können sie nur reden, weil sie sich einbilden, dass man unterschiedslos alles annehmen müsse, was sie befehlen.

29 Petrus aber antwortete und die Apostel und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen. 30 Der Gott unserer Väter hat Jesum erweckt, welchen ihr erwürget habt und an das Holz gehänget. 31 Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöhet zu einem Fürsten und Heiland, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden. 32 Und wir sind seine Zeugen über diese Worte, und der heilige Geist, welchen Gott gegeben hat denen, die ihm gehorchen. 33 Da sie das höreten, ergrimmeten sie, und dachten sie zu töten.

V. 29. Der wesentliche Inhalt der Verteidigungsrede ist der: man darf, ja man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen. Gott heißt uns für Christus zeugen, darum ist es vergeblich, dass ihr uns Stillschweigen gebietet. Wann übrigens dieser Grundsatz Platz greift, habe ich früher auseinandergesetzt (zu 4, 19). Wenn Gott Menschen mit Oberherrschaft über uns bekleidet, so soll doch sein eignes Recht unangetastet bleiben. Nur soweit also haben wir Rücksicht auf die Vorgesetzten zu nehmen, als Gottes Oberherrschaft dadurch nicht verletzt wird. Wo ein richtiger Gebrauch der Macht waltet, wäre es unzeitig, Gott und Menschen widereinander zu stellen. Wenn ein treuer Hirt auf Grund des göttlichen Worts gebietet und verbietet, werden widerspenstige Menschen vergeblich erwidern, dass man Gott gehorchen müsse. Denn Gott will sich durch Menschen hören lassen. Ja, der Mensch ist nichts anderes als Gottes Werkzeug. Wenn eine Obrigkeit in rechter Weise ihres Amtes waltet, so ist es verkehrt, sie in das Licht zu setzen, als stritte sie mit Gott, von dessen Bahn sie doch nicht abweicht. Vielmehr gilt in solchem Fall die andere Regel: wer Gott gehorchen will, muss seinen Dienern folgen. Dasselbe ist über das Verhältnis zu Eltern und Herren zu sagen. Sobald aber Vorgesetzte uns vom Gehorsam gegen Gott abbringen, begehen sie frechen Raub am Heiligtum und beginnen Krieg mit Gott; so muss man sie in Schranken halten, damit Gott mit seiner Autorität allein groß sei. Dann verschwindet aller Dunst der Ehre. Menschen, die seinen Ruhm verdunkeln, würdigt Gott keines Ehrentitels. Wenn also ein Vater sich mit seiner Stellung nicht begnügt und Gott, dem obersten Vater, die Ehre zu entreißen trachtet, hat er nicht mehr zu gelten als sonst ein Mensch. Wenn ein König, ein Fürst oder eine obrigkeitliche Person sich derartig überhebt, dass er Gottes Ehre und Recht mindert, so ist er nur ein Mensch. Ebenso muss man über die Pastoren denken. Wer über sein Amt hinausgreift dadurch, dass er sich wider Gott setzt, soll seines Ehrentitels entkleidet werden, damit er nicht unter dieser Maske Täuschung anrichte. Herrlich ist das Amt eines Hirten, groß die Würde der Kirche, aber der Herrschaft Gottes und dem Lehramt Christi darf kein Abbruch geschehen.
V. 30. Der Gott unserer Väter hat Jesum erweckt. Jetzt beweisen die Apostel, dass die Gottesfurcht sie treibt, sich wider das Gebot der Priester aufzulehnen, weil Gott sie eben das zu tun heißt, was jene verbieten. Dass Christus von Gott „erweckt“ sei, ist nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch der Schrift geredet. Wird doch oft gesagt, dass Gott Propheten, Richter oder andere Knechte erweckt habe, deren er sich zu irgendeinem großen Werk bedienen will. Dies will besagen, dass die trefflichsten Naturgaben zu schwach sein würden, wenn nicht Gott die Leute, denen er ein besonders hervorragendes Amt auflegt, mit besonderen Gaben ausrüstete. Möglicherweise liegt hier eine Anspielung an jene berühmte Aussage Moses vor (5. Mos. 18, 15), die Petrus in seiner früheren Rede (3, 22) zitierte. Ausdrücklich berufen sich die Apostel auf den Gott der Väter, um zu bezeugen, dass sie nicht eine neue Religion einführen oder dem Volk einen neu gebackenen Gott aufdrängen. Sie mussten sich gegen den Verdacht wehren, der, wie sie wohl wussten, auf ihnen lastete, als wollten sie das Volk von Gesetz und Propheten abführen. Gewiss billigen sie nicht jede von den Vorfahren angenommene Gottesverehrung, wie unheilige Menschen sich mit dem einen Beweisgrund zufrieden geben, dass die Väter so gelehrt haben und sie lediglich in deren Sitten und Einrichtungen verharren. Vielmehr denken die Apostel an die Väter, mit denen Gott seinen Bund geschlossen hatte, die sich an die rechte und reine Lehre gehalten und die Heilsverheißung mit wahrem Glauben ergriffen hatten, kurz, die aus dem himmlischen Vater geboren waren und durch seinen heiligen Geist mit allen ihren Nachkommen in der Gotteskindschaft standen.
Welchen ihr erwürget habt. Mit diesem Satzglied erklären die Apostel die Obersten der Gemeinde, die als solche die höchste Ehre beanspruchten, für offenbare Feinde Gottes. Daraus folgt, dass sie unwürdig sind, irgendwelche Autorität zu besitzen. Zugleich aber ist dieser Satz mit seinem Zugeständnis ein Zeichen des Vertrauens: mögen jene für eine Schande halten, was die Apostel aus freien Stücken ungescheut verkündigen; dass Christus den schmachvollen Tod am Kreuz erlitt, darf doch nicht den Schein erwecken, als wäre dadurch sein Ruhm geschmälert worden. Die Apostel wollen etwa sagen: Ihr zwar habt ihn getötet, und eure Grausamkeit gab sich nicht mit einem gewöhnlichen Tod zufrieden. Er ward ans Holz gehängt. Aber weder der Tod konnte seine Kraft ersticken, noch die Schande, die ihr ihm aufbranntet, seine Ehre tilgen. Gottes Berufung bleibt fest und gültig.
V. 31. Den hat Gott erhöhet. Was also auch die Gottlosen in Bewegung setzten, konnte doch nicht verhindern, dass Christus das ihm vom Vater auferlegte Werk durchführte. Gottes rechte Hand ist seine Kraft, die Christus, der durch Menschenhand getötet war, erhöhte und zum Herrn über Engel und Menschen setzte. Diese Erfahrung setzten die Apostel allen Machenschaften des Satans und der Welt entgegen. Dieselben werden nichts ausrichten, weil sie nicht so hoch emporsteigen können, dass sie Gottes Hand hinderten, die bereits mächtig am eingeborenen Sohne wirkte und nicht ablassen wird zu wirken. Es wird auch der Zweck angegeben: Christus soll ein Fürst und Heiland werden. Diese Ausdrücke bezeugen, dass in Christus erfüllt ward, was Gott dem Volk bezüglich eines Führers und Königs verheißen hatte, und das zweite Wort drückt am deutlichsten sein Amt aus.
Zu geben Israel usw. Jetzt wird die Weise beschrieben, in welcher Christus zum Heil des Volks regiert; er führt nämlich die Seinen zur Buße und versöhnt sie durch Vergebung der Sünden mit Gott. In diesen beiden Stücken ist bekanntlich die ganze Lehre des Evangeliums begriffen. So führen die Apostel hier nicht nur die Verteidigung ihrer Sache, sondern predigen auch klar über Christi Amt, um womöglich auch einige von den heftigen Feinden für die Frömmigkeit zu gewinnen. Die Buße ist, wie wir früher erläuterten, die innere Hinwendung des Menschen zu Gott, die sich darnach in äußeren Werken erweist. Denn wenn Christus uns durch den Geist der Wiedergeburt innerlich umwandelt, so soll alsbald der Erneuerung des Sinnes und Herzens ein neues Leben folgen. Gehört es nun zu Christi Amt, uns Buße zu geben, so folgt, dass sie ein für menschliche Fähigkeit unerreichbares Ding ist. Und da sie eine wunderbare Umwandlung ist, die uns zu neuen Kreaturen macht, das Bild Gottes in uns wiederherstellt, uns aus der Knechtschaft der Sünde zum Gehorsam gegen die Gerechtigkeit überleitet, so können sicherlich die Menschen so wenig sich selbst bekehren wie sich selbst erschaffen. Freilich ist die Buße eine freiwillige Hinwendung, aber woher anders kommt dieser Wille als daher, dass Gott unser Herz ändert, aus einem steinernen zu einem fleischernen, aus einem harten und widerspenstigen zu einem biegsamen, kurz, aus einem verkehrten zu einem richtigen Herzen macht? Das aber geschieht, wenn Christus uns durch seinen Geist neu gebiert. Und es ist dies nicht die Gabe eines Augenblicks, sondern es muss ein tägliches Wachstum im ganzen Leben stattfinden, bis wir völlig an Gott hängen, was erst geschehen wird, wenn wir unser Fleisch ausziehen. Gewiss ist es der Anfang der Buße, dass ein bisher von der Welt abgekehrter Mensch sich und der Welt absagt und ein neues Leben anhebt. Weil wir aber beim ersten Betreten des Weges noch weit vom Ziel entfernt sind, so bedarf es unablässigen Fortschritts. Beides erlangen wir durch Christi Wohltat; wie er die Buße in uns anhebt, so schenkt er uns die Beharrung. Und doch würde diese unschätzbare Gnadengabe uns wenig nützen, wenn sich mit ihr nicht die Vergebung der Sünden verbände. Denn zuerst findet uns Christus als Feinde Gottes, und noch immer hängen uns Fehler an, die uns von ihm scheiden, so dass er ein gutes Recht hätte, sich mehr feindlich als wohl geneigt zu uns zu stellen. Darin aber besteht die Gerechtigkeit, dass Gott uns die Sünden nicht anrechnet. Also darf man diese andere Gnadengabe niemals von der ersten trennen. Vielmehr wird das Evangelium verstümmelt und verderbt sein, wenn es nicht aus diesen beiden Stücken besteht; die Menschen müssen belehrt werden, dass sie durch unverdiente Anrechnung der Gerechtigkeit mit Gott durch Christus versöhnt werden, und dass der Geist der Wiedergeburt sie zu einem neuen Leben umgestaltet. Damit ist uns in Kürze gesagt, auf welche Weise man in Christus das Heil gewinnen muss.
V. 32. Und wir sind seine Zeugen. Nachdem die Apostel versichert haben, dass ihre Lehre von Gott stammt, wenden sie sich, damit sie nicht eigenmächtig etwas anzugreifen scheinen, zu der weiteren Aussage, dass sie auch lediglich auf Gottes Befehl reden. Das ist eine unerlässliche Verteidigung; alle Diener des Evangeliums müssen bezeugen, dass sie lediglich vortragen, was sie von Gott empfingen; zum andern dass sie dazu auch berufen wurden, so dass sie dem Zwang, zu lehren, sich nicht entziehen können, wollen sie sich nicht wider Gott auflehnen. Als „Worte“ bezeichnet Lukas hier nach hebräischem Sprachgebrauch die betreffenden Dinge. Doch habe ich auch nichts dagegen zu erinnern, wenn jemand an Worte im eigentlichen Sinne denken will.
Und der heilige Geist. Jetzt bekräftigen die Apostel ihre Berufung mit dem Erfolg. Denn es war gleichsam ein Siegel, das zur Bestätigung ihrer Lehre diente, wenn Gott die Gläubigen mit dem heiligen Geist beschenkte. So konnte man sehen, dass ihm der Glaube an das Evangelium erwünscht und angenehm war. Dass Gott den Geist denen gab, die ihm gehorchen, beziehe ich auf Christus, so dass etwa gesagt wird: an denen, die an Christus glauben, sieht man, wie reich Gott ihren Gehorsam lohnt. Denn Gott will, dass wir Christus gehorchen. Darum ist ihm unser Dienst in diesem Stück auch wohlgefällig. Fragen könnte man aber, inwiefern hier gesagt werden kann, dass der Geist nach dem Glauben gegeben wird, da wir doch den Glauben erst durch Offenbarung des Geistes besitzen. Es ist hier aber von den Gaben der Sprachen, der Weissagung, der Auslegung, der Heilung und ähnlichen Dingen die Rede, mit denen Gott damals seine Gemeinde zierte. In diesem Sinne fragt auch Paulus die Galater (3, 2), ob sie den Geist durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben empfangen hätten. So geht die Erleuchtung durch den Geist dem Glauben, welchen sie hervorruft, voran; darnach aber folgen andere Gnadengaben zu weiterem Fortschritt, nach dem Grundsatz: wer da hat, dem wird gegeben. Auch wir wollen den Schoß des Glaubens dem Herrn öffnen, wenn anders wir wünschen, dass uns der Reichtum neuer Geistesgaben geschenkt werde. Aber unser Unglaube empfängt heute einen ganz anderen Lohn, weil nur zu viele vom Geist Gottes verlassen sind und darum nichts schmecken und sehen.
V. 33. Ergrimmeten sie. Die Priester hätten sich getroffen fühlen sollen, selbst wenn ihr Herz von Stein gewesen wäre; aber sie brechen in Zorn aus. Wir sehen daraus, dass bei den Verworfenen keine Gründe etwas ausrichten, um sie zum Gehorsam gegen Gott zu beugen. Denn wenn Gott nicht im Inneren redet, kann die äußere Belehrung nur das Ohr treffen. Die Apostel konnten bewirken, dass die Feinde überwunden wurden und still schwiegen; aber ihr Trotz war so wenig gebändigt oder gebessert, dass sie nur noch wütender wurden. Zugleich aber ist die Wirksamkeit des Wortes bemerkenswert; wenn es auch die Verworfenen nicht zum Besseren verändert, so dringt es doch in ihre Herzen und quält ihr Gewissen. Daher eben kommt ja die Wut, dass sie sich von ihrem Richter bedrängt fühlen. Gern würden sie des ganzen Evangeliums spotten, wie sie denn alles daransetzen, es für ein Nichts halten zu können. Doch es ist in ihm eine Majestät verborgen, welche dies ihr Vergnügen gewaltsam zerstört. Dann aber tritt die Wut namentlich in Erscheinung, wenn sie durch den Klang der Posaune vor Gottes Richterstuhl gerufen werden.

34 Da stand aber auf im Rat ein Pharisäer mit Namen Gamaliel, ein Schriftgelehrter, in Ehren gehalten vor allem Volk, und hieß die Apostel ein wenig hinaus tun, 35 und sprach zu ihnen: Ihr Männer von Israel, nehmet euer selbst wahr an diesen Menschen, was ihr tun sollet. 36 Vor diesen Tagen stand auf Theudas, und gab vor, er wäre etwas, und hingen ihm an eine Zahl Männer, bei vierhundert; der ist erschlagen, und alle, die ihm zufielen, sind zerstreuet und zunicht worden. 37 Darnach stand auf Judas aus Galiläa in den Tagen der Schätzung, und machte viel Volks abfällig ihm nach; und der ist auch umgekommen, und alle, die ihm zufielen, sind zerstreuet. 38 Und nun sage ich euch: Lasset ab von diesen Menschen, und lasset sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird´s untergehen; 39 ist´s aber aus Gott, so könnet ihr´s nicht dämpfen; auf dass ihr nicht erfunden werdet, als die wider Gott streiten wollen.

V. 34. Nunmehr erzählt Lukas, wie der Herr die Wut jener gottlosen Leute zersplitterte. Sie waren willens, die Apostel zu töten; da tritt Gamaliel ins Mittel, jenen unsinnigen Rat aufzuhalten. Die Angabe genauerer Umstände soll zeigen, wie ein einziger Mann so Großes gegen die Menge vermochte. Lukas bezeichnet ihn als einen Pharisäer, deren Partei bekanntlich in besonderer Achtung stand. Weiter heißt es, dass er in Ehren gehalten war vor allem Volk; jene aber fürchteten das Volk. So kommt es, dass sie gegen seine Stimme weniger zu unternehmen wagen. So schreckt Gott meistens plötzlich und unerwartet seine feinde und hemmt ihre Wut. Übrigens heißt Gamaliel die Apostel abtreten, damit sie nicht etwa durch seine Worte neue Kühnheit gewinnen. Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass er seine Rede deshalb hielt, weil er der Lehre des Evangeliums zustimmte oder sie schützen wollte; sondern da er alle anderen in Wut entbrannt sah, wollte er als ein menschlich gesinnter und besonnener Mann durch eine Zwischenrede einen gemäßigten Ausgang herbeiführen. Übrigens ist sein Spruch, wenn man alles recht erwägt, eines klugen Mannes nicht würdig. Freilich weiß ich, dass viele ihn für ein Orakel halten. Wie verkehrt sie aber urteilen, geht zur Genüge schon daraus hervor, dass man nach diesem Rat jeglicher Strafe sich enthalten müsste, dass man keine Missetat weiter in Schranken halten, ja überhaupt kein Hilfsmittel für sein Leben gebrauchen dürfte, welches auch nur einen Augenblick zu verlängern ja nicht in unserer Gewalt steht. Gewiss ist beides richtig, dass keine menschliche Anstrengung vernichten kann, was aus Gott stammt, und dass keine Sache bloß menschlichen Ursprungs so fest ist, dass sie bestehen könnte. Daraus aber zu schließen, dass man alles gehen lassen müsse, ist verkehrt. Vielmehr sollen wir darauf achten, was Gott uns aufträgt; er will aber Missetaten durch unseren Dienst in Schranken halten. Zu diesem Zweck hat er Obrigkeiten eingesetzt und mit dem Schwert gerüstet. Zu diesem Zweck hat er Älteste an die Spitze seiner Gemeinde gestellt, damit sie freche Leute zur Ordnung zwingen und nicht die Sünde zügellos und ungestraft sich ausbreiten lassen. Es ist also ein verkehrter Schluss, dass wir die Hände in den Schoß legen müssten, weil Gottes Kraft allein zureicht, Übel zu beseitigen. Allen in allem folgert Gamaliel aus richtigen Grundsätzen etwas Verkehrtes. Denn was allein eine Stütze des Glaubens sein soll, gebraucht er fälschlich für die Frage nach unserer äußeren Pflicht und nach dem Grund unseres Handelns. Unsere Schlussfolgerung gehe vielmehr den entgegen gesetzten Weg: was aus Gott ist, muss bestehen bleiben wider den Willen der ganzen Welt. Also muss der Glaube gegen jegliche Anstürme Satans und der Menschen standhalten; denn er stützt sich auf Gottes ewige Wahrheit; selbst wenn der Himmel einstürzt, ist unser Heil gesichert, da ja Gott es schafft und hütet. Andererseits: wie heftig die Gottlosen auch überbrodeln, wie wütend sie auch Christus und seine Kirche bekämpfen, sie werden doch nicht die Oberhand gewinnen, weil es Gottes Sache ist, den Rat der Menschen zu zersplittern, und weil er auf diese Weise sich an ihrem frechen Gebaren rächt.
V. 36. Vor diesen Tagen stand auf Theudas usw. Wenn man den jüdischen Schriftsteller Josephus (Altertümer 20, 5; 18, 1) für glaubwürdig hält, muss man urteilen, dass Gamaliel hier die historische Reihenfolge umgekehrt hat. Denn jener erzählt, dass der Gaulaniter Judas aus der Stadt Gamala unter dem Landpfleger Cyrenius (Lk. 2, 2) mit seinen Anhängern einen Aufruhr erregt habe, um die Schätzung zu verhindern. Theudas habe sich unter dem Landpfleger Cuspius Fadus für einen Propheten Gottes ausgegeben. Fadus aber wurde von dem Kaiser Claudius (41 – 54 n. Chr.) nach Judäa geschickt, und zwar nicht vor dem zweiten oder dritten Jahre seiner Regierung. Wenn aber Lukas sagt (V. 37): darnach stand auf Judas, so will er nicht eine Zeitfolge angeben, sondern er meint nur, dass derselbe außerdem aufgestanden sei. Übrigens passen nicht einmal die Beispiele, mit welchen Gamaliel seinen Ratschlag stützt, hinreichend für den vorliegenden Fall. Denn weil man dem Judas nicht sofort entgegen trat, führte der von ihm erregte Aufstand zu vielen Niederlagen, und erst nach langer Zeit wurde er mit Waffengewalt gebändigt. Auch Theudas würde viel größeren Schaden angerichtet haben, hätte ihn nicht der Eifer des Cuspius Fadus rechtzeitig niedergeschlagen. Gamaliel sieht aber nur darauf, dass Menschen, die mit Vorwitz auftreten, einen unglücklichen Ausgang erleben, und dass Gottes Rache einen solchen herbeiführt. Weil übrigens die Priester den Herrn, der sie in rechter Weise mahnte, zu hören verschmähen, so sind sie es wert, dass ein Mann, der in törichter Weise nach allen Seiten schwankt, durch oberflächliche Gründe sie erlahmen lässt. Des Weiteren ergibt die Zeitrechnung, dass seit dem Tode Christi wenigstens 12 Jahre verflossen waren, als die Apostel gestäupt wurden. Umso anerkennenswerter war die Standhaftigkeit der Apostel, die nach ihren langwierigen Mühen so unwürdigen Lohn davontragen, sich dadurch aber nicht brechen lassen, noch von ihrem Wege abstehen.
Er wäre etwas. Manche Handschriften fügen ohne Veränderung des Sinnes noch hinzu: „Großes“. Er gab sich nämlich für einen Propheten aus, der imstande sei, den Jordan auszutrocknen, um den Seinen einen Durchgang zu schaffen. Dabei sehen wir, wie weit Gamaliel von rechter Erkenntnis entfernt ist. Er vergleicht Christi heilige Diener mit Betrügern und Räubern, wenn er auch nachher zu milderen Worten einlenkt und es ungewiss lässt, ob sie unter Gottes Führung diese Sache angefangen haben. Doch redet er zweifelhaft, weil er lediglich einer genaueren Untersuchung aus dem Wege gehen und Ruhe haben will. Zu billigen ist an seiner Rede nur, dass er die gottlosen Leute von gottloser Frechheit abhält, weil nichts schrecklicher ist, als Gottes Feind zu werden.

40 Da fielen sie ihm zu und riefen den Aposteln, stäupten sie und geboten ihnen, sie sollten nicht reden in dem Namen Jesu, und ließen sie gehen. 41 Sie gingen aber fröhlich von des Rats Angesichte, dass sie würdig gewesen waren, um seines Namens willen Schmach zu leiden; 42 und höreten nicht auf, alle Tage im Tempel und hin und her in Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesu Christo.

V. 40. Stäupten sie und geboten ihnen usw. Man nimmt Gamaliels Rat an, stäupt aber die Apostel und verbietet ihnen, zu lehren. Daraus können wir schließen, wie groß die Wut der Feinde war, da dies maßlose Verfahren noch Platz greift, nachdem sie schon gestillt oder wenigstens gemildert sind. Zugleich lässt sich ersehen, wie unglücklich in der Regel solche Ratschläge der mittleren Linie auslaufen, bei denen man Gottes Wahrheit hintansetzt und nur auf Menschen Rücksicht nimmt. Gamaliel erreicht zwar, dass man des Lebens der Apostel schont; dabei wird aber dem Sohn Gottes in ihrer Person eine Schmach angetan. In ewigem Schweigen wird die Wahrheit des Evangeliums begraben, wenigstens soweit dies an den Feinden liegt. Gott freilich gibt auf diese Weise seinem Wort eine wunderbare Ausbreitung; aber jener Plan bleibt darum doch sündhaft. Dies wollen wir darum anmerken, weil heute nicht wenige dem Herrn schon einen erheblichen Gehorsam zu leisten glauben, wenn sie nur das Leben derer, die um des Evangeliums willen Gefahr leiden, schonen und sonst blutdürstige Feinde zu milderem Verfahren umstimmen; dabei scheuen sie sich aber nicht, sie zu verbrecherischer Abschwörung Christi zu drängen, welchen zu bekennen doch vor Gott viel mehr wert ist als aller Menschen Leben.
V. 41. Sie gingen aber fröhlich usw. Gewiss sind die Apostel nicht so stumpf gewesen, dass sie die Schmach und den Schmerz, den man ihnen antat, nicht empfunden hätten, hatten sie doch die Natur nicht gänzlich ausgezogen. Wenn sie aber den Anlass bedachten, überwog die Freude. Diese Doppelstimmung muss überhaupt bei den Gläubigen vorhanden sein, so oft sie für das Evangelium Verfolgung leiden; es sticht sie zwar das bittere Leid, aber in geistlicher Freude überwinden sie diese Traurigkeit. Sie alsbald ihren Weg rückwärts lenken müssen, hätte ihnen diese Freude nicht neue Frische und Kraft gegeben. Ohne Zweifel hat Petrus auch seinen Tod als süß und lieblich empfunden, von dem ihm doch der Herr bezeugt hatte, dass er ihm bitter sein werde (Joh. 21, 18). Wir wollen also lernen, mit Schmerz und Angst derartig zu ringen, dass wir fröhlich neuem Kreuz entgegengehen und das uns schon auferlegte tragen können.
Dass sie würdig gewesen waren usw. Auf den ersten Blick erscheint es ungereimt, dass die Schmach Würde und Ehre sein soll. Aber dies ergibt sich aus dem Widerstreit zwischen der Welt und Gott, dass vor Gott und seinen Engeln große Würde und hervorragender Ruhm ist, was vor Menschen als äußerst schimpflich gilt. Bekanntlich war die Todesart, die Christus leiden musste, vor anderen schmachvoll; und doch hat er am Kreuz den edelsten Triumph gewonnen. Tragen wir also sein Bild, so können wir es mit Recht als hohe Auszeichnung rühmen, dass wir vor der Welt voller Schmach sind. So rühmt sich Paulus der Malzeichen Christi (Gal. 6, 17). Freilich dürfen wir uns nicht wundern, dass so wenige tapfer und wacker sind, das Kreuz zu tragen, weil fast alle durch den Sinn des Fleisches sich erdrücken lassen. Den einzigen Trost aber, dass Christi Schmach besser ist als alle weltlichen Triumphe, fasst unter hundert kaum einer. Darum sollen wir umso eifriger in die Betrachtung der Wahrheit uns versenken, dass wir heute den Leiden Christi gleich gestaltet werden, damit wir dereinst Teil und Gemeinschaft an seiner Herrlichkeit gewinnen.
V. 42. Und höreten nicht auf usw. Zur Freude gesellt sich die Standhaftigkeit. Dass die Verfolgung uns bricht und entmutigt, kommt doch nur daher, dass man sich nicht zu Christus erhebt, wodurch die Seele die Frucht des Sieges voraus genießen und sich zu geduldigem Tragen anleiten würde. Wer sich aber glücklich schätzt, wenn er für Christus leidet, wird nie müde werden, ob er auch noch so harte Kämpfe zu bestehen hat. So wurden die Apostel durch die Schläge gleichsam gewappnet, so dass sie nun furchtlos dem Tode entgegeneilten. Wehe also unserer Weichlichkeit, wenn wir nach dem Überstehen einer auch nur ganz geringen Verfolgung sofort die Fackel anderen übergeben, als wären wir schon ausgediente Soldaten!

Kapitel 6.

1 In den Tagen aber, da der Jünger viel wurden, erhob sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Ebräer, darum, dass ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen Handreichung. 2 Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es taugt nicht, dass wir das Wort Gottes unterlassen und zu Tische dienen. 3 Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiliges Geistes und Weisheit sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. 4 Wir aber wollen anhalten am Gebet und am Amt des Worts. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge wohl, und erwähleten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiliges Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen von Antiochien. 6 Diese stelleten sie vor die Apostel und beteten und legten die Hände auf sie.

V. 1. Hier berichtet Lukas, bei welcher Gelegenheit, mit welcher Absicht und in welcher Form zuerst Diakonen oder Armenpfleger gewählt wurden. Es sollte diese Einrichtung ein unter den Jüngern entstandenes Murren stillen, wie das gemeine Sprichwort sagt, dass aus bösen Sitten gute Gesetze entstanden seien. Man könnte sich aber wundern, dass eine so nützliche Einrichtung erst so spät und unter dem Zwang der Verhältnisse geschaffen wurde. Aber auf diese Weise geht alles leichter vor sich, und es wird uns ein besonders nützliches Beispiel gegeben. Die Gläubigen mussten sich durch die Erfahrung überzeugen lassen, dass sie freiwillig ihre Mittel in die Hände andrer legten und Armenpfleger wählten, die sie ja, wie sie selbst sahen, und wie es durch ihre eigene Schuld veranlasst war, nicht entbehren konnten. Wir aber lernen aus dieser Geschichte, dass der Zustand der Gemeinde nicht gleich im ersten Anfang vollkommen und keiner Besserung bedürftig sein kann; ein so ungeheures Gebäude lässt sich nicht an einem Tage fertig stellen, so dass nichts mehr zur Vervollkommnung hinzugefügt werden könnte. Es war eine wahrhaft göttliche Ordnung, von welcher Lukas früher berichtete, dass aller Vermögen dem Herrn geweiht und zu gemeinem Gebrauch ausgeteilt ward, wobei die Apostel als Haushalter Gottes und der Armen der Almosenpflege vorstanden. Kurz darauf aber erhebt sich ein Murren, das jenes Verfahren in Verwirrung bringt. Aber die Apostel haben uns durch ihr Beispiel gelehrt, dass man derartigen Machenschaften des Satans durchaus nicht weichen müsse. Sie fühlen sich nicht durch das Murren beleidigt, so dass sie nun etwa einen Dienst, den sie als Gott wohlgefällig erkannten, abschafften, sondern erdenken vielmehr ein Heilmittel, durch welches der Anstoß gehoben wird und doch Gottes Ordnung bestehen bleibt.
Da der Jünger viel wurden. Nichts ist wünschenswerter, als dass Gott seine Gemeinde mehre und von allen Seiten so viele Glieder wie möglich seinem Volke zuführe; aber unser verderbter Geist verschuldet es, dass das Wachstum der Gemeinde auch viele Missstände hervorruft. In eine große Schar werden sich unvermeidlich viele Heuchler einschleichen, deren Schlechtigkeit erst entdeckt wird, wenn sie schon einen Teil der Herde angesteckt haben. Auch viele unfromme, freche und zügellose Leute schließen sich unter dem Schein bußfertiger Umkehr an. Und, um von vielem andern zu schweigen, in einer großen Menge wird nicht leicht völlige Übereinstimmung herrschen, sondern es werden sich nach Verschiedenheit der Sitten verschiedene Strebungen herausbilden. Um dieses Anstoßes willen wünscht mancher die Gemeinde nur als eine kleine Schar zu sehen und verabscheut oder hasst gar die Menge. Aber keine Beschwerde noch Überdruss soll uns hindern, dass uns stets die Mehrung der Gemeinde und ihre Ausbreitung am Herzen liege, und dass wir, soviel an uns ist, die Einheit mit dem Gesamtkörper pflegen.
Ein Murmeln unter den Griechen wider die Ebräer. Hier sieht man, dass die Leute, denen ein Unterschied des Stammes und Vaterlandes Anlass zum Zwiespalt wird, nicht völlig durch Gottes Geist wiedergeboren waren. Denn in Christus ist weder Jude noch Grieche (Gal. 3, 28): darum schmeckt jene Eifersucht nach Fleisch und Welt. Der weitere Fehler schließt sich an, dass man seine Unzufriedenheit durch Murren kundtut. Übrigens ist ungewiss, ob die Klage berechtigt war. Denn wenn Lukas berichtet, dass die Griechen murrten, darum, dass ihre Witwen übersehen wurden, so gibt er nicht an, was wirklich geschah, sondern nur, was sie meinten.
V. 2. Da riefen die Zwölfe die Menge zusammen. Dass die Apostel sich nicht weiter entrüsteten, ist ein Zeichen von Geduld und Billigkeit; dass sie dem aufwachsenden Übel rechtzeitig begegnen und die Heilung nicht aufschieben, ein Beweis von Klugheit und frommer Fürsorge. Denn wenn Zwiespalt und Streit erst stark werden, lässt sich die Wunde schwer heilen. Die Zusammenrufung der Jünger zeigt, dass die Gemeinde mit Ordnung und Vernunft geleitet wurde: die Apostel besaßen die Autorität, teilten aber dem Volk ihre Ratschläge mit. Bemerkenswert ist auch, dass die Gläubigen als Jünger bezeichnet werden. Muss sich doch an ihnen das Wort des Jesaja erfüllen (54, 13): „Sie werden alle vom Herrn gelehrt sein“ – und die Weissagung des Jeremia (31, 34), dass beide, klein und groß, den Herrn kennen werden.
Es taugt nicht usw. Obgleich das griechische Wort etwa auch besagen könnte: „es beliebt uns nicht,“ ziehe ich doch die gegebene Übersetzung vor. Denn ich glaube, dass die Apostel nicht einfach von ihrem Beschluss reden, sondern angeben wollen, was nützlich ist. Taugt es aber nicht, dass sie mit der Sorge für die Armen sich befassen, so scheinen sie etwas von Schuld darin zu erkennen, dass sie bis jetzt diesen Dienst geleistet haben. Und sicherlich ist das Sprichwort wahr, dass die Übung die Mutter der Klugheit ist. So hat es nichts Anstößiges, wenn die Apostel die Gemeinde um Befreiung von einem Amt ersuchen, von dem sie erfahren haben, dass es für sie nicht passt. War ja etwas von Schuld dabei, so muss man dieselbe mehr den Verhältnissen als ihnen zumessen. Sie haben ja auch nicht begierig die Last an sich gerissen, sondern da man ein anderes Verfahren noch nicht kannte, wollten sie lieber sich über die Maßen beschweren, als die Armen vernachlässigen. Jetzt wälzen sie also ein Amt ab, welches sie an der freien und gründlichen Besorgung der Lehre hindert. Übrigens glaube ich nicht, dass sie die Sorge für die Armen völlig abschüttelten, sondern dass sie nur eine Erleichterung suchten, um sich ihrem eigentlichen Amt widmen zu können. Dabei wird ersichtlich, wie arbeitsreich der Dienst am Wort ist. Er nimmt den Menschen gänzlich gefangen und lässt ihm keine Muße für andere Geschäfte. Wenn man dies recht erwogen hätte, wäre in der Kirche vieles anders eingerichtet worden. Wie vollends will man sich entschuldigen, wenn man weltliche Beschäftigungen um persönlichen Vorteils willen auf sich nimmt, wobei das wichtigste Stück der Verehrung Gottes zurückstehen muss?
V. 3. Sehet unter euch nach Männern usw. Ein „Diakon“ ist seinem Namen nach überhaupt ein Diener, insbesondere aber ein Armenpfleger. Die Erwählung dieser Männer wird nun der Gemeinde überlassen. Denn es ist Tyrannei, wenn irgendein einzelner die Amtsträger nach seinem Belieben anstellt. Die rechte Ordnung ist die, dass man Leute, die ein öffentliches Amt in der Gemeinde übernehmen sollen, durch allgemeine Stimmenabgabe wähle. Die Apostel ordnen aber an, welcherlei Männer man wählen soll: die ein gut Gerücht haben und voll heiliges Geistes und Weisheit sind. So hält man die rechte Mitte zwischen Tyrannei und unordentlicher Freiheit; es geschieht nichts ohne Zustimmung und Genehmigung des Volks; die Hirten aber behalten die Zügel in der Hand, damit der Ansturm des Volks nicht sein Maß überschreite. Bemerkenswert ist dabei das Gesetz, welches den Gläubigen auferlegt wird, dass sie nur einen geeigneten Mann zum Amt bestellen sollen. Denn wir würden den Herrn beleidigen, wollten wir zufällig irgendwelche Leute nehmen, die sein Haus regieren sollen. Mit höchster Gewissenhaftigkeit ist darauf zu achten, dass nur erprobte Leute zum heiligen Dienst der Gemeinde berufen werden. Dass gerade sieben Männer aufgestellt werden, entspricht dem vorliegenden Bedürfnis; man soll dahinter nicht irgendein Geheimnis suchen. Dass diese Männer „voll heiliges Geistes und Weisheit“ sein sollten, verstehe ich dahin, dass von ihnen neben der Ausrüstung mit andern Geistsgaben insbesondre Klugheit gefordert wird, ohne welche sie jenes Amt nicht richtig führen können; sie sollen sich zu hüten wissen sowohl vor der Betrügerei jener Leute, die in starker Neigung zur Bettelhaftigkeit aussaugen, was bedürftigen Brüdern zukommen sollte, als auch vor der Lästerung solcher, die unablässig schmähen auch wo kein Anlass ist.
V. 4. Wir aber wollen anhalten usw. Damit bezeichnen die Apostel die mehr als reichlichen Geschäfte, in denen sie sich während des ganzen Lebens zu üben haben. Dass man an etwas anhält, besagt, dass man sich ganz und gar darein versenkt und sich davon in Anspruch nehmen lässt. Ein Pastor soll also nicht glauben, seiner Pflicht ledig zu sein, wenn er nur eine bestimmte Zeit des Tages der Lehre widmet. Wer sich mit Recht rühmen will, dass er an der Sache anhält, muss noch ganz andern Eifer, Glut und Beständigkeit aufwenden. Die Apostel fügen auch das Gebet hinzu, nicht als ob diese allen Gläubigen gemeinsame Übung ihnen allein zustände, sondern weil sie vor andern besondere Gründe haben zu beten. Soll schon ein jeder für das Heil der ganzen Gemeinde besorgt sein, so muss noch viel mehr der Pastor, dem diese Pflicht namentlich auferlegt ward, ängstlich für dasselbe sich mühen. So hat Mose zwar auch andere zum Gebet ermahnt, ging aber selbst als Bannerträger voran (2. Mos. 17, 11). Und nicht umsonst erinnert Paulus so oft an seine Gebete (Röm. 1, 10). Weiter sollen wir uns stets gegenwärtig halten, dass wir vergeblich pflügen, säen und begießen, wenn das Wachstum uns nicht vom Himmel geschenkt wird (1. Kor. 3, 7). Eifrige Bemühung im Lehren reicht also nicht aus; man muss auch den Herrn um seinen Segen bitten, dass die Arbeit nicht unfruchtbar und vergeblich sei.
V. 5. Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiliges Geistes. Diese Unterscheidung wird nicht etwa gemacht, als wäre der Glaube nicht eine Gabe des Geistes, sondern will besagen, dass Stephanus sich erstlich durch den Glauben auszeichnete, sodann auch durch andere Tugenden, wie Eifer, Klugheit, Geschicklichkeit, brüderliche Liebe, Sorgfalt und ein unantastbares, gutes Gewissen, so dass seine Erfüllung mit der Gnadengabe des Geistes über jeden Zweifel erhaben war. Die andern werden nicht gleicher weise gelobt, weil sie ohne Zweifel nicht auf derselben Höhe standen. Die Alten berichten sogar fast einstimmig, dass der eine der sieben Männer mit jenem Nikolaus identisch war, von dem Johannes in der Offenbarung (2, 15) als von dem Urheber einer schändlichen und verbrecherischen Sekte zu sagen weiß, der die Weibergemeinschaft empfahl. Wenn schon bei der äußersten Vorsicht sein heuchlerisches Wesen nicht bemerkt wurde, dürfen wir gewiss bei der Erwählung von Gemeindebeamten nicht leichtfertig verfahren. Wenn aber bei allem Eifer eine Täuschung unterläuft, darf uns dies nicht allzu sehr erschüttern, da ja nach dem Bericht des Lukas selbst die Apostel diesem Übel unterworfen waren. Freilich könnte jemand fragen: Was nützen also die Ermahnung und das Gebet, da ja der Ausgang zeigt, dass die Wahl nicht völlig vom Geist Gottes gelenkt wurde? Aber es war doch schon etwas Großes, dass der Geist bei der Wahl von sechs Männern das Urteil richtig leitete; dass er beim siebenten die Gemeinde in die Irre gehen ließ, hat nichts Anstößiges. Es ziemt sich, dass wir in mancherlei Weise gedemütigt werden. Vielleicht hat Nikolaus auch eine Zeitlang nützliche Dienste getan und ist erst später in jenen schrecklichen Irrtum gesunken. Je höher also jemand steht, mit desto größerer Bescheidenheit und Furcht soll er sich dem Herrn unterordnen.
V. 6. Und beteten und legten die Hände auf sie. Die Handauflegung war unter dem Gesetz ein feierliches Zeichen der Weihe. Zu diesem Zweck legen jetzt auch die Apostel den Diakonen die Hände auf, damit sie wissen, dass man sie dem Dienst des Herrn weiht. Weil dies aber an sich eine leere Zeremonie wäre, fügt man das Gebet hinzu, in welchem die Gläubigen diejenigen dem Herrn empfehlen, die sie in seinen Dienst stellen. Wir ziehen hier den Schluss, dass die Handauflegung, die bei den Aposteln im Gebrauch war, eine der Ordnung und Würde entsprechende Form ist, die doch in sich selbst nichts wirkt. Kraft und Erfolg hängen allein an Gottes Geist. Dies gilt ja überhaupt von allen Zeremonien.

7 Und das Wort Gottes nahm zu, und die Zahl der Jünger ward sehr groß zu Jerusalem. Es wurden auch viel Priester dem Glauben gehorsam. 8 Stephanus aber, voll Glaubens und Kräfte, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 9 Da standen etliche auf von der Schule, die da heißet der Libertiner und der Kyrener und der Alexanderer, und derer, die aus Cilicien und Asien waren, und befragten sich mit Stephanus. 10 Und sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste, aus welchem er redete.

V. 7. Noch einmal rühmt Lukas das Wachstum der Gemeinde, um durch den unablässigen Fortschritt Gottes Gnade und Kraft ins Licht zu setzen. Schon dies war ein herrliches Gotteswerk, dass die Kirche plötzlich und gleichsam in einem Augenblick errichtet wurde; aber nicht minder bewundernswert ist es, dass Gott sein angefangenes Werk unter so viel Hindernissen weiterführt und die Zahl der Leute mehrt, welche zu mindern, ja mit Stumpf und Stil auszurotten die ganze Welt sich die äußerste Mühe gibt. Wenn es heißt: das Wort Gottes nahm zu, so ist an seine Ausbreitung zu denken. Gottes Wort kann ja in einem doppelten Sinne zunehmen: einmal, wenn neue Jünger sich zum Gehorsam gegen dasselbe schicken, oder wenn jeder einzelne von uns in demselben Fortschritte macht. Hier spricht Lukas von der ersten Art des Wachstums, wie der sich anschließende Hinweis auf die Zahl der Jünger ersehen lässt. Es ist aber nur von der Zunahme in der einen Stadt Jerusalem die Rede; waren, wie wahrscheinlich, auch anderwärts zerstreute Jünger vorhanden, so gab es doch nur in Jerusalem eine organisierte Gemeinde.
Dass Leute dem Glauben gehorsam werden, ist eine etwas ungenaue Ausdrucksweise; denn unter dem Glauben ist eigentlich Gottes Wort und das christliche Bekenntnis zu verstehen. Insbesondre werden die Priester genannt, die sonst meist feindlich standen: ein umso bewundernswerteres Gotteswerk war die Bekehrung einiger, ja vieler Priester. Denn anfangs trotzten sie gegen Christus selbst mit der beleidigenden Rede (Joh. 7, 48 f.): „Glaubet auch irgendein Oberster an ihn? Sondern das Volk, das nichts vom Gesetz weiß, ist verflucht.“
V. 8. Stephanus aber usw. Hier berichtet Lukas von einem neuen Kampf der Gemeinde. Man sieht daraus, dass die Herrlichkeit des Evangeliums immer mit Kreuz und mannigfachen Belästigungen verbunden ist. Alles in allem ist die Meinung, dass der Angriff auf die Person des einen Mannes sich gegen die ganze Gemeinde richtete. Die Feinde gewannen dadurch nur noch größere Kühnheit, und nachdem sie einmal unschuldiges Blut vergossen, wüteten sie noch heftiger als gewöhnlich. Denn zuvor hatten sie sich mit Gefängnis und Rutenstreichen begnügt. Um auszudrücken, dass sowohl durch das Leben als durch das Sterben des Stephanus Christi Name verherrlicht ward, bezeichnet ihn Lukas von vornherein als einen Mann voll Glaubens und Kräfte. Er zeichnet sich also außer durch seinen Glauben auch durch Wunderkraft aus. Denn dass die „Kräfte“ eben dies bedeuten, ist mir gewiss. Beim Glauben sollen wir aber nicht nur an die Gabe der Einsicht, sondern auch an glühenden Eifer denken. Und da um dieser Vorzüge willen der Name des Stephanus berühmt war, geschah es, dass die Wut der Gottlosen sich gleichsam in einheitlichem Ansturm gegen ihn richtete. Denn in demselben Maße, wie die Kraft und Gnade des Geistes sich offenbart und auswirkt, pflegt auch die Wut Satans erregt zu werden.
V. 9. Da standen etliche auf usw. Die Verfolgung nahm damit ihren Anfang, dass gottlose Leute, nachdem sie sich vergeblich im Disputieren wider Christus setzten, zu Verleumdung und Volkserregung ihre Zuflucht nehmen und endlich zu Gewalttat und Mord vorwärts schreiten. Die Betreffenden waren Fremde, die sich um ihres Geschäfts oder ihres Studiums willen in Judäa aufhielten. Genannt werden Kyrener, ferner Leute aus Alexandria, Cilicien und der Provinz Asien. Sie alle gehörten der Schule der Libertiner (d. h. der Freigelassenen) an. Wahrscheinlich hatten freigelassene römische Bürger auf ihre Kosten sich eine Synagoge errichtet, die der besondere Versammlungsort der aus den Provinzen nach Jerusalem kommenden Juden wurde. Leute also, die Gottes Gnade dahin geführt hatte und die umso begieriger sich hätten Christus aneignen sollen, stehen in der ersten Reihe seiner Gegner und entflammen wie mit einem Trompetenstoß die Wut der andern. Später werden wir noch öfter davon hören, dass die Juden in den Provinzen der gesunden Lehre sonderlich feindlich waren und mit besonders giftigem Eifer Aufruhr erregten. Dass die Feinde (V. 10) der Weisheit und dem Geiste des Stephanus nicht widerstehen konnten, deutet nicht etwa auf zwei verschiedene Dinge. Man muss vielmehr die Worte so auflösen: sie vermochten nicht der Weisheit zu widerstehen, welche Gottes Geist ihm eingab. Damit will Lukas ausdrücken, dass man auf beiden Seiten nicht mit menschlichen Kräften kämpfte; die Feinde des Evangeliums mussten darum unterliegen, weil sie mit dem Geist Gottes zu streiten hatten, der durch den Mund des Stephanus redete. Da übrigens Christus denselben Geist allen seinen Knechten verheißen hat, so dürfen wir mit guter Zuversicht für die Wahrheit kämpfen und müssen nur von ihm Mund und Weisheit erbitten; so werden wir hinlänglich zum Reden gerüstet sein, und weder Scharfsinn noch Zungenfertigkeit der Feinde werden uns zu Schanden machen. So erzeigte sich in unserm Jahrhundert der Geist im Munde der Märtyrer wirksam, die man zum Feuertod schleppte. Und noch täglich beweist er die gleiche Kraft: ungebildete Leute haben mit ihrem bloßen Wort die hervorragendsten Theologen der Papisten wie mit einem Blitzstrahl niedergeworfen.

11 Da richteten sie zu etliche Männer, die sprachen: Wir haben ihn gehöret Lästerworte reden wider Mose und wider Gott. 12 Und bewegten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten; und traten herzu und rissen ihn hin und führeten ihn vor den Rat; 13 und stelleten falsche Zeugen dar, die sprachen: Dieser Mensch höret nicht auf, zu reden Lästerworte wider diese heilige Stätte und das Gesetz. 14 Denn wir haben ihn hören sagen: Der Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und ändern die Sitten, die uns Mose gegeben hat. 15 Und sie sahen auf ihn alle, die im Rat saßen, und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.

V. 11. Nachdem die Gegner durch die Kraft des Geistes niedergeschmettert sind, lassen sie vom Disputieren ab, schieben aber falsche Zeugen unter, welche den Stephanus mit Verleumdungen zugrunde richten sollen. Daraus sieht man, dass sie mit bösem Gewissen kämpften. Denn was ist unwürdiger, als dass man seine Sache mit Lügen zu schützen sucht? Stellen wir uns selbst einen sonst schuldigen Menschen vor – so darf man ihn doch nicht mit falschen Zeugnissen unterdrücken. Die Heuchler aber gestatten sich in diesem Stück unter dem Vorwand ihres Eifers ohne Gewissensbedenken alles – wie dies auch heutzutage die Papisten mit ihren Verdrehungen tun, nur um unsere Lehre verhasst zu machen. Wo Satan das Regiment führt, stachelt er die Verworfenen nicht allein zur Grausamkeit, sondern blendet auch ihre Augen, so dass sie wähnen, ihnen sei alles erlaubt. Dies Beispiel lehrt uns, wie gefährlich der Schein eines guten Eifers ist, wenn ihn nicht Gottes Geist regiert; denn er artet immer in rasenden Fanatismus aus, wird zuweilen sogar eine wunderbare Maske, die jegliches Verbrechen deckt.
V. 14. Denn wir haben ihn hören sagen usw. Die Verteidigungsrede des Stephanus wird uns hinlänglich überzeugen, dass er über Mose und den Tempel nie anders als mit ehrender Anerkennung gesprochen hat. Und doch war, was man ihm als eine schändliche Rede vorwarf, nicht aus der Luft gegriffen; denn er hatte die Abschaffung des Gesetzes gelehrt. Aber darin erweisen sich die Zeugen als falsch und lügenhaft, dass sie absichtlich ins Böse verkehren, was in gutem und frommem Sinne gesagt war. Auch heute erleben wir es, dass man unsere Lehre, die wir richtig und fromm entwickeln, verdreht und verleumdet, entstellt und zerfleischt. Und doch darf uns nicht reuen, was wir angefangen haben, noch dürfen wir für die Zukunft uns lässiger machen lassen. Denn billigerweise können wir von den giftigen Bissen des Satans nicht unverschont bleiben, denen nicht einmal der Sohn Gottes zu entgehen vermochte (Mt. 26, 61, vgl. Joh. 2, 19 ff.). Unsere Sache ist es inzwischen, die Lügen zu erörtern und aufzulösen, mit denen man Gottes Wahrheit belastet, wie wir auch sehen, dass Christus die Lehre des Evangeliums gegen ungerechte Schmähungen verteidigt (z. B. Mt. 5, 17). Nur mögen unser Sinn und Eifer derartig wohlgeordnet bleiben, dass jene unwürdige Behandlung unsern Lauf nicht hindere. Lehren wir z. B., dass die Gerechtigkeit des Menschen allein auf Gottes Gnade ruhe, und dass fromme Seelen nirgend Frieden finden können als im Tode Christi, so wirft man uns vor, dass wir auf diese Weise dem Fleisch die Zügel lockern und jeden Gebrauch des Gesetzes beseitigen. Man lügt, dass wir nicht Freiheit im Geist, sondern Zügellosigkeit des Fleisches suchen. Gewiss sind solche hässlichen Vorwürfe schwer und hart. Aber sie dürfen uns nicht veranlassen, vom Schutz der guten Sache abzustehen. Denn dem Herrn ist seine Wahrheit kostbar und muss es auch uns sein, obwohl sie für die Verworfenen ein Geruch des Todes zum Tode wird (2. Kor. 2, 16). Was nun den Stephanus betrifft, so klagt man ihn an, weil er gelehrt hatte, dass die damals angenommene Form der Gottesverehrung einer Veränderung entgegengehe; man sieht darin eine Lästerung gegen Gott und Mose. Es handelt sich also weniger um eine Frage des Tatbestandes als des Rechts und der Wahrheit. Es fragt sich, ob es eine gottlose Rede und eine Beleidigung Gottes und Mose ist, wenn man sagt, dass der sichtbare Tempel ein Abbild eines erhabeneren Heiligtums sei, und wenn man das Schattenwerk des Gesetzes für vorübergehend erklärt.
Der Jesus von Nazareth. Der Ausdruck hat etwas Wegwerfendes, als wäre Christi Gedächtnis verabscheuenswert. Übrigens lässt sich aus der verleumderischen Rede entnehmen, dass Stephanus bei seiner Lehre von der Abschaffung des Gesetzes wider die Schatten den Körper und wider die Bilder das Wesen gestellt hatte. Denn wenn durch Christus die Zeremonien abgeschafft werden, ist ihre wahre und wesentliche Bedeutung eine geistliche. Wenn die Juden ihnen einen bleibenden Bestand zusprachen, sahen sie in ihnen nichts anderes als die grobe, fleischliche, irdische, den Augen sich darbietende Außenseite. So wäre ein wahrer Kern nicht vorhanden. Der bleibende Wert der Zeremonien besteht aber gerade darin, dass sie bei Christi Ankunft beseitigt werden, woraus ja folgt, dass ihre Kraft und Wirkung in Christus bestehen.
Und ändern die Sitten usw. Ohne Zweifel hat Stephanus, wenn er derartiges sagte, nur an den zeremoniellen Teil des Gesetzes gedacht. Weil aber die Menschen besonders an äußerem Pomp hängen, verstanden sie es so, als wollte er das ganze Gesetz zunichte machen. Die wichtigsten Vorschriften des Gesetzes bezogen sich ja auf Gottes Verehrung im Geist, auf Glauben, Gerechtigkeit und Gericht; jene Leute aber, welche die äußeren Riten höher schätzen, verstanden unter den Sitten, die Mose gegeben, die Vorschriften der Opferordnung. So war es seit Anbeginn die Art der Welt und wird es bis zum Ende bleiben. Heutzutage meinen die Papisten, dass es eine andere Gottesverehrung als mit ihrem Mummenschanz gar nicht geben könne. Und doch heben sie sich noch stark von den Juden ab, weil sie nicht göttlichen Ordnungen, sondern lediglich hohlen Menschengedichten folgen.
V. 15. Und sie sahen auf ihn usw. Bei einer Gerichtssitzung pflegen sich aller Augen dem Angeklagten zuzuwenden, dessen Verteidigung man erwartet. Lukas berichtet nun, des Stephanus Angesicht sei gewesen wie eines Engels Angesicht. Er meint damit nicht die angeborene Gesichtsbildung, sondern die gegenwärtige Erscheinung. Während sonst ein Angeklagter bleichen Angesichts dasteht, stottert und zittert, bemerkte man an Stephanus nichts Derartiges, sondern es strahlte von ihm ein majestätisches Wesen aus. In diesem Sinne vergleicht die Schrift öfter einen Menschen mit einem Engel (2. Sam. 14, 17; 19, 27).

Kapitel 7.

1 Da sprach der Hohepriester: Ist dem also? 2 Er aber sprach: Lieben Brüder und Väter, höret zu. Der Gott der Herrlichkeit erschien unserm Vater Abraham, da er noch in Mesopotamien war, ehe er wohnete in Haran, 3 und sprach zu ihm: Gehe aus deinem Lande und von deiner Freundschaft und zeuch in ein Land, das ich dir zeigen will. 4 Da ging er aus der Chaldäer Lande und wohnte in Haran. Und von dannen, da sein Vater gestorben war, brachte er ihn herüber in dies Land, da ihr nun inne wohnet.

V. 1. Noch bewahren die Hohepriester und der Rat einen gewissen Schein der Billigkeit, und doch steckt in seinen Worten das ungerechteste Vorurteil. Denn er erkundigt sich nicht, welche Gründe Stephanus für seine Lehre besaß, noch erlaubt er ihm, seine Lehre zu verteidigen, was doch das wesentlichste gewesen wäre, sondern fragt nur kurz und scharf, ob Stephanus jener Worte – ganz abgesehen von ihrer Bedeutung – sich bedient habe. Übrigens könnte seine Antwort auf den ersten Blick ungereimt und töricht erscheinen. Denn erstlich entwickelt er, wie man zu sagen pflegt, die Sache aus dem Ei. Zum andern webt er aus vielen Worten eine Erzählung zusammen, die auf das, was gegenwärtig zur Frage steht, fast keinen Bezug nimmt. Bei genauerer Erwägung wird man doch leicht bemerken, dass die lange Rede nichts Überflüssiges enthält und Stephanus durchaus sachgemäß spricht. Er war als ein Abtrünniger angeklagt, der auf Umsturz der Religion und des Gottesdienstes ausgehe. Darum betont er mit Nachdruck, dass er an dem Gott festhalte, den die Väter von jeher verehrten. So wälzt er das Verbrechen gottlosen Abfalls von sich ab und zeigt dagegen, dass seine Feinde durch nichts weniger als durch Eifer für das Gesetz sich treiben lassen. Dies lügnerische Prahlen macht er ihnen zu Schanden. Und da es sich im gegenwärtigen Fall vornehmlich um den Tempel und die Zeremonien handelte, spricht er ausdrücklich davon, dass Gott ihre Väter schon zum Eigentumsvolk erwählt habe, bevor der Tempel stand und Mose geboren war. Darauf zielt der weit ausholende Eingang. Zum andern erinnert Stephanus (V. 44), das alle äußeren Gebräuche, die Gott durch Mose anordnete, nach dem himmlischen Vorbild gestaltet waren. Daraus folgt, dass das Zeremonialgesetz auf ein anderes Ziel deutet, und dass man töricht und verkehrt handelt, wenn man an dieser seiner wahren Bedeutung vorübergeht und an den Zeichen hängen bleibt.
V. 2. Lieben Brüder und Väter. Obgleich Stephanus den größten Teil der Ratsmitglieder als geschworene Feinde des Evangeliums ansehen musste, so lag in ihren Händen doch noch die ordentliche Regierung des Volkes, und sie waren Vorsteher der Gemeinde, die Gott noch nicht verworfen hatte. Darum redet sie Stephanus in unbedenklicher Bescheidenheit als Väter an. Das ist also keine Schmeichelei, mit welcher er sich Gunst gewinnen will, sondern Ehrerbietung gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit, die ihn doch nicht hindert, nunmehr seinen freien Widerspruch zu äußern.
Der Gott der Herrlichkeit usw. Mit diesem Eingang bezeugt Stephanus, dass er von den Vätern und ihrer wahren Religion keineswegs abtrete. Denn die ganze Religion und Gottesverehrung, die Lehre des Gesetzes und alle Weissagungen hingen von jenem Bunde ab, den Gott mit Abraham geschlossen hatte. Wenn also Stephanus sich zu der Erscheinung Gottes an Abraham bekennt, umfasst er das Gesetz und die Propheten, die gleichsam aus dem Quell jener ersten Offenbarung geflossen sind. Von dem Gott der Herrlichkeit spricht er, um den, welchem allein Herrlichkeit gebührt, von den falschen und erdachten Göttern zu unterscheiden.
Da er noch in Mesopotamien war. So heißt bekanntlich das Land zwischen den beiden Strömen Tigris und Euphrat. Es wird aber hinzugefügt: ehe er wohnete in Haran. Denn zu der Wanderung aus Chaldäa nach Haran wurde Abraham durch den göttlichen Spruch veranlasst. Gemeint ist eine kleine Stadt in Mesopotamien, die unter dem Namen Carrä durch die Niederlage des Crassus und des römischen Heeres (53 v. Chr.) berühmt geworden ist. Wir dürfen uns nicht wundern, dass also hier unter dem Namen Mesopotamien, der ja eigentlich nur den Gegenden zwischen den Flüssen zukommt, auch das Land der Chaldäer mitbefasst wird, von welchem Abraham ausging. Dies entspricht dem gewöhnlichen Sprachgebrauch der Geographen. Alles in allem soll erinnert werden, dass Abraham sein Vaterland infolge eines bestimmten Befehls Gottes verließ. Es kam ihm also Gottes freie Güte zuvor, als er zu suchen ausging, was ihm in seinem Vaterlande verheißen ward (vgl. Jos. 24, 3). Der scheinbare Widerspruch mit der Erzählung des Mose (1. Mos. 11, 31; 12, 1) löst sich, wenn man an der letzteren Stelle übersetzt: „Und der Herr hatte zu Abraham gesprochen.“ Was also dort erzählt wird, geschah nicht erst in Haran, sondern bereits früher. Wäre Abraham bereits ein Wanderer im fremden Lande gewesen, so wäre ja auch das Geheiß Gottes, aus seinem Vaterland und Vaterhaus zu ziehen, unpassend ausgedrückt gewesen. Was also Mose an den Bericht über Abrahams Wanderung aus Chaldäa nach Haran anschließt, ist ein Nachtrag, der erinnert, dass jene Wanderung nicht in menschlichem Leichtsinn, sondern auf Gottes Geheiß unternommen wurde. Eine solche Darstellungsweise ist den Ebräern geläufig.
V. 3. Gehe aus deinem Lande und von deiner Freundschaft. Als wäre der Ausgang aus seinem Vaterlande an sich noch nicht hart genug, bedient sich Gott dabei noch einer Fülle von Worten, um Abrahams Gemüt desto tiefer zu verwunden. Dies, wie auch der weitere Umstand, dass Gott noch kein bestimmtes Land als künftigen Wohnsitz bezeichnete, sondern den Abraham geraume Zeit in Schwebe und Zweifel ließ, diente zur Erprobung seines Glaubens. Umso lobenswerter ist sein Gehorsam: die Süßigkeit der heimischen Scholle fesselte ihn nicht; aus freien Stücken geht er in das Exil und folgt ohne Bedenken dem Herrn, obgleich kein bestimmtes Ziel sich zeigt, sondern er für eine Zeit umherziehen muss. Und damit Abraham nicht durch die Erinnerung an das, was er verlassen hatte, mitten im Lauf ermüdete, stellt Gott gleich im Anfang seinen Mut auf eine gründliche Probe, damit er seinen Weg nicht leichtsinnig und unüberlegt antrete. Es geschieht dies in demselben Sinne, in welchem Christus (Lk. 14, 28) die Parabel von dem Turmbau erzählt, dessen Kosten man zuvor überschlagen soll. Trotz aller besonderen Wege, die Abraham geführt wurde, bietet das an ihn ergangene Gotteswort doch ein Vorbild von unser aller Berufung. Uns wird nicht kurzweg geheißen, dass wir das Vaterland verlassen, wohl aber, dass wir uns selbst verleugnen sollen; wir müssen nicht aus dem Vaterhause ziehen, aber den Begehrungen des eigenen Willens und unseres Fleisches den Abschied geben. Und wenn Vater und Mutter, Weib und Kinder uns hindern sollten, dem Herrn zu folgen, müssen wir auf sie alle verzichten. Was für Abraham ein Gebot in jedem Fall war, gilt für uns wenigstens bedingungsweise. Wenn man uns nicht erlaubt, dem Herrn zu dienen, sollen wir lieber die Verbannung wählen, als träge und müßig im Nest bleiben. Unser Vorbild muss der Vater der Gläubigen sein (Röm. 4, 16 f.), der auf allerlei Weise versucht ward, aber des Vaterlandes, der Seinen und seiner selbst vergisst, um sich völlig dem Herrn anzuschließen. Aus seiner Art dürfen wir nicht schlagen, wollen wir anders Gottes Kinder heißen.
In ein Land, das ich dir zeigen will. Dass Abraham zur Erprobung seiner Geduld im Ungewissen gelassen wird, soll auch uns lehren, uns völlig von Gottes Wort abhängig zu machen. Es ist ja ein hervorragendes Übungsmittel für unseren Glauben, dass wir auf Gott trauen, auch wo wir nichts sehen. Unser Leben ist, wie Paulus sagt (Kol. 3, 3), verborgen, und, den Toten gleich, hoffen wir auf ein im Himmel verborgenes Heil. Was unsere ewige Wohnung anlangt, so lässt Gott uns allein an seiner Verheißung hängen, indem er uns hier zu Pilgern macht. Und damit solcher Aufschub unseren Mut nicht breche, sollen wir uns an die allgemeine Regel des Glaubens halten, dass man zu folgen hat, wohin Gott ruft, wenn er uns auch noch nicht zeigt, was er verspricht.
V. 4. Da ging er aus usw. Diese Worte loben die Bereitschaft des Glaubens. Bei seiner Berufung zögert Abraham nicht, sondern lässt alle seine Stimmungen dem Befehl Gottes weichen. Weshalb er aber in Haran einen Aufenthalt machte, wissen wir nicht. Vielleicht veranlasste ihn dazu die Schwachheit seines Vaters; berichtet doch Stephanus, dass er von dannen erst auszog, nachdem sein Vater gestorben war. Vielleicht wagte er auch nicht weiterzugehen, bis der Herr ihm seinen Weg offenbarte.

5 Und gab ihm kein Erbteil drinnen, auch nicht eines Fußes breit; und verhieß ihm, er wollte es geben ihm zu besitzen und seinem Samen nach ihm, da er noch kein Kind hatte. 6 Aber Gott sprach also: Dein Same wird ein Fremdling sein in einem fremden Lande, und sie werden ihn dienstbar machen und übel behandeln vierhundert Jahre; 7 und das Volk, dem sie dienen werden, will Ich richten, sprach Gott; und darnach werden sie ausziehen und mir dienen an dieser Stätte. 8 Und gab ihm den Bund der Beschneidung. Und er zeugete Isaak und beschnitt ihn am achten Tage; und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Erzväter.

V. 5. Drei Stücke sind hier beachtenswert: erstlich übte Gott seinen Knecht in der Geduld, indem er ihn nach dem Auszug aus seinem Vaterlande wie einen Fremdling im Lande Kanaan hielt. Denn abgesehen von dem erkauften Grabe besaß er nicht eines Fuß breit Landes. Dieses aber kommt nicht in Betracht, da es nicht zum Gebrauch des gegenwärtigen Lebens diente. Da außerdem jener Acker um Gold erkauft war (1. Mos. 23, 16), kann Stephanus mit Recht sagen, dass Abraham vom Herrn nichts geschenkt ward. Denn das, worauf er infolge der Verheißung hoffte, musste er nicht mit Geld oder auf irgendeine andere menschliche Weise erwerben. Zum andern wollen wir darauf achten, dass Gott die Sache selbst dem Abraham zwar noch nicht zeigte, ihn aber mit seinem Wort aufrecht hielt. Und es ist uns eine Stütze, wenn Gott verheißt, dass bei ihm für uns niedergelegt ist, was wir noch nicht in Händen haben. Solange also die Sache selbst, der Besitz des Landes, ihm noch abging, klammerte sich Abraham allein an die Stütze der göttlichen Verheißung; mit ihr begnügte er sich und begehrte im Lande Kanaan nichts, außer einer unruhigen und unbeständigen Fremdlingschaft. Drittens bemerken wir, dass die Verheißung dem Abraham fast wie ein Spott erscheinen musste. Gott verspricht seinem Samen das Land, da er achtzig Jahre alt war, ein fruchtbares Weib und nicht die geringste Hoffnung auf Nachkommenschaft hatte. Da war es eine hervorragende Glaubensprobe, dass Abraham nicht weiter fragt, noch neugierig streitet, sondern sanft und gehorsam annimmt, was er aus Gottes Munde hört. So lässt Gott auch uns, die er doch die Erben der Welt nennt (Jak. 2, 5), oft dürftig und nur mit dem spärlichsten Lebensunterhalt dahingehen. Das aber tut er mit Absicht, um die Klugheit unseres Fleisches zu demütigen, wenn wir bei anderem Verfahren seinem Wort nicht die rechte Ehre geben.
V. 6. Dein Same wird ein Fremdling sein in einem fremden Lande. Stephanus ruft den Juden ins Gedächtnis, wie jämmerlich und schmachvoll es den Vätern in Ägypten erging, und wie diese drückende Knechtschaft nicht ein Zufall, sondern durch Gottes Spruch längst vorausgesagt war. Diese geschichtliche Erinnerung musste auf der einen Seite ihren stolzen Geist zähmen und sie Bescheidenheit lehren, auf der andern Seite zum Ruhm der göttlichen Gnade dienen, die immer für dieses Volk gesorgt hatte. Denn es ist eine einzigartige Gnadengabe, dass das Volk so wunderbar gleichsam aus dem Tode wieder ins Leben geführt wird. Dabei werden die Juden erinnert, dass die Gottesgemeinde auch anderswo vorhanden war als in dem Lande, in dem sie sich befanden; weiter, dass die Väter zum Eigentumsvolk erwählt und unter Gottes treuer Hut geborgen waren, bevor der Tempel stand und es die äußeren gesetzlichen Gebräuche gab. Dies zielt auf die Hauptabsicht der Rede. Im Übrigen lässt sich daraus eine nützliche Ermahnung entnehmen. Knechtschaft ist schon an sich hart und bitter, gesellt sich aber zu ihr Grausamkeit der Herren, so erscheint sie vollends unerträglich. Darum musste es das Gemüt des frommen Menschen tief verwunden, zu hören, dass sein Geschlecht geknechtet und dazu unwürdig und grausam behandelt werden solle. Eine weitere, nicht leichte Versuchung erwuchs aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen dem verheißenen Erbe des Landes Kanaan und einer Knechtschaft im fremden Lande. Wer sollte da nicht meinen, Gott habe sein erstes Wort vergessen und kündige nun dem Abraham jämmerliche Knechtschaft seines Geschlechts an? Scheint er nicht auf diese Weise seine Hand zurückzuziehen? Aber so handelt er oft auch mit uns. Das Fleisch kann da nicht anders urteilen, als dass Gott sich widerspricht; der Glaube dagegen erkennt die wunderbare Harmonie zwischen Gottes Worten und Taten. Und das eben ist Gottes Absicht, den Blick unseres Glaubens zu weiten, indem er uns seine Verheißungen gleichsam über einen langen Zwischenraum hinweg aus der Ferne zeigt. Unsere Sache also ist es, dem verheißenen Heil durch zahlreiche Biegungen, die verschiedensten Hindernisse, durch weite Entfernung, mitten durch Abgründe, ja endlich durch den Tod entgegenzustreben.
V. 7. Das Volk, dem sie dienen werden, will ich richten. Dieses Gericht verbindet sich mit der Erlösung des Volkes. Denn dass Gott die Tyrannei und Grausamkeit der Ägypter straft, tut er seinem Volk zugute, das er in seine Obhut genommen; er will als Erlöser der Gemeinde dastehen. So oft also gottlose Leute uns ungerecht quälen, soll es uns in den Sinn kommen, dass Gott der Richter der Welt ist, der kein Unrecht ungestraft wird hingehen lassen. Darauf deutet auch sein Wort (5. Mos. 32, 35): „Die Rache ist mein.“ Daraus schließt Paulus (Röm. 12, 19), dass man dem göttlichen Zorn Raum geben müsse, etwa in dem Sinne, dass es zur Vertreibung unserer Ungeduld und Zügelung böser Stimmungen dienen müsse, wenn Gott verheißt, unser Rächer zu sein. Wer also selbst Rache nimmt, greift dem Herrn ins Amt. Dabei fällt doch nicht hin, was ich sagte, dass Gott durch Beleidigungen, die man den Seinen antut, zu besonderer Fürsorge und Rache gereizt wird, wie wir im Psalm lesen (105, 15): „Tastet meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten kein Leid.“
Darnach werden sie ausziehen und mir dienen. Also ging die Erlösung zeitlich dem Tempel und dem gesetzlichen Dienst voran. Daraus folgt, dass Gottes Gnade nicht an die Zeremonien gebunden war. Dabei gibt Stephanus den Zweck der Erlösung an: Gott hat sowohl das Volk als die besondere Stätte zur reinen Verehrung seines Namens auserwählt. Daraus schließen wir wiederum, dass man auf das sehen und achten müsse, was er selbst billigt und gutheißt. Auch andere Völker wollten Gott ehren; weil aber überall verkommene und verderbte Gottesdienstformen waren, sondert Gott die Juden von den anderen ab und weist ihnen einen Platz an, wo man ihn in echter und rechter Weise ehren soll. Im Übrigen erinnert uns diese Stelle, dass Gottes Wohltaten auf den Zweck bezogen sein wollen, dass die Menschen sich ihm ganz ergeben. Nachdem nun Gott heute den Reichtum seiner Gnade über die ganze Welt ausgebreitet hat, müssen wir uns bemühen, ihn durch reinen und heiligen Dienst an jedem Orte zu heiligen, wo wir auch wohnen.
V. 8. Und gab ihm den Bund der Beschneidung. Indem Stephanus die Beschneidung als ein Stück des göttlichen Bundes anerkennt, reinigt er sich gründlich von der ihm angehängten Verleumdung, zeigt jedoch, wie verkehrt die Juden handeln, wenn sie in den äußeren Zeichen den Anfang ihres Heilsstandes erblicken. Denn wenn Abraham noch vor seiner Beschneidung berufen und seinem Samen das Land und die Erlösung verheißen wurde, so ist hinlänglich klar, dass das wesentliche Ruhmesstück des ganzen Geschlechts keineswegs die Beschneidung ist. Derselben Beweisführung bedient sich auch Paulus (Röm. 4, 11). Wir sehen also, dass Stephanus keineswegs ins Blaue hinein erzählt; es war sehr viel für die gegenwärtige Verhandlung daran gelegen, dass die Juden verstehen lernten, in welcher Weise eigentlich sie samt ihren Vätern von Gott zu Kindern angenommen worden waren. Wenn Gott dem Abraham zuerst das verheißt, was er ihm durch die Beschneidung später bekräftigt, so sollen wir wissen, dass die Zeichen ohne das vorangehende Wort hohl und nichtig sind. Indessen entnehmen wir dem Namen des Bundes eine nützliche Lehre: Gott handelt in den Sakramenten bundesgemäß mit uns, um uns seine Liebe zu bezeugen. Darum sind dieselben nicht bloß äußere Erkennungszeichen vor den Menschen, sondern sind auch vor Gott zur Bestätigung des Glaubens kräftig wirksam. So sind sie nicht hohle Darstellungen; denn der Gott, der wahrhaftig ist, stellt darin nichts dar, was er nicht auch leistete.

9 Und die Erzväter neideten Joseph und verkauften ihn nach Ägypten; aber Gott war mit ihm 10 und errettete ihn aus aller seiner Trübsal und gab ihm Gnade und Weisheit vor Pharao, dem König in Ägypten; der setzte ihn zum Fürsten über Ägypten und über sein ganzes Haus. 11 Es kam aber eine teure Zeit über das ganze Land Ägypten und Kanaan und eine große Trübsal, und unsre Väter fanden nicht Nahrung. 12 Jakob aber hörte, dass in Ägypten Getreide wäre, und sandte unsre Väter aus aufs erste Mal. 13 Und zum andern Mal ward Joseph erkannt von seinen Brüdern, und ward Pharao Josephs Geschlecht offenbar. 14 Joseph aber sandte aus und ließ holen seinen Vater Jakob und seine ganze Freundschaft, fünfundsiebenzig Seelen. 15 Und Jakob zog hinab nach Ägypten und starb, er und unsre Väter. 16 Und sind herübergebracht nach Sichem und gelegt in das Grab, das Abraham gekauft hatte ums Geld von den Kindern Hemor zu Sichem.

V. 9. Jetzt folgt das schlimmste Verbrechen des israelitischen Geschlechts; sie haben mit der gottlosen und nichtswürdigen Verschwörung wider ihren unschuldigen Bruder eine Grausamkeit begangen, vor der die Natur zurückschaudert. So wird den Juden gezeigt, wie die hervorragendsten unter ihren Vätern waren, deren sie sich so stolz rühmten. An ihnen lag es nicht, dass sie nicht zu Brudermördern wurden. So ist deutlich, dass Gott gleichsam gegen ihren Willen und ihr Widerstreben gütig und wohltätig war. Den künftigen Mittler ihres Heils wollen sie auslöschen und zugrunde richten. An ihnen also lag es nicht, dass sie sich nicht aller göttlichen Wohltaten beraubten. Unter demselben Gesichtspunkt erinnert Stephanus nachher, dass man Mose verwarf, da Gott ihn als Retter anbot. Darum haben die Juden keinen Grund, mit der Vortrefflichkeit ihres Geschlechts zu prunken; es bleibt ihnen lediglich übrig, in demütiger Beschämung alles, was sie sind, auf Rechnung der Barmherzigkeit Gottes zu setzen und zu merken, dass das Gesetz gegeben ward, um diese ins Licht zu setzen.
Gott war mit ihm. Nicht in dem Sinne war Gott bei ihm, dass er immer seine Kraft offenbart und ihm geholfen hätte. Denn es ist nichts Geringes, was wir im Psalm lesen (105, 18), dass ein Eisen durch seine Seele drang. Sicherlich musste tiefste Traurigkeit ihn durchbohren, da er, von allem Schutz verlassen, nicht bloß die Ketten und die Strafe eines Verbrechers, sondern auch die Schande tragen musste. So verbirgt sich Gott, der freilich bei den Seinen ist, eine Zeitlang. Der Ausgang aber war ein glänzender Beweis seiner Gegenwart, die Joseph anfangs nicht sehen konnte. Weiter müssen wir immer wieder daran denken, dass Joseph nicht befreit wurde, weil er Gott im Tempel angerufen hätte, sondern fern davon in Ägypten. Die Befreiung kam nun dadurch zustande, dass Gott ihm (V. 10) Gnade vor Pharao gab. Gewiss konnte er ihn auch auf andere Weise retten, aber sein Plan schaute weithin auf das Ziel, dass Joseph als oberster Beamter des Reiches seinen Vater und seine ganze Familie aufnehmen sollte. An zweiter Stelle wird erläuternd beigefügt, worauf die Gnade vor Pharao ruhte: auf Josephs Weisheit. Darunter ist nicht bloß die Gabe der Weissagung zu verstehen, die er in der Auslegung der Träume zeigte, sondern auch die Klugheit seiner Ratschläge. Was hier aber Stephanus von dem einen Manne sagte, hat allgemeine Geltung. Denn alle Geschicklichkeit, die Menschen besitzen, ist göttliche Gabe, und zwar besondere Begabung, die ungleich verteilt wird. Gott fügt auch den günstigen Erfolg hinzu, wie es ihm gefällt, und lässt seine Gaben den Nutzen schaffen, um dessentwillen er sie spendete. Wird also Joseph von Pharao über Ägypten gesetzt, so ist es doch eigentlich allein Gottes Hand, die ihn zu dieser Ehre erhebt.
V. 11. Es kam aber eine teure Zeit usw. Hier wird ersichtlich, dass die Befreiung Josephs eine der Familie Jakobs insgemein zugedachte Wohltat war. Da die Hungersnot kommen sollte, wurde er rechtzeitig vorausgeschickt, der den Lebensunterhalt in Händen hatte, die Hungrigen zu nähren. In diesem Stück erkennt er ja auch selbst Gottes wunderbaren Rat (1. Mos. 45, 7 f.). Dabei leuchtete Gottes unverdiente Güte an der Person Josephs umso heller, weil er zum Ernährer seiner Brüder gemacht wird, den sie um Geld verkauft und in weite Ferne getrieben hatten, von dem sie glauben mussten, dass er völlig aus der Welt ausgetilgt sei. Derjenige gibt ihnen Speise in den Mund, den sie in die Grube geworfen und dadurch der Luft und des allen zuströmenden Lebensgeistes beraubt hatten. Derjenige endlich erhält und pflegt ihr Leben, dem sie unbedenklich das Leben hatten nehmen wollen. Dabei erinnert Stephanus die Juden daran, dass die Erzväter gezwungen wurden, aus jenem Lande zu wandern, welches ihnen zum Erbe gegeben war, und dass sie anderswo starben. Nachdem sie als Fremdlinge darin weilen durften, müssen sie endlich von daher in weitere Fremde ziehen.
V. 14. Dass Jakob mit fünfundsiebenzig Seelen nach Ägypten kam, stimmt nicht mit Moses Worten, der nur siebzig zählt (1. Mos. 46, 27). Hieronymus meint, dass Lukas die Rede des Stephanus nicht wörtlich wiedergegeben, sondern aus der griechischen Übersetzung der Bücher Mose die Zahl entnommen habe, entweder weil er selbst als Proselyt der hebräischen Sprache nicht mächtig war, oder weil er in Entgegenkommen gegen die Heiden die bei ihnen geläufige Lesart wählte. Übrigens ist ungewiss, ob die griechischen Übersetzer absichtlich jene Zahl einsetzten, oder ob dieselbe durch einen späteren Irrtum unterlief, was umso leichter geschehen konnte, weil sich die Griechen der Buchstaben als Zahlenzeichen bedienten. Mir ist es doch wahrscheinlich, dass die Septuaginta, d. h. die griechische Übersetzer, Moses Text richtig übertragen haben, dessen wiederholte Angabe 5. Mose 10, 22 sie ja auch ohne Irrtum wiedergeben. Darum vermute ich, dass die Abweichung durch einen Irrtum der Abschreiber entstanden ist. Die Sache war aber nicht so wichtig, dass um ihretwillen Lukas die an die griechische Übersetzung gewöhnten heidnischen Leser hätte stutzig machen müssen. Möglicherweise hat er auch selbst die richtige Zahl gesetzt, und irgendjemand hat sie aus jener Stelle der griechischen Mosebücher falsch verbessert. Wir wollen aber darüber nicht hartnäckig streiten noch mehr wissen, als uns gegeben ist, sondern bedenken, dass Paulus nicht vergeblich davor warnt, gar zu peinliche Fragen über Geschlechtsregister zu stellen (1. Tim. 1, 4). Übrigens wird absichtlich eine so geringe Zahl genannt, um Gottes Macht umso heller leuchten zu lassen, die in nicht gar zu langer Zeit das Volk eine so ungeheure Vermehrung erfahren ließ. Denn nach dem Maß menschlicher Fortpflanzung konnte eine Handvoll Menschen nicht innerhalb 250 Jahren zu der ungeheuren Menge anwachsen, die 2. Mose 12, 37 genannt wird. Es ist passender, dies Wunder zu erwägen, welches der heilige Geist uns rühmt, als ängstlich sich mit einem Buchstaben abzumühen, der eine Veränderung der Zahlenangabe herbeigeführt hat.
V. 16. Stephanus berichtet, die Väter seien nach ihrem Tode ins Land Kanaan herübergebracht worden. Aber Mose spricht (1. Mos. 50, 26) nur von den Gebeinen Josephs, von denen wir auch im Buch Josua (24, 32) lesen, dass sie begraben wurden, während von seinen Brüdern keine Rede ist. Ich möchte vermuten, dass Lukas sich hier nicht an Moses Bericht, sondern an eine alte Überlieferung hält, deren die Juden viele hatten. Dass aber die Väter in das Grab gelegt wurden, das Abraham von den Kindern Hemor gekauft hatte, ist bezüglich des Namens Abraham ein offensichtlicher Irrtum. Denn Abraham kaufte von dem Hethiter Ephron die doppelte Höhle zur Bestattung seines Weibes (1. Mos. 23, 9). Joseph aber ward anderwärts begraben, nämlich in dem Acker, welchen sein Vater Jakob von den Kindern Hemor um hundert Lämmer erkauft hatte. Darnach muss unsere Stelle berichtigt werden.

17 Da nun sich die Zeit der Verheißung nahte, die Gott Abraham geschworen hatte, wuchs das Volk und mehrte sich in Ägypten, 18 bis dass ein andrer König aufkam, der nichts wusste von Joseph. 19 Dieser trieb Hinterlist mit unserm Geschlechte und behandelte unsre Väter übel und schaffte, dass man die jungen Kindlein aussetzen musste, dass sie nicht sich fortpflanzten.

V. 17. Stephanus wendet sich zur Erlösung des Volks, deren Beispiel jenes über das gewohnte Maß in kurzer Zeit weit hinausgehende Wachstum der Nachkommenschaft war. Das war eine besondere Gabe Gottes, nicht der einfache Lauf der Natur. Auf der anderen Seite aber scheint Gott den Juden die Hoffnung wieder zu nehmen, da Pharao sie tyrannisch niederbeugt und ihre Knechtschaft mit jedem Tage härter wird. Da sie die männlichen Kinder aussetzen müssen, scheint der Untergang des ganzen Geschlechts bevorzustehen. Ein anderes Zeichen der Erlösung wird freilich gegeben, als Mose aufwächst; da man ihn aber bald verwirft und er in die Verbannung fliehen muss, bleibt nichts als reine Verzweiflung. Alles in allem: Gott gedachte seiner Verheißung und mehrte das Volk, um zu leisten, was er dem Abraham geschworen hatte; die Juden aber verschmähten in ihrer Undankbarkeit und Verkehrtheit Gottes Gnade, so dass, wenn es an ihnen gelegen hätte, sie sich den Zugang verschlossen hätten. Dabei wollen wir auf Gottes Vorsehung achten, welche den Lauf und Wechsel der Zeiten derartig ordnet, dass alle seine Werke zu rechter Zeit geschehen. Die menschliche Sehnsucht aber überstürzt sich und kann nicht geduldig warten, bis Gott seine Hand zeigt, weil sie auf jene Wohlordnung nicht achtet. Übrigens will Gott den Glauben der Seinen übern, wenn er gegen die frohen und leuchtenden Zeichen seiner Gnade auch gegenteilige Erfahrungen setzt, welche die Hoffnung auf Heil plötzlich abschneiden. Denn wer hätte nicht gemeint, dass es um die Ebräer geschehen wäre, als der Erlass des Königs die ganze männliche Nachkommenschaft dem Tode weihte? Umso notwendiger ist es, dass wir die Lehre bedenken (1. Sam. 2, 6): „Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Unterwelt und wieder heraus.“
V. 19. Dieser trieb Hinterlist usw. Stephanus will sagen, dass der ägyptische König immer neue Künste und Vorwände trügerisch erdachte, um dem Volk immer schwerere Lasten aufzulegen. So sind fast alle Tyrannen, wie ungerecht sie auch ihre Leute quälen, überaus erfinderisch im Ausdenken von gerechten Ursachen. Ohne Zweifel hat Pharao den ehrenhaften Vorwand missbräuchlich verwendet, dass es ganz unbillig sei, den Juden als einem fremden Volk freies Gastrecht im Königreich zu gewähren und sie bei allen diesen großen Vorteilen von Lasten frei zu lassen. So macht er schlau aus freien Menschen gemeine Sklaven. Wenn Stephanus uns erinnert, dass dieser Tyrann von Joseph nichts wusste, so sieht man, wie flüchtig das Andenken an Wohltaten bei den Menschen ist.
Dass sie nicht sich fortpflanzten. Die verbreitete Übersetzung: „dass sie nicht lebendig blieben“, scheint mir nicht genug zu sagen. Vielmehr ist die Meinung, dass das Volk nicht in seiner Nachkommenschaft lebendigen und bleibenden Bestand haben solle. Übrigens zählt Stephanus nicht alle Stücke der bösen Behandlung auf, sondern greift nur das eine Beispiel äußerster Grausamkeit heraus, aus welchem sich schließen lässt, wie nahe der ganze Same Abrahams dem Untergang war. Schien ihm doch Pharao mit jenem grausamen Erlass wie mit einem einzigen Schwertstreich den Hals abzuschlagen. Indessen setzt diese gewalttätige Barbarei Gottes unerwartetes und unglaubliches Wirken in umso helleres Licht, weil sie trotz aller Gegenanstrengungen schließlich nichts erreichte.

20 In der Zeit ward Mose geboren und war ein fein Kind vor Gott und ward drei Monate ernähret in seines Vaters Hause. 21 Als er aber ausgesetzt ward, nahm ihn die Tochter Pharaos auf und zog ihn auf, ihr selbst zu einem Sohn. 22 Und Mose ward gelehret in aller Weisheit der Ägypter und war mächtig in Werken und Worten. 23 Da er aber vierzig Jahre alt ward, gedachte er zu sehen nach seinen Brüdern, den Kindern von Israel; 24 und sah einen unrecht leiden, da stand er bei und rächete den, dem Leid geschah, und erschlug den Ägypter. 25 Er meinte aber, seine Brüder sollten´s vernehmen, dass Gott durch seine Hand ihnen Heil gäbe; aber sie vernahmen´s nicht. 26 Und am andern Tage kam er zu ihnen, da sie miteinander haderten, und handelte mit ihnen, dass sie Frieden hätten, und sprach: Lieben Männer, ihr seid Brüder; warum tut einer dem andern unrecht? 27 Der aber seinem Nächsten unrecht tat, stieß ihn von sich und sprach: Wer hat dich über uns gesetzt zum Obersten und Richter? 28 Willst du mich auch töten, wie du gestern den Ägypter tötetest? 29 Mose aber floh über diese Rede und ward ein Fremdling im Lande Midian; daselbst zeugete er zwei Söhne.

V. 20. Dass Mose zu der Zeit geboren wurde, merkt Stephanus absichtlich an: es geschah, nachdem der König befohlen hatte, dass alle männlichen Kinder dem Tode geweiht sein sollten. Also scheint der, welcher die Erlösung bringen sollte, schon gleichsam gestorben, ehe er geboren ist. Aber gerade jene Zeit, da menschliche Hilfe und Rat versagen, ist für Gottes Handeln die geeignetste. Dabei sieht man ganz klar, wie Gott seine Kraft in der Menschen Schwachheit mächtig sein lässt. Mose wird drei Monate lang verwahrt. Endlich aber sehen sich die Eltern zur Rettung ihres eigenen Lebens gezwungen, ihn in den Strom zu setzen. Sie bergen ihn nun in einer kleinen Arche, damit er nicht sofort zugrunde gehe. Da ihn nun die Tochter Pharaos aufnimmt, entgeht er zwar dem Tode, aber doch in einer solchen Weise, dass er vom Volk Israel abgeschnitten und zu einem fremden Volk übergeführt wird; ja, hätte nicht Gott seine Seele zurückgehalten, so hätte er seinem Volk der beschwerlichste Feind werden können. Ehe er irgendein Zeichen brüderlichen Wohlwollens gibt, vergehen vierzig Jahre.
V. 22. Dass Mose in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet wurde, verrechnet Lukas zwar anerkennend als einen besonderen Vorzug. Trotzdem hätte es geschehen können, was gewöhnlich geschieht, dass der von weltlicher Wissenschaft aufgeblasene Mann das gemeine Volk verachtete. Weil aber Gott beschlossen hatte, sein Volk zu erlösen, bereitet er inzwischen Moses Geist, wie auch alles andere, zur Durchführung seines Werkes vor. Hier könnte fleischliche Vernunft widersprechen: Warum schweigt Gott so lange zu den Leiden des Volkes? Warum lässt er den Pharao mit jedem Tage schrecklicher wüten? Warum lässt er Mose nicht bei den Seinen aufwachsen? Warum muss die Tochter des Königs ihn aufnehmen und dadurch vom Volk Israel gleichsam abtrennen? Warum lässt ihn Gott bis zum vierzigsten Jahre in dem verweichlichenden Hofleben stecken und hält ihn nicht vielmehr von dort zurück? Aber der Ausgang ist mehr als bewundernswürdig und zwingt uns zu dem Geständnis, dass Gott zur Verherrlichung seines Ruhmes dies alles durch besonderen Rat geordnet und geleitet hat. In der Weisheit der Ägypter, von der Lukas, wie ich schon sagte, in anerkennendem Sinne sprach, steckte doch auch viel Verkehrtes. Die Sternkunde, die Gottes Werke nicht bloß in der Stellung und vielgestaltigen Wohlordnung, sondern auch in der Bewegung, Kraft und den geheimnisvollen Leistungen der Gestirne betrachtet, ist eine nützliche und anerkennenswerte Wissenschaft. Die Ägypter haben sie eifrig studiert; da sie sich aber nicht mit der einfachen Ordnung der Natur zufrieden gaben, sind sie, wie die Chaldäer, zu vielen törichten und läppischen Spekulationen abgeirrt. Ob Mose auch in diesem Aberglauben unterrichtet wurde, wissen wir nicht. In jedem Falle aber sehen wir, wie zuverlässig, klar und schlicht er bei der Betrachtung des Weltgebäudes uns nur das vor Augen stellt, was der Frömmigkeit dient (1. Mos. 1). Sicherlich ist es ein Zeichen hervorragender Bescheidenheit, dass ein Mann, der mit den Gelehrten aufs feinste über die Geheimnisse der Natur hätte disputieren können, nicht bloß an feineren Spitzfindigkeiten vorübergeht, sondern sich zu dem allgemeinen Verständnis auch des Ungebildetsten herablässt und in schlichter Darstellung den Ungelehrten vorträgt, was für sie nützlich ist.
Und war mächtig in Werken und Worten. Damit wird ein doppelter Vorzug beschrieben: der an Geist und Lehre reich ist, zeigt sich zugleich zur praktischen Durchführung trefflich geeignet. Wegen dieser seltenen Gaben musste jedermann ihn als einen hervorragenden Mann anerkennen. Da er in solcher Schätzung stand, durften übrigens die Israeliten noch weniger hoffen, dass er der Mittler ihrer Erlösung werden könne.
V. 23. Da er aber vierzig Jahre alt war usw. Manche Ausleger ziehen hier den Schluss, dass Mose sich innerlich niemals seinem Volk entfremdet habe. Was aber Stephanus sagt, deutet doch in die entgegen gesetzte Richtung; aber jetzt scheint Gottes Geist seine Seele gleichsam aus dem Schlaf geweckt zu haben, so dass er nach den lange vernachlässigten Brüdern sich umsah. Wahrscheinlich hatte er eine Kunde seines Ursprungs, dessen Zeichen er ja an seinem Fleisch trug und von dem man am Hofe gewiss zu sagen wusste; konnte doch die Königstochter ihn ohne übeln Verdacht nur adoptieren, wenn seine Herkunft bekannt war. Lange aber war er nicht darauf gestimmt, dass er gewagt hätte, die Liebe zu seinen Blutsverwandten öffentlich zu zeigen. Es trägt dies nicht wenig zur Vermehrung des Ruhmes Gottes bei, dass Mose, unbekannt mit seiner Berufung, so lange Zeit müßig am königlichen Hofe sitzt, darnach aber plötzlich, ohne dass er selbst oder sonst jemand es hätte erwarten können, vom Herrn berufen wird. Dies neue sorgliche Gedenken an seine Brüder entstand also in seiner Seele aus einem neuen und ungewohnten Antrieb des heiligen Geistes.
V. 24. Und sah einen unrecht leiden. Ein solches Schauspiel bot sich Mose nicht zufällig, sondern da Gott ihn seinem Volk zum Erlöser bestimmt hatte, wollte er ein Beispiel und gleichsam ein Vorbild dafür durch seine Hand geschehen lassen. Denn Stephanus weist ausdrücklich darauf hin (V. 25), dass er nichts leichthin in Angriff nahm, sondern im Bewusstsein seiner Berufung tat, was sich für den Rächer des Volks ziemte. Denn wenn ihm Gott nicht die Waffe in die Hand gab, durfte er einen noch so schuldigen und verbrecherischen Menschen nicht töten. Es ist ein frommes und lobenswertes Werk, dass man sich gottlosen Leuten entgegenstelle, ihre Gewalttaten hindere und die Guten gegen ihre Beleidigungen schütze; doch steht es einem Privatmann nicht zu, Rahe zu nehmen. Mose durfte also den Ägypter nur töten, weil ihm nach dem Recht seiner Berufung das Schwert vom Herrn in die Hand gegeben war. Es war aber dieser hochgemute, tapfere Sinn ein Werk des heiligen Geistes; denn in Menschen, die Gott zu großen Dingen bestimmt, gießt er seine Kraft mächtig aus, damit sie ihrer Aufgabe gewachsen seien. Alles in allem will Stephanus sagen, dass schon damals Mose dem Volk als Diener der Erlösung angeboten ward, da der Tag bevorstand, der infolge des Bundes mit Abraham kommen musste, dass aber das Volk nichts weniger erhoffte als dies.
V. 26. Und am andern Tage usw. Weiter zeigt Stephanus, dass die Väter nicht bloß Gottes Gnade übersahen, sondern sogar böswillig von sich stießen. Was er Böses erzählt, ging freilich nur von einem Menschen aus; aber mit Recht spricht er die Schuld allen zu. Denn wären sie dem Herrn dankbar gewesen, so hätten sie die dreiste Rede des einen einmütig unterdrücken müssen. Sie schweigen aber alle und lassen dem Mose vorwerfen, was er ihnen Gutes geleistet hatte; soviel an ihnen ist, bringen sie den Mann in die äußerste Gefahr, zu dessen Schutz sie ihre Köpfe hätten einsetzen müssen. Die Erzählung will also zu verstehen geben, dass es allein die Schuld des Volkes war, wenn es wenigstens eine gewisse Erleichterung nicht schneller spüren durfte. So pflegt der Menschen Verkehrtheit dem Herrn Aufschub zu bereiten. Er ist gerüstet, den Seinen rechtzeitig Hilfe zu bringen; wir aber schieben durch mancherlei Hinderungen seine Hand von uns ab und beklagen uns dann mit Unrecht über seine Langsamkeit. So haben wir es hier mit einer gegen Gott unfrommen, gegen Mose grausamen Undankbarkeit zu tun. Das Volk hätte dem Herrn danken müssen, der ihm am Hof des Königs einen so treuen Beschützer gegeben hatte; es hätte den Mose mit aller Liebe und treuen Fürsorge ehren müssen. Stattdessen empfängt er äußerst schlimmen und ungerechten Lohn, Vorwürfe und Drohungen. Dass man weiter seine Tat dem König hinterbrachte, muss auf Rechnung der Verräterei des Volkes gesetzt werden. Wie also später, als man das Land Kanaan schon vor sich liegen sah, das Volk sich den Zutritt durch seine Sünde verschloss, so verschmäht es jetzt durch den einen Mann, der gleichsam in seinem Namen handelt, Gottes Gnade und schiebt die Zeit der Erlösung für volle vierzig Jahre auf. Denn obwohl Gott beschlossen hatte, was er tun wollte, wird doch die Schuld des Verzugs mit gutem Grunde denen angerechnet, die Mose in seiner Pflicht hindern und stören.
Lieben Männer, ihr seid Brüder. Gewiss verpflichtet schon die allgemeine Zusammengehörigkeit dazu, dass wir Menschlichkeit untereinander pflegen und uns jedes Unrechts entschlagen; noch unwürdiger und unerträglicher ist es, wenn Leute sich gegenseitig verletzen, die durch ein engeres Band verbunden sind. Darum erinnert Mose an die Blutsverwandtschaft, um die Wut zu stillen. Aber er erreicht nichts. Denn der dem Nächsten Unrecht tat, stößt nun auch ihn frech und drohend zurück. Es ist ja ganz geläufig, dass ein böses Gewissen die Menschen zur Raserei treibt, und dass derjenige sich am frechsten und rauesten erhebt, dessen Sache die schlechteste ist. Aber unter welchem Vorwand fährt der Mann so schmählich auf Mose los, der unrecht tat? Er sagt (V. 27), dass er kein Richter sei. Aber Mose hatte ihn doch nicht getadelt, als besäße er eine Obergewalt, sondern hatte sie nur gleicher weise freundlich erinnert. Oder steht es allein dem Richter zu, uns zu erinnern, wenn wir fehlen? Aber das ist das Laster aller widerspenstigen und unbeugsamen Menschen, dass sie keinen Ermahnungen, sondern nur der Gewalt nachgeben; sie gleichen den Irrsinnigen, die ihre Ärzte rasend anfallen. Umso mehr sollen wir uns bemühen, unsere Begierden zu zügeln, damit wir nicht in blinder Wut wider diejenigen anstürmen, die unsere Fehler heilen möchten. Auch erinnert uns dies Beispiel, dass angesichts so verkehrter Gewohnheiten der Menschen die Knechte Gottes nicht anders ihre Pflicht tun können, als indem sie immer wieder viel Unrecht leiden, viele Beleidigungen sich gefallen lassen, sich in Gefahr begeben und insbesondere für Wohltaten üble Nachreden dulden. Aber alle diese unwürdigen Schlechtigkeiten müssen sie herunterschlucken und dürfen darum ihr Wirken nicht einstellen, weil sie ja wissen, dass es ihnen vom Herrn aufgetragen ward und darum ihm wohlgefällig ist.

30 Und über vierzig Jahre erschien ihm in der Wüste an dem Berge Sinai der Engel des Herrn in einer Feuerflamme im Busch. 31 Da es aber Mose sah, wunderte er sich des Gesichtes. Als er aber hinzu ging, zu schauen, geschah die Stimme des Herrn zu ihm: 32 Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Mose aber ward zitternd und wagte nicht anzuschauen. 33 Aber der Herr sprach zu ihm: Zeuch die Schuhe aus von deinen Füßen; denn die Stätte, da du stehest, ist heilig Land. 34 Ich habe wohl gesehen das Leiden meines Volks, das in Ägypten ist, und habe ihr Seufzen gehöret und bin herabkommen, sie zu erretten. Und nun komm her, ich will dich nach Ägypten senden.

V. 30. Und über vierzig Jahre usw. Da Mose kein unempfindlicher Mensch war, kann ein jeglicher wohl verstehen, wie vieles ihm in den Sinn kommen konnte, was den Glauben an seine Berufung wankend machen konnte. Satans Künste sind trügerisch und wir von Natur zum Misstrauen nur zu geneigt; alle Zweifel an Gottes Wort, die sich einschleichen, lassen wir leicht zu. Es war eine harte Veränderung, aus den Vergnügungen des Hofes und einem glänzenden Leben zu dem schmutzigen und mühevollen Amt eines Hirten herabgestoßen zu werden. Und besonders da Mose eine so lange Zeit verfließen sah und sich inzwischen in der Einsamkeit fand, konnte er kaum etwas anderes annehmen, als dass es ein trügerisches Nichts war, was Gott ihm verheißen hatte. Da er schon achtzig Jahre alt war und noch immer das Vieh seines Schwiegervaters weiden musste, für welchen Zeitpunkt sollte er denn hoffen, dass seine Arbeit zur Befreiung des Volks würde gebraucht werden? Solche Kämpfe der Frommen sich beständig zu vergegenwärtigen und dem Gedächtnis tief einzuprägen, ist nützlich, damit unsere Seele nicht verzage, wenn uns der Herr länger, als wir wünschen, in der Erwartung hält. Zum anderen gab Mose dadurch ein herrliches Beispiel von Bescheidenheit, dass er in der ganzen Zwischenzeit sich nicht abängstigt, noch Unruhe hervorruft, noch sich auf irgendeine Weise zu einer hervorragenden Stellung drängt, wie unruhige Menschen zu tun pflegen; er widmet sich dem Hirtenamt, als wäre er niemals zu einer größeren Aufgabe berufen worden. Während er aber ruhig wartet, erscheint ihm der Herr zur rechten Zeit.
Erschien ihm der Engel des Herrn. Es fragt sich, wer dieser Engel war, zum anderen, ob er sich unter der Gestalt eines solchen sehen ließ. Denn Lukas legt dem Engel, von dem er jetzt spricht, alsbald die Rede in den Mund: „Ich bin der Gott Abrahams“ usw. Man könnte vielleicht sagen, dass der Engel, der im Namen Gottes redet, sich auch wie Gott gebärdet und seine Befehle gleichsam wörtlich als aus Gottes Munde vorträgt. So zu reden ist auch den Propheten geläufig. Da aber Lukas nachher (V. 36) erklärt, dass eben unter der Führung dieses Engels Mose das Volk befreit habe, und Paulus verkündet (1. Kor. 10, 2), dass Christus jener Führer gewesen sei, so brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, dass der Engel für sich in Anspruch nimmt, was allein Gott zusteht. Wir wollen auch feststellen, dass von Anbeginn aller Verkehr Gottes mit den Menschen sich durch Christus vermittelt. Denn wir kommen nicht an Gott heran, wenn nicht der Mittler zugegen ist, der ihn uns zum Freunde macht. So liefert diese Stelle einen klaren Beweis für Christi ewige Gottheit und lehrt, dass er gleichen Wesens mit dem Vater ist. Übrigens ist gewiss, dass Gott niemals den Menschen erschien, wie er an sich ist, sondern immer unter einer Gestalt, die ihrem Fassungsvermögen sich anpasst. – Es bleibt noch einiges über den brennenden Busch zu sagen. Es ist geläufig, dass Gott die Dinge unter wegen ihrer Ähnlichkeit passenden Zeichen darstellt, wie dies regelmäßig bei den Sakramenten der Fall ist. Es konnte nur dem Mose im gegenwärtigen Zeitpunkt nichts gezeigt werden, was geeigneter gewesen wäre, seinen Glauben zu stärken. Er wusste, in welchem Zustand er sein Volk verlassen hatte. War dasselbe auch eine ungeheure Zahl von Menschen, so war es doch einem Busch nicht unähnlich. Denn je dichter und mit eng stehenden Zweigen besetzt ein Busch ist, umso bessere Nahrung bietet er der Flamme, so dass der Brand durch alle seine Teile wütet; so war der schwache Haufe des israelitischen Volkes jedem Unrecht ausgesetzt, der unkriegerischen Menge wurde gerade ihre große Zahl zur Beschwer; sie hatte Pharaos Wut lediglich durch ihr glückliches Wachstum entzündet. So ist das Volk, auf welchem harte Tyrannei lastete, gleichsam ein Haufe von Holz, den auf allen Seiten der Brand ergreift; dass es nicht alsbald in Asche verwandelt wird, hindert allein die Gegenwart des Herrn, der in seiner Mitte thront. War die Verfolgung damals auch besonders brennend, so wird darin doch die ständige Lage der Gottesgemeinde abgebildet, die in der Welt niemals von Bedrückung ganz unverschont und frei ist. Denn was sind wir anders als Futter für die Flamme? Zahllose Fackeln Satans fliegen immerzu, die neues Feuer an die Leiber und die Seelen legen; aber der Herr in seiner wunderbaren und unvergleichlichen Gnade behütet und schützt uns vor dem Verzehrtwerden. So lesen wir es auch im 46. Psalm (V. 6): „Gott ist bei ihr drinnen.“
V. 31. Da es aber Mose sah usw. Gott, das sollen wir wissen, pflegte derartig mit den Vätern zu handeln, dass sie seine Majestät sicher erkennen mussten. Es sollte ein klarer Unterschied sein zwischen den Gesichten, die er ihnen gewährte, und den Trügereien des Satans, der ja einst alle Heiden irreführte, wie noch heutzutage die Papisten. Denn alle Wunder des Aberglaubens, alle wahnsinnigen Erdichtungen des Irrtums, wie sie einst im Schwange gingen und noch immer unter dem Papsttum herrschen, sind aus Träumen, Erscheinungen und falschen Offenbarungen entsprungen. Derartige Illusionen haben ja auch die Wiedertäufer. Es ist also das einzige Heilmittel, dass Gott die Gesichte, die er gibt, durch bestimmte Merkmale auszeichnet. Wir werden ja über die Gefahr des Irrtums erhoben sein, wenn er uns seine Majestät offenbart. Darum verwundert Mose sich zuerst, dann tritt er zu genauerer Betrachtung hinzu. Nach dem näheren Herantreten aber erfasst ihn der Herr noch tiefer durch die lebendige Empfindung seiner Gegenwart, so dass er erzittert. Gewiss macht alles dies irgendwie auch der Satan nach, aber in verkehrter Weise wie ein Affe. Und der Herr offenbart sich nicht bloß durch derartige Zeichen, sondern nimmt auch Rücksicht auf unser stumpfes Wahrnehmungsvermögen, damit wir nicht getäuscht werden. Endlich prägt der heilige Geist die Zeichen und Zeugnisse der göttlichen Gegenwart in unser Herz, so dass kein Zweifel mehr bleibt.
V. 32. Ich bin der Gott deiner Väter. Jetzt sehen wir, zu welchem Zweck Mose das Gesicht zuteil ward: es sollte dem Worte Gottes seine gewisse Autorität werden. Denn Gesichte würden wenig nützen, wenn nicht die Lehre hinzukäme. Sie kommt aber nicht als eine Nebensache hinzu, sondern als Grund und Zweck aller Gesichte. Dass sich der Herr aber als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bezeichnet, hat einen doppelten Grund. Gottes unbegrenzte Majestät müsste unsere Sinne verschlingen, wenn wir sie begreifen wollten; wir müssten vergehen, wollten wir versuchen, ihr zu nahen. So schmückt und kleidet er sich mit Titeln, unter denen wir ihn begreifen können. Bemerkenswert aber ist, dass Gott solche Titel wählt, durch die er uns zu seinem Wort leitet. Er nennt sich den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, weil er bei ihnen die Lehre des Heils niederlegte, durch die er der Welt bekannt werden will. Zugleich aber blickt diese Selbstbezeichnung Gottes auf die gegenwärtige Lage. Denn dieses Gesicht, die Hoffnung auf Befreiung des Volks, und er Befehl, den Mose empfangen sollte, hingen von dem Bund ab, den Gott einst mit den Vätern geschlossen hatte. So wird der Verdacht verscheucht, als handle es sich um etwas Neues, und es wird Mose Mut gemacht, auf die Erlösung zu hoffen, die auf Gottes alte Verheißung sich gründet. Diese herrliche Bezeichnung bedeutet also etwa, als hätte Gott gesprochen: Ich, der ich einst euren Vätern verheißen habe, für ihr Heil sorgen zu wollen, der ich Abrahams Geschlecht durch einen Bund freier Gnade in meine Obhut nahm, ja, der ich schon den Zeitpunkt bestimmte, eures Volkes Knechtschaft zu endigen, erscheine dir jetzt, um meine Worte wahr zu machen. So müssen sich heute alle Gottesverheißungen, sollen sie anders beständig und fest sein, auf das Fundament stützen, dass Gott uns in Christus zu Kindern annahm und versprach, unser Vater und Gott zu sein. Übrigens folgert Christus aus unserer Stelle mit gutem Grunde, dass die Frommen ein Leben nach dem Tode haben werden (Mt. 22, 32). Denn wenn der ganze Mensch im Tode zugrunde ginge, wäre es töricht zu sagen: Ich bin der Gott Abrahams. Nehmen wir an, Rom existierte nicht mehr, - wäre dann ein Mensch nicht lächerlich, der sich als römischen Konsul bezeichnete? Die beiden Glieder müssen doch einander entsprechen. Auch ein weiterer Grund kommt in Betracht: da Gott Leben und Tod in Händen hat, wird er ohne Zweifel diejenigen am Leben erhalten, denen er ein Vater sein will und die er zu seinen Kindern zählt. Darum sind Abraham, Isaak und Jakob zwar nach dem Fleisch gestorben, leben aber nach dem Geist bei Gott.
Mose aber ward zitternd. Es scheint ungereimt, dass ein so trostvolles Wort mehr erschreckend als erfreuend wirkt. Dass aber Mose durch Gottes Gegenwart erschreckt wurde, brachte den Nutzen, dass er noch ehrfürchtiger gestimmt ward. Es war auch nicht Gottes Stimme allein, die ihn erschütterte, sondern seine Majestät, deren Zeichen er in dem brennenden Busch erblickte. Sollen wir uns wundern, dass ein Mensch bei Gottes Anblick erzittert? Namentlich aber wollen wir uns erinnern, dass auf diese Weise die Gemüter zu Furcht und heiliger Scheu zubereitet werden, wie es heißt (2. Mos. 20, 20): „Ihr habt die Zeichen gesehen und den Hall der Posaune gehört, auf dass Gottes Furcht euch vor Augen wäre.“ Freilich könnte jemand einwenden: warum wagt Mose jetzt in seinem Zittern nicht anzuschauen, der doch zuvor unbedenklich hinzutrat? Ich antworte, dass uns mit Recht desto größere Furcht ergreift, je näher wir zum Herrn treten und je stärker seine Herrlichkeit leuchtet. Übrigens bringt Gott Mose aus keinem anderen Grunde zum Erzittern, als um ihn gehorsamer zu machen. So war diese Furcht auch eine passende Vorbereitung zu größerer Zuversicht. Darauf zielt auch das folgende Wort (V. 33): Zeuch die Schuhe aus. Mose wird durch dies Zeichen erinnert, Gottes Befehle in Ehrfurcht aufzunehmen und ihm in jeder Hinsicht die schuldige Ehre zu leisten.
Die Stätte ist heilig Land. Durch diese rühmende Bezeichnung des Ortes will Gott Moses Sinn gleichsam zum Himmel emporheben, damit er nichts Irdisches gedenke. Es fragt sich aber, woher dem Orte diese Heiligkeit kommt. War er doch vor diesem Tage nicht heiliger als andere. Ich antworte, dass die Ehrerbietung der Gegenwart Gottes nicht dem Orte gilt, und dass dessen Heiligkeit um der Menschen willen gepriesen wird. Denn wenn Gottes Gegenwart die Erde heiligt, eine wie viel größere Wirkung müssen Menschen von ihr empfangen! Zugleich aber müssen wir uns merken, dass Gott, auch wenn er den Ort für eine Zeit derartig auszeichnete, doch seine Herrlichkeit keineswegs an denselben band. So hat Jakob dem Herrn einen Altar in Bethel errichtet, als derselbe dort ein Zeichen seiner Gegenwart gegeben hatte (1. Mos. 35, 7). Wenn aber die Nachkommen dieses nachahmten, entstand ein verkehrter Gottesdienst. Endlich wird allein um Moses willen der heilig genannt, damit er sich besser zur Furcht Gottes und eifrigem Gehorsam rüste. Jetzt, da uns Gott in Christus allenthalben seine Gegenwart anbietet, und zwar nicht unter dunklen Bildern, sondern in vollem Licht und gewisser Wahrheit, müssen wir nicht bloß die Schuhe ablegen, sondern uns selbst ganz ausziehen.
V. 34. Ich habe wohl gesehen usw. Jetzt verheißt Gott, dass er des Volks Erlöser sein wolle. Damit setzt er Mose von neuem als Diener ein, weil ja die frühere Verheißung durch die lange Zwischenzeit unterbrochen war. Dass Gott unsere Leiden ansieht, bedeutet, dass er sich um uns kümmert und für unser Wohlergehen zu sorgen anfängt. Umgekehrt heißt es, dass er die Augen schließe und uns den Rücken wende, wenn er unsere Sache zu vernachlässigen scheint. Die gleiche Bewandtnis hat es mit der Aussage, Gott sei herabgekommen. Es ist durchaus nicht nötig, dass Gott sich vom Ort bewege, um Hilfe zu bringen; denn seine Hand erstreckt sich durch Himmel und Erde. Die Redeweise ist aber unserem Verständnis angepasst. Denn solange Gott die Bedrängnis des Volks nicht erleichterte, schien er fern zu sein und irgendetwas anderes im Himmel zu besorgen. Jetzt kündigt er an, dass die Kinder Israel seine Nähe spüren sollen. Dies alles zielt darauf, dass Mose über den Willen Gottes gewiss werden, sich darum ohne Bedenken seiner Führung anvertrauen und mit umso größerer Zuversicht die Befreiung des Volks in die Hand nehmen soll, weil er weiß, dass es sich um Gottes Werk handelt. Bemerkenswert ist auch die Aussage, dass Gott das Seufzen gehöret habe. Denn wenn er sieht, dass arme Leute ungerecht unterdrückt werden, besonders aber, wenn wir unsere Seufzer und Klagen in seinen Schoß ausschütten, wird er zum Mitleid bewegt. Immerhin könnte das Seufzen, wie auch sonst öfter, blinde und verwirrte Klagen bedeuten sollen, die man nicht an Gott richtet.

35 Diesen Mose, welchen sie verleugneten und sprachen: Wer hat dich zum Obersten und Richter gesetzt? den sandte Gott zu einem Obersten und Erlöser durch die Hand des Engels, der ihm erschien im Busch. 36 Dieser führte sie aus und tat Wunder und Zeichen in Ägypten, im Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre. 37 Dies ist Mose, der zu den Kindern von Israel gesagt hat: Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern gleichwie mich; den sollt ihr hören.

V. 35. Stephanus übergeht vieles und eilt zu seinem Hauptziel, den Juden einzuprägen, dass ihre Väter nicht erlöst wurden, weil sie es durch ihre Frömmigkeit verdient hätten, sondern dass diese Wohltat unwürdigen Leuten geleistet ward, sodann dass jene ersten Anfänge auf Vollkommeneres hoffen ließen. Als Mose schon als der von Gott verordnete Rächer und Erlöser bereit stand, versperrten sie ihm den Weg. Nun erlöst sie Gott gleichsam wider ihren Willen. Was über Wunder und Zeichen beigefügt wird, will einerseits Gottes Gnade rühmen, anderseits Moses Berufung ins Licht setzen. Sicherlich ist es wunderbar, dass Gott sich herabließ, um eines so undankbaren Volkes willen seine Kraft in mancherlei Wundern zu offenbaren. Er verschafft aber damit seinem Knechte die nötige Autorität. Wenn also darnach die Juden ihm geringere Ehre erwiesen, ihn bald mit Schelten von sich jagen wollten, bald ihn verschmähen, bald mit ihm streiten oder wider ihn bellen, bald im Aufruhr wider ihn aufstehen, so verraten sie darin ebenso ihre Bosheit wie gottlose Verachtung der göttlichen Gnade. Und das unwürdige Verhalten stieg fortwährend, so dass Gott in wunderbarer Geduld mit einem so verkehrten und widerspenstigen Volk streiten musste.
Zu einem Obersten und Erlöser. Hier muss man Gegensätze zwischen den Zeilen lesen, welche das Verbrechen des Volks noch steigern. Sie würden dem Mose gehorcht haben, wenn er ihnen vom tyrannischen König als Richter gesetzt worden wäre; da Gott ihn aber aufstellt, und zwar als Erlöser, verachtet und verschmäht man ihn stolz. Diese Auflehnung gegen seine Herrschaft ist Frevel, die Verwerfung der Gnade dazu noch Undank. Übrigens will Gott mit diesem Ehrentitel, den er Mose gibt, die ihm schuldige Ehre nicht auf einen Menschen übertragen, noch sein eignes Recht in irgendeinem Stück mindern. Mose heißt „Erlöser“ nur insofern, als er Gottes Diener ist. So bleibt der Ruhm für das ganze Werk ungeschmälert dem einigen Gott. Darauf deutet es auch, dass Mose sein Befreieramt durchführte durch die Hand des Engels. Dadurch wird er Christus unterworfen, unter dessen Leitung und Führung er Gott seinen Gehorsam erweist. Denn die Hand kommt hier nicht als dienende, sondern als leitende in Betracht. Wenn also Gott den Dienst Mose gebrauchte, war Christi Kraft doch über ihm, wie er auch heute die Oberleitung in der Hand behält, wenn er für das Heil seiner Gemeinde sorgt. Braucht er Menschen als Diener, so hängen doch die Kraft und Wirkung allein von ihm ab.
V. 37. Einen Propheten wird euch der Herr erwecken. Diese Worte wollen ohne Zweifel besagen, dass Christus des Gesetzes Ende ist. Schon früher (zu 3, 22) haben wir uns darüber geäußert, inwiefern dies Zeugnis angewendet werden kann. Mose erklärt, das Volk brauche nicht nach Zauberern und Wahrsagern auszuschauen, da Gott es ihm nie an Propheten werde fehlen lassen, die es treulich unterrichten. Nun ist aber gewiss, dass der Dienst der Propheten, wie auch des Gesetzes, nur für die Zeit währen sollte, bis Christus der Welt die vollendete Weisheit brachte. Stephanus meint also, dass Mose, wenn er auf einen andren Lehrer empfehlend hindeutet, das Volk nicht an sich allein binden will. Und eben darum fügt er Moses Zeugnis ein, um zu zeigen, dass sie ihn, den sie mit vollen Backen als ihren einzigen Lehrer rühmten, nach seinem Tode nicht minder unwürdig verachten als einst, da sie ihn bei seinen Lebzeiten frevelhaft und aufsässig verschmähten. Denn wer Mose glaubt, kann sich nicht weigern, ein Jünger des Christus zu werden, den jener verkündet hat.

38 Dieser ist´s, der in der Gemeine in der Wüste mit dem Engel war, der mit ihm redete auf dem Berg Sinai und mit unsern Vätern; dieser empfing lebendige Worte, uns zu geben; 39 welchem nicht wollten gehorsam werden eure Väter, sondern stießen ihn von sich und wandten sich um mit ihrem Herzen nach Ägypten 40 und sprachen zu Aaron: Mache uns Götter, die vor uns hingehen; denn wir wissen nicht, was diesem Mose, der uns aus dem Lande Ägypten geführet hat, widerfahren ist. 41 Und machten ein Kalb zu der Zeit und brachten dem Götzen Opfer und freueten sich der Werke ihrer Hände.

V. 38. Stephanus fährt fort, von der Schlechtigkeit des Volks zu erzählen, welches trotz so vieler Wohltaten seines Gottes denselben doch unaufhörlich und böswillig von sich stieß. Waren sie zuvor unbotmäßig und wenig dankbar, so hätte wenigstens die wunderbare Befreiung ihnen einen gesunden Sinn schaffen müssen. Aber sie blieben sich immer gleich. Diese vielen Wunder hätten ihnen billigerweise nicht bloß im Herzen haften, sondern auch vor Augen stehen müssen. Sie vergessen aber alles und wenden sich plötzlich wieder zum Aberglauben Ägyptens. Die harte Knechtschaft war noch frisch in ihrem Gedächtnis; sie ziehen aber die Tyrannen, die sie mehr als unmenschlich bedrückt hatten, ihrem Befreier vor. Der Hinweis, dass Mose in der Wüste mit dem Engel war, lässt ihr Verbrechen noch viel schlimmer erscheinen. Wenn Mose nicht abstand, sie unter der Leitung und dem Schutz des Engels durch die Wüste zu führen, so lässt sich schließen, wie verstockt und unheilbar ihr verkehrtes Wesen war. Es war ein Wunder von Aufsässigkeit, dass sie sich durch so viele Übel und selbst durch den Anblick des Todes nicht demütigen ließen. Man widerstand ja auch dem Mose nicht als einem Privatmann, sondern lehnte sich in verbrecherischer Untreue gegen die göttliche Leitung auf. Dass der Engel mit ihm redete, kann von dem ersten Gesicht verstanden werden, durch welches Mose zum Befreier des Volks berufen ward, oder von den Worten, welche Gott nach dem Durchzug durchs Rote Meer zu ihm redete. Denn der mit Mose zu reden anhob, um ihn nach Ägypten zu senden, hat seine Ansprachen auch später fortgesetzt, bis das Werk vollendet war.
Dieser empfing lebendige Worte. Darauf ruht die Autorität der Lehre Moses, dass er nichts vorbrachte, als was ihm von Gott zukam. Daraus folgt, dass die Juden, wenn sie seine Person angriffen, sich gegen Gott auflehnten. So eifern war ihre Schlechtigkeit. Es fragt sich aber, wieso das Gesetz ein lebendiges Wort heißen kann, welches doch Paulus als ein Amt des Todes und die Kraft der Sünde bezeichnet (2. Kor. 3, 7). Man könnte das Wort lebendig durch „wirksam“ erklären. So wäre die Meinung, dass das Wirken des Gesetzes durch menschlichen Widerspruch nicht aufgehalten werden könne, und jede Schwierigkeit wäre gehoben. Indessen deute ich „lebendig“ doch als lebendig machend. Denn indem das Gesetz als die vollkommene Regel eines heiligen und frommen Lebens zeigt, was vor Gott recht ist, kann es durchaus als eine Lehre des Lebens und Heils bezeichnet werden. Im Gesetz hat Mose, wie er feierlich bezeugt (5. Mos. 30, 19), Leben und Tod vorgelegt. Und bei Hesekiel (20, 21) klagt Gott, dass man sein gutes Gesetz verletzt habe, die guten Gebote, von denen er gesprochen hatte: „Wer sie tut, wird darin leben.“ Das Gesetz also birgt Leben in sich. Dass es zum Amt des Todes wird, ist eine Nebenerscheinung, die infolge der verderbten Natur des Menschen auftritt. Denn das Gesetz erzeugt die Sünde nicht, sondern findet sie in uns vor. Außerdem aber scheint Stephanus noch etwas Tieferes zu meinen; denn er redet nicht von den bloßen Geboten, sondern denkt an Moses gesamte Lehre, in welcher auch die Heilsverheißung, also Christus selbst, das einzige Leben und Heil der Menschen, eingeschlossen ist. Wir haben uns zu erinnern, mit welcherlei Menschen Stephanus sich auseinandersetzen musste. Sie waren von einem falschen Eifer für das Gesetz beseelt, hängten sich lediglich an den toten und todbringenden Buchstaben; warum eben wüteten sie gegen Stephanus, weil er Christus im Gesetz suchte, der ja auch in Wahrheit des Gesetzes Seele ist. Er gibt also ihrer sündhaften Unwissenheit einen Hieb und will sagen, dass etwas Größeres und Herrlicheres im Gesetz verborgen liegt, als sie bis dahin wussten. Ihre fleischliche Art gab sich mit dem äußeren Schein zufrieden und suchte nichts Geistliches im Gesetz, ließ auch nicht zu, dass man es ihnen zeigte.
Uns zu geben. Damit tritt Stephanus der Verleumdung entgegen, mit der man ihn fälschlich belastete. Denn wenn er sich dem Joch des Gesetzes unterwirft und als einen Schüler Moses sich bekennt, kann er doch unmöglich andere davon abspenstig machen; ja, er wendet das ihm vorgeworfene Verbrechen auf die Urheber der Verleumdung zurück. Er erhebt den Vorwurf, der das Volk insgesamt trifft, dass die Väter dem Gesetz nicht gehorchen wollten. Dabei erinnert er, dass Mose nicht bloß seinem Zeitalter als Prophet gegeben war, sondern dass seine Autorität auch nach seinem Tode noch bei den Nachkommen gelten sollte. Denn die göttliche Lehre darf nicht mit ihren Dienern vergehen und beseitigt werden. Was wäre unstimmiger, als dass die Lehre sterben sollte, die uns Unsterblichkeit verleiht? So haben wir auch für unsere Zeit zu sagen, dass die Propheten und Apostel nicht minder zu uns als zu ihren Zeitgenossen reden. Ihre schriftlich hinterlassene Lehre hat bleibende Kraft, weil man dabei mehr auf Gott als den Urheber als auf die menschlichen Diener sehen muss. So enthält unser Satz die Erinnerung, dass wir Gottes Rat verwerfen, wenn wir das für uns bestimmte Wort verwerfen.
V. 39. Dass die Väter Mose verwarfen, wird darauf zurückgeführt, dass sie sich mit ihrem Herzen nach Ägypten umwandten. Es war dies eine schreckliche und mehr als blinde Raserei, sich nach dem Aberglauben, den Sitten und Einrichtungen Ägyptens zurückzusehnen, wo sie noch vor kurzem so Schweres hatten leiden müssen. Die Meinung ist nicht, dass sie nach Ägypten zurückzukehren wünschten, sondern dass sie ihre Herzen zu jenen verderblichen Dingen zurückwandten, an deren keines sie ohne den äußersten Abscheu und Hass hätten denken dürfen. Gewiss haben die Juden auch einmal die Frage nach Rückkehr aufgeworfen, aber an diese Geschichte denkt Stephanus jetzt nicht. Er spricht von ihrer inneren Widerspenstigkeit. Nachdem sie unter Gottes Führung den rechten Weg betraten, sprangen sie plötzlich ab, gleichwie ein aufsässiges Pferd seinen Reiter nicht mehr tragen will und sich frech rückwärts wendet.
V. 40. Mache uns Götter. Obwohl die Juden in mannigfacher Weise ihre Herzen rückwärts wandten, wählt Stephanus doch nur ein vor anderen denkwürdiges Beispiel schmählicher und abscheulicher Untreue aus: sie machten sich ein Kalb, das sie an Gottes Statt verehrten. Man kann nichts Schimpflicheres ersinnen als diese Undankbarkeit. Sie geben zu, dass sie aus Ägypten erlöst sind, leugnen auch nicht, dass dies durch Gottes Gnade und Moses Dienst geschah; dabei verwerfen sie aber den, der so großes Gut gab, samt seinem Diener ohne Scheu. Und unter welchem Vorwand? Sie wissen angeblich nicht, was diesem Mose geschehen sei. Doch wissen sie sehr wohl, dass er auf dem Berge ist. Wie er dorthin ging, haben sie ihn mit ihren Augen verfolgt, bis Gott ihn mit der Wolke umhüllte und zu sich kommen ließ. Sie wissen ferner, dass Mose ihnen zugut abwesend war und versprochen hatte, zur gegebenen Zeit zurückzukehren, um das von Gott gegebene Gesetz ihnen zu bringen. Er hatte sie nur ein wenig warten heißen. Da erregen sie nach kurzer Zeit plötzlich einen unverständigen und unbegründeten Aufruhr. Um aber ihre Raserei mit einem vernünftigen und ehrbaren Schein zu umhüllen, wollen sie Götter gegenwärtig haben, als ob ihnen Gott bis zur Stunde noch kein Zeichen seiner Gegenwart gegeben hätte. Und doch ließ sich seine Herrlichkeit an jedem Tage in der Wolke und der Feuersäule sehen. Diese Stelle zeigt mit besonderer Deutlichkeit den Quell, aus dem alle Art von Aberglauben seit Anbeginn geflossen ist, insbesondere wie man zuerst zur Herstellung von Götzenbildern kam: der fleischliche Mensch will Gott für sein fleischliches Begriffsvermögen gegenwärtig haben. Gott kommt ja unserem schwachen Verständnis insofern entgegen, als er sich unter Bildern gleichsam sichtbar anbietet. Solche Symbole, die seine Gegenwart bezeugten, gab es unter dem Gesetz viele. Heute lässt er sich durch Taufe und Abendmahl, ja durch die äußere Predigt des Worts zu uns herab. Die Menschen sündigen aber in doppelter Weise. Ee

rstlich begnügen sie sich nicht mit den von Gott verordneten Mitteln, schaffen immer neue Gebilde und überschreiten ohne Scheu die von ihm gezogenen Schranken. Es kann aber keine wahre Darstellung Gottes geben außer der, die er selbst verordnet hat. Daran schließt sich der zweite, nicht minder unerträgliche Fehler, dass der menschliche Verstand, der nur rohe und irdische Gedanken über Gott fasst, alle Zeichen seiner Gegenwart ins grobe verkehrt. So treibt er nicht bloß ein sündhaftes Spiel mit selbst gemachten Götzenbildern, sondern verkehrt auch, was Gott eingesetzt hat, in sein Gegenteil und verderbt es. Freilich ist Gott, wie ich sagte, zu uns herabgestiegen, aber mit der Absicht, uns in den Himmel zu erheben. Wir aber, die wir an der Erde haften, wollen auch ihn auf der Erde haben. Auf diese Weise wird seine himmlische Herrlichkeit entstellt, und es erfüllt sich allezeit, was die Israeliten hier sagen: Mache uns Götter! Denn jeder, der Gott nicht im Geist anbetet, macht sich einen neuen Gott. Wenn aber alles genau erwägt, wollen die Israeliten doch nicht einen selbst gemachten Gott haben, wähnen vielmehr unter dem Bilde des goldenen Kalbes den wahren und ewigen Gott zu besitzen. Denn sie wohnen in allem Ernst den angesagten Opfern bei und stimmen zu, wenn Aaron verkündet, hier seien die Götter, die sie aus Ägypten geführt haben. Gott aber hält sich mit jenen abgeschmackten Einbildungen nicht auf, sondern klagt, dass man fremde Götter an seine Stelle setze, sobald die Menschen auch nur im Geringsten von seinem Wort abweichen.
V. 41. Und machten ein Kalb. Warum gerade dieses Bild ihnen gefiel, lässt sich aus dem Vorangehenden leicht ersehen. Unter all den Götzenbildern, von denen es in Ägypten wimmelte, stand bekanntlich der Stier in besonderen Ehren. Dass man sich nach einem Götzenbild sehnte, kam nun, wie Stephanus schon sagte, lediglich daher, dass man das Herz wieder nach Ägypten gewandt hatte. Bemerkenswert ist der Ausdruck, dass sie dem Götzen Opfer brachten. Sie hatten im Sinn, den Herrn unter dem Bilde des Kalbs zu verehren. Aber weil sie durch Herstellung des Götzenbildes den wahren Gott verlassen haben, wird alles, was noch folgt, so angesehen, als sei es dem Götzen gegeben; denn Gott verschmäht alle verunreinigte Verehrung.
Und freueten sich der Werke ihrer Hände. Diese Redeweise ist aus Jesaja (2, 8), sowie den Propheten überhaupt entnommen, welche den Juden übereinstimmend vorwerfen, dass sie an ihren Gemächten sich ergötzen. Sicherlich ist es ein wunderbarer Wahnsinn, wenn in göttlichen Dingen die Menschen beanspruchen, selbst etwas schaffen zu können. Dass sie sich freuen, verstehe ich von dem feierlichen Tanz, von dem Mose im 32. Kapitel seines zweiten Buchs berichtet. Doch deutet Stephanus auf einen allgemeinen Fehler, an welchem die Götzendiener leiden. Denn da in der Religion Menschen nichts unternehmen dürfen, als was Gott vorschreibt, erwählen sie mit allem, was sie unter Zurücksetzung des göttlichen Worts sich selbst ausdenken, die Werke ihrer Hände. Stephanus aber zeigt, dass sie in demselben Maße, wie sie sich in ihrer Willkür gefallen, dem Herrn missfallen. Denn was die Menschen selbst ersinnen, ist eine Entweihung und ein Raub am Heiligtum.

42 Aber Gott wandte sich und gab sie dahin, dass sie dieneten des Himmels Heer; wie denn geschrieben steht im Buch der Propheten: „Habt ihr vom Hause Israel die vierzig Jahre in der Wüste mir auch je Opfer und Vieh geopfert? 43 Und ihr nahmet die Hütte Molochs an und das Gestirn eures Gottes Remphan, die Bilder, die ihr gemacht hattet, sie anzubeten; und ich will euch wegwerfen jenseit Babylon.“

V. 42. Hier erinnert Stephanus, dass die Juden zu sündigen nicht aufhörten, sondern immer weiter zu sündhaften Irrungen ausschweiften: der erste Fall war gleichsam der Eintritt in ein Labyrinth. Er setzt es aber auf Rechnung gerechter göttlicher Rache, dass von der Zeit an der Wahnsinn stieg, so dass sie sich statt eines Götzenbildes unzählige schafften. Dies Beispiel mahnt uns, peinlich bei Gottes Regel zu bleiben; denn die geringste Abweichung verwickelt uns in massenhaften Aberglauben und in einen wüsten Haufen von Irrtum. Das ist die gerechte Strafe Gottes für die Menschen, die seinem Worte zu gehorchen sich weigern. Darum sagt Stephanus: Gott wandte sich, d. h. er wandte den Rücken. Denn er richtete gleichsam seine Augen auf das Volk, solange er seine besondere Fürsorge in dessen Leitung bewies. Jetzt ist er durch den Abfall beleidigt und wendet sein Antlitz anderswohin. Daraus können wir zugleich schließen, dass wir auf dem rechten Weg nur verharren, solange der Herr über uns wacht und uns leitet. Wendet er sein Angesicht ab, so werden wir alsbald in Irrtümer gezogen. Schon als die Kinder Israel das Kalb machten, waren sie von Gott verlassen. Stephanus aber will an eine strenge Strafe erinnern und sagen, dass sie jetzt in gänzlich verworfenen Sinn gestoßen wurden, wie auch Paulus (Röm. 1, 28) lehrt, dass Leute, die dem ihnen geoffenbarten Gott nicht die Ehre gaben, durch seine gerechte Rache der Blindheit, dem Stumpfsinn und schändlichen Lastern übergeben wurden. So ist es gekommen, dass seit der ersten Verunreinigung der Religion einem geringen Anfang von Aberglauben zahllose Gräuel, einer leichten Verderbnis wunderbar roher Götzendienst nachfolgten. Denn weil die Menschen das ihnen angezündete Licht vernachlässigten, machte Gottes gerechtes Gericht sie völlig stumpf, so dass sie kein richtigeres Urteil hatten als das stumme Vieh. An sich ist der Götzendienst sehr fruchtbar, so dass aus einem Götzen hundert gezeugt werden und aus einer Form des Aberglaubens tausend sich ergießen. Vollends groß aber wird der Wahnsinn der Menschen, weil Gott sich selbst rächt, indem er sie dem Satan übergibt; denn seitdem er uns in seine Leitung genommen, hat er sich in keinem Stück verändert; vielmehr ist es unser frecher Leichtsinn, der ihn uns entfremdet.
„Habt ihr mir auch geopfert?“ Diese Stelle ist aus Amos (5, 25 f.) entnommen. Die Ausdrucksweise des Stephanus deutet aber darauf, dass es überhaupt in dem Buch der Propheten so zu lesen steht. Nach einer heftigen Predigt gegen den Götzendienst und mancherlei Verbrechen des Volks sagt Amos, es sei kein neues Übel, dass die Juden sich wider Gott empören, weil schon ihre Väter noch in der Wüste die wahre Frömmigkeit verlassen hatten. Dass man ihm dort keine Opfer brachte, sagt der Herr nicht in dem Sinne, als hätte es überhaupt keine Opfer gegeben, sondern weil er die verunreinigte Verehrung verschmähte. So wirft er auch bei Jesaja (43, 22 ff.) dem Volk vor, dass es ihn mit keinen Opfern geehrt habe: „Mir hast du nicht gebracht Schafe deines Brandopfers, noch mich geehrt mit deinen Opfern. Ja, mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden“ usw. Was dann folgt, lässt sich sowohl auf die Väter als auf die Nachkommen beziehen.
V. 43. Und ihr nahmet die Hütte Molochs. Die Meinung dürfte die sein, dass Gott zuerst die Väter anklagte, nun aber in heftiger Steigerung hinzufügt, dass die Nachkommen immer schlimmere Formen des Aberglaubens häuften, indem sie immer neue und mannigfaltige Götzen schufen. Was der Prophet in Gottes Namen sagen will, ist etwa dies: Wenn ich mit dem frühesten Altertum anfange zu erzählen, wie euer Volk sich gegen mich betragen hat, o Haus Jakob, so haben schon in der Wüste eure Väter den von mir angeordneten Kultus zu verderben und zu verkehren begonnen, ihr aber habt ihre Gottlosigkeit noch übertroffen, indem ihr einen ungeheuren Schwarm von Göttern einführtet. Er bekräftigt das Zeugnis des Propheten treffend mit dem Hinweis, dass die Juden schon von gottlosen und widerspenstigen Vätern abstammten, dann aber unaufhörlich noch tiefer sanken. Übrigens weicht seine Rede von den Worten des Propheten einigermaßen ab, ohne dass der Sinn sich änderte. Wahrscheinlich hat Stephanus, der zu Juden redete, wörtlich in ihrer Sprache vorgetragen, was beim Propheten steht. Lukas aber, der griechisch schrieb, folgte der griechischen Übersetzung.
Die Bilder, die ihr gemacht hattet. Es mag sein, dass der Prophet in diesem Zusammenhang auch an Sternbilder denkt; er verurteilt aber ohne Zweifel die Gottesbilder, welche die Juden gemacht hatten, weil Gott unter einer sichtbaren und äußeren Gestalt nicht verehrt sein will. Damit wird eine törichte und kindische Spitzfindigkeit der Papisten widerlegt. Weil sie die Bilder und Statuen, die sie anbeten, nicht als Götzen gelten lassen, nennen sie ihren wahnsinnigen Kultus Bilderverehrung, nicht Götzendienst. Mit solcher Sophisterei spotten sie Gottes; und jeder einigermaßen verständige Mensch sieht, dass sie sich mit solchen Torheiten mehr als lächerlich machen.
Jenseit Babylon. Der Prophet spricht von Damaskus, und auch die griechische Übersetzung weicht nicht ab. Daher könnte der Name Babylon irrtümlich untergelaufen sein; doch ist in der Hauptsache kein Unterschied. Die Kinder Israel sollten nach Babel gebracht werden; weil sie aber das Königreich Syrien mit seiner Hauptstadt Damaskus als einen sicheren und uneinnehmbaren Hort betrachteten, kündigt der Prophet an, dass Damaskus den Herrn nicht hindern werde, sie weiter hinauszutreiben. Er will etwa sagen: solange ihr Damaskus als Bollwerk wider eure Feinde habt, haltet ihr euch für herrlich geschützt; aber Gott wird euch darüber hinausführen, nämlich nach Assyrien und Chaldäa.

44 Es hatten unsre Väter die Hütte des Zeugnisses in der Wüste, wie ihnen das verordnet hatte, der zu Mose redete, dass er sie machen sollte nach dem Vorbilde, das er gesehen hatte; 45 welche unsre Väter auch annahmen und brachten sie mit Josua in das Land, das die Heiden innehatten, welche Gott ausstieß vor dem Angesicht unsrer Väter, bis zur Zeit Davids. 46 Der fand Gnade bei Gott und bat, dass er eine Wohnung finden möchte dem Gott Jakobs. 47 Salomo aber baute ihm ein Haus. 48 Aber der Allerhöchste wohnet nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht: 49 “Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meiner Füße Schemel; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen? spricht der Herr; oder welches ist die Stätte meiner Ruhe? 50 Hat nicht meine Hand das alles gemacht?“

V. 44. Die Hütte des Zeugnisses. Hier zeigt Stephanus, dass den Herrn keine Schuld trifft, wenn die Juden mit allerlei Aberglauben sich befleckten, als hätte er sie ohne Zügel in der Irre gehen lassen. Er sagt, dass Gott angeordnet habe, wie er von ihnen verehrt sein wollte. So folgt, dass sie nur darum in so viele Irrtümer sich verstrickten, weil sie der von Gott vorgeschriebenen Form nicht folgen wollten. Dabei erhebt er einen doppelten Vorwurf: einmal, dass sie sich mit Gottes Regel nicht zufrieden gaben und leichthin fremde Kultusformen erdachten, zum anderen, dass sie auch beim Tempel und den von Gott eingesetzten Zeremonien nicht auf den rechten Zweck achteten. Denn während sie sich um Übungen geistlicher Gottesverehrung hätten handeln sollen, ergriffen sie in ihrem rohen Geist nur das Irdische und Fleischliche, den Schatten statt des Körpers selbst. Das Zelt war den Juden ein „Zeugnis“; darum war es lediglich ihre eigene, ausgelassene Frechheit, die sie zum Sündigen trieb. Da sie über die rechte Weise der Gottesverehrung rechtschaffen unterwiesen waren, war der Vorwand der Unwissenheit ihnen genommen. Das soll man sich wohl merken. Gott legt uns mit der Offenbarung seines Willens gleichsam einen Zügel an; biegen wir nach Empfang seines Befehls rechts oder links ab, so erwirken wir doppelte Schuld; denn ein Knecht, der seines Herrn Willen weiß und nicht tut, wird schwerer geschlagen werden. Dass Gott nichts billigt, als was er selbst verordnete, kommt in dem Wort Zeugnis zum Ausdruck. Das hebräische Wort bedeutet zwar auch eine festgesetzte Stätte oder Zeit oder eine Zusammenkunft von Menschen; aber der Grund der Bezeichnung, den wir bei Mose hören, weist in eine andere Richtung. Denn Gott wiederholt öfter (4. Mos. 25, 8. 22): Ich will dort mit euch zusammenkommen. Also war die Hütte durch den Bund und das Wort des Herrn geheiligt, und es erschallte ihnen dort beständig seine Stimme, so dass sie sich von allen gemeinen Orten unterschied.
Nach dem Vorbilde, das er gesehen hatte. Das zielt auf das zweite Stück, von dem ich sprach. Es kann jemand sich allein an die von Gott verordneten Zeremonien halten und ihn doch in verkehrter Weise ehren. Denn vor Gott haben die äußeren Gebräuche nur insoweit Wert, als sie Sinnbilder der himmlischen Wahrheit sind. Darum sollte der Bau des alttestamentlichen Zelts nach dem himmlischen Vorbild sich richten, damit die Juden wüssten, dass man nicht an äußeren Figuren hängen bleiben soll. Was aber jenes Vorbild bedeutet, von dem Mose spricht (2. Mos. 25, 40), möge man aus meiner Auslegung des Ebräerbriefs (8, 5) ersehen. Hier weist Stephanus nur kurz darauf hin, dass der Gottesdienst, der den Juden verordnet war, geistliche Art an sich trug, dass aber ihre fleischliche Stumpfheit ihn übel missdeutete. Wie wir also erstlich sagten, dass dem Herrn keine Verehrung genehm ist, als die auf seinen Befehl sich gründet, so wird uns hier als Erfordernis eines rechten Gebrauchs dieses Befehls eingeprägt, dass die geistliche Wahrheit dabei sei und die Schatten dem Körper weichen.
V. 45. Welche unsre Väter auch annahmen usw. Die Widerspenstigkeit des Volks erscheint in noch schlimmerem Lichte, weil in einer Zeit, da die Hütte bei ihnen war und sie dieselbe auf allen ihren Wanderungen mit sich führten, sie sich doch in Gottes Zeugnissen nicht festhalten ließen, sondern in treulosem Leichtsinn zu fremden und unheiligen Kultusformen griffen. Damit bezeugten sie, dass in ihrer Mitte ein Gott wohne, von dem sie doch so fern waren und den sie aus dem Erbe vertrieben, das er ihnen verliehen hatte. Dazu kommt, dass Gott sein Stiftszelt mit mancherlei Wundern schmückte; mehrere Stellen der heiligen Geschichte lassen ersehen, dass die Siege, welche die Juden gewannen, zur Bekräftigung seiner Würde dienen mussten. Sie mussten also durchaus verstockt sein, wenn sie immer wieder und unablässig von einer so vielfältig bekräftigten Gottesverehrung absprangen.
Bis zur Zeit Davids. Weilte die Lade des Herrn auch lange in Silo (1. Sam. 1, 24; 4, 3), so hatte sie doch bis zu Davids Thronbesteigung keinen bestimmten Sitz. Menschen wären auch nicht zuständig gewesen, ihr eine Stätte auszuwählen; man musste sie an dem Orte aufschlagen, den der Herr zeigen würde, wie Mose öfter erinnert. Als man sie von den Feinden wiedergewann, wagte auch David selbst nicht, sie in die Tenne Aravnas zu bringen, bis ihm der Herr durch einen Engel vom Himmel bezeugte (2. Sam. 24, 18), dass dort die von ihm erwählte Stätte sei. Mit gutem Grunde aber verrechnet es Stephanus als eine einzigartige Wohltat Gottes (V. 46), dass dem David die Stätte gezeigt ward, an welcher die Kinder Israel darnach den Herrn verehren sollten. So beglückwünscht sich David im 122. Psalm dazu als zu einem nicht gewöhnlichen Ding: „Ich freue mich, als man mir sagte: wir werden ins Haus des Herrn gehen, unsere Füße werden stehen in deinen Toren, Jerusalem.“ Das Priestertum war mit dem Königtum verbunden. Also wird mit dem festen Platz der Lade dem David auch der feste Bestand des Königtums gezeigt. Darum wird uns auch berichtet, wie ängstlich er dies wünschte; er verpflichtete sich mit feierlichem Gelübde, dass er nicht eher in seinem Hause wohnen, seinen Augen Schlaf und seinen Augenlidern Schlummer geben wolle, als bis er eine Stätte für den Herrn und eine Wohnung für den Gott Jakobs wisse (Ps. 132, 3). Nun wurde dem David die Stätte gezeigt (1. Kön. 5, 5), aber erst dem Salomo erlaubt, den Tempel aufzurichten.
V. 47 f. Salomo baute ihm ein Haus. Aber usw. Stephanus scheint dem Salomo vorzuwerfen, dass er Gottes Wesen nicht bedacht habe, als er den Tempel errichtete; und doch hat er jenes Werk nicht ohne Gottes Geheiß angegriffen. Auch eine Verheißung wurde hinzugefügt, in der Gott bezeugte, dass er den Seinen dort gegenwärtig sein wolle. Aber wenn Stephanus erklärt: der Allerhöchste wohnet nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, so wird damit Salomo durchaus nicht getroffen, der hinreichend anerkannte, dass Gott im Himmel sei und man seine Gedanken im Glauben dorthin erheben müsse. Dies hat er auch im Voraus in seinem feierlichen Gebet deutlich ausgesprochen (1. Kön. 8, 27): „Aller Himmel Himmel fassen dich nicht, wie sollte es dies Haus tun?“ Stephanus tadelt vielmehr das Volk, welches in seinem Stumpfsinn missbräuchlich an den Tempel glaubte, als wäre dadurch Gott ihnen verpflichtet. Das wird aus dem Zeugnis des Jesaja (66, 1), das er zugleich anfügt, noch deutlicher. Weil die Juden Gott nach ihrer eigenen Stimmung beurteilen, dachten sie abergläubisch ihn an den Tempel gebunden, und nachdem sie dort die Opfer und den äußeren Pomp abgemacht hatten, glaubten sie ihn versöhnt und ihnen sogar verpflichtet. Um diesen stumpfen Gedanken ihnen auszutreiben, verkündet Gott, dass er das All erfülle.
V. 49. Denn wenn er sagt: „Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meiner Füße Schemel“ , so will dies nicht so verstanden sein, als wäre er körperlich oder könnte nach Menschenweise in Stücke zerteilt werden, sondern, weil er unendlich ist, erklärt er, dass kein Ort ihn umspanne. Wer also aus seiner eigenen Natur auf Gott und seine Verehrung schließt, täuscht sich. Weil aber der Prophet mit Heuchlern zu tun hat, erörtert er nicht bloß Gottes Wesen, sondern lehrt allgemein, dass er den Menschen sehr ungleich ist und nicht wie sie durch den hohlen Schein dieser Welt sich blenden lässt. Hier erhebt sich nun wieder jene Frage, warum der Prophet verkündet, dass Gott keine Ruhestätte in der Welt habe, während doch anderwärts der Geist deutlich das Gegenteil sagt (Ps. 132, 14): „Dies ist meine Ruhe ewiglich.“ Ich antworte: Wenn Gott einst im Tempel und den Opfern Sinnbilder seiner Gegenwart stiftete, so tat er dies nicht, um dort Gott und seine Kraft anzuheften. Es war also verkehrt, wenn die Juden mit ihren Gedanken an den Sinnbildern hängen blieben und sich damit einen irdischen Gott zurechtmachten. Verkehrt war es auch, wenn man unter diesem Vorwand zügellos sündigte, als wenn man in bloßen Gebräuchen ein bequemes und leichtes Mittel zur Hand hätte, Gott zu versöhnen. So pflegt die Welt mit Gott zu spiele. Wenn Gott durch äußere Sinnbilder bezeugt, er wolle den Seinen gegenwärtig sein und in ihrer Mitte wohnen, so lädt er sie zur Erhebung ein und will in geistlicher Weise von ihnen gesucht werden. Die Heuchler aber, die in die Welt verstrickt sind, wollen Gott vielmehr vom Himmel herabziehen; und während sie nichts als bloße Figuren haben, blähen sie sich in törichter Zuversicht und lassen sich ruhig in ihren Sünden gehen. So bildet man sich heute im Papsttum ein, Christus sei in Brot und Wein beschlossen. Und nachdem sie dann ihren spielerischen Kultus dem Götzen gegenüber abgemacht haben, gehen sie in der stolzen Überhebung dahin, dass ihnen an engelhafter Heiligkeit nichts fehle. Alles in allem aber macht es die im Glauben ergriffene Verheißung, dass Gott als in seinem Tempel gegenwärtig uns erhört und seine Kraft in den Sakramenten wirken lässt; wenn wir aber nicht im Glauben zu ihm aufsteigen, haben wir seine Gegenwart durchaus nicht. Hieraus lässt sich schließen, dass Gott, wenn er inmitten der Seinen wohnt, doch weder an die Erde geheftet, noch an irgendeinem Ort umschlossen wird; denn sie suchen ihn auf geistliche Weise im Himmel.
V. 50. Hat nicht meine Hand das alles gemacht? Mit diesen Worten erinnert der Prophet, dass Gott weder des Goldes noch kostbaren Tempelschmucks noch der Opfer bedürfe. Daraus folgt, dass seine wahre Verehrung nicht in Gebräuchen besteht. Denn was wir ihm darbringen, fordert er nicht um seinetwillen, sondern lediglich, um uns in ernster Frömmigkeit zu üben. Dieser Gedanke wird im 50. Psalm ausführlicher verhandelt. Wir sollen also wissen, dass Gott uns sucht, nicht das Unsere, welches wir ja überhaupt nur als von ihm geliehen besitzen. Daraus ergibt sich zugleich, wie weit wahre Religion von fleischlichen Menschengebilden absteht.

51 Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herzen und Ohren, ihr widerstrebet allezeit dem heiligen Geist, wie eure Väter, also auch ihr. 52 Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolget? Und sie haben getötet, die da zuvor verkündigten die Zukunft dieses Gerechten, welches ihr nun Verräter und Mörder geworden seid. 53 Ihr habt das Gesetz empfangen durch der Engel Geschäfte und habt´s nicht gehalten.

V. 51. Da Stephanus nicht ausdrücklich auf die Stücke der Anklage antwortete, so stimme ich gern der Annahme zu, dass er noch mehr gesagt hätte, wenn nicht seine Rede stürmisch abgebrochen worden wäre. Wir sehen ja auch, wie er absichtlich langer Umwege sich bedient, um seine Hörer gleichsam zu streicheln wie grimmige Tiere. Es ist aber wahrscheinlich, dass ihre Wut in dem Augenblick sich entzündete, als er zeigte, wie schmählich sie das Gesetz verderbt, den Tempel entweiht und jeden rechten Gottesdienst zugrunde gerichtet hatten. Wenn übrigens Stephanus sich nur allmählich seinen Weg bahnte und die trotzigen Gemüter allmählich zu besänftigen suchte, so hatte er doch durchaus passend geredet, um sich von dem ihm vorgeworfenen Verbrechen zu reinigen. Die Klage bestand, wie wir sagten, aus zwei Hauptstücken: dass Stephanus den Tempel Gottes geschmäht und das Gesetz abzuschaffen versucht habe. Um jenen Verleumdungen zu begegnen, hebt nun Stephanus mit der Berufung Abrahams an und zeigt, dass der Vorzug der Juden nicht auf ihrer Natur, nicht auf eigenem Recht noch auf Verdienst der Werke ruht, sondern auf der gnädigen Gabe, dass Gott in Abrahams Person sie zu Kindern annahm. Auch dies steht mit dem Gegenstand in Beziehung, dass der Heilsbund mit Abraham geschlossen war, bevor es einen Tempel, Gebräuche, ja selbst eine Beschneidung gab. Aller dieser Dinge rühmten sich ja die Juden derartig, dass sie behaupteten, es gebe ohne sie keine Gottesverehrung und keine Heiligkeit. Alsdann erzählt Stephanus, wie wunderbar und vielgestaltig Gottes Güte gegen Abrahams Geschlecht war und wie übel und sündhaft das Volk seinerseits, soviel es an ihm lag, Gottes Gnade von sich stieß. So darf es gewiss nicht seinen Verdiensten zugeschrieben werden, dass es Gottes Volk heißt, sondern allein dem Umstand, dass Gott es als ein unwürdiges aus freien Stücken sich erwählt und dem undankbaren wohl zu tun nicht abgelassen hat. Auf diese Weise konnten ihre hohen und stolzen Geister zur Demut gebeugt und gezähmt werden, so dass sie die Einbildung törichter Herrlichkeit fahren ließen und sich zum Mittler wandten. Drittens hat Stephanus dargelegt, dass bei der Gesetzgebung und Erlösung des Volks der Engel an der Spitze stand, dass aber Mose, indem er seinen Dienst ausrichtete, doch darauf hinwies, dass in Zukunft andere Propheten kommen sollten. Unter diesen musste einer der Oberste und Fürst sein, um allen Weissagungen ein Ziel zu setzen und eine klare Vollendung zu bringen. Daraus ergibt sich der Schluss, dass Leute, welche die im Gesetz verheißene und gepriesene Lehrart samt ihrem Urheber verwerfen, nichts weniger sind als Moses Schüler. Stephanus zeigt endlich, dass der ganze alte Kultus, den Mose verordnet hatte, keinen Wert in sich selbst hat, sondern auf ein anderes Ziel bezogen werden muss, da er ja nach dem himmlischen Vorbilde gestaltet ward. Die Juden aber seien immer verkehrte Ausleger des Gesetzes gewesen, weil sie nichts als Fleischliches und Irdisches gedachten. Dies führt zu dem Schluss, dass dem Tempel und Gesetz kein Unrecht geschieht, wenn man Christus als beider Zweck und Wahrheit in die Mitte stellt. Weil übrigens die Hauptfrage die war, dass die eigentliche Gottesverehrung nicht in Opfern und ähnlichen Dingen stehe, und dass alle Gebräuche Christus nur abschatteten, beabsichtigte Stephanus bei diesem Stück vornehmlich zu verweilen, wenn die Juden es geduldet hätten. Als aber die eigentliche Zuspitzung kommen sollte, wurden sie wütend und wollten nicht mehr hören. Darum fehlt die Anwendung alles Gesagten auf den vorliegenden Fall. So wird Stephanus gezwungen, mit einem herben Tadel zu schließen. Er sagt: Ihr Halsstarrigen. Dies Bild, welches Mose öfter gebraucht, wenn er das Volk als widerspenstig und unfolgsam bezeichnen will (2. Mos. 32, 9; 33, 3. 5), ist von Pferden und Stieren entnommen. Der nächste Vorwurf lautet für die Juden noch wuchtiger. Die Beschneidung war für sie eine Hülle zur Bedeckung aller Laster. Sind sie nun Unbeschnittene an Herzen und Ohren, so werden sie damit nicht bloß als Aufrührer gegen Gott bezeichnet, sondern werden gerade in dem Zeichen, mit dem sie prunkten, als treulos und bundbrüchig erfunden. Was sie als höchsten Ruhm vorwiesen, wird ihnen sehr passend zur Schande gewendet. Denn der Vorwurf besagt, dass sie Gottes Bund verunreinigt hätten, so dass nun ihre Beschneidung nutzlos und gemein ward. Diese Redeweise ist aus Gesetz und Propheten entnommen. Das Zeichen der Beschneidung wollte den Juden sagen, dass sie ihre Herzen und alle sündhaften Triebe für den Herrn beschneiden sollten, wie wir lesen (5. Mos. 10, 16): „So beschneidet nun eures Herzen Vorhaut.“ Darum ist, wie Paulus erinnert (Röm. 2, 28), die Beschneidung des Buchstabens ein hohler und nichtiger Schein vor Gott. Wenn heute die Wahrheit unserer Taufe in der geistlichen Abwaschung besteht, so könnte man, fürchte ich, uns mit Recht vorwerfen, dass wir an der Taufe durchaus keinen Anteil haben, weil wir Fleisch und Geist beflecken.
Ihr widerstrebet allezeit dem heiligen Geist. Anfangs hatte Stephanus die Leute, gegen die er so heftig losfährt, des Vater- und Brudernamens gewürdigt (V. 2). Solange also Hoffnung bestand, sich möchten sich zur Sanftmut beugen lassen, handelt er nicht bloß freundlich mit ihnen, sondern gibt ihnen Ehrennamen. Da er aber nun ihre verzweifelte Verstocktheit sieht, nimmt er ihnen nicht bloß jede Ehre, sondern, um alle Gemeinschaft mit ihnen abzuschneiden, spricht er zu ihnen wie zu einem fremden Geschlecht: Ihr seid immer aufsässig wider Gottes Geist gewesen, wie eure Väter, also auch ihr. Und doch stammte er selbst von denselben Vätern ab; aber um sich mit Christus zusammenzuschließen, vergisst er sein Geschlecht, soweit es unfromm war. Indessen wirft er nicht alle, wie man zu sagen pflegt, in einen Topf, sondern redet die große Masse an. Dass diese dem heiligen Geist widerstrebt, wird gesagt, weil sie ihn, der in den Propheten redet, hochmütig verwerfen. Denn es ist hier nicht von heimlichen Offenbarungen die Rede, die Gott einem jeglichen ins Herz gibt, sondern von dem äußeren Predigtamt. Das wollen wir fleißig merken. Stephanus will den Juden jeden Vorwand zur Entschuldigung nehmen. Darum wirft er ihnen vor, dass sie mit Vorsatz und Absicht, nicht aber in Unwissenheit, sich wider Gott auflehnen. Man sieht daraus, wie viel dem Herrn sein Wort gilt, und mit welcher Ehrfurcht er es aufgenommen wissen will. Wollen wir also nicht wie die Riesen mit Gott Krieg führen, so müssen wir lernen, auf die Diener, aus deren Mund er uns belehren will, in Sanftmut zu hören.
V. 52. Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolget? Es verschärft den Vorwurf, dass sie die Bosheit schon von den Vätern ererbt haben. Es ist nichts Neues, dass sie der Wahrheit widerstehen. So fällt die Maske der wahren Kirche, mit deren Gewicht sie Stephanus bedrängten. Es musste ein unwürdiges Vorurteil gegen die Lehre des Evangeliums erwecken, dass sie sich rühmten, die Kirche Gottes zu sein, und diesen Titel auf lange Überlieferung stützten. Dem begegnet Stephanus und zeigt, dass ihre Väter nicht minder als sie in unfrommer Verachtung der gesunden Lehre und in Hass gegen die Propheten gewütet haben. Freilich könnte man es als unbillig empfinden, die Kinder mit dem Verbrechen der Väter zu belasten. Aber es ist der heiligen Schrift geläufig, die Söhne in die Schuld der Väter verstrickt zu denken, da sie in die gleichen Verbrechen sich verwickeln. Damit stimmt auch Christi bekanntes Wort (Mt. 23, 32. 35): „Ihr machet das Maß eurer Väter voll, auf dass über euch komme das gerechte Blut, das auf Erden vergossen ist, von dem Blut Abels an bis auf Zacharias.“
Die da zuvor verkündigten usw. Daraus schließen wir, dass alle Propheten darauf zielten, ihr Volk zu Christus zu weisen, wie ja eben er das Ziel des Gesetzes ist. Als der Gerechte wird er bezeichnet, nicht bloß, um an seine Unschuld zu erinnern, sondern auch wegen der Wirkung, weil es ihm ja eigen ist, Gerechtigkeit in der Welt anzurichten. Mit diesem Satz überführt Stephanus die Juden, dass sie der Wohltat der Erlösung mehr als unwürdig sind, weil schon in alter Zeit die Väter nicht bloß verwarfen, was ihnen durch die Propheten bezeugt ward, sondern sogar die Boten der Gnade grausam hinschlachteten, während die Nachkommen versuchten, den ihnen angebotenen Urheber der Gerechtigkeit und des Heils auszutilgen. Durch diese Gegeneinanderstellung erklärte Christus die verbrecherische Verbindung seiner Feinde für den Gipfel aller Gottlosigkeit.
V. 53. Ihr habt das Gesetz empfangen. Die Wut, mit der die Feinde gegen Stephanus brannten, hießen sie Eifer um das Gesetz, als wäre er ein Abtrünniger, der auch andere zu solchem Abfall verleite. Um diese Verleumdung zurückzuweisen, sagt er ihnen: Ihr lügt offensichtlich, indem ihr Eifer um das Gesetz vorwendet, welches ihr ja unaufhörlich übertretet und zerreißt. Und wie er ihnen in den letzten Worten den verräterischen Mord an dem Gerechten vorwarf, so zeiht er sie jetzt des Abfalls vom Gesetz.
Durch der Engel Geschäfte. Der beste Ausleger dieser Stelle ist Paulus (Gal. 3, 19), der lehrt, dass das Gesetz durch Engel verordnet wurde. Auch der griechische Ausdruck, den wir etwa wiedergeben könnten, dass Engel bei der Gesetzgebung „beschäftigt“ waren, klingt dort an. Die Vermittlung durch Engel diente zur Festigung des Ansehens des Gesetzes. Wenn also Gott Engel gleichsam zur feierlichen Bezeugung herbeirief, als er den Juden sein Gesetz gab, so werden eben diese Engel auch Zeugen ihrer Treulosigkeit sein. Eben darum erinnert Stephanus an die Engel, um die Juden vor ihnen als schuldig hinzustellen, dass sie sein Gesetz übertreten hatten. Hieraus kann man schließen, was erst den Verächtern des Evangeliums geschehen wird, welches so hoch über dem Gesetz steht, dass es dessen Herrlichkeit gleichsam verdunkelt, wie Paulus dies 2. Korinther 3, 7 ff. ausführt.

54 Da sie solches höreten, ergrimmeten sie und bissen die Zähne zusammen über ihn. 55 Wie er aber voll heiliges Geistes war, sah er auf gen Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. 56 Sie schrien aber laut und hielten ihre Ohren zu und stürmeten einmütiglich auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.

V. 54. Da sie solches höreten usw. Der Anfang der Handlung wahrte einen gewissen Schein des Rechts; endlich aber können die Richter ihre Wut nicht mehr zügeln. Zuerst wird die Rede durch ein feindliches Murren und durch Lärm unterbrochen. Jetzt kommen sie unter widrigem Geschrei in Aufruhr, damit kein Wort mehr zu ihren Ohren dringe. Darnach schleppen sie den heiligen Mann zum Tode. Dass sie ergrimmeten, müsste wörtlich übersetzt werden, dass sie innerlich zerrissen wurden. Das Wort beschreibt also eine mehr als gewöhnliche Wut. Diese Wut bricht in Zähneknirschen aus, wie ein gewaltiges Feuer in eine Flamme. In dieser Weise muss das Hören des Wortes Gottes alle Verworfenen treffen, welche Satan befehligt. Und dies ist die Lage des Evangeliums, dass es Heuchler, die zuvor bescheiden schienen, zur Raserei treibt, gleichwie wenn man einen Schlaf begehrenden Trunkenen plötzlich aufweckt. Darum schreibt Simeon es Christus als eigentümliche Wirkung zu, dass er vieler Gedanken offenbar mache (Lk. 2, 35). Das ist aber nicht die Schuld der Heilslehre, deren Zweck vielmehr ist, die Menschenherzen dem Gehorsam gegen Gott zu unterwerfen. Wo aber die Seelen in Satans Gewalt sind, muss die Unfrömmigkeit hervorbrechen, sobald man sie mit Gottes Wort drängt. So ist das Übel eine Nebenerscheinung. Solche Beispiele erinnern uns aber, dass man keineswegs hoffen dürfe, Gottes Wort werde alle Menschen zu gesundem Sinn zurückbringen. Diese Lehre ist durchaus notwendig, um uns standhaft zu machen. Die das Lehramt führen, können dies in rechter Treue nur tun, wenn sie sich den Verächtern Gottes scharf entgegenstellen. Da es aber niemals an verbrecherischen Leuten fehlt, die Gottes Majestät für nichts achten, so muss man immer wieder zu jenem heftigen Verfahren des Stephanus greifen. Entgegenkommen ist unrecht, wo dem Herrn seine Ehre entrissen wird. Was aber wird nun geschehen? Die Gottlosigkeit wird noch heftiger aufflammen. So scheint es, als gössen wir Öl ins Feuer. Aber was auch geschehen möge, - man darf die Gottlosen nicht schonen, sondern muss tapfer auf sie drücken, auch wenn die Hölle alle Furien ausspeien müsste. Wer die Ohren der Gottlosen mit Schmeicheleien streicheln will, lässt sich nicht durch Rücksicht auf den Erfolg leiten, sondern ist weich aus Furcht vor Gefahr. Wir aber sollen, wenn auch der Erfolg nicht immer unseren Wünschen entspricht, wissen, dass eine tapfere Behauptung der frommen Lehre vor Gott ein wohlriechendes Opfer ist.
V. 55. Wie er aber voll heiliges Geistes war usw. Es lässt sich kaum aussagen, in welche Bedrängnis der Knecht Christi verstrickt war, da er sich rings von rasenden Feinden umgeben und seine gute Sache teils durch Verleumdung und Bosheit, teils durch Gewalt und unsinniges Geschrei erdrückt sah, da rings grimmige Gebärden drohten, er selbst zu einer grausamen und schrecklichen Todesart geschleppt wurde und nirgends Hilfe oder Erleichterung sich zeigte. So wendet er sich, von Menschenhilfe verlassen, zu Gott, dem Richter über Leben und Tod. Und seine Erwartung täuschte ihn nicht; denn alsbald erschien ihm Christus. Lukas berichtet, dass Stephanus mit unüberwindlicher Geisteskraft gewappnet war, so dass nichts ihn hinderte, den Himmel zu schauen. Er sah auf gen Himmel, um im Vertrauen auf Christi Anblick Mut zu sammeln und, sterbend den Tod besiegend, herrlich zu triumphieren. Dass aber Christus sich uns nicht zeigt, ist nicht verwunderlich, da wir nur zu sehr an der Erde haften. So geschieht es, dass wir nicht bloß beim Tode, sondern beim geringsten Gerücht von Gefahr, ja, beim Rauschen eines fallenden Blattes den Mut sinken lassen. Es kann nicht anders sein; denn wo ruht unsere Tapferkeit, außer in Christus? Wir aber lassen den Himmel fahren, gleich als hätten wir Schutz allein in der Welt. Dieser Fehler lässt sich nur bessern, wenn Gottes Geist uns, die wir von Natur zur Erde neigen, zur Höhe erhebt. Dass also Stephanus seine Augen zum Himmel richtet, begründet Lukas damit, dass er des Geistes voll war. Auch unsere Seele muss unter seiner Leitung und Führung zum Himmel aufsteigen, sobald Übel uns drückt. Und ehe er sie erleuchtet, sind unsere Augen auch sicherlich nicht so scharfsichtig, um zum Himmel durchzudringen. Vielmehr sind die Augen des Fleisches so stumpf, dass sie nicht einmal den Himmel suchen.
Und sah die Herrlichkeit Gottes. Daraus schöpfen wir den allgemeinen Trost, dass Gott nicht minder uns beistehen wird, wenn unsere Sinne die Welt vergessen und zu ihm streben. Nicht dass er uns durch eine äußere Schauung erschiene wie dem Stephanus, aber er wird sich uns innerlich so offenbaren, dass wir seine Gegenwart wahrhaft spüren. Diese Art des Schauens muss uns genügen, indem Gott zeigt, dass er uns nicht nur mit seiner Kraft und Gnade nahe ist, sondern auch bewährt, dass er in uns wohnt.
Siehe, ich sehe den Himmel offen. Gott wollte nicht nur für seinen Knecht persönlich sorgen, sondern auch seine Feinde brennen und quälen, wie denn Stephanus sie mutig angreift, indem er öffentlich verkündigt, dass das Wunder ihm geschenkt ward. Es fragt sich aber, in welcher Weise sich der Himmel auftat. Ich meinerseits glaube nicht, dass am Himmel tatsächlich sich etwas änderte, sondern dass dem Stephanus ein neuer Scharblick gegeben ward, der durch alle Hindernisse bis zur unsichtbaren Herrlichkeit des himmlischen Reichs hindurch drang. So folgt, dass das Wunder nicht am Himmel, sondern in seinen Augen geschah, wie es denn auch den Feinden verborgen blieb. Außerdem müssen wir anmerken, dass Gottes Herrlichkeit dem Stephanus nicht völlig erschien, wie sie war, sondern nur insoweit das menschliche Begriffsvermögen sie fasste. Denn jene Unermesslichkeit lässt sich mit dem Maß des Geschaffenen nicht umspannen.
Und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. Die Bezeichnung als Menschensohn will besagen: Ich sehe jenen Menschen, den ihr durch den Tod abgetan glaubt, mit dem Regiment im Himmel bekleidet. Knirscht also, wie ihr wollt; ich werde unerschüttert bis aufs Blut für ihn kämpfen, der für seine Sache und mein Heil eintreten wird. Dass der Menschensohn steht, erklärt Augustin etwas zu scharfsinnig damit, dass er jetzt als Fürsprecher in Betracht komme, während er sonst als Richter sitzend gedacht wird. Es ist aber hier vom Sitzen oder Stehen des Körpers Christi überhaupt keine Rede; es wird lediglich mit bildlichem Ausdruck sein mächtiges Herrschen beschrieben. Denn wohin wollten wir wohl seinen Richterstuhl stellen, auf dem er zur Rechten des Vaters sitzt, da Gott alles erfüllt und man nicht träumen darf, dass seine Rechte ein bestimmter Ort sei? Trotzdem ist übrigens der Schluss verkehrt, dass Christus in seiner menschlichen Natur allenthalben sei. Denn dass er sich an einem bestimmten Ort befindet, hindert ihn nicht, seine Kraft durch die ganze Welt wirken zu lassen. Wollen wir ihn also im Wirken seiner Gnade gegenwärtig spüren, so müssen wir ihn im Himmel suchen, wie er sich auch von dort her dem Stephanus offenbarte. Gewiss gibt es eigentlich, d. h. philosophisch zu reden, keinen Ort über den Himmeln. Es ist mir aber genug, dass es ein verkehrter Traum ist, Christus anderswohin gesetzt zu denken als in den Himmel und über die Elemente der Welt.
V. 56. Sie schrien aber laut. Die Verkündigung der Herrlichkeit Christi bereitete ihnen so schwere Qual, dass sie in wahnsinnigen Lärm ausbrechen mussten. Dann stürmten sie auf Stephanus ein, wie Leute zu tun pflegen, die sich nicht mehr zügeln und mäßigen können.
Und steinigten ihn. Diese Art der Strafe für falsche Propheten hatte Gott im Gesetz verordnet (5. Mos. 13, 1 ff.); aber er hatte dort auch angegeben, wen man dazu zählen sollte, nämlich wer versuchen würde, das Volk zu fremden Göttern abzulenken. Darum war die Steinigung des Stephanus ungerecht und nichtswürdig, weil er unter falscher Anschuldigung verurteilt wurde. So müssen Christi Blutzeugen eine Strafe wie Verbrecher auf sich nehmen. Der Unterschied besteht allein in ihrer Sache; aber dieser Unterschied ist vor Gott und vor den Engeln so groß, dass die Schmach der Märtyrer in ihrer Würde alle Herrlichkeit der Welt überstrahlt. Es drängt sich aber die Frage auf, wieso die Juden, denen doch die Herrschaft genommen war, Stephanus steinigen durften. Denn bei der Verhandlung über Christus sagen sie (Joh. 18, 31): „Wir dürfen niemand töten.“ So ist es eben jetzt in gewaltsamer und tumultuarischer Weise geschehen. Und die römischen Landpfleger ließen wohl absichtlich die inneren Streitigkeiten des Volks gehen, damit es sich gegenseitig aufreibe und umso schneller unterworfen werden könne.

57 Und die Zeugen legten ab ihre Kleider zu den Füßen eines Jünglings, der hieß Saulus, 58 und steinigten Stephanus, der anrief und sprach: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! 59 Er kniete aber nieder und schrie laut: Herr, behalte ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, entschlief er. – Saulus aber hatte Wohlgefallen an seinem Tode.

V. 57. Und die Zeugen usw. Dieser Bericht lässt ersehen, dass man in jenem Tumult doch einen gewissen Schein des Rechts wahrte. Es war mit gutem Recht angeordnet, dass die Zeugen mit der Steinigung anfangen mussten. Denn wo man den Mord mit eigenen Händen durchführen muss, hält viele eine heilige Scheu zurück, die sonst minder unbedenklich mit einem Meineid der Zunge Unschuldige umbringen würden. Dass nun diese Zeugen zum Mord mit der Zunge auch noch den blutigen Angriff auf einen Unschuldigen fügten, zeigt, wie blind und rasend ihre Gottlosigkeit war. Und dass sie ihre Kleider zu den Füßen des Saulus niederlegten, macht eindrücklich, dass es nicht sein Verdienst war, wenn er nicht in verworfenen Sinn und in das Verderben mit den anderen dahingegeben ward. Denn sollte man den nicht für hoffnungslos verloren halten, der schon in seiner Jugend durch solche Schule ging? Dass er noch ein Jüngling war, wird ja nicht gesagt, um seine Unwissenheit zu entschuldigen, sondern um uns die Frage nahe zu legen: Was hätte dieser Mensch der Gemeinde schaden können, wenn ihm Christus nicht zeitig Zügel angelegt hätte! Umso leuchtender strahlt dieser Beweis der Macht und Gnade Gottes, dass er die äußerste Wut eines wilden Tieres in einem Augenblick bändigte und einen elenden Mörder, der durch sein Verbrechen schon fast in die Hölle gesunken war, zu so hohen Ehren erhob.
V. 58. Der anrief usw. Weil Stephanus schon genug Worte an die Menschen verschwendet hatte, wendet er sich mit Recht zu Gott und rüstet sich mit Gebet, alles zu ertragen. Müssen wir schon während des ganzen Verlaufs unserer Ritterschaft in jedem Augenblick zu Gottes Hilfe unsere Zuflucht nehmen, so ist in dem letzten und allerhärtesten Kampf die Anrufung Gottes besonders nötig. Lukas lässt nun noch einmal ersehen, welch überstürzte Wut sie packte; obwohl sie den Knecht Christi unter Kniebeugung beten sahen, wurde ihr rauer Sinn doch nicht gemildert. Das Gebet des Stephanus hat nun zwei Hauptstücke. Im ersten befiehlt er seinen Geist Christus und zeigt damit die Standhaftigkeit seines Glaubens. Im zweiten betet er für seine Feinde und bezeugt dadurch Liebe gegen die Menschen. Da nun in diesen beiden Stücken die ganze Summe der Frömmigkeit besteht, haben wir in dem Tode des Stephanus ein seltenes Beispiel frommen und heiligen Sterbens. Übrigens wird er noch weitere Worte geredet haben, von denen nur der Hauptinhalt angegeben wird.
Herr Jesu usw. Welch erhabene Geistesgröße, dass Stephanus ruhig auf Christi Gnade sich stützt, während er schon die Steine fliegen sieht, die ihn bald überschütten werden, und ringsum grause Verwünschungen und Schmähungen gegen sein Haupt gerichtet hört. So will der Herr zuweilen seine Knechte gleichsam zum Nichts machen, damit ihre Rettung umso wunderbarer erscheine. Wir aber wollen diese Rettung nicht mit der Empfindung des Fleisches, sondern mit dem Glauben ermessen. Wir sehen auch, wie Stephanus dem Urteil des Fleisches nicht im Geringsten nachgibt, sondern vielmehr mitten im Untergang auf seine Rettung traut und gleichmütig dem Tod entgegengeht. Ohne Zweifel war es ihm tief ins Herz geprägt, dass unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kol. 3, 3). Darum hat er nicht die mindeste Sorge um seinen Leib und ist zufrieden, seine Seele in Christi Hände niederzulegen. Denn er hätte nicht aus Herzensgrund so beten können, hätte er nicht das gegenwärtige Leben vergessen und die Sorge dafür gänzlich abgeschüttelt. Solange wir in dieser Welt weilen, müssen wir als Leute, die stets von tausend Todesgefahren umgeben sind, unseren Geist täglich mit David (Ps. 31, 6) in Gottes Hände befehlen, dass er unser Leben aus allen Gefahren herausreiße. Wo wir aber mit Sicherheit zum Tode gerufen werden, sollen wir zu dem Gebet unsere Zuflucht nehmen, dass Christus unseren Geist aufnehme. Denn zu dem Zweck hat er selbst seinen Geist in des Vaters Hände befohlen, damit er der ewige Hüter unserer Geister werde (Lk. 23, 46). Es ist dies ein unschätzbarer Trost, zu wissen, dass, wenn unsere Seele aus dem Körper wandert, sie nicht ins Unbestimmte umherschweift, sondern von Christus in treue Hut genommen wird, wenn wir sie nur in seine Hände befehlen. Diese Zuversicht muss uns anleiten, den Tod stille haltend zu tragen; ja, wer in ernstem und gläubigem Sinn seine Seele Christus anvertraut, wird sich zugleich in unbedingtem Gehorsam an ihn ausliefern. Übrigens gibt diese Stelle klares Zeugnis, dass die Seele des Menschen nicht ein flüchtiger Hauch ist, wie gewisse wahnsinnige Leute träumen, sondern ein wesenhafter Geist, der über dies Leben hinaus besteht. Außerdem lernen wir hier, dass es gut und recht ist, Christus anzurufen, dem ja vom Vater alle Gewalt gegeben ward, damit jedermann sich seiner treuen Obhut anvertraue.
V. 59. Er kniete aber nieder und schrie laut usw. Jetzt folgt der andere Teil des Gebets, in welchem Stephanus zum Glauben an Christus die Liebe zu den Menschen fügt. Sicherlich muss diese uns beseelen, wenn anders wir in Christi Heil schaffender Gemeinschaft stehen wollen. Indem Stephanus für seine Feinde betet, und zwar für seine Todfeinde, und dies in eben dem Zeitpunkt, da ihre Wut ihn zur Rachbegier hätte anstacheln können, zeigt er hinlänglich, wie er gegen alle anderen gesinnt ist. Was aber nach dem Bericht des Lukas Stephanus tat, schreibt Christus uns allen vor; und weil es kaum etwas Schwierigeres gibt, als Unrecht derartig zu verzeihen, dass wir auch für solche bitten, die uns verderben wollen, sollen wir immer die Augen auf des Stephanus Vorbild richten. Er schreit nun mit lauter Stimme. Damit täuscht er aber nichts den Menschen vor, von dem nicht Gott selbst Zeuge wäre, dass er es aufrichtig und von Herzen sagt. Doch erhebt er seine Stimme, um nichts zu unterlassen, was die Wut der Feinde mildern könnte. Nicht alsbald zeigte sich ein Erfolg; doch hat er gewiss nicht vergeblich gebetet. Paulus ist ein leuchtender Beweis, dass nicht allen diese Sünde behalten wurde. Ich will nicht übertreibend mit Augustin sagen: „Hätte Stephanus nicht gebetet, so würde die Kirche den Paulus nicht haben.“ Aber die Verzeihung, welche Gott dem Paulus gewährte, ist wenigstens ein Beweis, dass des Stephanus Gebet nicht vergeblich war.
Und als er das gesagt, entschlief er. Diese Zufügung will uns ersehen lassen, dass das Gebet unter den letzten Atemzügen gesprochen ward; ein Beweis wunderbarer Standhaftigkeit. Auf ein innerlich beruhigtes Sterben deutet auch der Ausdruck, dass er entschlief. Wer im Sterben solches Gebet spricht, lässt sich nicht von der Hoffnung auf Befreiung und dem ängstlichen Wunsch leiten, seine Feinde zu erweichen; er will lediglich, dass sie zur Umkehr kommen. Wenn die Schrift von einem Entschlafenen spricht, denkt sie an den Leib; niemand möge den unreifen und lächerlichen Gedanken fassen, dass auch die Seelen entschlafen.

Kapitel 8.

1 Es erhob sich aber zu der Zeit eine große Verfolgung über die Gemeine zu Jerusalem; und sie zerstreueten sich alle in die Länder Judäa und Samarien außer den Aposteln. 2 Es bestatteten aber Stephanus gottesfürchtige Männer und hielten eine große Klage über ihn. 3 Saulus aber verstörte die Gemeine, ging hin und her in die Häuser und zog hervor Männer und Weiber und überantwortete sie ins Gefängnis. 4 Die nun zerstreuet waren, gingen um und predigten das Wort.

V. 1. Diese Geschichte zeigt zuerst, in welcher Lage die Frommen in der Welt sich befinden. Namentlich wenn der Herr den Feinden die Zügel lockert, dass sie die Wut ihres Herzens auslassen können, gleichen sie, mit dem Psalm (44, 23) zu reden, Schafen, die zur Schlachtung bestimmt sind. Sodann wird uns der Ausgang der Verfolgung gezeigt; sie können durchaus den Lauf des Evangeliums nicht hindern, sondern müssen nach Gottes wunderbarem Rat zu seiner Beförderung helfen. So war es ein denkwürdiges Wunder, dass die Zerstreuung, von der Lukas berichtet, viele, die zuvor Gott entfremdet waren, zur Einheit des Glaubens sammelte. Nunmehr wollen wir das einzelne der Reihe nach erwägen.
Es erhob sich aber zu der Zeit usw. Der Anfang geschah mit Stephanus; darauf griff die entzündete Flamme der Wut auf die Gemeinde über. Denn die Gottlosen werden wie wilde Tiere immer blutgieriger, nachdem sie einmal Blut geschmeckt haben, und der Mord selbst macht sie wilder und wilder. Mit dem Erfolg wächst die Kühnheit, so dass sie vollends ungezügelt daherstürmen. Darauf deutet der Ausdruck, dass sich eine große Verfolgung erhob. Sicherlich war auch zuvor die Gemeinde nicht von allen Angriffen gottloser Leute verschont; aber der Herr gewährte ihr doch eine Zeitlang etwas Erleichterung, jetzt aber hebt härtere Bedrängnis an. Auch in unserer Zeit sollen wir nicht von beständiger Waffenruhe träumen, sondern bei solch plötzlichem Ausbruch uns bereithalten, größere Anstürme zu erdulden. Dass die Gemeine zu Jerusalem genannt wird, besagt nicht, dass es auch anderwärts Gemeinden gab, sondern bahnt nur den Übergang zu dem folgenden Bericht. Das einzige Häuflein von Frommen, welches in Jerusalem vorhanden war, wurde durch die Flucht auseinander gerissen; aber aus den verstümmelten und zerstreuten Gliedern entstanden alsbald mehrere Gemeinden. So breitete sich der Leib Christi, der zuvor in den Mauern Jerusalems beschlossen war, weit aus.
Sie zerstreueten sich alle. Viele weichmütige Geister fliehen beim geringsten Gerücht von Gefahr. Hier aber hat es eine ganz andere Bewandtnis. Denn die Christen ergreifen die Flucht nicht in wüster Bestürzung, sondern weil sie sehen, dass die Wut der Gottlosen anders nicht gestillt werden kann. Sie zerstreuten sich aber nicht bloß über verschiedene Orte von Judäa, sondern kamen bis nach Samarien. Dies war der Anfang, den Zaun abzutragen, der Juden und Heiden trennte (Eph. 2, 14). Die Bekehrung von Samaria, wo man nach Christi Wort (Joh. 4, 22) nur einen selbst gemachten Gottesdienst pflegte, war gleichsam der Anbruch der Bekehrung der Heiden. Damals tat Gott dem Evangelium die Tür auf, damit Christi Zepter von Jerusalem aus sich über die Heiden erstrecke. Es flohen aber alle, außer den Aposteln. Nicht als wären diese der allgemeinen Gefahr entnommen gewesen; aber es ziemt sich für einen guten Hirten, zum Besten der Herde den Einbruch der Wölfe aufzuhalten. Doch könnte man fragen, warum sie in Jerusalem blieben, auch als man sie mit gewaltsamer Hand vertreiben wollte, da ihnen doch der Befehl geworden war, das Evangelium in aller Welt auszubreiten. Aber Christus hatte sie auch geheißen, in Jerusalem anzufangen; darum taten sie dort ihre Pflicht, bis es ihnen ganz fest stand, dass seine Hand sie hinwegführte und er sie anderswohin leitete. Wir sehen ja auch, wie zaghaft sie mit der weiteren Verbreitung des Evangeliums vorangingen, nicht weil sie sich dem ihnen aufgetragenen Amt versagen wollten, sondern weil die noch neue und ungewohnte Sache sie stutzen ließ. Ganz gewiss sitzen sie auch nicht um ihrer Sicherheit und ihres Vorteils willen in Jerusalem stille, wo sie eine mühevolle Aufgabe hatten, ständig unter vielerlei Gefahren einhergingen und mit äußersten Belästigungen kämpften. Sie wollten also ohne Zweifel ihre Aufgabe durchführen. Insbesondere ist es ein deutlicher Beweis furchtloser Standhaftigkeit, dass sie bleiben, während alle anderen fliehen. Übrigens soll die Flucht dieser Leute, die ja in mehr ungebundener Lage waren, nicht getadelt werden. Hätten aber die Apostel aus Furcht vor Verfolgung schon im ersten Anfang sich zerstreut, so würde jedermann ein Recht haben, sie Mietlinge zu heißen. Wie schädlich und schmählich wäre es gewesen, in diesem Augenblick den Ort zu verlassen! Welchen Schaden hätte dies Beispiel für die Nachfolger anrichten müssen!
V. 2. Es bestatteten aber Stephanus usw. Dieser Bericht zeigt, wie mitten unter der Glut der Verfolgung die Frommen nicht derartig den Mut verloren, dass sie nicht in brennendem Eifer die Pflichten der Pietät erfüllten. Dies Begräbnis, mit welchem sie sich in handgreifliche Lebensgefahr begeben, scheint eine bedeutungslose Sache. Dass aber nach den Umständen der Zeit Todesverachtung erforderlich war, lässt vielmehr den Schluss zu, dass man nicht ohne große und nötige Ursache in diesem Stück so besorgt war. Denn es war für die Übung ihres Glaubens sehr viel daran gelegen, dass der Leichnam des heiligen Märtyrers, durch welchen Christus zum Ruhme seines Evangeliums herrlich triumphiert hatte, nicht als ein Raub für wilde Tiere liegen blieb. Auch konnten sie nicht für Christus leben, wenn sie nicht bereit waren, dem Stephanus in die Gemeinschaft des Todes zu folgen. Doch hatte auch ein allgemeiner Grund, der immer und überall bei den Frommen gelten muss, ohne Zweifel bei ihnen sein Gewicht. Denn die Sitte der Beerdigung gewährt einen Ausblick auf die gehoffte Auferstehung und wurde eben zu diesem Zweck seit Anbeginn der Welt von Gott verordnet. So wird ersichtlich, dass diese Pflichtleistung mehr den Lebenden als den Toten nützt. Immerhin gehört es auch zu unserer Menschlichkeit, den Leibern, von denen wir wissen, dass ihnen selige Unsterblichkeit verheißen ward, die schuldige Ehre zu erweisen.
Und hielten eine große Klage über ihn. Sie vergegenwärtigen sich, welchen Verlust die Gemeinde Gottes durch den Untergang dieses einen Mannes erlitt. So wollen wir uns losmachen von jener verrückten Philosophie, die von Menschen, die weise sein wollen, völlig stumpfe Unempfindlichkeit verlangt. Solche Stoiker können es nicht vertragen, dass ein anderer auch nur die kleinste Träne vergießt; wenn aber ihnen etwas gegen den Wunsch ihrer Seele geschieht, werden ihre Klagen maßlos. So spottet Gottes Rache ihrer Anmaßung. Wir aber sollen wissen, dass die Gefühle, die Gott der menschlichen Natur eingepflanzt hat, an sich ebenso wenig sündhaft sind wie ihr Stifter. Man muss eben erstlich fragen, welchen Grund sie haben, zum anderen, ob sie sich in mäßigen Grenzen halten. Wer behauptet, dass man sich über Gottes Gaben nicht freuen dürfe, ist sicherlich mehr ein Klotz und Stein als ein Mensch; also ist der Schmerz nicht weniger zulässig, wenn sie uns genommen werden. Im Blick auf die vorliegende Stelle erinnere ich insbesondere, dass Paulus den Gläubigen das Trauern nicht gänzlich verbietet, wenn ihnen einer der Ihrigen durch den Tod entrissen wird. Er will nur, dass ein Unterschied zwischen ihnen und den Ungläubigen sei, weil sie eine Hoffnung und damit einen Trost und ein Heilmittel der Leidensscheu haben (1. Thess. 4, 13). Über den Ursprung des Todes selbst trauern wir mit Recht; weil wir aber wissen, dass uns in Christus das Leben wiedergegeben wird, können wir den Schmerz hinlänglich stillen. Ebenso hat der Schmerz eine gerechte Ursache, wenn wir klagen müssen, dass die Kirche seltener und hervorragender Männer beraubt ward; doch sollen wir einen Trost suchen, der das Übermaß zügelt.
V. 3. Saulus aber verstörte die Gemeine. Zweierlei ist hier zu beachten. Erstlich, wie groß die Wut der Feinde, zum anderen, wie wunderbar Gottes Güte war, die sich herabließ, den Paulus aus einem so grausamen Wolf in einen Hirten zu verwandeln. Jene Lust am Zerstören, die ihn durchglühte, schien alle Hoffnung abzuschneiden. Umso heller leuchtete darnach seine Bekehrung. Seitdem er beim Tode des Stephanus mit den anderen gottlosen Leuten gemeinsame Sache gemacht hatte, strafte ihn Gott ohne Zweifel damit, dass er der Bannerträger der Grausamkeit werden musste. Denn oft rächt Gott die Sünden an seinen Auserwählten härter als an den Verworfenen.
V. 4. Die nun zerstreuet waren usw. Auch hier berichtet Lukas, wie es durch Gottes allen Glauben übersteigende Vorsehung geschah, dass die Zerstreuung der Gläubigen viele zur Einheit des Glauben herbeiführte. So pflegt der Herr aus Finsternis Licht und aus dem Tode Leben hervorzulocken. Mitten im Unglück gewinnen die aus Jerusalem fliehenden Gläubigen frischen Mut, Christus zu verkündigen, als hätten sie nie eine Last zu tragen gehabt. Immer wieder müssen sie ihren Wohnort wechseln und ein unstetes Leben führen. Wollen wir als ihre Brüder gelten, so müssen wir uns ernstlich aufraffen, dass keine Bitterkeit des Kreuzes noch irgendeine Furcht uns den Mut nehme, dass wir vielmehr fortfahren, unseren Glauben zu bekennen und unermüdet Christi Lehre auszubreiten. Es wäre ungereimt, dass Verbannung und Flucht, welche die Erstlingsschule des Märtyrertums sind, uns stumm und mutlos machen sollten.

5 Philippus aber kam in die Stadt Samaria und predigte ihnen von Christo. 6 Das Volk aber merkte einmütig auf das, was Philippus sagte, indem sie hörten und die Zeichen sahen, die er tat. 7 Denn die unsaubern Geister fuhren aus vielen Besessenen mit großem Geschrei, auch viel Gichtbrüchige und Lahme wurden gesund gemacht. 8 Und ward eine große Freude in derselben Stadt. 9 Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der zuvor in derselbigen Stadt Zauberei trieb, und bezauberte das samaritische Volk und gab vor, er wäre etwas Großes. 10 Und sie sahen alle auf ihn, beide, klein und groß, und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da groß ist. 11 Sie sahen aber darum auf ihn, dass er sie lange Zeit mit seiner Zauberei bezaubert hatte. 12 Da sie aber des Philippus Predigten glaubten von dem Reich Gottes und von dem Namen Jesu Christi, ließen sich taufen, beide, Männer und Weiber. 13 Da ward auch der Simon gläubig und ließ sich taufen und hielt sich zu Philippus. Und als er sah die Zeichen und Taten, die da geschahen, verwunderte er sich.

V. 5. Hatte Lukas berichtet, dass alle ohne Unterschied Gottes Wort verkündeten, so gedenkt er jetzt insbesondere des Philippus. Denn seine Predigt war vornehmlich wirksam und fruchtbar gewesen; auch folgten denkwürdige Ereignisse, die er alsbald anschließen wird. Die Stadt Samaria, die Hirkan zerstört hatte, wurde, wie der jüdische Schriftsteller Josephus (Altertümer XIII 15, 4; XV 8, 5) berichtet, von Herodes unter dem Namen Sebaste wieder aufgebaut. Wenn Philippus von Christus predigte, so wird damit der ganze Inhalt des Evangeliums umspannt. Wird später (V. 12) dazu noch das Reich Gottes genannt, so hat dies keine andere Bedeutung. Der Hauptinhalt der Predigt ist ja der, dass Christus die verlorene Welt durch seine Gnade erneuert. Dies geschieht, wenn er uns mit dem Vater aussöhnt, zum anderen, wenn er uns durch seinen Geist neu gebiert, damit der Satan niedergeschlagen und Gottes Reich unter uns aufgerichtet werde. Da es nun vorher hieß, dass die Apostel keinen Fuß aus Jerusalem setzten, ist der hier genannte Philippus wahrscheinlich einer von den sieben Almosenpflegern, dessen Töchter ebenfalls weissagten (6, 3; 21, 9).
V. 6. Das Volk aber merkte usw. Jetzt berichtet Lukas, wie die Samaritaner die Lehre des Philippus aufnahmen: indem sie hörten, gewannen sie einen gewissen Geschmack. Als weiterer Antrieb kamen die Wunder hinzu; endlich folgte das Aufmerken. Damit wird uns die regelrechte Entwicklung zum Glauben gezeichnet, der ja aus der Predigt kommt (Röm. 10, 14). Übrigens ist das Hören nur des Glaubens Anfang; an sich würde es nicht genügen, wenn nicht zugleich die Majestät der Lehre die Herzen ergreift. Und wer bedenkt, dass er es mit Gott zu tun hat, kann unmöglich seine Rede in wegwerfender Stimmung hören. Die Lehre selbst, die in seinem Wort enthalten ist, erwirbt sich Ansehen; so wird das Aufnehmen fast mit Notwendigkeit aus dem Hören fließen. Die Wunder, von denen weiter die Rede ist, haben bekanntlich einen doppelten Zweck: sie sollen uns auf das Hören des Evangeliums vorbereiten und im Glauben an dasselbe befestigen. Wie kräftig aber die Predigt wirkte, rühmt der Bericht, indem er erwähnt, dass plötzlich eine große Zahl von Menschen einmütiglich zu ernstem Hören bereit war.
V. 7. Die unsaubern Geister usw. Indem Lukas einige besondere Arten heraushebt, will er zeigen, durch welcherlei Wunder die Samariter sich bestimmen ließen, den Philippus zu ehren. Das Geschrei der unsauberen Geister war ein Zeichen ihres Widerstandes. So wird Christi Kraft in helles Licht gerückt, indem er die Teufel unterwirft, die seinem Befehl scheltend widerstehen.
V. 8. Die Freude, von der berichtet wird, ist eine Frucht des Glaubens. Wenn wir fühlen, dass Gott uns versöhnt ist, müssen ja unsere Herzen zu einer unvergleichlichen Freude sich erhoben fühlen, die alles Denken übersteigt (Phil. 4, 7).
V. 9. Ein Mann mit Namen Simon. Hier lag ein derartiges Hindernis, dass dem Evangelium der Zugang zu den Samaritanern hätte verschlossen scheinen können. Denn aller Sinne waren durch Simons Gaukeleien verzaubert, und diese Verblendung hatte schon seit langer Zeit geherrscht. Die Erfahrung lehrt, wie schwer es ist, einen lange eingewurzelten Irrtum aus Menschenherzen zu reißen und verhärtete Leute zu gesundem Sinn zurückzuführen. Hier trug es zur Verstockung im Irrtum noch bei, dass man abergläubisch dem Simon nicht bloß für einen Propheten Gottes, sondern gleichsam für den Geist selbst hielt. Wenn also Philippus diese Hindernisse durchbrach, leuchtet Christi Macht umso heller. Zugleich wird und Philippus als Beispiel der Ausdauer vor Augen gestellt; obwohl er keinen Weg sieht, greift er des Herrn Werk mit ungebeugtem Mut an und wartet ab, welchen Erfolg er geben will. Wenn aber Lukas berichtet, dass alle, klein und groß, sich verführen ließen, so sollen wir uns merken, dass kein Scharfsinn noch Verstand und Klugheit uns wider des Satans Verschlagenheit schützen kann. Sehen wir doch, in welch törichte und unsinnige Irrtümer sich Leute verwickelt haben, welche die Welt vor anderen für scharfsinnig hielt.
Das ist die Kraft Gottes, die da groß ist. Satan hatte also Gottes Namen zur Täuscherei missbraucht; dies ist die verderblichste Art des Betrugs, kann aber darum durchaus nicht zur Entschuldigung dienen. Simon maßte sich eine besondere göttliche Kraft an, um alles, was sonst göttlich war, zu überstrahlen, gleichwie die Sonne mit ihrem Licht alle Sterne verdunkelt. Dies war eine gottlose und frevelhafte Entweihung des Namens Gottes. Doch geschieht dergleichen täglich. Denn zu nichts neigen die Menschen mehr, als auf Satan zu übertragen, was Gott eigen ist. Man wendet zwar religiösen Sinn vor; aber was ist den Samaritern damit geholfen? Es geschieht uns also eine Wohltat dadurch, dass Gott uns seine Kraft in Christus offenbart und zeigt, dass man sie nirgend sonst suchen darf, auch die Trügereien Satans, die wir fliehen müssen, aufdeckt, um uns in seiner Gemeinschaft zu halten.
V. 12. Da sie aber des Philippus Predigten glaubten usw. Es ist dies, wie gesagt, ein Wunder, dass Leute auf den Philippus hörten, die durch Satans Gaukelwerk ganz verzaubert waren, dass mit himmlischer Weisheit beschenkt wurden, die töricht und stumpf waren. So wurden sie gleichsam aus der Hölle zum Himmel erhoben. Dass die Taufe erst auf den Glauben folgte, stimmt, wenn es sich um bisher fern stehende Leute handelt, mit Christi Einsetzung überein (Mk. 16, 16). Denn sie mussten erst durch den Glauben dem Leib der Gemeinde eingepflanzt werden, bevor sie das Zeichen empfingen. Doch ist es töricht, wenn die Wiedertäufer aus solchen Stellen beweisen wollen, man müsse die Kinder von der Taufe fernhalten. Denn Männer und Weiber konnten nicht getauft werden, ohne ihren Glauben zu bekennen. Doch brachte die Taufe für sie die Ordnung mit sich, dass auch ihre Familien zugleich dem Herrn geheiligt wurden. Denn dies besagt der Bund (1. Mos. 17, 7): „Ich will dein und deines Samens Gott sein.“
V. 13. Da ward auch der Simon gläubig. Der mit seine Trügereien die ganze Stadt verblendet hatte, nimmt zugleich mit den anderen Gottes Wahrheit an; der geprahlt hatte, Gottes große Kraft zu sein, unterwirft sich Christus. Dass er aber zur Erkenntnis des Evangeliums erleuchtet ward, geschah nicht allein um seinetwillen, sondern zum Besten des ganzen Volks; es sollte der Anstoß gehoben werden, der unerfahrene Leute aufhalten konnte. Diesem Zweck dient auch die Mitteilung, dass Simon sich verwunderte, als er sah die Zeichen usw. Gott wollte diesen Mann, den die Samariter wie einen Halbgott hielten, im Triumph aufführen. Dies geschieht, indem er die hohle Prahlerei fahren lassen und den wahren Wundern die Ehre geben muss. Denn er hatte sich nicht mit redlichem Herzen Christus übergeben; sonst hätten ja nicht sein falscher Ehrgeiz und seine gottlose und unheilige Schätzung der Geistesgaben sofort ausbrechen können. Freilich glaube ich nicht, dass er einen überhaupt nicht vorhandenen Glauben heuchelte. Denn Lukas bezeugt klar, dass er gläubig ward, und gibt als Grund an, dass Verwunderung ihn packte. Wie konnte er also bald darauf sich als Heuchler verraten? Ich antworte, dass es ein Mittleres zwischen Glauben und reiner Heuchelei gibt. Viele werden zwar nicht durch den Geist der Kindschaft neu geboren, noch ergeben sie sich dem Herrn von ganzem Herzen, - aber unter der Macht des Wortes erkennen sie die ihnen vorgetragene Lehre als Wahrheit an und werden von der Furcht Gottes in so weit berührt, dass sie zustimmen. Sie geben zu, dass man auf Gott hören muss, und dass er der Urheber des Heils und der Welt Richter ist. Sie täuschen also nicht den Menschen einen Glauben vor, der nicht vorhanden wäre, sondern wähnen zu glauben. Einen solchen Zeitglauben, wie ihn Christus einmal nennt (Mt. 13, 21; vergl. Lk. 8, 13), hatte auch Simon; er fühlt, dass die Lehre des Evangeliums wahr ist, und die Empfindung seines Gewissens zwingt ihn, sie anzunehmen; aber es fehlt die Grundlage, nämlich die Selbstverleugnung. So verwickelt sich seine Seele in Heuchelei, die auch bald zutage tritt. Aber es war eine Heuchelei, in der er sich selbst täuschte, nicht jene grobe, hinter welcher die Epikuräer und ähnliche Leute sich verstecken, welche ihre Gottesverachtung nicht öffentlich zu bekennen wagen.
Und ließ sich taufen. Dies Beispiel Simons macht ganz klar, dass die Taufe nicht allen ohne Unterschied die Gnade mitteilt, welche sie darstellt. Die papistische Lehre besagt, dass jeder mit den Zeichen ihre Wahrheit und Kraft empfange, der nicht einen Riegel der Todsünde vorschiebt. So schreiben sie den Sakramenten eine Zauberkraft zu, als ob sie ohne Glauben etwas nützen könnten. Wir aber sollen wissen, dass uns der Herr durch die Sakramente anbietet, was die ihnen angehängten Verheißungen besagen, dass er es auch nicht vergeblich und täuschend anbietet – wenn wir nur im Glauben auf Christus uns richten und von ihm erbitten, was die Sakramente verheißen. So nützte die Taufe dem Simon augenblicklich nichts; hätte er aber, wie manche vermuten, sich später bekehrt, so wäre ihr Nutzen doch nicht erloschen oder getilgt gewesen. Denn oft geschieht es, dass Gottes Geist erst nach langer Zeit wirkt, womit die Sakramente nun anfangen, ihre Kraft zu beweisen.
Und hielt sich zu Philippus. Dass Philippus ihn zuließ, ist ein Beweis, wie schwer Heuchler sich erkennen lassen. Damit wird unsere Geduld auf die Probe gestellt. So wurde ein Demas aus einem zeitweiligen Begleiter des Paulus nachmals ein treuloser Abtrünniger (2. Tim. 4, 10). Wir können dem Übel nicht entgehen, dass sich zuweilen verbrecherische und trügerische Menschen an uns heranmachen. Doch sollen wir uns in diesem Stück ernstlich vor Leichtfertigkeit hüten, die nur zu oft auf das Evangelium einen Schandfleck bringt.

14 Da aber die Apostel höreten zu Jerusalem, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes, 15 welche, da sie hinabkamen, beteten sie über sie, dass sie den heiligen Geist empfingen. 16 (Denn er war noch auf keinen gefallen, sondern waren allein getauft auf den Namen Christi Jesu.) 17 Da legten sie die Hände auf sie, und sie empfingen den heiligen Geist.

V. 14. Hier beschreibt Lukas die Fortschritte der Gnade Gottes bei den Samaritanern, wie denn der Herr unermüdlich seinen Gläubigen größere und reichere Gnadengaben zu schenken pflegt. Er bedient sich aber dabei besonderer Werkzeuge, um die verschiedenen Teile seines Werkes durchzuführen. Gewiss hätte er auch durch Philippus sein angefangenes Werk vollenden können. Aber er wollte die Samaritaner an ein neues Band fesseln, damit sie desto besser lernten, brüderliche Gemeinschaft mit der ersten Gemeinde heilig zu pflegen. Zum anderen wollte er die Apostel, denen ja die Ausbreitung des Evangeliums über den ganzen Erdkreis aufgetragen war, besonders auszeichnen. Durch dies alles sollte man zu einem Glauben an das Evangelium noch enger verwachsen. Dabei sehen wir auch, wie ernstlich die Apostel bestrebt waren, die Brüder zu unterstützen. Sie warten auch nicht, bis sie gebeten werden, sondern nehmen aus freien Stücken die Fürsorge auf sich. Das tun sie aber nicht etwa aus Misstrauen gegen Philippus, sondern bieten ihm in seiner Mühe ihre Hilfe an. Petrus und Johannes kommen auch nicht bloß, um seine Arbeit zu teilen, sondern um ihn für alle Zukunft zu bestätigen. Philippus seinerseits klagt nicht, dass seiner Ehre etwas abgehe, wenn andere an den von ihm begonnen Bau die letzte Hand legen. Allerseits vereinigt man freundlich und in gutem Glauben seinen Eifer zum gemeinsamen Zweck. Sicherlich ist es allein falscher Ehrgeiz, der ein heiliges Zusammenarbeiten hindert. Dass die Apostel den Petrus sandten, lässt übrigens ersehen, dass er nicht eine Obergewalt über seine Kollegen übte; seine hervorragende Stellung schloss nicht aus, dass er dem Gesamtkörper unterstellt war und gehorchte.
Die Apostel, die zu Jerusalem waren. Die Meinung kann sein, dass sich damals alle Apostel zu Jerusalem aufhielten; oder es ist nur von einigen die Rede, die dort zurückgeblieben waren, während die anderen sich hier oder dort befanden. Ich bevorzuge die letztere Möglichkeit. Denn die Apostel werden ihre Arbeit geteilt haben und schwerlich alle in Jerusalem wie im Nest geblieben sein, da sie doch Christus geheißen hatte, die Welt zu durchziehen.
V. 15. Beteten sie, dass sie den Geist empfingen. Ohne Zweifel haben sie zuerst das Lehramt geübt; denn wir wissen, dass sie nicht stumme Puppen waren. Aber Lukas übergeht, was ihnen mit Philippus gemeinsam war, und spricht nur von dem, was ihre Ankunft den Samaritanern neues brachte, nämlich dass sie jetzt erst mit dem heiligen Geist beschenkt wurden.
V. 16. Doch erhebt sich hier die Frage. Es heißt, dass sie allein getauft waren, also den Geist noch nicht empfangen hatten. Aber die Taufe kann doch nur ein leeres, aller Kraft und Gnade bares Ding sein, - oder sie muss, was sie wirkt, vom heiligen Geist haben. In der Taufe werden wir von Sünden abgewaschen; nun aber lehrt Paulus, dass unsere Abwaschung ein Werk des heiligen Geistes ist (Tit. 3, 5). Die Wassertaufe ist ein Sinnbild des Blutes Christi; nun aber verkündet Petrus, dass es der Geist ist, durch den wir mit Christi Blut besprengt werden (1. Petr. 1, 2). In der Taufe wird unser alter Mensch gekreuzigt, so dass wir zu einem neuen Leben erweckt werden (Röm. 6, 6); woher aber kann dies kommen als aus der Heiligung durch den Geist? Kurz, man wird der Taufe alles absprechen, wenn man sie vom Geist getrennt denkt. Also wird man nicht leugnen dürfen, dass die Samaritaner, welche in der Taufe Christus wahrhaftig angezogen hatten (Gal. 3, 27), auch mit seinem Geist bekleidet waren. In der Tat spricht Lukas hier nicht von der allgemeinen Gnadengabe des Geistes, durch welche uns Gott zu seinen Kindern neu gebiert, sondern von jenen einzigartigen Gaben, mit denen der Herr im Anfang des Evangeliums manche Christen ausstatten wollte, um Christi Reich zu zieren. In diesem Sinne müssen auch die Worte des Johannes (7, 39) verstanden werden, bei den Jüngern sei der Geist noch nicht vorhanden gewesen, da Christus noch auf Erden weilte. Sie waren ja nicht ganz des Geistes bar, von dem sie vielmehr den Glauben und die fromme Bereitschaft zur Nachfolge Christi empfangen hatten. Aber es fehlten ihnen noch die hervorragenden Gaben, welche den Ruhm des Reiches Christi später weithin strahlen ließen. Alles in allem: mit dem Geist der Kindschaft waren die Samaritaner bereits begabt; nun aber häuft Gott ausgezeichnete Gnadengaben darüber, durch welche er eine Zeitlang seiner Gemeinde die Gegenwart seines Geistes bekräftigte. Er wollte damit für alle Zeit die Autorität seines Evangeliums befestigen und zugleich bezeugen, dass sein Geist die Gläubigen immer schützen und leiten werde. Dass die Samaritaner „allein getauft“ waren, wird nicht etwa gesagt, um die Taufe verächtlich zu machen. Dies hebe ich darum heraus, weil die Papisten, um ihre selbst gemachte Firmelung zu erheben, vor dem gottesräuberischen Wort nicht zurückscheuen, dass Leute, denen die Hände noch nicht aufgelegt wurden, erst halbe Christen seien. Dabei will ich noch davon schweigen, dass sie zur Handauflegung das Öl fügten. In jedem Falle ist es mehr als frech, der Kirche ein bleibendes Gesetz aufzulegen und zu einem allgemeinen Sakrament zu machen, was doch nur den Aposteln zu besonderem Gebrauch aufgetragen war (Mk. 6, 13). Das Zeichen kann doch nicht unablässig dauern, nachdem die Sache selbst vergangen ist.
V. 17. Da legten sie die Hände auf sie. An das Gebet schließt sich die Handauflegung. Dies ist ein Zeichen, dass die Gnadengabe des Geistes, die man doch im Gebet anderswoher haben muss, durchaus nicht in dem äußeren Brauch beschlossen liegt. Indem man sich aber zu Gott als dem Geber bekennt, vernachlässigt man den Brauch auch nicht, welcher eben zu diesem Zweck göttlich gestiftet war. Und weil man sich seines nicht willkürlich bedient, schließt sich zugleich der Erfolg an. Nutzen und Wirkung haben die Zeichen, weil Gott in ihnen wirkt; und doch bleibt er allein der Spender der Gnade und handhabt das Recht, sie nach seinem Willen auszuteilen. So war die Handauflegung ein Werkzeug Gottes für die Zeit, in welcher er den Seinen sichtbare Geistesgaben verlieh. Seitdem aber der Gemeinde solche Reichtümer nicht mehr zu Verfügung stehen, wäre sie nur ein hohles Schauspiel.

18 Da aber Simon sah, dass der heilige Geist gegeben ward, wenn die Apostel die Hände auflegten, bot er ihnen Geld an 19 und sprach: Gebt mir auch die Macht, dass, so ich jemand die Hände auflege, derselbige den heiligen Geist empfange. 20 Petrus aber sprach zu ihm: Dass du verdammt werdest mit deinem Gelde, dass du meinest, Gottes Gabe werde durch Geld erlanget! 21 Du hast weder Teil noch Erbe an dieser Sache; denn dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott. 22 Darum tu Buße für diese deine Bosheit und bitte Gott, ob dir vergeben werden möchte die Tücke deines Herzens. 23 Denn ich sehe, dass du bist voll bittrer Galle und verstrickt in Ungerechtigkeit. 24 Da antwortete Simon und sprach: Bittet ihr den Herrn für mich, dass der keines über mich komme, davon ihr gesagt habt. 25 Sie aber, da sie bezeuget und geredet hatten das Wort des Herrn, wandten sie wieder um gen Jerusalem und predigten das Evangelium vielen samaritischen Flecken.

V. 18. Da aber Simon sah usw. Jetzt enthüllt sich Simons Heuchelei und innere Unreinigkeit, die bis dahin im Herzen gleichsam vergraben lag. Gott wischt dem Simon den täuschenden Schein ab, damit er durch Bekenntnis des Namens Christi nicht weiter sich und andere betrüge. Jetzt zeigt sich sein verborgener Ehrgeiz, indem er es den Aposteln gleichtun will. Dazu gesellt sich der andere Fehler, dass er Gottes Gnade für käuflich hält und sie zu einem Erwerbsmittel herabwürdigen will. So wird klar, dass er ein unheiliger Mensch ist, der noch nicht einmal die Anfangsgründe wahrer Frömmigkeit geschmeckt hat. Ihn beseelt kein Eifer für Gottes Ehre; er hat keine Ahnung davon, was es heißt, ein Diener Gottes zu sein. Wie er bis jetzt aus seiner Zauberei ein Geschäft gemacht hatte, so sollten ihm auch die Gnadengaben des Geistes nur Gewinn schaffen. Es ist kein Zweifel, dass er Geld und Ruhm vor der Welt suchte. Zugleich fügt er dem Herrn eine schwere Beleidigung zu, indem er keinen Unterschied zwischen dieser himmlischen Kraft und seinen zauberhaften Beschwörungen sah.
V. 20. Petrus aber sprach zu ihm usw. Petrus aber fährt heftig auf ihn los und fügt zum Tadel noch die harte Verwünschung, Simon möge mit seinem Gelde zugrunde gehen. Immerhin betet er nicht geradezu Verderben auf ihn herab, sondern zeigt nur, was er verdient hätte, weil er mit Gottes Geist einen schmutzigen Handel treiben wollte. Dass Petrus den Simon lieber gerettet als verloren wissen wollte, lässt das Folgende leicht ersehen. Simon aber musste so hart behandelt werden, um die Schwere seines Verbrechens zu fühlen. Dass das Geld mit ihm verdammt sein soll, lässt es bei solch nichtswürdigem Gebrauch gleichsam von dem Verbrechen angesteckt und befleckt erscheinen. Und sicherlich wäre es wünschenswerter, dass die ganze Welt zugrunde ginge, als dass Dinge, die im Vergleich mit Gottes Ruhm nichts wert sind, diesen verdunkeln sollten. Übrigens sieht eine solche Verwünschung eines Heiligtumsschänders weniger die Person an als die Tat. Wir müssen gegen die Verbrechen der Menschen heftig entbrennen, den Menschen selbst aber Mitleid zuwenden. Solche Bewandtnis hat es mit den Sprüchen Gottes, welche Ehebrecher, Räuber, Trunkenbolde und Ungerechte dem Verderben weihen (1. Kor. 6, 9 f.; Eph. 5, 5). Denn sofern sie Menschen sind, wird ihnen die Heilshoffnung nicht abgeschnitten; die Aussprüche beziehen sich nur auf den gegenwärtigen Zustand solcher Leute und kündigen an, welcher Ausgang ihrer wartet, wenn sie verstockt darin verharren.
V. 21. Du hast weder Teil noch Erbe an dieser Sache. Diese Übersetzung ist besser als die sonst geläufige: „an diesem Wort.“ Petrus will sagen, dass ein Heiligtumsschänder mit diesem ganzen Betrieb, den er unfrommen Sinnes entweiht, nichts zu schaffen haben kann. Die älteren Theologen und Papisten sprechen viel von dem Verbrechen der „Simonie“. Und gewiss tritt jeder irgendwie in Simons Fußstapfen, der mit übeln Künsten zur Regierung der Kirche zu gelangen strebt. Im strengen Sinne kann aber von Simonie nur da die Rede sein, wo man aus den Gaben des Geistes ein unfrommes Geschäft oder dergleichen macht, wo man sie zum Ehrgeiz oder anderer Verderbnis missbraucht. Wollen wir von der Befleckung mit Simons Verbrechen rein bleiben, so müssen wir zuerst bedenken, dass sich die Gaben des Geistes nicht mit Geld erwerben lassen, sondern durch Gottes freie und unverdiente Güte verliehen werden, und dies zur Erbauung der Gemeinde, damit ein jeder nach dem Maß seiner Fähigkeit die Brüder zu unterstützen strebe und bescheiden zum gemeinen Besten beisteure, was er empfangen hat, wobei keines Menschen hervorragende Stellung hindern darf, dass Christus über allen stehe.
V. 22. Darum tu Buße. Diese Mahnung zu Buße und Gebet gewährt noch einen Ausblick auf Verzeihung. Denn echte, bußfertige Gesinnung wird nur da sein, wo man darauf traut, dass Gott gnädig sein werde. Dagegen wird Verzweiflung die Menschen in immer frecheres Sündigen stürzen. Außerdem lehrt die Schrift, dass man Gott nur durch Glauben in rechter Weise anrufen kann. Wir sehen also, wie Petrus den Simon, den er mit dem Strahl seiner Worte niedergeschmettert hatte, jetzt wieder zur Hoffnung auf Heil aufrichtet; und doch war dessen Sünde nicht gering. Aber wenn es geschehen kann, sollen wir die Menschen noch aus der Hölle heraufziehen. Solange also selbst schlimme Verbrecher nicht durch offenkundige Zeichen beweisen, dass sie zu den Verworfenen gehören, soll man niemand so streng behandeln, dass man ihm nicht zugleich die Vergebung der Sünden vor Augen stellte. Selbst Leute, denen wegen ihrer Härte und Verstockung ein schärferer Tadel nützlich ist, darf man doch nur mit der einen Hand hinab stoßen, um sie mit der anderen zu erheben. Gottes Geist erlaubt nicht, den Bannstrahl zu schleudern. Doch scheint Petrus Furcht und Zweifel einzuflößen, wenn er fragend sagt: ob dir vergeben werden möchte. Und die Papisten wollen mit solchen Stellen beweisen, dass man aus schwankendem und zweifelndem Gemüt beten müsse, weil es anmaßend sei, seinen Bitten einen gewissen Erfolg zu versprechen. Doch ist die Antwort leicht. Petrus will Simons Geist nicht einschüchtern, sondern vielmehr zu heftigem Gebet antreiben. Gerade die Schwierigkeit einer Sache kann ja nicht wenig beitragen, uns anzufeuern; wo wir aber die Sache schon in der Hand zu haben glauben, werden wir nur zu sicher und träge. Petrus also will Simons Eifer wecken, indem er ihm die Vergebung als schwierig darstellt, weil das Verbrechen so schlimm war. Dem demütigen und herzlichen Gebet macht er aber gewisse Hoffnung. Denn freilich muss uns der Glaube voranleuchten, wenn wir zu Gott nahen wollen. Ja, er muss die Mutter des Gebets sein.
V. 23. Du bist voll bittrer Galle. Noch einmal greift Petrus den Simon hart an und erschüttert ihn durch Gottes Gericht. Denn hätte man ihn nicht gezwungen, in sich zu gehen, so hätte er sich niemals ernstlich zu Gott bekehrt. Nichts ist ja stumpfen Geistern verderblicher, als wenn wir ihnen schmeicheln oder nur oberflächlich die Haut kratzen; man muss sie vielmehr durchbohren. Solange also den Sünder die Empfindung seiner Sünde noch nicht zu wahrer Traurigkeit und rechtem Schmerz geführt hat, ist eine Strenge am Platz, die seine Seele verwundet. Ohne sie würde man nur inneren Eiter hegen, der den Menschen allmählich verzehren müsste. Immer aber sollen wir dies Maß halten, dass wir, soviel an uns ist, auf die Rettung der Menschen bedacht bleiben. Die Bilder, deren sich Petrus bedient und deren erstes aus Mose genommen scheint (5. Mos. 29, 17), beschreiben eine das Herz völlig durchdringende, giftige Bosheit, bei welcher der Satan den Menschen verstrickt und gefesselt hält. Auch sonst fromme Menschen tun einmal böse Werke. Hier aber will Petrus sagen, dass Simon nicht nur in einem Stück zu Fall kam, sondern dass die Wurzel seines Herzens böse und bitter war und er als ein Sklave der Ungerechtigkeit dem Satan gehörte. Zugleich ist hier ein Fingerzeig, dass man die Schwere eines Verbrechens nicht nach der in die Augen fallenden Schandtat, sondern nach der Stimmung des Herzens einschätzen muss.
V. 24. Da antwortete Simon usw. Diese Antwort lässt ersehen, dass er trotz der Drohung wohl verstand, wie Petrus auf sein Heil bedacht war. Obgleich nun dieser allein geredet hatte, wendet sich die Antwort an alle insgemein, die ja mit ihm zusammenstimmten. Jetzt erhebt sich die Frage, was man von Simon denken soll. Die Schrift führt uns nicht weiter als zu einer Vermutung. Dass er dem Tadel nachgibt und im Gefühl seiner Sünde Gottes Gericht fürchtet, sodann der Barmherzigkeit Gottes sich übergibt und der Fürbitte der Gemeinde sich empfiehlt, sind deutliche Anzeichen der Buße. Vielleicht ist er also zur Umkehr gekommen. Und doch berichten die Alten einstimmig, dass er später ein heftiger Gegner des Petrus gewesen und mit ihm zu Rom eine dreitägige Disputation ausgefochten habe. Da aber weiter Erzählungen töricht und verdächtig sind, ist es am sichersten, sich einfach an das zu halten, was die Schrift überliefert.
V. 25. Da sie bezeuget hatten usw. Diese Worte lassen ersehen, dass Petrus und Johannes nicht nur gekommen waren, die Samaritaner mit den Gaben des Geistes zu beschenken, sondern sie auch durch Bekräftigung der Lehre des Philippus in dem schon gewonnenen Glauben zu bestärken. Eben darin besteht die Bezeugung, dass ihr Zeugnis dem Worte Gottes volle und klare Geltung schafft und es als unzweifelhafte Wahrheit erscheinen lässt. Als treue Zeugen beweisen sie sich damit, dass sie nichts anderes reden als das Wort des Herrn. Die Hauptsache beim Lehren der Apostel war ja, dass sie treulich vorbrachten, was sie vom Herrn gelernt hatten, nicht aber Menschengedichte vortrugen. Und sie predigten das Evangelium nicht allein in der Stadt, sondern auch in vielen Flecken. Der Eifer für Christi Ehre trieb sie, es im Munde zu führen, wohin sie kamen.

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Stehe auf und gehe gegen Mittag auf die Straße, die von Jerusalem gehet hinab gen Gaza, welches wüste ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Mohrenland, welcher war über alle ihre Schatzkammer, der war gekommen gen Jerusalem, anzubeten, 28 und zog wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Gehe hinzu und halte dich zu diesem Wagen. 30 Da lief Philippus hinzu und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und sprach: Verstehest du auch, was du liesest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet? Und bat Philippus, dass er aufträte, und setzte sich zu ihm

V. 26. Diese neue Geschichte erzählt, wie das Evangelium bis zu den Äthiopiern drang. Allerdings hören wir nur von einem einzigen Manne, der sich zum Glauben an Christus bekehrte; weil aber sein Ansehen und seine Macht im ganzen Königreiche groß waren, konnte der Geruch seines Glaubens weit und breit spürbar werden. Wir wissen ja, wie das Evangelium aus dünnen Anfängen wuchs; und die Kraft des Geistes leuchtet umso heller, weil ein winziges Samenkorn in kurzer Zeit das weite Land erfüllte. Zuerst wird dem Philippus vom Engel befohlen, gegen Mittag zu gehen; mit welchem Erfolg und zu welchem Zweck, sagt ihm der Engel nicht. Wir sollen also mit Gottes bloßem Befehl uns zufrieden geben, auch wenn man nicht gleich sieht, aus welchem Grund er ihn gibt oder welche Frucht der Gehorsam bringen wird. Denn auch ohne dass es ausdrücklich gesagt würde, bergen alle Befehle Gottes die stille Verheißung in sich, dass, so oft wir dem Herrn gehorchen, alles, was wir angreifen, nicht anders als glücklich ausgehen kann. Außerdem muss es uns ja genug sein, dass dem Herrn unser Eifer gefällt, wenn wir nichts vorwitzig und ohne sein Geheiß unternehmen. Gewiss steigt heute nicht an jedem Tage ein Engel vom Himmel, uns zu zeigen, was wir tun sollen. Aber Gottes Wort belehrt uns doch reichlich darüber; und wer seinen Mund befragt und der Leitung des Geistes sich unterwirft, wird nicht unberaten bleiben. Es ist lediglich die Schuld unserer Gleichgültigkeit und Trägheit zum Gebet, wenn wir nicht frisch und bereit sind, dem Herrn zu folgen.
Gaza, welches wüste ist. So wird das von Alexander dem Großen zerstörte, alte Gaza genannt, im Unterschiede von der neuen, 20 Stadien davon entfernten, am Meer gelegenen Stadt.
V. 27. Ein Mann aus Mohrenland, ein Kämmerer, buchstäblich „ein Verschnittener“. So wurden aber alle obersten Beamten der orientalischen Könige nach der herrschenden Gewohnheit genannt. Im einzelnen Falle konnte ein solcher wohl ein wirklicher Mann sein. Übrigens erfährt jetzt Philippus in der Tat, dass er nicht umsonst dem Herrn gehorchte. Kandace hießen alle Königinnen des Mohrenlandes, gleichwie Cäsar der gemeinsame Name der römischen Herrscher war. Auch daran wollen wir erinnern, dass nach dem Bericht der Geschichtsschreiber Äthiopien ein edles und reiches Land war. Die Größe und Macht des Landes lässt also darauf schließen, dass der Kämmerer eine glänzende Würdestellung bekleidete. Die Hauptstadt und der Sitz der Königin war Merve.
Der war gekommen, anzubeten. Daraus schließen wir, dass der Name des wahren Gottes weithin ausgestreut war, so dass er auch in entfernten Gegenden einige Anbeter hatte. Sicherlich musste dieser Mann sich zu einem ganz anderen Gottesdienst bekennen, als sein Volk ihn pflegte. Auch konnte solch gewaltiger Mann nicht verstohlen nach Judäa gelangen; dazu nahm er ohne Zweifel eine große Begleitung mit. Dass allenthalben im Mohrenlande einige Verehrer des wahren Gottes gab, darf uns nicht wundernehmen; denn mit der Zerstreuung des Volks breitete sich ein Geruch reiner Gotteserkenntnis über die fremden Völker aus. Sogar die Römer, die mit harten Verordnungen die jüdische Religion verdammten, konnten nicht hindern, dass man sich scharenweis ihr anschloss. Das waren Vorspiele der Berufung der Heiden, bis endlich Christus durch den Glanz seiner Erscheinung die Schatten des Gesetzes zerteilte, die Scheidung zwischen Juden und Heiden aufhob und den Zaun abbrach, um Gottes Kinder von allen Seiten zu sammeln (Eph. 2, 14). Dass der Kämmerer nach Jerusalem kommt, um anzubeten, darf man nicht als Aberglauben auslegen. Gewiss konnte er auch daheim zu Gott beten; aber der fromme Mann wollte die den Verehrern Gottes vorgeschriebenen Übungen nicht unterlassen, ja er hatte sich vorgesetzt, den Glauben nicht bloß heimlich für sich im Herzen zu nähren, sondern vor den Menschen zu bekennen. Und dies äußere Bekenntnis, welches, wie er wusste, der Herr von ihm forderte, und um dessentwillen er vielen in seinem Volk verhasst werden konnte, war ihm mehr wert als Gunst bei den Menschen. Wenn nun der geringe Funke von Erkenntnis, welchen das Gesetz bot, in ihm so hell leuchtete, wie schimpflich wäre es für uns, wollten wir das volle Licht des Evangeliums in treulosem Stillschweigen dämpfen! Nun könnte jemand einwerfen, dass damals schon die Opfer abgeschafft waren und die Zeit gekommen war, da Gott allenthalben, ohne Unterschied des Ortes, angerufen sein wollte. Darauf ist einfach zu antworten, dass es kein Aberglaube war, wenn Leute, denen die Wahrheit des Evangeliums noch nicht kundgetan war, noch im Schattenwerk des Gesetzes zurückgehalten wurden. Wenn der Herr es zuließ, dass der Kämmerer nach Jerusalem kam, bevor er ihm einen Lehrer schickte, so tat er es vermutlich deshalb, weil demselben der Elementarunterricht des Gesetzes eine nützliche Vorbereitung für die spätere Aufnahme des Evangeliums war. Warum Gott ihn zu Jerusalem keinen von den Aposteln in den Weg führte, liegt in seinem Rat verborgen. Vielleicht sollte der Kämmerer den ihm so plötzlich und unvermutet angebotenen Schatz umso höher werten; vielleicht war es auch besser, Christus ihm vor Augen zu stellen, nachdem ihm der äußere Glanz der Gebräuche und der Anblick des Tempels wieder entschwunden war und er in freierer Weise in Muße und Ruhe den Heilsweg suchte.
V. 28. Und las den Propheten Jesaja. Dies Lesen zeigt, dass der Kämmerer nicht einen vorwitzig ausgedachten, sondern den Gott anbetete, den er aus der Lehre des Gesetzes kennen gelernt hatte. Und diesen zu verehren ist sicher die rechte Weise, dass man nicht die bloßen und leeren Gebräuche aufrafft, sondern zugleich das Wort hinzufügt, ohne welches man nur zufällige und verworrene Dinge hat. Aber der Kämmerer scheint sich vergeblich zu mühen, wenn er ohne Nutzen liest. Denn er gesteht, dass er ohne Hilfe eines Lehrers den Sinn des Propheten durchaus nicht fasst. Aber dies bescheidene Geständnis der Unwissenheit wird sich doch nur auf dunklere Stellen beziehen. Es gibt vieles bei Jesaja, welches keiner langen Auslegung bedarf. So wenn er von Gottes Güte und Macht redet, um die Menschen zum Glauben zu locken oder sie zu einem heiligen Leben zu mahnen und zu unterweisen. Niemand ist so ungebildet und unwissend, dass ihm das Lesen dieses Buches nicht einigen Nutzen brächte; freilich wird er unter zehn Versen kaum einen ganz verstehen. In dieser Weise las auch der Kämmerer. Indem er nach dem Maße seines Verständnisses sich an das hielt, was ihm erbaulich war, brachte ihm sein Studium ohne Zweifel Nutzen. Wenn er dabei vieles nicht verstand, ließ er sich doch nicht durch Überdruss reizen, das Buch wegzuwerfen. So müssen wir überhaupt die Bibel lesen: was deutlich ist und worin Gott uns seine Gedanken kundtut, sollen wir begierig und willigen Herzens aufnehmen; was uns noch dunkel bleibt, dürfen wir übergehen, bis ein völligeres Licht uns bestrahlt. Wenn wir so unermüdlich weiter lesen, wird es endlich geschehen, dass die Schrift durch anhaltenden Gebrauch uns ganz vertraut wird.
V. 31. Wie kann ich? usw. Eine treffliche Bescheidenheit des Kämmerers, der sich nicht nur von Philippus, dem Mann aus dem Volke, ruhig fragen lässt, sondern auch freiwillig und offen seine Unwissenheit gesteht. Sicherlich lässt sich nicht hoffen, dass jemand sich gelehrig zeigen werde, den das Vertrauen auf seinen eigenen Geist aufbläht. Wahre Ehrfurcht bringen wir der Schrift erst entgegen, wenn wir anerkennen, dass darin eine Weisheit verborgen liegt, welche unsere Sinne weit übersteigt. Dabei dürfen wir doch der Sache nicht überdrüssig werden, sondern müssen unter eifrigem Lesen uns von der Offenbarung des Geistes abhängig machen und bitten, dass uns ein Ausleger geschenkt werde.
Und bat Philippus, dass er aufträte. Ein zweites Beispiel von Bescheidenheit, dass er einen Ausleger und Lehrer sucht. Er hätte in dem gewöhnlichen, hochfahrenden Wesen der Reichen den Philippus wegschicken können: Was geht es dich an? Was habe ich mit dir zu schaffen? Aber er unterwirft sich in Demut der Belehrung. Das muss die Stimmung eines Menschen sein, der Gott zum Lehrer haben will; denn sein Geist wohnt bei den Demütigen und Sanftmütigen (Jes. 66, 2). Wenn jemand an sich selbst verzagt und sich gelehrig stellt, werden eher Engel vom Himmel steigen, ihn zu belehren, als dass der Herr ihn vergeblich suchen ließe. Dabei soll man doch nach dem Vorbild des Kämmerers alle Hilfsmittel benutzen, welche der Herr zur Erläuterung der Schrift uns bietet. Schwärmer begehren Erleuchtungen vom Himmel, verachten aber den Diener Gottes, durch dessen Hand sie sich regieren lassen sollten. Andere lassen im Vertrauen auf ihre Einsicht sich nicht herab, auf irgendjemand zu hören oder Auslegungen zu lesen. Und doch wird Gott die Hilfsmittel, die er uns zudenkt, nicht ungestraft verachten lassen. Übrigens ist es eine nachdrückliche Empfehlung der äußeren Predigt, wenn der Herr seinen Engel nicht unmittelbar zum Kämmerer schickt, sondern durch dessen Wort den Philippus herbeiruft. Er will uns daran gewöhnen, auf Menschen zu hören. Wenn Engel schweigen, soll Gottes Stimme zu unserem Heil aus Menschenmund erschallen.

32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: „Er ist wie ein Schaf zur Schlachtung geführet und still wie ein Lamm vor seinem Scherer, also hat er nicht aufgetan seinen Mund. 33 In seiner Niedrigkeit ist sein Gericht aufgehoben. Wer wird über seines Lebens Länge ausreden? denn sein Leben ist von der Erde weggenommen.“ 34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches? Von ihm selber oder von jemand anders? 35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing von dieser Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesu.

V. 32. Der Inhalt aber der Schrift usw. Nicht zufällig stieß der Kämmerer auf diese Stelle, sondern Gottes wunderbare Vorsehung schaffte es, dass Philippus eine Unterlage hatte, von welcher ausgehend er den Hauptinhalt des Christentums passend entwickeln konnte. In dieser besonders denkwürdigen Weissagung von Christus verkündet Jesaja (53, 7 f.) ohne Hülle den Weg der Erlösung: der Sohn Gottes soll durchs sein Sterben den Menschen das Leben erwerben, soll zur Sühne ihrer Sünde sich als Opfer darstellen, soll durch Gottes Hand zerschlagen und bis zur Hölle hinab gestoßen werden, um uns aus dem Verderben heraufzuholen und bis in den Himmel zu erheben. Alles in allem verkündet diese Stelle deutlich, wie die Menschen mit Gott ausgesöhnt werden und Gerechtigkeit erlangen, wie sie von der Tyrannei Satans und dem Joch der Sünde befreit werden und dadurch den Eintritt in Gottes Reich gewinnen. Ich lege nur die beiden Stücke aus, die Lukas zitiert. Erstlich lehrt er, dass Christus, um die Gemeinde zu erlösen und wieder ins Leben zu setzen, so zerschlagen werden müsse, dass er ganz verloren und verzweifelt scheint. Sodann verkündet er, dass sein Tod Leben spenden und dass aus der tiefsten Verzweiflung ein einzigartiger Triumph hervorgehen werde. Der Vergleich Christi mit einem Schaf, das zur Schlachtung geführet wird, und mit einem Lamm, das geduldig sich scheren lässt, deutet auf die Freiwilligkeit seines Opfers. Und sicher war dies die Weise, Gott zu versöhnen, dass er Gehorsam bewährte. Er hat zwar vor Pilatus geredet, aber nicht, um sein Leben zu gewinnen (Joh. 18, 34. 36), sondern um sich aus freien Stücken zum Opfer darzubieten, wozu er vom Vater bestimmt war, und dadurch die Strafe, die unser wartete, auf sich zu nehmen. Der Prophet lehrt also ein Doppeltes: erstlich, dass Christus sterben musste, um uns das Leben zu erwerben; zum anderen, dass er freiwillig den Tod erdulden musste, um der Menschen Widerspenstigkeit durch seinen Gehorsam auszutilgen. Daraus kann man, wie Petrus dies tut (1. Petr. 2, 20 ff.), eine Mahnung zur Geduld entnehmen. An erster Stelle steht aber jene für den Glauben bestimmte Lehre, die ich kurz entwickelte.
V. 33. In seiner Niedrigkeit ist sein Gericht aufgehoben. Wörtlich steht beim Propheten: Christus ward „der Bedrängnis und dem Gericht entnommen“. Lukas hält sich aber nach seiner Weise an die damals geläufige griechische Übersetzung, die entweder besagt, dass das über Christus ergangene Gericht aufgehoben, oder aber, dass sein Recht erhoben, d. h. ihm Recht geschafft ward. Der Unterschied des Sinnes beider Texte ist also gering. Der Prophet stellt, um unser Vertrauen zu ihm zu stärken, den durch Gottes Hand geschlagenen und der Schlachtung unterworfenen Christus jetzt in neuer Gestalt dar, wie er als Sieger aus dem Abgrund des Todes empor taucht und selbst aus der Hölle als Urheber des ewigen Lebens hervorgeht. Der Gedanke ist also, dass Christus erst dem Tode übergeben werden musste, ehe der Vater ihn zur Herrlichkeit seines Königtums emporhob. Diese Lehre müssen wir auf den ganzen Leib der Gemeinde ausdehnen; denn alle Frommen sollen durch Gottes Hand wunderbar aufgerichtet werden, damit der Tod sie nicht verschlinge. Gott aber, der als Rächer der Seinen erscheint, führt sie nicht bloß wieder ins Leben zurück, sondern bereitet ihnen aus mehrfachem Tod herrlichen Triumph, gleichwie Christus das Kreuz als herrliches Zeichen jenes Triumphs aufgerichtet hat, von welchem der Apostel im Kolosserbrief (4, 14 f.) spricht.
Wer wird seines Lebens Länge ausreden? Nachdem der Prophet die Siegeskraft des Todes Christi gerühmt, fügt er hinzu, dass die Wirkung des Sieges nicht nur geringe Zeit andauern, sondern über alle Zeitspannen ausgebreitet werden solle. Kein Menschenmund soll die Dauer des Reiches Christi aussagen können. Das hebräische Wort wird übrigens von manchen nicht als „Lebenslänge“, sondern als „Nachkommenschaft“ gedeutet. Ohne Zweifel will aber der Prophet sagen, dass Christi Leben ewig währen solle, nachdem er einmal durch des Vaters Gnade vom Tode befreit ward. Dabei will dies Leben, das kein Ende hat, auf den ganzen Leib der Gemeinde bezogen sein; denn Christus ist auferstanden, nicht um für sich, sondern für die Seinen zu leben. Es wird also Frucht und Erfolg des Sieges, den das Haupt gewann, jetzt für alle Glieder gerühmt. Darum kann aus dieser Stelle jeder einzelne Gläubige Hoffnung auf ewiges Leben schöpfen, und der Gemeinde wird nach dem Beispiel Christi ewiger Bestand zugesagt.
Denn sein Leben ist von der Erde weggenommen. Dies scheint ein ungereimter Beweis für Christi erhabene Herrschaft im Himmel und auf Erden. Denn wer sollte glauben, dass der Untergang der Grund des Lebens sei? Aber durch Gottes wunderbaren Rat musste die Hölle zur Leiter werden, über welche Christus zum Himmel empor stieg. Die Schmach ward ihm der Durchgang zum Leben. Aus dem Schrecken und Dunkel des Kreuzes sollte froher Glanz des Heils hervorbrechen und aus dem Abgrund des Todes selige Unsterblichkeit fließen. Der sich selbst erniedrigte, ward eben darum vom Vater erhöht; und nun sollen aller Knie vor ihm sich beugen (Phil. 2, 8 ff.). Nun wollen wir bedenken, in welcher Gem