Der Römerbrief - Einleitung

Johannes Calvin

übersetzt von Karl Müller (1863 – 1935)

Man könnte den Nutzen des Römerbriefes für die christliche Erkenntnis ausführlich rühmen. Aber wir wollen darauf verzichten. Denn unsere Rede würde an die Hoheit dieses Briefes bei weitem nicht heranreichen und würde darum nur verdunkelnd wirken. Viel besser empfiehlt der Brief sich selbst beim ersten Blick auf seinen Inhalt. Dieser Inhalt nämlich, den wir sofort darlegen wollen, zeigt neben vielen andern Vorzügen vornehmlich die wunderbare Eigenschaft, dass, wer ihn verstanden hat, eben damit den Schlüssel zu allen verborgenen Schatzkammern der Heiligen Schrift empfängt.

Der ganze Brief ist so wohlüberlegt entworfen, dass schon der Eingang wie ein kleines Kunstwerk erscheint. Das werden wir alsbald an manchen Einzelheiten beobachten. Hier sei nur an den Hauptpunkt erinnert, dass bereits der Eingang ungesucht zum Thema des ganzen Briefes hinleitet. Paulus beginnt mit einer Betonung seiner apostolischen Würde (1, 1-15) und wendet sich von diesem Ausgangspunkte wie von selbst zu einem Lobpreis des Evangeliums (1, 16). Vom Evangelium aber kann man nicht reden, ohne des Glaubens zu gedenken. Und damit hat der Apostel Schritt für Schritt seinen eigentlichen Gegenstand erreicht, bei welchem er bis zum Schlusse des 5. Kapitels verweilt: wir werden gerecht gesprochen durch den Glauben. Dies also bezeichnen wir als Hauptthema dieser Kapitel: die Gerechtigkeit des Menschen beruht allein auf Gottes Erbarmen in Christus, welches im Evangelium angeboten und durch den Glauben ergriffen wird. Weil aber die Menschen auf ihren Fehlern einschlafen, sich dabei wohl fühlen und im Selbstbetrug einer eingebildeten Gerechtigkeit einhergehen, so dass sie die Gerechtigkeit des Glaubens nicht begehren, ehe man sie nicht alles Selbstvertrauens beraubt hat; - weil sie andererseits durch die Süßigkeit des Lasters berauscht und in tiefe Sicherheit versenkt erscheinen, so dass sie nicht leicht der Gerechtigkeit nachjagen, wenn sie nicht von dem Schrecken des göttlichen Gerichts getroffen werden: so greift der Apostel die Doppelaufgabe an, die Menschen von ihrer Sünde zu überzeugen und ihre falsche Gemütsruhe zu erschüttern (1, 18 ff.).

Zuerst spricht er im Angesichte der Schöpfung jeglicher Undankbarkeit der Menschen das Urteil (1, 19-32): an dieser Erhabenheit der Werke erkennen sie den Werkmeister nicht; und wenn sie ihn erkennen müssen, so huldigen sie seiner Majestät nicht mit gebührender Ehrfurcht, sondern entweihen und schänden sie mit ihrem eitlen Wesen. So werden sie alle des denkbar größten Verbrechens schuldig, der Gottlosigkeit. Um den allgemeinen Abfall von Gott umso greller zu beleuchten, führt der Apostel eine Reihe von schmachvollen und verabscheuenswerten Lastern vor, denen wir die Menschen allenthalben unterworfen sehen. Hierin liegt ein deutlicher Hinweis für die Abirrung von Gott: denn alle diese Dinge sind Zeichen des göttlichen Zornes, die man bei andern Leuten als bei Gottlosen vergeblich suchen würde. Weil man aber den Juden und auch manchen Heiden, die mit einer Decke äußerlicher Heiligkeit ihr inneres Verderben verhüllten, solche groben Laster nicht aufbürden durfte, und dieselben deshalb der allgemeinen Verdammnis entnommen schienen, so wendet sich der Apostel gegen jene scheinbare Heiligkeit. Und da er jene dürftigen Heiligen vor Menschen nicht zu entlarven vermochte, so zieht er sie vor das Gericht Gottes, vor dessen Augen auch die verborgenen Lüste offen liegen (2, 1-8).

Darauf teilt Paulus die Menschen in ihre Gruppen und stellt Juden und Heiden gesondert vor Gottes Richterstuhl (2, 9 ff.). Den Heiden nimmt er den Anlass, sich mit Unwissenheit zu entschuldigen: denn ihnen diente das Gewissen zum Gesetz und strafte sie hinlänglich (2, 12-16). Die Juden greift er an dem Punkte an, welchen sie als ihr festestes Bollwerk betrachteten: bei dem geschriebenen Gesetz. Wenn man ihnen hieran die Übertretungen zeigte, so konnten sie ja ihre Sündhaftigkeit nicht mehr leugnen. Denn Gottes Wort selbst hatte ihnen das Urteil gesprochen (2, 17-29). Zugleich begegnet Paulus einem nahe liegenden Einwand: dass man nämlich, wenn man die Juden nicht von allen andern unterscheide (3, 1 ff.), den Bund Gottes herabsetze, welcher für sie ein Kennzeichen dafür war, dass sie Gott geheiligt hatte. In dieser Hinsicht wird ausgeführt, dass die Vorzüge des Bundes denen nicht gelten, welche in selbstverschuldeter Untreue abfielen. Freilich bleibt Gottes Verheißung bestehen, und der Bund an sich behält seinen Wert: derselbe ruht aber auf Gottes Erbarmen, nicht auf dem Verdienst der Menschen (3, 1-10). Bezüglich ihrer persönlichen Eigenschaften stehen also die Juden den Heiden gleich. Dass sie alle Sünder sind, wird auf Grund der Autorität der Schrift nachdrücklich behauptet (3, 10-18). Dabei fallen auch einige Bemerkungen über den rechten Gebrauch des Gesetzes (3, 19 f.). Nachdem nunmehr der Menschheit alles Vertrauen auf eigne Tüchtigkeit und aller Ruhm eigner Gerechtigkeit genommen, nachdem ihr die Unerbittlichkeit des göttlichen Gerichts enthüllt, kehrt die Rede zum Hauptthema zurück: dass wir gerecht gesprochen werden durch den Glauben (3, 21-31). Wir hören, worin dieser Glaube besteht, und wie er uns Christi Gerechtigkeit erwirbt. Daraufhin schließt das 3. Kapitel mit jenem gewaltigen Ausruf, welcher alle Ansprüche menschlichen Hochmuts niederschlägt, damit niemand wage, sich wider Gottes Gnade zu überheben (3, 27 f.) Und damit die Juden solche überschwängliche Gnade nicht für die engen Grenzen ihres Volkes allein gegeben wähnten, so spricht der Apostel dieselbe im Vorbeigehen auch den Heiden zu (3, 29 f.).

Das 4. Kapitel knüpft nun die Beweisführung an ein besonderes durchsichtiges, nicht leicht zu verdrehendes Beispiel an: Abraham, der Vater der Gläubigen, wird diesen als Muster und Vorbild vorgestellt (4, 1-5). Wenn er die Rechtfertigung allein durch den Glauben erlangt, dann dürfen wir in seine Fußstapfen treten. Hier wird auch der Gegensatz deutlich: dass die Gerechtigkeit der Werke schwindet, wo man der Gerechtigkeit des Glaubens Raum gibt. Dies bestätigt ferner ein Spruch Davids, welcher die Seligkeit des Menschen allein auf Gottes Erbarmen gründet und damit leugnet, dass die Werke selig machen können (4, 6-8). Darauf verhandelt der Apostel genauer, was er zuvor nur gestreift, dass den Juden kein Vorzug vor den Heiden gebührt, sondern beider Seligkeit auf demselben Grunde ruht, da ja nach Aussage der Schrift Abraham als Unbeschnittener gerechtfertigt ward. Dabei laufen einige gelegentliche Aussagen über die Beschneidung unter (4, 9-12). Dann wird hinzugefügt, dass sich die Verheißung des Heils allein auf Gottes Güte stützt (4, 13-22). Wollte man sie auf das Gesetz gründen, so würde sie dem Gewissen, welches sie doch fest ergreifen muss, keine Ruhe bringen; die Verheißung würde dabei niemals ihr Ziel erreichen. Wer Gottes Gnadenzusage sich aneignen will, muss den Blick von sich selbst weg allein auf Gottes Wahrheit wenden. Er muss Abrahams Nachfolger werden, welcher nicht auf sich selbst sah, sondern auf Gottes Macht. Der Schluss des Kapitels (4, 23-25) bringt uns dieses Vorbild noch dadurch näher, dass die Übereinstimmung der besonderen Lage Abrahams mit den Erfahrungen aller Gläubigen aufgezeigt wird.

Nachdem wir so vorläufig von der Frucht der Gerechtigkeit kosten durften, ergeht sich das 5. Kapitel in lauter weiteren Betrachtungen, welche den Ertrag der Glaubensgerechtigkeit noch deutlicher enthüllen. Wenn Gottes Liebe schon gegen Sünder und Verlorene sich so überschwänglich bewies, dass sie den eingeborenen Sohn für sie dahingab -, wie viel Größeres dürfen wir nun von ihr erwarten, nachdem wir erlöst und mit Gott versöhnt sind (5, 1-11)! Dann werden einander gegenübergestellt (5, 12-21) Sünde und geschenkte Gerechtigkeit, Christus und Adam, Tod und Leben, Gesetz und Gnade. Dies alles versichert uns dessen, dass Gottes unermessliche Güte unsere Sünde mit allen ihren ungeheuren Folgen austilgt. Das 6. Kapitel geht nunmehr zu der Heiligung über, die uns in Christi Gemeinschaft zuteil wird. Das Fleisch neigt ja dazu, sobald es oberflächlich mit der Gnade in Berührung gekommen, mit seinen Fehlern und bösen Lüsten sanft zu fahren, als ob die Arbeit schon ein Ende haben dürfte. Paulus behauptet dagegen, dass man die in Christus geschenkte Gerechtigkeit nicht festhalten könne, wenn man sich nicht auch der Heiligung unterwirft. Er beweist dies durch die Taufe, die uns in Christi Gemeinschaft versetzt: in der Taufe werden wir mit Christus begraben, damit wir, uns selbst abgestorben, durch sein Leben zu neuem Leben erweckt werden. Daraus folgt, dass ohne Erneuerung niemand mit Christi Gerechtigkeit sich decken kann (6, 1-11). Daraus leitet denn der Apostel Mahnungen zur Reinheit und Heiligkeit des Lebens ab (6, 12 ff.): dass wir aus dem Reich der Sünde in das Reich der Gerechtigkeit versetzt sind, muss notwendig bei uns sichtbar werden; die leichtfertige Trägheit des Fleisches, welche bei Christus einen Freibrief für die Sünde sucht, muss überwunden sein. Dabei wird kurz erinnert, dass das Gesetz abgeschafft und also der Neue Bund angebrochen sei, welcher uns mit der Vergebung der Sünden auch den Heiligen Geist bringen sollte.

Im 7. Kapitel beginnt nun die eigentliche Ausführung über den rechten Gebrauch des Gesetzes, worüber wir bisher (3, 20) nur vorläufige Andeutungen empfingen. Wir hören, dass wir vom Gesetz frei sind, weil ja das Gesetz an sich nur zur Verdammnis führen konnte (7, 1-6). Solche Gedanken kann man freilich für eine Lästerung des Gesetzes halten (7, 7 ff.): darum nimmt der Apostel dasselbe nachdrücklichst in Schutz. Durch unsere Schuld sei zur Ursache des Todes geworden, was uns zum Leben gegeben ward. Dabei beobachten wir zugleich, wie durch das Gesetz die Sünde gesteigert wird. Diese Beobachtung gibt dann Anlass, den Kampf zwischen Geist und Fleisch zu schildern, den die Kinder Gottes in sich empfinden, solange sie das Gefängnis dieses sterblichen Leibes umgibt. Sie tragen die Reste der bösen Lust noch in sich, die ihnen fort und fort die völlige Befolgung des Gesetzes wehren.

Das 8. Kapitel ist voll von Trostgründen, welche die erschreckten Gewissen der Gläubigen aufrichten sollen, wenn sie des soeben geschilderten Ungehorsams oder vielmehr noch unvollendeten Gehorsams gedenken. Damit aber die Gottlosen sich nicht einen falschen Trost aneignen möchten, erklärt der Apostel zunächst, dass solche Wohltat nur den Wiedergeborenen gelte, in welchen Gottes Geist sich lebendig beweist (8, 1-14). Zweierlei wird demgemäß eingeschärft: alle, welche dem Herrn Christus durch seinen Geist einverleibt sind, stehen außerhalb jeder Gefahr der Verdammnis, wie groß auch noch immer die Last ihrer Sünde sei; alle aber, die im Fleische verharren, fern von der Heiligung des Geistes, können sich solcher Güter nimmer getrösten. Daraufhin entfaltet der Apostel die ganze Größe unserer Heilsgewissheit (8, 15 ff.): das Zeugnis des Geistes Gottes verscheucht alle Zweifel und jede Furcht. Dazu wird im Voraus gezeigt, dass kein gegenwärtiges Elend, welches dies sterbliche Leben uns auflegt, den sicheren Besitz des ewigen Lebens anfechten und stören könne. Ja, solche Übungen fördern uns im Erwerb der Seligkeit, im Vergleich mit deren Herrlichkeit alles gegenwärtige Elend wie ein Nichts erscheint. Dies bestätigt Christi Beispiel. Er ist der Erstgeborene und der Anführer des Volkes Gottes: darum ist er auch das Urbild, nach welchem wir alle müssen gestaltet werden (8, 29). So krönt der Apostel seine Worte mit jenem herrlichen Lobgesang der Heilsgewissheit, welcher der Macht und der Machenschaften des Satans fröhlich spottet (8, 31 ff.).

Nun wurden aber viele dadurch in Zweifel gestürzt, dass sie die Juden als die ersten Hüter und Erben des Bundes Christus den Rücken kehren sahen. Sie schlossen daraus: entweder müsse der Bund mit Abrahams Nachkommen rückgängig geworden sein, weil dieselben seine Erfüllung verachteten -, oder Christus sei nicht der verheißene Erlöser, weil er gerade das Volk Israel tatsächlich nicht zu erlösen vermochte. So wendet sich der Apostel mit Beginn des 9. Kapitels zur Erörterung dieser Frage. Im Eingang bezeugt er seine Liebe gegen seine Volksgenossen, um dem Verdacht zu begegnen, als sei seine Rede vom Hass eingegeben. Rühmend erkennt er die göttlichen Gaben an, mit welchen Israel geschmückt war (9, 1-5). Erst nach dieser gewinnenden Vorbereitung geht er dazu über, den Anstoß zu beheben, der aus Israels Blindheit sich ergab. Er unterscheidet eine doppelte Art von Abrahams Kindern (9, 6-13): nicht alle Nachkommen nach dem Fleisch gehören der Nachkommenschaft an, welche die Bundesgnade wirklich erben soll. Umgekehrt werden auch solche, die ursprünglich draußen stehen, der Zahl der Kinder durch den Glauben einverleibt. Als Beispiel dafür dienen Jakob und Esau. Dasselbe führt uns freilich auf Gottes Erwählung zurück, von welcher überhaupt die ganze Frage abhängt. Diese Erwählung gründet allein in Gottes Erbarmen, und man wird vergeblich ihren Grund in menschlicher Würdigkeit suchen (9, 14-16). Umgekehrt kann für die Verwerfung, die ja freilich gerecht ist und bleibt, ein höherer Grund als Gottes Wille nicht angegeben werden (9, 17-24). Das Ende des Kapitels zeigt (9, 25 ff.), dass sowohl die Berufung der Heiden wie Israels Verwerfung durch die Weissagungen der Propheten bezeugt sei.

Im 10. Kapitel beginnt der Apostel von neuem mit einer Bezeugung seiner Liebe zu den Juden, und er erklärt, dass sie ihr Verderben durch eitles Vertrauen auf die Werke selbst verschuldet hätten (10, 1-3). Gegen diesen Vorwurf konnten sie sich allerdings durch einen Hinweis auf die Forderungen des Gesetzes rechtfertigen. Aber der Apostel antwortet im Voraus, dass auch das Gesetz uns zur Gerechtigkeit des Glaubens hinleite (10, 4-13). Diese Gerechtigkeit bietet Gott in seiner Güte unterschiedslos allen Völkern an; aber nur diejenigen ergreifen sie, welche der Herr durch seine besondere Gnade erleuchtet. Dass aber eine größere Schar aus den Heiden als aus den Juden dieses Gut empfangen würde, hätten schon Mose und Jesaja geweissagt. Der eine rede deutlich von der Berufung der Heiden, der andere von Israels Verstockung (10, 14-21).

Dabei harrte aber noch immer die eine Frage der Beantwortung: ob nicht kraft des Bundes Gottes doch ein Unterschied zwischen Abrahams Samen und den übrigen Völkern bestünde (11, 1). Zur Lösung dieser Schwierigkeit erinnert der Apostel zuerst daran, dass wir das Werk des Herrn nicht nach dem Augenschein begrenzen dürfen. Denn uns ist es verborgen, ob nicht doch Erwählte vorhanden sind, wo wir nicht vermuten. So hat sich einst Elias getäuscht, als er allen Glauben unter Israel geschwunden wähnte, und es waren doch noch siebentausend übrig (11, 2-4). Zweitens soll uns der Blick auf die Menge der Ungläubigen nicht irremachen, welche das Evangelium hassen (11, 5). Endlich sollen wir wissen, dass Gottes Bund auch für die fleischlichen Nachkommen Abrahams feststehe, allerdings nur bei denen, welche Gottes freie Gnade sich auserwählt (11, 6-12). Dann wendet sich die Rede zu den Heiden (11, 13-24): diese sollen sich nicht über Israel ob seiner Verwerfung erheben und sollen nicht auf die eigne Annahme stolz sein, denn sie sind nur durch Gottes Herablassung erhöht worden, und dies müsste ihnen vielmehr zur Demütigung dienen. Ja, Gottes Gnade sei gar nicht von Abrahams Samen gewichen (11, 25-36): dadurch, dass die Heiden gläubig wurden, sollte Israel nur zur Nacheiferung gereizt werden. Auf diese Weise will Gott sein gesamtes Israel sammeln.

Die drei folgenden Kapitel sind mannigfach verschiedenen, ermahnenden Inhalts. Das 12. gibt allgemeine Vorschriften für das christliche Leben. Das 13. beschäftigt sich zum großen Teil mit der Betonung des Rechts der Obrigkeit. Wir schließen daraus, dass einige unruhige Geister sich die christliche Freiheit nur mit dem Umsturz des staatlichen Lebens verbunden vorstellen konnten. Weil nun feststeht, dass für die Gemeinde Christi kein anderes, als das Gebot der Liebe gilt, so zeigt Paulus, dass dieses Gebot auch den bürgerlichen Gehorsam in sich begreift (13, 1-10). Dann fügt er einige bisher noch nicht berührte Lebensregeln hinzu (13, 11-14). Im nächsten Kapitel gibt er eine Ermahnung, welche damals besonders zeitgemäß war. Eine Gruppe von Christen hing noch mit abergläubischem Eifer an den Zeremonien des mosaischen Gesetzes und nahm den schwersten Anstoß an ihrer Übertretung. Eine andere Gruppe pochte auf die Abschaffung des Gesetzes, trug ihre Verachtung der Zeremonien zur Schau und eiferte wider den Aberglauben. Auf beiden Seiten sündigte man durch Maßlosigkeit. Die Abergläubischen richteten die andern als Verächter des Gesetzes Gottes: diese wiederum machten sich in unziemlicher Weise über die Dummheit der Gegner lustig. So tut der Apostel, was beiden Parteien nötig war: er leitet zur Mäßigung an, warnt die einen vor Hochmut und Selbstgefälligkeit, die andern vor gar zu engherziger Peinlichkeit. Zugleich spricht er als beste Regel für die christliche Freiheit aus, dass sie sich in den Schranken der Liebe und eines erbaulichen Wandels halte (14, 15-19). Und die Schwachen empfangen den trefflichen Rat, sich nichts wider ihr eigenes Gewissen zu erlauben (14, 20 ff.).

Der Anfang des 15. Kapitels wiederholt noch einmal die Hauptregel, das Ergebnis der ganzen Aussprache: die Starken sollen ihre Kraft gebrauchen, um die Schwachen zu festigen. Da aber der Streit über die mosaischen Zeremonien Juden und Heiden beständig von neuem entzweite, so räumt der Apostel jeden Anlass zu Hochmut und Eifersucht aus dem Wege und lehrt beide Teile, ihr Heil auf Gottes Erbarmen allein zu gründen und, auf diesem Grund stehend, von ihrer Höhe herabzusteigen: so sehen sie sich durch die Hoffnung eines gemeinsamen Erbes verbunden und müssen einander in Liebe umfassen. Um eben dieser Lehre ein besonderes Gewicht zu geben, schickt sich Paulus an, die Würde seines Apostelamtes zu rühmen (15, 14 ff.). Er nimmt dabei die Gelegenheit wahr, die Kühnheit zu erklären und zu entschuldigen, die ihn so freimütig seinen Lesern gegenüber als Lehrer auftreten ließ. Sodann macht er ihnen einige Hoffnung auf seinen Besuch, den sie, wie der Eingang des Briefes zeigt, längst erbeten und erwartet hatten. Er gibt auch den Grund für die bisherige Verzögerung an: die Gemeinden von Mazedonien und Achaja hatten ihm die von ihnen gesammelte Kollekte für die armen Gläubigen in Jerusalem anvertraut, um sie an ihren Bestimmungsort zu bringen. Das letzte Kapitel ist fast mit lauter Grüßen ausgefüllt. Nur einige nicht unwichtige Weisungen sind eingestreut, und den Schluss macht ein herrliches Gebet.

Kapitel 1

1 Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, 2 welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, 3 von seinem Sohn, der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch 4 und kräftig erwiesen als ein Sohn Gottes nach dem Geist, der da heiligt, seit der Zeit, da er auferstanden ist von den Toten, Jesus Christus, unser Herr, 5 durch welchen wir haben empfangen Gnade und Apostelamt, unter allen Heiden den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter seinem Namen, 6 unter welchen ihr auch seid, die da berufen sind von Jesu Christo, - 7 euch allen, die ihr zu Rom seid, den Liebsten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

V. 1. Paulus. Über den Namen Paulus würde ich am liebsten schweigen; denn die Sache ist unbedeutend, und ich kann nur wiederholen, was längst andere Ausleger vorgetragen haben. Doch da sich mit leichter Mühe auf der einen Seite die nötige Auskunft geben lässt, ohne dass wir auf der andern Seite zu umständlich werden müssten, so soll kurz diese Frage erledigt werden. Nach einer Ansicht soll der Apostel sich den Namen Paulus als ein Siegeszeichen beigelegt haben, als er den Prokonsul Sergius Paulus zu Christus bekehrte (Apg. 13, 12). Indessen zeigt der Bericht des Lukas selbst, dass der Name Paulus schon vor jener Bekehrung geläufig war (Apg. 13, 9). Ebenso wenig glaublich erscheint, dass der Apostel jenen Namen empfing, als er an Christus gläubig wurde. Diese Vermutung greifen viele wohl nur deshalb auf, weil sie erwünschte Gelegenheit zu geistreichen Bemerkungen über den stolzen Verfolger Saul bietet, der in einen geringen Jünger Christi verwandelt ward: denn „Paulus“ heißt „der Geringe“. Annehmbar erscheint dagegen die Ansicht, dass der Apostel überhaupt zwei Namen getragen habe. Es ist ganz wahrscheinlich, dass die jüdischen Eltern ihrem Sohne den Namen Saul beilegten, als ein Zeichen der Religion und der Abstammung, dass dann aber der Name Paulus hinzugefügt wurde, der durch seinen Klang an das römische Bürgerrecht (Apg. 22, 28) erinnerte. Es sollte weder die hohe Ehre dieses Bürgerrechts verloren gehen, noch sollte um desselben willen die israelitische Herkunft vergessen werden. Des Namens Paulus bedient sich aber der Apostel in seinen Briefen wohl deshalb, weil er bei den Gemeinden, an die er schrieb, bekannter und geläufiger war, weil er überhaupt im römischen Reiche einen angeseheneren Klang besaß, und umgekehrt bei seinen Stammensgenossen weniger gebraucht wurde. Denn Paulus musste darauf halten, einerseits nicht unnützen Verdacht und Hass zu erregen, der sich bei Römern und Provinzbewohnern nur zu leicht an den jüdischen Namen hängte, und andererseits die Wut seiner Stammesgenossen nicht ohne Not zu entfesseln.

Ein Knecht Jesu Christi usw. Diese Titel sollen das Gewicht der apostolischen Lehre verstärken, und zwar in doppelter Weise: Paulus ist erstens zum Apostelamt überhaupt berufen, und zweitens kann er darauf hinweisen, dass sein Amt sich auch auf die römische Gemeinde erstreckt. Paulus nennt sich also einen Diener Christi und berufen zum apostolischen Amte: er will damit sagen, dass er hier nicht willkürlich eingebrochen ist. Weiter bezeichnet er sich als ausgesondert: er will damit bezeugen, dass er nicht als eine beliebige Persönlichkeit aus der Volksmasse auftritt, sondern als ein ausgezeichneter Apostel des Herrn. In diesem Sinne hatte er auch den Gedankenfortschritt von dem umfassenderen Begriff „Knecht Jesu Christi“ zu der engeren Bezeichnung „Apostel“ vollzogen; denn zu den Knechten Jesu Christi zählt jeder, der ein Lehramt verwaltet: aber die Ehre des apostolischen Dienstes ragt darüber noch weit empor. Als Knecht des Herrn stellt Paulus sich mit allen Predigern auf gleiche Stufe. Mit dem Aposteltitel aber erhebt er sich über sie alle: weil aber eine geraubte Autorität nicht gelten würde, so behauptet Paulus, dass er von Gott in sein Amt gesetzt sei. Des Weiteren folgt eine genauere Beschreibung des Amtes eines Apostels: derselbe ist dazu berufen, zu predigen das Evangelium. Die hier gemeinte Berufung darf man nun nicht auf die Erwählung zum ewigen Leben beziehen. Es handelt sich vielmehr um das apostolische Amt: um dem Verdachte zu wehren, als habe er in persönlicher Ehrsucht seine Stellung sich angemaßt, weist der Apostel ganz einfach darauf hin, dass er durch Gott geworden sei, was er ist. Daraus können wir lernen, dass nicht jeder, der die Berufung zum ewigen Heil besitzt, damit auch schon für ein Lehramt befähigt ist. Vielmehr sollen gerade Leute, die sich für besonders geeignet halten, Sorge tragen, dass sie nicht ohne Berufung sich eindrängen. Weiter wollen wir den Finger auch darauf legen, dass eines Apostels Aufgabe die Predigt des Evangeliums ist. Dass Paulus sich als Knecht Jesu Christi bezeichnet, bezieht sich auf seine Amtsstellung und bedeutet dasselbe wie „Diener“.

V. 2. Welches er zuvor verheißen hat usw. Weil eine Lehre, die im Verdachte willkürlicher Neuerung steht, kein Ansehen gewinnen kann, so stützt der Apostel die Glaubwürdigkeit des Evangeliums durch sein Alter. Es ist, als ob er sagen wollte: Christus ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen oder hat irgendeine unerhörte Lehrweise aufgebracht; vielmehr war er von Anbeginn der Welt samt seinem Evangelium verheißen, und die Erwartungen richteten sich von jeher auf ihn. Weil aber das hohe Altertum von Fabeln umgeben zu sein pflegt, werden Zeugen hinzugefügt, und zwar unanfechtbare, nämlich Gottes Propheten. Und drittens heißt es, dass deren Zeugnisse ordentlich aufgezeichnet wurden, nämlich in der Heiligen Schrift. Aus dieser Stelle lässt sich schließen, wie es um das Evangelium steht: sie lehrt, dass dasselbe durch die Propheten uns nicht gegeben, sondern nur zuvor verheißen ward. Haben aber die Propheten das Evangelium verheißen, so folgt, dass es uns deutlich geoffenbart und geschenkt wurde erst durch das Fleisch des Herrn. Es geht also irre, wer Verheißungen und Evangelium ineinander wirrt. Denn das Evangelium ist, eigentlich geredet, die herrliche Predigt von dem geoffenbarten Christus, an welchem die Erfüllung aller Verheißung hängt.

V. 3. Von seinem Sohn usw. Köstlicher Spruch, der uns lehrt, dass das ganze Evangelium in Christus begriffen ist! Wer also von Christus auch nur um eines Fußes Breite zurücktritt, der weicht vom Evangelium. Christus ist des Vaters lebendiges und ausgedrücktes Bild: darum wird er allein uns vorgestellt, an welchen unser Glaube sich halten und in welchem er bestehen soll. Wir haben hierin also eine Beschreibung des Evangeliums, die uns sagt, was in demselben als Summa begriffen wird.

Der geboren ist usw. Zwei Stücke müssen wir an Christus suchen, um das Heil in ihm zu finden: Gottheit und Menschheit. Die Gottheit begreift in sich Macht, Gerechtigkeit, Leben; und das alles kommt durch die Menschheit zu uns. Darum setzt der Apostel diese beiden Stücke ausdrücklich, wenn er die Summe des Evangeliums erzählt: Christus ist im Fleische erschienen, und in demselben hat er sich als Sohn Gottes erwiesen. Ganz ebenso redet auch Johannes (1, 14): erst sagt er, dass das Wort Fleisch geworden; dann fügt er bei: in diesem Fleische sei die Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater erschienen. Dass nun der Apostel das Geschlecht und die Herkunft Christi von seinem Stammvater David genauer anmerkt, ist nicht überflüssig: diese Worte erinnern uns ja an die Verheißung, damit wir nicht zweifeln, Christus sei der längst verheißene Erlöser. Die dem David gewordene Weissagung war so bekannt, dass der Messias unter den Juden kurzweg Davids Sohn hieß. Dass also Christus von David abstammt, zielt auf die Gewissheit unseres Glaubens. Paulus fügt hinzu: nach dem Fleisch. So verstehen wir, dass Christus noch Höheres besitzt als das Fleisch. Dasselbe hat er nicht von David empfangen, sondern vom Himmel gebracht: es ist die Herrlichkeit seines göttlichen Wesens. Mit diesen Worten behauptet Paulus nun nicht nur die wirkliche Fleischesnatur Christi, sondern er macht auch einen klaren Unterschied zwischen Christi menschlicher und göttlicher Natur.

V. 4. Und kräftig erwiesen als ein Sohn Gottes usw. Statt „erwiesen“ kann man vielleicht noch besser sagen: „eingesetzt“. Es ist, als wolle der Apostel sagen: die Auferstehung wirkt wie ein göttlicher Beschluss, dass dieser Mensch fortan als Gottes Sohn erkannt und geehrt werden solle. So heißt es Ps. 2, 7: „Heute habe ich dich gezeuget“. Denn jene Zeugung besteht darin, dass Gottes Sohn nun aller Welt bekannt wird. Christus ist als Sohn Gottes eingesetzt, als seine Auferstehung von den Toten seine wahrhaft himmlische, d. h. seine Geisteskraft, öffentlich kundtat. Und diese Kraft wird in der Welt begriffen, wenn derselbe Geist sie den Herzen versiegelt. Mit diesem Verständnis stimmt gut auch das Wort zusammen, welches wir bisher noch übergangen haben: Christus ward kräftig erwiesen als ein Sohn Gottes. Gottes eigne Kraft strahlte in ihm wider und bewies unzweifelhaft sein göttliches Wesen. Sie erschien aber in seiner Auferstehung. So rühmt derselbe Paulus an einer andern Stelle (2. Kor. 13, 4), wo er ausspricht, dass die Schwachheit des Fleisches im Tode Christi offenbar geworden, die Kraft des Geistes aber in seiner Auferstehung. Uns aber wird solche Herrlichkeit nicht anders bekannt, als wenn derselbe Geist sie unsern Herzen versiegelt. Dass aber Paulus mit der wunderbaren Geisteswirkung, welche der Herr durch seine Auferstehung bewies, auch das Zeugnis zusammenfasst, welches jeder Gläubige in seinem Herzen empfindet, dafür steht sein ausdrücklicher Hinweis auf die Heiligung ein. Der Geist, der da heiligt (d. h. der uns zu Gottes heiliger Offenbarung hinführt) bestätigt und befestigt jenen Beweis seiner Kraft, den er einst in Jesu Auferstehung gab. Die Schrift pflegt auch sonst die genauere Benennung des Heiligen Geistes dem grade gegebenen Zusammenhange anzupassen. So nennt der Herr den Heiligen Geist den Geist der Wahrheit, wenn er davon spricht, dass derselbe die Jünger in alle Wahrheit leiten soll (Joh. 14, 17; 16, 13). – Dass in Christi Auferstehung seine göttliche Macht erschienen, lässt sich deshalb sagen, weil der Herr durch seine eigne Kraft von den Toten erstand, wie er selbst bezeugt hat (Joh. 2, 19; 10, 18): „Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten.“ „Niemand nimmt mein Leben von mir … Ich habe Macht, es wieder zu nehmen.“ Denn aus dem Tode, dem er um der Schwachheit des Fleisches willen gewichen war, hat ihn nicht fremde Hilfe gerissen, sondern die Wirkungskraft seines vom Himmel stammenden Geistes.

V. 5. Durch welchen wir haben empfangen usw. Nachdem der Apostel die Beschreibung des Evangeliums beendet (die er einschieben musste, um die Bedeutung seines Amtes zu erklären), lenkt er zu seiner eigenen Berufung zurück, von welcher die Römer zu überzeugen ihm hoch anlag. Er nennt gesondert Gnade und Apostelamt. Diese nachdrückliche Zerteilung der Worte besagt doch nichts anderes als: „das aus Gnaden geschenkte Apostelamt“. Paulus deutet damit an, dass er die Aufnahme in diesen Kreis nicht der eigenen Würdigkeit, sondern ganz der göttlichen Gnade verdanke. Erscheint auch das Apostelamt wegen seiner Kämpfe, Mühen, Verfolgungen und Verachtung in der Welt nicht begehrenswert: vor Gott und seinen Heiligen ist seine Würde übergroß geachtet. Mit Recht gilt es demgemäß als eine Gnade, ein Apostel sein zu dürfen. – Unter seinem Namen. Wörtlich: für seinen Namen. Dies deuten viele nach 2. Kor. 5, 20: die Apostel sind Boten für Christus, an Christi Statt; sie predigen das Evangelium in oder unter seinem Namen. Besser werden wir bei dem Namen Christi daran denken, dass Christus den Menschen bekannt gemacht werden soll. Wird doch das Evangelium gepredigt, damit wir glauben an den Namen des Sohnes Gottes (1. Joh. 3, 23). Und Paulus selbst heißt ein dazu auserwähltes Rüstzeug, dass er den Namen Christi zu den Heiden trage (Apg. 9, 15). „Für den Namen“ heißt also: zur Ausbreitung des Namens.

Den Gehorsam des Glaubens aufzurichten. Das ist: wir haben Befehl empfangen, das Evangelium zu allen Heiden zu bringen, und sie sollen demselben durch den Glauben gehorchen. Indem der Apostel den Zweck seines Berufes beschreibt, erinnert er die Römer zugleich an ihre Pflicht. Es ist, als ob er spräche: mir steht es zu, das mir befohlene Amt auszurichten, d. h. das Wort zu verkündigen; an euch ist es, dem Worte in allem Gehorsam zu lauschen, wenn anders ihr nicht den Beruf, welchen Gott mir gegeben, vereiteln wollt. Daraus schließen wir, dass der Herrschaft Gottes freventlich widersteht und deren ganze Ordnung verkehrt, wer die Predigt des Evangeliums unehrerbietig und verächtlich von sich stößt, deren Zweck doch ist, uns im Gehorsam dem Herrn zu unterwerfen. Hier lässt sich auch das Wesen des Glaubens erkennen: derselbe heißt Gehorsam, weil wir dem Gott, welcher uns durch das Evangelium zu sich ruft, durch den Glauben die rechte folgsame Antwort geben. Umgekehrt ist das Hauptstück aller Auflehnung gegen Gott der Unglaube. Hier ist also nicht wie Apg. 6, 7 bloß vom Gehorsam gegen den Glauben, sondern ganz eigentlich von dem Gehorsam gegen das Evangelium die Rede, welcher im Glauben besteht.

Unter allen Heiden …, unter welchen ihr auch seid. Es reichte nicht hin, von der Berufung des Paulus zum Apostelamt zu sprechen: sein Dienst bezog sich auch auf bestimmte Jünger. Darum fügt er hinzu, dass sein Amt sich auf alle Heiden erstrecke. Und alsbald nennt er sich noch deutlicher den Apostel der Römer, indem er sagt, dass auch sie zur Zahl der Heiden gehören, zu deren Prediger er bestellt ward. Allen Aposteln ist der Auftrag gemein, das Evangelium in der ganzen Welt zu predigen. Dadurch unterscheiden sie sich von den Hirten und Bischöfen (d. h. Pastoren und Ältesten), die an bestimmte Gemeinden gebunden sind. Dem Paulus aber war neben dem allgemeinen Bereich des apostolischen Amtes durch besondere Weisung Recht und Pflicht der Heidenmission übertragen.

V. 6. Berufene Jesu Christi. Diese Benennung fügt einen näheren Grund für den Anspruch des Apostels hinzu: Gott hatte bereits den gläubigen Römern ein Zeichen durch ihre Berufung gegeben, dass er ihnen Gemeinschaft am Evangelium schenken wolle. Sollte diese Berufung Bestand behalten, so durften sie den Dienst des Paulus nicht abweisen, welcher doch durch die gleiche Erwählung Gottes zum Dienste bestellt war. Ich verstehe also dieses Satzglied „Berufene Jesu Christi“ als eine genauere Erklärung: unter den Heiden seid auch ihr, als Berufene, und zwar Jesu Christi. Der Apostel will sagen: durch ihre Berufung sind sie Glieder Christi geworden. Denn in Christus wurden vom himmlischen Vater zu Kindern erwählt, die das ewige Leben erben sollen: aber die so Erwählten werden auch dem Schutze und der Treue Christi als ihres Hirten anbefohlen.

V. 7. Euch allen, die ihr zu Rom seid usw. Hier steht in schöner Ordnung verzeichnet, was an uns des Rühmens wert ist. Zuerst: Gott hat uns durch seine Güte und Liebe zu Gnaden angenommen. Zweitens: Er hat uns berufen. Endlich: Er hat uns zur Heiligkeit angenommen. Dies letzte findet statt, wenn wir unserer Berufung uns nicht entziehen. In dem allen wird uns eine überaus inhaltreiche Lehre dargeboten, die ich nur kurz anrühren und im Übrigen dem Nachdenken jedes Lesers überlassen will. An uns findet Paulus nichts Lobenswertes, worauf er das Heil gründen könnte. Er leitet es vielmehr aus dem Quell der freien Vaterliebe Gottes allein ab. Darin steht der Anfang, dass Gott uns liebt. Was aber wäre dieser Liebe Grund, als allein Gottes Güte? Von ihr hängt auch die Berufung ab, mit welcher Gott die Annahme zur Kindschaft bei denjenigen, die er sich zuvor frei erwählt hat, zur gegebenen Zeit versiegelt. Übrigens schließen wir auch aus dieser Wahrheit, dass niemand sich zur Zahl der wahrhaft Gläubigen rechnen darf, wenn er nicht gewisslich vertraut, dass Gott ihm, dem elenden Sünder, ohne Verdienst gnädig sei, und wenn er nicht, durch Gottes Güte erweckt, sich der Heiligkeit entgegenstreckt. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung (1. Thess. 4, 7).

Da der griechische Text an die zweite Person zu denken erlaubt, so sehe ich keinen Grund, jetzt in die dritte Person überzuspringen und etwa zu übersetzen: allen, die zu Rom sind. Gnade sei mit euch und Friede. Nichts Besseres lässt sich wünschen, als dass wir eine gnädigen Gott haben: darauf deutet die „Gnade“. In zweiter Linie scheint wünschenswert, dass uns von ihm Segen und Gelingen in allen Dingen zufließe: dies bedeutet der „Friede“. Denn, wie glücklich auch alles stehen mag: wenn Gott sich wider uns kehrt, so wird auch der Segen in Fluch verwandelt. So ist das einzige Fundament unseres Glücks Gottes Wohlwollen: dieses allein schafft, dass wir wahre und bleibende Freude genießen, und dass auch durch widriges Geschickt unser Heil gefördert wird. Daraus aber, dass der Friede vom Herrn erbeten wird, merken wir, dass alles Gute, das wir erfahren, dem Wohltun Gottes als rechte Frucht entsprießt. Auch das dürfen wir nicht übergehen, dass die Bitte um diese Güter sich zugleich an den Herrn Jesus richtet. Solche Ehre gebührt ihm, welcher nicht bloß das göttliche Erbarmen uns eröffnet und austeilt, sondern welcher in allen Dingen an der Regierung des Vaters teil halt. Recht eigentlich will der Apostel zu verstehen geben, dass alle Wohltaten Gottes uns durch Christus zufließen. – Bei dem Worte „Friede“ denken manche lieber an die Ruhe des Gewissens. Ich leugne nicht, dass dieser Sinn zuweilen in dem Worte liegen kann. Da aber der Apostel hier ohne Zweifel uns die Fülle aller Güter vorstellen will, so erscheint die oben vorgetragene, von Bucer entlehnte Auffassung weit passender. Der Apostel will den Frommen die Fülle des Segens wünschen: so wendet er sich an Gottes Gnade als an die letzte Quelle; diese aber spendet uns nicht bloß ewiges Heil, sie ist die Ursache aller Güter auch in diesem Leben.

8 Aufs erste danke ich meinem Gott durch Jesum Christum euer aller halben, dass man von eurem Glauben in aller Welt sagt. 9 Denn Gott ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geist am Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich´ s einmal zutragen wollte, dass ich zu euch käme durch Gottes Willen. 11 Denn mich verlangt, euch zu sehen, auf dass ich euch mitteile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken; 12 das ist, dass ich samt euch Ermunterung empfinge durch euren und meinen Glauben, den wir untereinander haben.

V. 8. Aufs erste. Hier beginnt eine überaus zweckmäßige Einleitung, in welcher Paulus mit Gründen, die aus der beiderseitigen Stellung abgeleitet sind, die Bereitschaft seiner Leser, ihn anzuhören, trefflich stärkt. Was die Stellung der Leser angeht, so ist solcher Grund die allgemein bekannte Tatsache ihres Glaubens, welche der Apostel erwähnt. Er gibt damit zu verstehen, dass diese öffentliche Anerkennung von Seiten der christlichen Gemeinden ihnen eine Pflicht auferlegt: sie können den Apostel des Herrn nicht verwerfen, ohne die allgemeine gute Meinung Lügen zu strafen; und dies wäre doch unmenschlich und eigentlich treulos. Dieses Zeugnis, mit welchem der Apostel anheben musste, stärkt also einerseits seine eigene Gewissheit, dass er williges Gehör finden werde, und erleichtert ihm, das Werk der Lehre und des Unterrichts jetzt anzugreifen; andererseits band es die Römer, die Autorität des Apostels nicht zu verachten. Was seine eigene Stellung betrifft, so muss die Bezeugung seiner tief gewurzelten Liebe die Leser zur Folgsamkeit bewegen. Nichts aber öffnet einem Berater williger die Herzen, als wenn er das Vertrauen gewinnt, dass er in reiner Absicht rate und täte. – Von Einzelheiten scheint in erster Linie bemerkenswert, dass Paulus den Glauben der Leser lobt, aber mit einer Wendung, welche den Ursprung desselben auf Gott zurückführt. Wir lernen daraus, dass der Glaube ein Geschenk Gottes ist. Denn wenn danken heißt, Wohltaten anerkennen, so gestehen wir zu, unsern Glauben von Gott empfangen zu haben, wenn wir an Gott den Dank dafür erstatten. Wenn wir aber sehen, dass der Apostel seine Anerkennung überall mit Dank gegen Gott anhebt, so sollen wir erkennen, dass alles Gute, was wir haben, uns von Gott geschenkt ward. Auch wir mögen wohl eine solche Redeweise annehmen: wir werden dadurch eifriger werden, Gott als den Geber aller guten Gaben zu erkennen, und wir werden andere mit uns zu gleichem Sinne erwecken. Soll man diese Regel bei den geringsten Danksagungen beobachten, so am allermeisten, wenn es sich um den Glauben handelt, der eine einzigartige, nicht allen gleichermaßen zuteil werdende Gnadengabe Gottes ist. – Weiter haben wir hier ein Beispiel dafür, wie wir unsern Dank durch Christus anbringen sollen (vgl. auch die apostolische Vorschrift Hebr. 13, 15): ganz ebenso durch Christus, wie wir ja auch durch seinen Namen Barmherzigkeit vom Vater erbitten und empfangen. – Endlich nennt Paulus den Herrn seinen Gott. Das herrliche Vorrecht, so zu reden, besitzen allein die Gläubigen. Darunter verbirgt sich ja die Wechselbeziehung, welche die Verheißung ausdrückt (Jes. 30, 22): Ich will ihr Gott sein, sie sollen mein Volk sein. Indessen möchte ich hier diese Redeweise noch genauer aus dem besonderen Amt des Paulus erklären: sie weist auf den persönlichen Gehorsam hin, welchen er seinen Gott leistet, wenn er das Evangelium predigt. So nennt Hiskia den Herrn des Jesaja Gott, um diesem das Zeugnis eines wahren und treuen Propheten zu geben (Jes. 37, 4). So heißt Gott in besonderem Sinne Daniels Gott (Dan. 6, 21), weil Daniel ihm ohne Unterlass diente.

In aller Welt. Für sein Urteil über den Glauben der Römer wog dem Paulus die Aussage rechtsinniger Menschen soviel wie die der ganzen Welt. Denn über diesen Glauben, welchen sie verabscheuten, konnten die Ungläubigen natürlich kein verlässiges und gültiges Zeugnis geben. Sagt man von dem Glauben der Römer in aller Welt, so denken wir an die frohe Rede aller Gläubigen. Dass die Existenz einer Handvoll verachteter Menschen den Ungläubigen selbst in Rom entging, verschlägt nichts: bei deren Urteil, welches auch in der Tat nichts bedeutete, hielt Paulus sich nicht auf.

V. 9. Denn Gott ist mein Zeuge. Paulus beweist seine Liebe mit ihren Früchten. Hätte er die Römer nicht innigst geliebt, so würde er ihr Heil nicht so eifrig dem Herrn befohlen haben, so hätte er noch weniger einen so brennenden Eifer an die Förderung desselben gewendet. Jene Fürsorge und dieser Eifer sind sichere Zeichen der Liebe. Auf einem andern Stamme wachsen solche Früchte nicht. Um nun seiner Predigt Eingang zu schaffen, will Paulus die Leser besonders kräftig von seiner lauteren Zuverlässigkeit überzeugen: darum gebraucht er eine eidliche Versicherung, das sicherste Mittel, einer dem Zweifel ausgesetzten Behauptung die erwünschte Kraft und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Denn, wenn schwören heißt: Gott zum Zeugen für die Wahrheit unserer Rede aufrufen, so wird man ganz vergeblich bestreiten, dass der Apostel hier geschworen habe. Dennoch hat er Christi Vorschrift (Matth. 5, 33-37) nicht übertreten. Wir entnehmen daraus nur, dass Christus nicht – wie der wiedertäuferische Aberglaube wähnt – den Eid ganz abschaffen, sondern lediglich zur rechten Erfüllung des Gesetzes zurücklenken wollte. Das Gesetz aber erlaubt den Eid und verbietet nur Meineid und überflüssiges Schwören. Wollen wir also richtig schwören, so müssen wir die nüchterne Wahrhaftigkeit und gläubige Gewissenhaftigkeit zum Vorbilde nehmen, welche die Apostel in diesem Stück zeigen. Zum Verständnis der Formel sei bemerkt, dass, wenn wir Gott zum Zeugen anrufen, er auch im Falle der Unwahrheit als Rächer dastehen wird. Dies hat Paulus auch einmal in die Form gekleidet (2. Kor. 1, 23): „Ich rufe Gott zum Zeugen an auf meine Seele.“

Welchem ich diene in meinem Geist. Weltmenschen, welche Gottes spotten, pflegen seinen Namen in frevler Sicherheit zu missbrauchen. Demgegenüber sichert Paulus die eigene Glaubwürdigkeit durch eine Erinnerung an seinen frommen Sinn. Denn wo man Furcht und Ehrerbietung gegen Gott kennt, hütet man sich vor falschem Schwur. Weiter aber redet Paulus von einem Dienst im Geiste, zum Unterschiede von äußerlichem Schein. Es gibt ja viele Leute, die sich als Verehrer Gottes ausgeben und auch dem Schein nach solche sind. Deshalb bezeugt aber Paulus, dass er Gott von Herzen (in seinem Geiste) dient. Möglich, dass er auch an die Zeremonien des Alten Bundes denkt, mit denen die Juden Gott allein dienen zu können meinten. Er will da also sagen: diese Gebräuche übe ich nicht, aber ich bin doch ein Verehrer Gottes. So spricht er es auch Phil. 3, 3 aus: „Wir sind die Beschneidung, die wir Gott im Geiste dienen und rühmen uns von Christus Jesus und verlassen uns nicht auf Fleisch.“ Er rühmt sich also, Gott in aufrichtiger, innerlicher Frömmigkeit zu dienen, die ja wahre Religion und Gottesverehrung ist. Des Weiteren beweist er durch ein Zeichen, dass er dem Herrn in Wahrheit dient: dies Zeichen ist seine Arbeit. Denn einen deutlicheren Beweis für jemandes Aufopferung zu Gottes Ehre kann es nicht geben, als die Selbstverleugnung, welche alle Lasten der Schande, der Dürftigkeit, des Todes und der Verhasstheit ohne Zögern auf sich nimmt, um Gottes Reich auszubreiten. Damit unterscheidet sich der Apostel von den Heuchlern, welche ganz etwas anderes wollen, als dem Herrn dienen: die meisten treibt der Ehrgeiz oder ähnliche Untugend; deshalb sind sie weit entfernt, treulich und von Herzen ihr Amt zu führen. Hier schöpfen wir eine heilsame Lehre, die den Dienern am Worte starken Mut einflößen kann, wenn sie hören, dass ihre Predigt des Evangeliums dem Herrn einen erwünschten und wertvollen Dienst leistet. Was mag aber wider sie sein, wenn sie doch wissen, dass Gott ihre Arbeit billigt und als einen wahren Gottesdienst annimmt? – „Evangelium vom Sohne Gottes“ heißt es hier, weil Christus durch dasselbe verherrlicht wird: denn Christi Aufgabe war es, seine und eben dadurch des Vaters Herrlichkeit zu offenbaren.

Dass ich ohne Unterlass usw. Einen noch größeren Beweis für die Inbrunst seiner Liebe liefert des Apostels anhaltendes Gebet. Denn das war etwas Großes, dass er in keinem einzigen Gebet vergaß, ihrer zu gedenken. Natürlich spricht er nicht von jeder flüchtigen Anrufung Gottes, sondern nur von solchen Gebeten, bei welchen die Frommen, wenn sie sich zu ihnen die Zeit nehmen, alle andern Gedanken beiseite lassen, und zu welchen sie sich völlig zu sammeln pflegen. Denn leicht mochte dem Apostel irgendein plötzlicher Gebetsseufzer aufsteigen, ohne dass er dabei an die Römer dachte: aber so oft er ausdrücklich und absichtlich zu Gott betete, vergaß er neben andern auch sie nicht. Er spricht also von solchen Gebeten insonderheit, zu welchen die Heiligen in bestimmter Ordnung sich anschicken, wie wir ja auch wissen, dass der Herr selbst dafür die Einsamkeit gesucht. Dabei finden wir eine leise Andeutung, wie häufig und regelmäßig der Apostel so gebetet hat; denn er sagt, dass er solchem Gebet ohne Unterlass obliege.

V. 10. Und flehe, ob sich´ s einmal usw. Niemand glaubt an die Lebhaftigkeit unseres Eifers für irgendein Ding, wenn wir nicht bereit sind, dieselbe mit der Tat zu beweisen. Darum rühmt der Apostel seine Besorgnis um das Heil der Leser nicht bloß mit Worten, sondern fügt vor Gottes Angesicht als einen neuen Beweis seiner Liebe hinzu, dass sein Gebet sich darauf richtet, ihnen nützlich sein zu können. Zur Verdeutlichung des Gedankenfortschritts mögen wir ein „auch“ einschieben: „und ich flehe auch“ usw. Wenn er aber den Ausdruck wählt: dass ich zu euch käme durch Gottes Willen – so erbittet er damit von Gott nicht etwa bloß Glück für die Reise, sondern ob seine Reise ein Glück sei, das ermisst er daran, ob sie mit Gottes Willen geschehen könne. Nach dieser Regel müssen sich alle unsere Gebetswünsche richten.

V. 11. Denn mich verlangt, euch zu sehen. Paulus konnte auch aus der Ferne den Glauben der römischen Christen durch seine Lehre stärken; aber weil die persönliche Gegenwart stets passenderen Rat finden lehrt, darum wünscht er nahe zu sein. Den Zweck seiner Absicht drückt er aber so aus, dass man sieht, er wolle nicht um seines, sondern um ihres Vorteils willen die Mühe auf sich nehmen. Unter geistlicher Gabe versteht er Vorzüge der Lehre, der Ermahnung oder der Weissagung, welche er sich bewusst war, von Gottes Gnade empfangen zu haben. Auf den rechten Gebrauch solchen Besitzes deutet das Wort „mitteilen“. Denn dazu hat recht eigentlich ein jeglicher seine Gaben empfangen, damit er sie den andern Gliedern mitteile (Röm. 12, 3; 1. Kor. 12, 11).

Euch zu stärken. Damit wird wieder etwas gemildert, was der Apostel soeben von der Mitteilung sagte. Es soll der Schein getilgt werden, als hielte Paulus die Leser für bedürftig, wieder in den ersten Anfangsgründen unterwiesen zu werden, als ob sie Christus noch nicht richtig kennen gelernt hätten. Er bietet ihnen also seine Hilfe an, um sie trotz aller bisherigen Fortschritte weiterzuführen. Denn der Stärkung bedürfen wir alle, bis wir das Maß des vollkommenen Alters Christi erreicht haben werden (Eph. 4, 13). Aber der Apostel unterbietet auch noch diese Bescheidenheit:

V. 12. Er verbessert gewissermaßen den bisher gebrauchten Ausdruck: nicht ein solcher Lehrer will er sein, der es verschmähte, auch wiederum von ihnen zu lernen. Er will sagen: so möchte ich nach dem Maß der mir verliehenen Gnade euch stärken, dass euer Beispiel meinem Glauben neue Frische bringt und wir vereinigt vorwärts streben. Siehe, wie tief lässt sich der wahrhaft fromme Sinn herab! Er weigert sich nicht. selbst von schwachen Anfängern Stärkung anzunehmen. Und doch redet hier nicht etwa eine erheuchelte Demut: denn so gering ist niemand in der Gemeinde Christi, dass er uns gar keinen Segen mitteilen könnte. Aber unser böser Stolz hindert uns, herüber und hinüber solche Frucht zu empfangen. Unser Hochmut und der Rausch unserer Selbstüberhebung lässt uns andere verachten, als ob wir sie nicht brauchten und uns selbst genug sein könnten. – Mit Bucer übersetze ich lieber „Ermunterung“ als Trost. Denn das erstere passt besser in den Zusammenhang.

13 Ich will euch aber nicht verhalten, liebe Brüder, dass ich mir oft habe vorgesetzt, zu euch zu kommen (bin aber verhindert bisher), dass ich auch unter euch Frucht schaffte gleichwie unter andern Heiden. 14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Ungriechen, der Weisen und der Unweisen. 15 Darum, soviel an mir ist, bin ich geneigt, auch euch zu Rom das Evangelium zu predigen.

V. 13. Ich will euch aber nicht verhalten. Der bisher bezeugte Eifer, die Römer persönlich besuchen zu wollen, müsste unglaubwürdig erscheinen, wenn Paulus nicht jede dafür gebotene Gelegenheit ergriffen hätte. Darum spricht er jetzt davon, dass es nicht an Versuchen, sondern nur an der Gelegenheit gefehlt habe. Die Ausführung des längst gehegten Planes wurde immer wieder verhindert. Wir lernen daraus, dass Gott oft die Pläne der Seinen stört, um sie zu demütigen und durch solche Demütigung zu gewöhnen, dass sie mit seiner Vorsehung rechnen und sich ganz von derselben abhängig machen. Und doch werden die Frommen nicht eigentlich von ihren Vorsätzen abgebracht: denn sie hegten keine Vorsätze ohne Gottes Willen. Mit solcher Sicherheit Zukunftspläne zu entwerfen, als stünde die Ausführung ganz bei uns, das ist die Art anmaßlichen Unglaubens, welche Jak. 4, 13 kräftig tadelt. Wenn Paulus sagt, er sei verhindert worden, so will dies nur so verstanden sein, dass Gott ihm wichtigere Geschäfte zuschob, die er ohne Schädigung der Kirche nicht liegen lassen durfte. Es ist ein Unterschied zwischen den Verhinderungen der Frommen und der Ungläubigen. Diese sehen sich erst dann gehindert, wenn Gott sie mit gewaltsamem Griffe der Bewegung beraubt. Jene betrachten schon als genügenden Hinderungsgrund, dass die Pflicht oder die Rücksicht auf die Erbauung des Nächsten ihnen etwas zu tun verbietet. Dass ich auch unter euch Frucht schaffte. Gemeint ist selbstverständlich die Frucht, welche einzusammeln der Herr seine Apostel gesandt hat. Joh. 15, 16: „Ich habe euch erwählet, dass ihr hingehet und Frucht bringet, und eure Frucht bleibe.“ Solche Frucht sammelten sie freilich nicht für sich, sondern für den Herrn: und doch redet Paulus davon wie von seinem Eigentum. Denn nichts ist den Frommen mehr eigen, als Gottes Ehre zu verbreiten: daran hängt ihre ganze Seligkeit. Dass er aber unter andern Heiden Frucht geschafft habe, erwähnt der Apostel, um den römischen Christen Mut zu machen: dessen fruchtbares Wirken unter soviel Heiden verspürt ward, der wird zu ihnen nicht leer kommen.

V. 14. Der Griechen und der Ungriechen, der Weisen und der Unweisen. Das erste Glied findet seine Erklärung durch das zweite. Wenn es die Pflicht und Schuldigkeit des Apostels erheischt, so darf man es ihm nicht als Anmaßung auslegen, dass er meint, selbst die hoch gebildeten, klugen und erfahrenen Römer noch etwas lehren zu können. Gottes Wohlgefallen war es, ihn auch den Weisen zum Lehrer zu setzen. Zwei Wahrheiten gilt es hier zu erwägen: den Weisen bietet Gottes Ordnung das Evangelium an; damit will der Herr alle Weisheit der Welt sich unterwerfen und will allen Scharfsinn, jegliche Wissenschaft und hohe Kunst unter die Einfachheit dieser Lehre erniedrigen. So rücken die Weisen auf eine Stufe mit den Unweisen und müssen so demütig werden, dass sie als Mitjünger unter dem einigen Meister Christus gelten lassen, die sie zuvor nicht einmal als eigene Jünger aufgenommen hätten. Andererseits dürfen von dieser Jüngerschaft die Unweisen nicht ausgeschlossen, ja die dürfen auch nicht im Entferntesten durch einen hohen Schein davon abgeschreckt werden. Denn Paulus war ihr Schuldner, und zwar ein vertrauenswürdiger; denn er zahlte, was er schuldig war. Hier werden sie finden, was sie fassen können. Hier empfangen auch alle Lehrer die beachtenswerte Regel, dass es gilt, sich auch den Unweisen und Törichten herablassend und freundlich anzupassen. Bei solchem Verfahren werden sie die Unreife mit größerem Gleichmut ertragen und unzählige Anstöße über sich ergehen lassen, welchen sie sonst unterliegen würden. Doch sollen sie wissen: die Schuldigkeit gegen die Toren erstreckt sich nicht so weit, dass um einer gar zu großen Nachgiebigkeit willen die Torheit bleiben dürfte, was sie ist.

V. 15. Darum, soviel an mir ist usw. Damit schließt der Apostel die Aussprache über seine Sehnsucht nach Rom. Es ist seine Pflicht, auch dort das Evangelium zu predigen und dem Herrn Frucht zu schaffen. Diesem Beruf zu folgen ist sein Wunsch, soweit es Gott erlaubt. 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen. 17 Sintemal darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben.“ 16 Ich schäme mich … nicht. Dies Wort kommt dem Spott der Ungläubigen zuvor und schiebt ihn achtlos zur Seite. Zugleich erhebt es die Würde des Evangeliums, damit niemand dasselbe den Römern verächtlich mache. Dabei kann man zwischen den Zeilen lesen, dass Paulus sich selbst vor der Welt verachtet sieht, wenn er sagt: ich schäme mich nicht. So bereitet der Apostel seine Leser vor, die Schmach des Kreuzes Christi zu tragen: sie mögen das Evangelium deshalb nicht geringer schätzen, weil sie es vom Hohn und Spott der Gottlosen überschüttet sehen. Vielmehr wird uns der hohe Wert des Evangeliums für die Frommen enthüllt. Fordert die Kraft Gottes unsere ganze Ehrerbietung, so sollen wir wissen: sie leuchtet im Evangelium. Ist Güte begehrens- und liebenswert -: das Evangelium ist dieser Güte Werkzeug. Denn es will uns selig machen. So erscheint es verehrungswürdig und liebenswert zugleich. Wir wollen dabei wohl beachten, welch unvergleichliche Würde Paulus der Predigt des Wortes zuschreibt, wenn er bezeugt, dass Gott eben in sie die Kraft gelegt habe, selig zu machen. Da ist nicht von irgendeiner geheimen Offenbarung die Rede, sondern von der mündlichen Predigt. Wie verachtet man also mutwillig Gottes Kraft, wie stößt man Gottes erlösende Hand von sich, wenn man sich dem Hören der Predigt entzieht! Weil aber Gottes Kraft nicht überall erfolgreich wirkt, sondern nur dort, wo der Geist als ein innerlich unterweisender Lehrer die Herzen erleuchtet, darum fügt der Apostel hinzu: alle, die daran glauben. Zur Seligkeit wird zwar das Evangelium jedermann angeboten, aber es beweist nicht überall seine Kraft. Dass es aber für die Gottlosen ein Geruch des Todes wird, das ist nicht die Folge seiner Natur, sondern ihres bösen Willens. Es offenbart nur eine Seligkeit und schneidet jede andere Hoffnung ab: wer dieser einzigen Seligkeit sich entzieht, empfängt im Evangelium gewissermaßen die Offenbarung seiner Verlorenheit. Weil also das Evangelium ohne Unterschied alle Menschen zur Seligkeit einlädt, so heißt es im eigentlichen Sinne eine selig machende Botschaft. Denn Christus ist darin, dessen eigentliches Amt es ist, selig zu machen, was verloren ist. Wer sich aber von ihm nicht selig machen lassen will, wird ihn als Richter kennen lernen. Übrigens bildet in der Heiligen Schrift die Seligkeit häufig den Gegensatz zum Verlorengehen. Daraus lässt sich abnehmen, um was es sich handelt. Weil das Evangelium uns frei macht von der Qual und dem Fluch des ewigen Todes, darum besteht die Seligkeit, welche es bringt, im ewigen Leben. Die Juden vornehmlich und auch die Griechen. Der Name Griechen umfasst hier alle Heiden, wie aus der Zweiteilung hervorgeht, welche doch die ganze Menschheit umspannen soll. Dabei bleibt den Juden ihr Vorzug, weil ihnen zunächst die Verheißung und Berufung galt. Aber die Heiden werden alsbald im zweiten Grade hinzugefügt.

V. 17. Sintemal darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Dieser Satz erläutert und begründet die vorige Aussage, dass das Evangelium eine Kraft sei, selig zu machen. Wer Seligkeit, d. h. Leben, in der Gemeinschaft Gottes sucht, muss vor allen Dingen Gerechtigkeit suchen: Gerechtigkeit macht uns Gott angenehm, und nur wenn wir einen gnädigen Gott haben, können wir das Leben besitzen, welches im Genuss der göttlichen Güte besteht. Gottes Liebe ruht nur auf Gerechten, Ungerechtigkeit ist ihm verhasst. Es wird uns also eingeschärft, dass sich Seligkeit nur aus dem Evangelium schöpfen lässt: denn nirgends sonst hat Gott seine Gerechtigkeit geoffenbart, welche allein vom Verlorengehen erlöst. Diese Gerechtigkeit ist das Fundament der Seligkeit, und weil sie im Evangelium eröffnet ward, darum heißt das Evangelium eine Kraft, selig zu machen. – Es gilt aber, genauer zu erwägen, welch seltenen und kostbaren Schatz uns der Herr im Evangelium schenkt: die Mitteilung seiner Gerechtigkeit. Unter „Gerechtigkeit Gottes“ verstehe ich diejenige, die vor Gott gilt, die in seinem Gerichte die Probe besteht. So heißt „Gerechtigkeit der Menschen“ eine solche, die nur vor Menschenurteil als Gerechtigkeit erscheint, die aber vielleicht in Wahrheit eitler Dunst ist. Ohne Zweifel schweben diesem Worte des Paulus viele Weissagungen vor, mit welchen der Geist Gottes auf die herrliche Gerechtigkeit Gottes in Christi künftigem Königreiche vorausdeutete. Andere übersetzen: „die Gerechtigkeit, die uns von Gott geschenkt wird.“ Nun kann ja dies zweifellos einen brauchbaren Sinn haben: weil Gott uns durch das Evangelium Gerechtigkeit schenkt, darum macht er uns selig. Immerhin scheint unsere Übersetzung besser zu passen. Aber ich will darüber nicht lange streiten. Viel wesentlicher erscheint, dass viele diese Gerechtigkeit nicht bloß in der Vergebung der Sünden bestehen lassen, sondern zum Teil auch in der Gnadengabe eines innerlich erneuerten Lebens. Ich aber verstehe die Sache so, dass uns Gott lediglich deshalb zum Leben annimmt, weil er uns in freier Gnade mit sich aussöhnt. Doch davon werden wir gegebenen Orts ausführlich handeln (zu 3, 21; 4, 6). – An die Stelle des früheren Ausdrucks „alle, die daran glauben“ tritt jetzt der andere: „aus Glauben.“ Denn das Evangelium bietet die Gerechtigkeit aus, und der Glaube eignet sie sich zu. Und der Apostel fügt hinzu: in Glauben. Denn soviel unser Glaube wächst und in solcher Erkenntnis fortschreitet, um soviel wächst zugleich in uns die Erfahrung von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und der Besitz dieser Gerechtigkeit schlägt sozusagen tiefere Wurzeln. Im Anfange unserer Erfahrung vom Evangelium zeigt sich uns zwar Gottes freundliches Angesicht zugekehrt, aber nur wie aus der Ferne: je mehr aber die Frömmigkeit ausreift, um soviel nähern wir uns gewissermaßen dem Herrn und schauen seine Gnade deutlicher und vertrauter.

Wie geschrieben steht. Jene Glaubensgerechtigkeit beweist der Apostel mit einem Spruch des Propheten Habakuk. In einer Stelle, welche das Gericht über die Stolzen weissagt, fügt derselbe hinzu: der Gerechten Leben stehe im Glauben. Nun leben wir aber vor Gott nicht ohne Gerechtigkeit: daraus folgt, dass gerade auch unsere Gerechtigkeit im Glauben beruhen muss. Die Zukunftsform des Zeitwortes erinnert dabei, dass das Leben des Gerechten in Ewigkeit währen wird. Es bleibt nicht allein in der Gegenwart, sondern in alle Zukunft. Auch die Gottlosen schmeicheln sich mit einem Trugbilde vom Leben; aber wenn sie sagen: es ist Friede, es hat keine Gefahr, wird sie das Verderben schnell überfallen (1. Thess. 5, 3). Sie haben also nur ein Schattenbild, das einen Augenblick währet: der Glaube dagegen allein ist es, der dem Leben ewige Dauer verleiht. Das kommt daher, dass er uns zu Gott führt und unser Leben in ihn hineinzieht. Denn der Apostel würde diesen Spruch nur höchst unpassender weise anführen, wenn die Meinung des Propheten nicht wäre, dass wir dann erst einen festen Stand gewinnen, wenn unser Glaube sich auf Gott stützt. Und sicherlich hängt er nur deswegen das Leben der Frommen an den Glauben, weil derselbe dem Stolz der Welt den Abschied gibt und allein unter Gottes Schutz seine Zuflucht sucht. Allerdings behandelt der Prophet diese Wahrheit nicht ausdrücklich, erwähnt also auch die frei geschenkte Gerechtigkeit nicht: aber aus dem Wesen des Glaubens lässt sich ersehen, dass der Prophetenspruch ganz wohl mit dem vorliegenden Gegenstande zusammenstimmt. Dieser Gedankengang ergibt auch, wie innerlich notwendig Glaube und Evangelium aneinander gekettet werden. Weil es nämlich heißt: der Gerechte wird kraft seines Glaubens leben -, so folgt daraus, dass man jenes Leben durch das Evangelium empfängt. Damit haben wir das Hauptthema des ersten Teiles des Briefes erreicht: wir werden gerecht gesprochen allein durch Gottes Erbarmen vermittelst des Glaubens. Dies sagen des Apostels Worte zwar noch nicht ausdrücklich. Aber der Zusammenhang wird alsbald ergeben, dass die auf den Glauben gegründete Gerechtigkeit sich ganz auf Gottes Erbarmen stützt.

18 Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. 19 Denn was man von Gott weiß, ist in ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, 20 damit dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also dass sie keine Entschuldigung haben, 21 dieweil sie wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. 22 und haben verwandelt die Herrlichkeit es unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

V. 18. Gottes Zorn wird offenbart. Durch einen Gegensatz beweist der Apostel, dass man Gerechtigkeit nur durch das Evangelium bekommen kann: denn außerhalb derselben erscheinen alle Menschen der Verdammnis unterworfen. Also kann man allein durch das Evangelium selig werden. Zunächst folgt nun der Beweis für diese behauptete Verdammnis: der Bau der Welt und die herrliche Ordnung ihrer Teile hätte dem Menschen einen Anstoß zur Verherrlichung Gottes geben müssen -, aber niemand gedenkt ernstlich dieser Pflicht. So wird jedermann des Gottesraubes und gottlos-schändlicher Undankbarkeit schuldig. Einige Ausleger haben die Anschauung, als ob Paulus mit diesem Satz zum Thema kommen und also den eigentlichen Inhalt seiner Darstellung mit der Buße beginnen lasse. Ich glaube dagegen, dass er sich hier in den erforderlichen Kampf einlassen will: das, worum es geht, hat er bereits oben (1, 16.17) ausgesprochen. Er hat doch die Absicht, zu zeigen, wo das Heil zu finden sei. Oben hat er dargelegt, dass wir es einzig und allein im Evangelium erlangen können. Nun ist aber das Fleisch keineswegs bereit, sich so weit zu demütigen, dass es Gottes Gnade allein den Lobpreis für das Heil zollt. So erklärt denn Paulus alle Welt des ewigen Todes für schuldig. Daraus folgt denn: wir sind in uns selber allesamt verloren, und das Leben müssen wir also anderswoher erlangen. Im Übrigen wird eine genauere Erwägung einzelner Worte viel zum Verständnis des ganzen Gedankens beitragen. Zwischen gottlosem Wesen und Ungerechtigkeit unterscheiden manche in der Weise, dass sie das erstere als Frevel im Verhalten zu Gott, die zweite als Unbilligkeit im Verkehr mit den Menschen deuten. Da aber der Apostel schon im nächsten Satzgliede die Ungerechtigkeit mit der Verkehrung der Religion in Verbindung bringt, so beziehen wir beide Worte auf die gleiche Sache. „Alles gottlose Wesen“ ist dabei soviel wie: das gottlose Wesen aller Menschen, welche somit ausnahmslos schuldig gesprochen werden. Die eine Undankbarkeit gegen Gott wird aber mit doppeltem Worte bezeichnet, weil diese Sünde sich nach zwei Richtungen erstreckt. Gottloses Wesen ist der Raub göttlicher Ehre. Eine Ungerechtigkeit wird dieser Frevel aber unter dem Gesichtspunkte, dass er die Gott gehörige Ehre auf sich selber überträgt. – Mit Zorn Gottes bezeichnet die Schrift nach menschlicher Sprechweise Gottes Strafe, weil wir uns den Strafenden mit erzürntem Angesicht vorzustellen pflegen. In Wirklichkeit soll Gott solche Erregung nicht zugeschrieben werden; das Wort ist nur aus der Empfindung des gestraften Sünders heraus geredet. Wenn es heißt, Gottes Zorn werde vom Himmel her offenbart, so macht uns dies sehr eindrücklich, dass wir rings um uns keine Errettung finden werden: so lang und weit der Himmel sich wölbt, ergießt sich Gottes Zorn über den ganzen Erdkreis. – Die Wahrheit Gottes ist die wahre Gotteserkenntnis. Dieselbe aufhalten heißt: sie unterdrücken und verdunkeln, womit die Menschen gleichsam des Diebstahls bezichtigt werden. In Ungerechtigkeit ist soviel als: ungerechterweise.

V. 19. Denn was man von Gott weiß. Damit will der Apostel bezeichnen, was von Gott zu wissen nötig und nützlich ist. Er versteht darunter alles, was zur Verherrlichung der göttlichen Ehre dient, oder anders ausgedrückt, was uns dazu bewegen muss, Gott die Ehre zu geben. Diese eigentümliche Wendung gibt zu verstehen, dass unser Verstand nicht zu fassen vermag, was Gott an sich ist; damit ist eine feste Grenze gezogen, welcher sich auch Gott in seiner Offenbarung anpasst. Wahnsinn ist es, Gott an sich erkennen zu wollen; davon ruft uns der Heilige Geist, der Lehrer vollkommener Weisheit, zu demjenigen zurück, „was man von Gott weiß“. Wieso die Menschen das aber wissen, wird alsbald ausgeführt. Es ist offenbar in ihnen, was auch übersetzt werden kann: unter ihnen. Da aber der Apostel von einer so eindrücklichen Offenbarung redet, der man nicht entgehen kann, so ziehen wir die erstere Übersetzung vor: Jedermann spürt, dass Gottes Offenbarung ihm ins Herz geprägt ward. Gott hat es ihnen offenbart, will sagen: der Mensch ist geschaffen, um den Weltbau zu betrachten; er hat Augen empfangen, damit der Anblick dieses herrlichen Bildes ihn zum Schöpfer selbst führe.

V. 20. Gottes unsichtbares Wesen. An sich ist Gott unsichtbar; aber weil seine Majestät aus allen Werken und Geschöpfen leuchtet, mussten ihn die Menschen darin erkennen: denn das Geschöpf trägt das klare Gepräge seines Schöpfers. In diesem Sinne nennt der Apostel (Hebr. 11, 3) die Welt einen Spiegel oder eine Erscheinung unsichtbarer Dinge. Was man aber von Gott erkennen kann, wird nicht im Einzelnen aufgezählt, sondern wir erfahren nur, dass es gilt, zu Gottes Kraft und Gottheit zu gelangen. Der Schöpfer aller Dinge kann nur von Ewigkeit seinen Ursprung von sich selbst haben. Wo man dies verstanden, fasst man das göttliche Wesen: und dieses wiederum kann nicht ohne die einzelnen darin begriffenen göttlichen Eigenschaften gedacht werden. Also dass sie keine Entschuldigung haben. Hieraus lässt sich leicht abnehmen, wie viel den Menschen die allgemeine Offenbarung vermittelst der Schöpfung nützt. Dieselbe nimmt uns lediglich jede Entschuldigung in Gottes Gericht und unterwirft uns gerechter Verdammnis. Wir wollen folgenden Unterschied setzen: diese allgemeine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in seinen Geschöpfen ist in Hinsicht ihres eigenen Lichtes völlig klar, in Hinsicht unserer Blindheit aber ungenügend. Aber so blind sind wir nicht, dass wir Unwissenheit vorschützen dürften und dass wir nicht unseres verkehrten Wesens überführt werden könnten. Wir haben einen Eindruck von der Gottheit empfangen und müssen daraus folgern, dass wir ihr, wie sie auch sein mag, zu dienen haben. Aber hier geht plötzlich unser Verständnis zu Ende, noch bevor wir begriffen haben, wer und wie Gott ist. Darum erkennt der Apostel (Hebr. 11, 3) dem Glauben so viel Licht zu, dass er aus der Schöpfung der Welt wirklich etwas zu ersehen vermag. Mit Recht: denn nur unsere Blindheit ist schuld, dass wir das Ziel nicht erreichen. Wir sehen insoweit, dass wir keine Entschuldigung mehr haben. Diese doppelseitige Wahrheit bringt Paulus Apg. 14, 17 zu schönem Ausdruck: Gott hat in den vergangenen Zeiten die Heiden ihre eigenen Wege in Unwissenheit wandeln lassen; und doch hat er sich nicht unbezeugt gelassen, sondern hat vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben. Es ist also ein großer Unterschied zwischen dieser Gotteserkenntnis, welche nur soweit reicht, uns alle Entschuldigung zu nehmen -, und der Erkenntnis zum Heil, von welcher Christus Joh. 17, 3 redet, deren wir uns nach Jer. 9, 24 rühmen sollen.

V. 21. Dieweil sie wussten, dass ein Gott ist. Damit spricht der Apostel noch einmal deutlich aus, dass Gott aller Menschen Verständnis seine Erkenntnis nahe gebracht, d. h. er hat sich derartig in den Werken kundgetan, dass die Menschen unausweichlich erkennen müssen, was sie selbst nicht zu wissen begehrten: es ist ein Gott. Denn die Welt kann weder durch Zufall noch aus sich selbst geworden sein. Dabei müssen wir aber stetig festhalten, was auch sofort wieder klar wird, dass diese Erkenntnis auf halbem Wege stehen bleibt. Und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott. Man kann Gott nicht denken ohne seine Ewigkeit, Allmacht, Weisheit, Güte, Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Seine Ewigkeit folgt daraus, dass er der Schöpfer aller Dinge ist. Seine Macht erkennt man daher, dass er alle Dinge in seiner Hand trägt und ihnen Bestand gibt. Seine Weisheit leuchtet aus der Ordnung der Gesetze. Seine Güte muss man erkennen, weil kein anderer Grund die Schöpfung und Erhaltung der Welt erklärt. Die Gerechtigkeit waltet in der Weltregierung, straft die Schuldigen und hilft den Unschuldigen. Die Barmherzigkeit trägt mit vieler Geduld der Menschen Verkehrtheiten. Gottes Wahrheit offenbart sich darin, dass er unveränderlich derselbe bleibt. Wer also Gott in seine Erkenntnis aufgenommen, muss seine Ewigkeit, Weisheit, Güte und Gerechtigkeit anbetend preisen. Wenn die Menschen diese Eigenschaften Gottes nicht anerkennen, sondern stattdessen an irgendein Phantasiegebilde sich hängen, so hören sie mit Recht den Vorwurf, dass sie Gott seiner Herrlichkeit berauben. Dabei heißt es mit vollem Rechte: sie haben nicht gedankt. Denn sie standen alle tief in der Schuld für Gottes Wohltaten. Schon die bloße Tatsache, dass Gott sich uns geoffenbart, verpflichtet uns zum Dank.

Sie sind in ihrem Dichten eitel geworden. D. h. sie haben der göttlichen Wahrheit den Rücken gekehrt und sind ihren eigenen törichten Gedanken gefolgt. So konnte ihr in Finsternis verirrter, anmaßender Unverstand die Wahrheit nicht mehr fassen: er sank immer tiefer in Irrtum und Lüge. Das ist die Folge jener Ungerechtigkeit, welche die Samenkörner der rechten Erkenntnis in ihrer Verderbtheit vernichtete, ehe sie nur aufsprießen konnten. V. 22. Da sie sich für weise hielten usw. Gottes Majestät in unser schwaches Begriffsvermögen zu spannen und sich Gedanken über Gott nach eigenem Sinne zu bilden, hat zu allen Zeiten bei Gelehrten und Ungelehrten als Weisheit gegolten. Der Apostel erklärt es für Anmaßung: denn die Menschen, welche in ihrer Niedrigkeit Gott die Ehre geben sollten, begannen sich selbst für weise zu halten und Gott in die eigene Niedrigkeit herabzuziehen. Den Grundsatz nämlich hält Paulus fest, dass niemand ohne eigene Schuld der wahren Anbetung Gottes fern steht. Stolze Überhebung hat Gott mit Narrheit gestraft.

V. 23. Und haben verwandelt usw. Nachdem die Menschen sich eine Anschauung von Gott gebildet, die ihrem fleischlichen Sinne entsprach, entfernten sie sich immer mehr von der Möglichkeit wahrer Gotteserkenntnis. Sie erdachten einen selbst gemachten und neuen Gott, ja sie setzten an Gottes Stelle ein Schattenbild. Das will der Apostel sagen, wenn er ausspricht: sie haben Gottes Herrlichkeit verwandelt. So ist´ s, wie wenn ein fremdes Kind untergeschoben wird. Dabei dient nicht zur Entschuldigung, dass sie trotz allem Gott im Himmel suchen und das Holz nicht für Gott selbst, sondern nur für sein Abbild halten. Denn gerade dies ist eine Beleidigung Gottes, dass man von seiner Majestät so grobe Gedanken hegt und sie mit solchem Abbilde zusammen zu bringen wagt. Von dieser frechen Torheit kann kein Stand unter den Heiden freigesprochen werden: nicht die Priester, noch die Gesetzgeber und Philosophen. Unter den letzteren hat selbst der sonst so besonnene Plato die Frage nach Gottes Gestalt aufgeworfen. Dass sie alle in ihrer Verblendung Gott irgendwie figürlich darstellen wollten, ist das deutlichste Merkmal ihrer groben und unsinnigen Phantasien über Gott. Zuerst haben sie Gottes Herrlichkeit in den Staub gezogen, indem sie dieselbe dem vergänglichen Menschen gleichmachten. Dies Wort „vergänglich“ setzt nicht nur der Menschen Sterblichkeit gegen Gottes Unsterblichkeit, sondern überhaupt Gottes unbefleckten Glanz gegen der Menschen niedriges Elend. Dann haben die Heiden diesen Frevel noch überboten und sind bis zu den Tieren und sogar zu deren hässlichsten Arten herabgestiegen. Noch unverhüllter kann sich die stumpfe Torheit nicht zeigen.

24 Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst, 25 sie, die Gottes Wahrheit haben verwandelt in die Lüge und haben geehrt und gedient dem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer, der das gelobt ist in Ewigkeit. Amen. 26 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; 27 desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen. 28 Und gleichwie sie nicht geachtet haben, dass sie Gott erkenneten, hat sie Gott auch dahingegeben in verkehrten Sinn, zu tun, was nicht taugt, 29 voll alles Ungerechten, Hurerei, Schalkheit, Geizes, Bosheit, voll Neides, Mordes, Haders, List, giftig, Ohrenbläser, 30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hoffärtig, ruhmredig, Schädliche, den Eltern ungehorsam, 31 Unvernünftige, Treulose, Lieblose, unversöhnlich, unbarmherzig. 32 Sie wissen Gottes Gerechtigkeit, dass, die solches tun, des Todes würdig sind, und tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

V. 24. Die Gottlosigkeit ist ein verborgenes Übel, und es lässt sich als solches leicht verheimlichen. Darum schreitet der Apostel zu einem handgreiflichen Beweise, um jede Ausflucht abzuschneiden. Aus der verborgenen Gottlosigkeit sind Früchte erwachsen, welche nur als offenbare Gerichte des göttlichen Zornes verstanden werden können. Gottes Zorn aber verfährt immer gerecht: also muss verdammenswerte Schuld vorausgegangen sein. Der Apostel beleuchtet also der Menschen Abfall und Untreue durch ihre Früchte: die Abkehr von Gottes Güte hat vielgestaltiges Verderben und tiefe Verkommenheit als ein Gericht Gottes nach sich gezogen. Dabei entsprachen die Laster der Menschen innerlich notwendig ihrer zuvor behaupteten Gottlosigkeit -, ein deutliches Zeichen der gerechten Strafe. Nichts pflegt dem Menschen mehr anzuliegen als seine Ehre: der Inbegriff seiner Blindheit besteht aber darin, dass er diese Ehre wegwirft. So empfängt er die gerechte Strafe für die der Ehre Gottes angetane Schmach. Dieser eine Gedanke beherrscht in immer neuen Wendungen das Kapitel bis zum Ende: denn die Sache erfordert große Deutlichkeit. – Über die Art und Weise, wie Gott den Menschen in das Laster hineinstößt, bedarf es hier keiner langen Erörterung. Soviel ist gewiss, dass Gott diesen Fall nicht bloß zulässt und duldet, sondern als gerechter Richter derartig anordnet, dass die Menschen teils von ihrer eigenen Lust teils vom Satan in diesen Strom des Verderbens hineingerissen werden. Deshalb schreibt der Apostel nach der geläufigen Denkweise der Schrift: Gott hat sie dahingegeben. Aus diesem Worte darf man nicht die Ansicht herauspressen, dass wir lediglich durch Gottes Zulassung in Sünde fallen. Denn gewiss hat uns Gott dem Satan als dem Vollstrecker seines Zornes, gewissermaßen wie dem Henker, übergeben: aber derselbe treibt sein Werk nicht bloß, weil Gott ihn gewähren lässt, sondern weil er es als Richter verordnet hat. Darum wird Gott doch nicht grausam, oder wir unschuldig. Denn Paulus sagt deutlich, dass niemand in des Satans Gewalt gerät, der er nicht wert wäre. Nur die Wahrheit müssen wir behaupten, dass der Ursprung der Sünde nicht in Gott liegt: ihre Wurzeln stecken ganz und gar im Sünder selbst. Denn es steht unerschütterlich fest (Hos. 13, 9): „Israel, du bringest dich in Unglück; bei mir steht allein dein Heil.“ – Die Verbindung, welche der Apostel zwischen den Gelüsten des menschlichen Herzens und der Unreinigkeit herstellt, zeigt, was alles ein sich selbst überlassenes Herz gebären mag. Die Worte „an sich selbst“ weisen sehr nachdrücklich darauf hin, welche tiefen und unauslöschlichen Brandmale die Frevler ihrem eigenen Leibe zufügen.

V. 25. Die Gottes Wahrheit haben verwandelt usw. Der bereits (V. 23) angegebene Grund wird hier unserm Nachdenken noch einmal mit veränderten Worten eingeprägt. Wer Gottes Wahrheit in Lüge verwandelt, schmälert seine Ehre. Und es ist nur gerecht, dass denjenigen allerlei Schande anhängt, welche Gottes Ehre zu rauben und ihm Schmach zuzufügen sich erkühnt haben. Und haben geehret usw. Gemeint ist die Sünde des eigentlichen Götzendienstes. Die religiöse Ehre, welche man der Kreatur gibt, ist dem Herrn freventlich geraubt. Dass man in den Bildern Gott selbst anbeten will, ist keine Entschuldigung: denn Gott will solchen Dienst nicht. Eine Ehre erweist man damit nicht dem wahren Gott, sondern einem Träume des Fleisches. Den Zusatz der da gelobt ist usw. verstehe ich als einen absichtlichen Hieb gegen den Götzendienst, in dem Sinne: Gott allein gebührt Ehre und Anbetung, davon soll man ihm nicht das Geringste nehmen.

V. 26. Darum hat sie Gott auch dahingegeben. Wie nach einem Zwischensatze kehrt die Rede zu dem Hauptgedanken von der Rache Gottes zurück: als erstes Beispiel derselben verzeichnet sie die unnatürliche Fleischeslust, ein deutliches Zeichen, dass die verderbte Menschheit auf, ja unter die Stufe der Tiere durch Verkehrung der Natur herabsank. Dann folgt die lange Reihe der Laster, welche teils allezeit herrschten, teils hier und dort besonders sich breitmachten. Dabei trägt es nichts aus, dass freilich nicht jeder einzelne Mensch mit diesem ganzen Haufen von Lastern behaftet erscheint. Es genügt für die Feststellung des allgemeinen schmachvollen Zustandes, dass jeder ohne Ausnahme sich gezwungen sieht, irgendein Brandmal zuzugestehen.

Schändliche Lüste sind solche, die auch nach menschlichem Urteil als Schande gelten. Diese entsprechen aber der Schändung Gottes.

V. 27. Der Lohn ihres Irrtums. Wer vor dem hellen Lichte Gottes mutwillig die Augen verschließt, wer Gottes allein wahrhaft erleuchtende Herrlichkeit nicht sehen, und, soviel an ihm ist, auslöschen will, der verdient blind zu werden am lichten Tage, damit er sich selbst vergesse und nicht mehr wisse, was recht ist.

V. 28. Und gleich wie sie nicht geachtet haben usw. Beachte das feine Wortspiel, dessen Gleichklang Sünde und Strafe innerlich miteinander verbindet: gleichwie sie verworfen haben, in der Erkenntnis Gottes zu verharren, die doch allein unsere Sinne zu rechter Einsicht leitet, so hat Gott ihnen einen verworfenen Sinn gegeben, der verlernt hat, das Böse zu verwerfen. Die haben die Erkenntnis Gottes verworfen, weil sie derselben nicht mit gebührendem Eifer nachgingen und ihre Gedanken absichtlich von Gott abwendeten. Zu tun, was nicht taugt. Weil der Apostel bisher nur jenes scheußliche, zwar weit, aber doch nicht allgemein verbreitete Laster beispielsweise genannt hatte, so beginnt er nun, schwere Fehler aufzuzählen, von denen niemand frei gefunden wird. Was nicht taugt -, dies zielt auf jegliche Unvernunft und Pflichtwidrigkeit. Das alles sind Zeichen eines verkehrten Sinnes, dass die Menschen ohne Bedenken solchen Fehlern sich hingeben, welche schon der gemeine Menschenverstand verwirft.

V. 29. In der Aufzählung der Laster würde man vergeblich versuchen, eines aus dem andern abzuleiten. Paulus schreibt, ohne einen Zusammenhang zu berücksichtigen, wie ihm die Dinge in den Sinn kommen. Wir erklären kurz einzelne Stücke. Ungerecht handelt, wer Rechtsansprüche verletzt und nicht jedem das Seine gibt. Die alsbald genannte Bosheit ist dagegen jene Verkehrtheit des Sinnes, die dazu neigt, dem Nächsten Schaden zu tun. Unter dem Hader wird Paulus Streitereien, zänkischen und unruhigen Sinn verstehen.

V. 30. Ohrenbläser und Verleumder unterscheiden sich folgendermaßen: die ersteren stören die Freundschaft zwischen guten Menschen durch heimliche Einflüsterungen, säen Hass uns Zwiespalt und verletzen dadurch Unschuldige. Die tief gewurzelte Bosheit der Verleumder schont keinen guten Ruf. Sie fallen in wahrem Wohlbehagen an der Lästerung über jeden her, er mag es verdienen oder nicht. Gottesverächter, nicht Gottverhasste, obgleich das griechische Wort an sich auch dieses bedeuten könnte: aber es wäre nicht abzusehen, weshalb Paulus die Reihe der Laster durch Angabe einer Strafe unterbrechen sollte. Gemeint sind Leute, welche sich von Gott abwenden, weil seine Gerechtigkeit ihren Verkehrtheiten im Wege steht. Frevler sind schwere Verbrecher, welche Räubereien, Diebstähle, Brandstiftungen, Giftmorde usw. begehen. Hoffärtig sind Menschen, welche hoch über alle andern herfahren, jedermann von oben herab behandeln und sich mit niemand auf gleiche Stufe stellen wollen. Ruhmredig ist, wer ein eitles, vermessenes Selbstvertrauen zur Schau trägt.

V. 31. Treulose Menschen kennen keine Pflichten gegen die Gemeinschaft: sie zerreißen dieselbe freventlich und zeigen sich unzuverlässig und wankelmütig. Lieblosen Menschen fehlt der Sinn für die menschliche Hingabe und Hilfsbereitschaft, welchen schon die Natur uns lehren kann. Aus der Tatsache, dass hier die Unbarmherzigkeit unter den Zeichen der menschlichen Verderbtheit genannt wird, zieht Augustin gegenüber den selbstgenugsamen stoischen Philosophen den Schluss, dass die Barmherzigkeit eine eigenartige Tugend der Christen sei.

V. 32. Sie wissen Gottes Gerechtigkeit usw. Hiermit beschreibt der Apostel einen Grad des Verderbens, welcher die lasterhaften Taten an sich noch überbietet. Nichts haben die Menschen an der zügellosesten Frechheit im Sündigen fehlen lassen: sie haben den Unterschied von Gut und Böse ausgeglichen, und Dinge finden ihren Beifall, von denen sie recht gut wissen, dass Gott sie verurteilt und dass sie ihm missfallen. Diese Schamlosigkeit, welche sich im Laster spiegelt, welche bei sich selbst Fehler für Tugenden erklärt und bei andern das Böse durch Rat und Beifall mehrt, bezeichnet die höchste Stufe der Verworfenheit. So beschreibt die Schrift die hoffnungslose Schlechtigkeit (Spr. 2, 14; Jer. 11, 15): „Wenn sie übel tun, sind sie guter Dinge darüber.“ Solange ein Mensch sich noch schämen kann, mag ihm wohl geholfen werden. Wo aber die gewohnheitsmäßige Sünde eine so hochgradige Schamlosigkeit erzeugt hat, dass Laster als lobenswerte Tugenden gelten, da ist alle Hoffnung auf Umkehr geschwunden. 

Kapitel 2

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet. Denn worin du einen andern richtest, verdammst du dich selbst; sintemal du eben dasselbe tust, was du richtest. 2 Denn wir wissen, dass Gottes Urteil ist recht über die, solches tun.

V. 1. Diese Strafpredigt richtet sich gegen die Heuchler, welche dem menschlichen Auge einen Schein äußerlicher Heiligkeit vorspiegeln und welche zuletzt auch vor Gott so sicher werden, als hätten sie allen seine Ansprüchen Genüge geleistet. Zu diesem scheinheiligen Geschlechte, welches durch den zuvor aufgestellten „Lasterkatalog“ sich nicht getroffen fand, wendet sich Paulus nun, nachdem die gröberen Laster hinreichend abgehandelt: denn keiner sollte sich der Gerechtigkeit vor Gott noch rühmen dürfen. Die sehr durchsichtige Beweisführung nimmt solchen Heuchlern alle Entschuldigung, weil auch sie Gottes gerechtes Gericht kennen und trotzdem das Gesetz übertreten. Paulus gibt zu verstehen: wenn du auch die Laster der andern nicht billigst, ja dich geflissentlich als Feind und Richter des Lasters aufspielst, so hast du doch keine Entschuldigung, weil du bei ehrlicher Betrachtung dich selbst von solchen Fehlern nicht frei finden wirst. Denn worin du einen andern richtest usw. Damit steigert sich die Rede: du bist doppelt verdammlich, weil du deine eigenen Fehler bei andern aufsuchst und unter Anklage stellst. Es ist ja eine bekannte Wahrheit, dass, wer von Andern Rechenschaft über ihr Leben fordert, sich selbst in besonderem Maße zur Reinheit, Zucht und jeglicher Tugendübung verpflichtet. Lässt er sich aber die Fehler zu schulden kommen, die er andern vorhält, so verdient er keine Gnade. Sintemal du eben dasselbe tust. Mit diesem Tun muss nicht gerade die äußerliche Handlung gemeint sein: es deutet vielmehr auf die innere Gesinnung. Denn die Sünde wurzelt recht eigentlich im Herzen. Darum fällt unser Urteil auf uns selbst zurück. Der Tadel, den wir aussprechen, kann ja nicht auf die Person des Diebes, des Ehebrechers, des Verleumders usw. beschränkt werden. Er trifft die Sünde als solche -, und deren Keime stecken auch in uns.

V. 2. Denn wir wissen, dass Gottes Urteil usw. Paulus will den Heuchlern den Selbstbetrug austreiben: es hilft ihnen gar nichts, dass die Welt sie lobt, oder dass sie sich selbst freisprechen. Denn eine viel strengere Prüfung wartet ihrer im Himmel. Wenn Paulus uns der inneren Befleckung bezichtigt, die doch Menschen nicht sehen, also auch nicht beweiskräftig feststellen können, so zieht er uns damit vor das Gericht Gottes, vor dem auch die Finsternis licht ist, welchem niemand entgehen wird. Gottes Urteil aber ist recht in doppeltem Betracht: es straft die Sünde ohne jedes Ansehen der Person, bei der sie festgestellt wird; und es gründet sich nicht auf den äußeren Schein: man befriedigt es nicht mit Werken, die nicht aus reinem Herzen kommen. Keine Maske zur Schau getragener Frömmigkeit wird Gottes Gericht abhalten, in die verborgenen Winkel der Sünde einzudringen.

3 Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, so solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen werdest? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufest dir selbst Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken: 7 Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben; 8 aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit, Ungnade und Zorn; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses tun, vornehmlich der Juden und auch der Griechen; 10 Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen.

V. 3. Denkst du aber, o Mensch usw. Die bisherigen Sätze hatten das Ziel erreicht, Menschen, die sich mit selbst gemachter Heiligkeit betrügen, im Gerichte Gottes und des eigenen Gewissens zum Einverständnis ihrer Sündhaftigkeit zu bewegen. Nun gestaltet sich die Rede zu strengerem und eindringlichem Vorwurf. Und das ist nötig: denn derartige Menschen pflegen sich in eine wunderbare Sicherheit zu hüllen. Man muss ihr falsches Selbstvertrauen schon heftig angreifen. Hier lernen wir die beste Methode für die Erschütterung des heuchlerischen Selbstbetrugs kennen: die Menschen müssen aus ihrer Trunkenheit aufgeweckt und in das Licht des göttlichen Gerichts gestellt werden. Dass du dem Urteil Gottes entrinnen werdest. Die Schlussfolgerung steigt vom Geringeren zum Größeren auf: schon das irdische Gericht straft die Missetäter, wie viel mehr wird Gott, der einige vollkommene Richter, sie strafen! Ein göttlicher Triebe leitet die Menschen an, Verbrechen zu ahnden: aber solches Verfahren ist nur ein trübes und mattes Abbild des göttlichen Gerichts. Wie töricht ist es, zu glauben, wir könnten dem Urteil Gottes entrinnen, da wir doch unsere Mitmenschen unserm vernichtenden Urteil nicht leicht entgehen lassen! Sehr nachdrücklich wiederholt der Apostel die Anrede: o Mensch! So wird der Mensch seinem Gott gegenüber gestellt.

V. 4. Oder verachtest du usw. Dies könnte ein anderweitiger Erklärungsgrund für die Sicherheit der Menschen sein sollen. Und so verstehen es in der Tat einige Ausleger. Ich deute den Satz lieber als einen voreiligen Schluss, welchen viele Leute aus ihrem gegenwärtigen Wohlergehen auf den Ausfall des göttlichen Gerichts ziehen könnten. Werkheilige Menschen lassen sich ja leicht durch glückliche Erfolge zu dem hochmütigen Irrtum verleiten, als hätten sie Gottes Gnade mit ihren guten Taten verdient, wodurch sie natürlich noch mehr in der Leichtfertigkeit ihres Umgangs mit Gott bestärkt werden. Solcher Anmaßung tritt der Apostel entgegen und zeigt, dass Gott es ihnen äußerlich wohl gehen lässt, nicht etwa, weil sie ihm besonders gefielen, sondern ganz im Gegenteil, um sie als Sünder zu sich zu bekehren. Wo also nicht Gottesfurcht herrscht, da ist Sicherheit im Glück nur Verachtung und Spott der göttlichen Güte. Daraus folgt, dass Gott dereinst nur kräftiger bestrafen wird, die er in diesem Leben geschont hat: denn sie haben zu ihren übrigen Sünden die Verachtung des freundlich - lockenden Bußrufs gefügt.

Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte usw. Gott zeigt uns durch seine Güte, dass wir uns zu ihm kehren müssen, wenn wir es gut haben wollen; und zugleich macht er uns damit Mut, auf seine Gnade zu hoffen. Gottes Güte in anderem Sinne gebrauchen heißt sie missbrauchen. Und doch fordert die Absicht dieser Güte eine etwas verschiedene Deutung, je nachdem wohin sie sich richtet: wenn Gott seinen Knechten Freundlichkeiten und Wohltaten im Irdischen erweist, so enthüllt er ihnen als solchen Zeichen allerdings seine Gnade und gewöhnt sie zugleich, in ihm den Inbegriff aller Güte zu suchen. Trägt er aber Gesetzesverächter mit der gleichen Sanftmut, so will gewiss seine Gütigkeit ihren Widerstand brechen: aber seine gegenwärtige Gnade beweist Gott solchen Menschen noch nicht; er will sie nur zur Buße leiten. Wollte aber jemand sagen, dass Gott doch tauben Ohren predige, solange er die Herzen nicht innerlich anrührt – so diene zur Antwort: anklagen darf man dabei nichts als die eigene Verkehrtheit.

V. 5. Nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen usw. Wo man sich gegen Gottes Lockungen verhärtet, erwächst ein unbußfertiges Wesen. Wer aber nicht um Besserung und Bekehrung sich besorgt zeigt, versucht Gott offensichtlich. Aus dieser wichtigen Stelle lernen wir die schon soeben berührte Wahrheit: die Gottlosen häufen sich nicht allein täglich schweren Gotteszorn auf, solange sie leben, sondern gerade auch die göttlichen Gaben, die sie fortwährend brauchen und missbrauchen, werden ihnen zum Gerichte dienen: denn sie müssen von allem Rechenschaft geben. Was ihnen aber zur schwersten Schuld gereicht, wird dereinst offenbar werden, dass sie nämlich durch die Güte Gottes, die sie bessern sollte, sich haben schlechter machen lassen. Hüten wir uns, durch Missbrauch der Gaben Gottes uns solche Last zu häufen! Auf den Tag des Zorns. Jetzt sammeln die Gottlosen Gottes Unmut wider sich: aber dereinst erst wird dessen Gewalt sich auf ihr Haupt entladen. Sie häufen verborgenes Verderben, welches einst aus Gottes vorbehaltener Macht hervorbrechen wird. Der Tag des Jüngsten Gerichts heißt aber Tag des Zornes im Hinblick auf die Gottlosen: für die Gläubigen ist er ein Tag der Erlösung. So wandeln sich auch andere Heimsuchungen Gottes für die Gottlosen in Furcht und Schrecken: dem Frommen sind sie lieb und süß. So oft ferner die Schrift der Nähe Gottes gedenkt, heißt sie die Frommen fröhlich springen: wo aber Gott zu den Verworfenen sich kehrt, erregt er Zittern und Grausen. „Dieser Tag“, sagt Zeph. 1, 15, „ist ein Tag des Grimms, ein Tag der Trübsal und Angst, ein Tag des Wetters und Ungestüms, ein Tag der Finsternis und Dunkels, ein Tag der Wolken und Nebel.“ Vgl. auch Joel 2, 2. Auch Amos 5, 18 ruft aus: „Wehe denen, die den Tag des Herrn begehren! Was soll er euch? Denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht.“ Das Wort Offenbarung deutet auf die endliche klare Enthüllung des göttlichen Gerichts, dessen undeutliche Spuren zwar schon täglich sich zeigen, dessen vollen Ausbruch aber erst jener Tag des Zornes bringen wird. Dann werden die Bücher aufgetan, die Schafe von den Böcken geschieden, der Weizen vom Unkraut gereinigt.

V. 6. Welcher geben wird einem jeglichen usw. Weil Paulus es mit blinden Scheinheiligen zu tun hat, die ihre Herzensverkehrtheit mit der Schminke irgendwelcher hohlen Werke hinreichend bedeckt glauben, so beschreibt er eine wirkliche Gerechtigkeit aus Werken, welche wohl vor Gott bestehen könnte. Es soll eben niemand glauben, dass es zur Abfindung Gottes hinreicht, Worte und bloßen Tand oder Blätter statt der Früchte zu bringen. Dieser Ausspruch ist nicht so anstößig, wie er zu sein scheint. Denn wenn Gottes gerechte Strafe über die Verworfenen ergeht, so empfangen sie, was sie verdient haben. Und andererseits: weil Gott zuerst heilig macht, die er dereinst herrlich machen will, so empfangen auch in ihnen die guten Werke ihre Krone, aber nicht aus Verdienst. Dies kann man aus unserem Satze nicht herauslesen: derselbe sagt nur, dass gute Werke belohnt werden, keineswegs aber sagt er, dass sie an sich etwas wert sind oder einen bestimmten Preis beanspruchen könnten. Denn das ist töricht, aus dem Gedanken des Lohnes auf ein Verdienst zurück zu schließen.

V. 7. Mit Geduld. Diese Geduld ist mehr als bloße Ausdauer, die nicht müde wird, Gutes zu tun: sie begreift auch die für den Christen unentbehrliche Widerstandskraft gegen das Leiden in sich, welche vielerlei Anfechtungen erduldet und dennoch standhält. Denn Satan lässt es nicht zu, dass wir graden Wegs zum Herrn kommen: er wirft uns zahllose Hemmnisse vor die Füße, um unsern Lauf in falsche Bahn zu lenken. Dass aber die Gläubigen mit Geduld in guten Werken nach Preis und Ehre und vergänglichem Wesen trachten, will nicht besagen, dass sie etwas anderes, Besseres und Höheres suchten als Gott selbst: aber wenn sie ihn haben wollen, müssen sie sich zugleich nach den Gütern seines Reiches ausstrecken. Und diese sind mit diesen Worten gemeint. Der Sinn ist: Gott wird denen das ewige Leben schenken, welche durch ihr Trachten nach guten Werken beweisen, dass sie etwas Besseres suchen als das vergängliche Wesen.

V. 8. Die das zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen. Zänkisch, d. h. aufrührerisch und widerspenstig gegen Gott, sind die Scheinheiligen, welche mit ihrer groben und trägen Abneigung gegen wirklichen Gehorsam tatsächlich Gottes spotten. Unter Wahrheit sind kurzweg die Anordnungen des göttlichen Willens zu verstehen, welcher allein uns über die Wahrheit Licht gibt. Das ist nämlich das gemeinsame Kennzeichen aller Gottlosen, dass sie viel lieber die Knechtschaft der Ungerechtigkeit als Gottes Joch auf sich nehmen: gehorchen sie auch zum Scheine, so widerstreben und widerstreiten sie doch dem Worte Gottes hartnäckig und unaufhörlich. Die offenbar Abtrünnigen treten der Wahrheit offen entgegen: die Scheinheiligen trennen sich von ihr in feinerer Weise durch selbst erwählten Gottesdienst. Und der Apostel fügt hinzu, dass solche eigenwilligen Menschen der Ungerechtigkeit dienen. Denn einen Mittelweg gibt es nicht: entweder nimmt man Gottes Gesetz ganz auf sich oder man übergibt sich dem Dienst der Sünde. Darin offenbart sich die gerechte Strafe über den zügellosen Eigenwillen, dass der Sünde Knecht wird, wer Gott den Gehorsam versagt.

V. 9. Trübsal und Angst sind die notwendige Folge dessen, was kurz zuvor steht: Ungnade und Zorn Gottes. Also mit nicht weniger als vier Worten beschreibt der Apostel das Unglück der Gottlosen, obgleich hierfür wie für das Glück der Frommen je ein Wort wohl ausreichend gewesen wäre: aber der hier wie dort ausführlichere Ausdruck soll einerseits die Furcht vor Gottes Zorn, andererseits die Sehnsucht nach Christi Gnade heftiger entzünden. Gottes Gericht muss uns in lebhaften Farben vor die Augen gemalt werden, wenn wir es lebhaft fürchten sollen. Und um einen brennenden Eifer für das zukünftige Leben zu erwecken, bedarf es vieler Lockmittel.

Vornehmlich der Juden usw. Ohne Zweifel werden hier von den Juden die Heiden ganz im Allgemeinen unterschieden. Denn an die Stelle des nur scheinbar engeren Begriffes „Griechen“ tritt alsbald (V. 14) das deutlichere Wort „Heiden“. Die Juden aber stehen hier voran, weil sie vor andern die Verheißungen und Drohungen des Gesetzes besaßen. Paulus gibt zu verstehen, dass dies die Ordnung des göttlichen Gerichtes ist, bei den Juden anzuheben und von dort aus den ganzen Erdkreis zu umspannen.

11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. 12 Welche ohne Gesetz gesündigt haben, die werden auch ohne Gesetz verloren werden; und welche unter dem Gesetz gesündigt haben, die werden durchs Gesetz verurteilt werden 13(sintemal vor Gott nicht, die das Gesetz hören, gerecht sind, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.

V. 11. Es ist kein Ansehen der Person. Nachdem der Apostel bisher die Menschheit als Ganzes vor Gottes Gericht gestellt, denkt er nun an die gesonderten Gruppen der Juden und Heiden: mögen die Gegensätze zwischen beiden noch so groß sein -, der ewige Tod droht ihnen ohne Unterschied. Versteckten sich die Heiden hinter ihrer Unwissenheit, rühmten sich die Juden des Gesetzes: so nimmt Paulus den einen die Entschuldigung, den andern den falschen und eitlen Ruhm. Unter der „Person“, welche Gott nicht ansieht, ist der gesamte äußere Bestand des Lebens zu verstehen, welchem Menschen Wert und Ehre beizulegen bei zu legen pflegen. Lesen wir also, dass Gott die Person nicht ansieht, so heißt dies: er sieht auf Reinheit des Herzens und innere Unschuld und hält sich nicht bei Dingen auf, an welche die Menschen sich hängen, wie Herkunft, Heimat, Stellung, äußere Mittel und dergleichen. Wenn Gott die Person nicht ansieht, so begründen für sein Urteil alle solche Dinge keinen Unterschied zwischen Volk und Volk. Aus der Tatsache, dass innere Reinigkeit vor Gott etwas gilt, könnte nun freilich der Schluss sich zu ergeben scheinen, dass Gottes Erwählung nicht mehr auf freier Gnade ruhe. Es ist aber zu erinnern, dass in doppelter Weise von unserer Annahme vor Gott gesprochen werden kann. Einmal beruft uns Gottes Gnade aus dem Nichts und nimmt uns ohne alles Verdienst an. Dann aber, nach der Wiedergeburt, nimmt uns Gott an mit den Gaben, die er uns geschenkt hat: sein Gnadenblick ruht dann mit Wohlgefallen auf dem Bilde seines Sohnes, welches er in uns wieder erkennt.

V. 12. Welche ohne Gesetz gesündigt haben. Dieser Satz behandelt zuerst die Gruppe der Heiden. Ihnen war kein Moses geschenkt, der in Vollmacht Gottes ihnen ein Gesetz geben konnte: nichtsdestoweniger zog ihnen ihre Sünde die gerechte Strafe des Todes zu; denn für die rechtmäßige Verurteilung eines Sünders bedarf es nicht, dass er das Gesetz kennt. Es ist also verkehrtes Mitleid, die Heiden, welche das Licht des Evangeliums nicht haben, um ihrer Unwissenheit willen dem Gerichte Gottes entnommen zu glauben. Welche unter dem Gesetz gesündigt haben. Wie die Heiden, die von dem Irrtum ihres Sinnes sich leiten lassen, in die Grube hinabfallen, so steht für die Juden das Gesetz bereit, sie zu richten. Denn längst war das Urteil verkündigt (5. Mose 27, 26): „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue.“ Der Sünder aus den Juden wartet also eine schlimmer Strafe: denn sie empfingen ihre Strafandrohung schon im Gesetz.

V. 13. Nicht, die das Gesetz hören usw. Dieser Satz kommt einem möglichen Einwande der Juden zuvor: weil diese ihr Gesetz als Regel der Gerechtigkeit betrachten durften, so genügte ihrer Selbstzufriedenheit das bloße Wissen. Um diesen Betrug zu zerstören, behauptet der Apostel, dass man deshalb durchaus noch nicht gerecht ist, weil man das Gesetz hört und kennt. Sondern es gilt, wirkliche Taten zu zeigen; wie es 5. Mose 4, 1 heißt: „Ihr sollt die Gebote tun, auf dass ihr lebet.“ Unser Satz schärft also ein, dass man das Gesetz auch erfüllen muss, wenn man von Gerechtigkeit aus dem Gesetze spricht. Denn das Gesetz will ganz gehalten sein. – Kindisch ist der Missbrauch dieser Stelle für eine Lehre von der Rechtfertigung durch die Werke. Es lohnt sich nicht, zur Widerlegung solcher Torheit hier eine lange Untersuchung über die Rechtfertigung zu führen, zu welcher unser Satz an sich keinen Anlass bietet. Denn einen so starken Nachdruck gibt der Apostel dem Urteil des Gesetzes, dass man ohne vollkommenen Gehorsam durch das Gesetz keine Rechtfertigung empfange, in Rücksicht auf die Juden: sie finden jede Übertretung mit Fluch bedroht. Wir unsererseits bestreiten nun nicht, dass das Gesetz uns das Bild einer wirklich vollkommenen Gerechtigkeit zeigt; aber wir behaupten, dass kein Mensch von Übertretung frei erfunden wird und dass es deshalb gilt, die Gerechtigkeit anderswo zu suchen. Unsere Stelle gibt also den Beweis dafür an die Hand, dass aus Werken niemand gerecht wird. Denn wenn durch´ s Gesetz nur gerecht werden, die das Gesetz halten, so folgt, dass keiner gerecht wird, weil keiner einen vollkommenen Gehorsam gegen das Gesetz aufweisen kann.

14 Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, sind dieselben, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, 15 als die da beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben in ihrem Herzen, sintemal ihr Gewissen ihnen zeugt, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen), 16 auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesum Christum richten wird laut meines Evangeliums.

V. 14. Denn so die Heiden usw. Jetzt empfängt der so eben entwickelte Gedanke eine weitere Begründung. Paulus begnügt sich nicht damit, uns mit dem Worte zu verdammen und uns Gottes gerechtes Gericht anzukündigen. Er sucht vielmehr klare Gründe vorzubringen, um uns desto mehr zum Verlangen nach Christus und zur Liebe zu ihm zu reizen. Paulus zeigt nun, dass die Heiden vergeblich Unwissenheit vorschützen werden, da sie durch die Tat kundtun, dass ihnen keineswegs jedes Bewusstsein von einem Gesetz des Guten fehlt. Denn kein Volk hat sich je auf einem so untermenschlichen Standpunkte befunden, dass es sich nicht innerhalb gewisser Ordnungen bewegte. Da nämlich alle Völker von Natur und ohne besonderen Unterricht sich zu einer Gesetzgebung geneigt zeigten, so müssen dem menschlichen Gemüte zweifellos gewisse Urbegriffe von Recht und Billigkeit, sozusagen gesunde moralische Vorurteile, angeboren sein. Ohne Gesetz haben sie doch ein Gesetz, freilich kein geschriebenes wie das mosaische, wohl aber eine gewisse Erkenntnis davon, was recht und billig ist. Sonst könnten sie ja überhaupt nicht zwischen Untaten und tugendhaften Handlungen unterscheiden: und doch strafen sie die ersteren, fordern die letzteren und zollen dem, was nach ihrer Meinung anerkennenswert ist, hohes Lob. Unter dem, was die Heiden von Natur, im Gegensatze zum geschriebenen Gesetz, haben, versteht Paulus das natürliche moralische Licht, kraft dessen die Heiden sich selbst ein Gesetz sind und welches ihnen das ersetzt, was den Juden ihr Gesetz bedeutet.

V. 15. Die da beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben usw. D. h. sie liefern den Beweis, dass in ihren Herzen ein Unterscheidungsvermögen sich befindet, welches den Gegensatz von billig und unbillig, ehrbar und schändlich wohl zu fassen weiß. Dass dieser Gegensatz ihren Willen derartig beherrsche, dass sie sich wirklich und mit ganzem Eifer von demselben leiten ließen, behauptet Paulus nicht, sondern nur, dass die Macht der Wahrheit sich ihnen unwidersprechlich aufdrängt. Wie kämen sie sonst dazu, Religionsübungen einzurichten, wenn sie nicht wüssten, dass man Gott verehren muss? Warum schämen sie sich der Hurerei und des Diebstahls, wenn sie nicht solche Dinge für schlecht ansehen? Für eine Überschätzung der Willensfreiheit bieten diese Ausführungen keinen Anlass. Denn nur von der Wahrheitserkenntnis ist die Rede, nicht von der Fähigkeit, das erkannte Gesetz auch zu befolgen. Unter dem Herzen wird also weniger der Sitz der Willenskraft, als vielmehr nur der Erkenntnis zu verstehen sein. Wie es an andern Stellen (5. Mos. 29, 3; Luk. 24, 25) heißt: „Der Herr hat euch nicht gegeben ein Herz, das verständig wäre“; „o ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben“ usw. Übrigens darf man auch dies nicht aus unserer Stelle entnehmen, dass die Menschen eine vollkommene Erkenntnis des Gesetzes besitzen: nur Samenkörner der Gerechtigkeit tragen sie in sich. Dazu rechne ich die Tatsache, dass alle Völker gleichermaßen Religionsübungen pflegen, dass sie den Ehebruch, den Diebstahl, den Mord bestrafen und bei Handels- und Rechtsgeschäften Treu und Glauben hochhalten. Es macht dabei nichts aus, was das für ein Gott ist, den sie sich bilden oder wie viele Götter sie sich machen; hier genügt es, dass sie überhaupt wissen, dass es „Gott“ gibt und dass man ihn ehren, ihm dienen soll. Auch verschlägt es nichts, dass sie das böse Begehren und den Hass nicht verbieten; wenn sie den Vollzug einer Tat für böse halten, so kann ihnen das Begehren im Grunde doch auch nicht erlaubt erscheinen!

Sintemal ihr Gewissen ihnen zeugt, dazu auch die Gedanken usw. Schärfer konnte der Apostel die Menschen nicht angreifen, als mit dem Zeugnis ihres eignen Gewissens, welches soviel wiegt wie das Zeugnis von Tausenden. Mit dem Bewusstsein seiner guten Taten pflegt man sich ja zu stärken und zu trösten: das böse Gewissen dagegen quält und martert. Daher haben schon die Heiden Sprichwörter wie die: ein gutes Gewissen sei besser als der Beifall der größten Volksversammlung, ein schlechtes Gewissen sei der peinlichste Henker und quäle die Menschen mehr als die Furien. Es gibt also eine gewisse natürliche Erkenntnis des Gesetzes, welche manche Handlungen für gut und nützlich, andere für verwerflich erklärt. Beachtenswert ist die feinsinnige Beschreibung des Gewissens, welche uns vor Augen führt, wie die Gründe im Gedächtnis aufsteigen, welche eine Tat noch als gut erscheinen lassen, oder welche andererseits uns eines Vergehens anklagen und überführen. Diese Klage- und Entschuldigungsgründe stehen nun in Bezug (V. 16) auf den Tag des Herrn, nicht weil sie etwa dann erst aus der Vergessenheit auftauchen werden: denn sie sind schon jetzt lebendig und treiben unablässig ihr Geschäft, sondern weil sie dann noch so stark sein werden, dass niemand sie als bedeutungslosen Schein beiseite schieben kann.

V. 16. Da Gott das Verborgene der Menschen richten wird. Diese Beschreibung des Gerichts passt vortrefflich in den gegenwärtigen Gedankengang: wer sich gern in dem Schlupfwinkel stumpfer Unwissenheit verbergen möchte, soll wissen, dass seine innersten, in den Falten des Herzens versteckten Gedanken alsdann ins Licht gezogen werden. Wenn deshalb der Apostel an einer andern Stelle (1. Kor. 4, 5) die Nichtigkeit menschlichen Urteils einprägen will, welches an der äußeren Maske hängen bleibt, so richtet er unsern Blick auf die Wiederkunft des Herrn, der, was im Finstern verborgen ist, ans Licht bringen und den Rat den Herzen offenbaren wird. Diese Erinnerung mag uns dazu anleiten, wenn wir die rechte Zufriedenheit mit uns selbst haben wollen, zu jener vollen Klarheit und Gewissheit des Sinnes den Weg zu suchen. Wenn Paulus hinzufügt: laut meines Evangeliums, so erhebt er den Anspruch, dass seine Lehre sich mit der ursprünglichen Anlage des Menschengemütes decke. „Sein“ ist das Evangelium, weil ihm der Dienst an demselben befohlen war. Denn ein „Evangelium“ zu offenbaren, steht allein bei Gott: und dasselbe auszuspenden, hat er den Aposteln verliehen. Weiter heißt das Evangelium ganz passend in einem gewissen Betracht eine Verkündigung und Predigt vom zukünftigen Gericht. Denn wenn die völlige Auswirkung der im Evangelium verheißenen Güter uns erst bei der vollen Offenbarung des Himmelreichs zuteil werden wird, so erscheint die Verbindung mit dem letzten Gerichte fest geknüpft. Christus wird als die Auferstehung für die einen, als der Richter für die andern gepredigt: und beides hängt auf das engste mit dem Tage des Gerichts zusammen. Dieses Gericht wird gehalten durch Jesus Christus. Dass er vom Vater eingesetzt ward, zu richten die Lebendigen und die Toten, rechnen die Apostel überall unter die Hauptstücke der evangelischen Predigt. Durch den Hinweis auf diesen Richter empfängt unser Satz erst die nötige Abrundung.

17 Siehe aber zu: du heißest ein Jude und verlässest dich aufs Gesetz und rühmest dich Gottes 18 und weißt seinen Willen; und weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, prüfest du, was das Beste zu tun sei, 19 und vermissest dich, zu sein ein Leiter der Blinden, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Züchtiger der Törichten, ein Lehrer der Einfältigen, hast die Form, was zu wissen und recht ist, im Gesetz. 21 Nun lehrst du andere, und lehrst dich selber nicht; du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst; 22 du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe; dir gräuelt vor den Götzen, und du raubest Gott, was sein ist; 23 du rühmest dich des Gesetzes, und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes; 24 denn „eurethalben wird Gottes Name gelästert unter den Heiden“, wie geschrieben steht.

V. 17. Du aber (so nämlich muss nach den besten Handschriften der Text lauten), du heißest ein Jude usw. Nach genügender Auseinandersetzung mit den Heiden wendet sich die Rede nunmehr zu den Juden. Deren Selbstbetrug soll vollends zerstört werden. Paulus erkennt alles an, worauf sie so stolz waren. Aber er zeigt, dass es nur zureicht, eine höhere Verantwortlichkeit, nicht aber einen gerechten Stolz zu begründen. Der Name Jude erinnert an alle Vorzüge des Volkes, welche in Gesetz und Propheten ihren Ursprung hatten und an welche Israel abergläubisch sich klammerte. Gemeint sind also alle Israeliten, welche damals sämtlich „Juden“ hießen. Wann dieser Sprachgebrauch sich eingebürgert, lässt sich nicht genau sagen, jedenfalls nach der Gefangenschaft und Zerstreuung. Da hielt sich das ganze zerrissene und zersprengte Volk an den Namen des Stammes Juda, welcher die Reinheit des Gottesdienstes am längsten bewahrt hatte, welcher von jeher eine besondere Würde besaß, aus welchem auch der Erlöser kommen sollte: war doch der Trost dieser Messiashoffnung die letzte Zuflucht. Auf verschiedene andere Gründe, welche die Übertragung des Stammesnamens auf das ganze Volk vielleicht erklären könnten, brauchen wir hier nicht einzugehen: jedenfalls wollen die „Juden“ die Erben des Bundes sein, welchen Gott mit Abraham und seinem Samen geschlossen hat. Du verlässest dich aufs Gesetz und rühmest dich Gottes: nicht als ob sie das Gesetz ernstlich und vollständig zu halten bestrebt gewesen wären, um sich dann darauf zu verlassen; vielmehr erhebt Paulus den Vorwurf, dass sie ohne Achtsamkeit auf den eigentlichen Zweck des Gesetzes und ohne genügende Sorge für seine Erfüllung in stolzer Selbstzufriedenheit sich auf die eine Überzeugung zurückgezogen, dass Gottes Offenbarungen sie beträfen. Ebenso rühmten sie sich Gottes, nicht wie Gott es nach dem Spruche des Propheten (Jer. 9, 23) haben will, dass man demütig auf allen Selbstruhm verzichtet und seinen Ruhm allein in ihm sucht. Vielmehr ohne jede wirkliche Erkenntnis der Güte Gottes beanspruchten sie den Gott, dem sie doch innerlich fern standen, in eitler Ruhmsucht vor den Menschen als ihr alleiniges Eigentum und gaben sich für sein Volk aus. Das war kein Rühmen des Herzens, sondern Prahlerei der Zunge.

V. 18. Du weißt seinen Willen, und … prüfest, was das Beste zu tun sei. Diese Erkenntnis des göttlichen Willens besaßen die Juden allerdings, und zwar aus dem Gesetze. Von einer prüfenden Auswahl des Guten kann aber in doppelter Weise geredet werden: einmal denken wir dabei an das wirkliche Erwählen dessen, was man als gut erkannt hat; das andere Mal denken wir nur an das Urteil, kraft dessen man dem Guten vor dem Bösen den Vorzug gibt, ohne vielleicht nur den geringsten Eifer einzusetzen, dasselbe auch zu tun. In dieser letzteren Weise gingen die Juden mit dem Gesetze um: sie hatten daraus gelernt, sich als Sittenrichter aufzuspielen -, aber das eigene Leben diesem Urteil anzupassen, lag ihnen weniger an. Aus dem Tadel, welchen der Apostel gegen solch heuchlerisches Wesen richtet, ergibt sich nun allerdings der Rückschluss, dass (wenn nur das Urteil aus einem lauteren Sinne hervorgehen würde) man da, wo Gottes Offenbarung sich hat vernehmen lassen, tatsächlich zu prüfen vermag, was das Beste zu tun sei: denn der Wille Gottes, wie das Gesetz ihn kundtat, wird hier als Lehrer und Führer zur rechten Prüfung anerkannt.

V. 19. Und vermissest dich, zu sein ein Leiter usw. Noch mehr wird zugestanden: die Juden haben nicht allein für sich selbst genug empfangen, sondern sie besitzen noch einen Überschuss für andere. Gott schenkt ihnen einen Überfluss der Lehre, der sich recht wohl auch auf andere überleiten lässt.

V. 20. Die Worte: du hast die Form, was zu wissen und recht ist, im Gesetz, geben den Grund an, weshalb der Jude imstande ist, andere zu unterweisen. Deshalb gebärdeten sie sich als Lehrer, weil sie glauben durften, alle Geheimnisse des Gesetzes in ihrer Brust zu tragen. Das Gesetz ist nun nicht irgendeine, sondern die Form der Wahrheit schlechthin, ihre majestätisch-klare Erscheinung. Wenn sie sich prahlend mit dieser Erkenntnis brüsteten, so waren die Juden ohne Zweifel innerlich derselben bar. Aber das lässt sich wiederum gegensätzlich erschließen: wenn Paulus den Missbrauch des Gesetzes verspottet, so will er dem Gesetze an sich allerdings die richtige und gewisse Wahrheitserkenntnis entnommen wissen.

V. 21. Nun lehrst du andere, und lehrst dich selber nicht. Die bisher anerkannten Gaben der Juden hätten einen wirklichen Wert erst empfangen, wenn sie durch noch wahrhaftigere Güter gekrönt worden wären. So aber verdiente die bloße Erkenntnis, welche auch Gottlose besitzen und in schnödem Missbrauch verkehren mochten, eine ernsthafte Anerkennung nicht. Und Paulus, nicht zufrieden der jüdischen Anmaßung einfach entgegen zu treten, sieht sich sogar in der Lage, den Vorzug, auf welchen ein falsches Vertrauen ohne alles Weitere sich stützte, in einen schmählichen Nachteil zu verkehren. Denn dies erscheint doch im höchsten Grade tadelnswert, hohe und herrliche Gaben Gottes nicht bloß ungenützt liegen zu lassen, sondern sogar mit schnödem Missbrauch zu beschmutzen. Und der ist ein wunderlicher Ratgeber, der sich selbst nicht rät und nur für andere klug ist. So wandelt sich das begehrte Lob in Tadel. Du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst. Das ist wahrscheinlich eine Anspielung an Ps. 50, 16-18: „Zu dem Gottlosen spricht Gott: Was verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest, und wirfst meine Worte hinter dich? Wenn du einen Dieb siehst, so läufst du mit ihm und hast Gemeinschaft mit den Ehebrechern.“ Dieser Vorwurf traf die Juden, welche, zufrieden mit dem bloßen Wissen vom Gesetz, so lebten, als hätten sie kein Gesetz. Es ist zu besorgen, dass er auch manchen von uns treffe. Wie viele rühmen sich doch einer besonderen Erkenntnis der evangelischen Wahrheit und stürzen sich dabei in allerlei Unflat, ohne zu bedenken, dass das Evangelium auch eine Regel für das Leben bedeutet. In solcher Sicherheit dürfen wir aber nicht mit Gott spielen: vielmehr sollen wir wissen, dass solche Schwätzer, die Gottes Wort nur auf der Zunge haben, ein schweres Gericht treffen wird.

V. 22. Dir gräuelt vor den Götzen, und du raubest Gott, was sein ist. Eine feine Gegenüberstellung von Götzendienst und Gottesraub: denn beide Verbrechen gehören zur gleichen Kategorie. Als Gottesraub können wir kurzweg jede Entweihung der göttlichen Majestät bezeichnen. Wo nun, es sei im Heidentum oder mitten in der Christenheit, die Religion in lauter äußerem Glanz besteht und Gottes Majestät an die greifbaren Götzen gehängt wird, versteht man unter Gottesraub freilich viel zu eng nur den Diebstahl von Tempelgut oder die Beseitigung des kirchlichen Prunks. Wir entnehmen hier für uns die Erinnerung, dass man nicht selbstgefällig sich nur an einen Teil des göttlichen Gesetzes halten und darüber andere verachten darf. Ferner, dass wir uns nicht allzu hoch rühmen dürfen, wenn wir den äußerlichen Götzendienst abgeschafft, während es doch noch viele Fürsorge fordert, die verborgene Gottlosigkeit der Herzen bis auf die Wurzel auszurotten.

V. 23. Du rühmest dich des Gesetzes, und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes. Jeder Mensch, welcher das Gesetz übertritt, schändet Gott: denn wir sind alle dazu geschaffen, den Herrn durch Gerechtigkeit und Heiligkeit zu ehren. Aber die Juden trifft mit Recht ein besonderer Vorwurf. Sie rühmten sich Gottes als ihres Gesetzgebers, aber ihr Leben nach seinem Gesetze zu gestalten – dafür zeigten sie geringen Eifer. Damit bewiesen sie, dass ihnen an Gottes Majestät, die sie so leichtfertig verachteten, in der Tat nicht viel gelegen war. So machen auch viele unter uns dem Herrn Christus Unehre, indem sie über die Lehre des Evangeliums ein müßiges Geschwätz führen, dabei aber in ihrer zügellosen Lebensweise das Evangelium mit Füßen treten.

V. 24. „Der Name Gottes wird gelästert“ usw. Ich glaube, dass dieses Schriftwort aus Hes. 36, 20-23 entnommen ist, nicht aus Jes. 52, 5. Denn die letztere Stelle enthält weiter nichts von Vorwürfen gegen die Juden, während das 36. Kapitel des Propheten Hesekiel ganz von solchen angefüllt ist. Wir sehen, dass alle Flecken des Volkes Israel auf Gott selbst zurückfallen. Israel ist und heißt Gottes Volk, es trägt sozusagen Gottes Namen auf seiner Stirn geschrieben: so muss bei den Menschen der Gott, auf dessen Namen es sich beruft, unter Israels Schmach gewissermaßen mit leiden. Es ist ein unwürdiger Zustand, dass dieselben Leute, die Gottes Ruhm für sich entlehnen, dem heiligen Namen Gottes einen Schandfleck anhängen. Sie wären schuldig gewesen, ihrem Gott einen besseren Lohn zu erstatten.

25 Die Beschneidung ist wohl nütz, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden. 26 So nun der Unbeschnittene das Gesetz hält, meinst du nicht, dass da der Unbeschnittene werde für einen Beschnittenen gerechnet? 27 und wird also, der von Natur unbeschnitten ist und das Gesetz vollbringt, dich richten, der du unter dem Buchstaben und der Beschneidung bist und das Gesetz übertrittst. 28 Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig am Fleisch geschieht; 29 sondern das ist ein Jude, der´ s inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht. Eines solchen Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott.

V. 25. Die Beschneidung usw. Einen weiteren Einwand, welchen die Juden zu ihrer Verteidigung vorbringen konnten, widerlegt der Apostel im Voraus: war die Beschneidung das Zeichen des Bundes, in welchem Gott sich Abraham und seinen Samen zum besonderen Eigentum erwählt hatte, so schienen die Juden darauf ihren Ruhm mit Recht gründen zu dürfen. Aber sie hängten sich an das äußere Zeichen und vergaßen dessen wahre Bedeutung. Deshalb antwortet ihnen der Apostel, dass das bloße Zeichen keine Ansprüche begründen könne. Das wahre Wesen der Beschneidung lag in der daran geknüpften geistlichen Verheißung; und diese erforderte Glauben. Um beides aber, Verheißung und Glauben, kümmerten sich die Juden nicht. Ihr Vertrauen war also ein törichtes. Indem nun der Apostel seine Rede diesem groben Irrtum anbequemt, übergeht er hier ebenso wie im Galaterbrief (Gal. 5, 3-6; 6, 15) den wesentlichsten Nutzen der Beschneidung. Dies will wohl beachtet sein. Denn wenn eine vollständige Abhandlung über Wesen und Absicht der Beschneidung gegeben werden sollte, dürfte ein Hinweis auf die Gnade und die Gnadenverheißung unter keinen Umständen fehlen. Da aber Paulus sowohl hier wie im Galaterbriefe seine Rede völlig auf die gegebenen Umstände zuspitzt, so berührt er nur das Stück, was gerade in Frage steht. Die Juden hielten die Beschneidung an sich für ein Werk, mit welchem man Gerechtigkeit erwürbe. Also geht Paulus auf ihre Denkweise ein und antwortet: wenn man in der Beschneidung nach Werken fragt, so ist dies ihre Bedingung, dass der Beschnittene sich als einen wahren und vollkommenen Anbeter Gottes erweise. Erst dieses Werk macht die Beschneidung vollkommen. Ganz ebenso kann man ja auch von unserer Taufe sprechen. Wenn jemand in bloßem Vertrauen auf die Wassertaufe sich einfach durch den Vollzug der äußeren Handlung für gerechtfertigt und geheiligt ansehen sollte, so hält man ihm den Zweck der Taufe entgegen: dass uns Gott durch dieselbe zu einem heiligen Leben berufen will. Dabei würde von der Verheißung und Gnade, welche die Taufe uns bezeugt und versiegelt, gar keine Rede sein. Denn wir würden eben mit Leuten zu tun haben, welche, mit dem leeren Schatten der Taufe zufrieden, vernachlässigen und vergessen, was in der Taufe das Wesentliche ist. Es lässt sich auch bei Paulus beobachten, dass er, wo er unter Gläubigen und ohne Polemik von den heiligen Wahrzeichen handelt, dieselben stets mit ihren Verheißungen zusammen greift, in denen ihre Wirksamkeit und Vollkommenheit besteht. Wo er aber auf ein verkehrtes Verständnis der heiligen Zeichen Rücksicht nimmt, muss er diese Hauptsache übergehen und seine Rede dem Zwecke der Auseinandersetzung anpassen. – Die Tatsache, dass Paulus unter allen Werken des Gesetzes sich vornehmlich mit der Beschneidung beschäftigt, hat vielen die Meinung beigebracht, dass der Apostel lediglich den zeremoniösen (nicht aber den moralischen) Werken die Kraft abspreche, gerecht zu machen. Doch die Sache liegt ganz anders. Wer nämlich seine Verdienste vor Gottes Gerechtigkeit zu erheben strebt, wird immer geneigt sein, seinen Ruhm mehr in der Beobachtung äußerer Zeremonien als in ernstlicher Rechtschaffenheit zu suchen. Denn wer ernste Furcht Gottes kennt und fühlt, wird niemals wagen, seine Augen gen Himmel zu erheben: je mehr er nach wahrer Gerechtigkeit strebt, umso mehr wird er innewerden, wie weit er von derselben entfernt ist. Dass aber die Pharisäer, die sich mit einer äußerlich vorgespiegelten Heiligkeit begnügen, mit Äußerlichkeiten prunken, erscheint nicht verwunderlich. Deshalb entreißt Paulus den Juden auch diesen letzten elenden Vorwand, als könne jemand durch die Beschneidung gerecht werden.

V. 26. So nun der Unbeschnittene usw. Dieser Beweis erscheint durchschlagend. Jedes Ding ist ja seinem Zwecke angepasst und demselben untergeordnet. Die Beschneidung hängt nun mit dem Gesetze zusammen und soll dem Selben dienstbar sein. Es ist also wertvoller das Gesetz zu halten als die Beschneidung, welche doch nur um des ersteren willen eingesetzt ward. Daraus folgt, dass ein Unbeschnittener, wenn er nur das Gesetz halten würde, besser ist als ein Jude mit seiner armseligen und nutzlosen Beschneidung, der als Gesetzesübertreter dasteht. Wer von Natur befleckt ist, wird durch den Gehorsam gegen das Gesetz geheiligt werden: und die Vorhaut gilt als Beschneidung. – Das Wort „Vorhaut“ (Unbeschnittensein) in unserm Vers steht, wo es zum zweiten Male vorkommt, in seinem eigentlichen Sinne. Zuerst aber steht es ungenauer weise als eine Artbezeichnung der Heiden: die Sache soll die damit behaftete Person bezeichnen. – Die Frage übrigens, wo denn solcher Gehorsam gegen das Gesetz tatsächlich zu finden sei, muss man nicht aufwerfen: er existiert nirgends. Paulus redet lediglich bedingungsweise: wenn es einen Heiden gäbe, der das Gesetz hielte, so würde dessen Gerechtigkeit in der Vorhaut mehr wert sein als die Beschneidung des Juden ohne Gerechtigkeit. Deshalb sind auch die folgenden Worte (V. 27):

Und wird also, der von Natur unbeschnitten ist und das Gesetz vollbringt, dich richten usw., nicht im Bezug auf bestimmte Personen, sondern nur beispielsweise geredet, ganz ebenso wie die Wendungen (Matth. 12, 42.41): die Königin von Mittag wird aufstehen, oder die Leute von Ninive werden auftreten am Jüngsten Gerichte.

Unter dem Buchstaben und der Beschneidung. Eine nachdrückliche Zerteilung der Worte, die soviel besagt wie: unter der vom Gesetzesbuchstaben geforderten Beschneidung. Natürlich will Paulus es nicht für eine Gesetzesübertretung ausgeben, dass die Juden den Buchstaben des Beschneidungsgebotes festhalten, sondern nur dies, dass sie die Anbetung Gottes im Geiste: die wahre Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Gericht und Wahrheit, fortwährend hinter jener äußerlichen Zeremonie zurücktreten lassen.

V. 28. Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist usw. Will sagen: ob jemand ein wahrer Jude ist, bemisst sich nicht nach der fleischlichen Abstammung, dem mündlichen Bekenntnis oder einem äußeren Zeichen. Auch besteht die Beschneidung, welche zum Juden macht, nicht allein in einer sichtbaren Handlung, sondern will innerlich verstanden sein. Was hier aber über die wahre Beschneidung steht, entnimmt der Apostel mehreren Bibelstellen oder vielmehr der allgemeinen Lehre der Schrift. Denn öfter heißt es, das Volk solle sein Herz beschneiden, und Gott verheißt, diese Beschneidung selbst vornehmen zu wollen (5. Mose 10. 16; 30, 6; Jer. 4, 4; Hes. 16, 30 vgl. 11, 19). Nicht ein Stück eines Körperteiles bloß, sondern die Verderbnis der ganzen Natur galt als weg zu schneiden. Die Beschneidung galt als Abtötung des Fleisches überhaupt. Wenn nun der Apostel (V. 29) hinzufügt, dass dieselbe im Geist und nicht im Buchstaben geschieht, so denkt er beim Buchstaben an die äußere Beobachtung des Gesetzes ohne innerliche Anteilnahme, beim Geist an den Zweck der Handlung, welcher geistlich ist. Hängt der ganze Wert der heiligen Zeichen und Formen an ihrem Zwecke, so bleibt lediglich ein an sich nutzloser Buchstabe, wenn man diesen Zweck hinweg nimmt. Der tiefere Grund dieser ganzen Aussprache liegt in folgender Wahrheit verborgen: wo auch immer Gottes Wort gepredigt werden mag -, seine Vorschriften bleiben solange Buchstabe und tote Worte, als sie nicht von Menschen mit reinem Herzen aufgenommen werden; erst wo sie in die Seele dringen, werden sie gewissermaßen in Geist verwandelt. Dabei liegt eine Anspielung an den Unterschied zwischen Altem und Neuem Bunde vor: nach Jer. 31, 33 will ja Gott seinen Bund erst dadurch zur Vollendung bringen, dass er ihn in die Herzen schreibt. Eben dahin zielt auch ein anderes Wort des Paulus (2. Kor. 3, 6), wenn er das Gesetz im Gegensatze zum Evangelium einen nicht bloß toten, sondern auch tötenden Buchstaben nennt, dem Evangelium aber den auszeichnenden Besitz des Geistes vorbehält. Doppelt unsinnig ist es daher, wenn man das, was Paulus „Buchstaben“ nennt, als den ursprünglichen Sinn versteht, und wenn man das, was er „Geist“ nennt, durch sinnbildliche Auslegung zu ersetzen sucht.

V. 29. Eines solchen Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott. Weil Menschenaugen leicht am Scheine hängen bleiben, so erklärt es der Apostel für unzureichend, sich mit der Anerkennung leicht täuschbarer Menschen zufrieden zu geben. Den Augen Gottes müssen wir standhalten, vor denen auch die verborgensten Geheimnisse des Herzens offen liegen. So werden die Heuchler, die sich nur zu leicht mit ihren Irrtümern beschwichtigen, immer wieder vor Gottes Gericht gezogen. 

Kapitel 3

1 Was haben denn die Juden für Vorteil, oder was nützt die Beschneidung? 2 Fürwahr sehr viel. Zum ersten: ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat.

V. 1. Bisher hatte Paulus unwidersprechlich bewiesen, dass die bloße Beschneidung den Juden nichts helfen könne. Und doch ließ sich nicht jeder Unterschied zwischen den Heiden und den Juden, denen ja dies göttliche Zeichen aufgedrückt war, wegleugnen. Unmöglich durfte dieser von Gott selbst geschaffene Abstand für nichtig und bedeutungslos erklärt werden. So galt es noch, diesen Anstoß zu heben. Mochte immerhin der Ruhm, welchen die Juden aus der Beschneidung ableiteten, ein eitler sein, so blieb doch die Frage, wozu denn Gott überhaupt diese heilige Handlung eingesetzt habe, wenn sich nicht irgendeine Frucht derselben aufzeigen ließ? Also beseitigt Paulus einen fragenden Einwurf, den man leicht gegen seine bisherige Aussprache erheben konnte, mit der im Voraus gestellten Gegenfrage: Was haben denn die Juden für Vorteil? Und den eigentlichen Anlass dieser Frage enthüllt die nächste: Was nützt die Beschneidung? Denn eben sie hob ja die Juden über die sonstige Menschheit empor, wie Paulus (Eph. 2, 14) die Zeremonien überhaupt als den Zaun bezeichnete, welcher Juden und Heiden trennte.

V. 2. Fürwahr sehr viel. Damit empfängt das Sakrament die ihm gebührende Ehre, die doch für die Juden keinen Anlass zur Überhebung bot. Denn wenn diejenigen, welche zu Kindern Gottes angenommen werden sollten, mit dem Zeichen der Beschneidung gezeichnet wurden, so lässt sich verstehen, dass sie ihrem Vorzug nicht irgendwelchem Verdienst oder eigener Würdigkeit verdankten, sondern der freien Wohltat Gottes. Sieht man auf die Menschen, so bleiben sie den andern völlig gleich. Sieht man auf Gottes Wohltaten, so lehrt der Apostel, dass nur in ihnen der Vorrang vor den andern Völkern beruhte.

Zum ersten: ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat. Viele Ausleger meinen, dass mit diesem scheinbar ersten Stück einer Aufzählung die Rede einen Ansatz nimmt, dessen Fortsetzung vergessen wird. Ich aber finde hier gar nicht den Anfang einer Reihe, sondern „das erste“ soll nur heißen: das wichtigste. In dem Sinne: wenn die Juden nur den einen Vorzug besäßen, dass Gottes Wort ihnen anvertraut ward, so würde dies eine hinreichen, ihre Ausnahmestellung zu begründen. Dabei erscheint bemerkenswert, dass Paulus den Nutzen der Beschneidung nicht im bloßen Zeichen findet, sondern nach dem Worte bemisst. Die Frage lautet: was bringt den Juden das Sakrament? Und die Antwort: Gott hat den Schatz himmlischer Weisheit bei ihnen niedergelegt. Daraus folgt, dass, wenn man das Wort wegnimmt, nichts von Vorzug mehr übrig bleibt. „Was Gott geredet hat“, ist der Inhalt des Bundes, welchen Gott zuerst dem Abraham, dann dessen Nachkommen eröffnete, welcher nachmals durch das Gesetz und die Propheten festgelegt und erläutert wurde. Diese Worte Gottes wurden den Juden anvertraut, damit sie dieselben solange verwahren sollten, als der Herr seine Herrlichkeit unter ihnen wohnen lassen wollte. Dann, zur verordneten Zeit der Austeilung, sollten sie das Wort der ganzen Welt bekanntmachen. Zuerst sollten sie Hüter, danach Verwalter desselben sein.

Es ist nun eine über alles rühmenswerte Wohltat, dass Gott ein Volk der Mitteilung seines Wortes würdigt, so können wir unsere Undankbarkeit gar nicht genug verabscheuen, welche Gottes Wort oft so nachlässig, träge und unehrerbietig aufnimmt.

3 Dass aber etliche nicht daran glauben, was liegt daran? Sollte ihr Unglaube Gottes Glauben aufheben? 4 Das sei ferne! Es bleibe vielmehr also, dass Gott sei wahrhaftig und alle Menschen Lügner; wie geschrieben steht: „Auf dass du gerecht seist in deinen Worten und überwindest, wenn du gerichtet wirst.“

V. 3. Dass aber etliche usw. Zuvor hatte Paulus die Juden und ihr Prunken mit einem leeren Zeichen ins Auge gefasst: und es blieb ihnen dabei kein Fünkchen von Ruhm. Jetzt fasst er Gottes Zeichen selbst ins Auge: und es wird offenbar, dass selbst die Hohlheit seiner Träger seine Kraft nicht zunichte machen kann. Schien der Apostel oben gesagt zu haben, dass jede etwaige Gnadenkraft in dem heiligen Zeichen der Beschneidung durch die Undankbarkeit der Juden verloren gegangen sei, so stellt jetzt eine dem Widerspruch zuvorkommende Frage den Wert der göttlichen Ordnung fest. Dabei befleißigt sich die Rede maßvoller Schonung. Mit Recht hätte gesagt werden können, die Mehrzahl des Volkes habe Gottes Bund verworfen. Um aber diese für jüdische Ohren unerträgliche Härte zu mildern, spricht Paulus nur von „etlichen“.

Sollte ihr Unglaube usw. „Aufheben“ soll heißen: unwirksam machen. Denn die Frage ist nicht bloß, ob der Menschen Unglaube der Wahrheit Gottes insofern zuwider sei, dass sie nicht in sich selbst fest und beständig bleibe, sondern ob der Unglaube bewirken müsse, dass die Wahrheit unter den Menschen ihre Kraft verliere und ihr Ziel nicht erreiche. Der Sinn ist: da doch die Mehrzahl der Juden den Bund gebrochen hat, so müsste wohl durch ihre Untreue der Bund Gottes derartig zerstört sein, dass er unter ihnen jede Frucht verlor. Doch die Antwort lautet: keine menschliche Verkehrtheit kann die Wahrheit Gottes um ihren Bestand bringen. Mag eine Unzahl von Menschen den Bund Gottes gebrochen und mit Füßen getreten haben, so behält dieser selbst doch seine Geltung und beweist seine Kraft, wenn nicht bei jedem einzelnen, so doch in diesem Volke. Seine Kraft besteht darin, dass Gottes Gnade und seine Segnungen für das ewige Leben in Israel noch mächtig bleiben. Das kann ja freilich nicht sein, ohne das die Verheißung der Gnade eine gläubige Aufnahme findet und so der Bund gegenseitig sich schließt. Also spricht unser Satz aus: es hat in diesem auserwählten Volke immer Leute gegeben, welche im Glauben an die Verheißung standen und demgemäß nicht aus dem Gnadenbunde gefallen sind.

V. 4. Es bleibe vielmehr also, dass Gott sei wahrhaftig und alle Menschen Lügner. Mit diesem feststehenden Gegensatz beseitigt Paulus das soeben verhandelte Bedenken. Denn wenn die zwei Dinge zugleich, ja notwendig miteinander bestehen, dass Gott wahrhaftig ist und der Mensch voller Lüge, so folgt, dass Gottes Wahrheit sich durch der Menschen Lüge nicht hindern lassen kann. Gott heißt nun wahrhaftig, nicht bloß, weil er den guten Willen hat, seine Versprechen zu halten, sondern weil er mit unbehinderter Macht erfüllt, was er redet. So er gebeut, so steht es da. Dagegen heißt der Mensch ein Lügner, nicht bloß, weil er oft die Treue bricht, sondern weil seine Natur zur Lüge neigt und die Wahrheit flieht. Der erste Satz bildet das Hauptstück der gesamten christlichen Lebenswahrheit. Der zweite stammt aus Ps. 116, 11, wo David nach seinen Erfahrungen ausruft, dass man etwas Gewisses vom Menschen weder erwarten dürfe noch im Menschen finden könne. Dieser herrliche Spruch birgt einen starken und nötigen Trost. Denn bei der menschlichen Verkehrtheit, welche Gottes Wort verachtet und verwirft, müsste dessen Gewissheit oft in Zweifel geraten, wenn wir nicht dessen uns getrösten dürften, dass Gottes Wahrheit nicht von der Menschen Wahrheit abhängt. Wie stimmt aber damit, was wir oben sagten, dass, um Gottes Gnadenverheißung wirksam zu machen, menschlicher Glaube erforderlich sei, welcher dieselbe aufnimmt? Ist doch Glaube das Gegenteil von Lüge! Die Frage ist schwierig, doch nicht unlösbar: Gott bahnt sich einen Weg durch das Unwegsame, durch die Lügen der Menschen, welche sonst seiner Wahrheit im Wege stehen; er heilt in seinen Erwählten den angeborenen, unwahrhaftigen Unglauben der Natur, und die Widerspenstigen beugen sich unter sein Joch. Unsere Stelle redet also von der fehlerhaften Naturanlage, nicht von Gottes Gnade, welche den Fehler heilt.

„Auf dass du gerecht seist“ usw. Unsere Lüge und Untreue vermag nicht bloß Gottes Wahrheit nicht zu stören, sie muss sie sogar in ein helleres Licht setzen. So bezeugt David (Ps. 51, 6), dass während und weil er selbst ein Sünder ist, Gott immer gerecht und ein billiger Richter bleibt in allem, was er über ihn verhängen mag, und dass er alle Verleumdungen der Gottlosen, welche seiner Gerechtigkeit widersprechen wollen, wird niederschlagen können. Unter den Worten Gottes versteht David seine Gerichte, welche über uns ergehen. – Das zweite Satzglied lautet im hebräischen Texte des Psalms „und rein bleibest in deinem Richten“. D. h. Gottes Tun ist rein und lobenswert, wie er auch immer richten mag. Paulus aber folgt der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, die zu seiner gegenwärtigen Absicht auch besser passte. Wir wissen ja, dass die Apostel in der Anführung von Schriftstellen sich oft ziemlich frei bewegen: es genügte ihnen, wenn ihr Zitat sachlich stimmte. Buchstabenknechte waren sie nicht. Das Psalmwort will nun in unserm Zusammenhange folgendermaßen angewendet sein: wenn jede Sünde der Menschen zur Verherrlichung Gottes beitragen muss, Gott aber in seiner Wahrheit am herrlichsten dasteht, so folgt, dass auch die Hohlheit des menschlichen Wesens mehr dazu dient, Gottes Wahrheit zu bestätigen als zu erschüttern.

5 Ist´ s aber also, dass unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preist, was wollen wir sagen? Ist denn Gott auch ungerecht, dass er darüber zürnt? (Ich rede also auf Menschenweise.) 6 Das sei ferne! Wie könnte sonst Gott die Welt richten? 7 Denn so die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wird zu seinem Preis, warum sollte ich denn noch als ein Sünder gerichtet werden 8 und nicht vielmehr also tun, wie wir gelästert werden und wie etliche sprechen, dass wir sagen: „Lasset uns Übles tun, auf dass Gutes daraus komme?“ Welcher Verdammnis ist ganz gerecht.

V. 5. Ist´ s aber also, dass unsere Ungerechtigkeit usw. Diese Ausführung gehört nicht eigentlich zur Sache, und doch musste der Apostel sie einschieben, damit es nicht schiene, als habe er den Übelwollenden eine nur zu gern ergriffene Handhabe zur Lästerung geboten. Davids Wort legt ja denen, welche durchaus dem Evangelium eine Schande anhängen wollen, die verleumderische Schlussfolgerung nahe: wenn Gott von den Menschen nichts fordert, als dass er von ihnen verherrlicht werde -, wie kann er dann ihre Sünden strafen, die ja zu seiner Verherrlichung dient? Er stößt sich doch mit Unrecht an einer Sache, die gar keinen Anlass zum Zorn, sondern lediglich zu seiner Verherrlichung bietet. Damit aber niemand glaube, der Apostel trage seine eigene Meinung vor, so sagt er ausdrücklich, dass er lediglich nach Weise der Gottlosen redet. Damit versetzt er mit einem einzigen Worte der menschlichen Vernunft einen schweren Hieb, indem er zu verstehen gibt, dass es ihre Art sei, immer wider die göttliche Weisheit zu bellen. Denn er sagt nicht „nach Weise der Gottlosen“, sondern „auf Menschenweise“. Tatsächlich sind dem Fleische alle Geheimnisse Gottes widersinnig, frech und unbedenklich kämpft es dagegen an, und was es nicht versteht, verfolgt es mit seinem Spott. Wir entnehmen daraus die Mahnung, dass, wer solche Weisheit verstehen will, zuerst seinem eigenen Sinne den Abschied geben und sich ganz dem Gehorsam des Wortes unterwerfen muss. – Das Wort zürnen heißt hier soviel wie richten oder strafen.

V. 6. Das sei ferne! Zur Abwehr der Lästerung greift Paulus nicht sofort nach Gründen, sondern er drückt zunächst seinen Abscheu aus. So wird klar, dass der christliche Glaube nichts mit solchen Tollheiten zu schaffen hat. Dann erst folgt die Widerlegung, doch sozusagen auf einem Umwege. Denn der Apostel verfolgt den Einwurf nicht bis aufs letzte, sondern gibt einfach die Antwort, dass derselbe zu törichten Folgerungen führte. Zum Beweise für die Unmöglichkeit des Einwurfs dient Gottes Gericht: Wie könnte sonst Gott die Welt richten? Da er dies aber tut, so kann er nicht ungerecht sein. Dabei ist gar nicht bloß von der Macht die Rede, die Gott möglicherweise gebrauchen kann und wird, sondern von derjenigen, welche tatsächlich in Lauf und Ordnung aller Dinge widerstrahlt: Gottes Geschäft ist es, die Welt zu richten, d. h. kraft seiner Gerechtigkeit zu leiten, und was ungeordnet ist, in die beste Ordnung zu bringen. Deshalb kann nichts unrecht sein, was er festsetzt. Es scheint eine Anspielung an 1. Mose 18, 25 vorzuliegen, wo Abraham in seiner Fürbitte für Sodom dem Herrn vorhält: „Das sei ferne von dir, dass du, der du aller Welt Richter bist, den Gerechten mit dem Gesetzlosen tötest.“ Dergleichen kann nicht dein Werk sein, noch darf es auf dich fallen. Ähnlich heißt es Hiob 34, 17: „Kann auch, der das Recht hasst, regieren?“ Unter den Menschen gibt es ja häufig ungerechte Richter: sie haben sich widerrechtlich eingedrängt oder sind hinter ihren früheren besseren Stand zurückgegangen. . Bei Gott ist dergleichen ausgeschlossen. Da er Richter von Natur ist, muss er auch gerecht sein: denn er kann sich selbst nicht verleugnen. – Will man außer diesem indirekten Beweis noch einen weiteren, so ließe sich etwa sagen: Dass Gottes Gerechtigkeit in ein helleres Licht rückt, geschieht nicht durch die Natur der Ungerechtigkeit, sondern Gottes Güte überwindet unsere Schlechtigkeit und lenkt sie auf ein Ziel, welches wir selbst nicht suchten.

V. 7. Denn so die Wahrheit Gottes durch meine Lüge usw. Ohne Zweifel wird auch noch dieser Einwurf im Sinne der Gottlosen vorgetragen. Er ist eine Erläuterung des vorigen, und der Apostel musste ihn hinzufügen, wenn nicht sein Unmut mitten in der Rede abbrechen sollte. Der Sinn ist: wenn infolge unserer Falschheit Gottes Wahrheit deutlicher und gewissermaßen fester wird, was ja nur zu höherem Ruhme Gottes beiträgt -, so ist es ganz unbillig, dass als Sünder gestraft werde, der doch nur ein Werkzeug für die Vermehrung der Ehre Gottes ist.

V. 8. Und nicht vielmehr also tun, wie usw. Auch dieses gottlose Gerede würdigt der Apostel keiner Antwort, die doch leicht zu geben gewesen wäre. es lag ja bloß der Trugschluss vor: wenn unsere Übeltaten für Gott Ehre schaffen, und dem Menschen doch nichts mehr am Herzen liegen muss als Gottes Ehre -, so müssen wir Übles tun, damit Gott geehrt werde. Die einfache Antwort lautet: was in sich selbst böse ist, bleibt böse. Dass aber unsere Sünde Gottes Ehre verherrlicht, ist nicht des Menschen, sondern Gottes Werk. Er versteht als ein weiser Künstler unsere Bosheit in seinen Dienst zu zwingen und dahin zu lenken, wohin wir durchaus nicht zielten: auf die Mehrung seines Ruhmes. Die Weise, wie Gott von uns geehrt sein will, hat er vorgeschrieben: Frömmigkeit will er haben, die seinem Worte gehorcht. Wer diese Schranke überspringt, sucht nicht Gottes Ehre, sondern Gottes Schmach. Dass der Erfolg ein besserer ist, ist Werk der göttlichen Vorsehung, nicht der menschlichen Verkehrtheit, der wir es sicherlich nicht zu danken haben, dass Gottes Herrlichkeit nicht verletzt oder gar vernichtet wurde.

Wie wir gelästert werden. Seltsam, dass die so vorsichtige Lehre des Paulus über die verborgenen Geheimnisse Gottes eine solche Verdrehung durch unverschämte Gegner erfahren konnte! Aber niemals hat ja selbst die Gewissenhaftigkeit und Nüchternheit der Knechte Gottes unreine und giftige Zungen zum Schweigen bringen können. So ist es nichts Neues, dass auch heute auf unsere Lehre, die doch – des Zeugen sind nicht allein wir, sondern alle Engel und alle Gläubigen – das lautere Evangelium Christi ist, Hass und Verleumdung der Feinde fällt. Wir können das aber tragen und bleiben bei dem einfachen Bekenntnis der Wahrheit, die Kraft genug besitzt, solche Lügengewebe zu zerreißen. Im Übrigen folgen wir dem Beispiel der Apostel und lassen verkommene und verderbte Menschlein nicht ungestraft den Schöpfer lästern.

Welcher Verdammnis ist ganz recht. Gerecht in doppelter Weise: erstens, weil solch gottloser Gedanke in ihren Sinn kommen und ihre Billigung finden konnte; zweitens, weil sie sich erfrechten, mit solcher Verleumdung das Evangelium zu schmähen.

9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, dass beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind.

V. 9. Nach der Abschweifung kehrt die Rede zum eigentlichen Gedankengang zurück. Damit nämlich nicht die Juden antworten könnten, sie würden ihrer Vorrechte vor den Heiden beraubt, welche doch Paulus selbst soeben hoch gerühmt hatte, muss jetzt die Frage endgültig gelöst werden, ob sie wirklich in irgendeinem Stück besser seien als die Heiden. Nun scheint es ja ein handgreiflicher Widerspruch, dass den Juden jetzt ihre Würde völlig geraubt wird, die kurz zuvor reichliche Anerkennung fand. Aber es scheint nur so. Denn die Vorzüge, welcher Paulus ihnen zuerkannte, liegen außer ihnen, in Gottes Güte, nicht in ihrem eigenen Verdienst. Hier aber ist von der eignen Würdigkeit die Rede, deren sie sich an sich selbst etwa rühmen könnten. Beide Sätze stimmen folglich so trefflich zusammen, dass einer nur die Kehrseite des andern bildet. War doch als Hauptvorzug genannt: ihnen ward vertrauet, was Gott geredet hat. Das aber hatten sie nicht durch ihr Verdienst. Also blieb ihnen nichts, auf das sie vor Gottes Angesicht stolz sein konnten. – Bemerkenswert ist die seelsorgerliche Klugheit, dass der Apostel in dritter Person redete, als er die Vorzüge der Juden rühmte (V. 1. 2); jetzt aber, da es gilt, sie herabzusetzen, schließt er sich selbst ein, um jeden Anstoß zu beseitigen: haben wir einen Vorteil?

Denn wir haben droben bewiesen usw. Dabei ist nicht von einem gewöhnlichen, sondern von einem richterlichen Beweise die Rede. Der Ankläger stellt das Verbrechen unter Beweis, wenn er sich anschickt, mit Zeugnissen und Schlussfolgerungen zu erhärten, dass es geschehen sei. So hat der Apostel das ganze Menschengeschlecht vor Gottes Richterstuhl gezogen, um es unter die gleiche Verdammnis zu beugen. Unter der Sünde sein heißt: mit Recht von Gott als Sünder verurteilt werden und unter dem Fluche stehen, welcher auf der Sünde lastet. Wie die Gerechtigkeit Freisprechung erfährt, so die Sünde den Fluch.

10 Wie denn geschrieben steht: „Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer. 11 Da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage. 12 Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden. Da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer. 13 Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen; 14 ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. 15 Ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; 16 auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, 17 und den Weg des Friedens wissen sie nicht. 18 Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“

V. 10. Wie denn geschrieben steht. Bisher hat Paulus Vernunftgründe aufgerufen, um den Menschen ihre Sündhaftigkeit zu beweisen. Jetzt fügt er einen Autoritätsbeweis hinzu: ein solcher wiegt ja bei den Christen am schwersten, wenn sie nur Gottes alleinige Autorität anerkennen. Hier mögen sich die Lehrer der Kirche über ihre Pflicht unterrichten lassen. Denn wenn Paulus keine Lehre vorträgt, ohne sie mit einem Schriftbeweise zu bekräftigen, so müssen wir dies noch in weit höherem Maße so halten: denn wir haben ja nur den Auftrag, das Evangelium zu predigen, welches wir durch Vermittlung des Paulus und anderer Zeugen überkommen haben.

Da ist nicht, der gerecht sei. In der Anordnung der Sprüche, die er übrigens ziemlich frei, mehr nach dem Sinne als genau nach dem Buchstaben anführt, scheint der Apostel den Gesamtgehalt der Ungerechtigkeit, die nach dem Urteil der Schrift im Menschen steckt, vorangestellt zu haben. Dann lässt er die Früchte der Ungerechtigkeit Stück für Stück folgen. Zuerst (V. 11): da ist nicht, der verständig sei. Den Beweis für diesen Unverstand liefert der folgende Satz: da ist nicht, der nach Gott frage. Denn ein noch so gebildeter Mensch, hinter dessen Wissen keine Erkenntnis Gottes steckt, ist hohl. Alle Wissenschaften und Künste, die ja an sich selbst gut sind, werden ohne dieses Fundament eitel. Weiter (V. 12) folgt: da ist nicht, der Gutes tue. Dieser Satz deutet auf den Verlust der menschlichen Gutherzigkeit. Gotteserkenntnis ist das beste Band der Menschen untereinander: denn der gemeinsame Vater einigt, die sonst zerstreut sind. Unkenntnis Gottes hat unmenschliches Wesen im Gefolge: keiner kümmert sich mehr um den andern, jeder liebt und sucht nur sich selbst. Gegensätzlich wird hinzugefügt (V. 13): ihr Schlund ist ein offenes Grab, d. h. ein Abgrund, der die Menschen verschlingen will. Das ist mehr, als wenn der Apostel etwa von „Menschenfressern“ geredet hätte. Wir haben hier vielmehr das Übermaß der Ungeheuerlichkeit, dass eine Menschenkehle wie ein Schlund gedacht ist, der ganze Menschen mit einem Male hinab schlingen kann. Eben dahin zielen die folgenden Sätze: mit ihren Zungen handeln sie trüglich; Otterngift ist unter ihren Lippen. Wenn es weiter heißt: ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit, so steht dies eigentlich im Gegensatz zur vorigen Aussage. Aber es soll deutlich werden, dass die Gottlosen nach jeder Richtung Bosheit ausatmen. Reden sie sanft, so ist es Täuschung, und unter Schmeichelreden bieten sie Gift aus. Schütten sie offen aus, was sie im Herzen tragen, so kommt Fluch und Bitterkeit hervor. Ganz besonders passend ist (V. 16) der alsbald folgende Spruch aus Jesaja: auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid. Das ist ein anschauliches Bild mehr als barbarische Wildheit, welche, wohin sie tritt, nur öde Wüsteneien zurücklässt. Weiter heißt es (V. 17): den Weg des Friedens wissen sie nicht; denn sie haben sich dermaßen an Räubereien, Gewalttaten, Unrecht, Grausamkeit und Rohheit gewöhnt, dass sie verlernt haben, irgend etwas freundlich und gütig zu tun. Zum Schluss (V. 18) wird mit einem andern Worte wiederholt, was wir schon anfangs sagten, dass alle Laster aus der Verachtung Gottes hervorgehen. Ist die Frucht Gottes der Weisheit Anfang, so bleibt nichts mehr richtig und zuverlässig, sobald man davon weicht. Sie ist ein Zügel unserer Bosheit: fehlt derselbe, so stürmen wir vorwärts in zügelloses Laster. – Doch damit niemand glaube, dass diese Bibelstellen unpassender weise aus dem Zusammenhang gerissen seien, wollen wir jede einzelne in ihrem ursprünglichen Zusammenhang erwägen. Ps. 14, 1 sagt David: die Verkehrtheit der Menschen sei so ausgebreitet, dass Gott bei genauer Betrachtung auch nicht einen einzigen Gerechten finden konnte. Da nun Gott nichts zu entgehen vermag, muss das Verderben das gesamte Menschengeschlecht durchdringen. Der Schluss des Psalms redet nun freilich von Israels Erlösung: aber wir werden bald zeigen, wie und inwieweit die Heiligen dem allgemeinen Verderben enthoben werden. In den andern Psalmen klagt David über die Schlechtigkeit seiner Feinde: nun steht er aber mit den Seinen als Vorbild des Reiches Christi da -, unter der Gestalt seiner Feinde erscheinen also alle, welche fern von Christus, von seinem Geist sich nicht leiten lassen. Jesaja deutet mit klaren Worten auf Israel: die gegen dieses erhobene Anklage trifft aber noch viel mehr auch die Heiden. Was folgt aus dem allen? Dass ohne Zweifel alle diese Aussagen beschreiben, wie der Mensch von Natur ist, wenn er sich selbst überlassen bleibt. So sind nach dem Zeugnis der Schrift alle, die nicht durch Gottes Gnade wiedergeboren wurden. Der Zustand der Heiligen würde dabei um nichts besser sein, wenn ihre Sündhaftigkeit nicht Heilung erfahren hätte. Damit sie aber nicht vergessen, dass sie von Natur auf der gleichen Stufe stehen, müssen sie in den Überresten des Fleisches, welche sie stetig umgeben, den Samen aller Sünden noch immer spüren, der unaufhörlich seine Früchte bringen würde, wenn die Abtötung es nicht hinderte. Und diese verdanken sie nicht ihrer Natur, sondern der Barmherzigkeit des Herrn. Nun ist allerdings nicht jeder Mensch mit allen hier aufgeführten Fehlern behaftet. Dass dieselben trotzdem mit Fug und Recht der menschlichen Natur zugeschrieben werden müssen, wurde zu 1, 26 ausgeführt.

19 Wir wissen aber, dass, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf dass aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei; 20 darum, dass kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

V. 19. Wir wissen aber usw. Jetzt bleiben die Heiden außer Betracht, und die soeben angeführten Sprüche werden ausdrücklich den Juden zugeschoben. Diese waren ja von wahrer Gerechtigkeit ebenso weit entfernt wie die Heiden; aber da sie ihre persönliche Unheiligkeit hinter dem besonderen Bunde Gottes, der sie zum auserwählten Volke machte, zu verstecken suchten, so war es nötig, sie besonders scharf anzufassen. Der Apostel kannte die geläufige jüdische Ausflucht, dass man die Sprüche der Schrift über die allgemeine Sündhaftigkeit des menschlichen Geschlechts allein auf die Heiden bezog. Darum erinnert er daran, dass die Schrift sich doch an die Juden wendet: sie gehören also mit in den allgemeinen Haufen, und das Urteil trifft sie sogar ganz besonders. Wem galt denn das Gesetz sonst, und wen anders wollte es unterweisen als die Juden? Was bezüglich anderer Menschen gelegentlich darin vorkommt, ist Nebensache: zugeschnitten ist die Lehre des Gesetzes auf seine eigentlichen Jünger. Die Juden stehen unter dem Gesetz, weil für sie das Gesetz bestimmt war und also auf sie besonders zielte. Unter „Gesetz“ werden dabei auch die Weissagungen, überhaupt der ganze Inhalt des Alten Testaments verstanden.

Auf dass aller Mund verstopft werde. D. h. jede Ausflucht und Entschuldigung soll abgeschnitten werden. Das Bild erinnert an einen Gerichtsverhandlung: ein Angeklagter, der wirklich etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen hat, erbittet sich das Wort, um sich von falschem Verdachte zu befreien; fühlt er sich aber im Gewissen geschlagen, so muss er schweigen und still seine Strafe erwarten: und schon jenes notgedrungene Schweigen spricht ihm das Urteil. Den gleichen Sinn hat Hiob 40, 4: „Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.“ – Eine weitere Auslegung unseres Wortes bietet die nächste Wendung: und alle Welt Gott schuldig sei. Dem ist der Mund verstopft, der sich so im Gerichte gefangen sieht, dass jedes Entweichen unmöglich ist.

V. 20. Des Gesetzes Werke. Was hier unter „des Gesetzes Werke“ zu verstehen ist, haben selbst sehr kundige Leute sehr verschieden dargestellt. Die einen verstehen darunter die Beobachtung des ganzen Gesetzes, die andern wollen es allein auf die Einhaltung der Zeremonien beziehen. Die Vertreter der erstgenannten Anschauung berufen sich vor allem auf das Wort „Gesetz“, das eine Einschränkung nicht vertrage. Ich bin der Ansicht, dass dies Wort hier freilich eine andere Aufgabe hat: Unsere Werke sind vor dem Herrn soweit gerecht, als wir ihm durch sie Dienst und Gehorsam zu leisten trachten. Um nun allen unsern Werken die Fähigkeit, uns gerecht zu machen, abzusprechen, nennt Paulus gerade die Werke, die das noch am ehesten vermöchten, wenn es überhaupt ginge. Denn am Gesetz hängen doch die Verheißungen, ohne die unsere Werke gar keinen Werkt vor Gott hätten. Paulus braucht also das Wort „Gesetz“, weil in ihm allenfalls unsere Werke einen Wert gewinnen könnten. Selbst die Scholastiker wussten noch darum, dass unsere Werke nicht aus sich, sondern im Zusammenhang mit Gottes Bund verdienstlich sein könnten. Sie bedachten dabei freilich nicht, dass diese unsere Werke befleckt sind und deshalb tatsächlich keinerlei Verdienst begründen; aber der oben genannte Grundsatz ist richtig. Es ist deshalb auch wohlbegründet, dass Paulus hier nicht von Werken schlechthin, sondern von des Gesetzes Werken redet. Paulus wendet sich hier offenbar gegen Leute, die das Volk mit einem falschen Vertrauen auf die Zeremonien irreführten. Um diesem Irrtum entgegenzutreten, beschränkt er sich aber nicht auf die Frage nach dem Wert der Zeremonien, sondern fragt nach dem ganzen Gesetz. Dafür ist der ganze Zusammenhang, den Paulus bisher verfolgt hat und auch weiter verfolgt, ein Beweis. Aber auch viele einzelne Stellen führen auf das gleiche Ergebnis. Es geht doch immer wieder um den Hauptgrundsatz: alle Menschen werden ohne jede Ausnahme durch das Gesetz der Ungerechtigkeit überführt und beschuldigt. Der Gegensatz, der alles durchzieht, ist doch der zwischen der Gerechtigkeit aus den Werken und dem Schuldzustand, der aus unserer Übertretung folgt. – Unter Fleisch schlechthin werden die Menschen verstanden. Nur wirkt der Ausdruck noch umfassender, so wie etwa: kein Sterblicher.

Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Der Beweis vollendet sich durch den Hinweis auf das Gegenteil: Gerechtigkeit kann das Gesetz nicht bringen, weil es uns der Sünde und der Verdammnis überführt. Aus dem gleichen Brunnen quillt nicht Leben und Tod. Indessen bleibt es eine unangetastete Wahrheit, dass das Gesetz an sich zur Gerechtigkeit gegeben ward und der Weg zum Leben ist. Aber unsere Sünde und Verderbtheit macht, dass dies Ziel nicht erreicht werden kann. So vermag das Gesetz nur dem Menschen seine Sünde zu enthüllen und ihm die Hoffnung der Seligkeit zu nehmen. Dabei wollen wir nur noch anmerken: wen das Gesetz zum Sünder stempelt, der ist aller und jeder Gerechtigkeit bar. Wenn die römischen Kirchenlehrer eine halbe Gerechtigkeit erdichten, zu welcher die Werke wenigstens einen Teil beitragen sollen, so ist das ein gottloses Gerede.

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. 22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christum zu allen und auf alle, die da glauben.

V. 21. Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit usw. Ob man „Gerechtigkeit Gottes“, wie die Worte im griechischen Text heißen, übersetzen soll: „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ oder „die Gerechtigkeit, welche Gott uns schenkt“ – ist eine untergeordnete Frage (vgl. auch zu 1, 17). Denn auch in letzterem Falle steht fest, dass die von Gott dem Menschen geschenkte Gerechtigkeit, welche allein als solche vor Gott gilt und Anerkennung findet, offenbart wurde ohne Zutun d. h. ohne Mithilfe des Gesetzes. Und bei diesem Gesetz muss man an die Werke insgesamt denken, deren Verdienst also in jedem Falle ausgeschlossen bleibt. Die Werke erscheinen auch nicht im Verein mit der Barmherzigkeit Gottes wenigstens als ein Nebengrund unserer Gerechtigkeit. Jeder Gedanke an sie bleibt völlig ausgeschlossen, und Gottes Erbarmen bildet den alleinigen Grund. Nun weiß ich freilich, dass Augustinus 1) und viele neuere Lehrer, welche damit eine besondere Weisheit entdeckt zu haben glauben, die „von Gott geschenkte Gerechtigkeit“ als die Gnadengabe der Wiedergeburt deuten, welche deshalb ein Geschenk der freien Gnade sein soll, weil Gottes Geist es ist, der ohne irgendein vorhergegangenes Verdienst in uns die Erneuerung schafft. Werkes des Gesetzes sollen deshalb davon ausgeschlossen sein, weil die Menschen aus eigner Kraft, abgesehen von der geschenkten Erneuerung, kein Verdienst erwerben können. Aber der Apostel schließt aus dem Handel der Rechtfertigung alle und jede Werke aus, auch diejenigen, welche Gott in den Seinen wirkt. Das wird der Zusammenhang der Rede vollends deutlich machen. Denn Abraham (4, 2) war zu der Zeit, von welcher Paulus sagt, er sei nicht durch Werke gerecht geworden, ohne Zweifel wiedergeboren und vom Geiste Gottes getrieben. Aus der Rechtfertigung des Menschen scheiden also nicht bloß die Werke der so genannten natürlichen Moral aus, sondern auch die Werke der Gläubigen. Wenn ferner als Beschreibung der Gerechtigkeit (4, 6-7) der Spruch dasteht: „Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind“ – so ist von gar keinen Werken irgendwelcher Art die Rede, sondern mit Ausschluss alles Verdienstes der Werke erscheint als ein Grund der Gerechtigkeit die Vergebung der Sünden. Nun meint man allerdings, es stimme ganz gut zusammen, dass der Mensch durch den Glauben und Christi Gnade gerechtfertigt werde -, und dass er doch die Rechtfertigung auch durch Werke erlange: denn die Werke erwüchsen ja aus der Erneuerung des Geistes, und diese wieder verdanken wir der göttlichen Gnade und empfangen sie durch den Glauben. Aber Paulus hegt viel tiefere Gedanken: er weiß, dass die Gewissen nicht stille werden, bis sie allein in Gottes Erbarmen ruhen. So kann er (2. Kor. 5, 19-21) sagen: Gott war in Christus und schaffte der Welt Versöhnung und Gerechtigkeit -, und kann erläuternd hinzufügen: dies geschah dadurch, dass er ihnen ihre Sünde nicht zurechnete. So stellt er auch im Galaterbrief (3, 12) das Gesetz in einen Gegensatz zum Glauben: es kann nicht Gerechtigkeit schaffen, weil es das Leben nur denen verspricht, welche tun, was es gebietet.

Nun fordert aber das Gesetz nicht nur einen Schein- und Buchstabendienst, sondern völlige Liebe zu Gott. Daraus folgt, dass die Gerechtigkeit des Glaubens für irgendwelches Verdienst der Werke keinen Raum lässt. Es ist also eine ganz oberflächliche Rede, wenn man sagt: wir würden in Christus gerechtfertigt, weil wir als Glieder Christi durch seinen Geist erneuert werden; wir würden durch den Glauben gerechtfertigt, weil wir durch den Glauben dem Leibe Christi eingefügt werden; wir würden aus Gnaden gerechtfertigt, weil zuvor Gott in uns nichts anderes fand als Sünde. Vielmehr: wir empfangen unsere Rechtfertigung in Christus, weil sie außer uns liegen muss; wir empfangen sie durch den Glauben, weil wir uns allein auf Gottes Barmherzigkeit und die Zusagen seiner freien Gnade stützen müssen; wir empfangen sie umsonst, weil Gott uns dadurch mit sich versöhnt, dass er unsere Sündenschuld begräbt. Bei dem allen darf man nun durchaus nicht bloß an den Anfang des Gerechtigkeitsstandes denken, wie manche Träumer wollen. Denn der Spruch: „Selig sind, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind“ – traf doch auf David noch immer zu, als er sich schon längst im Dienste Gottes geübt hatte. Und Abraham, der als ein Muster seltener Heiligkeit dastand, konnte noch 30 Jahre nach seiner Berufung kein Werk aufweisen, dessen er sich vor Gott rühmen durfte: dass er der Verheißung glaubt, wird ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Diese Predigt des Paulus, dass Gott die Menschen rechtfertigt, indem er ihnen die Sünden vergibt, soll in der Kirche stetig widerklingen. Der Friede des Gewissens, den jeder Seitenblick auf die Werke stören kann, soll eben nicht bloß einen Tag anhalten, sondern das ganze Leben. So folgt, dass wir bis zum letzten Atemzuge auf keine andere Weise gerecht sein können, als dass wir allein auf Christus blicken, in welchem Gott uns zu seinen Kindern angenommen hat, und in welchem wir ihm angenehm sind. Aus dem allen lässt sich ersehen, wie falsch der Vorwurf ist, dass wir das Wörtlein „allein aus Gnaden“ erst in die Bibel hineingelesen hätten, welches doch so nicht darin stünde. Liegt aber die Gerechtigkeit einerseits nicht im Gesetz, andererseits auch nicht in, sondern außer uns -, so muss sie wohl der Gnade allein zugeschrieben werden. Hängt sie aber allein an der Gnade, so auch allein am Glauben. – Das Wörtlein nun könnte einfach einen Gegensatz des Gedankens einleiten. Besser aber wird es noch sein, an einen wirklichen Fortschritt der Zeit zu denken: jetzt, nachdem Christus im Fleische erschienen ist und das Evangelium von ihm gepredigt wird, ist die Offenbarung der Glaubensgerechtigkeit vorhanden. Deshalb muss sie doch vor Christi Ankunft nicht gänzlich verborgen gewesen sein. Man muss eben eine doppelte Kundgebung der Gerechtigkeit unterscheiden: die eine geschah bereits im Alten Testament und erfolgte durch Wort und Sakramente; die andere geschieht im Neuen Testament: sie fügt zu den Verheißungen und heiligen Wahrzeichen die wesenhafte Erfüllung in Christi Person. Außerdem ist auch die Deutlichkeit der Offenbarung im Evangelium größer.

Bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Dieser Zusatz soll dem Schein entgegenwirken, als stünde die Austeilung der frei geschenkten Gerechtigkeit durch das Evangelium im Widerspruch mit dem Gesetz. Paulus hat gesagt, die Glaubensgerechtigkeit bedürfe nicht des Zutuns des Gesetzes. Jetzt gesteht er zu, dass sie eine Bestätigung durch dessen Zeugnis wohl empfangen kann. Weist nun das Gesetz auf die frei geschenkte Gerechtigkeit hin, so kann es nicht dazu gegeben sein, die Menschen eine wirklich erreichbare Gerechtigkeit aus Werken zu lehren. Solcher Gebrauch des Gesetzes wäre ein Missbrauch. – Sucht man einen Beweis für diese Lehre, so mag man das ganze Alte Testament durchgehen: dort wird man finden, dass dem aus Gottes Reich getriebenen Menschen nur übrig blieb, auf die Erlösung zu hoffen, welche die erste evangelische Verheißung (1. Mose 3, 15) in dem gesegneten Samen suchen lehrte, der den Kopf der Schlange zertreten und den Völkern Segen eröffnen sollte. Weiter wird man merken, wie die Gebote uns unsere Ungerechtigkeit enthüllten und wie die Opfer und heiligen Darbringungen darauf hindeuten, dass Genugtuung und Reinigung allein in Christus werde zu finden sein. Kommt man dann zu den Propheten, so wird man einen wahren Reichtum von Zusagen freier Gnade entdecken.

V. 22. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit usw. Es folgt nun in wenigen Worten eine genauere Beschreibung der Rechtfertigung: sie hat ihren Sitz in Christi Person und wird durch den Glauben ergriffen. Hier werden in geordneter Folge noch mancherlei Wahrheiten deutlich. Zuerst: in der Frage nach unserer Gerechtigkeit entscheidet kein menschliches Urteil, sondern allein Gottes Gericht, welches nur eine ganz vollkommene Rechtschaffenheit und einen restlosen Gehorsam gegen das Gesetz gelten lassen wird. Da aber kein Mensch solche Leistungen vollbringen kann, so sind sie alle in sich selbst ohne Gerechtigkeit. Zweitens tritt dann Christus auf den Plan, der einzig Gerechte, welcher seine Gerechtigkeit uns zuspricht und uns dadurch gerecht sein lässt. Jetzt erkennen wir, wie die Gerechtigkeit des Glaubens Christi Gerechtigkeit ist. Wenn wir gerechtfertigt werden, so ist die treibende Kraft dafür Gottes Erbarmen; der Grund, welcher die Rechtfertigung ermöglicht, ist Christus; das im Glauben ergriffene Wort ist das Mittel. Nun ist klar, weshalb es heißt, dass der Glaube uns rechtfertige: er ist das Mittel und Werkzeug, welches Christus ergreift, in welchem die Gerechtigkeit uns zuteil wird. Nachdem wir Christi Genossen wurden, ist nicht bloß unsere Person gerecht, sondern auch unsere Werke werden vor Gott gerecht geschätzt: denn was an ihnen Unvollkommenes bleibt, findet seine Deckung durch Christi Blut. Jetzt erst werden die nur bedingungsweise gegebenen Verheißungen ebenfalls durch Gottes Gnade für uns erfüllt: denn Gott kann unsere Werke für vollkommen ansehen, seit die freie Vergebung die Mängel ersetzt.

Zu allen und auf alle, die da glauben. In feierlicher Wiederholung drückt der Apostel immer wieder mit andern Worten aus, was wir schon wissen, dass allein Glaube erfordert wird. Damit fällt auch jeder äußerliche Unterschied zwischen den Gläubigen: es ist gleichgültig, ob sie Juden oder Heiden sind.

23 Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist, 25 welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete in dem, dass er Sünde vergibt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld; 26 auf dass er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt; auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesum.

V. 23. Es ist hier kein Unterschied. Alle ohne Ausnahme sollen ihre Gerechtigkeit einzig in Christus suchen. Nicht darf sich der eine hierhin, der andere dorthin wenden: alle müssen den Weg des Glaubens gehen, weil sie als Sünder keinen Grund zum Ruhm vor Gott haben. Es bleibt auch kein Raum für eine halbe Gerechtigkeit: Paulus nimmt dem Sünder jeglichen Ruhm. So könnte er nicht sprechen, wenn wir halb durch unsere Werke, halb durch Gottes Gnade gerechtfertigt würden. Wo überhaupt Sünde sich findet, da ist solange keine Gerechtigkeit, bis Christus den Fluch hinweg nimmt. Deshalb heißt es Gal. 3, 10-13: „die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch … Christus aber hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes.“ – Ruhm, den sie bei Gott haben sollten, ist ein solcher, den Gott ihnen zusprechen könnte. Wie es Joh. 12, 43 heißt: „Sie hatten lieber Ruhm bei Menschen als Ruhm bei Gott.“ So werden wir wiederum von menschlichem Beifall hinweg auf Gottes Gericht gewiesen.

V. 24. Und werden ohne Verdienst gerecht. Da den Menschen, welche von Gottes gerechtem Gericht getroffen werden, nichts bleibt als Verderben, so müssen sie die Rechtfertigung bei der freien Gnade suchen. Christus kommt unserm Elend zu Hilfe, teilt sich den Gläubigen mit und lässt sie in seiner Person alles finden, was ihnen selbst fehlt. In der ganzen Bibel steht fast kein anderer Spruch, der so trefflich die Kraft der Gerechtigkeit bezeugt. Ohne unser Verdienst, aus seiner Gnade spricht uns Gott gerecht. Der einfache Gegensatz von Gnade und Verdienst hätte auch genügt: aber der doppelte Ausdruck prägt umso tiefer ein, dass es sich nicht um eine Halbheit handelt, sondern dass Gottes Erbarmen ganz allein eine volle Gerechtigkeit schafft.

Durch die Erlösung usw. Das ist der tragende Grund unserer Gerechtigkeit, dass Christus durch seinen Gehorsam dem Gerichte des Vaters Genüge geleistet und als unser Stellvertreter uns von der Herrschaft des Todes befreit hat, die uns gefangen hielt. Durch sein sühnendes Opfer ward unsere Schuld getilgt. Daraus lässt sich von neuem ersehen, dass unsere Rechtfertigung durchaus nicht als eine innerliche Erneuerung vorgestellt werden darf. Denn wenn Gott uns als gerecht gelten lässt, weil ein Preis für uns entrichtet ward, so versteht sich ja von selbst, dass wir anderswoher entlehnen, was man in uns nicht finden kann. Was jene „Erlösung“ bedeutet und worauf sie zielt, führt Paulus sofort weiter aus: wir werden mit Gott versöhnt. Denn Christus wird (V. 25) eine „Sühne“, oder besser (damit der Anklang an das alttestamentliche Vorbild deutlicher werde) ein „Sühnopfer“ genannt. Was heißt das aber anders, als dass wir dadurch gerecht werden, dass Christus uns einen gnädigen Vater schafft? Aber diese Worte fordern genauere Erwägung.

V. 25. Welchen Gott hat vorgestellt usw. Herrlicher Lobpreis der Gnade, welche aus freiem Triebe einen Weg suchte und fand, unsern Fluch zu bannen! Unser Wort deckt sich ganz mit dem Spruche (Joh. 3, 16): „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Den er längst der Welt zum Mittler bestimmt hatte, hat Gott zu seiner Zeit öffentlich vorgestellt. Das Wort Gnadenstuhl erinnert daran, dass uns in Christus wahrhaftig geschenkt wird, was der Alte Bund im ahnungsvollen Schattenbilde darstellte. Paulus will uns damit einprägen, dass Gott, abgesehen von Christus, Zorn gegen uns hegt; durch Christus aber kommt die Versöhnung zustande, indem seine Gerechtigkeit uns Gott angenehm macht. Gott verwirft ja an uns nicht sein eignes Werk, das, was er selbst ursprünglich geschaffen hat. Er verwirft vielmehr unsere Unreinigkeit, welche den Glanz seines Ebenbildes verwischt hat. Sobald Christi Reinigung diese abgewaschen, liebt und küsst uns der Vater als sein neu gereinigtes Werk.

Ein Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut. So möchte ich die Worte des Apostels in geschlossenem Zusammenhange wiedergeben. Denn er scheint sagen zu wollen: wir haben einen versöhnten Gott, sobald unser Glaube auf dem Blute Christi ruht. Durch den Glauben kommen wir erst in den wirklichen Besitz der Wohltat Christi. Wenn aber Paulus allein das Blut erwähnt, will er andere Stücke des Erlösungswerkes sicher nicht ausschließen, sondern unter einem wesentlichen Stück das Ganze begreifen. Dabei wird gerade das Blut genannt, weil es das Mittel ist, die Sünde abzuwaschen.

In dem, dass er Sünde vergibt. Durch Vergebung der Sünden bietet Gott die Gerechtigkeit dar. Daraus wird noch einmal klar, dass unsere Gerechtigkeit auf bloßer Zurechnung ruht, nicht aber darauf, dass wir etwa in tatsächlich Gerechte verwandelt würden. Mit immer wieder neuen Worten schließt der Apostel bei dieser Gerechtigkeit jedes eigene Verdienst aus. Erlangen wir die Gerechtigkeit durch Vergebung der Sünden, so muss dieselbe ja wohl außer uns liegen. Und wenn die Vergebung ein Geschenk der freien Gnade ist, so fällt jedes Verdienst. Es fragt sich aber, weshalb Paulus lediglich an die Vergangenheit zurückdenkt und allein von der Sünde redet, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld. Er erinnert damit an die alttestamentlichen Sühneordnungen, welche wohl auf die zukünftige Genugtuung weissagen, nicht aber Gottes Gnade wirklich erwerben konnten. In demselben Sinne sagt der Hebräerbrief (9, 15), dass durch Christus eine Erlösung von den Übertretungen vollbracht sei, welche unter dem Alten Bunde noch bestehen blieben. Natürlich soll das nicht heißen, dass Christi Tod nur die Sünden der vergangenen Zeit gesühnt habe. Vielmehr will Paulus andeuten, dass bis zu Christi Tod kein vollgültiges Mittel da war, um Gott zu versöhnen, auch nicht in den Schattenbildern des Gesetzes. Die Wahrheit und Wirklichkeit trat erst in der Zeit der Erfüllung ein. Selbstverständlich gibt es auch zur Sühne der Sünden, welche wir noch täglich begehen, kein anderes Mittel. Von göttlicher Geduld redet Paulus aber, um der Verwunderung darüber zu begegnen, dass die Gnade so spät erschienen ist. Voller Sanftmut hat Gott sein Gericht hintangehalten und hat seinen Flammen gewehrt, zu unserm Verderben hervorzubrechen, bis endlich die Zeit erfüllet war, dass er uns in seine Gnade aufnahm.

V. 26. Auf dass er darböte die Gerechtigkeit. Mit gewaltigem Nachdruck wird dieser Satz wiederholt, weil Paulus ihn besonders einschärfen wollte. Denn nichts geht dem Menschen schwerer ein, als auf sich selbst zu verzichten und alles von Gott zu erwarten. Im Besonderen sollten die Juden erinnert werden, wohin es galt, die Augen zu richten. Zu diesen Zeiten. Keinem Zeitalter fehlten Offenbarungen der göttlichen Gnadengerechtigkeit gänzlich. Aber völlig und klar wurde diese Offenbarung erst, als die Sonne der Gerechtigkeit aufging und Christus uns geschenkt ward. Jetzt ist die angenehme Zeit und der Tag des Heils. Das Alte Testament besaß die Wahrheit nur verhüllt.

Auf dass er allein gerecht sei usw. Hier empfangen wir die weitere Beschreibung der Gerechtigkeit, welche durch Christi Ankunft oder, wie es im ersten Kapitel (1, 17) heißt, im Evangelium offenbart ward. Dieselbe besteht in zwei Stücken. Zuerst ist Gott selbst gerecht, nicht als einer unter vielen Gerechten, sondern als der, welcher allein in sich alle Fülle der Gerechtigkeit trägt. Nur so zollt man Gott seine ganze Ehre, wenn man ihn allein gerecht und die ganze Menschheit ungerecht sein lässt. Zweitens teilt Gott seine Gerechtigkeit aus: er will seinen Reichtum nicht bei sich verschließen, sondern den Menschen zufließen lassen. So erscheint Gottes Gerechtigkeit in uns, wenn er uns durch den Glauben an Christus gerecht spricht. Denn Christus wäre uns umsonst zur Gerechtigkeit geschenkt, wenn wir ihn nicht im Glauben genießen wollten.

27 Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. 28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

V. 27. Wo bleibt nun der Ruhm? Gründe zur Zerstörung des falschen Vertrauens auf die Werke waren im bisherigen genug angeführt: jetzt schickt sich der Apostel an, die selbstgefällige Eitelkeit zu schelten. Solche lebhaftere Tonart war nötig: in diesem Stücke reicht die nüchterne Lehrhaftigkeit nicht aus, der Heilige Geist muss unsern Hochmut mit stärkeren Blitzen treffen. Jeder Ruhm muss aber ohne Zweifel deshalb schwinden, weil wir keine Leistung aus unserm eigenen aufweisen können, die wert wäre, von Gott gebilligt und gut befunden zu werden. Es gibt weder ein ganzes noch ein halbes Verdienst, mit welchem wir die Versöhnung mit Gott verdienen könnten. Paulus redet nicht von einem mehr oder weniger, er lässt uns keinen einzigen Tropfen übrig. Der Glaube tilgt alles Verdienst der Werke, und man kann die Lehre vom Glauben nur rein halten, wenn man dem Menschen nichts lässt und alles der Barmherzigkeit Gottes zuschreibt: also dürfen die Werke gar nichts zu unserer Rechtfertigung beitragen.

Der Werke Gesetz. Wie kommt der Apostel hier plötzlich zu der Aussage, dass das Gesetz uns keineswegs allen Ruhm nehme, während er doch soeben noch gerade aus dem Gesetz uns unsere Verdammnis nachwies? Wie sollten wir denn noch auf der Bahn des Gesetzes Ruhm finden zu können glauben, wenn uns doch das Todesurteil gesprochen ward? Nimmt uns denn nicht allerdings das Gesetz jeden Ruhm und überhäuft uns mit Vorwürfen? Indessen wollten die früheren Ausführungen zeigen, dass das Urteil des Gesetzes unsere Sünde enthülle, weil wir alle vom Gehorsam abgewichen. Hier aber liegt der Nachdruck auf der Aussage, dass, wenn es überhaupt eine Gerechtigkeit infolge von Gesetzeswerken gäbe, unser Ruhm nicht dahinfallen würde: nur weil wir alles dem Glauben zuschreiben, behalten wir nichts für uns übrig; denn der Glaube empfängt alles von Gott und bringt ihm nichts außer dem demütigen Bekenntnis der eigenen Leerheit. Dabei will der scharfe Gegensatz von Glaube und Werken wohl beachtet sein: es ist also an Werke schlechthin zu denken, nicht bloß an Zeremonien oder äußerlichen Schein des Verdienstes, sondern an alles, was das Verdienst einer eigenen Tat begründen könnte. – Des Glaubens Gesetz. Das ist eine uneigentliche Redeweise. Die Bezeichnung als Gesetz soll die Art des Glaubens durchaus nicht undeutlich machen. Der Apostel will nur zu verstehen geben, dass die eigene Natur und Ordnung des Glaubens jeden Ruhm der Werke niederschlage: mag das Gesetz die Gerechtigkeit der Werke preisen -, der Glaube hat sein eigenes Gesetz, und dieses lässt nicht zu, in irgendwelchen Werken irgendwelche Gerechtigkeit zu finden.

V. 28. So halten wir nun dafür. Damit wird der Hauptsatz des Briefes als eine unzweifelhafte Schlussfolgerung ausgesprochen und des Weiteren erläutert. Denn die Rechtfertigung aus Glauben tritt in helles Licht, sobald man den Werken ausdrücklich jedes Verdienst nimmt. Deshalb legen unsere heutigen Gegner ein besonderes Gewicht darauf, in den Glauben noch irgendwie ein Verdienst der Werke einzumischen. Sie sagen, dass der Mensch allerdings durch den Glauben gerechtfertigt werde, aber nicht allein: sondern die Gerechtigkeit, die dem Worte nach dem Glauben gehören soll, käme tatsächlich doch erst durch die Liebe zustande. Paulus dagegen verkündigt hier die freie Gnade in einem Sinne, der jede Bedeutung der Werke ausschließt. Des Gesetzes Werke. Gemeint ist, wie schon zu 3, 20 dargelegt wurde, nicht bloß Zeremonien oder ein Buchstabendienst ohne Christi Geist, sondern alle Werke, welche ein Verdienst, wie das Gesetz es verspricht, beanspruchen. – Lesen wir nun bei Jakobus (2, 17.21), dass der Mensch nicht durch den Glauben allein, sondern durch die Werke gerechtfertigt werde, so steht dies nur in scheinbarem Widerspruch zur Lehre des Paulus. Man muss an beiden Orten auf den Zusammenhang und die Absicht der Rede achten. Hier handelt es sich um die Frage, wie der Mensch vor Gott gerecht werden könne. Jakobus dagegen stellt die ganz andere Frage, wie der Mensch seine Gerechtigkeit beweisen solle. Er kämpft wider die Heuchler, die mit einem leeren Glauben prunken. Handeln nun beide von ganz verschiedenen Dingen, so versteht sich von selbst, dass die Worte „Gerechtigkeit“ und „Glaube“, welche jeder in seiner besonderen Weise gebraucht, gar nicht miteinander in Beziehung gesetzt werden dürfen. Jakobus will – dies zeigt bei ihm der Zusammenhang – nur behaupten, dass ein heuchlerischer und toter Glaube nicht rechtfertige, und dass man keinen für gerecht halten könne, der es nicht mit Werken beweist.

29 Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott. 30 Sintemal es ist ein einiger Gott, der da gerecht macht die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben.

V. 29. Ist Gott allein der Juden Gott? Der zweite Hauptsatz des Briefes lautet: die Gerechtigkeit ist den Heiden nicht weniger als den Juden zugedacht. Dies musste besonders betont werden, wenn Christi Königreich die ganze Erde erobern sollte. Der Sinn der Frage ist nicht, ob Gott nicht ebenso der Schöpfer der Heiden wie der Juden sei? Dies stand ja über jeden Zweifel erhaben fest; sondern: ob er nicht in gleicher Weise ihr Heiland sein wolle? Will Gott wirklich alle Völker der Erde seine Barmherzigkeit erfahren lassen, so muss ihnen auch allen in gleicher Weise die Gerechtigkeit gehören, ohne die man nicht selig werden kann. Wenn es nun heißt, Gott sei auch der Heiden Gott, so liegt darin, wie so oft in der Schrift, auch umgekehrt die Beziehung der Heiden zu ihm beschlossen: „Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein.“ Die besondere Auswahl Israels konnte ja die ursprüngliche Ordnung der Natur nicht aufheben, nach welcher alle Menschen Gottes Ebenbild an sich tragen und in dieser Welt der ewigen Seligkeit entgegengeführt werden sollen.

V. 30. Die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben. Das Wortspiel zeigt nur, dass im Handel der Rechtfertigung kein wirklicher Unterschied obwaltet. So verspottet der Apostel die Juden, welche den Abstand zwischen sich und den Heiden noch offen halten wollten. Kann man Gnade nur durch den Glauben ergreifen, und ist der Glaube überall sich selbst gleich, so ist es lächerlich, nach einem Unterschied zu fragen. Wollte man aber, so sagt der Apostel ironisch, solchen Unterschied zwischen Heiden und Juden noch gelten lassen, so wäre es der: die einen werden aus dem Glauben, die andern durch den Glauben gerecht. Außerdem ließe sich höchstens etwa sagen: die Juden werden aus Glauben gerecht, weil sie bereits als Erben der Gnade geboren werden und das Recht der Kindschaft schon von ihren Vätern her empfangen -, die Heiden aber durch den Glauben, weil für sie der Eintritt in den Bund etwas Neues ist.

31 Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf.

V. 31. Aus dem hier aufgestellten Gegensatze zwischen Glaube und Gesetz schöpft die fleischliche Vernunft leicht den Verdacht, als handle es sich wirklich um einen Kampf des einen gegen das andere. Diese falsche Ansicht lag aber vollends nahe, wenn eine oberflächliche Kenntnis des Gesetzes d. h. des Alten Testaments nur an die Werke, nicht aber an die Verheißungen dachte. So hatte ja nicht bloß Paulus, sondern der Herr selbst den Vorwurf hören müssen, dass seine ganze Predigt auf die Abschaffung des Gesetzes ausginge. Daher das Wort des Herrn (Matth. 5, 17): „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Der Verdacht entstand nun sowohl im Blick auf das Moralgesetz, wie auf die Zeremonialgebote. Macht das Evangelium allen mosaischen Gebräuchen ein Ende, so scheint es ja den Dienst des Mose zu zerstören. Vernichtet es alle Gerechtigkeit der Werke, so scheint es den vielfachen Zeugnissen des Gesetzes zu widersprechen, welche besagen, dass uns Gott im Gesetz den Weg der Gerechtigkeit und des Heils vorgeschrieben. Deshalb müssen wir auch die gegenwärtige Aussage des Paulus weder allein von den Zeremonien, noch allein von den Moralgeboten verstehen, sondern von dem ganzen ungeteilten Gesetze. Das Moralgesetz gewinnt durch den Glauben an Christus Kraft und Bestand: denn es ward gegeben, um den Menschen seiner Sünde zu überführen und zu Christus zu leiten. Ohne Christus kann es nicht gehalten werden und predigt umsonst, was man tun soll; es kann nur die böse Lust steigern und damit die Verdammnis bringen. Hat man aber Christus gefunden, so gewinnt man erst in ihm die Gerechtigkeit, welche das Gesetz vorschreibt: sie wird uns durch den Glauben zugerechnet. Danach erwächst auch die Heiligung, welche in unsern Herzen einen zwar unvollkommenen, aber doch dem Ziel entgegenreifenden Gehorsam gegen das Gesetz Gestalt gewinnen lässt. Ebenso steht es mit den Zeremonien: sie hören auf und schwinden bei Christi Ankunft, und doch finden sie durch ihn erst ihre wahre Bestätigung. An sich betrachtet sind sie ja nichtige und schattenhafte Bilder: einen tieferen Hintergrund findet man in ihnen erst, wenn man ihren Zweck und ihr Ziel versteht. Ihr gewissestes Siegel empfangen sie durch die Lehre, dass ihre Wahrheit in Christus erschienen ist. Wir werden also das Evangelium so zu predigen haben, dass dadurch zugleich das Gesetz Festigkeit gewinnt, aber keine andere als die auf den Glauben an Christus sich stützt.

Kapitel 4

1 Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, dass er gefunden habe nach dem Fleisch? 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. 3 Was sagt denn die Schrift? „Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“

V. 1. Was sagen wir denn usw. Der Beweis wird nun durch ein in Person und Sache gleicher weise zutreffendes Beispiel gestützt: denn Abraham ist der Vater der Gläubigen, in dessen Fußstapfen wir alle treten müssen; und die Gerechtigkeit zu erlangen gibt es nur einen Weg, nicht mehrere. Unter gewöhnlichen Umständen müsste man die Berufung auf ein einzelnes Beispiel vielleicht für unzureichend erklären. Weil aber die Person Abrahams als ein Spiegel und Musterbild eben derjenigen Gerechtigkeit dastand, welche der ganzen Gemeinde gehören sollte, so bezieht Paulus, was von ihm geschrieben steht, mit Recht auf den ganzen Leib der Kirche. Zugleich trifft er auch die Juden, die ja mit Vorliebe sich der Abrahamskindschaft rühmten, an ihrem empfindlichsten Punkte. Sie konnten doch unmöglich heiliger sein wollen als der Erzvater. Konnte aber dieser nur aus Gnaden Rechtfertigung finden, so mussten ja seine Nachkommen, deren Anmaßung sich eine eigene Gerechtigkeit aus dem Gesetze aufbaute, vor Scham in die Erde sinken. Nach dem Fleisch. Wegen der Wortstellung des griechischen Textes verstehen viele Ausleger den Satz so: „Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, dass er gefunden habe nach dem Fleisch?“ d. h. in natürlicher Weise, aus eigener Kraft. Ich ziehe die Verbindung vor: „Abraham, unser Vater nach dem Fleisch.“ Denn ein solches nach dem eigenen Geschlecht beigebrachtes Beispiel musste namentlich auf Juden einen tiefen Eindruck machen. Sollten sie von der Bahn ihres viel gerühmten Stammvaters ablenken?

V. 2. Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm. Dieser Satz ist das erste Glied einer nicht ausdrücklich zu Ende geführten Schlusskette. Das zweite Glied lautet: aber nicht vor Gott, d. h. wir finden aber nicht, dass Abraham sich irgendeines Verdienstes Gott gegenüber gerühmt habe. Die von Paulus nicht ausgesprochene Folgerung lautet: Also kann seine Gerechtigkeit nicht durch Werke zustande gekommen sein. Der zweite Satz der Schlusskette, dass Abraham Gott gegenüber keinen Ruhm haben wollte, wird nun durch ein Bibelwort bekräftigt:

V. 3. Was sagt denn die Schrift usw. Denn wenn Abraham Rechtfertigung erfährt, weil er im Glauben Gottes Gnade ergreift, so kann er selbst ja keinen Ruhm haben: denn er hat nichts hinzu gebracht als das Bekenntnis seines Elendes, welches nach Barmherzigkeit schreit. Dabei erscheint ohne weiteres vorausgesetzt, dass die Gerechtigkeit dem Sünder Schutz und Zuflucht bietet, der an seinen Werken verzagt. Wenn es nämlich eine Gerechtigkeit des Gesetzes oder der Werke gäbe, so würde dieselbe im Menschen selbst ihren Sitz haben; der Glaube aber entlehnt von außen, was ihm fehlt: daher die Gerechtigkeit des Glaubens ganz richtig eine zugerechnete Gerechtigkeit genannt wird. – Das zitierte Bibelwort stammt aus 1. Mose 15, 6. Der dort beschriebene Glaube bezieht sich nicht auf irgendeine zufällige Zusage Gottes, sondern auf den gesamten Bund des Heils und die Gnade der Kindschaft. Diese hat Abraham im Glauben ergriffen. Freilich lautet ja Gottes Zusage auf eine künftige zahlreiche Nachkommenschaft: aber eben diese Verheißung gründete sich auf die freie Annahme zur Gotteskindschaft. Denn niemals wird Heil ohne Gottes Gnade, noch Gottes Gnade ohne Heil verheißen. Und wiederum: Gottes Gnade und das ewige Heil empfangen wir nur, indem uns die Gerechtigkeit geschenkt wird. Will man recht begreifen, dass Paulus mit vollem Rechte das alttestamentliche Wort für seinen Gedanken anführt, so muss man die Tatsache ins Auge fassen, dass die Verheißung an Abraham ein Zeugnis der göttlichen Gnade ist. Gott will den Abraham der Gotteskindschaft und seiner väterlichen Güte gegen ihn gewiss machen: dazu gehört aber auch irgendwie das ewige Heil durch Christus. Glaubt also Abraham, so glaubt er nur, dass die ihm angebotene Gottesgnade eine Wirklichkeit ist. Und wenn ihm dies zur Gerechtigkeit gerechnet wird, so sieht man ja: er ist auf keine andere Weise gerecht, als weil sein Vertrauen auf Gottes Güte kühnlich alles von Gott erwartet. In und mit der Verheißung ergreift also Abraham die ihm angebotene Gottesgnade, und er konnte spüren, dass er eben dadurch die Gerechtigkeit empfing. Soll die Gerechtigkeit zustande kommen, so müssen in dieser Weise Verheißung und Glaube aufeinander treffen. Dabei wollen wir ausdrücklich bemerken, was der Ausdruck unserer Stelle an die Hand gibt: „Gerechtfertigt werden“ heißt, die Gerechtigkeit zugerechnet bekommen. Also ist hier gar nicht die Rede davon, wie die Menschen in sich sind, sondern wie Gott sie ansieht. Natürlich will Paulus nicht sagen, dass diese freie Gnade Gottes ohne ein gutes Gewissen und ein reines Leben sein könne: aber zunächst muss bei der Frage, warum Gott uns liebt und für gerecht schätzt, der Christus in den Mittelpunkt rücken, dessen Gerechtigkeit uns deckt.

4 Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.

V. 4. Der mit Werken umgeht. Gemeint ist nicht jeder, der gute Werke tut: denn hierin sollen sich freilich alle Kinder Gottes fleißig üben. Gemeint sind vielmehr Leute, die mit ihren Werken etwas verdienen wollen. Der nicht mit Werken umgeht, ist umgekehrt ein Mensch, der in seinen Werken keine verdienstlichen Leistungen sieht. Paulus will die Gläubigen nicht träge machen, er will ihnen nur die Lohnsucht austreiben, die bei Gott gewissermaßen Schuldforderungen einziehen möchte. Dabei will ich wiederholen, dass hier nicht von der richtigen Lebensführung gehandelt wird, sondern von dem Grunde der Heilszuversicht. Die Weise des Werkdienstes, welcher alles verrechnen will, tritt in scharfen Gegensatz zur Weise des Glaubens. Der Glaube wird also nicht deshalb zur Gerechtigkeit gerechnet, weil er etwa irgendein Verdienst von unserer Seite beibrächte, sondern weil er Gottes Gnade ergreift. Wenn uns Christi freie Gnade vermittelst des Glaubens rechtfertigt, so beugt uns dies nur tief danieder. Wir können ja nichts tun als glauben, dass Christus unser Opfer und Versöhner ist. Den gleichen Gegensatz finden wir auch Gal. 3, 11: „Dass durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn `der Gerechte wird seines Glaubens leben´. Das Gesetz aber ist nicht des Glaubens; sondern `der Mensch, der es tut, wird dadurch leben.`“ Aus dem Umstand, dass das Gesetz den guten Werken Lohn verspricht, zieht Paulus den Schluss, dass die aus Gnaden geschenkte Gerechtigkeit des Glaubens mit jener Werkgerechtigkeit gar nichts zu schaffen habe: denn der Gedanke, dass der Glaube unter Mitberücksichtigung der Werke rechtfertige, widerstreitet dem Wesen der Glaubensgerechtigkeit. Diese Gegensätze tilgen alles Verdienst bis auf die Wurzel.

V. 5. Glaubt aber an den usw. Eine ausdrucksvolle Umschreibung, welche Wesen und Art des Glaubens und der Gerechtigkeit anschaulich macht. Hier wird vollends deutlich, dass der Glaube die Gerechtigkeit erwirbt, nicht insofern er eine verdienstliche Tugend ist, sondern insofern er Gottes Gnade empfängt. Paulus sagt ja nicht kurzweg, Gott schenke die Gerechtigkeit, sondern er lässt Gottes freie Gnade, die unserm Elend zu Hilfe kommt, von dem Hintergrunde unserer Ungerechtigkeit sich abheben. Alles in allem: keiner wird die Gerechtigkeit des Glaubens erlangen, der nicht in sich selbst gottlos ist. So redet der Apostel im Zusammenhange seines Gedankens, nach welchem der Glaube uns mit einer fremden, von Gott erbettelten Gerechtigkeit schmückt. Und wie schon früher (3, 24.28) heißt es auch hier: Gott rechtfertigt uns oder spricht uns gerecht -, wenn er Sündern umsonst verzeiht und Leute seiner Liebe würdigt, welchen er wohl zürnen konnte, kurz, wenn er unsere Ungerechtigkeit mit seinem Erbarmen deckt.

6 Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: 7 „Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind und welchen ihre Sünden bedeckt sind! 8 Selig ist der Mann, welchem Gott die Sünde nicht zurechnet!“

V. 6. Die Gerechtigkeit, ohne Zutun der Werke. Was wir schon öfter anmerkten (zu 2, 25; 3, 20), dass unter Gesetzeswerken viel mehr zu verstehen sei als bloß die Zeremonien, findet hier seine endgültige Bestätigung: denn statt „des Gesetzes Werke“ (3, 28) setzt Paulus jetzt „die Werke“. – Weiter belehrt uns die Zusammenstellung: Gott rechtfertigt den Menschen (V. 6), indem er ihm die Sünden vergibt (V. 7) noch einmal darüber, dass im Sinne des Paulus Gerechtigkeit nichts anderes ist als Besitz der Sündenvergebung (vgl. zu 3, 21.24; 4, 5). Endlich erfahren wir, dass diese Vergebung aus freier Gnade, ohne Rücksicht auf die Werke geschenkt wird. Dies liegt ja schon im Worte „Vergebung“. Ein Gläubiger, der seine Zahlung empfangen hat, vergibt und erlässt seinem Schuldner nichts. Von freiem Erlass kann nur da die Rede sein, wo ohne die Unterlage einer entsprechenden Zahlung der Schuldschein zerrissen wird. Die Meinung also, dass man die Vergebung der Sünden mit Bußwerken erkaufen müsse, widerstreitet der Lehre des Paulus gänzlich. Auch die Ansicht der katholischen Kirchenlehrer von einer halben Vergebung erscheint töricht: danach soll nämlich wohl die Schuld, aber nicht die Strafe der Sünde erlassen sein. Aber wie sollte Gott dazu kommen, vergebene Sünden noch zu strafen? – Des weiteren lässt unsere Stelle den Schluss zu, dass die Gerechtigkeit des Glaubens das ganze Leben umspannt. Denn wenn David alle Gewissensqualen mit dem Triumphruf des 32. Psalms abschüttelt, so redet er sicher aus eigenster Erfahrung. Dabei hatte er dem Herrn schon jahrelang gedient. Und noch immer findet die Erfahrung seines Elends keinen andern Weg zu Seligkeit und Glück, als dass Gott uns durch Vergebung der Sünden in seine Gnade aufnimmt. Damit fällt die törichte Ansicht, dass wir die Gerechtigkeit zwar anfangs weise ohne unser Verdienst durch den Glauben erlangen, dass wir aber dann ihren Besitz durch gute Werke festhalten müssen. – Wenn es aber zuweilen heißt, dass gute Taten zur Gerechtigkeit gerechnet würden (z. B. Ps. 106, 31), so bedarf auch darum die Lehre des Paulus keine Einschränkung. Wer an einzelnen Werken solche Erfahrung macht, muss zuvor durch Gottes Gnade gerechtfertigt worden sein. Denn eine vereinzelte Tat reicht dafür nicht aus. Vielmehr werden alle unsere Werke wegen ihrer Ungerechtigkeit verdammt sein, wenn die Rechtfertigung aus Glauben allein sie nicht deckt. Wer aber mit Christi Gerechtigkeit bekleidet ward, erfährt Gottes Gnade nicht nur für die seine Person, sondern auch für seine Werke. – Ganz ebenso steht es mit den Aussagen der Schrift über eine Empfindung von Seligkeit infolge der Werke (z. B. Ps. 1, 1 ff., 119, 1 ff.): Wohl denen, die den Herrn fürchten, die in seinen Wegen gehen, die Tag und Nacht an sein Gesetz denken usw. Denn da niemand dies mit der Vollkommenheit tut, welche Gottes Gebot erfordert, so sind dergleichen Seligpreisungen solange gegenstandslos, bis die Herzen durch Vergebung der Sünden gereinigt werden und damit die rechte Seligkeit erfahren, welche erst den Weg für die weitere Seligkeit bereitet, die Gott seinen Knechten verheißt, wenn sie um sein Gesetz und gute Werke sich mühen. Es ist dies ein Verhältnis wie zwischen Baum und Frucht.

9 Nun diese Seligkeit, geht sie über die Beschnittenen oder auch über die Unbeschnittenen? Wir müssen ja sagen, dass Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. 10 Wie ist er ihm denn zugerechnet? Als er beschnitten oder als er unbeschnitten war? Nicht, als er beschnitten, sondern als er unbeschnitten war.

Immer wieder schärft Paulus ein, dass die Vergebung der Sünden vor allen Werken steht, als deren grundlegendes Stück hier die Beschneidung genannt wird. Denn sie war für das jüdische Volk das Eingangstor nicht nur zum Dienste Gottes überhaupt, sondern zu der gesetzlichen Gerechtigkeit insbesondere. Ihrer rühmten sich ja die Juden nicht bloß als eines Zeichens und Siegels der göttlichen Gnade, sondern als eines gewissermaßen verdienstlichen Gesetzeswerkes. Um ihrer willen glaubten sie besser und Gott angenehmer zu sein als andere. Es handelt sich also nicht gerade um diesen einen Brauch allein: derselbe will nur als das hervorragendste Stück und Beispiel der gesetzlichen Gerechtigkeit verstanden sein. – Der Beweisgang des Apostels ist nun der folgende: Abraham – das kann als unbestritten vorausgesetzt werden – empfing die Gerechtigkeit durch Vergebung der Sünden, also noch vor seiner Beschneidung. Daraus folgt, dass kein verdienstliches Werk voranging, welches die Vergebung etwa hätte erwerben können. Die nachfolgende Beschneidung konnte aber als Ursache der Gerechtigkeit nicht in Betracht kommen, weil die Ursache nicht der Wirkung nachfolgt, sondern stets vorangehen muss.

11 Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er hatte, als er noch nicht beschnitten war, auf dass er würde ein Vater aller, die da glauben und nicht beschnitten sind, dass ihnen solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit; 12 und würde auch ein Vater der Beschneidung, derer, die nicht allein beschnitten sind, sondern auch wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, welcher war in unserm Vater Abraham, als er noch nicht beschnitten war.

V. 11. Das Zeichen aber der Beschneidung usw. Der durch die bisherige Darstellung nahe gelegte Gedanke, dass also die Beschneidung völlig unwirksam und überflüssig sei, da sie doch keine Gerechtigkeit schafft -, wird nun von vornherein abgeschnitten. Der Beschneidung eignet nämlich ein hoher Wert, weil sie die Gerechtigkeit des Glaubens versiegelt und versichert. Gerade aus diesem ihrem Zweck ergibt sich freilich von neuem, dass sie nicht die Ursache der Gerechtigkeit sein kann. Sie bekräftigt die Gerechtigkeit, die bereits in der Vorhaut vorhanden war, und tut weder etwas hinzu noch hinweg. Damit empfangen wir einen trefflichen Bescheid über den Wert der Sakramente überhaupt: Sakramente sind (nach dieser Aussage des Apostels) Siegel, welche Gottes Gnadenzusagen unserm Herzen, dass ich so sage, einprägen und die Gewissheit der Gnade bekräftigen. Helfen sie auch an sich nichts, so wird doch der Gott, der sie als Mittel seiner Gnade brauchen wollte, ihnen durch verborgene Gnadenwirkung seines Geistes bei den Erwählten Frucht schaffen. Für die Verworfenen sind sie freilich nur tote und unnütze Bilder: und doch bleibt ihnen ihre Kraft und Natur; denn unser Unglaube kann uns zwar um ihre Wirkung bringen, kann aber nicht Gottes Wahrheit umstürzen und vernichten. Wir halten also fest, die Sakramente sind Zeugnisse, mit denen Gott seine Gnade unsern Herzen versiegelt. Über das Sakrament der Beschneidung im Besonderen ist zu sagen, dass dasselbe eine zwiefache Gnadengabe zur Darstellung bringt. Gott hatte dem Abraham den gesegneten Samen verheißen, welcher der ganzen Welt das Heil bringen sollte. Davon hing ja die Erfüllung der Zusage ab: „Ich will dein Gott sein.“ Jenes Zeichen schloss also die Versöhnung mit Gott aus freier Gnade in sich, und es deutete durch seine Form darauf hin, dass die Gläubigen auf den verheißenen Samen ihre Erwartung richten sollten. Seinerseits aber forderte Gott – dies ist das zweite – Reinheit und Heiligkeit des Lebens, und das Zeichen deutete den Weg an, welcher dazu führt: am Menschen muss beschnitten werden, was vom Fleisch geboren ist, denn seine Natur ist durch und durch sündig. Das äußere Zeichen erinnerte also den Abraham, dass es gilt, das Verderben des Fleisches geistlich zu beschneiden (vgl. auch 5. Mose 10, 16). Dass aber solches nicht der Menschen, sondern Gottes Werk ist, darauf deutet der Umstand, dass das Gebot der Beschneidung auf junge Kinder zielt, die es doch um ihres Alters willen nicht selbst befolgen konnten. So erscheint auch 5. Mose 30, 6 die geistliche Beschneidung als ein Werk der Kraft Gottes: „Der Herr wird dein Herz beschneiden.“ Und die Propheten sprechen dies nachmals noch viel deutlicher aus. Die Beschneidung bestand also, wie unsere Taufe, aus zwei Stücken: sie bezeugte Vergebung der Sünden und zugleich Erneuerung des Lebens. Wenn übrigens bei Abraham die Beschneidung erst nach der Rechtfertigung vollzogen wurde, so findet ein Ähnliches durchaus nicht immer bei den Sakramenten statt, wie man bei Isaak und seinen Nachkommen sehen kann. Gott wollte aber gleich im Anfang ein Beispiel geben, welches zeigt, dass das Heil nicht an äußeren Dingen hängt.

Auf dass er würde ein Vater. So bestätigt Abrahams Beschneidung unsern Glauben an die freie Gnade. Denn sie ist eine Bekräftigung der Glaubensgerechtigkeit, welche auch uns geschenkt wird, wenn wir nur glauben. So lenkt Paulus mit eigenartiger Kunst den Einwurf der Gegner auf sich selbst zurück. Kann man, was die eigentliche Wahrheit und Kraft der Beschneidung ausmacht, schon in der Vorhaut haben, so schwindet ja alles Recht für die Juden, sich über die Heiden so erhaben zu dünken. Eine Frage allerdings könnte noch aufgeworfen werden, welche der Apostel unberührt lässt: müssen nicht auch wir nach dem Beispiel Abrahams die Beschneidung als ein Siegel der Gerechtigkeit empfangen? Aber es versteht sich ja von selbst: wenn die Beschneidung nicht die Grundlage, sondern lediglich ein Siegel der Gerechtigkeit ist, so haben wir sie nicht mehr nötig, da wir an ihrer Statt ein anderes von Gott eingesetztes Zeichen besitzen. Wo die Taufe in Übung steht, empfangen auch die Heiden ohne Beschneidung das Siegel der Glaubensgerechtigkeit und treten damit in Abrahams Fußstapfen.

V. 12. Derer, die nicht allein beschnitten sind usw. D. h. welche nicht bloß den Namen der Beschneidung, sondern auch das Wesen derselben haben. Denn die fleischlichen Nachkommen Abrahams, an welche Paulus hier denkt, waren nur zu oft mit der äußeren Zeremonie zufrieden und rühmten sich derselben in falscher Sicherheit. Die Hauptsache, die Nachfolge des Glaubens, durch welchen allein Abraham selig wurde, ließen sie dahinten. Man beachte, wie sorgfältig hier der Apostel zwischen Glaube und Sakrament unterscheidet: nicht bloß will er die Genügsamkeit zerstören, welche dem Sakrament auch ohne Glauben Rechtfertigungskraft zuschreibt -, er will auch einprägen, dass der Glaube völlig für alles ausreicht. Denn wenn Paulus ausspricht, dass auch die Juden, die von der Beschneidung sind, gerechtfertigt werden, so fügt er ausdrücklich hinzu: natürlich nur, wenn sie in Abrahams Nachfolge am Glauben allein festhalten. Dabei ist ausdrücklich von dem Glauben die Rede, welchen Abraham hegte, als er noch nicht beschnitten war. Es muss also doch der Glaube allein gelten und keine Stütze brauchen. Die Gerechtigkeit ruht nicht halb auf dem Glauben und halb auf dem Sakrament. Damit fällt auch der Unterschied, welchen die katholischen Kirchenlehrer zwischen den Sakramenten des Neuen und des Alten Bundes behaupten: die ersteren sollen Rechtfertigungskraft besitzen, die letzteren nicht. Denn wenn der Beweis des Paulus überhaupt recht hat, dass die Gerechtigkeit nicht aus der Beschneidung kommen könne, weil sie dem Abraham durch den Glauben zuteil ward, so gilt der gleiche Grund auch für die Taufe: auch sie kann nicht die Rechtfertigung schenken, welche allein dem Glauben in Abrahams Nachfolge gehört.

13 Denn die Verheißung, dass er sollte sein der Welt Erbe, ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.

V. 13. Der zuvor besprochene Gegensatz von Gesetz und Glaube empfängt jetzt noch schärferen Ausdruck: entlehnt der Glaube keine Gerechtigkeit aus dem Gesetz, so kann er lediglich auf Gottes Gnade schauen. Es handelt sich also auch nicht etwa um den Gegensatz eines geistlich und wahrhaft geheiligten Lebens gegen äußerlichen Zeremoniendienst, sondern die Gerechtigkeit des Glaubens ist das Gegenteil alles eigenen Wirkens. Abraham hat die Verheißung der Erbschaft nicht durch Gehorsam gegen das ins Herz geschriebene Sittengebot verdient -, denn von dem Gesetze des Buchstabens konnte ja vollends noch nicht die Rede sein -, sondern er hat sie und in ihr die Gerechtigkeit im Glauben ergriffen. Der wahre Friede des Gewissens ruht nicht auf Rechtsansprüchen, sondern auf freier Gnade. Ist es aber so, dann gilt das auf Gottes Güte allein begründete Heil den Heiden nicht minder als den Juden.

Dass er sollte sein der Welt Erbe. Warum werden wir, wo doch vom ewigen Heil die Rede ist, jetzt plötzlich auf die Erde zurückgeworfen? Indessen denkt Paulus bei diesem Ausdruck an die völlige, Leib und Geist umfassende Erlösung, welche Christus bringen wird. Die Hauptsache bleibt die Gabe des ewigen Lebens: aber auch der zerrüttete Zustand der ganzen Welt wird verwandelt werden. Auch Hebr. 1, 2 heißt Christus der Erbe aller Güter Gottes, weil der Stand der Kindschaft, in welchen wir durch seine Gnade treten, uns den Besitz des ganzen durch Adam verlorenen Erbes zurückgibt. Und da unter dem Bilde des gelobten Landes dem Abraham nicht bloß das ewige Leben, sondern voller und umfassender Segen Gottes verheißen ward, so kann der Apostel mit Recht sagen, dass er der Welt Erbe sein sollte. Davon genießen die Frommen einen Vorgeschmack in diesem Leben: selbst wenn sie zuweilen Mangel leiden, freuen sie sich der für sie geschaffenen Gottesgaben mit ruhigem Gewissen; gibt ihnen aber Gottes Gnade ein reichlicheres Teil, so nehmen sie dieser Erde Güter als Pfand und Angeld des ewigen Lebens hin. Keine Armut hindert sie, Himmel, Meer und Erde als ihr Eigentum zu betrachten. Mögen die Gottlosen die Reichtümer der Welt förmlich verschlingen -, wirklich zu eigen gehört ihnen nichts. Denn was sie unter dem Fluche Gottes zusammenraffen, ist nur ein Raub. Den Frommen aber bleibt selbst bei einem dürftigen Leben der Trost, dass sie kein unrechtes Gut verzehren; der himmlische Vater gibt ihnen täglich ihr richtiges Teil, bis sie endlich ihr volles Erbe schauen werden, da alle Kreaturen zu ihrer Herrlichkeit dienen müssen.

14 Denn wo die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist abgetan. 15 Sintemal das Gesetz nur Zorn anrichtet; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung.

V. 14. Denn wo die vom Gesetz usw. Wenn unsere Gegner nur auf diesen einen Grund hören wollten, so müssten sie bald nachgeben. Der Apostel setzt als über jeden Zweifel erhaben voraus, dass Gottes Verheißungen nur ihre Kraft beweisen können, wenn wir sie mit gewisser Zuversicht des Herzens ergreifen. Was aber würde geschehen, wenn man die Seligkeit auf den Gehorsam gegen das Gesetz gründete? Die Gewissen würden alle Gewissheit verlieren und würden unter der Qual fortwährender Unruhe endlich in völlige Verzweiflung versinken. So würde die Verheißung samt ihrer Frucht dahinfallen: denn sie wäre an eine unmögliche Bedingung geknüpft. Soll sich der Glaube auf Werke stützen, so ist es aus mit ihm: denn nur auf Gottes Erbarmen kann die Seele ruhen. Daraus lernen wir zugleich, was Glaube ist; er ist mehr als die kalte Überzeugung, dass Gott existiert und sein Wort Wahrheit ist: er ist eine gewisse Zuversicht zu Gottes Erbarmen, aus dem Evangelium geschöpft, welche den Frieden eines guten Gewissens zu Gott und Ruhe der Seele schafft. In Summa: hängt die Seligkeit an der Erfüllung des Gesetzes, so kann das Gemüt niemals darüber stille sein, dass wir selig werden: alle Verheißungen Gottes werden gegenstandslos. So verloren und verkauft sind wir, wenn man uns an Werke bindet. Und wir brauchen doch Gewissheit des Heils.

V. 15. Sintemal das Gesetz nur Zorn anrichtet. Der Satz von der Gerechtigkeit aus Glauben empfängt nun einen Beweis durch die gegenteilige Wirkung des Gesetzes. Denn wenn das Gesetz nur Zorn und Strafe herbeiführt, kann es nicht Gnade bringen. Guten und sündlosen Menschen würde freilich das Gesetz den Weg zum Leben eröffnen: sündigen und schwachen aber zeigt es nur, was sie nicht leisten können, gibt auch keine Kraft, es zu tun, sondern stellt sie als schuldig vor Gottes Richterstuhl. Denn nach der verderbten Art unserer Natur deckt ja ein Unterricht über das, was recht und gut ist, unsere Verkehrtheit und namentlich unsere Widerspenstigkeit nur offensichtlicher auf. So muss Gottes Gericht umso schwerer ausfallen. Unter „Zorn“ verstehen wir nämlich hier, wie an vielen andern Stellen, Gottes Gericht. Zwar denken manche Ausleger an den Zorn des Sünders, welchen die Predigt des Gesetzes erregt: man hasst den Gesetzgeber und flucht ihm, von welchem man hört, dass er unserer Begierde Feind ist. So richtig und fein dieser Gedanke ist, so wenig steht er in unserm Texte. Paulus will nur sagen: das Gesetz kann uns allen nichts als Verdammnis bringen. Dies geht sowohl aus dem Wortlaut, wie aus der Fortsetzung des Gedankens hervor: wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung. Nachdem das Gesetz uns lehrt, was Gottes Gerechtigkeit fordert, wiegt unsere Sünde gegen Gott nur umso schwerer, und wir verlieren jede Entschuldigung. Denn mit Recht greift eine schwerere Strafe Platz, wo man den erkannten Willen Gottes mutwillig verachtet, als wo nur die Unwissenheit sündigt. Unter „Übertretung“ versteht der Apostel dabei nicht jeden Verstoß gegen die Gerechtigkeit, wie er freilich immer und überall zu finden ist, sondern einen freventlichen Ungehorsam, welcher wohl vernommen hat, was Gott gefällt oder missfällt, und dennoch die im Worte Gottes gezogenen Schranken mit Wissen und Willen durchbricht.

16 Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden und die Verheißung festbleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater 17 (wie geschrieben steht: „Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker“) vor Gott, dem er geglaubt hat, der da lebendig macht die Toten und ruft dem, was nicht ist, dass es sei.

V. 16. Derhalben … durch den Glauben. Hier liegt der Abschluss des ganzen Beweises vor, der sich kurz so zusammenfassen lässt: sollte das Heilserbe durch Werke zu uns kommen, so müsste der Glaube daran zusammenstürzen und die Verheißung davon ein Ende haben. Und doch muss Verheißung und Glaube gewiss sein. Also kommt es durch den Glauben zustande, dass die auf Gottes Güte allein gegründete feste Verheißung ihre gewisse Frucht bringt. Siehe, wie der Apostel Glaube und unwandelbare, gewisse Zuversicht untrennbar aneinander knüpft: Zweifel und Ungewissheit ist Unglaube, welcher den Glauben und die Verheißung miteinander umstürzt. Eine „moralische Wahrscheinlichkeit“ begründet noch keinen Glauben.

Auf dass sie sei aus Gnaden. Hier spricht es der Apostel zum ersten Male mit voller Deutlichkeit aus, dass dem Glauben kein anderer Gegenstand vorschwebt, als allein Gottes Gnade. Würde er seinen Blick irgendwie auf die Werke richten, so würde Paulus nicht sagen dürfen, dass er seinen Besitz „aus Gnaden“, umsonst von Gott empfängt. Solange also der Mensch sein Vertrauen auf die Werke setzt, muss er notwendig ungewiss bleiben; denn er beraubt sich ja selbst der Frucht der Verheißungen. Weiter wird an unserer Stelle deutlich, dass unter Gnade hier nicht das Geschenk der Erneuerung verstanden wird, wie manche Ausleger wollen (vgl. zu 3, 21), sondern Gottes Gunst oder freundliche Gesinnung: denn da die Erneuerung niemals vollkommen ist, so reicht sie nicht aus, eine volle Heilsgewissheit zu begründen und uns die Erfüllung der göttlichen Verheißungen zu sichern.

Nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist. „Unter dem Gesetze“ sind nach sonstigem Sprachgebrauch die Fanatiker des Gesetzes, welche dessen Joch besonders schwer machen und darauf ein hochmütiges Selbstvertrauen gründen. Hier aber ist einfach das jüdische Volk gemeint, welchem das Gesetz Gottes anvertraut war. Paulus spricht aber nicht von „Knechten des Gesetzes“, deren Werkeifer etwa Christus den Rücken kehren will, sondern er denkt an Juden, welche, im Gesetz erzogen, sich dann Christus angeschlossen haben. Um ganz deutlich zu sein, wollen wir den Sinn umschreiben: nicht den Juden allein, welche das Gesetz haben, sondern allen Menschen, welche in die Fußstapfen des Glaubens Abrahams treten, auch wenn sie vordem das Gesetz nicht besaßen. Welcher ist unser aller Vater. „Welcher“ will zu verstehen geben: weil er ja usw. Dieselbe Verheißung, welche dem Abraham und seinem Samen das Erbe zusprach, erklärte ja auch die Heiden zu seinen Nachkommen und also Mitgenossen der Gnade.

V. 17. Darum heißt Abraham der Vater nicht bloß eines Volkes, sondern vieler Völker. Dieses Wort deutet auf die künftige Ausbreitung der zuerst auf Israel beschränkten Gnade über die ganze Welt. Der Segen musste zu denen weiter getragen werden, welche Abrahams Nachkommen werden sollten. Wenn es aber heißt: „Ich habe dich gesetzt“ -, so will diese Vergangenheitsform nach einem geläufigen Sprachgebrauch der Schrift ausdrücken, dass Gottes Rat die Verheißung so gewiss erfüllen werde, als wäre es schon geschehen. Sprach aller Augenschein dagegen: Abraham war doch zum Vater vieler Völker gesetzt. Den Spruch aus 1. Mose 17, 5 schließt am besten in Klammern ein; dann sieht man, dass zusammengehören soll: unser aller Vater vor Gott. Die Art der Verwandtschaft bedurfte der Erläuterung. Rühmten sich die Juden allzu hoch der fleischlichen Abstammung, so spricht Paulus demgegenüber von einem Vater „vor Gott“ d. h. einem geistlichen Vater. Denn diese Würde gebührt dem Abraham nicht nach dem Fleisch, sondern nach Gottes Verheißung.

Dem er geglaubt hat, der da lebendig macht die Toten. Diese Umschreibung enthüllt den innersten Kern des Glaubens Abrahams und zeigt zugleich, wie in seiner Nachfolge der Glaube auch zu den Heiden gelangen konnte. Denn zur Erfüllung der Zusage, welche Abraham aus Gottes Mund vernahm, musste wohl ein Weg der Wunder führen, da irgendeine greifbare Anknüpfung dafür nicht vorlag. Samen pflegt man zu erwarten, wo Kraft und Lebensfrische vorhanden ist: Abraham aber war ein abgestorbener Greis. Also musste er seine Gedanken aufwärts auf jene Kraft Gottes richten, welche die Toten lebendig macht. Nun erscheint es nicht mehr verwunderlich, wenn Heiden, trockene und erstorbene Zweige, in Abrahams Gemeinschaft eingepfropft werden. Wer da sagen wollte, ihr totes Wesen mache sie unfähig für die Gnade, der würde dem Abraham eine Schmach antun, dessen Glaube durch den Gedanken erstarkte, dass kein Tod Gott hindert, zum Leben zu rufen: denn seine Macht überwindet den Tod. Hier haben wir überhaupt für unsere Berufung ein Vorbild und Beispiel, welches uns unsere Geburt vor Augen führt, nicht eine Geburt für dieses Leben, sondern für die Hoffnung ewigen Heils: wenn Gott uns ruft, so treten wir erst aus dem Nichts ins Dasein. Denn wir mögen scheinen wie wir wollen: von irgendeiner Güte, die uns das Gottesreich erschließen müsste, besitzen wir keinen Funken. Wir müssen erst uns selbst ganz und gar absterben, ehe wir fähig werden, Gottes Berufung zu folgen. Denn dies ist ihre Bedingung: Tote erweckt Gott zum Leben; die nichts sind, werden etwas durch seine Kraft. – Das Wort rufen darf dabei nicht bloß auf die Predigt des Wortes beschränkt werden, sondern es bezeichnet nach dem Sprachgebrauch der Schrift eine machtvolle Erweckung. So schauen wir Gottes Kraft, welche gebietet, und es steht da.

18 Und er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, auf dass er würde ein Vater vieler Völker, wie denn zu ihm gesagt war: „Also soll dein Same sein.“

V. 18. Er hat geglaubt, da nichts zu hoffen war, d. h. wo kein Beweis für seine Hoffnung sprach, sondern alles dagegen. In der Tat kann man nicht leicht dem Glauben ein größeres Hindernis bereiten, als wenn man seine Gedanken durch den Augenschein leiten lässt, um von daher einen Grund zur Hoffnung zu gewinnen. Wenn der Glaube nicht mit Himmel anstrebendem Fluge emporsteigt und alle fleischlichen Eindrücke weit hinter sich lässt, so wird er stets am Kot der Erde kleben bleiben. Abraham aber glaubte auf Hoffnung, obgleich eine greifbare Unterlage dafür nicht vorhanden war: er stützte seine Hoffnung einfach auf Gottes Zusage; und war die Sache an sich noch so unglaublich, so genügte ihm, um zu hoffen, die bloße Tatsache, dass Gott sein Versprechen gegeben. Wie denn zu ihm gesagt war. So (nicht „ist“) übersetzen wir, um das richtige Zeitverhältnis klar werden zu lassen. Paulus will nämlich sagen, dass Abraham unter vielen Anfechtungen, die ihn zu hoffnungslosem Zweifel treiben wollten, sein Gemüt immer wieder durch den Blick auf die ihm gewordene Zusage wider den Abfall gestärkt habe: „So soll dein Same sein“ – wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer. Absichtlich führt der Apostel dieses Wort Gottes nur unvollständig und andeutend an, um uns selbst in die Heilige Schrift hinein zu weisen. Dies ja bei ihren Schriftzitaten stets ein Hauptanliegen der Apostel, uns zum eifrigen Lesen der Bibel einen Anstoß zu geben.

19 Und er ward nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinen eigenen Leib, welcher schon erstorben war (weil er fast hundertjährig war), auch nicht den erstorbenen Leib der Sara; 20 denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre 21 und wusste aufs allergewisseste, dass, was Gott verheißt, das kann er auch tun. 22 Darum ist´ s ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.

V. 19. Und er ward nicht usw. Man könnte auch mit einer einzigen Negation übersetzen: und er sah nicht, schwach im Glauben, seinen eigenen Leib an. Doch das trägt für den Sinn wenig aus. In jedem Fall zeigt der Apostel hier genauer, was dem Abraham den Glauben an die Verheißung erschweren, ja völlig unmöglich machen konnte. Es wurde ihm Nachkommenschaft von der Sara verheißen: und doch schien es weder seiner Natur nach gegeben, zu zeugen, noch der Sara, zu empfangen. Was er nur in und um sich zu sehen vermochte, sprach gegen die Verheißung. Um aber der göttlichen Wahrheit Raum zu geben, lenkte er seine Seele von allem ab, was vor Augen lag, und vergaß gewissermaßen sich selbst. Freilich muss man nicht denken, dass er seinen entkräfteten Leib überhaupt nicht angesehen habe. Vielmehr bezeugt die Schrift das Gegenteil, dass nämlich Abraham bei sich gedacht habe (1. Mose 17, 17): „Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren werden, und Sara, neunzig Jahre alt, gebären?“ Aber weil er solche Fragen beiseite schob und seinen ganzen Sinn von den eigenen Gedanken hinweg auf Gott richtete, darum kann der Apostel sagen: „Er sah nicht an.“ Und ohne Zweifel war Abrahams Glaubenszuversicht kräftiger, da sie Dinge niederschlagen musste, die sich förmlich aufdrängten, als wenn ihm dergleichen gar nicht in den Sinn gekommen wäre. – Wenn es heißt: „Er ward nicht schwach im Glauben“, so besagt dies, er sei nichts ins Wanken und Schwanken gekommen, wie dies in zweifelhafter Lage zu geschehen pflegt. Denn es gibt eine doppelte Schwachheit des Glaubens. Die eine lässt uns in widrigen Versuchungen erliegen und aus der Kraft Gottes fallen. Die andere, welche freilich unserer Unvollkommenheit entspringt, tötet doch den Glauben selbst nicht. Denn allerdings sind unsere Gedanken nie so erleuchtet, dass nicht viel Unwissenheit noch bliebe, noch unser Gemüt so gefestigt, dass nicht noch viele Zweifel auftauchten. Gegen solche Fehler des Fleisches, Unwissenheit und Zweifel, ist den Gläubigen ein Kampf verordnet, in welchem der Glaube oft schwere Angriffe leiden muss: aber endlich gewinnt er den Sieg. So sind die Gläubigen in aller ihrer Schwachheit stark.

V. 20. Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben. Ganz genau übersetzt: er kämpfte nicht wider Gottes Verheißung mit zweifelndem Unglauben. Der Apostel will sagen: Abraham prüfte und erwog nicht ungläubigen Sinnes, ob Gott wohl leisten könne, was er versprach. Etwas ungläubig bis auf den Grund untersuchen und es durchaus nur zulassen wollen, wenn gar keine Bedenken sich mehr erheben -, das heißt mit Zweifeln dagegen ankämpfen. Freilich hat Abraham gefragt, wie solches möglich sei. Aber das war eine Frage der Verwunderung, wie sie auch die Jungfrau Maria bei ihrer Heimsuchung gegen den Engel tat (Luk. 1, 34): „Wie soll das zugehen?“ Wenn die Heiligen Botschaft von Werken Gottes empfangen, deren Größe ihr Begreifen übersteigt, so bricht zwar die Verwunderung aus, aber diese Verwunderung steigt alsbald zum Anschauen der Kraft Gottes auf. Die Ungläubigen aber führt ihr Forschen zu Spott und Verachtung. So war es bei den Juden mit ihrer Frage (Joh. 6, 52): „Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?“ Es kommt alles auf den Ton solcher Frage an: Abraham erfuhr keinen Tadel, als er lachte und die Frage tat, wie einem hundertjährigen Manne und einer neunzigjährigen Frau ein Sohn sollte geboren werden (1. Mose 17, 17). Denn mitten in seinem Staunen gab er der Macht des Wortes Gottes Raum. Wenn aber Sara lacht und fragt (1. Mose 18, 12), wird sie getadelt, weil sie der Zusage Gottes spottete und sie für nichtig hielt. – Diese Erinnerung an Abrahams Glauben zeigt, dass er denselben Weg zur Rechtfertigung ging, wie er jetzt den Heiden eröffnet ist. Die Juden schmähen also ihren eigenen Stammvater, wenn sie die Berufung der Heiden als töricht ausschreien. Auch wir wollen bedenken, dass wir uns ganz in Abrahams Lage befinden. Alles ringsherum widerstreitet der Verheißung Gottes. Es wird Unsterblichkeit zugesagt: wir aber stecken in der Sterblichkeit und Verderben. Gott will uns für gerecht ansehen: aber wir sind mit Sünden bedeckt. Er bezeugt, dass er uns günstig und wohlgesinnt sein wolle: aber unsere innere Stimme droht vielmehr mit seinem Zorn. Was sollen wir nun tun? Nichts, als an uns und allem, was wir sind, mit geschlossenen Augen vorübergehen und uns nicht stören und hindern lassen, Gott für wahrhaftig zu halten.

Sondern ward stark im Glauben. Dies ist der Gegensatz zu der soeben gehörten Aussage: „Er ward nicht schwach im Glauben.“ Denn mit der Kraft und Gewissheit des Glaubens kämpfte er den Unglauben nieder. Und niemand wird diesen Kampf siegreich zu Ende führen, wenn er nicht aus Gottes Wort Waffen und Kraft entlehnt. Wenn es weiter heißt: und gab Gott die Ehre -, so wollen wir daraus entnehmen, dass man Gott keine größere Ehre antun kann, als wenn man im Glauben das Siegel unter seine Wahrheit drückt. Und wiederum kann man ihm keine größere Schande anhängen, als wenn man seine Gnade verachtet und seinem Worte die Glaubwürdigkeit abspricht. Das erste Stück rechter Verehrung Gottes ist gehorsame Annahme seiner Verheißungen, und die wahre Frömmigkeit bewegt sich im Glauben.

V. 21. Was Gott verheißt, das kann er auch tun. Weil jeder Mensch an Gottes Allmacht zu glauben behauptet, so scheint Paulus hier über Abrahams Glauben gar nichts Besonderes zu sagen. Und doch zeigt die Erfahrung, wie nichts seltener und schwerer ist, als dass ein Mensch der Kraft Gottes die gebührende Ehre gebe. Denn kein Hindernis ist so winzig und gering -, und das Fleisch glaubt schon, dass Gott die Hand von seinem Werke lassen müsse. So zerfließen uns bei dem geringsten Anstoß Gottes Verheißungen in nichts. Theoretisch bestreitet niemand, dass Gott tun kann, was er will: aber sobald irgendeine Kleinigkeit den Verheißungen Gottes in den Weg zu treten scheint, stürzen wir Gottes Kraft vom Thron. Damit wir nun dem Herrn im entscheidenden Augenblick sein Recht und seine Ehre lassen, müssen wir uns gegenwärtig halten, dass er stark ist, allen Widerspruch der Welt zu überwinden, wie die Sonne den Nebel zerstreut. Wir entschuldigen uns in der Regel damit, dass ja unsere Zweifelsgedanken nicht absichtlich Gott die Ehre nehmen und etwa freventlich anhängen wollen, dass sein Wort mehr verspricht, als er leisten kann und will -, sondern wie seien nur schwach. Aber wir sollen der Kraft Gottes auch kühnlich zutrauen, dass sie unsere Schwachheit überwinden kann. Der Glaube soll nicht auf seine Kraftlosigkeit, Elend und Mangel schauen, sondern auf Gottes Kraft allein. Wollte er sich auf unsere Gerechtigkeit und Würdigkeit stützen, so würde er niemals zur Betrachtung von Gottes Macht aufsteigen. Das ist aber die eigentliche Art des Unglaubens, dass er Gottes Vermögen nach unserm eigenen Maße misst. Der wahre Glaube aber hegt nicht bloß den leeren Gedanken: Gott kann tun, was er will -, aber vielleicht sitzt er müßig im Winkel. Er schaut Gottes Kraft in stetigem Wirken und sieht sie am Werke, sein Wort zu vollführen, dass seine Hand tue, was der Mund versprochen hat.

V. 22. Darum ist´ s ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet. Hier sieht man deutlich, warum und wie Abrahams Glaube die Gerechtigkeit erlangt hat: weil er, auf Gottes Wort gestützt, die verheißene Gnade nicht zurückstieß. Diesen Zusammenhang des Glaubens mit dem Worte müssen wir wohl beachten und fest im Gedächtnis halten. Denn der Glaube kann uns nicht mehr geben, als er aus dem Worte nimmt. Deshalb wird nicht ohne weiteres gerecht sein, wer lediglich auf Grund einer allgemeinen und ungefähren Kenntnis Gott für wahrhaftig hält, sondern nur wer auf die Verheißung der Gnade sich gründet.

23 Das ist aber nicht geschrieben allein um seinetwillen, dass es ihm zugerechnet ist, 24 sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern Herrn Jesu auferweckt hat von den Toten, 25 welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt.

V. 23. Das ist aber nicht geschrieben usw. Diese Erinnerung leitet uns an, aus den Exempeln der Schrift rechten Nutzen zu ziehen. Dass die Geschichte die Lehrmeisterin des Lebens sei, haben schon die Heiden mit Recht gesagt -, aber wie sie ihre Geschichte erzählen, das wird niemandem viel helfen. Die Schrift allein behauptet die Stelle der rechten Lehrmeisterin. Denn sie zeigt uns die allgemeinen Regeln, nach welchen jede Geschichte behandelt sein will, wenn sie wahren Nutzen schaffen soll. Sie unterscheidet auch klar, was zur Nachahmung und was zur Abschreckung dienen soll. Und endlich kennt die Schrift eine unvergleichliche, alles beherrschende Grundlehre: sie enthüllt die Vorsehung des Herrn, welche für die Seinen Gerechtigkeit und Güte, für die Verworfenen aber Gericht bedeutet. Was nun von Abraham geschrieben steht, davon sagt Paulus, dass es nicht allein um seinetwillen geschrieben sei. Denn es handelt nicht von der zufälligen Berufung einer einzelnen Persönlichkeit, sondern will das Vorbild für den Erwerb der Gerechtigkeit beschreiben, der immer und überall derselbe ist. So sollen aller Augen auf den Vater der Gläubigen sich richten. Wollen wir überhaupt mit der heiligen Geschichte einen gesunden und frommen Umgang pflegen, so gilt es, in ihr die Frucht einer gewissen Lehre zu finden. Die heilige Geschichte unterweist uns nun, unser Leben recht zu gestalten, unsern Glauben zu stärken und tiefere Gottesfurcht zu erwecken. Zur rechten Lebensgestaltung dient das Vorbild der Heiligen, welches uns Nüchternheit, Zucht, Liebe, Geduld, Bescheidenheit, Verachtung der Welt und andere Tugenden lehrt. Eine Stütze des Glaubens wird uns der Anblick der göttlichen Hilfe gewähren, welche den Heiligen stets gegenwärtig war. Trost in Widerwärtigkeiten wird es uns bringen, wenn wir Gottes Schutz väterlich über den Seinen walten sehen. Die Gerichte und Strafen Gottes über freventliche Sünder werden uns lehren, Gott zu fürchten und in frommer Scheu unser Herz ihm zu unterwerfen. – Wenn es aber heißt: „Nicht allein um seinetwillen“, so könnte darin vielleicht liegen, dass, was dort in der Schrift steht, teilweise allerdings auch um Abrahams willen geschrieben ward. So müsste man sagen: ihm zum Ruhme steht verzeichnet, was er durch Glauben erreichte; denn Gott will seinen Knechten ein ewiges Gedächtnis stiften, wie Salomo sagt (Spr. 10, 7): „Das Gedächtnis des Gerechten bleibt im Segen.“ Richtiger wird es doch sein, einfach zu sagen: was die Schrift berichtet, betrifft gar nicht Abraham allein, dessen eigenartige und hervorragende Stellung vielleicht ein sehr unpassendes Beispiel abgeben möchte, sondern beschreibt den allgemeinen Weg, welchen auch wir gehen müssen, um die Rechtfertigung zu empfangen.

V. 24. So wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat. Über die Bedeutung derartiger Umschreibungen des Glaubens haben wir früher bereits (zu 4, 5) eine Bemerkung gemacht: Paulus will damit je nach Erfordernis des Gedankenganges den Gegenstand des Glaubens in verschiedener Weise ausdrücken. Dazu gehört als ein wesentliches Stück auch Christi Auferstehung, welche uns zur greifbaren Vergegenwärtigung des ewigen Lebens wird. Hätte der Apostel einfach gesagt, dass wir an Gott glauben, so wäre nicht so deutlich geworden, was denn dies für den Erwerb der Gerechtigkeit austrägt. Tritt aber Christus auf den Plan und gibt uns in seiner Auferstehung ein gewisses Pfand des Lebens, so sehen wir klar, aus welchem Quell die Zurechnung der Gerechtigkeit fließt.

V. 25. Welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben. Diese schon früher (zu 3, 25) berührte Lehre verfolgt und erläutert der Apostel nunmehr des Weiteren. Denn es ist viel daran gelegen, nicht bloß im Allgemeinen den Blick auf Christus zu richten, sondern auch zu wissen, wieso er uns das Heil erworben hat. Bleibt nun die Schrift, wenn sie sonst von diesen Dingen redet, gewöhnlich allein bei Christi Tod stehen, so führt uns der Apostel hier weiter. Er verzeichnet zwei Stücke, auf welchen unser Heil ruht. Zuerst sagt er, dass der Tod Christi unsere Sünden gesühnt, dann, dass seine Auferstehung Gerechtigkeit beschafft habe. Insgesamt ergibt sich daraus, dass, wenn man die Frucht des Todes und der Auferstehung Christi zusammennimmt, nichts an der völligen Beschaffung der Gerechtigkeit fehlt. Wenn aber der Apostel Tod und Auferstehung auseinander zu reißen scheint, so liegt dies nur daran, dass seine Rede unserm schwachen Verständnis entgegenkommt. Denn überall sonst steht ja die Wahrheit fest, die auch das nächste Kapitel vorträgt (5, 9.18.19), dass der Gehorsam, welchen Christus in seinem Tode leistete, uns die Gerechtigkeit erwarb. Weil aber erst die Auferstehung offenbar machte, was der Tod erworben, so wird, um die Sache klarzumachen, auch die Unterscheidung nötig: das Opfer, welches die Sünden sühnte, hat den Anfang, die Auferstehung aber erst die Vollendung des Heils begründet. Denn die Grundlage der Gerechtigkeit ist unsere Versöhnung mit Gott, ihre Krone die Herrschaft des Lebens über den Tod. Paulus lehrt also, dass die Genugtuung für unsere Sünden am Kreuze geleistet ward. Denn wenn Christus uns unter die Gnade des Vaters bringen sollte, so musste er zuerst unsere Verschuldung beseitigen; und dies vermochte er nur dadurch, dass er die Strafe, die wir nicht zahlen konnten, an unserer Statt entrichtete. Denn Jesaja (53, 5) sagt: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ „Dahingegeben“ aber sagt der Apostel lieber als „gestorben“, um anzudeuten, dass die Sühne an dem ewigen Gnadenrat des Gottes hing, der sie selbst gestiftet hat.

Um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt. Es wäre nicht genug gewesen, dass Christus sich dem Zorn und Gericht Gottes dargestellt und unsern Sündenfluch getragen hätte: er musste auch als Sieger aus dem Tode kommen, zur himmlischen Herrlichkeit erhöht werden und dort vor dem Angesichte des Vaters unser Fürsprecher sein. Darum heißt es, dass die Auferstehung, welche den Tod verschlungen, die Kraft zur Rechtfertigung birgt. Nicht als ob das Kreuzesopfer, welches die Versöhnung mit Gott gestiftet hat, nichts zu unserer Gerechtigkeit beitrüge: aber in dem neuen Leben leuchtet die Vollendung dieser Gnade noch heller. Übrigens kann ich nicht zustimmen, wenn man dieses zweite Satzglied auf die Lebenserneuerung bezieht. Denn erstens ist die Rede des Apostels bei dieser Frage noch nicht angelangt, und zweitens kann unmöglich das zweite Glied von etwas ganz anderem handeln, als das erste. Wie also der Apostel sagt, Christus sei um unsrer Sünden willen gestorben -, weil er uns durch die Zahlung der Sündenschuld in seinem Tode von dem Elend des Todes erlöst hat: ganz ebenso spricht er aus, er sei auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen, weil seine Auferstehung der gewisse Grund unseres Lebens ward. Zuerst hat Gottes Hand ihn geschlagen, damit er an des Sünders Statt das Sündenelend trüge; darauf ward er in das Reich des Lebens erhoben, um den Seinen Gerechtigkeit und Leben auszuteilen. Der Apostel redet also noch immer von der zugerechneten Gerechtigkeit, wie auch alsbald das nächste Kapitel zeigt.

Kapitel 5

1 Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus, 2 durch welchen wir auch den Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll.

V. 1. Nun wir denn sind gerecht geworden usw. Der Apostel beginnt nun, die Gerechtigkeit, die er bisher beschrieben, um ihrer Früchte willen noch höher zu rühmen. In solchen weiteren Ausführungen, welche doch zugleich noch manches für den eigentlichen Beweis beibringen, ergeht sich dieses ganze Kapitel. Hatte der Apostel vorher ausgesprochen, dass der Glaube dahinfalle, wenn man die Gerechtigkeit in den Werken sucht, weil die Seele, die in sich selbst keinen festen Grund findet, in ewiger Unruhe sich verzehren muss -, so heißt es jetzt umgekehrt: sind wir durch den Glauben gerecht geworden, so haben wir Frieden mit Gott. Unvergleichliche Frucht der Glaubensgerechtigkeit! Wollte jemand die Ruhe des Gewissens auf Werke gründen -, wie dies Leute zu tun pflegen, welchen wahre Frömmigkeit und seines Empfinden abgeht -, der würde einem Luftgebilde nachjagen. Denn das Herz vergisst entweder das göttliche Gericht und wird gleichgültig darüber, oder es ist voller Furcht und Schrecken, bis es in Christus seine Ruhe findet. Denn er allein ist unser Friede. „Friede“ heißt die heitere Ruhe des Gewissens, welche aus der Gewissheit erwächst, dass wir einen versöhnten Gott haben. Solchen Frieden besitzt weder der Pharisäer, welchen das Vertrauen auf seine Werke aufbläht, noch der gleichgültige Sünder, welcher im süßen Genusse des Lasters keiner Unruhe Raum gibt. Beide scheinen freilich nicht in offenem Kriege mit Gott zu leben, wie ein Mensch, an welchem das Bewusstsein seiner Sünde nagt. Frieden mit Gott haben sie auch sicher nicht, weil sie ja dem richtenden Gott nicht nahe kommen dürfen. Die Gleichgültigkeit ihres Gewissens ist eine Art Flucht vor Gott. So stellt der Apostel den Frieden mit Gott im Gegensatz zur trunkenen fleischlichen Sicherheit. Denn das erste Erfordernis bleibt, dass ein jeder dazu erweckt werde, von seinem Leben Rechenschaft zu geben. Keiner aber wird ohne Zittern vor Gott treten, wenn er nicht auf die Versöhnung aus freier Gnade trauen darf. Solange Gott als Richter dasteht, muss alles Fleisch ihn scheuen und fürchten.

V. 2. Durch welchen wir auch den Zugang haben usw. Denn unsere Versöhnung mit Gott stützt sich auf Christus. Er ist der einige geliebte Sohn, wir alle sind von Natur Kinder des Zorns. – Solche Gnade wird uns durch das Evangelium geschenkt, welches als eine Predigt von der Versöhnung uns in Gottes Reich einführt. Redet der Apostel von „Zugang“, so lehrt er damit, dass unser Heil in Christus seinen Anfang nimmt: damit fallen alle selbst erwählten Vorbereitungen, mit welchen törichte Menschen das Erbarmen Gottes unterbauen zu können meinen. Es ist, als hieße es: Christus begegnet uns ohne Verdienst, welches wir zuvor erwerben, und streckt uns seine Hand entgegen. Alsbald aber fährt die Rede fort: dass unser Heil fest und beständig bleibt, ruht auf der Fortsetzung derselben Gnade; also auch die Gabe der Beständigkeit danken wir nicht unserer Kraft und Treue, sondern dem Herrn Jesus Christus. Der Ausdruck, darin wir stehen, zeigt dabei zugleich an, wie tiefe Wurzeln das Evangelium in den Herzen der Gläubigen schlagen muss, damit sie, in seiner Wahrheit gefestigt, wider alle Anläufe des Teufels und ihres eigenen Fleisches feststehen können. Das Wort lehrt uns, dass der Glaube mehr sein muss als eine flüchtige Tagesmeinung: fest und tief muss er im Gemüte sitzen, damit er ein Leben hindurch aushalte. Nicht der, den ein stürmischer und plötzlicher Antrieb zum Glauben bewegt, zählt schon unter die wahrhaft Gläubigen, sondern nur der, der treulich und festen Fußes auf dem von Gott angewiesenen Posten aushält und dabei stetig an Christus hängt.

Und rühmen uns der Hoffnung usw. Das gibt der Hoffnung auf das ewige Leben Kraft und frohe Spannung, dass wir auf dem festen Fundament der Gnade Gottes feststehen dürfen. Sind die Gläubigen auch auf Erden Fremdlinge und Pilgrime, so steigt ihre Zuversicht doch über alle Himmel empor, und sie bergen das zukünftige Erbe getrost in sich. Damit fallen zwei der verderblichsten Lehrsätze der römischen Kirchenlehrer: der eine, dass die Christen höchstens eine ungefähre „moralische Wahrscheinlichkeit“ bezüglich ihres Gnadenstandes gewinnen dürften; der andere, dass keiner wissen könne, ob er endlich selig werde. Aber wenn wir für die Gegenwart nichts Sicheres wissen und für die Zukunft nichts Gewisses hoffen dürfen -, wer sollte dann noch wagen, sich der Hoffnung zu rühmen? Durchs Evangelium aber strahlt uns der Glanz der zukünftigen Herrlichkeit entgegen, die Gott geben will. Denn es bezeugt uns, dass wir teilhaftig werden der göttlichen Natur, dass wir Gott sehen werden von Angesicht zu Angesicht, und werden ihm gleich sein.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt; 4 Geduld aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung; 5 Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.

V. 3. Nicht allein aber das. Leicht könnte der spöttische Einwurf erhoben werden: die Christen erführen doch trotz ihres Rühmens mannigfachen Jammer und Kampf, und das sei eine sonderbare Glückseligkeit. Deshalb kommt der Apostel diesem Einwand zuvor und spricht es zuversichtlich aus, dass Trübsal das Glück der Frommen nicht stören kann, sondern nur ihr Rühmen vermehren muss. Zum Beweise dessen dienen die Früchte, welche die Trübsal bei den Frommen zeitigt. Stufe für Stufe steigt die Rede empor, bis sie endlich auf der Höhe den Schluss verkündet, dass alle Anfechtung sich uns in Heil und Segen wandeln muss. Dass aber die Heiligen sich der Trübsale rühmen, will nicht so verstanden sein, als wenn sie widrige Geschicke nicht fürchteten und nicht lieber vermeiden möchten, oder als ob keine Last sie wirklich drückte: denn wenn sie die Bitterkeit überhaupt nicht fühlten, könnte keine Geduld daraus erwachsen. Aber in allem Schmerz und Seufzen fehlt ihnen nicht der große Trost, dass alles, was sie tragen, ihnen die Hand des gütigsten Vaters zum Besten auferlegt; deshalb heißt es mit Recht: sie rühmen sich. Denn wo ein Fortschritt des Heils ist, fehlt nie der Anlass zum Rühmen. Hier lernen wir, was das Ende unserer Versuchungen sein muss, wenn anders wir uns als Kinder Gottes beweisen wollen. Sie müssen uns zur Geduld erziehen, und wenn sie das nicht erreichen, so hat unserer Verkehrtheit Gottes Werk um seinen Erfolg und Segen gebracht. Dem widerspricht nicht, dass die Schrift manche verzweiflungsvolle Klagen der Heiligen enthält. Denn zuweilen und für Zeiten drängt und presst Gott die Seinen also, dass sie kaum aufatmen können und des Trostes vergessen: aber alsbald führt er ins Leben zurück, die er zuvor in des Todes Dunkel versenkt. So wird allezeit erfüllt, was Paulus sagt (2. Kor. 4, 8): „ Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“

Dass Trübsal Geduld bringt. Dies kommt freilich nicht aus der Natur der Trübsal, welche vielmehr den größeren Teil der Menschen dazu reizt, Gott zu widersprechen und sogar zu fluchen. Wenn aber die Widerspenstigkeit in jene innere Folgsamkeit sich wandelt, welche der Geist Gottes samt seinem Troste uns ins Herz gibt, dann werden dieselben Trübsale, welche bei den Widerspenstigen nichts als Groll und Zähneknirschen erzielen, für die Frommen Mittel, Geduld zu wirken.

V. 4. Geduld aber bringt Erfahrung. Paulus denkt an die Erfahrung von der Zuverlässigkeit der göttlichen Fürsorge, welche die Gläubigen machen, wenn sie im Vertrauen auf Gott alle Schwierigkeiten überwinden. Denn wenn sie in der Geduld fest bleiben, erfahren sie, wie viel Gottes Kraft vermag, deren Beistand der Herr den Seinen für alle Zeit verheißen hat. Der Segen solcher Erfahrung ist, dass wir festhalten: Gott trägt uns, wenn wir dulden müssen. So schöpfen wir für die Folgezeit die Hoffnung, dass die bisher erfahrene gnädige Durchhilfe uns niemals fehlen wird. Also: Erfahrung bringt Hoffnung. Diesen Segen verliert nur die Undankbarkeit, welche die erfahrenen Wohltaten vergisst und damit den Grund zu künftiger Hoffnung zerstört.

V. 5. Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden. D. h. sie führt aufs

allergewisseste zu einem fröhlichen Ende. Gott übt uns also nur deshalb in Widerwärtigkeiten, um unser Heil von einer dieser Stufen zur andern (Geduld – Erfahrung …) zu fördern. Das Elend kann uns nicht elend machen, denn es ist in seinem Maße ein Mittel zur Seligkeit. Nun ist bewiesen, was der Apostel sagte, dass die Frommen mitten in der Anfechtung immer einen Grund zum Rühmen haben.

Denn die Liebe Gottes usw. Diese Aussage bezieht sich nicht bloß auf den letzten Satz, sondern auf die ganze bisherige Gedankenreihe: deshalb muss Trübsal in uns Geduld wirken und Geduld eine Erfahrung der Hilfe Gottes schaffen, die uns zu weiterer Hoffnung

ermutigt -, weil wir bei allem Druck und selbst angesichts des Todes noch das Gefühl der Güte Gottes festhalten, welche der beste Trost ist, besser als alles äußere Glück. Ist Gott wider uns, so wandelt sich in Elend, was Glück scheint. Ist aber Gott für uns, so ist kein Zweifel, dass selbst das Unglück einen guten und fröhlichen Ausgang gewinnen muss. Denn alles steht dem Willen des Schöpfers zu Dienst: und seine väterliche Güte wird alle Anfechtung des Kreuzes zum Besten wenden (Röm. 8, 28). Diese Gewissheit von der göttlichen Liebe gegen uns ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist. Welche Güter Gott denen bereitet hat, die ihn recht anbeten, ist vor den Augen, Ohren und Gedanken der Menschen verborgen: der Geist allein kann es offenbar machen. Mit herrlichem Nachdruck sagt der Apostel „ausgegossen“. Denn die überreiche Offenbarung der Liebe Gottes durchflutet unser ganzes Herz. Sie durchdringt jeden Winkel und mildert nicht allein die Traurigkeit: sie mischt sich wie eine milde Würze allen Anfechtungen bei und verleiht ihnen Wohlgeschmack. „Liebe Gottes“ ist also hier Gottes Liebe zu uns, nicht etwa unsere Liebe zu Gott. Gewiss ist es auch richtig, dass wir das Unglück geduldig und hoffnungsvoll nur tragen können, wenn der Trieb des Geistes uns in der Liebe zu Gott erhält. Hier aber will Paulus sagen: fester Glaube an Gottes Liebe ist der einzige Quell unserer Liebe zu ihm. Und solcher Glaube muss uns nicht bloß flüchtig berühren: er muss unsere Herzen völlig durchdringen.

6 Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben. 7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen dürfte vielleicht jemand sterben. 8 Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. 9 So werden wir ja vielmehr durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.

V. 6. Denn auch Christus usw. Der Apostel will sagen: zu einer Zeit, da wir noch schwach waren, ist Christus bereits für und gestorben. Unter Schwachheit versteht er dabei unsere Unwürdigkeit, die uns nicht wert macht, dass Gott sein Auge auf uns richte. Es ist also nicht bloß im Allgemeinen von der Weltzeit vor Christi Erscheinung die Rede, da die Menschen schwachen Kindern gleich, unter der Zucht des Gesetzes standen; vielmehr zielt die Rede auf die Erfahrung jedes einzelnen von uns: die Zeit der Schwachheit ist die, welche vor eines jeden Versöhnung mit Gott liegt. Denn da wir alle als Kinder des Zorns geboren werden, so stehen wir unter dem Fluch, bis uns Christus zu seinen Gliedern macht. „Schwache“ sind dieselben Leute, welche sofort darauf „Gottlose“ heißen: sie tragen in sich nichts als Verderben, und der Abschied von der Gottlosigkeit erfolgt erst durch den Glauben, der ja allen fern lag, für welche Christus starb. Auch sonst heißt im Sprachgebrauch des Paulus „schwach“, was keine Würde und Ehre besitzt (1. Kor. 12, 22; 2. Kor. 10, 10). Als wir also noch „schwach waren“, d. h. als wir gänzlich unwürdig und ungeeignet waren und den Anblick Gottes wahrhaftig nicht verdienten – da ist Christus „für uns Gottlose gestorben“. Denn die Gottesfurcht beginnt mit dem Glauben – und den hatte keiner, für den Christus starb. Das gilt auch für die Väter des Alten Bundes, die vor Christi Tod die Gerechtigkeit erlangt haben. Denn sie hatten diese Gnadengabe aus Christi damals zukünftigen Sterben! – Die im Eifer der Rede etwas ausgerenkte Beweisführung des Apostels steigt nun gewissermaßen vom Größeren zum Geringeren hinab und nimmt (V. 7 – 10) folgenden Gang: hat sich Christus der Gottlosen erbarmt, hat er Feinde mit seinem Vater versöhnt, und hat er dies getan durch die Kraft seines Todes -, so wird er jetzt viel mehr selig machen, die gerecht gesprochen werden, wird in seiner Gnade bewahren, die er in dieselbe aufnahm, zumal ja zu seinem Tode jetzt die Kraft seines Lebens kommt.

V. 7. Um eines Gerechten willen. Unter Menschen ist es, wenn nicht völlig ausgeschlossen, so doch äußerst selten, dass jemand einem Gerechten zugute den Tod auf sich nimmt. Mag dies aber immerhin vorkommen: - für einen Gottlosen wird sicher niemand sterben wollen. Das tat nur Christus. So zeigt dieser Vergleich die ganze Herrlichkeit der unter Menschen unerhörten Wohltat Christi.

V. 8. Darum preist Gott seine Liebe gegen uns. Dass Gott seines Sohnes nicht verschont, sondern ihn für Sünder dahingegeben hat, ist der festeste und gewisseste Beweis seiner Liebe zu uns. Wie Johannes sagt (1. Joh. 4, 9–12): Daran sei Gottes Liebe erschienen, dass er uns zuerst geliebt hat, ehe wir ihn liebten. Da wir noch Sünder waren. „Sünder“ sind hier, wie auch sonst, Leute von völliger Sündhaftigkeit, verworfene Sündenknechte, von denen es Joh. 9, 31 heißt: „Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht hört.“ Ein „sündiges“ Weib ist ein Weib von schmutzigem Lebenswandel. Was der Apostel meint, macht alsbald der Gegensatz klar (V. 9): Nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind. „Gerecht“ ist der Mensch, welchem die Schuld der Sünde erlassen ward. Im Gegensatz dazu ist ein „Sünder“, wer die Vermaledeiung für seine Sünde zu tragen hat. Und der Gedanke ist: wenn Christus Sündern durch seinen Tod Gerechtigkeit erworben hat, wie viel mehr wird er jetzt Gerechtgesprochene vor dem Verderben schützen! Damit empfängt der Beweisgang des Apostels seine Abschluss: dass uns einmal Heil geschenkt ward, würde nichts helfen, wenn Christus uns nicht bis zu einem gewissen und seligen Ende führte. Nun aber brauchen wir nicht zu fürchten, dass der Herr sein angefangenes Gnadenwerk abbreche. Denn seit er uns mit dem Vater versöhnt hat, stehen wir in einem Stande, über welchen er seine Gnade nun täglich reichlicher ausschütten will.

10 Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.

Dieser Satz bewegt sich noch in der Spur des bisherigen Gedankenganges: nur fügt er einen steigernden Vergleich zwischen Tod und Leben hinzu. Wir waren, so sagt der Apostel, noch Feinde, als Christus sich ins Mittel legte, die Versöhnung mit dem Vater zu stiften. Jetzt sind wir Freunde geworden durch die Versöhnung. Konnte der Tod solches vollbringen, wie viel größer und wirksamer wird die Kraft des Lebens sein! Hier liegt ein fester Grund für die Gewissheit unseres Heils.

11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.

Jetzt ist der höchste Grad des Rühmens erreicht. Denn wenn wir rühmen dürfen, dass Gott unser ist, so wird aus diesem Quell alles Gute fließen, das sich nur erdenken lässt. Gott ist ja nicht allein das höchste Gut, er ist auch der Inbegriff aller Güter. Und er ist durch Christus unser geworden. Dahin bringt uns also des Glaubens Herrlichkeit, dass nichts zu unserm Glücke fehlen kann. In dieser Weise immer wieder die Kraft der Versöhnung zu rühmen, hat der Apostel guten Anlass. Wir sollen lernen, wenn es um unser Heil geht, das Auge fest auf Christi Tod zu richten. Weiter sollen wir erfahren, dass der Glaube nirgends anders ausruhen kann, als auf der Versöhnung der Sünden.

12 Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben; - 13 denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz; aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht. 14 Doch herrschte der Tod von Adam an bis auf Mose auch über die, die nicht gesündigt haben mit gleicher Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild des, der zukünftig war.

V. 12. Derhalben, wie usw. Jetzt schickt sich der Apostel an, die bisher vorgetragene Lehre dadurch in ein noch helleres Licht zu rücken, dass er ihr ihren Gegensatz gegenüberstellt. Ist Christus gekommen, um uns aus dem Elend zu erlösen, in welches Adam sich und alle seine Nachkommen gestürzt hatte, so können wir ja, was wir an Christus haben, nicht besser erkennen, als wenn uns gezeigt wird, was wir in Adam verloren haben. Freilich entsprechen sich nicht alle Stücke im Stande des Verderbens und im Stande der Erlösung völlig. Deshalb werden wir mit Paulus auch manchen Unterschied anzumerken haben. Einigermaßen undeutlich wird die Rede dadurch, dass das zweite Glied des angelegten Vergleichs abgebrochen erscheint. Unsere Auslegung wird den Gedankengang gegebenen Orts zu glätten suchen.

Durch einen Menschen usw. Beachtenswert ist hier die Reihenfolge der Stücke: die Sünde geht voran, und aus ihr folgt der Tod. Dies gilt es zu betonen. Es ist ja nicht so, dass Adams Sünde uns ohne jede eigene Schuld lediglich deshalb ins Verderben stürzte, weil er gewissermaßen an unserer Statt gesündigt hätte. Denn Paulus sagt ausdrücklich, der Tod sei zu allen Menschen hindurch gedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben. „Sündigen“ heißt hier: Verderben und Schlechtigkeit an sich tragen. Denn jene natürliche Verkehrtheit, die uns von Mutterleibe her anhaftet, ist vor Gott Sünde und verdient seine Strafe, wenn auch ihre Früchte nicht sofort sichtbar werden. Es handelt sich also um die so genannte Erbsünde. Als Adam geschaffen ward, schenkte Gott ihm die Gaben seiner Gnade für ihn und seine Nachkommen; als er vom Herrn abfiel, hat er in der seinigen auch unsere Natur in Verderben, Schlechtigkeit und Verkehrtheit hinab gezogen. Losgelöst von Gottes Ebenbilde konnte er nur eine Nachkommenschaft erzeugen, die ihm auch in diesem Stücke ähnlich war. Wir haben also alle gesündigt, weil wir alle in dem Verderben der Natur stecken und deshalb schlecht und untüchtig sind. Denn was die Pelagianer

(Anhänger des Mönchs Pelagius – gest. etwa im Jahre 420 -, welcher eine so weitgehende Freiheit des menschlichen Willens lehrte, dass jeder Einfluss sowohl der verderbten Natur als auch der göttlichen Gnade ausgeschlossen erscheint. Jeder einzelne Mensch soll seinen Fall wie seine Erneuerung lediglich dem eignen sittlichen Entschluss zuschreiben. Gegen diese Lehre, welche die Grundlage des christlichen Erlösungsglaubens zerstört, und deren Spuren in der rationalistischen Denkweise wiederkehren, ist namentlich Augustinus aufgetreten.) einst in Widerspruch mit dem Satze des Paulus vorgetragen haben, ist ein albernes Gerede: es soll nämlich lediglich dadurch die Sünde sich über das ganze Menschengeschlecht verbreitet haben, dass jeder einzelne Mensch ebenso in Sünde gefallen ist wie Adam. Dabei würde aber auch Christus nur als Vorbild, nicht als Urheber unserer Gerechtigkeit dastehen. – Weiter ist klar, dass Paulus von der Tatsünde hier gar nicht redet. Denn wenn jeder sich die Schuld persönlich zuziehen sollte, dürfte ja Adam nicht mit Christus in Vergleich gestellt werden. Also denkt der Apostel hier an die angeborene Erbsünde.

V. 13. Bis auf das Gesetz. Diese Worte kommen einem Einwurf zuvor. Da es nämlich ohne Gesetz keine Übertretung zu geben scheint, so konnte der Zweifel erhoben werden, ob denn vor dem Gesetz bereits Sünde vorhanden gewesen sei. Dass sie nach dem Gesetz vorhanden war, verstand sich von selbst: nur wegen der Zeit vor Erlass des Gesetzes blieb die Frage unentschieden. Deshalb stellt Paulus fest, dass das Menschengeschlecht auch damals schon, und zwar von Mutterleibe an, unter dem Fluch gestanden, obwohl noch kein geschriebenes Gesetz Gottes das Urteil sprach. Vollends kann für diejenigen keine Entschuldigung gelten, welche vor Erlass des Gesetzes in groben Sünden und Lastern gelebt haben. Denn von jeher existierte der Gott, welchem Ehre gebührte, und immer gab es irgendeine Regel der Gerechtigkeit. Diese Auslegung ist so klar und glatt, dass abweichende Ansichten damit von selbst hinfallen.

Wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht. Ohne das Drohen des Gesetzes schlafen wir sozusagen auf unsern Fehlern ein. Dabei sündigen wir fort und fort: aber wir übertäuben, soviel an uns ist, die sich aufdrängende Erkenntnis des Bösen und suchen so schnell wie möglich zu vergessen. Endlich aber überführt und straft uns das Licht, es stößt uns gewissermaßen, um uns wach zu machen, und will das Gericht Gottes in unser Gedächtnis zurückrufen. Der Apostel sagt also: wie die Menschen nun einmal in ihrer Verkehrtheit stecken, bedürfen sie der Erweckung durch das Gesetz; ohne diese verwischen sie den Unterschied von Gut und Böse zu einem guten Teile und lassen sich in ruhiger Sicherheit gehen, als gäbe es kein Gericht Gottes. Dass übrigens Gott der Sünde wohl geachtet und sie den Menschen angerechnet habe, dafür steht die Strafe Kains ein, ferner die Sintflut, welche die ganze Erde überflutete, das Gericht über Sodom, die um Abrahams willen über Pharao und Abimelech verhängten Strafen. Auch die Menschen haben gegenseitig ihre Sünde geachtet und haben sie einander zugerechnet: dafür zeugen die mannigfachen Klagen und Streitereien, in welchen die einen den andern ihre Ungerechtigkeiten vorwerfen, und wiederum der Eifer, mit welchem sie ihre Taten zu rechtfertigen suchen. Endlich befasst auch jeder für sich ein Bewusstsein von Gut und Böse, wofür viele Beispiele sich beibringen ließen. Aber meistens nahmen sie es mit ihren Fehlern leicht, so dass sie ohne besonderen Zwang der Sünde nicht achteten. Wenn also der Apostel sagt: „Wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht“ -, so meint er dies nur verhältnismäßig: die Menschen versinken in Sorglosigkeit, wenn sie kein Stachel des Gesetzes trifft.

V. 14. Doch herrschte der Tod von Adam an. Hier wird es vollends deutlich, dass den Menschen von Adam an bis zum Erlass des Gesetzes ihr leichtsinniges und sicheres Leben, in welchem sie sich über den Unterschied von Gut und Böse hinwegsetzen wollten, nichts genützt hat. War auch ohne die Mahnungen des Gesetzes die Erinnerung an die Sünde begraben, so trug die Sünde selbst doch ihre Frucht zur Verdammnis. Darum hat auch damals der Tod geherrscht; denn der Menschen Blindheit und Verstockung konnte Gottes Gericht nicht aufhalten. Auch über die, die nicht gesündigt haben mit gleicher Übertretung wie Adam. Dieser Satz pflegt gewöhnlich beigebracht zu werden, um zu beweisen, dass auch die kleinen Kinder, die noch keine Tatsünden begangen haben, um der Erbsünde willen in die Verdammnis gehen. Aber der Zusammenhang weist darauf hin, dass von solchen die Rede ist, welche vor dem Gesetz und ohne dasselbe gesündigt haben, und welche deshalb ihrer Sünde nicht achteten. Diese Leute haben nicht mit gleicher Übertretung wie Adam gesündigt, weil ihnen kein deutlicher Befehl den Willen Gottes vor Augen stellte. Dem Adam hatte Gott befohlen, vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen nicht zu essen. Die folgenden Geschlechter aber besaßen kein Gebot außer dem Zeugnis des Gewissens. Der Apostel will also zu verstehen geben, dass dieser Unterschied zwischen Adam und seinen Nachkommen für die Frage der Schuld und Verdammnis gar nichts austrägt. Unter diesen allgemeinen Grundsatz fallen dann allerdings auch die Kinder.

Welcher ist ein Bild des, der zukünftig war. Diese Worte bringen dem Sinne nach das zweite Glied des vorher (V. 12) abgebrochenen Vergleichs. Paulus wollte etwa schreiben: Wie durch einen Menschen die Sünde in die ganze Welt gekommen ist, und durch die Sünde der Tod -, so kehrte durch einen Menschen die Gerechtigkeit wieder, und durch die Gerechtigkeit das Leben. Dass er aber Adam als ein Abbild Christi bezeichnet, lässt sich wohl begreifen: denn auch bei dem stärksten Gegensatz bleibt eine bestimmte Übereinstimmung. Denn wie durch Adams Sünde alle verderbt wurden, so bringt Christi Gerechtigkeit für alle eine Wiederherstellung. Es ist aber zu beachten, dass Adam nicht als Urbild der Sünde und Christus nicht als Urbild der Gerechtigkeit bezeichnet wird -, als ob sie uns nur mit ihrem Beispiel vorangingen! Es wird vielmehr Adam mit Christus, Christus mit Adam verglichen.

15 Aber nicht verhält sich´ s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn so an eines Sünde viele gestorben sind, so ist vielmehr Gottes Gnade und Gabe vielen reichlich widerfahren durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus.

Aber nicht verhält sich´ s mit der Gabe usw. Jetzt schränkt der Apostel den Vergleich zwischen Adam und Christus ein, indem er in mehrfach wiederkehrenden Wendungen auch die Verschiedenheit heraushebt. Dabei fehlt des der Rede an Vollständigkeit und glattem Fluss. Doch tut dies der Majestät der himmlischen Weisheit, welche der Apostel zu lehren hat, keinen Eintrag. Vielmehr hat es Gottes unvergleichliche Vorsehung so geordnet, dass die höchsten Geheimnisse sich unter verwunderlich geringen Worten bergen müssen: so ruht unser Glaube nicht auf der Gewalt menschlicher Rede, sondern allein auf der Kraft des Geistes. Indem nun Paulus den Unterschied feststellt, will er nicht sagen, dass Christus etwa eine größere Zahl von Menschen gerettet, als Adam ins Verderben gestürzt, sondern: da Adams Sünden vielen das Verderben gebracht, so wird Christi Gerechtigkeit nicht geringere Kraft besitzen, um vielen das Heil zu schaffen. Gottes Gnade und Gabe. „Gnade“ steht der Sünde gegenüber, die „Gabe“, welche aus der Gnade hervorgeht, dem Tode. Darum bezeichnet hier „Gnade“ die freie Güte Gottes, die unverdiente Liebe, welche er uns in Christus zugewendet, um unserm Elend zu Hilfe zu kommen. Die „Gabe“ aber ist die Frucht der Barmherzigkeit, die uns erwächst: die Versöhnung, welche uns Leben und Heil bringt, Gerechtigkeit, neues Leben usw. Dabei spricht der Apostel von der Gnade des einen Menschen Jesus Christus, weil ihn der Vater als ein Quell verordnet hat, aus dem wir alle schöpfen sollen. Außer Christus lässt sich kein Tropfen Leben finden, und ein anderes Heilmittel für unsere Dürftigkeit und Leere, als dass Christus uns mit seinem Überfluss erfülle, gibt es nicht.

16 Und nicht ist die Gabe allein über eine Sünde, wie durch des einen Sünders eine Sünde alles Verderben. Denn das Urteil ist gekommen aus einer Sünde zur Verdammnis; die Gabe aber hilft auch aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit.

Hier wird der eigentliche Grund ersichtlich, welcher den Apostel zur Einschränkung des Vergleichs veranlasste: die Schuld einer einzigen Sünde reichte aus, um über uns alle die Verdammnis zu bringen, aber die Gnade oder vielmehr das Geschenk der Gnade erwies sich wirksam zur Freisprechung von vielen Sünden. Unser Satz erklärt also erst vorangegangenen, welcher ja noch nicht völlig deutlich ausgesprochen hatte, inwiefern der Ertrag der Gnade Christi reichlicher war (V. 15), als die Folge der Sünde Adams. Aus vielen Sünden erlöst uns Christus, nicht bloß aus der Erbsünde oder den vor der Taufe begangenen Tatsünden, sondern alle Sünden sind eingeschlossen, mit welchen die Heiligen sich täglich neue Schuld zuziehen, welche auch ohne Zweifel zur Verdammnis führen müssten, wenn die Gnade sie nicht fortwährend deckte. – „Urteil“ und „Gabe“, welche in Gegensatz gestellt werden, bezeichnen die Strenge des göttlichen Gerichts und andererseits die unverdiente Verzeihung. Denn die Strenge wirkte Verdammnis, die Verzeihung Freispruch. Mit andern Worten: wollte Gott nach strengem Recht handeln, so müssten wir alle verloren werden -, aber er spricht uns aus Gnaden in Christus gerecht.

17 Denn so um des einen Sünde willen der Tod geherrscht hat durch den einen, viel mehr werden die, so da empfangen die Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit, herrschen im Leben durch einen, Jesum Christum.

Die vorige Aussage, dass die Gnade weiter reiche als die Sünde, empfängt einen neuen Beleg. Der Apostel kann eben Gottes Gnade nicht genug rühmen: er will die Menschen vom Vertrauen auf sich selbst zu Christus führen; in seiner Gnade sollen sie sicher ruhen und endlich den Antrieb zur Dankbarkeit empfangen. Der Hauptgedanke des Apostels lautet: Christus siegt über Adam. Denn Christi Gerechtigkeit überwindet Adams Sünde; Christi Gnade dämpft Adams Fluch; Christi Leben verschlingt den Tod, welchen Adam uns zugezogen. Übrigens stimmen die Glieder auch dieses Vergleichs nicht völlig überein. Paulus hätte sagen müssen: viel mehr herrscht die Gabe des Lebens vermöge der Fülle der Gnade; er sagt aber: die Gläubigen werden herrschen. Sachlich ist ja dies einerlei: denn die Herrschaft der Gläubigen im Leben ist auch die Herrschaft des Lebens in den Gläubigen. – Übrigens lohnt es sich, noch einen doppelten Unterschied zwischen Christus und Adam anzumerken, welchen der Apostel nicht deshalb übergangen hat, weil er ihn für unbedeutend hielt, sondern weil er für den vorliegenden Zusammenhang weniger austrug. Zuerst: die Sünde Adams zieht uns die Verdammnis nicht zu, weil sie uns lediglich zugerechnet würde, so dass wir nur die Strafe für fremde Schuld trügen. Vielmehr stehen wir in selbst erworbener Schuld, und die auf Adam gelegte Strafe trifft uns, weil unsere Natur in ihm zum Bösen verkehrt ward und nun vor Gott schuldig dasteht. Aber Christi Gerechtigkeit schafft in anderer Weiser unser Heil: sie gehört uns nicht etwa deshalb, weil sie in uns wäre, sondern weil wir Christus mit allen seinen Gütern besitzen, welchen des Vaters Gnade uns geschenkt hat. „Gabe zur Gerechtigkeit“ bezeichnet also nicht einen Zustand, welchen Gott in uns herstellt, sondern die unverdiente Zurechnung der Gerechtigkeit. Der Apostel sagt damit nur genauer, was er unter „Gnade“ versteht. Zweitens: die Wohltat Christi kommt nicht in gleicher Weise allen Menschen zugute, wie Adam das Verderben über das gesamte Menschengeschlecht brachte. Doch der Grund hierfür liegt auf der Hand: der von Adam erworbene Fluch kommt auf dem Wege der Natur zu uns: er betrifft also notwendig die ganze Masse des Geschlechts. Um aber in die Gemeinschaft der Gnade Christi zu gelangen, müssen wir ihm durch den Glauben eingeleibt werden. Um also die Erbschaft des Sündenelends anzutreten, genügt es, ein Mensch zu sein: denn dieselbe hängt an Fleisch und Blut. Wer aber Christi Gerechtigkeit genießen will, muss gläubig sein: denn nur der Glaube erschließt Christi Gemeinschaft. Auch den Kindern kommt dieselbe auf keine andere Weise zu. Denn das Kindschaftsrecht, vermöge dessen sie in Christi Gemeinschaft stehen, ruht auf dem Gnadenbunde. Aber dies gilt doch nur von den Kindern der Gläubigen, welche in die Verheißung der Gnade einbegriffen sind: die andern stehen unter dem allgemeinen Lose der Menschheit.

18 Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.

Dieser Satz stellt das Gesamtergebnis des bisher erörterten Vergleiches dar. Die Verschiedenheit tritt jetzt beiseite, und die Übereinstimmung wird in ihrem entscheidendsten Stücke deutlich. Wie die Sünde des einen uns zu Sündern machte, so ist es Christi Gerechtigkeit allein, welche unsere Gerechtigkeit schafft. Christi Gerechtigkeit und Gehorsam kam nicht seiner Person allein zugute, sondern greift weit darüber hinaus und macht die Gläubigen reich, welche sie zum Geschenk empfangen. Ein Gemeinbesitz für alle Menschen ist die Gnade nun deshalb, weil sie für alle öffentlich ausgeboten ward, nicht etwa weil alle sie wirklich hinnähmen. Christus hat zwar für die Sünden der ganzen Welt gelitten, und alle empfangen unterschiedslos das Angebot der Güte Gottes: aber nicht alle nehmen es an. „Rechtfertigung des Lebens“, d. h. eine lebendig machende Rechtfertigung; so heißt das göttliche, uns freisprechende Rechtfertigungsurteil, weil es uns den Zutritt zum Leben eröffnet. Denn die Hoffnung der Seligkeit ruht darauf, dass wir einen gnädigen Gott haben: um ihn aber haben zu können, müssen wir gerecht sein. Also kommt das Leben aus der Rechtfertigung.

19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte.

Dieser Satz bildet nicht eine Wiederholung, sondern eine notwendige Erläuterung des vorigen. Denn er zeigt auf der einen Seite, dass die Verdammnis, welche die Schuld des einen Menschen uns zuzog, doch nicht ohne unsere Schuld über uns kommt. Zuvor hieß es (V. 18): die Verdammnis ist über alle Menschen gekommen. Dabei könnte noch jeder einzelne sich selbst allenfalls für schuldlos halten. Um diesen Gedanken abzuschneiden, fügt der Apostel hinzu: Die Verdammnis kam zu allen Menschen, weil sie alle Sünder waren. Wenn es auf der andern Seite heißt, dass wir durch Christi Gehorsam Gerechte werden, so schließen wir daraus, dass Christus uns die Gerechtigkeit erworben hat, weil er uns mit dem Vater versöhnt. So folgt: der Zustand wirklicher Gerechtigkeit findet sich in Christus, aber was ihm gehört, wird uns zugute gehalten. Zugleich beschreibt der Apostel Christi Gerechtigkeit genauer, indem er sie Gehorsam nennt. Dabei wollen wir bedenken, was wir alles vor Gottes Augen bringen müssten, wenn wir durch unsere Werke gerechtfertigt werden wollten. Ein nicht bloß teilweiser, sondern in allen Stücken vollkommener Gehorsam gegen Gottes Gesetz würde erforderlich sein. Denn wenn der Gerechte nur einmal fällt, so wird aller seiner vorigen Gerechtigkeit nicht mehr gedacht werden. Dabei werden auch alle selbst erwählten Werke nichts helfen, die Gott nur für Kot achtet. Denn Gehorsam ist besser als Opfer.

20 Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf dass die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden, 21 auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat zum Tode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesum Christum, unsern Herrn.

V. 20. Das Gesetz … ist neben eingekommen usw. Der Gedanke an das Gesetz ergab sich notwendig daraus, dass Paulus zuvor ausgesprochen, schon vor Erlass des Gesetzes sei Sünde in der Welt gewesen (5, 13). Denn nun musste sofort die Frage aufsteigen, was denn das Gesetz ausrichten solle. Diese Schwierigkeit hätte schon an der früheren Stelle behoben werden sollen. Aber der Apostel wollte den Zusammenhang nicht unterbrechen. Jetzt trägt er die Lösung nach, aber auch nur flüchtig. Wenn es heißt, das Gesetz sei zwischeneingekommen, auf dass die Sünde mächtiger würde, so soll damit Nutzen und Wert des Gesetzes nicht etwa vollständig beschrieben sein: der Apostel greift lediglich eine Seite der Sache heraus, auf welche es im vorliegenden Zusammenhange ankommt. Er lehrt, dass für die göttliche Gnade Raum geschafft werden sollte und die Menschen deshalb zu tieferer Erkenntnis ihres Verderbens geführt werden mussten. Sie hatten ja längst vor dem Gesetz Schiffbruch erlitten, aber sie bildeten sich in ihrem Verderben ein, zu schwimmen: so mussten sie in die Tiefe getaucht werden, damit die Erlösung, die sie wider alles menschliche Begreifen von dort emporhebt, umso herrlicher erscheine. Man darf es auch keineswegs für unsinnig halten, dass ein Gesetz unter anderem auch dem Zwecke dienen soll, bereits verdammte Menschen noch einmal zu verdammen: denn nichts ist gerechter, als dass die Menschen auf alle Weise zur Erkenntnis ihres Übels geführt oder besser getrieben werden.

Auf dass die Sünde mächtiger würde. Vielfach versteht man dies Wort so, dass der Druck des Gesetzes die böse Lust nur noch mehr reize. Denn es liege in der Menschennatur, gegen Verbotenes sich aufzulehnen. Mir scheint indessen nur von dem Wachstum der Erkenntnis und Einsicht die Rede zu sein. Denn das Gesetz schiebt den Menschen ihre Sünde derartig unter die Augen, dass sie die ihnen bevorstehende Verdammnis notgedrungen sehen müssen. Die Sünde, welche man sonst unbeachtet hinter sich warf, ergreift nunmehr das Gewissen. Wer bisher nur einfach der Schranken der Gerechtigkeit übertrat, wird jetzt, seitdem es ein Gesetz gibt, zum Verächter des göttlichen Befehls, der ihm Gottes Willen bekannt machte: denn er tritt Gottes geoffenbarten Willen mit Füßen. So wird die Sünde durchs Gesetz gemehrt, weil das Ansehen des Gesetzgebers Verachtung und seine Majestät Herabsetzung erfährt.

Da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden. Nachdem die Sünde die Menschen im Abgrunde festgehalten, hat die Gnade Hilfe gebracht. Die Größe der Gnade tritt in ein umso helleres Licht, weil sie die überströmende Sünde so reichlich überflutet, dass sie die böse Flut nicht bloß bedeckt, sondern gänzlich verzehrt. Hier sollen wir lernen, dass das Gesetz uns nicht deshalb unsere Verdammnis vorhält, um uns darin zu lassen. Sondern nachdem wir unser Elend recht erkannt, sollen wir zu Christus empor gerichtet werden, welcher gekommen ist als ein Arzt der Kranken, ein Erlöser der Gefangenen, ein Tröster der Betrübten, ein Helfer der Unterdrückten (Jes. 61, 1).

V. 21. Auf dass, gleich wie die Sünde geherrscht hat usw. Wie die Sünde „der Stachel des Todes“ (1. Kor. 15, 56) heißt, weil der Tod nur um der Sünde willen ein Recht auf den Menschen hat, so macht sie ihre Kraft durch den Tod geltend. Deshalb heißt es, sie übe durch denselben ihre Herrschaft aus. Das zweite Satzglied entspricht nicht einfach dem ersten. Hätte dies der Fall sein sollen, so müsste es lauten: „Also auch herrsche die Gerechtigkeit durch Christus.“ Aber mit diesem einfachen Gegensatz wollte Paulus sich nicht begnügen: er schiebt noch das Wort „Gnade“ zwischenein um einzuprägen, dass in diesem Handel nichts an unserm Verdienst, sondern alles an dem freien Erbarmen Gottes hängt. Hatte der Apostel früher (5, 14) gesagt, dass der Tod selbst geherrscht habe, so schreibt er jetzt der Sünde die Herrschaft zu, doch so, dass deren Ziel und Ende der Tod ist. Und zwar heißt es: die Sünde hat geherrscht -, in der Vergangenheit. Damit soll gewiss nicht gesagt sein, dass sie aufgehört habe in denen zu herrschen, welche nur vom Fleisch und Blut geboren sind. Vielmehr wird die Zeit Adams und die Zeit Christi unterschieden. Sobald also in irgendeinem Menschen Christi Gnade ihr Regiment begonnen, hört die Herrschaft der Sünde und des Todes auf. 

Kapitel 6

1 Was wollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde? 2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?

V. 1. Was wollen wir hierzu sagen? In diesem ganzen Kapitel redet der Apostel davon, wie Christus fälschlich auseinander gerissen wird, wenn man behauptet, dass er uns seine Gerechtigkeit aus Gnaden schenke, ohne zugleich ein neues Leben zu wecken. Er kleidet diese fehlerhafte Ansicht in eine schroffe Form und stellt die Frage: ob man denn nicht der Gnade den größten Raum eröffne, wenn man ruhig an der Sünde hängen bleibt? Nichts geschieht ja leichter, als dass das Fleisch es sich unter irgendeinem Vorwande bequem macht. Und dann ersinnt der Satan allerlei Verleumdungen, um mit leichter Mühe die Lehre von der Gnade in üblen Ruf zu bringen. Denn da es für die menschliche Vernunft nichts Fremdartigeres gibt als die Predigt von der freien Gnade Christi, so kann es uns nicht überraschen, wenn unsere fleischliche Vernunft die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben zwar annimmt, dann aber die verkehrtesten Folgerungen daraus zieht. Wir können aber deshalb nicht ablassen, die Wahrheit zu bezeugen und dürfen von Christus nicht stille schweigen, weil er für viele ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses ist. Denn derselbe Christus, welcher den Gottlosen zum Fall wird, ist den Frommen zum Auferstehen gesetzt. Immerhin muss man unzeitigen Fragen zuvor kommen, damit nicht der Verdacht bestehen bleibt, dass die christliche Lehre Torheiten in sich schließe. Der Apostel beschäftigt sich nun mit dem geläufigsten Einwurf gegen die Predigt der göttlichen Gnade; nämlich: wenn es wahr wäre, dass Gottes Gnade den größten Raum für ihre Verzeihung findet, wo die größte Last der Sünde ist, so könne man ja nichts Nützlicheres ausdenken, als immer tiefer zu fallen und mit immer neuen Sünden Gottes Zorn zu reizen. Dabei müssten wir ja wohl am reichlichsten Gnade erfahren. Wie der Apostel diese Torheit widerlegt, werden wir alsbald sehen.

V. 2. Das sei ferne! Es könnte scheinen, als wollte dieser Ausruf den frevelhaften Unsinn ohne weitere Widerlegung einfach als solchen kennzeichnen. Andere Stellen aber (Röm. 3, 6; 9, 14; Gal. 2, 17; 3, 21) zeigen, dass Paulus diese Redewendung auch gebraucht, wo er keineswegs auf einen mitunter sehr ausführlichen Beweis verzichtet. So wird er auch hier alsbald den verleumderischen Einwurf gründlich widerlegen. Zunächst aber soll der Ausdruck des Abscheus dem Leser eine Empfindung davon erwecken, wie ungereimt es ist, dass Christi Gnade, die doch unsere Ungerechtigkeit heilen will, uns im Laster bestärken solle!

Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind? Ein Beweis aus der Behauptung des Gegenteils. Wer nämlich sündigt, der lebt unbestreitbar der Sünde. Wir aber sind durch Christi Gnade der Sünde gestorben. Also ist es falsch, der Sünde, die Christus austilgt, noch eine Lebenskraft zu belassen. Denn der Tatbestand liegt so: wenn Gott die Gläubigen mit sich versöhnt, so schenkt er ihnen stets auch ein neues Leben. Ja, es ist der Zweck der Rechtfertigung, dass wir dann dem Herrn in Reinheit unseres Lebens dienen. Wenn uns Christus mit seinem Blute wäscht und durch sein Sühneopfer einen gnädigen Gott schafft, so gibt er uns zugleich Anteil an seinem Geiste, welcher die Erneuerung zu heiligem Leben schafft. Es würde also eine schlimme Verkehrung des Werkes Gottes bedeuten, wenn die in Christus geschenkte Gnade Gelegenheit bieten sollte, der Sünde neue Kräfte zuzuführen. Die Arznei nährt die Krankheit nicht, gegen welche sie gegeben wird. Übrigens müssen wir im Gedächtnis behalten, was schon früher kurz festgestellt wurde (zu 2, 11), dass Paulus hier nicht davon redet, in welchem Zustand uns Gott zur Gemeinschaft seines Sohnes beruft, sondern wie wir werden müssen, nachdem die freie Gnade uns zu Kindern Gottes angenommen hat.

3 Wisset ihr nicht, dass alle, die wir in Jesum Christum getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.

V. 3. Wisset ihr nicht usw. Der zuletzt ausgesprochene Gedanke, dass Christus in den Seinen der Sünde ein Ende mache, empfängt nun eine weitere Bestätigung durch den Nutzen der Taufe, welche uns in den Glauben an Christus einführt. Denn das ist ja außer Frage, dass wir in der Taufe Christus anziehen, und dass wir die Taufe empfangen, um mit Christus eins zu werden. Dazu fügt Paulus den andern Grundsatz, dass wir wahrhaft mit Christi Leib zusammenwachsen, wenn sein Tod in uns seine Frucht bringt. Und er lehrt, dass man bei der Taufe ganz besonders diese Gemeinschaft des Todes ins Auge fassen soll: denn dort wird uns nicht bloß die Abwaschung, sondern auch die Abtötung und das Sterben des alten Menschen vorgestellt. So ist offenbar, dass, sobald wir in Christi Gnade aufgenommen werden, die Wirkung seines Todes alsbald sich zeigen muss. Was aber diese Gemeinschaft mit dem Tode Christi bedeutet, folgt sofort.

V. 4. So sind wir ja mit ihm begraben. Jetzt beginnt der Apostel, vorläufig, wenn auch noch nicht vollständig, darzulegen, worauf unsere Taufe auf Christi Tod abzielt: dass wir nämlich uns selbst absterben und neue Menschen werden. Denn von der Gemeinschaft des Todes führt eine notwendige Verbindung zur Teilnahme am Leben hinüber: der alte Mensch wird durch Christi Tod vernichtet, damit seine Auferstehung Gerechtigkeit begründe und uns zu neuen Kreaturen mache. Ward uns Christus zum Leben geschenkt, was sollte es dann nützen, mit ihm zu sterben, wenn wir nicht mit ihm zu besserem Leben auferstünden? Was in uns sterblich ist, tötet Christus nur dadurch, dass er uns wahrhaft neues Leben schenkt. Weiter gilt es festzustellen, dass der Apostel hier nicht eine einfache Ermahnung zur Nachfolge Christi ausspricht, als wäre Christi Tod ein bloßes Beispiel zur Nacheiferung für alle Christen. Die Meinung des Apostels geht viel tiefer: er trägt eine Lehre vor, aus welcher sich erst später die Ermahnung entfaltet. Diese Lehre lautet: Christi Tod hat Kraft, unser sündliches Fleisch niederzuhalten und zu töten, Christi Auferstehung aber, das neue Leben einer besseren Natur zu erwecken -, und die Taufe gibt uns Anteil an solcher Gnade. Damit erst ist ein festes Fundament gewonnen, auf welchem die Ermahnung Platz findet, dass die Christen ihres Berufes würdig wandeln sollen. – Dass die beschriebene Kraft nicht in allen Getauften wirkt, verschlägt nichts: denn da Paulus zu Gläubigen spricht, so denkt er, wie er es immer tut, mit dem äußeren Zeichen dessen Wesen und Wirkung zusammen. Denn wir wissen ja, dass eben der Glaube zu Bestand und Geltung bringt, was Gott in sichtbarem Zeichen anbietet. In Summa: Paulus lehrt, was die recht empfangene Taufe wahrhaftig nützt. So heißt es auch Gal. 3, 27 ganz allgemein: „Wie viel euer auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen.“ So lässt sich mit Recht reden, wo Gottes Ordnung und der Glaube der Frommen aufeinander treffen. Leere und bloße Zeichen sind nur da, wo unsere Undankbarkeit und böser Wille das Wirken der göttlichen Gnade hindert.

Durch die Herrlichkeit des Vaters, d. h. durch seine unvergleichliche Kraft, durch welche er seine Herrlichkeit und Majestät offenbart. In dieser erhabenen Weise rühmt die Schrift häufig Gottes Macht, die in Christi Auferstehung kundgeworden ist. Es bedarf für uns eines so eindrücklichen Hinweises auf Gottes einzigartige Kraft, damit der Glaube nicht nur an die letzte Auferstehung, welche alles Begreifen übersteigt, sondern auch an die übrigen Früchte der Auferstehung Christi gestärkt werde.

5 So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein, 6 dieweil wir wissen, dass unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen.

V. 5. Gepflanzt werden zu gleichem Tode. Der bisher vorgetragene Beweis wird mit deutlicheren Worten weitergeführt. Das jetzt gebrachte Gleichnis schließt jede Unsicherheit aus: wo von „Einpflanzung“ die Rede ist, handelt es sich nicht bloß um Vorbild und Nachfolge, sondern um eine geheimnisvolle Verbindung, vermöge deren wir mit Christus so zusammenwachsen, dass sein Geist als unser Lebenssaft seine Tugenden in uns wirksam werden lässt. Der Nachdruck liegt nicht darauf, dass wir mit eigner Anstrengung leisten sollen, was Gott von uns fordert, sondern auf dem, was Gott tut, wenn er mit eigner Hand die Einpflanzung vollzieht. Wie das Pfropfreis mit dem Baume, in welchen man es eingesenkt, Tod und Leben teilt, so verstehen wir, dass wir in gleicher Weise an Christi Leben und Tod teilhaben. Sind wir mit Christus gepflanzt zu gleichem Tode und ist Christi Tod nicht ohne Auferstehung geblieben, so wird auch unserm Tode die Auferstehung nicht fehlen. Übrigens können die Worte in doppelter Weise verstanden werden. Entweder: Christus eingepflanzt, so dass dabei eine Ähnlichkeit mit seinem Tode zustande kommt; oder, was ungezwungener dem griechischen Wortlaut entspricht: eingepflanzt zur, d. h. in die Ähnlichkeit seines Todes, mit derselben zusammengewachsen. Sachlich bedeutet dies aber keinen Unterschied. Von Ähnlichkeit oder Gleichgestalt des Todes soll nach einigen Auslegern hier ganz in dem Sinne die Rede sein, wie es (Röm. 8, 3; Phil. 2, 1) von Christus heißt, er sei in der Gestalt des Fleisches oder gleich wie ein anderer Mensch erschienen. Ich glaube jedoch, dass der Sinn des Wortes hier noch eine besondere Schattierung aufweist. Das Wort „Ähnlichkeit“ deutet an, dass nicht eine volle Übereinstimmung, sondern nur eine gewisse Parallele zwischen Christi leiblichem Tode und unserm Sterben mit ihm obwaltet: wie Christus in dem Fleische starb, welches er von uns genommen hat, so sterben wir in uns, um in ihm zu leben. Es ist nicht derselbe, sondern ein ähnlicher Tod: eine gewisse Gleichartigkeit zwischen dem Absterben des zeitlichen Lebens und der geistlichen Erneuerung soll ins Auge gefasst werden. – Übrigens ist es unerlaubt, den Vergleich bis in seine letzten Konsequenzen durchzutreiben. Wollte man dies versuchen, so würde sich alsbald ein bedeutender Unterschied zwischen dem Pfropfen der Bäume und unserer geistlichen Einpflanzung in Christus ergeben. Natürlicherweise zieht das Pfropfreis seine Nahrung aus der Wurzel, behält aber die Eigenart seiner ursprünglichen Früchte. Geistlicherweise aber ziehen wir aus Christus nicht bloß Kraft und Lebenssaft, sondern wir gehen aus unserer Natur in die seinige über. Der Apostel wollte nur im Allgemeinen die Wirkungskraft des Todes Christi beschreiben, welche in dem Absterben unseres Fleisches zur Erscheinung kommt, wie auch die Macht der Auferstehung, die neue geistliche Natur zu erwecken.

V. 6. Dass unser alter Mensch usw. Vom „alten“ Menschen, wie auch vom „Alten“ Bunde, spricht man im Gegensatz zum Neuen. Der alte Mensch fängt an alt zu werden, wenn die beginnende Erneuerung ihn allmählich ums Leben bringt. Gemeint ist unser ganzes natürliches Wesen, welches uns vom Mutterleibe her anhängt, welches so wenig in Gottes Reich eingehen kann, dass es in demselben Maße vergehen muss, als das wahre Leben in uns wächst. Dieser alte Mensch ist mit Christus gekreuzigt, weil er durch Christi Kraft und namentlich durch die Gemeinschaft seines Todes den Todesstoß empfängt. „Gekreuzigt“ schreibt ja der Apostel nicht etwa, um weniger zu sagen als „getötet“, und um auszudrücken, dass in irgendeinem Grade der alte Mensch noch lebt. Das würde einen an sich ganz richtigen, aber im vorliegenden Zusammenhange völlig unpassenden Gedanken ergeben. Der sündliche Leib, von welchem Paulus redet, kommt nicht in Betracht, sofern er Fleisch und Bein ist, sondern nach seiner Naturart: der seiner Natur überlassene Mensch ist ein Gebilde von lauter Sünde. Als Zweck der Abtötung wird verzeichnet: dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Daraus ergibt sich die Folgerung, dass, solange wir Kinder Adams und nichts als natürliche Menschen sind, wir dermaßen in der Knechtschaft der Sünde stehen, dass wir nicht anders können, als sündigen. Erst die Einpflanzung in Christus befreit uns von diesem elenden Zwang -, nicht als ob alle Sünde sofort ein Ende hätte, aber so, dass wir doch endlich den Sieg gewinnen werden.

7 Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebet Gott in Christo Jesu, unserm Herrn.

V. 7. Denn wer gestorben ist usw. Der Beweis gründet sich auf die Natur und Wirkung des Todes. Wenn der Tod alle Regungen des Lebens still stellt, so müssen wir, die wir der Sünde gestorben sind, von den Regungen frei sein, welche dieselbe verspüren ließ, solange sie noch lebte. Gerechtfertigt heißt soviel wie freigesprochen und von der Knechtschaft erlöst. Denn wie der Freispruch des Richters den Angeklagten aller weiteren Last entledigt, so befreit uns der Tod von allen Verbindlichkeiten dieses Lebens, von welchen er uns loslöst. Das, was der Apostel hier schildert, findet sich nun freilich erfahrungsgemäß nirgends vollkommen vor. Dennoch hören wir hier keineswegs bloß eine leere Spekulation. Auf der andern Seite dürfen wir auch nicht verzagen, wenn wir nicht finden können, dass unser Fleisch schon völlig gekreuzigt sei. Denn dieses Werk Gottes wird nicht am ersten Tage, an welchem es anhebt, alsbald auch zu Ende geführt, sondern es wächst allmählich und erreicht in täglicher Zunahme sein Ziel. Als Ergebnis wollen wir demgemäß festhalten: wer ein Christ ist, an dem müssen Anzeichen seiner Gemeinschaft mit dem Tod Christi sichtbar werden, deren Frucht ist, dass wir unser Fleisch gekreuzigt haben samt den Lüsten und Begierden. Im Übrigen wollen wir diese Gemeinschaft nicht deshalb als nicht vorhanden ansehen, weil wir spüren, dass die Reste des Fleisches sich noch regen. Vielmehr sollen wir eifrigst auf Fortschritte bedacht sein, bis wir das Ziel erreicht haben. Es ist gut, dass unser Fleisch fortwährend getötet werde, und es ist kein geringer Fortschritt, wenn es sein Herrschaftsgebiet mehr und mehr dem Heiligen Geist abtreten muss. Es gibt auch noch eine andere Gemeinschaft des Todes Christi, von welcher Paulus öfters, namentlich 2. Kor. 4 redet: das Tragen des Kreuzes, welchem die Gemeinschaft des ewigen Lebens folgt.

V. 8. Sind wir aber mit Christus gestorben usw. Diesen Gedanken wiederholt der Apostel, um eine Anknüpfung für den V. 9 folgenden Ausspruch zu gewinnen, dass Christus, einmal von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt. Damit soll eingeprägt werden, dass das Streben nach einem neuen Leben einen Christen sein ganzes Leben lang beherrschen muss. Denn wir sollen Christi Bild an uns tragen sowohl in der Abtötung des Fleisches als auch im Leben des Geistes: die erstere muss einmal für alle Zukunft geschehen sein, das letztere muss in aller Zukunft Bestand behalten. Nicht, wie wir schon gesagt haben, als ob unser Fleisch in einem Augenblick stürbe: aber wir dürfen in der Abtötung desselben nicht wieder rückwärts gehen. Denn wenn wir wieder in unsern Unflat versinken, verleugnen wir Christus. Seine Genossen können wir nur durch ein erneuertes Leben sein, wie er denn selbst ein unvertilgliches Leben besitzt: der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen. Darin scheint zu liegen, dass der Tod einmal über Christus geherrscht habe. Und in der Tat ist der Herr, als er sich in den Tod dahingab, demselben in gewisser Weise gewichen und ist seiner Macht unterworfen gewesen, doch so, dass des Todes Schmerzen ihn nicht halten oder verschlingen konnten. Er hat selbst den Tod verschlungen ewiglich, da er sich seiner Herrschaft für einen Augenblick unterwarf. In Summa: Christus, der jetzt seine Gläubigen mit seinem Geiste lebendig macht und ihnen sein Leben durch geheimnisvolle Kraft vom Himmel her einflößt, hat durch seine Auferstehung die Herrschaft des Todes überwunden, um alle die Seinen vom Tode frei zu machen.

V. 10. Er ist der Sünde gestorben zu einem Mal. Wenn es soeben hieß, dass Christi Vorgang uns für immer vom Joch des Todes befreit habe, so wird diese Wahrheit jetzt in den Dienst des eigentlichen Hauptgedankens gestellt, dass wir mit der Knechtschaft der Sünde fortan nichts mehr zu schaffen haben. Zum Beweise für diesen Hauptgedanken dient nämlich die Erinnerung an den Zweck des Todes Christi: Christus ist gestorben, um der Sünde ein Ende zu machen. Die Form der Rede müssen wir nun so verstehen, wie es in Rücksicht auf Christus allein möglich ist. Der Apostel kann nicht sagen wollen, Christus sei der Sünde gestorben, so dass er nun zu sündigen aufhöre. Dergleichen würde nur auf uns zutreffen. In Bezug auf Christus haben wir daran zu denken, dass er den Tod erlitten hat um der Sünde willen, damit er mit seinem Lösegeld Kraft und Recht der Sünde zunichte mache. Sagt der Apostel nun: Christus ist gestorben zu einem Mal -, so denkt er daran, dass er mit einem Opfer eine ewige Erlösung erworben und mit dem Vergießen seines Blutes die Gläubigen in Ewigkeit geheiligt hat (Hebr. 10, 12.14). Und dieses „zu einem Male“ soll auch in unserm neuen Leben zur Erscheinung kommen. Mag das geistliche Absterben in uns immerhin in allmählichem Fortschritt vor sich gehen -, die eigentliche Entscheidung fällt doch zu einem Male, wenn Christus, der mit seinem Blute uns dem Vater versöhnt, uns durch die Kraft seines Geistes zugleich die Wiedergeburt zum neuen Leben schenkt.

Was er aber lebt, das lebt er bei oder in Gott. Mag man die eine oder die andere Verdeutlichung vorziehen, der Sinn ist in jedem Falle: Christus lebt in Gottes ewigem und unvergänglichem Reiche ein über jeden Tod erhabenes Leben, dessen Abglanz in dem wiedergeborenen Leben der Frommen zu Erscheinung kommen muss. Dabei handelt es sich abermals nicht um bloße Nachahmung Christi, sondern um das Wirken seiner Gnade. Der Apostel sagt nicht: ihr seid mit Christus gestorben, also müsst ihr auch mit ihm leben. Sondern er redete V. 8 vom Glauben. Und der Glaube stützt sich immer auf göttliche Zusagen. So sollen die Frommen glauben: Sind wir durch Christi Gnade dem Fleische abgestorben, so wird derselbe Christus die Erneuerung unseres Lebens auch zu Ende führen. Heißt es aber (V. 8): Wir werden mit Christus leben, so will diese Zukunftsform uns nicht etwa bloß auf die letzte Auferstehung vertrösten, sondern uns den stetigen Fortschritt unseres Lebens für alle Zukunft vor Augen stellen.

V. 11. Haltet euch dafür usw. Jetzt kommt unsere Gleichgestaltung mit Christi Tod und Leben zu besonders deutlichem Ausdruck. Ist Christus einmal der Sünde gestorben und lebt er nun in Ewigkeit für Gott, so wendet der Apostel diese beiden Stücke auf uns an und zeigt, wie wir in diesem Leben sterben können, wenn wir der Sünde entsagen. Und auch dies vergisst Paulus nicht zu betonen, dass, wenn unser Glaube nur einmal Christi Gnade ergriffen hat, die Macht der Sünde einen derartigen Stoß empfing, dass das von Gott geschenkte geistliche Leben in alle Zukunft Bestand behalten muss. Mag dabei immerhin die Abtötung des Fleisches nur anfangs weise vorhanden sein. Hätte aber Christus die Sünde in uns nicht ein für allemal getötet, so würde es seiner Gnade an Kraft und Beständigkeit fehlen. Die Worte wollen uns zurufen: Haltet dafür, dass auch in euch geschehen sei, was Christus erfahren hat! Er ist einmal gestorben zur Vernichtung der Sünde: so seid auch ihr gestorben, so dass ihr nun ablasset, der Sünde zu dienen. Also müsst ihr in der begonnenen Abtötung täglich fortfahren, bis die Sünde gänzlich getilgt ist. Wie Christus erweckt ward zu unvergänglichem Leben, so seid auch ihr durch Gottes Gnade in ein neues Leben hinein geboren, welches ihr nun in Heiligkeit und Gerechtigkeit führen sollt: denn die Kraft des Heiligen Geistes, die euch erneuert hat, ist ewig und unverwelklich. Diese Erneuerung ist geschehen in Christus Jesus, nicht bloß durch ihn. Wir sollen dessen gedenken, dass wir in Christus eingepflanzt und dadurch mit ihm eins geworden sind.

12 So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten. 13 Auch begebet nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern begebet euch selbst Gott, als die da aus den Toten lebendig sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit.

V. 12. So lasset nun die Sünde nicht herrschen. Jetzt erst beginnt die eigentlich ermahnende Rede, die sich nunmehr wie von selbst aus der vorgetragenen Lehre von unserer Lebensgemeinschaft mit Christus ergibt: mögen die Reste der Sünde noch in uns sein, so wäre es doch ungereimt, dass die Sünde noch ihre ungebrochene Herrschaft ausüben sollte. Die Kraft der Heiligung muss ihrer Herr werden, damit man an unserm Leben spüren kann, dass wir wahre Glieder Christi sind. Dass bei dem sterblichen Leibe nicht an Fleisch, Haut und Knochen zu denken ist, sondern an das gesamte sündige Menschenwesen, daran ist oben schon erinnert worden (V. 6). Hier wird dies vollends deutlich; denn das zweite Satzglied nimmt vom Leibe den Übergang zur Seele. Paulus beschreibt das Wesen des alten Menschen, als ob er ganz Fleisch wäre: so groß ist das Verderben unserer Natur, dass nichts übrig blieb, was ihres ersten Ursprungs aus Gott noch würdig wäre. So lässt auch Gottes Spruch 1. Mose 6, 3, welcher darüber klagt, dass die Menschen Fleisch geworden wie das unvernünftige Vieh, uns nur noch irdische Bestandteile übrig bleiben. Eben dahin zielt Christi Wort (Joh. 3, 6): „Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch.“ Wollte man demgegenüber sagen, dass wir uns doch immerhin noch im Besitze einer höher gerichteten Seele befänden, so bedeutet dies nichts. Denn in unserm gegenwärtigen Verderben ist unsere Seele derartig an die Erde gebunden und dem Leibe untertan, dass sie ihres ursprünglichen Vorzugs verlustig ging. Auch deshalb heißt die Menschennatur „Leib“, weil sie ohne die göttliche Gnade nur ein trügerischer Schatten, ein vergängliches Nebelgebilde ist. Dazu bezeichnet Paulus solchen Leib verächtlich als „sterblich“: So wird vollends anschaulich, wie unsere ganze Natur zu Tod und Vergänglichkeit neigt. Unter der Sünde, die nicht herrschen soll, wird die angeborene Verkehrtheit des Gemütes verstanden, die uns zum Sündigen treibt und aus welcher recht eigentlich alle Übeltaten und Laster hervorquellen. Zwischen ihr und uns stehen die Lüste des Leibes: die Sünde ist die Königin, die Lüste sind ihre Erlasse und Befehle.

V. 13. Auch begebet nicht eure Glieder usw. Wo die Sünde einmal die Herrschaft über die Seele gewonnen hat, da werden alle unsere Glieder fortwährend in ihren Dienst gezogen. Deshalb beschreibt der Apostel hier die Herrschaft der Sünde nach ihren Folgen, um uns eine desto bessere Anleitung zu geben, ihr Joch abzuwerfen. Wenn unsere Glieder „Waffen“ heißen, so ist dies Gleichnis dem Kriegswesen entlehnt: Wie der Soldat seine Waffen stets bereit hält, um sie zu brauchen, wann der Feldherr es befiehlt, und wie er sie ohne dessen Anordnung niemals braucht -, so müssen die Christen alle ihre Glieder als Waffen in einem geistlichen Kriege ansehen. Missbrauchen sie irgendein Glied zu verkehrtem Wesen, so dienen sie der Sünde. Sie haben aber Gott und Christus den Fahneneid geleistet; daran sind sie gebunden. Folglich müssen sie jeden Verkehr mit dem Feldlager der Sünde abbrechen. Wie schändlich missbrauchen also den christlichen Namen, die ihre Glieder als Satans Buhldirnen allezeit bereithalten, jegliche Scheußlichkeit auszuüben! Demgegenüber verlangt der Apostel, dass wir uns völlig dem Herrn zur Verfügung stellen sollen. Wir sollen unserm Sinn und Geist alle Abschweifungen versagen, zu welchen die Lüste des Fleisches uns verleiten wollen, und allein auf Gottes Wink schauen, bereit, seine Befehle zu empfangen, gerüstet, seinen Willen zu tun. Unsere Glieder sollen dem Dienste Gottes geweiht und geheiligt sein, so dass alle Kräfte Leibes und der Seele nichts anderes suchen als Gottes Ehre. Dafür gibt der Apostel noch einmal den Grund an: als die da aus den Toten lebendig sind. Denn nicht vergeblich hat Gott unser altes Leben getötet und uns zu einem neuen erweckt, welches ja nicht ohne Lebensbewegungen bleiben kann.

14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetze seid, sondern unter der Gnade. 15 Wie nun? Sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 16 Wisset ihr nicht: welchem ihr euch begebet zu Knechten in Gehorsam, des Knechte seid ihr, dem ihr gehorsam seid, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? 17 Gott sei aber gedankt, dass ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam geworden von Herzen dem Vorbilde der Lehre, welchem ihr ergeben seid. 18 Denn nun ihr frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit.

V. 14. Die Sünde wird nicht herrschen usw. Das ist ein Trost für die Gläubigen und eine Ermunterung, um der Erfahrung ihrer Schwachheit willen nicht im Eifer der Heiligung nachzulassen. Der Apostel hatte uns ermahnt, alle Kräfte für den Dienst der Gerechtigkeit einzusetzen. Da aber die Reste des Fleisches uns umgeben, kann es nicht ausbleiben, dass wir einigermaßen hinken. Damit wir nun unter dem Bewusstsein der Schwachheit nicht den Mut verlieren, kommt uns das Trostwort zu rechter Zeit zu Hilfe: Gott fordert nicht mehr Werke nach dem strengen Maßstabe des Gesetzes, sondern er nimmt gnädig und nachsichtig an, was wir bringen, weil die anhaftende Unreinigkeit unter der Vergebung steht. Das Joch des Gesetzes kann man nicht tragen, ohne sich daran zu stoßen und zu reiben: so bleibt nichts übrig, als dass die Gläubigen zu Christus fliehen, ihrem Erlöser aus der Knechtschaft. Er erweist sich als der Erlöser. Denn er ward unter das Gesetz getan, dem er doch sonst nicht verpflichtet war, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze waren (Gal. 4, 5). Die Gnade, unter der wir stehen, begreift die beiden Teile der Erlösung in sich: die Vergebung der Sünden, kraft deren uns Gott Gerechtigkeit zurechnet, und die Erneuerung durch den Heiligen Geist, welche uns zu guten Werken tüchtig macht. Diese Gnade steht im Gegensatz zum Gesetz; weil wir unter ihr stehen, sind wir nicht mehr unter dem Gesetz. Nun liegt der Sinn des Satzes klar: Die Gläubigen dürfen bei aller Unvollkommenheit nicht verzagen und müde werden, Gutes zu tun. Mag uns die Sünde mit ihren Stichen noch verwunden: überwinden kann sie uns nicht, weil Gottes Geist uns den Sieg gibt und weiter, weil wir, durch Gnade gedeckt, frei sind von den harten Drohungen des Gesetzes. Dabei erscheint ohne weiteres vorausgesetzt, dass alle, welche nicht im Besitz der göttlichen Gnade sich befinden, unter dem Druck und der Verdammnis des Gesetzes liegen. Und daraus lässt sich wiederum schließen, dass, solange die Menschen unter dem Gesetze sind, sie auch von der Sünde beherrscht werden.

V. 15. Wie nun? usw. Wieder muss der Apostel einem Einwand begegnen: denn die Weisheit des Fleisches hängt nur zu leicht ihre Missverständnisse an Gottes Geheimnisse. Ist das Gesetz als Regel des sittlichen Lebens den Menschen zur Zucht gegeben, so scheint mit seiner Abschaffung alle Zucht zu fallen, jede Schranke zu weichen und der Unterschied von Gut und Böse zu verschwinden. Aber es ist eben ein Irrtum, zu glauben, dass mit der Abschaffung des Gesetzes auch die Gerechtigkeit nicht mehr gelte, welche Gottes Gesetz fordert. Die Gebote zum rechten Leben bleiben in Geltung: Christus hat sie nicht beseitigt, sondern feierlichst bestätigt. Die Lösung der Schwierigkeit liegt darin, dass nur der Fluch des Gesetzes aufgehoben ward, welchem außerhalb des Bereichs der Gnade alle Sterblichen unterliegen. Diese Lösung gibt Paulus nicht rund und klar -, er lässt sie nur auf Umwegen erschlossen werden.

Das sei ferne! V. 16. Wisset ihr nicht usw. Zu der entrüsteten Abweisung des frevelhaften Gedankens fügt Paulus auch einen Beweis dafür, dass Christus und der Dienst der Sünde in Widerstreit stehen und man nicht Christus und die Sünde zugleich haben kann. Sündigen wir, so begeben wir uns zu Knechten in den Gehorsam der Sünde. Nun aber sind die Gläubigen im Gegenteil erlöst von der Tyrannei der Sünde, damit sie Christus dienen: also ist es für sie eine Unmöglichkeit, an die Sünde gefesselt zu bleiben. Doch es wird nützlich sein, den einzelnen Sätzen dieser Beweisreihe nach Anleitung des Apostels genauer nachzudenken.

Des Knechte seid ihr, dem ihr d. h. weil ihr ihm gehorsam seid. Der Gehorsam liefert den Beweis dafür, dass der, welcher solchen Gehorsam erzwingt, ein Recht zum Befehlen hat. Sind wir Knechte der Sünde, so muss die Herrschaft wohl der Sünde zukommen. Oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit. Eine ungenaue Redeweise. Streng genommen hätte der Apostel sagen müssen: der Gerechtigkeit zum Leben. So erst wäre der Gegensatz scharf gewesen. Da aber der Gedanke auch so verständlich bleibt, wollte der Apostel mit dem Worte „Gehorsam“ zugleich daran erinnern, worin eigentlich die Gerechtigkeit besteht. „Gehorsam“ schlechthin, ohne genauere Bestimmung, kann dabei gesagt werden, weil die Gewissen zuletzt an Gott allein gebunden sind und es einen andern Gehorsam als gegen Gott schließlich nicht gibt.

V. 17. Gott sei aber gedankt usw. Der Apostel erinnert nicht einfach daran, dass die Christen nicht mehr Knechte der Sünde sind, sondern er fügt eine Danksagung hinzu, um einzuprägen, dass diese Veränderung nicht auf eignem Verdienst, sondern auf dem besonderen Erbarmen Gottes ruht. Solcher Dank soll uns Gottes Wohltat umso besser erkennen und deshalb die Sünde umso tiefer verabscheuen lehren. Nicht deshalb werden wir aus der Knechtschaft des Gesetzes entlassen, damit wir hinfort sündigen dürften. Denn das Gesetz verliert seine Herrschaft erst, wenn uns die Gnade Gottes, welche in uns Gerechtigkeit schaffen will, zu ihrem Eigentum nimmt. Deshalb können wir unmöglich der Sünde dienen, wenn Gottes Gnade in uns herrscht. Haben wir doch oben schon ausgesprochen, dass diese Gnade den Geist der Erneuerung in sich birgt.

Aber nun gehorsam geworden von Herzen usw. Damit enthüllt Paulus den Gegensatz zwischen dem äußerlich fordernden Buchstaben und dem verborgen wirkenden Geist. Es ist als wollte er sagen: Viel besser als das Gesetz mit seinem Drohen und Zwingen weiß Christus die Herzen innerlich zu gestalten. Er gestaltet sie, nicht, wie einige übersetzen, nach der Form, sondern nach dem Vorbild der Lehre. Damit ist das ausgeprägte Bild eines gerechten Lebens gemeint, welches Christus in unserm Herzen erweckt. Dies entspricht der Vorschrift des Gesetzes, nach welcher alle unsere Handlungen sich bilden müssen, wenn sie weder zur Rechten noch zur Linken abweichen sollen.

V. 18. Nun ihr frei geworden seid von der Sünde usw. Es ist ungereimt, nach der Freilassung noch im Stande der Knechtschaft zu verharren. Es gilt, den Stand der Freiheit, den wir empfangen haben, festzuhalten. Wer durch Christi Erlösung frei geworden ist, der darf sich nicht wieder unter die Herrschaft der Sünde zwingen lassen. Dieser Beweis ergibt sich aus der erfolgten Tatsache der Freilassung. Ein weiterer Beweis wird aus deren Zweck und Absicht hergeleitet: ihr seid von dem Sündendienst erlöst, um in das Reich der Gerechtigkeit versetzt zu werden; also müsst ihr die Sünde gänzlich vergessen und euren ungeteilten Sinn zur Gerechtigkeit kehren, unter deren Herrschaft ihr getreten seid. Hier lässt sich beobachten, dass niemand der Gerechtigkeit dienen kann, er wäre denn zuvor durch Gottes Macht und Gabe aus der Knechtschaft der Sünde erlöst. So bezeugt ja auch Christus selbst (Joh. 8, 36): „So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.“ Wie nichtig sind unsere Anstrengungen aus Kraft des freien Willens, wo doch die Grundlage alles Guten jene Freilassung ist, die allein Gottes Gnade vollbringt!

19 Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit willen eures Fleisches. Gleichwie ihr eure Glieder begeben habet zum Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der andern, also begebet auch nun eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden.

V. 19. Ich muss menschlich davon reden. Der Apostel will sagen: Wenn ich den Wert der Gerechtigkeit und der Sünde miteinander vergleichen wollte, so könnte ich zeigen, dass die Gerechtigkeit eine viel eifrigere Nachfolge verdient als die war, mit welcher wir uns an die Sünde hängten. Aber um eurer Schwachheit einigermaßen nachzugeben, will ich solchen Vergleich unterlassen. Indessen muss ich auch bei der äußersten Nachgiebigkeit die gewiss berechtigte Forderung stellen, dass ihr der Gerechtigkeit wenigstens nicht lauer und lässiger dienet als einst der Sünde. Immerhin bedeutet dieser ganze Einleitungssatz nur eine rednerische Form, welche den Anschein erweckt, als solle weniger gesagt werden wie nachher tatsächlich gesagt wird. Denn in Wirklichkeit will Paulus allerdings die Mahnung erteilen, dass wir der Gerechtigkeit um eben so viel eifriger gehorchen sollen, als sie unseres Dienstes würdiger ist als die Sünde.

Gleich wie ihr eure Glieder begeben habet usw. D. h. als ehemals alle eure Glieder zum Gehorsam der Sünde bereit standen, musstet ihr schmerzlich erfahren, wie die Verkehrtheit eures Fleisches euch gefangen und geknechtet hielt. Deshalb seid jetzt ebenso schnell und bereit, euch Gottes Herrschaft zu unterwerfen! Euer Eifer, Gutes zu tun, sei nicht geringer als einst euer Eifer, zu sündigen! – Der Gegensatz zwischen den beiden Reihen des Bösen und des Guten wird nicht scharf innegehalten. Doch ist der Sinn klar. In die erste Reihe setzt der Apostel zwei Stücke: Unreinigkeit und Ungerechtigkeit. Die erstere ist das Gegenteil von Keuschheit und heiligem Wandel (vgl. auch 1. Thess. 4, 7). Bei der andern haben wir an das Unrecht zu denken, welches man dem Nächsten zufügt. Dabei steht das Wort „Ungerechtigkeit“ zweimal in verschiedenem Sinne. Zuerst bezieht es sich auf Räuberei, Betrug, Meineid, überhaupt auf die verschiedenartigsten ungerechten Handlungsweisen im Einzelnen. Dann aber bezeichnet es den verderbten Gesamtzustand des Lebens. Es ist, als ob dastünde: Ihr habt eure Glieder dazu hergegeben, ungerechte Taten zu vollbringen -, deshalb musste die Ungerechtigkeit in euch das Regiment gewinnen. Gerechtigkeit bezeichnet demgegenüber Gesetz und Regel rechten Lebens, welche darauf zielt, dass wir heilig werden, d. h. uns dem reinen Dienste Gottes weihen.

20 Denn da ihr der Sünde Knechte waret, da waret ihr frei von der Gerechtigkeit. 21 Was hattet ihr nun zu der Zeit für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämet; denn ihr Ende ist der Tod. 22 Nun ihr aber seid von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden, habt ihr eure Frucht, dass ihr heilig werdet, das Ende aber das ewige Leben. 23 Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm Herrn.

V. 20. Da ihr der Sünde Knechte waret usw. Der Apostel wiederholt den bereits beschriebenen Unterschied zwischen dem Joch der Gerechtigkeit und der Sünde. Beide stehen in so scharfem Gegensatz, dass, wer der einen sich hingibt, der andern notwendig den Rücken kehren muss. Die Einzelbetrachtung, welche die Natur der Sünde und der Gerechtigkeit gesondert ins Auge fasst, lässt nun ein besonders scharfes Licht darauf fallen, was man von einer jeden erwarten kann und was aus ihr erwächst. Dabei wollen wir im Gedächtnis halten, dass der Beweis des Apostels sich auf die Hinstellung des Gegenteils gründet: Solange ihr der Sünde Knechte waret, da waret ihr frei von der Gerechtigkeit; jetzt aber seid ihr in umgekehrter Lage: ihr müsst der Gerechtigkeit dienen, weil ihr vom Joch der Sünde frei geworden seid.

Frei von der Gerechtigkeit ist, wer jeden Zügel des Gehorsams gegen die Gerechtigkeit abgeworfen hat. Solche Freiheit des Fleisches entfernt uns von Gottes Reich und lässt uns zum Eigentum des Satans werden. Elende und fluchwürdige Freiheit, welche mit zügellosen, rasenden Sprüngen in Verderben stürmt!

V. 21. Was hattet ihr nun zu der Zeit für Frucht? Eindrücklicher konnte der Apostel nicht sagen, was ihm am Herzen lag. Er greift seinen Lesern ans Gewissen und legt ihnen in den Mund, dass sie sich selbst ihrer vorigen Sünden schämen. Denn sobald die Frommen durch Christi Geist und die Predigt des Evangeliums erleuchtet werden, erkennen sie leicht ihr ganzes vergangenes Leben ohne Christus als verdammlich an. Es vergeht ihnen jede Entschuldigung, und Scham steigt auf. Ja, sie streichen die Erinnerung an diese ihre Schande geflissentlich nicht durch, um sich der wahren, schamhaften Demut vor Gott zu erhalten. Und nicht umsonst sagt der Apostel: Welcher ihr euch jetzt schämet. Damit erinnert er leise an die blinde Selbstliebe, in der wir wohl stecken mussten, da wir in der tiefen Finsternis der Sünde den gewaltigen Schmutz gar nicht bemerkten. Nur Gottes Licht kann unsere Augen öffnen und uns einen Blick in die unerkannte Verdorbenheit unseres Fleisches tun lassen. Der christlichen Lebensweisheit Anfang steht darin, dass wir ernstlich uns selbst missfallen und eine heilige Abscheu vor unserer Erbärmlichkeit fassen. Noch deutlicher zeigt ein Blick auf das Ende, wie sehr wir uns unserer Sünde schämen müssen: denn ihr Ende ist der Tod. Wir standen schon am Abgrund des Todes und des Verderbens, ja die Pforten des Todes würden sich schon hinter uns geschlossen haben, wenn Gottes Erbarmen uns nicht zurückgerissen hätte.

V. 22. Nun … habt ihr eure Frucht, dass ihr heilig werdet. Der doppelten Frucht der Sünde entspricht eine doppelte Frucht der Gerechtigkeit. Die Sünde zeitigt in diesem Leben die Qualen des bösen Gewissens, danach den ewigen Tod. Der Gerechtigkeit gegenwärtige Frucht ist die Heiligung, für die Zukunft erhoffen wir von ihr das ewige Leben. Der Blick auf diese Früchte wird bei einem nicht völlig abgestumpften Menschen Schauder und Hass gegen die Sünde und dagegen Liebe und Sehnsucht nach der Gerechtigkeit entzünden.

V. 23. Denn der Tod ist der Sünde Sold. Damit geißelt der Apostel die blinde Begierde, mit welcher die Sünder sich in die Lockspeise verbeißen wie der Fisch in die Angel. Wahrlich, eine reiche Löhnung, welche die Sünde den Verworfenen für ihre Dienste zahlt: der Tod! Unser Satz bildet den nachdrücklichen Abschluss des vorigen. Absichtlich sagt der Apostel mit veränderten Worten noch einmal dasselbe: Verdoppelte Furcht soll uns die Sünde umso verhasster machen. Aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben. Wie die Sünde den Tod gebiert, so bringt Gottes Gnadengabe, die Gerechtigkeit und Heiligkeit, das Glück des ewigen Lebens mit sich. Wie die Sünde zur Ursache des Todes wird, so gibt uns die Gerechtigkeit, mit welcher Christus uns beschenkt, das ewige Leben wieder. Der Ausdruck des Apostels weist mit voller Sicherheit darauf hin, dass unser Heil ganz auf Gottes freier Gnade und Gabe ruht. Paulus hätte ja auch sagen können: der Lohn der Gerechtigkeit sei das ewige Leben. Dann hätte sich eine vollkommene gegensätzliche Übereinstimmung der beiden Satzglieder ergeben. Aber es sollte noch deutlicher werden, dass das Mittel zur Erlangung des ewigen Lebens nicht unser Verdienst, sondern Gottes Gabe ist. Dahin weist auch der Zusatz: in Christus Jesus, unserm Herrn. Nicht in unserer Würdigkeit, sondern in ihm liegt der Grund der doppelten Gottesgabe: der Gerechtigkeit, mit der wir zur Versöhnung mit Gott bekleidet werden, und der Kraft des Geistes, welche unser Leben zu Heiligkeit erneuert.

Kapitel 7

1 Wisset ihr nicht, liebe Brüder (denn ich rede mit solchen, die das Gesetz wissen), dass das Gesetz herrscht über den Menschen, solange er lebt? 2 Denn ein Weib, das unter dem Manne ist, ist an ihn gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; so aber der Mann stirbt, so ist sie los vom Gesetz, das den Mann betrifft. 3 Wo sie nun eines andern Mannes wird, solange der Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin geheißen; so aber der Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, dass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes wird. 4 Also seid auch ihr, meine Brüder, getötet dem Gesetz durch den Leib Christi, dass ihr eines andern seid, nämlich des, der von den Toten auferweckt ist, auf dass wir Gott Frucht bringen.

Obgleich die Frage von der Abschaffung des Gesetzes hinreichend, wenn auch kurz, behandelt schien, so greift Paulus dieselbe doch noch einmal ausführlicher an. Denn sie ist an sich schwierig und birgt mancherlei weitere Fragen in sich. Des Weiteren zeigt der Apostel, wie das Gesetz zu unserm Besten abgeschafft ward: denn solange es uns, ohne Christi Gemeinschaft, gebunden hält, kann es nur Verdammnis bringen. Damit nun daraus dem Gesetz selbst kein Vorwurf erwachse, werden die entsprechenden fleischlichen Einwürfe abgewehrt. Bei dieser Gelegenheit empfangen wir eine ausgezeichnete Abhandlung über den rechten Gebrauch des Gesetzes.

V. 1. Wisset ihr nicht usw. Als feststehende Voraussetzung des Beweises gilt, dass das Gesetz lediglich gegeben sei, um das gegenwärtige Leben zu regeln, dass es also auf die Toten kein Anrecht mehr besitze. Darauf gründet sich dann der Untersatz: Wir aber sind durch den Leib Christi dem Gesetze abgestorben. Diesen Beweis hat der Apostel in die Form der Frage gekleidet, um die Zustimmung der Leser desto sicherer zu gewinnen. Kann er doch andeuten, dass, was er sagt, keinem unter ihnen etwas Neues und Unerhörtes, sondern etwas ganz Selbstverständliches ist: ich rede mit solchen, die das Gesetz wissen. Paulus kann voraussetzen, dass Kenner des Gesetzes ihm ohne weiteres Recht geben werden. Dabei könnte man an jegliches Gesetz denken: wirklich gemeint ist aber das Gesetz Gottes, um welches sich ja die ganze Frage dreht. Einige meinen nun, Paulus schreibe den Römern eine Kenntnis des Gesetzes zu, weil ihre Herrschaft und ihr Recht fast den ganzen Erdkreis umspannte. Doch das ist töricht. Denn Paulus redet teils zu Juden und andern Fremden, teils zu niedrig gestellten und unbekannten Leuten. Hier nimmt er nun vornehmlich Rücksicht auf die Juden, mit denen die Frage nach der Abschaffung des Gesetzes natürlich in erster Linie zur Verhandlung kommen musste. Sie sollen nicht durch irgendeine undurchsichtige Beweisführung gefangen, sondern auf den Grund eines, allgemein bekannten und ihnen von Kindheit an, geläufigen Satzes gestellt werden.

V. 2. Denn ein Weib, das unter dem Manne ist usw. Dies Gleichnis soll beweisen, dass wir vom Gesetz so völlig frei sind, dass seine Herrschaft und sein Anrecht uns weiter nicht bindet. Dafür passte das Bild der Ehe vortrefflich. Freilich könnte man sich daran stoßen, dass die einzelnen Glieder des Gleichnisses und seiner Deutung nicht scharf aufeinander passen. Streng genommen hätte es heißen müssen: das Weib wird durch den Tod des Mannes vom Bande der Ehe frei: Nun ist das Gesetz, an welches wir wie an einen Ehegatten gebunden waren, für uns gestorben -, also stehen wir nicht mehr unter seiner Macht. Aber diesen harten Ausdruck, das Gesetz sei gestorben, wollte der Apostel den Juden lieber ersparen. So wendet er in etwas die Redeweise und sagt: wir sind dem Gesetz gestorben. Demgemäß ergibt sich folgende Beweiskette:

Die Frau ist gesetzmäßig an den Mann gebunden, solange derselbe lebt, und darf sich nicht einem andern ergeben. Nach dem Tode des Mannes ist sie von der gesetzlichen Pflicht gegen ihn frei und darf mit einem beliebigen andern Mann eine neue Ehe schließen.

Daraus die Anwendung:

Wenn übrigens Paulus von Abschaffung des Gesetzes redet, so denkt er nur an diejenige Seite desselben, welche mit dem Dienste des Mose im eigentlichen Sinne zusammenhängt. Insofern Gott in den 10 Geboten unserm Leben eine Regel gab, kann von Abschaffung des Gesetzes keine Rede sein. Von der Gerechtigkeit, welche das Gesetz lehrt, werden wir unter keinen Umständen frei, sondern nur von der drohenden Forderung und dem darauf folgenden Fluch. Vom Gesetz fällt nur, was der in Christus geschenkten Freiheit zuwider ist.

V. 4. Durch den Leib Christi. Christus hat durch das hocherhobene Siegeszeichen des Kreuzes über die Sünde triumphiert. Dies konnte aber nur so geschehen, dass die Handschrift, die uns verschuldet hielt, zerrissen ward. Diese Handschrift ist das Gesetz, welches, solange seine Herrschaft währt, uns in der Schuldhaft der Sünde festhält. Deshalb heißt es die Kraft der Sünde (1. Kor. 15, 56). Diese Handschrift ist nun vernichtet, und wir sind frei; sie wurde mit Christi Leib ans Kreuz geheftet (Kol. 2, 14). – Doch der Gedanke des Apostels vollzieht noch einen weiteren Fortschritt: Nicht deshalb ward das Band des Gesetzes gelöst, damit wir nun nach unserm eignen Willen leben könnten, wie die Witwe ihre eigne Herrin ist, solange sie ehelos bleibt. Vielmehr sind wir bereits an einen andern Mann gebunden; wir sind von einer Hand in die andere gegangen, vom Gesetz zu Christus gekommen. Auf diese Weise mildert sich die Härte des Gedankens: Frei vom Joch des Gesetzes hat uns Christus doch nur deshalb gemacht, um uns als Glieder in seinen Leib zu pflanzen. Nun hat Christus sich zwar dem Gesetz auf Zeit freiwillig unterworfen, aber das Gesetz konnte nicht in Wirklichkeit sein Herr werden. So teilt er die ihm eigne Freiheit auch seinen Gliedern mit. Es begreift sich leicht, dass er diejenigen dem Joche des Gesetzes entnimmt, welche er durch ein heiliges Band an sich bindet, damit sie mit ihm zusammen ein Leib seien.

Der von den Toten auferweckt ist. Dass Christus an die Stelle des Gesetzes tritt, haben wir schon gesagt: außerhalb seiner Gemeinschaft darf man keine Freiheit suchen, und den Ehebund mit dem Gesetz darf niemand brechen, der sich selbst noch nicht gestorben ist. Übrigens stellt uns der Apostel durch eine Umschreibung die Ewigkeit des Lebens vor Augen, welches Christus durch die Auferstehung erlangt hat. So sollen die Christen wissen, dass ihr Ehebund in Ewigkeit währt. Ausführlicher handelt Eph. 5, 22 ff. über die geistliche Ehe Christi mit der Gemeinde.

Auf dass wir Gott Frucht bringen. Immer wieder bringt Paulus den Zweck der Erlösung zum Ausdruck, damit niemand die Befreiung von der Knechtschaft des Gesetzes zum Anlass nehme, der Zügellosigkeit des Fleisches und den Begierden nachzugeben. Denn Christus hat uns mit sich dem Vater geopfert, und er schenkt uns deshalb ein neues Leben, damit wir Gott Frucht bringen. Wir kennen die Früchte, welche der himmlische Vater an uns sucht, nämlich die der Heiligkeit und Gerechtigkeit. Dass wir dem Herrn dienen, schmälert unsere Freiheit nicht. Vielmehr, wenn wir den vollen Genuss von Christi Wohltat erleben wollen, muss unser ganzer Sinn auf die Förderung der Ehre Gottes gerichtet sein, um derentwillen Christus uns zu eigen genommen hat. Sonst bleiben wir Knechte, nicht bloß des Gesetzes, sondern der Sünde und des Todes.

5 Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen. 6 Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also dass wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

V. 5. Denn da wir im Fleisch waren. Der Gegensatz zeigt noch deutlicher, wie töricht die fanatischen Ansprüche sind, mit welchen die Gläubigen noch immer unter dem Gesetze sollen festgehalten werden. Denn solange der gesetzliche Buchstabendienst ohne Christi Geist lebt und herrscht, werden die Lüste des Fleisches nicht eingedämmt, sondern brechen immer stärker hervor. Das Königreich der Gerechtigkeit wird erst aufgerichtet, wenn Christus die Sklaverei unter dem Gesetz bricht. Zugleich lässt uns Paulus ersehen, welche Werke denen ziemen, die vom Gesetz frei geworden sind: Gesetzesknechtschaft führt zum Tode, der Dienst der Gerechtigkeit zum Leben. Doch halten wir uns genau an die Worte des Apostels! Wenn er die Zeit beschreiben will, da wir noch unter der Herrschaft des Gesetzes standen, sagt er: Wir waren im Fleische. Daraus wird klar, dass alle, welche unter dem Gesetz sind, nur äußerlich durch den Geist desselben berührt werden; eine innere Frucht und Wirkung wird nicht erzielt. Denn es fehlt der innerliche Anteil am Geist Gottes. Solche Leute bleiben im Innersten sündhaft und verkehrt, bis ein besseres Heilmittel ihre Krankheit vertreibt. Beachtenswert erscheint diese geläufige Redeweise der Schrift, laut welcher alle diejenigen „im Fleische“ sind, welche nur die Gaben der Natur besitzen, aber noch nicht die besondere Gnade, welche Gott seinen Auserwählten schenkt. Wenn der ganze Zustand unseres Lebens in dieser Weise von Sünde durchtränkt ist, so bleibt von Natur kein Teil unserer Seele unberührt, und der freie Wille kann keine andere Fähigkeit besitzen, als in alle Teile unseres inneren Lebens sündige Begierden wie Pfeile zu schießen.

Die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten. Das Gesetz steigerte nur die sündlichen Begierden, welche ihren Samen ringsum in die Seele streuten. Alles an uns diente der bösen Lust. Solches schafft das Gesetz, wenn nicht die innere Leitung durch den Geist hinzukommt; es erregt die Begierden des Herzens, so dass sie nur lebhafter aufquillen. Und der Apostel fügt noch einmal hinzu, dass, solange die sündlichen Lüste unter dem Gesetz uns beherrschen, nichts erreicht wird, als dass wir dem Tode Frucht bringen. So wenig vermag das Gesetz für sich allein. Welche Torheit also, sich und andere von neuem unter dieses Joch zu beugen!

V. 6. Nun aber sind wir vom Gesetz los. Vermochte das Gesetz so wenig das Fleisch zu zügeln, dass es sogar die Sünde noch mehr reizte, so mussten wir von ihm befreit werden, wenn anders die Sünde gebrochen werden sollte. Sind wir aber von der Gesetzesknechtschaft befreit, um Gott zu dienen, so ist es falsch, aus der Erlösung eine Freiheit zum Sündigen abzuleiten, und eine verkehrte Rede, wenn man sagt, dass die Gnade den Zügel der bösen Lust locker mache. Wir prägen uns vielmehr ein, dass die Befreiung vom Gesetz lediglich so stattfindet, dass auf der einen Seite das harte Drängen und der Fluch dahin fällt, auf der andern Seite aber Gottes Geist uns zum Wandel in seinen Wegen leitet. Und ihm abgestorben. Diese Wendung beschreibt die Weise unserer Erlösung vom Gesetz: Es kann uns mit seiner Last nicht mehr drücken, weder mit seiner unerbittlichen Strenge, noch mit seinem Fluch.

Im neuen Wesen des Geistes. Der Geist ist das Widerspiel des Buchstabens; denn ehe der Heilige Geist unsern Willen nach Gottes Willen bildete, haben wir am Gesetz lediglich einen äußerlichen Buchstaben, welcher vielleicht den äußerlichen Handlungen einen Zügel anlegen, aber keineswegs die brennende Begierde in Schranken halten kann. Ein „neues“ Wesen wird dem Geiste beigemessen, weil das Geistesleben an die Stelle des alten Menschen tritt. So spricht Paulus auch vom alten Wesen des Buchstabens, weil die Erneuerung des Geistes dasselbe zerstört.

7 Was wollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht, außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: „Lass dich nicht gelüsten!“ 8 Da nahm aber die Sünde Ursache am Gebot und erregte in mir allerlei Lust.

V. 7. Was wollen wir denn nun sagen? Da wir soeben vernahmen, dass eine Erlösung vom Gesetz stattfinden muss, wenn anders der neue Gottesdienst im Geiste zustande kommen soll, so könnte es scheinen, als wäre das Gesetz an sich fehlerhaft, wenn es uns gewissermaßen zur Sünde treibt. Solcher Gedanke wäre nun über die Maßen abgeschmackt und muss gänzlich abgeschüttelt werden. Die Frage, ob das Gesetz Sünde sei, hat den Sinn: ob es in einer solchen Weise Sünde hervorbringt, dass die Schuld davon auf das Gesetz selbst zurückfalle?

Aber die Sünde erkannte ich nicht usw. Also hat die Sünde ihren Sitz in uns, nicht im Gesetz. Denn sie geht aus der bösen Lust hervor, und diese lernen wir erst durchschauen, wenn uns das Gesetz Gottes Gerechtigkeit klar enthüllt. Natürlich muss man nicht glauben, dass, abgesehen vom Gesetz, die Menschen den Unterschied von Gut und Böse überhaupt nicht kennen. Doch sind wir so schwachsichtig, dass unser verkehrtes Wesen uns nur zu leicht verborgen bleibt, und unsere Selbstbespiegelung lässt uns immer stumpfer werden. Denn ich wusste nichts von der Lust usw. Diese Aussage dient zur Erläuterung des vorigen Satzes: dass der Mensch die Sünde nicht kannte, lag darin, dass er seine böse Lust nicht durchschaute. Bei dieser Wurzel der Sünde verweilt der Gedanke noch etwas, weil hier die Heuchelei und mit ihr Nachlässigkeit und Trägheit am leichtesten Eingang findet. Gegenüber den äußeren Werken begibt man sich ja nicht so schnell des Urteils. Selbst verbrecherische Anschläge und dergleichen Absichten erscheinen den Menschen verdammenswert, und umgekehrt empfängt ein guter Wille sein Lob. Aber der Fehler der bösen Lust sitzt tiefer und verborgener. Darum kommt er den Menschen nicht in den Sinn, solange sie nach ihrem eigenen Maßstabe urteilen. Allerdings will Paulus nicht sagen, dass ihm dieser Fehler überhaupt nicht bewusst gewesen sei, sondern nur, dass seine allzu große Nachsicht gegen sich selbst des im Herzen verborgenen Schadens nicht geachtet habe. Zuzeiten lebte er in der Selbsttäuschung, gerecht zu sein trotz der bösen Lust. Endlich musste er doch seine Sündhaftigkeit erkennen, als er sah, dass das Gesetz die Lust verbietet, von welcher doch niemand frei ist. Augustin sagt, dass Paulus in diesem einen Gebot das ganze Gesetz mit begriffen habe. Das ist richtig, wenn man es recht versteht. Denn das Gebot der Lust, welches die zweite Tafel von den Pflichten gegen den Nächsten abschließt, will ohne Zweifel auf alle zuvor gegebenen Einzelgebote bezogen sein. Freilich liegt auch schon in den Einzelgeboten jedes Mal ein entsprechendes Verbot böser Erwägungen und Absichten in dem bezeichneten Stücke. Aber zwischen einem bewussten Willen und den Lustregungen, die uns durchzittern, ist doch noch ein Unterschied. So fordert denn dieses letzte Gebot ausdrücklich eine solche Vollkommenheit, die – noch ganz abgesehen von der Zustimmung des Willens – jedes Aufsteigen einer verkehrten Lust zum Bösen ausschließt. So erhebt sich Paulus mit diesem letzten Gebot über alle gemeinen Begriffe der Menschen. Mögen bürgerliche Gesetze zuweilen aussprechen, dass sie die Absicht und nicht den Erfolg einer Handlung ins Auge fassen. Mögen Philosophen noch feiner den Sitz des Lasters und der Tugend im Gemüte finden: Gott dringt mit diesem Gebot bis zur letzten Regung der Lust hindurch, welche noch hinter dem Willen steht, und welche deshalb nicht für sündhaft gehalten zu werden pflegt. Auch die Papisten lehren ja, dass der Wiedergeborene sündlos sei, weil sie eben die auch ihm anhaftende böse Lust nicht als Sünde gelten lassen. Paulus dagegen erklärt, dass gerade diese verborgene Krankheit ihn seiner Schuld überführt habe. Darauf folgt, dass, die an dieser Krankheit leiden, unentschuldbar sind, wenn nicht Gott ihre Schuld verzeiht. Immerhin bleibt noch jener Unterschied bestehen zwischen bösen Begierden, welche bis zur Zustimmung des Willens sich auswachsen, und der Lust, welche das Herz durchzieht und berührt, dann aber auf halbem Wege stehen bleibt.

V. 8. Da nahm aber die Sünde Ursache usw. Der wirkliche Ursprung alles Bösen liegt in der Sünde und der Verderbnis des Fleisches. Das Gesetz bietet nur weitere Ursache und Anlass zum Hervorbrechen. Dabei ließe sich möglicherweise an den tatsächlichen Anreiz denken, mit welchem das Gesetz unsere Lust bis zu wahnsinnigem Widerspruch steigert. Besser aber bezieht man den Ausspruch nur auf die Erkenntnis der Sünde: Das Gesetz deckte in mir die Lust auf, welche, solange sie zugedeckt blieb, kaum zu existieren schien. Ich will zwar durchaus nicht leugnen, dass das Fleisch sich durch das Gesetz zu entschiedener widerstrebender Lust angestachelt fühlt. Auch Paulus hat davon eine Erfahrung besessen. Aber was ich bezüglich der klareren Offenbarung für die Erkenntnis gesagt habe, dürfte doch besser in den Zusammenhang passen. Denn nun fährt Paulus fort:

8 Denn ohne Gesetz ist die Sünde tot. 9 Ich aber lebte weiland ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig, 10 ich aber starb; und es fand sich, dass das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. 11 Denn die Sünde nahm die Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbe Gebot. 12 Das Gesetz ist ja heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut.

Denn ohne Gesetz ist die Sünde tot. Dieser Satz macht den Sinn der bisherigen Ausführungen vollends klar. Paulus hätte auch schreiben können: ohne das Gesetz liegt die Erkenntnis der Sünde begraben. Wir haben hier einen allgemeinen Grundsatz, welcher alsbald durch das eigene Beispiel des Paulus einen Beleg empfängt. Man darf also durchaus nicht in der Vergangenheitsform übersetzen: „war“ die Sünde tot. Denn offensichtlich ist hier die Rede noch allgemein und geht nun erst zu dem besonderen persönlichen Beispiel über:

V. 9. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Paulus will zu verstehen geben, dass es eine Zeit gab, zu welcher die Sünde in ihm wie erstorben war. Nicht als ob zu irgendeiner Zeit er tatsächlich über das Gesetz erhaben gewesen wäre -, vielmehr hat das „ich lebte“ einen eigenen Beigeschmack. Dieses „Leben“ ging daraus hervor, dass für ihn das Gesetz nicht vorhanden war. D. h. trotz seines inneren Todes spiegelte ihm das hochmütige Selbstvertrauen auf seine Gerechtigkeit vor dass er lebe. Um deutlicher zu sein, muss der Satz folgendermaßen aufgelöst werden: Als ich einst ohne Gesetz war, da lebte ich. Der Sinn ist: Wenn ich auch, solange ich die Erkenntnis des Gesetzes beiseite schob, in Sünden steckte, so war doch die für nichts geachtete Sünde dermaßen eingeschlafen, dass sie fast tot schien. Ich aber, da ich mich nicht für einen Sünder hielt, hatte Ruhe in mir und meinte Leben zu besitzen. Denn der Tod der Sünde bedeutet Leben für den Menschen, und wiederum bedeutet ein Lebendigwerden der Sünde für den Menschen Tod. – Nun fragt sich aber, welches die Zeit war, während welcher Paulus kraft seiner Unkenntnis oder (wie er selbst sagt) der Abwesenheit des Gesetzes kühnlich glaubte, Leben zu besitzen? Denn er wurde doch ohne Zweifel von Jugend auf im Gesetz unterwiesen. Doch das war nur eine Wissenschaft des Buchstabens, welche ihre Jünger nicht in die Demut leitete. So heißt es ja auch 2. Kor. 3, 14, auf der Juden Augen habe eine Decke gelegen, so dass sie das Licht des Gesetzes nicht sehen konnten. In dieser Weise waren die Augen des Paulus gehalten, solange er Christi Geist noch nicht besaß, so dass er an seiner Maske äußerlicher Gerechtigkeit Gefallen haben konnte. Das Gesetz war ihm fern, obgleich er es vor Augen hatte; denn es traf sein Herz nicht mit einer Empfindung des göttlichen Gerichts. So sind die Augen der Heuchler verbunden, dass sie nicht sehen, was das Gebot will: „Lass dich nicht gelüsten!“

Da aber das Gebot kam usw. D. h. da ich eine wahre Einsicht in seine Bedeutung erlangte. Jetzt erweckte das Gesetz die Sünde gleichsam aus dem Tode. Denn es deckte die Finsternis der verborgenen Winkel seines Herzens auf und tötete damit ihn selbst.

V. 10. Und es fand sich usw. Zweierlei lehrt dieser Satz. Erstens: das Gesetz zeigt uns den Weg des Lebens in Gottes Gerechtigkeit. Es ist gegeben, die, welche es halten, zum ewigen Leben zu leiten; und es würde dies Ziel erreichen, wenn ihm nicht die allgemeine Sündhaftigkeit im Wege stünde. Darum zweitens: weil keiner unter uns dem Gesetz gehorcht, vielmehr wir alle mit Händen und Füßen auf den Weg drängen, von welchem es uns abhalten will, so kann das Gesetz tatsächlich nur den Tod bringen. Es gilt also, wohl zu unterscheiden, was aus der Natur des Gesetzes und was aus unserer Sündhaftigkeit sich ergibt. Daraus folgt, dass es nur eine Nebenwirkung ist, wenn das Gesetz uns die Todeswunde schlägt, so wie etwa eine unheilbare Krankheit durch ein an sich gutes Mittel verschlimmert werden kann. Freilich ist diese Nebenwirkung unlöslich mit dem Gesetz verknüpft, so dass es im Gegensatz zum Evangelium ein „Amt des Todes“ heißen kann (2. Kor. 3, 7). Dies aber bleibt bestehen, dass das Gesetz nicht vermöge seiner Natur uns schadet, sondern weil unsere Verkehrtheit seinen Fluch verdient und herbeizieht.

V. 11. Die Sünde betrog mich. Es ist zwar richtig, dass die Menschen längst betrogen sind und ihr ganzes Leben ein Irrweg ist, weil sie Gottes Willen nicht kennen und ihnen die Erleuchtung der Wahrheit fehlt. Aber dieser Betrug der Sünde wird erst durch das Gesetz deutlich enthüllt, wenn der Herr uns mit vernehmlicher Stimme anruft. Es ist also wiederum nicht an die Sache selbst, sondern nur an die Erkenntnis zu denken. „Betrügen“ könnte man umschreiben: vom Wege aufschrecken und abdrängen. Den einst in Sicherheit dahingehenden Sünder packt ein Ekel vor sich selbst, wenn das Gesetz ihm die Hässlichkeit seines Wesens zeigt. Nun sieht er, dass sein Weg schnurstracks ins Verderben führt. Bei dieser Gelegenheit wiederholt (vgl. V. 8) Paulus den Ausdruck: Die Sünde nahm die Ursache. So wird uns noch einmal eingeprägt: Dass das Gesetz zum tödlichen Gift geworden, liegt nicht in seiner Natur, sondern in Umständen, die von außen hinzukamen.

V. 12. Das Gesetz ist ja heilig usw. Nachdrücklich steht zuerst „das Gesetz“, dann noch einmal „das Gebot“. Das Gesetz selbst und alle seine Vorschriften sind durch und durch heilig, und man muss ihm die tiefste Ehrfurcht entgegenbringen. Es ist recht: also darf man keine Ungerechtigkeit darin finden wollen. Es ist gut: also von jedem Fehler frei und rein. So hält der Apostel jeden Vorwurf vom Gesetz fern: Niemand darf Gottes Gesetz anklagen, wenn ihm selbst Güte, Gerechtigkeit und Heiligkeit mangelt.

13 Ist denn, das da gut ist, mir zum Tod geworden? Das sei ferne! Aber die Sünde, auf dass sie erscheine, wie sie Sünde ist, hat sie mir durch das Gute den Tod gewirkt, auf dass die Sünde würde überaus sündig durchs Gebot.

V. 13. Ist denn, das das gut ist usw. Die bisherige Verteidigung des Gesetzes ließ den einen Punkt noch im Unklaren, ob dasselbe nicht doch die Ursache des Todes sei. Gegen diesen Einwand wendet sich der Apostel jetzt und zeigt, dass das Gesetz den Tod nicht hervorbringt, sondern der Sünde nur den Anlass bietet, uns in den Tod zu stürzen. Indessen scheint diese Auskunft in Widerspruch mit der früheren Aussage zu stehen (V. 10): „Es fand sich, dass das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war.“ Doch es scheint nur so. Denn damals meinte der Apostel, dass unsere Verkehrtheit uns das Gesetz gegen seine eigene Natur zum Verderben gebrauchen lässt. Und hier bestreitet er, dass es in einer solchen Weise die Grundlage des Todes sei, dass die Schuld im strengen Sinne ihm zufalle. Allerdings nennt Paulus 2. Kor. 3, 7 das Gesetz ungescheut eine Veranstaltung zum Tode. Aber er nennt es so, wie dies der Verlauf eines Disputs leicht mit sich bringt, nicht in Anbetracht seiner eignen Natur, sondern in Rücksicht auf die falsche Meinung des Gegners.

Aber die Sünde usw. Bevor das Gesetz die Sünde aufdeckt, erfährt diese gewissermaßen noch eine Rechtfertigung. Wenn aber das Gesetz sie unverhüllt zeigt, erscheint sie wahrhaft als Sünde. Und sie erscheint umso abscheulicher und, dass ich das Wort gebrauche, sündiger, weil sie die Güte des Gesetzes in ihr Gegenteil verkehrt und zu unserm Verderben wendet. Denn ein Gegenstand, der ein an sich heilsames Ding in Gift verwandelt, muss schon stark gifthaltig sein. Der Sinn ist: es musste durch das Gesetz die Scheußlichkeit der Sünde enthüllt werden; denn wenn die Sünde nicht völlig zur Reife getrieben wird, erkennt man sie nicht als Sünde. Hier verwandelt nun gar das Übermaß der Sünde Leben in Tod. Damit fällt jede Entschuldigung.

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich bin aber fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern, was ich hasse, das tue ich. 16 So ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut sei. 17 So tue nun ich dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

V. 14. Denn wir wissen, dass das Gesetz usw. Damit stellt der Apostel das Gesetz und die menschliche Natur noch schärfer einander gegenüber, um noch deutlicher zu machen, woher der verhasste Tod stammt. Dann stellt er uns das Beispiel eines sogar bereits wiedergeborenen Menschen vor Augen: in demselben streiten die Reste des Fleisches noch immer wider Gottes Gesetz, wenn auch der Geist demselben gern gehorcht. Doch zunächst handelt es sich lediglich um den Kontrast unserer Natur und des Gesetzes. Nichts in der Welt kann härter miteinander streiten als Geist und Fleisch. Nun ist aber das Gesetz geistlich, der Mensch fleischlich. Beides ist ebenso widereinander wie Licht und Finsternis. „Geistlich“ heißt nun das Gesetz nicht bloß darum, weil es außer Händen und Füßen und äußerlichen Werken die Regungen des Geistes und Herzens beherrschen und eine innerlich aufrichtige Furcht Gottes einprägen will. Vielmehr will der Apostel einen viel durchgreifenderen Gegensatz von Geist und Fleisch bilden. Der Zusammenhang und frühere Stellen zeigen, dass unter „Fleisch“ die gesamte Natur verstanden werden soll, die wir von Mutterleibe her an uns tragen. So, wie die Menschen geboren werden und ihren Geist und Sinn behalten, so sind sie „Fleisch“. Denn dieser Sinn des Fleisches ist nur auf grobsinnliche, irdische Dinge gerichtet. „Geist“ ist dagegen die Erneuerung der verderbten Natur, welche Gott nach seinem Bilde gestaltet. Dieser Sprachgebrauch schreibt sich daher, weil Gottes Geist die Erneuerung bewirkt. So steht die göttliche Vollkommenheit der Lehre des Gesetzes der Natur des Menschen gegenüber. Und der Sinn ist: das Gesetz fordert eine überirdische, himmlische Gerechtigkeit ohne Makel und Flecken; ich aber als fleischlicher Mensch vermag nichts, als mich damit in Widerspruch zu setzen!

Unter die Sünde verkauft. Dieser Ausdruck zeigt, was das Fleisch in sich selbst vermag. Von Natur ist der Mensch ganz ebenso ein Knecht der Sünde, wie erkaufte Sklaven ihrem Herrn gehören und von demselben genau wie Ochsen und Esel nach Belieben missbraucht werden. So hängen wir ganz vom Willen der Sünde ab: der ganze Sinn, das ganze Herz, alle einzelnen Handlungen stehen unter ihrer Herrschaft. Nur von Zwang und Widerwilligkeit ist bei dieser angebornen Knechtschaft keine Rede: denn wir sündigen aus freien Stücken, die eigne Beteiligung des Willens gehört zum Begriff der Sünde. Aber wir sind derartig in der Sünde verfangen, dass unser freier Wille gar nicht anders kann als sündigen: dahin treibt uns die böse Verkehrtheit, welche in uns die Herrschaft führt.

V. 15. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Jetzt wendet sich der Apostel zu dem besonders eindrücklichen Beispiel des bereits wiedergeborenen Menschen, welches uns zwei Stücke ganz anschaulich vor Augen stellt: wie groß der Gegensatz zwischen dem Gesetz Gottes und der Natur des Menschen ist, und dass das Gesetz keineswegs die Schuld am Tode trägt. Wenn den natürlichen Menschen die böse Lust unter voller freudiger Beteiligung seines Willen zur Sünde treibt, so entsteht der Anschein, er sündige mit einem derartig freien Willen, dass er es auch in der Macht habe, sich zurückzuhalten. So ist ja auch ganz allgemein die verderbliche Ansicht aufgekommen, dass der Mensch ohne Hilfe der göttlichen Gnade vermöge seiner natürlichen Veranlagung zwischen Gut und Böse wählen könne. Dagegen, wenn der Wille des gläubigen Menschen durch den Geist Gottes zum Guten getrieben wird, so drängt sich die Verderbtheit unserer Natur der Erkenntnis förmlich auf: denn diese Natur widerstrebt noch immer und sucht den Menschen nach der andern Seite zu ziehen. So enthüllt der Blick auf den wiedergeborenen Menschen den Widerstreit zwischen unserer Natur und der vom Gesetz geforderten Gerechtigkeit am schärfsten. Auch für das zweite Stück liegt hier ein deutlicherer Beweis, als wenn wir nur die Natur des Menschen an sich ins Auge fassen wollten. Denn weil bei dem noch ganz fleischlichen Menschen das Gesetz nur Tod hervorbringt, so fällt von hier aus auf dasselbe leicht ein falscher Schein: der letzte Ursprung des Schadens lässt sich nicht ohne weiteres unterscheiden. Im wiedergeborenen Menschen aber zeitigt das Gesetz heilsame Früchte: so wird klar, dass nur das Fleisch seine Leben bringende Wirkung hemmte, und dass es aus sich selbst durchaus nicht den Tod hervorbringt. Um aber die ganze zur Verhandlung stehende Frage in gesundem und richtigem Sinne aufzufassen, müssen wir feststellen, dass jener innere Kampf, von welchem der Apostel redet, nicht eher im Menschen anhebt, als bis der Geist Gottes ihn geheiligt hat. Denn der seiner Natur überlassene Mensch wird ohne inneren Widerstreit durch seine Lüste umgetrieben. Immerhin fühlen auch die Gottlosen den Stachel des Gewissens und können sich in ihren Fehlern nicht derartig schmeicheln, dass ihnen jeder bittere Nachgeschmack erspart bliebe. Aber daraus lässt sich doch nicht schließen, dass sie das Böse wirklich hassen und das Gute wirklich lieben. Gott sendet ihnen solche Qual nur, um sie ihre Verdammnis einigermaßen fühlen zu lassen, nicht um in ihnen Liebe zur Gerechtigkeit oder Hass gegen die Sünde zu erwecken. Zwischen ihnen und den Frommen besteht also folgender Unterschied: die Gottlosen sind niemals so blind und verhärtet in ihrem Sinn, dass ihr eignes Gewissen nicht zustimmen müsste, wenn man ihnen ihre Untaten vorhält. Es ist ja nicht jede Einsicht in den Unterschied von Gut und Böse erloschen. Zuweilen packt sie sogar ob des Gefühls ihrer Bosheit ein Schauder, und sie empfangen schon in diesem Leben einen Vorgeschmack der Verdammnis. Trotzdem haben sie ein ungebrochenes Wohlgefallen an der Sünde, und sie hegen dieselbe ohne wirklichen Widerstreit ihres Gefühls. Ihre Gewissensbisse entspringen mehr dem Widerspruch gegen das Gericht als aus einer innerlich widerstrebenden Willensrichtung. Die Frommen dagegen, in welchen die Erneuerung aus Gottes Kraft begonnen hat, sind innerlich in der Weise geteilt, dass die eigentliche Sehnsucht ihres Herzens zu Gott aufstrebt, die himmlische Gerechtigkeit sucht und sich hasserfüllt wider die Sünde kehrt; aber die Reste ihres fleischlichen Wesens ziehen sie wieder zur Erde zurück. In diesem inneren Kampfe tun sie deshalb ihrer Natur Gewalt an und erleiden umgekehrt Gewalt von ihr. Denn, dass sie die Sünde verwerflich finden, entspringt nicht bloß dem Urteil ihrer Vernunft, sondern kommt daher, dass sie dieselbe von ganzem Herzen hassen und sich in derselben missfallen. Das ist der Kampf des Christen, welchen Paulus Gal. 5, 17 beschreibt, der Kampf zwischen Geist und Fleisch. Demgemäß ist es recht geredet, dass der natürliche Mensch mit voller Zustimmung und Einwilligung des Gemüts sich in die Sünde stürzt, und dass der innere Zwiespalt erst anhebt, wenn die Berufung Gottes und die Heiligung durch seinen Geist einsetzt. Denn die Erneuerung geschieht in diesem Leben nur anfangs weise: ein Überrest des Fleisches bleibt, folgt immer seinen Begierden und erregt dadurch den Kampf wider den Geist. Unerfahrene Leute freilich, welche nicht beachten, welche Frage der Apostel erörtert und welche Ordnung sein Gedankengang einhält, lassen ihn hier die Natur des Menschen beschreiben. Nun findet sich ja eine derartige Beschreibung des menschlichen Geistesvermögens bei den Philosophen. Aber die Schrift hegt viel tiefere Gedanken; sie weiß, dass im Herzen des Menschen nur verkehrtes Wesen blieb, seit Adam das Ebenbild Gottes verlor. Die römischen Kirchenlehrer berufen sich auf unsere Stelle, wenn sie den freien Willen erläutern und die Kraft unserer Natur klarmachen wollen. Aber Paulus redet gar nicht von der bloßen Natur des Menschen, sondern beschreibt an dem Beispiel seiner eigenen Person Art und Umfang der Schwachheit der Gläubigen. Ich lege ein starkes Gewicht darauf, diese Tatsache festzustellen.

Ich weiß nicht. Dieser Ausdruck will besagen, dass Paulus die Taten, welche ihm die Schwachheit seines Fleisches aufdrängt, nicht als die seinen anerkennt; denn er hasst sie. Man könnte fast übersetzen: Ich billige nicht, was ich tue. Wir sehen also, dass die Lehre des Gesetzes in einem solchen Grade bei einem gesunden Urteil Zustimmung findet, dass die Gläubigen eine Übertretung des Gesetzes als etwas ganz Unerhörtes empfinden. Dabei versteht Paulus unter Gesetzesübertretung jeden Fehler der Frommen, neben welchem doch die Furcht Gottes und die allgemeine Absicht, gut zu handeln, noch bestehen bleibt. Er sagt: Ich tue nicht, was das Gesetz und was eigentlich auch ich selbst will -, weil er nicht alles vollkommen erfüllt, sondern mitten auf gutem Wege oft müde wird.

Denn ich tue nicht, was ich will. Das will nicht so verstanden sein, dass Paulus zu keiner Zeit habe irgendetwas Gutes ausrichten können. Vielmehr klagt er nur darüber, dass er nicht ausführen kann, was er sich vorsetzt, d. h. dass ihm die ersehnte Leichtigkeit fehlt, Gutes zu tun, weil er sich sozusagen gebunden sieht; und auf der andern Seite, dass er einen Fall tut, wo er nicht will, weil er vermöge der Schwachheit des Fleisches nur hinken kann. Eine fromme Seele tut das Gute nicht, das sie will, weil ihr die gehörige Festigkeit fehlt; sie tut das Böse, das sie nicht will, weil sie gern stehen möchte und doch zum Fallen oder wenigstens ins Wanken kommt. Also dieses „Wollen“ und „Nichtwollen“ schreibt Paulus dem Geiste zu, der in den Gläubigen die Führung hat. Freilich besitzt auch das Fleisch seinen „Willen“. Aber als Willen im eigentlichsten Sinne bezeichnet der Apostel nur das, worein er die entscheidende Zustimmung des Herzens legte. Was damit streitet, davon sagt er, dass er es nicht wolle. Aus alledem wird noch einmal deutlich, was wir schon ausführten, dass dem Paulus hier die Gläubigen vorschweben, in welchen die Gnadenwirkung des Geistes in irgendeinem Grade lebendig ist und das Zusammenstimmen eines gesunden Sinnes mit der Gerechtigkeit des Gesetzes zur Geltung bringt. Denn im Fleische schlägt solcher Hass gegen die Sünde keine Wurzel.

V. 16. So ich aber das tue usw. Wenn in der beschriebenen Weise mein Herz nach dem Gesetz sich ausstreckt und an seiner Gerechtigkeit Wohlgefallen hat (was doch entschieden der Fall ist, wenn ihm die Übertretung hassenswert erscheint), so muss es ja fühlen und zugestehen, dass das Gesetz gut ist. So wird erfahrungsmäßig festgestellt, dass man dem Gesetz nichts Böses zuschreiben darf, ja dass dasselbe sogar den Menschen heilsam sein würde, wenn sie es nur mit rechtem und reinem Herzen aufnehmen wollten.

V. 17. So tue nun ich dasselbe nicht. Das soll keine Entschuldigung sein, wie viele Schwätzer allerdings ihre Untaten gedeckt glauben, wenn sie dieselben auf das Fleisch abwälzen. Vielmehr will Paulus bezeugen, wie weit sich sein geistlich gerichteter Wille von der Bahn des Fleisches entfernt. Denn die Gläubigen haben einen brennenden Eifer, Gott zu gehorchen: deshalb verleugnen sie ihr Fleisch. Dieser Ausspruch beweist von neuem, dass Paulus nur von bereits wiedergeborenen Frommen redet. Denn solange der Mensch sich selbst gleich bleibt, mag er so groß werden wie er will, er bleibt doch durch und durch mit Sünde erfüllt. Paulus behauptet aber hier, dass ihn die Sünde nicht gänzlich ausfülle, ja er will sich über ihren Dienst erheben. Nur in einem Winkel des Herzens hat die Sünde noch ihren Sitz, der Mensch selbst streckt sich mit ernster, herzlicher Begier der Gerechtigkeit Gottes entgegen und beweist tatsächlich, dass er Gottes Gesetz im Herzen trägt.

18 Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht, sondern die Sünde die in mir wohnt.

V. 18. Denn ich weiß usw. Der Apostel sagt, dass in ihm, wenn man seine Natur ansieht, nichts Gutes wohnt. Er hätte auch sagen können: Aus mir selbst habe ich nichts Gutes. Dieser erste Ausdruck, dass „in mir“ nichts Gutes wohnt, spricht ein unbegrenztes Verdammungsurteil. Dann aber lässt Paulus eine Art von Berichtigung folgen, um nicht undankbar gegen die Gnade Gottes zu erscheinen, welche doch auch in ihm wohnte, nur nicht in seinem Fleische. Dergleichen kann wiederum nicht von jedem beliebigen Menschen, sondern nur von einem Gläubigen gesagt werden, der wegen der Reste des Fleisches und der Gnadenwirkung des göttlichen Geistes in sich selbst geteilt erscheint. Denn was sollte jene Verbesserung, wenn nicht irgendein Teil vorschwebte, der von der Sünde frei und nicht Fleisch ist? Unter „Fleisch“ versteht der Apostel stets die gesamte Naturanlage des Menschen, den gesamten Inhalt seines Wesens -, abgesehen von der durch Gottes Geist gewirkten Heiligung. Dementsprechend ist der „Geist“, welcher nach sonst geläufigem Sprachgebrauch das Widerspiel des Fleisches bildet, ein Teil der Seele, welchen Gottes Geist vom Bösen gereinigt und so neu gebildet hat, dass in demselben Gottes Bild wieder aufleuchtet. Sowohl das „Fleisch“ als der „Geist“ greift also in die Seele hinein, der letztere, sofern sie wiedergeboren ist, das erstere, sofern sie noch ihre natürliche Art behalten hat.

Wollen habe ich wohl. Das soll nicht heißen, dass der Fromme lediglich eine ganz unwirksame Sehnsucht nach dem Guten hegt, sondern nur: die Ausführung der Tat bleibt immer hinter dem Wollen zurück; denn das Fleisch hemmt uns und hängt unserm Tun allerhand Unvollkommenheiten an. So will auch der alsbald folgende Satz (V. 19) verstanden sein: Das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Denn das Fleisch verzögert den Lauf der Gläubigen nicht nur, sondern drängt ihn auch durch mancherlei Hindernisse in eine falsche Bahn. Wir können kein vollkommen schuldfreies Werk tun. Paulus redet nicht von einzelnen zufälligen Fehlern der Frommen, sondern allgemein von ihrer ganzen Lebensführung. Daraus müssen wir schließen, dass auch unsere besten Werke mit einem sündigen Beisatz befleckt sind und keinen Lohn zu erwarten haben, wenn sie Gott nicht mit seiner Verzeihung deckt.

21 So finde ich mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, dass mir das Böse anhangt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.

Hier ist in vierfachem Sinne vom „Gesetz“ die Rede. Im eigentlichen Sinne gebührt dieser Titel nur dem Gesetz Gottes als der allein wahren Regel der Gerechtigkeit, nach welcher unser Leben sich gestalten soll. Damit verknüpft der Apostel das Gesetz im Gemüte, d. h. die Hinneigung der gläubigen Seele zum Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, die eine gewisse Anpassung unseres Wesens an das Gesetz Gottes bedeutet. Auf der andern Seite steht ein Gesetz der Ungerechtigkeit, welches aus der Herrschaft des verkehrten Wesens sowohl im unwiedergeborenen Menschen als auch im Fleische des wiedergeborenen entspringt. Heißen doch auch die Rechtsordnungen der Tyrannen, so ungerecht sie sein mögen, missbräuchlicher weise „Gesetze“. Diesem Gesetz der Sünde entspricht das Gesetz in den Gliedern d. h. die böse Lust, die an unsern Gliedern ihre beste Anknüpfung findet.

V. 22. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz. Hier tritt uns die innerliche Zerteilung im Gläubigen deutlich vor Augen, aus welcher jener Kampf zwischen Geist und Fleisch hervorgeht, welchen Augustinus einmal sehr schön „das Ringen der Christenseele“ nennt. Gottes Gesetz ruft den Menschen zu wahrer Frömmigkeit, seine verkehrte Art aber, die wie ein tyrannisches Gesetz Satans ihn regiert, treibt zu nichtswürdigen Taten. Der Geist zieht zum Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, das Fleisch zieht nach der entgegen gesetzten Seite. So wird der Mensch zwiespältig, zwischen verschiedenen Strömungen des Willens umgetrieben. Aber weil der Geist das Übergewicht behalten soll, so betrachtet sich Paulus nach diesem vorzüglichsten Teile seines Wesens: er fühlt sich von seinem Fleische gefangen, weil er die noch immer wirksamen bösen Lüste im Hinblick auf den ganz anders gerichteten Geistestrieb als einen fremdartigen Zwang empfindet. – Als inwendigen Menschen bezeichnet der Apostel nicht etwa einfach die Seele, sondern den von Gott geistlich erneuerten Teil des Menschenwesens. Für den übrig bleibenden Teil sagt er dann: Glieder (V. 23). Denn wie die Seele der vorzüglichere Teil des Menschen ist, der Leib der mehr untergeordnete, so ist der „Geist“ mehr als das „Fleisch“. Unter diesem Gesichtspunkte, dass der Geist die Stelle einnimmt, welche die Seele im Menschen hat, das Fleisch aber d. h. die verderbte und sündig-verkehrte Seele, die Stelle des Leibes; unter diesem Gesichtspunkte heißt der erstere „der inwendige Mensch“, der letztere „die Glieder“. In einem ganz andern Sinne ist 2. Kor. 4, 16 vom äußerlichen Menschen die Rede. Hier aber führt der Zusammenhang notwendig auf unsere Auslegung. Der Geist ist der inwendige Mensch, weil in seinem Besitze sich das Herz und die tiefsten Willensregungen befinden, während die Neigungen des Fleisches keine bleibende Wurzel schlagen können und mehr an der Außenseite des Menschen hängen. Hier ist ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. „Glieder“ sagt der Apostel etwas verächtlich zur Beziehung alles dessen am Menschen, was äußerlich sichtbar ist. Im Gegensatz dazu entgeht die verborgene Erneuerung unsern Sinnen und übersteigt alle unsere Begriffe; man muss sie im Glauben fassen. Wenn nun unter dem „Gesetz im Gemüte“ eine gute Ausrichtung unserer Willensregungen verstanden wird, so merken wir von neuem an, dass dergleichen im noch unwiedergeborenen Menschen keinen Raum findet; dieser hat nach der Lehre des Paulus die rechte Gesinnung verloren, weil seine Seele die Bahn der Vernunft verließ.

24 Ich elender Mensch! wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? 25 Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn. So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleische dem Gesetz der Sünde.

V. 24. Ich elender Mensch! Ein leidenschaftlicher Ausruf schließt diese ganze Erörterung: wir sollen eben nicht bloß mit unserm Fleische ringen, sondern mit stetem Seufzen bei uns und vor Gott unser Unglück beklagen. Natürlich will der Apostel nicht im Ernst fragen, wer uns erlösen soll, wie die Ungläubigen, welche den einigen Erlöser nicht kennen, sondern wir hören hier die Stimme eines keuchenden und fast schon zusammenbrechenden Mannes, welcher keine hinreichende Hilfe in der Nähe sieht. Deshalb lautet auch das Wort, welches wir mit „erlösen“ wiedergeben, besonders kräftig. Es heißt eigentlich: „Wer wird mich herausreißen?“ Zu solcher Erlösung gehört eine ganz besondere Gotteskraft. Leib dieses Todes nennt der Apostel die sündige Masse oder den Stoff, aus welchem der ganze Mensch zusammengesetzt ist, welcher uns in seinen Banden hält. Manche Ausleger übersetzen nicht wie wir: „Dieser Leib des Todes“, sondern „der Leib dieses Todes“. Das muss als zulässig gelten, ändert aber wenig am Sinn. In jedem Falle will Paulus zeigen, dass die Kinder Gottes offene Augen haben, um die Verderbnis ihrer Natur und den daraus entspringenden Tod deutlich als einen Widerspruch gegen das Gesetz Gottes zu erkennen. „Leib“ steht hier in demselben Sinne, wie zuvor (V. 23) die Glieder oder der äußere Mensch. Denn Paulus sieht den Ursprung der Sünde darin, dass der Mensch von dem ihm schöpfungsmäßig eingeprägten Gesetz abfiel und dadurch fleischlich und irdisch wurde. Mag er noch immer besser sein als die unvernünftigen Tiere, so ist sein eigentlicher Vorzug doch dahin, und was davon blieb, ist voll von zahllosen Mängeln, und man mag wohl sagen, dass seine Seele, sofern sie sich selbst untreu wurde, ganz Leib geworden ist. So spricht Gott (1. Mo. 6, 3): „Mein Geist soll nicht weiter mit den Menschen streiten, denn sie sind Fleisch.“ Der Mensch hat die Erhabenheit seines Geistes verloren und ist dem Vieh gleich geworden. –

Dieser bedeutsame Ausspruch des Apostels schlägt allen Ruhm des Fleisches nieder. Denn er lehrt uns, dass auch die Vollkommensten, solange sie in diesem Fleische wohnen, dem Elend und dem Tode unterworfen sind. Wenn sie sich durch und durch erforschen, werden sie in ihrer Natur nichts als Elend finden. Der gequälte Seufzer des Paulus soll uns nun eine Mahnung sein, nicht unserer Stumpfheit nachzugeben, und ein Antrieb, uns, solange wir auf Erden wallen, dem Tode entgegen zu sehnen, dem einzigen Heilmittel unseres Schadens. Hier wird aber der allein rechte Grund bezeichnet, der unsere Hoffnung auf den Tod richten soll. Auch Weltmenschen treibt ja oft die Verzweiflung, dass sie den Tod herbeisehnen: der Grund dafür ist aber mehr Lebensüberdruss als Ekel vor ihrer Sündhaftigkeit. Weiter werden gläubige Menschen, wie sehr sie auch ihrem Ziele entgegen eilen, sich doch nicht mit ungezügelter Heftigkeit den Tod wünschen; sie unterwerfen sich dem Willen des Gottes, dem wir leben und sterben sollen. Darum hört man aus ihrem Munde auch kein unwilliges Murren wider Gott, vielmehr schütten sie ihre Ängste betend in seinen Schoß aus. Der Gedanke an ihr Elend hält sie nicht so gefangen, dass sie darüber der empfangenen Gnade vergäßen; Freude mildert ihren Schmerz, wie es ja nun heißt:

V. 25. Ich danke Gott usw. Mit solchem Danke bricht der Apostel seine Klage ab, um nicht den Anschein zu erwecken, er wolle trotzig wider Gott reden. Wissen wir doch, wie nahe auch dem gerechten Schmerze der Absturz ins Murren und in die Ungeduld liegt! Paulus beklagt sein Schicksal und sehnt mit Seufzen dessen Ende herbei. Aber zugleich bekennt er sich zur Gnade Gottes, auf welcher seine Seele ausruht. Es ziemt den Heiligen nicht, wenn sie ihre Mängel prüfend betrachten, die bereits von Gott empfangene Gnade zu übersehen. Um die Ungeduld zu zügeln und den Frieden zu mehren, ist es ein treffliches Mittel, dass wir bedenken: Wir sind aufgenommen in Gottes Hut und können nie mehr verloren gehen, wir haben die Erstlinge des Geistes empfangen und dürfen darauf die gewisse Hoffnung unseres ewigen Erbes gründen. Genießen wir noch nicht die verheißene Herrlichkeit des Himmelreichs, so können wir uns doch mit der schon erreichten Stufe für jetzt zufrieden geben; denn es fehlt uns nie der Grund zur Freude.

So diene ich nun usw. Dies zusammenfassende Schlusswort lehrt, dass die Gläubigen, solange sie in ihrem Fleische wohnen, das Ziel der Gerechtigkeit niemals völlig erreichen. Sie sind in der Pilgerschaft, bis sie den Leib ausziehen. Unter dem Gemüte versteht der Apostel wiederum nicht einen Teil des menschlichen Geisteswesens, wie es von Natur ist, sondern den Geist des Menschen, wie er von Gott erleuchtet ward, um das Rechte zu empfinden und zu wollen. Paulus weiß sich als Gottes Eigentum und ihm ergeben -, ausgenommen die zahlreichen Flecken der Sünde, die ihn verunreinigen, da er noch auf der Erde kriechen muss. Eine bemerkenswerte Aussage, welche die auch heute wieder auftauchende verderbliche Irrlehre widerlegt, als ob der Mensch schon hier auf Erden sündlos werden könne!

Kapitel 8

1 So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. 2 Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward), das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und der Sünde halben und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.

Der Kampf, welchen die Frommen stetig wider ihr Fleisch zu führen haben, bietet nun dem Apostel erneuten Anlass, den nötigen Trost zu spenden; mag die Sünde noch immer an uns haften, so sind wir doch bereits der Macht des Todes und jeglichem Verdammungsurteil entnommen -, wenn anders wir nicht im Fleisch wandeln, sondern im Geist. Drei Stücke also treffen hier zusammen: die Unvollkommenheit, an welcher die Gläubigen noch immer leiden, Gottes Güte, die nicht müde wird, zu vergeben und zu verzeihen, und die Erneuerung durch den Geist. Dies letzte kommt hinzu, damit niemand mit dem Irrtum sich betrüge, dass er voller Sicherheit dem Fleische etwas nachgeben dürfe, da ja kein Verdammungsurteil mehr besteht. Der fleischlich gesinnte Mensch, welcher Gottes Gnade zum Vorwand nimmt, ohne Besserung seines Lebens an eine Verzeihung zu glauben, wird sich betrogen sehen. Aber die erschreckten Gewissen der Frommen finden die unüberwindliche Zuflucht: solange wir in Christus bleiben, droht uns keine Gefahr der Verdammnis. – Nunmehr wird es nützlich sein, die Worte im Einzelnen zu erwägen. Nach dem Geist wandeln heißt nicht: gar keine Anfechtung mehr vom Fleische erfahren und ein überirdisches Leben voller Vollkommenheit führen -, sondern: Fleiß tun, das Fleisch zähmen und zu töten und merken lassen, dass wir von ernster Gottesfurcht regiert sein wollen. Die solches tun, wandeln nicht nach dem Fleisch,, weil wahre Gottesfurcht die Herrschaft der Sünde bricht, wenn auch noch einzelne Gebrechen bleiben.

V. 2. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht usw. Dieser Satz dient zur Begründung des vorigen. Um aber den inneren Zusammenhang zu verstehen, gilt es zunächst die Worte zu erklären. „Gesetz des Geistes“ heißt uneigentlicher weise Gottes Geist, welcher unsere Seele mit Christi Blut besprengt, nicht bloß um die Schuld der Sünde zu tilgen, sondern auch sie wahrhaftig rein und heilig zu machen. Dieser Geist, so fügt der Apostel hinzu, macht lebendig, woraus sich abnehmen lässt, dass, wer den Menschen unter dem Buchstaben des Gesetzes festhalten will, ihn dem Tode ausliefert. Auf der andern Seite steht das Gesetz der Sünde und des Todes d. h. die Herrschaft des Fleisches und die daraus folgende Tyrannei des Todes. In der Mitte würde Gottes Gesetz zu stehen kommen, welches zwar Gerechtigkeit lehrt, aber nicht schaffen kann, sondern uns nur fester an die Knechtschaft der Sünde und des Todes binden muss. Nun wird der Sinn deutlich: dass das Gesetz Gottes den Menschen Verdammnis bringt, kommt daher, dass, solange sie ihm verpflichtet bleiben, das Joch der Sünde und demgemäß der Fluch des Todes sie drückt. Der Geist Christi aber, welcher die unordentlichen Begierden des Fleisches bessert und so das Gesetz der Sünde in uns bricht, befreit uns zugleich von dem Rechtsanspruch, welchen der Tod an uns hat. Nun scheint allerdings der Einwand nahe zu liegen, dass auf diese Weise die Vergebung, welche unsere Sünden begräbt, von der Erneuerung des Lebens abhängig wird. Doch es ist leicht einzusehen, dass Paulus hier nicht angibt, auf welchen Grund sich die Sündenvergebung stützt, sondern unter welchen Umständen sie sich vollzieht. Und er lehrt, dass wir durch die äußeren Vorschriften des Gesetzes nichts erreichen; erst wenn Gottes Geist uns ermuntert, erfahren wir zugleich die Rechtfertigung aus freier Gnade, welche das auf der Sünde ruhende Verdammungsurteil aufhebt. Kurz gesagt: die Gnadengabe der Erneuerung lässt sich von der Zurechnung der Gerechtigkeit niemals trennen.

V. 3. Denn was dem Gesetz unmöglich war. Jetzt muss der eben ausgesprochene Begründungssatz selbst erläutert und begründet werden: Gott konnte uns nur durch freie Gnade in Christus rechtfertigen -, denn dies zu vollbringen war für das Gesetz unmöglich. Damit deutet der Apostel auf den Mangel des Gesetzes: Gott musste selbst ein anderweitiges Heilmittel schaffen. Das Gesetz fordert mehr, als wir leisten können. Deshalb konnte es uns keine Gerechtigkeit bringen: Christus erst hat die Sünden durch seinen Tod gesühnt. Unsere Verse handeln nämlich nicht etwa von der Erneuerung, die uns Christus schenkt, sondern lediglich von der Rechtfertigung aus Gnaden, von der Verzeihung, kraft deren Gott uns mit sich versöhnt. Dies geht daraus hervor, dass Paulus für nötig hält, zuletzt (V. 4) noch einmal hinzuzufügen: „Die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.“ Denn wenn die eigentliche Ausführung bereits hätte sagen wollen, dass der Geist der Erneuerung uns Kraft zum Niederkämpfen der Sünde gibt, so wäre dies ein ganz überflüssiger Zusatz, eine bloße Wiederholung. Ist aber von der Vergebung aus freier Gnade die Rede, so passt es trefflich, dass Paulus nun nachträglich diese Vergebung nur auf die Leute beschränkt, welche zum Glauben die Buße fügen und Gottes Gnade nicht in fleischlicher Zügellosigkeit missbrauchen. – Sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward. Der eigentliche Fehler liegt also nicht im Gesetz, sondern in unserm Fleische. Wenn jemand das Gesetz vollkommen halten könnte, würde er gerecht vor Gott dastehen. Die Lehre des Gesetzes ist tadellos und gibt uns die vollkommene Regel der Gerechtigkeit. Weil aber unser Fleisch diese Gerechtigkeit nicht zu erreichen vermag, wandelt sich die ganze Kraft des Gesetzes in Schwachheit. Und diese „Schwachheit“ ist nicht etwa bloß ermäßigte Kraft, sondern völliges Unvermögen. Das Gesetz kann zu unserer Rechtfertigung gar nichts beitragen. Jede Gerechtigkeit aus Werken fällt dahin: in Christus müssen wir die Gerechtigkeit suchen, die wir in uns nicht finden. Dies ist ein Hauptgrundsatz der christlichen Wahrheit; denn wir können nicht eher mit Christi Gerechtigkeit bekleidet werden, als bis wir unsere eigne Blöße klar erkannt haben. Das „Fleisch“, durch welches das göttliche Gesetz seine Segenskraft verliert, so dass es uns den Weg der Gerechtigkeit zeigen, aber nicht vom tödlichen Absturz zurückhalten kann -, sind wir selbst.

Sandte seine Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches. Damit zeigt der Apostel, in welcher Weise der himmlische Vater uns durch seinen Sohn die Gerechtigkeit geschaffen hat: er hat in Christi eignem Fleische der Sünde das Verdammungsurteil gesprochen, d. h. er hat den Schuldschein zerrissen und damit die Schuld getilgt, die uns vor Gott gebunden hielt. Ist die Sünde verurteilt, so werden wir gerecht und frei: die Schuld ist getilgt, und Gott sieht uns an, als wären wir gerecht. Zuerst heißt es nun mit Nachdruck, dass Christus gesandt worden sei: also liegt die Gerechtigkeit keineswegs in uns, sondern will bei ihm geholt sein; umsonst vertrauen die Menschen auf ihre Verdienste, denn sie haben nur eine geschenkte Gerechtigkeit. Sie empfangen ihre Gerechtigkeit durch die Sühne, welche Christus in seinem Fleische vollbracht hat. – Christus kam „in der Gestalt des sündlichen Fleisches“. Zwar hingen keine Flecken der Sünde an dem Fleische Christi, doch glich dasselbe unserm sündlichen Fleische, denn es trug die Strafe unserer Sünden. Es war dem Tode unterworfen, und der ließ an ihm alle seine Kraft aus. Und da unser Hoherpriester durch eigne Erfahrung lernen musste, was es heißt, ein Heiland der Schwachen sein -, so wollte Christus alle unsere Schwachheit tragen, um desto inniger mit uns zu fühlen (Hebr. 2, 18; 4, 15): auch darauf will es bezogen sein, dass Christus in der Gestalt des sündlichen Fleisches erschienen ist. Und verdammte die Sünde. D. h. die Sünde behielt Unrecht in dem Rechtsstreit. Gott lässt ihr hinfort kein Anrecht auf diejenigen, welche durch Christi Opfer Verzeihung empfangen haben. Das Reich der Sünde, das uns gefangen hielt, ist zerbrochen. Denn Christus nahm auf sich, was unser war, um uns zu schenken, was ihm gehörte. Er trug unsern Fluch und gab dafür seinen Segen. Paulus fügt hinzu: im Fleisch. Damit stärkt er unsere Zuversicht und macht uns gewiss, dass die Sünde im Bereiche unserer eignen Natur besiegt und beseitigt ward. So gewinnt unsere Natur Anteil an Christi Sieg.

V. 4. Auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde. Wenn man hier ausgesprochen findet, dass wir selbst, durch Christi Geist erneuert, das Gesetz erfüllen -, so trägt man einen dem Paulus ganz fremden, irreführenden Gedanken in den Text ein. Solange die Gläubigen auf der irdischen Pilgerschaft sich befinden, erreichen sie nie eine Vollkommenheit, auf die ihre Gerechtigkeit sich gründen ließe. Man muss vielmehr auch hier an die Vergebung denken: wenn Gott den Gehorsam Christi als für uns dargebracht annimmt, so ist dem Gesetz Genüge geschehen, so dass wir als gerecht gelten können. Die vom Gesetz erforderte Gerechtigkeit ward eben deshalb in unserm Fleische geleistet, damit die Macht des Gesetzes, uns zu verurteilen, gebrochen würde. Weil aber Christus niemandem seine Gerechtigkeit mitteilt, ohne ihn zugleich durch das Band seines Geistes mit sich zu vereinigen, so deuten die letzten Worte des Verses auch auf die Erneuerung des Lebens: Christus soll nicht als Diener der Sünde dastehen -, wie ja viele nur zu gern die Lehre von Gottes väterlicher Gnade für die Zügellosigkeit des Fleisches ausbeuten, andere dagegen diese Lehre schmähen, als ob sie den Eifer für ein rechtes Leben ertöten müsste.

5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag´ s auch nicht. 8 Die also fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.

V. 5. Denn die da fleischlich sind usw. Diese Ausführungen über den Gegensatz von Fleisch und Geist haben einen doppelten Zweck. Zunächst sollen sie durch den Hinweis auf das Widerspiel zeigen (was der Apostel zuvor ausgesprochen), dass an Christi Gnade nur Teil haben kann, wer vermöge der Erneuerung des Geistes auf ein reines Leben sich bedacht zeigt. Zugleich sollen aber auch die Gläubigen einen Trost empfangen, wenn der Blick auf ihre vielfachen Schwachheiten ihnen den Mut rauben will. Denn wenn (vgl. V. 1) nur diejenigen der Verdammnis entrissen sein sollen, welche nach dem Geist wandeln, so könnte damit wieder allen Sterblichen die Heilshoffnung zu entschwinden drohen. Denn wer besitzt den Schmuck einer so engelgleichen Reinheit, dass er gar nichts mehr mit dem Fleische zu schaffen hätte? Deshalb musste der Apostel unbedingt noch weitere Auskunft darüber geben, was es heißen soll: fleischlich sein und nach dem Fleische wandeln. Wenn er sagt: die da fleischlich sind, richten ihr Sinnen und Trachten auf das, was des Fleisches ist -, so versteht man ja, dass er solche Leute, die sich nach der himmlischen Gerechtigkeit wahrhaft sehnen, nicht für fleischlich erklärt, sondern nur solche, welche sich ganz der Welt übergeben. Trotz aller fleischlichen Anhängsel mögen also die Gläubigen sich trösten. Sie sollen nur nicht ihren Begierden die Zügel schießen lassen, sondern sich der Leitung des Heiligen Geistes unterstellen. Nur denen wird die Gotteskindschaft abgesprochen, welche den Lockungen des Fleisches nachgeben und ihre Gedanken mit vollem Eifer an verderbte Begierden hängen. Andererseits: wo der Geist die Oberherrschaft hat, da ist dies ein Anzeichen der göttlichen Gnadenwirkung -, und da, wo die Herrschaft des Fleisches den Geist ganz erdrückt hat, findet Gottes Gnade keinen Raum mehr.

V. 6. Aber fleischlich gesinnt sein, ist der Tod usw. Obgleich der Grundtext diesen Satz mit „denn“ oder „nämlich“ anschließt, ist die Übersetzung „aber“ am passendsten; denn der Zusammenhang zeigt, dass die soeben beschriebene fleischliche Art bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt werden soll. So wird durch den Gegensatz bewiesen, dass, die im Fleische sind, Christi Gnade nicht ergreifen können, denn die ganze Richtung ihres Lebens zielt ja im Gegenteil auf den Tod. Dagegen lässt sich aus dem zweiten Satzgliede schließen, dass, wo nur irgendetwas in uns sich nach dem Leben ausstreckt, sich darin schon die Wirkung des Geistes offenbart; denn aus dem Fleische könnte man keinen einzigen Lebensfunken hervorlocken. Als das Ziel, worauf der Sinn des Geistes sich richtet, nennt der Apostel das Leben; denn der Geist spendet Leben oder führt zum Leben.

Der Friede begreift dann nach hebräischer Denkweise das Vollmaß des Glückes in sich. Denn alles, was Gottes Geist in uns wirkt, tut er zu unserer Seligkeit. Unser Satz darf nun nicht zu dem Irrtum verleiten, als gründe sich das Heil doch irgendwie auf die Werke. Denn wenn auch Gott Anfang und Fortgang des Heils dadurch in uns schafft, dass er uns nach seinem Ebenbilde erneuert -, so liegt der einzige Grund dafür doch in seinem Wohlgefallen, welches uns zu Gliedern Christi macht.

V. 7. Denn fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott. Jetzt folgt der Beweis für die vorige Behauptung, dass der Fleischessinn zum Tode führe: er tut dies, weil er wider Gottes Willen ankämpft. Gottes Wille ist ja der Maßstab dessen, was recht ist. Was ihm widerstreitet, ist unrecht. Was aber unrecht ist, wirkt immer tödlich. Ist Gott wider uns und unser Feind, so wird man vergeblich auf Leben hoffen. Denn seinem Zorne folgt der Tod auf dem Fuße nach. – Sintemal das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist. Eine Erläuterung des vorigen Satzes, welche zeigt, wieso alle Gedanken des Fleisches wider Gottes Willen streiten: weil man nämlich den Willen Gottes nur dort erkennt, wo er ihn offenbart hat. In seinem Gesetz zeigt uns Gott, was er haben will. Wer also in Wahrheit prüfen möchte, ob er mit Gott einig ist, soll an diesem Maßstab sein Denken und Treiben messen. – Denn es vermag´ s auch nicht. So steht es mit der Kraft des freien Willens, welche oberflächliche Moralprediger bis in den Himmel erheben! Gegenüber diesem geläufigen Irrtum sagt Paulus hier mit klaren Worten, dass wir unsere Triebe nicht zum Gehorsam gegen das Gesetz zu zwingen vermögen. Jene Moralprediger sagen, dass das Herz sich nach beiden Seiten hin entscheiden könne; wenn nur der Geist einen leisen Anstoß gebe, so stehe es in unserer Macht, zwischen Gut und Böse zu wählen; es gäbe demgemäß gute Regungen unserer Natur, welche als Vorbereitungen für den Empfang der Gnade zu gelten hätten. Paulus dagegen verkündet, dass unser Herz von Härtigkeit und ungezähmtem Widerspruchsgeist strotzt, so dass es natürlicherweise nie bereit sein wird, sich dem Joch des Herrn zu beugen. Dabei handelt es sich auch nicht um diese oder jene einzelne Neigung, sondern unterschiedslos um alle unsere Herzensregungen. Möge darum jener heidnisch-philosophische Satz vom freien Willen kein Christenherz vergiften! Wer sich selbst kennt, wird bekennen, dass er ein Knecht der Sünde ist, welchen erst Christi Gnade frei machen muss (Joh. 8, 34.36). Sich einer andern Freiheit zu rühmen ist vollendete Torheit.

V. 8. Die also fleischlich sind usw. Absichtlich habe ich das „aber“ des griechischen Textes durch „also“ wiedergegeben; denn das Wörtlein hat hier sicher einen folgernden Sinn. Der Apostel zieht den Schluss des ganzen Gedankenganges: Wer sich von den Begierden des Fleisches treiben lässt, ist dem Herrn verhasst. Damit ist der vollständige Beweis für die Behauptung geliefert, dass alle, die nicht nach dem Geiste wandeln, Christus fremd und vom Leben aus Gott ferne sind.

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. 10 So aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird auch derselbe, der Christum von den Toten auferweckt hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, dass sein Geist in euch wohnt.

V. 9. Ihr aber usw. Den bisher entwickelten allgemeinen Grundsatz wendet der Apostel nun auf seine Leser an. Dadurch soll die persönlich zugespitzte Rede nicht bloß eindrücklicher werden -, die Leser sollen auch einen Maßstab in die Hand bekommen, um festzustellen, ob sie zu der Zahl derer gehören, welche Christus vom Fluch des Gesetzes entlastet hat. Die Darlegung dessen, was Gottes Geist in den Auserwählten schafft und zeitigt, wird zugleich zu einer Mahnung, in einem neuen Leben zu wandeln. So anders Gottes Geist in euch wohnt. Diese Einschränkung der soeben vernommenen persönlichen Ansprache soll die Leser erinnern, sie möchten sich selbst prüfen, ob sie nicht Christi Namen vergeblich tragen. Hier steht nun das sicherste Kennzeichen, an welchem man die Kinder Gottes von den Kindern der Welt unterscheiden kann: Gottes Kinder sind durch Gottes Geist zu einem neuen, heiligen Leben wiedergeboren. – Weiter lehrt unsere Stelle vollends deutlich, was wir schon mehrfach anmerkten, dass Paulus unter „Geist“ nicht Verstand oder Vernunft versteht, die vorzüglichste Seelenkraft im Menschen, welche vermöge des freien Willens die niederen Triebe beherrscht -, sondern eine besondere göttliche Gabe. „Geistlich“ sind nicht, die aus eignem Antrieb der Vernunft gehorchen, sondern welche Gott mit seinem Geist regiert. Beachtenswert erscheint endlich, dass es hier nicht heißt: welche vom Geist Gottes erfüllt sind (was in diesem Leben von niemandem gesagt werden kann), sondern: in welchen der Geist Gottes wohnt. Dabei mögen die Überbleibsel fleischlichen Wesens sich noch genug spürbar machen: Wo Gottes Geist wohnt, besitzt er doch die höhere Macht und bringt den Menschen in seine Gewalt.

Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Dieser Zusatz soll zeigen, wie nötig für den Christen Verleugnung des Fleisches ist. Herrschaft des Geistes bedeutet den Untergang für das Fleisch. Leute, in welchen der Geist Gottes nicht regiert, gehören Christus nicht an. Wer dem Fleische dient, ist kein Christ. Wenn man den Herrn Christus von seinem Geist trennen will, so macht man ihn zu einem toten Schatten oder zu einem Leichnam. Des Apostels Absicht ist dagegen, die Vergebung der Sünden nie ohne die Erneuerung durch den Geist zu denken: wer beides trennen will, zerreißt den Herrn Christus. Freilich erklären es manche Leute für Hochmut, wenn wir zu sagen wagen, dass Christi Geist in uns wohne. Aber entweder muss man Christus verwerfen, oder bekennen, dass man durch seinen Geist ein Christ ist. Wie entsetzlich weit sind doch die Menschen von Gottes Wort abgekommen, dass sie behaupten, Christen zu sein, und wagen doch nicht zu sagen, dass sie den Heiligen Geist haben! Ja, sie verlachen uns gar, wenn unser Glaube sich dazu bekennt. –

Übrigens will bemerkt sein, dass der Heilige Geist einmal als Geist Gottes, unmittelbar danach aber als Geist Christi bezeichnet wird. Dies geschieht nicht bloß deshalb, weil auf Christus als unsern Mittler und unser Haupt die ganze Fülle des Heiligen Geistes ausgegossen ward, um von ihm aus auf jeden von uns in seinem Maße weiter zu fließen -, sondern auch, weil derselbe Geist dem Vater und dem Sohne gehört, welche ja eines Wesens sind und die gleiche ewige Gottheit besitzen. Weil aber nur durch Christus uns ein Zugang zum Vater eröffnet ward, geht die Rede des Apostels sehr geschickt von dem Vater, der uns zunächst ferne zu stehen scheint, zu Christus über.

V. 10. So aber Christus in euch ist. Was soeben vom Geist gesagt wurde, gilt jetzt auch von Christus. So wird deutlich, in welcher Weise Christus in uns wohnt. Wie er uns nämlich durch den Geist zu seinem Tempel heiligt, so wohnt er auch durch denselben in uns. So ist der Leib zwar tot um der Sünde willen. Was wir schon mehrfach angedeutet fanden, steht hier mit ausdrücklichen Worten: die Kinder Gottes sind nicht deshalb „geistlich“, weil sie etwa schon in ausgereifter Vollkommenheit dastünden, sondern nur weil ein neues Leben in ihnen seinen Anfang genommen hat. Dies spricht der Apostel geflissentlich aus, um jedem Zweifel zuvorzukommen, der uns sonst leicht beunruhigen könnten. Denn wenn auch der Geist in uns Wohnung gemacht hat, so sehen wir doch einen andern Teil unseres Wesens noch immer unter der Gewalt des Todes. So prägt uns der Apostel ein: Der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen, und dieses Leben wird unsern Tod verschlingen. Wir dürfen geduldig warten, bis die Reste der Sünde vollends schwinden. Natürlich ist unter diesem „Geist“ wiederum nicht unsere Seele zu verstehen, sondern Gottes Geist, welcher die Erneuerung wirkt. Derselbe ist Leben: nicht bloß, weil er in uns lebt und webt, sondern weil seine Lebenskraft auch uns Leben schafft und uns endlich vollkommen erneuern wird, nachdem wir das sterbliche Fleisch ausgezogen. Im Gegensatz dazu bezeichnete Paulus als „Leib“ die noch unerneuerte gröbere Masse, welche der Geist Gottes noch nicht vom Erdenschmutz gereinigt hat. Denn dem Leibe im gewöhnlichen Sinne die Schuld der Sünde aufzubürden, wäre doch eine Torheit. Andererseits trägt auch die Seele nicht ein solches Leben in sich, dass sie an und für sich „Leben“ heißen dürfte. Der Sinn des Apostels ist also der: wenn auch die Sünde uns noch an den Tod bindet, sofern ja die Verderblichkeit der alten Natur uns noch anhaftet -, so wird doch Gottes Geist den Sieg behaupten. Haben wir auch nur die Erstlinge des Geistes empfangen, so ist doch schon ein Fünklein desselben ein Samenkorn des Lebens.

V. 11. So nun der Geist des usw. Eine Bestätigung des vorigen Satzes, die auf der beobachteten Kraft des Geistes fußt: wenn durch die Macht des Geistes Gottes Christus auferweckt ward, und der Geist solche Macht in Ewigkeit behält -, so wird er diese auch an uns beweisen. Dabei darf der Apostel ohne weiteres voraussetzen, dass in Christi Person ein Beweis der Kraft gegeben ward, welche dem ganzen Leibe der Gemeinde zugute kommen soll. Der Jesus von den Toten auferweckt hat. Diese Umschreibung passt besser für den vorliegenden Gedankengang, als wenn der Apostel einfach geschrieben hätte: Gottes. Ebenso wird die Kraft, Christus aufzuwecken, dem Vater zugeschrieben, nicht Christus selbst; so erforderte es die Absicht des Gedankens. Wäre von Christi eigener Kraft die Rede, so würde der Einwurf nahe liegen: Christus besaß eine Fähigkeit der Auferstehung, welche allen andern Menschen abgeht. Heißt es aber: Gott hat Christus auferweckt durch seinen Geist und hat von diesem Geist auch uns mitgeteilt -, so kann gegen diesen gewissen Grund der Auferstehungshoffnung kein Einwand mehr erhoben werden. Daneben behält Christi Wort (Joh. 10, 18) seine volle Wahrheit: „Ich habe Macht, mein Leben zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen.“ Denn Christi Auferstehung erfolgte sicher durch die ihm eigene Kraft. Aber wie überhaupt der Sohn alles auf den Vater zurückführt, was von göttlicher Kraft in ihm ist (z. B. Joh. 5, 26), so schreibt auch der Apostel hier nicht mit Unrecht dem Vater zu, was in Christus das am meisten kennzeichnende Werk des göttlichen Wesens war.

Als sterbliche Leiber bezeichnet Paulus, wie wir schon oft bemerkt (vgl. 7, 24), den Teil unseres Wesens, der noch dem Tode unterworfen bleibt. Daraus lässt sich abnehmen, dass er nicht kurzweg nur an die letzte Auferstehung denkt, welche in einem Augenblick geschieht, sondern an das fortwährende Wirken des Geistes, welches die Reste des Fleisches allmählich tötet und das himmlische Leben in uns wirken lässt.

12 So sind wir nun, liebe Brüder, Schuldner nicht dem Fleisch, dass wir nach dem Fleisch leben. 13 Denn wo ihr nach dem Fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen; wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tötet, so werdet ihr leben. 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

V. 12. So sind wir nun, liebe Brüder usw. Nunmehr wird der Schluss aus den vorangehenden Ausführungen gezogen. Wenn es gilt, dem Fleische abzusagen, so dürfen wir nichts mehr mit demselben zu schaffen haben. Wiederum, wenn der Geist in uns regieren soll, so wäre es ja töricht, wenn wir nicht auf jeden seiner Winke achten wollten. Übrigens bringt die Rede dieses letzte Glied nicht förmlich zum Ausdruck. Aber nach seinem Gedankengange hätte der Apostel wohl fortfahren können: Wir sind vielmehr Schuldner dem Geiste, dass wir nach dem Geiste leben. Hinter dieser ganzen Folgerung birgt sich nur die Absicht, uns zu mahnen. So leitet ja der Apostel überall seine Ermahnungen aus der Lehre ab. Z. B. Eph. 4, 30: „Betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, damit ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung.“ Gal. 5, 25: „So wir im Geist leben, so lasset uns auch im Geist wandeln.“ Das geschieht aber, wenn wir den fleischlichen Begierden entsagen und uns der Gerechtigkeit Gottes zu Dienst stellen. Eben diesen Schluss müssen wir ziehen, nicht den entgegen gesetzten, wie einige Lästerer tun, die da faseln, man dürfe ruhig die Hände in den Schoß legen, da wir ja nichts vermöchten. Es heißt aber, wider Gott streiten, wenn man in solcher wegwerfenden Nachlässigkeit seine Gnade vergeblich empfängt.

V. 13. Denn wo ihr nach dem Fleisch lebet usw. Diese Drohung wird hinzugefügt, um die Trögen vollends aus ihrer Stumpfheit aufzurütteln. Hier empfangen auch solche Leute eine Widerlegung, welche sich der Rechtfertigung aus Glauben rühmen und doch vom Geiste Christi nichts wissen wollen. Allerdings wird ihr eignes Gewissen sie schon hinlänglich schlagen; denn wo nicht zugleich Liebe zur Gerechtigkeit ist, da kann auch keine Zuversicht zu Gott bestehen. Gewiss ist es richtig, dass wir allein durch Gottes Erbarmen in Christus Rechtfertigung empfangen. Aber ebenso wahr ist auch das andere, dass jeder, der die Rechtfertigung empfängt, vom Herrn berufen wird, um seiner Berufung würdig zu wandeln. Die Gläubigen mögen also lernen, bei Christus nicht bloß Gerechtigkeit, sondern auch Heiligung zu suchen; denn für beides ward er uns gegeben, und er will nicht um eines verstümmelten Glaubens willen sich auseinander reißen lassen.

Wo ihr aber durch den Geist usw. Jetzt ermäßigt Paulus seinen Spruch auch wieder, um nicht den Frommen, die sich noch mancher Schwachheit bewusst sind, allen Mut zu nehmen. Mögen wir noch immer nicht von unsern Sünden los sein, so spricht uns Paulus dennoch das Leben zu: nur dass wir eifrig fortfahren, die Geschäfte des Fleisches zu töten. Jetzt fordert Gott von uns nicht, dass das Fleisch schon gänzlich tot sei, sondern nur, dass wir mit ganzem Ernst seine Begierden zügeln.

V. 14. Denn welche der Geist Gottes treibt usw. Dieser Satz dient zum Beweise der letztvorangehenden Aussage. So ergibt sich folgende Schlusskette, deren mittleres Glied als eine selbstverständliche Wahrheit ergänzt werden muss; welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder; alle Kinder Gottes aber sind Erben des ewigen Lebens. Also können diejenigen des ewigen Lebens gewiss sein, welche der Geist Gottes treibt. Diese Erwägung ist geeignet, auf der einen Seite das hohle Vertrauen bloßer Namenschristen zu erschüttern, auf der andern Seite aber die Gläubigen anzuleiten, eine immer festere Gewissheit ihres Heils zu erringen. – Übrigens soll angemerkt sein, dass der Geist Gottes in verschiedener Weise „treibt“. Es gibt ein allgemeines Geisteswirken, welches alle Kreaturen trägt und bewegt. Es gibt weiter auch in den Menschen die verschiedenartigsten Geisteswirkungen. Hier aber ist von der Heiligung die Rede, welche der Herr seinen Auserwählten schenkt, wenn er sie als seine Kinder annimmt.

15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Derselbe Geist gibt Zeugnis mit unserm Geist, dass wir Kinder Gottes sind. 17 Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. 18 Denn ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden.

V. 15. Nun verweilt der Apostel dabei, wie diese Gewissheit des Glaubens, in welcher die Gläubigen ihre Ruhe finden sollen, eine weitere Stärkung empfängt: es geschieht durch eine besondere Wirkung des Geistes, der uns nicht gegeben ward, um uns in der Furcht hin und her zu werfen oder mit Ängstlichkeit zu quälen, sondern um alle Unruhe zu stillen, unserm Geist den Frieden zu schenken und uns zu freier und fröhlicher Anrufung Gottes zu erwecken. Der Apostel hält sich also weniger an das erste Glied seiner bisherigen Beweisführung, dass man ohne Gottes Geist kein Kind Gottes sein könne. Er verweilt vielmehr bei der Kehrseite und redet von Gottes väterlicher Liebe, welche den Seinen die noch anhaftende Schwachheit des Fleisches und ihre Fehler verzeiht. Den Glauben an diese Liebe gründet er auf den Geist der Kindschaft, welcher uns ja nicht Mut zu kindlichem Gebet einflößen könnte, wenn er uns nicht zugleich der freien, gnädigen Vergebung gewiss machte. Um nun in diesem Stück besonders deutlich zu sein, unterscheidet Paulus einen doppelten Geist: den Geist der Knechtschaft, den wir aus dem Gesetz schöpfen können, und den Geist der Kindschaft, welcher aus dem Evangelium stammt. Der erste ward einst gegeben, und man musste sich fürchten. Den andern empfangen wir jetzt, und unsere Seele wird stille. Es ist offensichtlich, wie dieser Gegensatz unsere Heilsgewissheit stärken muss. Desselben Kontrastes bedient sich auch der Verfasser des Hebräerbriefes (12, 18.22.24): Ihr seid nicht gekommen zu dem Berge Sinai, wo alles so schrecklich war, dass das Volk, wie von einer gegenwärtigen Predigt des Todes betroffen, bat, es möchte ihm nichts mehr gesagt werden, und Moses selbst gestehen musste, dass er sich fürchte; sondern ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, wo Jesus ist, der Mittler des Neuen Bundes usw. Aus dem „abermals“ schließen wir, dass Paulus an unserer Stelle das Evangelium dem Gesetz gegenüberstellen will: solche unschätzbare Wohltat verdanken wir dem Sohne Gottes, dessen Ankunft uns für alle Zukunft von der drückenden Herrschaft des Gesetzes frei machte. Doch darf man daraus weder schließen, dass vor Christi Ankunft noch niemand den Kindschaftsgeist besessen habe, noch dass alle, die das Gesetz vernahmen, lediglich Knechte und durchaus nicht Kinder gewesen seien. Paulus vergleicht nur im Allgemeinen die Ordnung des Gesetzes mit der Ordnung des Evangeliums, und er fragt gar nicht, wie es mit einzelnen Persönlichkeiten bestellt gewesen. Gewiss werden die Gläubigen hier auch erinnert, wie viel gnädiger Gott mit uns handelt als einst mit den Vätern unter dem Alten Bunde. Aber bei alledem hat der Apostel nur die äußere Ausbreitung des Evangeliums im Auge. Nur unter diesem Gesichtspunkte stehen wir höher als die Väter. Rein persönlich betrachtet war der Glaube eines Abraham, Moses oder David sicher weit größer als der unsrige; aber diese alle standen noch unter der erziehenden Vorbereitung und hatten deshalb die Freiheit, die uns eröffnet ist, noch nicht erlangt. Zugleich wird zu bedenken sein, dass Paulus diesen Unterschied zwischen den Knechten des Gesetzesbuchstabens und den Gläubigen, welchen der himmlische Meister Christus neben dem äußeren Schall des Wortes auch die innere wirksame Leitung des Geistes geschenkt hat, nur in Rücksicht auf die falschen Apostel und ihre gesetzliche Lehrweise so scharf betont. An sich birgt ja das Gesetz auch den Bund der Gnade in sich; aber diesen Inhalt denkt Paulus jetzt einmal hinweg. Er fasst im Gegensatz zum Evangelium jetzt nur das eigentlichste Wesen des Gesetzes ins Auge, welches darin besteht, zu befehlen und zu verbieten und die Übertreter in der Furcht des Todes gefangen zu halten. Das Gesetz kommt für ihn nach derjenigen Seite seines Inhalts in Betracht, in der es den Gegensatz zum Evangelium darstellt. Anders ausgedrückt: Paulus denkt an das bloße Gesetz, sofern Gott in demselben mit den Menschen einen Bund der Werke geschlossen hat. Bezüglich der einzelnen Persönlichkeiten also müssen wir bestimmt behaupten, dass im jüdischen Volke vor und nach Erlass des Gesetzes die Erleuchtung der Frommen durch einen und denselben Geist geschehen ist, welcher immer und überall derselbe bleibt. Auf das Siegel dieses Geistes, welcher das Angeld auf das ewige Leben ist, gründet sich allein die Hoffnung des Heils. Nur der Unterschied besteht, dass im Reiche Christi der Geist freigebiger und reichlicher ausgegossen ward. Sieht man namentlich die Offenbarung der Lehre an, so muss man sagen, dass erst Christi Erscheinung im Fleisch die volle Gewissheit des Heils brachte; denn so groß die Klarheit des Evangeliums ist, so dicht ist die Hülle der Dunkelheit, welche über dem Alten Testament liegt. Betrachtet man das Gesetz an sich, so kann es nichts, als die Menschen der Knechtschaft und dem Tode ausliefern. Denn es verheißt alles Gute nur bedingungsweise und droht allen Übertretern den Tod. Wie also unter dem Gesetz der Geist der Knechtschaft herrschte, welcher das Gewissen in Schrecken hielt, so herrscht unter dem Evangelium der Geist der Kindschaft, welcher unsere Seelen fröhlich macht durch das Zeugnis der Gnade.

Durch welchen wir rufen. Paulus geht aus der zweiten Person in die erste über: ihr habt den Geist empfangen, durch welchen wir rufen. So wird deutlich, dass ein und derselbe Geist in allen Gläubigen waltet. Abba, lieber Vater! Nachdrücklich, in doppelter Sprache, wird der Vatername den Gläubigen zweimal in den Mund gelegt. Denn Gottes Barmherzigkeit hat sich in der ganzen Welt kundgemacht und wir in allen Sprachen angerufen. So klingen die Stimmen aller Völker in eins. Es ist kein Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen: beide sind Glieder desselben Leibes geworden. Denselben Gedanken gibt der Prophet Jesaja in fast entgegen gesetzter Form (19, 18) -, wenn er sagt, dass alle Völker sich der Sprache Kanaans bedienen werden. Er denkt ja dabei nicht an die äußere Form der Sprache, sondern daran, dass die Herzen einig sein werden, Gott zu preisen, und von dem gleichen Eifer erfüllt, ihm rein und wahr zu dienen. Das Gebet der Frommen nennt nun der Apostel ein „Rufen“. Denn sie beten ohne Zweifelmut, und wagen, furchtlos und hell ihre Stimme zum Himmel zu erheben. Zwar auch unter dem Gesetz haben die Gläubigen Gott als ihren Vater angerufen, aber noch nicht mit voller und freier Zuversicht, da der Vorhang ihnen noch den Zugang in Allerheiligste versperrte. Jetzt aber ward uns durch Christi Blut die Tür aufgetan; nun dürfen wir als Gottes Hausgenossen mit vollem Munde rühmen, dass wir Kinder Gottes sind. Daher stammt unser „Rufen“. Nun ist die Weissagung erfüllt (Hos. 2, 25): Ich will zu ihnen sagen: „Du bist mein Volk“ -, und sie werden antworten: „Du bist mein Gott.“ Denn je klarer die Gnadenverheißung, umso größer ist der Freimut des Gebets.

V. 16. Derselbe Geist gibt Zeugnis mit unserm Geist. Der Apostel sagt nicht einfach: „unserm Geist“, sondern „mit unserm Geist“. Er will dadurch zu verstehen geben, dass der Geist Gottes uns ein solches Zeugnis ablegt, welches unter seiner Führung und Leitung auch unsern Geist die gewisse Zuversicht fassen lässt, dass die Annahme zur Gotteskindschaft feststehe. Solcher Glaube würde aus unserm Geiste nicht erwachsen, wenn ihn Gottes Geistesleitung nicht in uns erweckte. Übrigens will unser Satz den vorangehenden erläutern und begründen: denn wenn der Geist uns bezeugt, dass wir Gottes Kinder sind, so erweckt er dadurch die Zuversicht, dass wir Gott als Vater anrufen. Wenn allein die Zuversicht uns den Mund öffnet, so wird ja die Zunge stumm zum Gebet sein, wenn nicht der Geist dem Herzen von der Vaterliebe Gottes Zeugnis gibt. Denn der Grundsatz steht durchaus fest, dass wir nur dann recht zu Gott beten, wenn wir ihn mit dem Munde Vater nennen und dabei im Herzen überzeugt sind, dass der Mund recht redet. Umgekehrt gibt es kein sichereres Kennzeichen für die Echtheit unseres Glaubens, als die Anrufung Gottes. – Mit besonderem Nachdruck wollen wir endlich noch anmerken, dass unser Spruch eines der klarsten Zeugnisse für die Möglichkeit einer vollen und unbedingten Heilsgewissheit ist. Er gibt auch Antwort auf die ungläubige Frage, woher denn der Mensch wissen könne, was Gott über ihn beschlossen habe. Wir haben darüber nicht irgendwelche unsichere Vermutungen, sondern der Geist Gottes tut es uns kund. Genauer führt der Apostel diesen Gegenstand im ersten Brief an die Korinther aus (2, 9.10; 12, 3). Es steht also fest, dass niemand ein Kind Gottes sein kann, der es nicht fest glaubt. Und dieser Glaube ist eine vollkommene Gewissheit (1. Joh. 5, 19.20): „Wir wissen, dass wir von Gott sind.“

V. 17. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben. Hier finden wir jetzt weiter den entscheidenden Beweis dafür, dass wir selig sind, weil Gott unser Vater ist. Kinder müssen einmal erben, und wenn Gott uns als Kinder angenommen hat, so ist uns auch eine Erbschaft von ihm ausgesetzt. Worin diese besteht wird alsbald angedeutet: sie ist himmlisch, also unvergänglich und ewig und wird uns in Christus mitgeteilt. So weicht alle Ungewissheit, und unser Besitz muss wohl über alle Maßen reich sein; denn wir erben zusammen mit Gottes eingeborenem Sohne. Eben diese Größe und Herrlichkeit unseres Erbes will Paulus uns ins Herz prägen, damit solche Aussicht uns zufrieden und tüchtig mache, die Lockungen der Welt zu verachten und alle Leiden dieser Zeit geduldig zu ertragen.

So wir anders mit leiden. Christi Miterben werden wir sein, wenn wir ihm auf dem Wege zu seiner Erbschaft folgen. Dass er hier von Christus spricht, das soll zur Ermahnung hinüberleiten. Der Gedankengang ist so: Gottes Erbe ist unser, weil er uns in Gnaden zu Kindern angenommen hat; um es dem Zweifel zu entziehen, hat er es Christus bereits als Besitz übertragen; wir haben an Christus und seinem Geschick Anteil: Da er aber durch das Kreuz zur Erlangung des Erbes kam, so ist das auch unser Weg. Dieser Gedanke will nun keineswegs die Meinung begünstigen, dass wir mit unserer mühevollen Anstrengung die selige Ewigkeit verdienen müssten. Paulus beschreibt weniger den Grund unserer Seligkeit, als vielmehr die Art und Weise, wie Gott uns zu derselben führt. Denn zuvor hatte er deutlich genug ausgeführt, dass mit der freien Gnade Gottes sich kein Verdienst der Werke verträgt. Wenn er uns nunmehr zur Geduld mahnt, so will er keine andere Lehre darüber vortragen, woher unser Heil stammt, sondern nur darüber, wie Gott das Leben der Seinen regiert.

V. 18. Denn ich halte es dafür usw. Die Ermahnung zur Geduld, welche schon der vorige Satz in sich barg, wird jetzt unverhüllter ausgesprochen und zugleich mit einem kräftigen Grund unterstützt. Wir dürfen es uns nicht verdrießen lassen, wenn der Weg zur himmlischen Herrlichkeit durch mancherlei Trübsal führt; denn diese Trübsal wiegt leicht gegen jene überschwängliche Herrlichkeit. Den Leiden dieser Zeit, welche also bald vorübergehen, steht die Herrlichkeit gegenüber, die an uns in alle Zukunft und Ewigkeit soll offenbart werden.

19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. 20 Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung. 21 Denn auch die Kreatur wird frei werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnt sich mit uns und ängstet sich noch immerdar.

V. 19. Denn das ängstliche Harren usw. Ein Beispiel für die Geduld, zu der wir ermahnt wurden, ist selbst die stumme Kreatur. Kein Bestandteil des Weltalls bleibt unberührt von der Sehnsucht, mit welcher unter dem Elend dieser Zeit sich alles der Auferstehung entgegen streckt. Dabei sagt der Apostel zweierlei: die Kreatur ängstet und müht sich -, aber sie hält sich noch in Hoffnung aufrecht. Ein neuer Beweis für die unermessliche Größe der ewigen Herrlichkeit: denn sie vermag das All zu brennender Sehnsucht zu erwecken! Die Ausdrucksweise ist ungewöhnlich: das Harren … wartet. Aber so wird uns förmlich vor Augen gemalt, mit welcher Ängstlichkeit und zitternder Sehnsucht die Kreatur dem Tage entgegen wartet, welcher die Herrlichkeit der Kinder Gottes völlig enthüllen wird.

Die Offenbarung der Kinder Gottes erfolgt nämlich, wenn wir Gott gleich sein werden. Wie Johannes sagt (1. Joh. 3, 2): „Wir sind nun Gottes Kinder, aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“

V. 20. Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit. Welcher Kontrast gegen das Hoffnungsziel! Die Kreatur, die jetzt der Eitelkeit unterworfen ist, kann nicht eher befreit werden, als bis auch die Kinder Gottes ihre völlige Erlösung empfangen. Wenn sie auf die eigne Befreiung harrt, so schaut sie also nach dem Anbruch des Himmelreichs aus. Der Eitelkeit unterworfen ist aber die Kreatur insofern, als sie ihren festen und sicheren Bestand verloren hat und flüchtig und vergänglich schnellen Laufes vorübereilt. Diese „Eitelkeit“ steht im Gegensatz zur ursprünglichen Anlage der Natur. Ohne ihre Willen. Da die unvernünftige Kreatur einen eigentlichen Willen nicht besitzt, so haben wir an den inneren Lebenstrieb zu denken, der von Natur nicht auf die „Eitelkeit“, sondern auf Selbsterhaltung und Vollendung sich richtet. Der gegenwärtige Zustand der Vergänglichkeit tut der wahren Natur Zwang an. Die einzelnen Teile der Welt erscheinen hier in dichterischer Weise fast wie Personen, die über sich selbst hinausstreben. Wie übel steht da uns Menschen der Stumpfsinn, welchen kein Blick auf die flüchtige Vergänglichkeit der Welt auf höhere Gedanken bringt! Sondern um deswillen, der sie unterworfen hat. Die Kreaturen müssen uns ein Vorbild des Gehorsams liefern, und der Apostel fügt hinzu, dass solches auf Hoffnung geschieht, weil nur die Hoffnung, das Streben zu einem höheren Ziel, den Lauf der Welt noch in Gang erhält. Gottes Ordnung und Befehl, der jeglicher Kreatur ihr Amt gab, ist der Grund, dass Sonne und Mond und alle Sterne unermüdlich ihre Kreise ziehen, dass die Erde fleißig und gehorsam ihre Früchte hervorbringt, dass die Luft in unermüdlicher Bewegung bleibt, dass die Flüsse nicht stillstehen in ihrem Lauf. Doch in alledem wirkt nicht bloß ein bestimmter Befehl Gottes, sondern auch die Hoffnung, die einer neuen Welt entgegen strebt. Auch sie hat Gott der Kreatur eingestiftet. Denn wegen der traurigen Zerrüttung, die nach Adams Fall eintrat, hätte die Weltmaschine in jedem Augenblick zerbrechen können, hätten ihre Räder sofort stillstehen müssen, wenn nicht eine ganz andere starke Kraft um ihrer eignen verborgenen Zwecke willen sie noch zusammenhielte. Wie schmählich wäre es nun, wenn in den Kindern Gottes der Geist, den sie als Unterpfand einer seligen Zukunft empfangen haben, weniger kräftig wirken sollte als in toten Kreaturen ein verborgener Instinkt! Also: mag die Kreatur von Natur hierhin oder dorthin neigen -, weil es Gott gefallen hat, sie der „Eitelkeit“ zu unterwerfen, so muss sie sich dieser Ordnung beugen. Und weil Gott Hoffnung gibt für eine bessere Zukunft, so hält sie sich in ihrem gegenwärtigen Stande und schiebt ihre Sehnsucht auf, bis die verheißene Unvergänglichkeit offenbart wird. Wenn Paulus dabei der Kreatur eine „Hoffnung“ zuschreibt, so ist dies ebenso poetisch gedacht wie vorher das „Wollen“ und „Nichtwollen“.

V. 21. Denn auch die Kreatur usw. Dieser Satz gewährt einen genaueren Einblick darein, wieso die Kreatur „auf Hoffnung“ der Eitelkeit unterworfen ward. In Zukunft wird sie nämlich frei werden, wie schon Jesaja bezeugt und Petrus noch deutlicher ausgesprochen hat (Jes. 65, 17; 2. Petr. 3, 13). Hier mögen wir bedenken, wie schrecklich die Verdammnis sein muss, die wir verdient haben, wenn alle unschuldigen Kreaturen, von der Erde an bis zum Himmel, die Strafe für unsere Sünden mittragen müssen! Denn dass sie unter der allgemeinen Verderbnis leiden, ist unsere Schuld. Den Stempel von der Vermaledeiung des Menschengeschlechts tragen Himmel und Erde und alle Kreaturen. Andererseits erscheint auch die zukünftige Herrlichkeit der Kinder Gottes in hellem Lichte: denn um ihren Glanz zu erhöhen, sollen alle Kreaturen in einen neuen Stand gesetzt werden. Dabei behauptet der Apostel nicht, dass sie an der Herrlichkeit der Kinder Gottes teilhaben werden, sondern nur, dass sie eine Erhöhung und Befreiung nach ihrer Weise erfahren: Gott wird die jetzt in Verwirrung gestürzte Erde im Zusammenhange mit dem menschlichen Geschlecht wieder zu ihrer Ordnung bringen. Worin aber diese Wiederherstellung bestehen und wie sie sich an Tieren, Pflanzen und an der leblosen Natur zeigen wird -, das sind unnütze und vorwitzige Fragen, die schon deshalb keine Antwort finden können, weil wir jetzt auch nur sagen können, dass das wesentlichste Stück des verderbten Zustandes die Vergänglichkeit ist. Überscharfsinnige Menschen mögen sich mit endlosen Fragen den Kopf zerbrechen, etwa auch darüber, ob hinfort alle Tiere unsterblich sein sollen? Wir begnügen uns mit der einfachen Lehre, dass ein solches Maß und solche Ordnung die Welt durchwalten wird, welche jede Verunstaltung und alles nichtige Wesen ausschließt.

V. 22. Denn wir wissen usw. Der Apostel wiederholt seinen Gedanken noch einmal und fügt nur ein „mit uns“ hinzu, um zu unserer eignen Hoffnung zurückzulenken. So gewinnt die Rede einen in sich notwendigen Abschluss. Ist die Kreatur der Eitelkeit unterworfen, nicht nach der eignen Richtung ihrer Natur, sondern auf Grund einer besonderen Verfügung Gottes, und darf sie dabei auf endliche Erlösung hoffen, so gleicht sie einem Weibe in Geburtswehen, welches sich ängsten muss, bis das Ziel erreicht ist. Ein überaus treffender Vergleich, welchen die Worte des Paulus andeutungsweise enthalten! Jenes Sehnen und Ängsten wird nicht tot und vergeblich sein, sondern frohe und glückliche Frucht gebären. In Summa: die Kreatur fühlt sich nicht heimisch in ihrem Stande, und braucht doch auch nicht in aussichtsloser Sehnsucht sich zu verzehren. Sie liegt in den Wehen einer besseren Zukunft. So schließt sie sich mit uns zusammen: sie ängstet sich mit uns. Der Apostel fügt hinzu: noch immerdar. Dies Wort bringt Trost in das lange Warten. Hat die Kreatur Jahrtausende in ihrem Herzen sich ängsten müssen, warum wollen wir schon in dem kurzen Laufe dieses Lebens träge und müde werden, das doch wie ein Schatten vorüberzieht?

23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung. 24 Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wir kann man des hoffen, das man sieht? 25 So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.

V. 23. Nicht allein aber usw. Manche Ausleger meinen, der Apostel wolle hier die Hoheit unserer zukünftigen Seligkeit dadurch ins Licht setzen, dass er auf die allgemeine Sehnsucht hinweist, mit welcher nicht bloß die unvernünftigen Kreaturen, sondern auch wir, die wir durch Gottes Geist wiedergeboren sind, ihr entgegen harren. Ich will diese Ansicht nicht für ganz ausgeschlossen erklären, ziehe aber vor, den Zusammenhang in anderer Weise zu deuten. Der Gedanke steigt von der niederen Stufe zur höheren empor: wenn schon auf die Bestandteile der irdischen Welt, welche doch weder Gefühl noch Verstand haben, der Glanz unserer künftigen Herrlichkeit eine solche Anziehungskraft ausübt, dass sie mit einer Art von Sehnsucht danach sich durchdrungen zeigen -, wie viel mehr müssen dann wir, die wir die Erleuchtung durch Gottes Geist besitzen, mit gewisser Hoffnung und angespanntem Eifer ein so überschwänglich großes Gut erharren und uns ihm entgegen strecken! Eine doppelte Stimmung will der Apostel im Herzen der Gläubigen hervorrufen: seufzenden Überdruss an dem Elend dieser Zeit, und dabei doch hoffende Geduld für die Erlösung. Die Erwartung der zukünftigen Seligkeit soll uns erheben und mit hohem Geiste die gegenwärtigen Beschwerden überwinden lassen. Denn wir sollen bedenken, nicht was wir sind, sondern was wir sein werden.

Wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge. In der Gegenwart sind die Gläubigen nur mit einigen ersten Tropfen des Geistes besprengt, im besten Falle haben sie ein begrenztes Maß des Geistes empfangen und sind von seinem Vollmaße noch weit entfernt. Also spricht der Apostel von den „Erstlingen“ im Hinblick auf die noch ausstehende völlige Gabe. Haben wir nur die Erstlinge, so dürfen wir uns freilich nicht wundern, wenn noch Unruhe unser Herz durchzieht! Auch die Form des Satzes muss diese Unruhe zum Ausdruck bringen: zuerst durch die von der Sehnsucht eingegebene Wiederholung: wir selbst, die wir. Weiter lautet aber auch das Wort, welches unsere Übersetzung mit „sehnen“ wiedergibt, eigentlich stärker: wir seufzen nach der Kindschaft. So hart drückt uns das Gefühl des Elends.

Nach der Kindschaft. Uneigentlicherweise, und doch mit gutem Grunde bezeichnet Paulus hier als „Kindschaft“ nicht unsern gegenwärtigen Stand, sondern erst den Genuss des Erbes, zu welchem die Tatsache uns berechtigt, dass Gott uns zu seinen Kindern angenommen hat. Denn Gottes ewiger Rat, welcher uns vor Grundlegung der Welt zu seinen Kindern erwählte, welchen das Evangelium uns bezeugt und der Geist unserm Herzen versiegelt, würde vergeblich sein, wenn er uns nicht auch als letztes Ziel die gewisse Auferstehung verbürgen könnte. Denn warum anders ist Gott unser Vater, als weil er uns nach dem Laufe der irdischen Pilgrimschaft in das himmlische Erbteil aufnehmen will? Eben dahin zielt auch die weitere Aussage: und warten auf unsers Leibes Erlösung. Christus hat den Preis für unsere Erlösung gezahlt; aber noch immer hält uns der Tod gefangen, ja wir tragen ihn in uns. Das Opfer des Todes Christi muss also seine letzte Frucht, unsere Erneuerung zu himmlischem Wesen, noch bringen -, wo nicht, so wäre es fruchtlos und vergeblich gewesen.

V. 24. Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Mahnung zur Geduld wird mit einem weiteren Grunde gestützt. Wir müssen noch hoffen, also müssen wir auch noch sterben. Dass kein anderer Weg zur Seligkeit führen kann, liegt in der Natur der Sache. Hoffnung zielt überall auf die Zukunft; sie stellt die Bilder verborgener und ferner Dinge vor unsere Seele. Was man sieht und greift, kann nicht Gegenstand der Hoffnung sein. Dabei setzt Paulus als allgemein zugestanden voraus, dass wir allerdings nur in der Hoffnung selig sind, solange wir in dieser Welt wallen. Denn unsere Seligkeit ruht bei Gott, hoch erhaben über unsere Sinne. Der Ausdruck: die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung, ist etwas hart, aber wohlverständlich. Er birgt die einfache Wahrheit: da unsere Hoffnung sich auf ein zukünftiges, nicht auf ein gegenwärtiges Gut richtet, so können wir noch nicht völlig besitzen, was wir erhoffen. Wollen wir uns die Seufzer durchaus ersparen, so müssen wir schon Gottes Ordnung umstürzen; denn Gott lässt die Seinen keinen Triumph und Sieg erleben, er hätte sie denn zuvor im Kampfe der Leiden geübt. Hat Gott einmal beschlossen, unsere Seligkeit in der verborgenen Stille des Herzens zur Reife zu bringen, so kann es uns auf Erden nur gut sein, Mühen und Lasten zu tragen, Schmerz und Druck zu leiden, ja selbst bis zum Tode getrieben zu werden. Denn die eine sichtbare Seligkeit begehren, verwerfen das wahre Heil und stoßen die Hoffnung von sich, die Gott als Wächterin des Heils bestellt hat.

V. 25. So wir aber des hoffen usw. Jetzt wird in einem endgültigen Schluss dargelegt, was aus der bisher beschriebenen Hoffnung erwachsen muss: nämlich die Geduld. Es mag schwer sein, das Gut zu entbehren, nach welchem deine Seele sich sehnt: willst du aber den Trost der Geduld verschmähen, so wirst du vollends in Verzweiflung sinken. Die Hoffnung muss die Geduld zur steten Begleiterin haben. So legt uns der Apostel nachdrücklich das letzte Ergebnis vor: was das Evangelium von der Herrlichkeit der Auferstehung verheißt, wird unsern Händen entgleiten, wenn wir nicht in diesem Leben Kreuz und Anfechtung geduldig tragen. Ist das Leben unsichtbar, so muss das, was wir sehen, wohl Tod sein. Ist unsere Ehre unsichtbar, so mögen wir gegenwärtig ruhig Schande leiden. Dieser ganze Beweisgang des Apostels lässt sich kurz folgendermaßen zusammenfassen: Aller Frommen Seligkeit steht in der Hoffnung: zum Wesen der Hoffnung gehört es, sich auf zukünftige und ferne Güter zu richten; also ist die Seligkeit der Frommen eine verborgene. Nun hält sich die Hoffnung nur durch Geduld aufrecht: also erreicht die Seligkeit der Frommen ihr Ziel nur durch Geduld. Aus alledem entnehmen wir die wichtige Wahrheit, dass die Geduld die unzertrennliche Genossin des Glaubens ist. Das lässt sich leicht begreifen; denn wenn wir uns mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft trösten, so mildert und mäßigt sich das Gefühl des gegenwärtigen Elends, und dasselbe wird weit erträglicher.

26 Desgleichen auch der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´ s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefällt.

V. 26. Desgleichen auch der Geist usw. Die Gläubigen sollen nicht fürchten und sagen, dass ihre Kraft nicht ausreicht, so große und harte Lasten zu tragen. Paulus erinnert daran, dass ihnen der Geist zur Seite steht: seine Kraft ist größer als alle Schwierigkeiten. Niemand darf klagen, dass ihm ein schwereres Kreuz auferlegt sei, als er tragen kann; denn himmlische Kraft will uns stärken. Welch reicher Trost liegt in dem Satz: der Geist hilft unsrer Schwachheit auf! Das griechische Wort, das wir übersetzen: „hilft … auf“ ist von gewaltiger Kraft; der Geist nimmt die Last, soweit sie uns zu schwer wird, auf sich. Auf diese Weise steht er uns nicht bloß zur Seite mit seiner Hilfe, sondern er trägt mit, als ob er sich selbst mit unter der Last beugte. Statt „Schwachheit“ sagt der Apostel wörtlich „Schwachheiten“; das dient zur Verstärkung; denn wenn Gottes Hand uns nicht aufrecht hält, droht uns allerdings ein Fall nach dem andern. Aber der Trost ist umso größer, wenn wir nur hören, dass für alle diese Schwachheiten, die uns jeden Augenblick zu Fall bringen können, Gottes Geist hinreichende Hilfe bereit hält, so dass nichts uns ins Wanken bringt und ganze Berge von Widerwärtigkeit uns nicht verschütten werden. Übrigens muss dieser Beistand des Geistes uns dessen noch gewisser machen, dass Gottes Ordnung es ist, die uns durch Seufzer und Klagen der völligen Erlösung entgegen führen will.

Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen. Schon früher (V. 15) hatte der Apostel gesagt, dass der Geist für unsere Gotteskindschaft Zeugnis gibt und dadurch die Zuversicht in uns erweckt, Gott als unsern Vater anzubeten. Jetzt wiederholt er diesen Satz: der Geist lehrt uns, wie und was wir beten sollen. Dieser Übergang von der inneren Angst und Sehnsucht der Frommen zum Gebet ist sehr nötig und passend; denn Gott sendet uns die Leiden nicht, damit wir im blinden Schmerz uns verzehren sollen, sondern damit wir zum Gebet uns aufraffen und darin unsern Glauben üben. Unter den verschiedenen Auslegungen dieser Stelle scheint mir nun diese am richtigsten und einfachsten zu sein: wir sind blind in unserm Gebet zu Gott, weil wir zwar unsere Leiden fühlen, aber unser verwirrter und verstörter Sinn nicht zu finden weiß, was heilsam ist und was zu bitten sich gebührt. Wollte man dagegen einwenden, dass doch Gottes Wort uns den rechten Weg auch für unser Gebet zeigt, so diene zur Antwort: dennoch bleibt unser inneres Leben von Finsternis umhüllt, die das Licht des Geistes uns erleuchtet.

Der Geist selbst vertritt uns. Wenn wir auch nicht sofort deutlich sehen können, ob Gott unsere Gebet erhört, so zieht doch Paulus den Schluss, dass schon ein inbrünstiges Gebet an sich ein Beweis für die Gegenwart und Wirksamkeit der göttlichen Gnade ist: ohne sie, aus eigner Erleuchtung, würde kein Mensch heilige und fromme Gebete zu Gott empor schicken. Freilich schwätzen auch die Ungläubigen ihre Gebete, aber sie spotten damit nur des Herrn; denn es ist keine Gewissheit, kein Ernst und kein richtiger Inhalt darin. Darum muss uns der Heilige Geist recht beten lehren. Das Seufzen, welches er in unserm Herzen erweckt, bezeichnet der Apostel als unaussprechlich, weil sein Inhalt weit über das hinausgeht, was wir fassen können. Dass der Geist uns vertritt, will nicht sagen, dass er im strengsten Sinne selbst sich zum Beten und Seufzen herbeilässt, sondern nur, dass er unserm Sinne eben die Bitten eingibt, auf welche unsern ganzen Eifer zu richten sich gebührt, und weiter, dass er unserm brünstigen Gebet eine solche Glut einhaucht, dass es bis zum Himmel dringen muss. Diese eigentümliche Ausdrucksweise will nicht den geringsten Zweifel darüber bleiben lassen, dass das Gelingen unseres Gebets allein auf der Gnadenwirkung des Geistes ruht. Uns wird geheißen: klopfet an! Aber niemand vermag aus eigner Kraft sich innerlich zu sammeln und nur eine einzige Silbe zu beten, wenn nicht Gottes geheime Geisteskraft zuvor bei ihm anklopft und die Tür des Herzens auftut.

V. 27. Der aber die Herzen erforscht usw. Ein herrlicher Grund zur Stärkung unserer Zuversicht! Gott muss uns erhören, weil wir durch seinen Geist beten. So kennt Gott den Inhalt unserer Bitten auf das allergenaueste, denn sie gehen aus dem Sinn seines eigenen Geistes hervor. Gott weiß, was des Geistes Sinn sei. Dieses „Wissen“ hat eine eigne Bedeutung. Es will sagen, dass Gott den Sinn des Geistes, weil dieser ihm nichts Neues und Unerhörtes bringt, durch und durch billigen muss und niemals verwerfen kann. Er erkennt vielmehr des Geistes Absicht als seine eigne an und nimmt sie mit gnädiger Zustimmung auf. Wie also Paulus zuvor sagen durfte, dass Gott unsere Hilfe ist und uns durch alle unsere Widerfahrnisse zu seiner Herde führen will, so kann er jetzt den weiteren Trost hinzufügen, dass unsere Gebete niemals vergeblich sein werden, weil Gott selbst sie lenkt und leitet. Dieser Grund wird zuletzt noch ausdrücklich angegeben: der Geist vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefällt. Er gestaltet unsern Sinn, wie Gott ihn haben will. Stimmt nun infolgedessen unser Gebet mit dem Willen dessen überein, der alles regieret, so kann es seine Wirkung nicht verfehlen. Daraus lernen wir, dass die Hauptsache im Gebet seine Übereinstimmung mit dem Willen des Herrn ist. Denn unser eigner Wille kann trotz aller brennenden Sehnsucht den Herrn nicht binden. Soll unser Gebet Erhörung finden, so müssen wir vor allen Dingen Gott bitten, dass er unser Gebet nach seinem Wohlgefallen gestalte.

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. 29 Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, welcher er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.

V. 28. Wir wissen aber. Jetzt zieht der Apostel die Folgerung aus den vorangehenden Sätzen: die Leiden dieses Lebens hemmen unsern Lauf zu Seligkeit so wenig, dass sie ihn ganz im Gegenteil fördern müssen. Dabei bedient sich indessen die Rede der merkwürdigen Fortsetzung mit einem „aber“. Das ist ein Zeichen, dass sie sich zugleich gegen einen geheimen Einwurf richtet. Klagt doch ein fleischlicher Sinn nur zu leicht darüber, dass Gott unsere Gebete nicht zu erhören scheint, weil alle unsere Leiden bleiben wie zuvor. Demgegenüber behauptet der Apostel: wenn Gott den Seinen auch nicht sofort äußerlich hilft, so verlässt er sie doch nicht. Denn seine verborgene Weisheit wendet zum Heil, was ein Schaden scheint. Mögen, äußerlich betrachtet, die gleichen Übel ohne Unterschied die Auserwählten wie die Verworfenen treffen, so besteht dennoch ein gewaltiger Gegensatz: denn seine Gläubigen erzieht Gott durch die Trübsal und führt sie dadurch zum Heil. – Wir müssen nämlich festhalten, dass der Satz: alle Dinge müssen uns zum Besten dienen – lediglich an Missgeschick und Widrigkeiten erinnern will. Gott lenkt alle Geschicke der Heiligen so, dass, was die Welt für Schaden achtet, doch in seinem Ausgang Nutzen und Segen sein muss. Augustinus geht freilich darüber noch hinaus, wenn er sagt, dass auch ihre Sünden nach Gottes Vorsehung den Heiligen so wenig schaden können, dass sie sogar ihr Heil fördern müssen. Dieser an sich richtige Gedanke passt aber nicht hierher, wo nur vom Kreuz die Rede ist. Wenn der Apostel sagt: denen, die Gott lieben -, so wollen wir daraus entnehmen, dass die Liebe zu Gott den Hauptinhalt der Frömmigkeit ausmacht. Sie ist der beherrschende Mittelpunkt alles Strebens nach Gerechtigkeit.

Denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Diesen Satz fügt der Apostel offensichtlich zur Abwehr eines Missverständnisses hinzu. Dass den Gläubigen eine so herrliche Frucht aus dem Unglück erwächst, wie sie soeben beschrieben wurde, haben sie nämlich nicht ihrer Liebe als einem eignen Verdienst zu verdanken. Wir wissen ja, dass in den Fragen des Heils die Menschen den Anfang nur zu gern in sich selbst suchen und an Vorbereitungen aus ihrem eignen Entgegenkommen glauben, auf welche Gottes Gnade sich dann gründen soll. Im Gegensatz dazu lehrt Paulus, dass die, welche Gott lieben, zuvor von ihm erwählt sind. Dass den Heiligen alles zum Besten dienen muss, dafür ist die erste und letzte Ursache ihre Annahme zur Gotteskindschaft aus freier Gnade. Die Heiligen können Gott nicht lieben, ehe sie nicht von ihm berufen sind. Wie es an einer andern Stelle (Gal. 4, 9) heißt: Die Christen konnten Gott erkennen, weil sie von ihm erkannt sind. Gewiss ist es wahr, dass nur denen alle Dinge zum Besten dienen, die Gott lieben. Aber ebenso wahr ist auch das Wort des Johannes (1. Joh. 4, 19), dass wir dann erst Gott lieben, wenn er uns zuvor geliebt hat. An unserer Stelle erinnert Paulus auch aus dem Grunde an Gottes ewige Erwählung, auf welcher unser ganzes Heil ruht, um den Übergang zu dem zu gewinnen, was er alsbald sagen will, dass nämlich der gleiche ewige Ratschluss Gottes auch die Leiden für uns bestimmt habe, die uns Christus gleich machen sollen. Denn es ist des Apostels Absicht, eine innerlich notwendige Verknüpfung zwischen unserer Seligkeit und dem Kreuze herzustellen, welches wir zu erdulden haben.

V. 29. Denn welche er zuvor ersehen hat. Jetzt muss also die zusammenhängende Kette der ewigen Gnadentaten Gottes den Beweis dafür liefern, dass alle Trübsal der Gläubigen nichts anderes ist als die Außenseite des verborgenen Gotteswirkens, welches uns in Christi Bild gestaltet. Dass wir durchaus in Christi Bild gestaltet werden müssen, hatte ja der Apostel schon früher gesagt (V. 17). So dürfen wir über der Bitterkeit und Last der Trübsal nicht müde werden. Oder wollten wir uns beklagen, dass Gott uns erwählt und zum ewigen Leben bestimmt hat? Wollen wir uns darüber betrüben, dass uns das Bild des Sohnes Gottes aufgeprägt werden soll, welches doch die Vorstufe der himmlischen Herrlichkeit bedeutet? Gottes „Zuvorersehung“, von welcher Paulus hier spricht, ist nun nicht ein bloßes Zuvorwissen, wie einige unerfahrene Geister behaupten, sondern der ewige Willensentschluss Gottes, kraft dessen er uns zu seinen Kindern ausersieht und für immer von den Verworfenen absondert. In demselben Sinne sagt Petrus (1. Petr. 1, 1.2), dass die Gläubigen erwählt seien zur Heiligung des Geistes „nach der Vorsehung Gottes“. Daraus zieht man vielfach den törichten Schluss, dass Gott diejenigen erwählt habe, von denen er voraussah oder voraus wusste, dass sie seiner Gnade würdig sein würden. Aber Petrus wollte doch unmöglich den Gläubigen eine Schmeichelei sagen, als ob sie auf Grund ihres eignen Verdienstes erwählt wären! Er wollte vielmehr ihnen alles Verdienst nehmen und sie auf den ewigen Gnadenrat Gottes weisen. – Wenn Paulus nun fortfährt: die hat er auch verordnet, so wollen diese Worte zunächst nicht für eine allgemeine Theorie verwertet, sondern im engsten Zusammenhange mit ihrem Nachsatz verstanden sein: dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes. Der Apostel will sagen: Gott hat beschlossen und verordnet, dass, die er zu seinen Kindern machen will, auch das Bild Christi, seines Sohnes, tragen sollen. Darum heißt es auch nicht kurzweg: „Christus gleich“ -, sondern: „dem Bilde seines Sohnes“. So tritt Christi lebensvolle Gestalt anschaulich vor unsere Seele, wie sie allen Kindern Gottes zum Urbilde dienen soll. In Summa: Die gnädige Annahme zur Gotteskindschaft, in welcher unser Heil besteht, ist untrennbar mit dem andern Ratschluss Gottes verbunden, welcher bestimmt, dass wir das Kreuz tragen sollen. Niemand kann ein Himmelserbe werden, er wäre denn zuvor dem eingeborenen Sohne Gottes gleich gestaltet worden. Auf dass derselbe der Erstgeborene sei. Ist Christus unter allen Kindern Gottes der Erstgeborene, so müssen wir auf sein Vorbild schauen und dürfen uns nicht weigern, alles auf uns zu nehmen, was er doch willig getragen hat. Das folgt aus dem Recht und der Würdestellung, welche der himmlische Vater seinem Sohne übertragen hat. Mag nun die besondere Lage der Frommen eine durchaus verschiedene sein, wie ja auch die Glieder eines Leibes gar mannigfaltig sind, so hat doch jedes einzelne Glied seinen Zusammenhang mit dem Haupte. So ist auch Christus unser Haupt und hält uns unter seiner Herrschaft als Bruderschaft zusammen.

V. 30. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen. Der Apostel will mit vollster Deutlichkeit beweisen, dass tatsächlich die Gleichgestalt mit Christi Niedrigkeit uns zur Seligkeit führen muss. Deshalb führt er uns von diesem Tiefpunkte die Stufen zur Höhe empor. So müssen wir einsehen, dass mit der Berufung, Rechtfertigung und endlich mit der Verherrlichung die Genossenschaft des Kreuzes untrennbar verbunden ist. Um aber den Sinn unseres Satzes richtig zu verstehen, dürfen wir wiederum nicht vergessen, dass das Wort „verordnen“ nicht auf die Erwählung im Allgemeinen zielt, sondern auf jenen Rat und Beschluss Gottes, welcher den Seinen das Kreuz auferlegte. Wenn der Apostel sagt, dass die zum Tragen des Kreuzes bestimmten Auserwählten nun auch von Gott berufen seien, so sehen wir daraus, dass Gott seinen Ratschluss über sie nicht in sich verschlossen, sondern geoffenbart hat, damit sie nun das ihnen auferlegte Los mit ruhigem Gleichmut tragen könnten. Die Berufung wird nämlich mit der verborgenen Erwählung zusammengefasst und zugleich als ein von ihr abhängiges Stück von derselben unterschieden. Damit also niemand sagen könne, man wisse ja überhaupt nicht, welches Los Gott jedem Menschen zugedacht habe, so lehrt der Apostel, dass Gott durch die Berufung eine öffentliche Auskunft über seinen geheimen Ratschluss gibt. Dies Zeugnis besteht aber nicht bloß darin, dass Gott das Wort äußerlich predigen lässt: vielmehr begreift die „Berufung“ auch ein inneres Wirken des Geistes in sich. Denn hier ist von den Auserwählten die Rede, welche Gott nicht nur mit seinem Worte zu sich ruft, sondern auch innerlich zu sich zieht. Welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht. Dieses „Gerechtmachen“ ließe sich dem Zusammenhange nach recht wohl auf die gesamte Gnadenwirkung Gottes deuten, welche unser Leben von der Berufung bis zum Tode durchzieht. Weil aber Paulus das betreffende Wort im ganzen Brief für die gnädige Zurechnung der Gerechtigkeit braucht, so werden wir auch hier schwerlich von diesem Sinne abgehen dürfen. Ist doch die Absicht der ganzen Ausführung, uns einen kostbareren Ersatz zu bieten, um dessen willen wir die Leiden nicht mehr fliehen dürfen. Was aber ist kostbarer und wünschenswerter, als mit Gott versöhnt zu werden, so dass nun unser Elend nicht mehr ein Zeichen der Verdammnis ist und nicht mehr zum Verderben führt? Welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht. Das gilt von denen, welche jetzt das Kreuz drückt! Sorge und Schande bedeutet also keinen Verlust mehr für sie. Diese Verherrlichung ist uns zwar nur erst in Christus, unserm Haupte, geschenkt; weil wir aber in ihm gewissermaßen die Erbschaft des ewigen Lebens schon wie mit Augen sehen, so erwächst daraus eine solche Gewissheit unserer Herrlichkeit, dass unsere Hoffnung schon als ein gegenwärtiger Besitz zu achten ist. So darf Paulus von der Zukunft bereits reden, als wäre sie Gegenwart. Mag vor der Welt mancherlei Leid den Glanz unserer Herrlichkeit verdunkeln: vor Gott und seinen Engeln strahlt er hell und klar. Diese ganze Steigerung will uns also einprägen, dass die Anfechtungen des Glaubens, welche uns jetzt demütigen, nur dazu dienen, uns zur Herrlichkeit des Himmelreichs und zum Auferstehungsleben des Christus hinanzuführen, mit welchem wir jetzt gekreuzigt werden.

31 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? 32 Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.

V. 31. Was wollen wir nun hierzu sagen? Jetzt ist die zur Verhandlung stehende Frage vollständig erörtert. Da drängen sich dem Apostel Freudenrufe auf die Lippen. Solche Geistesgröße ziemt den Frommen, wenn Widrigkeiten sie zur Verzweiflung treiben wollen! Hier lässt sich lernen, dass der Glaube an Gottes Gnade eine unbesiegliche Tapferkeit verleiht, welche alle Anfechtungen überwindet. Bilden sich die Menschen ihr Urteil über Gottes Liebe oder Hass gewöhnlich nur nach dem Befunde ihrer gegenwärtigen Erfahrungen, werden sie also im Unglück von Traurigkeit erfüllt und verlieren alle Zuversicht und jeden Trost -, so erhebt Paulus dagegen seine Stimme: höher empor! Es ergeben sich verkehrte Folgerungen, wenn wir unsere Gedanken bei dem Schauspiel des gegenwärtigen traurigen Kampfes verweilen lassen. Mag man mit Recht Gottes Züchtigungen sonst als Zeichen seines Zorns betrachten: weil aber Christus alles in Segen wandelt, darum sollen die Gläubigen doch vor allem andern Gottes Liebe darin greifen. Durch diesen Schild gedeckt, werden sie aller Übel spotten. Hier ist unsere eherne Mauer: ist Gott uns gnädig, so sind wir gegen alle Gefahren geschützt. Dabei sagt der Apostel nicht, dass kein Übel uns treffen werde -, aber er verheißt uns den Sieg über jeglichen Feind.

Ist Gott für uns. Das ist die wesentlichste, ja die einzige Stütze, die uns in jeder Versuchung aufrechterhält. Denn wenn wir keinen gnädigen Gott haben, so kann uns das größte Glück nicht zu fröhlicher Zuversicht verhelfen. Dagegen ist Gottes Gnade ein unerschöpflicher Trost in aller Trübsal, ein starker Schutz, der jedes Ungewitter aushält. Zahlreiche Sprüche der Schrift zeugen von diesem kühnen Vertrauen der Heiligen allein auf Gottes Kraft, welches ihnen Mut gibt, alles Widerstandes dieser Welt zu spotten. Ps. 23, 4: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ Ps. 56, 5: „Auf Gott will ich hoffen, und mich nicht fürchten; was sollte mir Fleisch tun?“ Ps. 3, 7: „Ich fürchte mich nicht vor viel Tausenden, die sich umher wider mich legen.“ Dazu viele andere Sprüche mehr. Es gibt ja keine Macht im Himmel und auf Erden, welche dem Arm des Herrn widerstehen könnte. Darum, wenn Gott für uns kämpft, so zittern wir vor keinem Angriff. Das eigentliche Zeichen wahren Gottvertrauens ist, dass wir, zufrieden mit seinem Schutze, nichts fürchten und nie den Mut verlieren. Erschüttert mag der Mut der Gläubigen oft werden, aber nie gebrochen. Alles in allem: der Apostel will uns einprägen, dass ein gläubiger Sinn sich am inneren Zeugnis des Heiligen Geistes aufrichtet und nicht von äußeren Widerfahrnissen abhängig macht.

V. 32. Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont. Weil der Apostel uns eine völlige Liebe zu Gott und ein unerschütterliches Zutrauen zu seiner väterlichen Barmherzigkeit einflößen will, erinnert er an den Preis unserer Erlösung. So muss es ja wohl feststehen, dass wir einen gnädigen Gott haben. Welch einziger und leuchtender Beweis unermesslicher Liebe, dass Gott sich nicht bedacht hat, seinen Sohn für unser Heil zu opfern! Und hat Gott dies Teuerste, Kostbarste und Größte dahingegeben -, sollten wir nicht das viel Geringere von ihm erwarten dürfen, dass er auch in allen großen und kleinen Anliegen des Lebens für uns sorgt? Dieser Spruch stellt uns den ganzen Reichtum vor die Seele, welchen unser Herr Christus mit sich führt. Er ist das Unterpfand der unergründlichen Liebe Gottes gegen uns: darum hat ihn Gott nicht bloß und leer zu uns gesandt, sondern beladen mit allen Schätzen des Himmels. Wer ihn hat, dem wird nichts an seinem Glücke fehlen. Dahingegeben hat aber Gott seinen Sohn, nämlich in den Tod.

V. 33. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Der entscheidende Grund, auf welchem Geduld und Sicherheit in allen Widerwärtigkeiten des Lebens ruht, ist die Gewissheit des Heils. Diesen Grund festzulegen schickt sich der Apostel nunmehr an, um die Gläubigen wider alle Fährlichkeit zu rüsten. Nun stürmen gegen unser Heil zuerst allerlei Anklagen an, und dann wird es durch die nachfolgende Verurteilung vollends vernichtet. Deshalb wendet sich die Rede zuerst gegen die gefährlichen Anklagen. Sie stellt uns vor Gottes Gericht; spricht er uns nun frei, so haftet keine Anklage mehr. – Übrigens zeigt unsere Stelle mit unwidersprechlicher Klarheit, dass im Sinne des Paulus Gott die Sünder „gerecht macht“, wenn er sie mit richterlichem Urteil freispricht und für gerecht erklärt. Denn dieses „gerecht sprechen“ ist hier der Gegensatz zum „verdammen“ (V. 34). Gott schlägt also alle Anklagen wider uns nieder, weil er uns von der Schuld freispricht. Der Teufel, ja auch Gottes Gesetz und unser eigenes Gewissen klagen uns an; aber vor dem Richter, der uns freispricht, wird uns das alles nichts schaden. Kein Widersacher kann unser Heil in Frage stellen, geschweige denn uns völlig rauben. Dabei redet Paulus von den „Auserwählten Gottes“. Seine Leser sollen nicht zweifeln, dass sie zur Zahl dieser Auserwählten gehören. Das gehört zum Inhalt des Glaubens, wie ihn jeder Fromme haben soll. Gott begräbt den Erwählungsratschluss nicht in seinem Herzen, sondern tut ihn kund und lässt ihn lebendig werden: jeder berufene Gläubige darf und soll gewiss sein, dass er ein Auserwählter ist.

V. 34. Wer will verdammen? Wie keine Anklage mehr haftet, wo der Freispruch des Richters vorliegt, so erfolgt keine Verurteilung weiter, wo dem Gesetz Genüge geschehen und die Strafe gezahlt ist. Christus aber hat den Tod auf sich genommen, den wir zu sterben schuldig waren. Er ist an unsere Stelle getreten: so sind wir frei. Wer nun uns noch verdammen will, müsste Christus wieder in den Tod zurückversetzen. Er aber ist nicht bloß gestorben, ja vielmehr, er ist auch auferweckt, hat durch seine Auferstehung sich als Sieger erwiesen und hat einen Triumph gefeiert über den Tod. Und der Apostel sagt noch mehr: welcher ist zur Rechten Gottes. Also er hat das Regiment über Himmel und Erde angetreten und besitzt Gewalt und Macht über alle Dinge (vgl. auch Eph. 1, 20). Zuletzt heißt es: und vertritt uns. Deshalb sitzt er zur Rechten des Vaters, um in alle Ewigkeit für unser Heil ein Fürsprecher zu sein und uns zu vertreten. Wer also uns verdammen will, muss nicht bloß Christi Tod ungeschehen machen, sondern auch den Kampf aufnehmen mit seiner unvergleichlichen Kraft, welche der Vater ihm geschenkt hat, als er ihn in die Herrschaft über den Weltkreis einsetzte. Daher die fröhliche Heilsgewissheit der Frommen, mit welcher sie des Teufels, des Todes, der Sünde und der Pforten der Hölle spotten dürfen! Unser Glaube ist nichts, wenn wir nicht ganz gewiss sind, dass Christus uns gehört und wir durch ihn einen gnädigen Vater haben. Nichts ist also verderblicher und so tödlich für den Glauben, wie die weit verbreitete Lehre, dass man seiner Seligkeit nicht gewiss werden könne und dürfe. Dass Christus für uns eintritt, verscheucht alles Zittern vor seiner göttlichen Majestät. Der auf Gottes Thron sitzt und alles unter seine Füße tritt, ist doch unser Mittler und freundlicher Fürsprecher. Warum sollten wir uns fürchten? – Übrigens muss man sich von dieser Fürbitte Christi keine fleischlichen Vorstellungen machen. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass Christus mit ausgebreiteten Händen etwa vor dem Vater auf den Knien läge. Wir haben hier nur eine anschauliche Form für den Gedanken: Christus steht vor Gottes Angesicht mit seinem Tod und seiner Auferstehung; damit tritt er für uns ein und erzielt die Wirkung, dass wir nun einen versöhnten Gott haben, der unsere Gebete erhört.

35 Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? 36 wie geschrieben steht: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ 37 Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat.

V. 35. Wer will uns scheiden usw. Nun überträgt sich die Gewissheit des Heils auch auf das irdische Leben. Denn wer gewiss sein darf, in Gottes Gnade geborgen zu sein, kann unter dem schwersten Druck aufrecht stehen. Nur darum ist ja das Unglück für die Menschen eine so entsetzliche Qual, weil sie nicht daran denken, dass Gottes Vorsehung es ihnen schickt oder weil sie es für ein Anzeichen des göttlichen Zornes halten, oder weil sie glauben, von Gott verlassen zu sein, oder weil sie kein gutes Ende absehen oder weil sie nicht nach einem besseren Leben trachten usw. Lässt aber die Seele alle solche Verkehrtheiten fahren, so wird bald Ruhe und Friede bei ihr einkehren. Paulus will also sagen. mag geschehen was will, so sollen wir in diesem Glauben feststehen, dass der Gott, der uns einmal seine Liebe zugewandt hat, nie aufhören wird für uns zu sorgen. Dabei heißt es nicht einfache: Es gibt nichts, was Gott von seiner Liebe zu uns abbringen könnte. Nein, er will, dass die lebendige Empfindung seiner Liebe in uns solche Kraft habe, dass sie in aller Finsternis der Trübsal als ein helles Licht Bestand behält. Wie der Nebel uns den klaren Anblick der Sonne entzieht, aber uns doch des Sonnenlichtes nicht ganz beraubt, so sendet Gott in Widerwärtigkeiten mitten durch das Dunkel die Strahlen seiner Gnade, damit die Anfechtung uns nicht in Verzweiflung stürze. Ja, unser Glaube hat gewissermaßen Gottes Verheißungen zu Flügeln zu nehmen und soll so durch allen Widerstand aufwärts bis in den Himmel dringen. Das Unglück, an sich betrachtet, ist gewiss ein Anzeichen des Zornes Gottes, aber wenn wir Verzeihung und Versöhnung empfangen haben, wird Gott ohne Zweifel seiner Gnade nicht vergessen, auch wenn er uns züchtigt. Er erinnert uns durch die Trübsal daran, was wir wohl verdient hätten, aber er zeigt doch zugleich, dass er für unsere Seligkeit besorgt ist, indem er uns zur Buße leitet. – Der Apostel redet von der Liebe Christi, weil in ihm der Vater uns sein Herz erschlossen hat. Außer Christus ist die Liebe Gottes nicht zu suchen. Darum führt uns der Apostel an die rechte Quelle: in den Strahlen der Gnade Christi soll unser Glaube das freundliche Angesicht des Vaters schauen. Die Hauptsache ist also, dass in keinerlei Unglück der Glaube erschüttert werden kann: ist Gott uns gnädig, so ist uns nichts zuwider!

Einige Ausleger verstehen unter der „Liebe Christi“ unsere Liebe zu Christus; sie meinen also, Paulus wollte uns hier zu unüberwindlicher Tapferkeit anspornen. Aber der Zusammenhang macht dies Hirngespinst zunichte, und bald beseitigt Paulus jeden Anstoß, indem er noch deutlicher zeigt, was diese Liebe ist.

Trübsal oder Angst oder Verfolgung. Lauter unpersönliche Dinge, und doch hatte vorher die Frage persönlich gelautet: wer (nicht was) will uns scheiden? Diese Redeweise birgt einen eignen Nachdruck. Die Dinge, die wider uns stehen, werden gewissermaßen Personen: soviel Anfechtungen sich wider unsern Glauben erheben, soviel starke Helden wappnen sich gegen uns. Übrigens unterscheiden sich die drei genannten Stücke folgendermaßen: „Trübsal“ sind alle Beschwerden und Mühen. „Angst“ dagegen ist ein inneres Leiden, das quälende Gefühl der vollendeten Ratlosigkeit. Solche Angst war es zum Beispiel, welche den Abraham dazu trieb, sein Weib, den Lot dazu brachte, seine Töchter preiszugeben (1. Mose 12. 11 ff., 19, 8): denn sie sahen in der Verwirrung und Not keinen andern Ausweg. „Verfolgung“ ist die tyrannische Gewalt, welche die Gottlosen den Kindern Gottes ungerechterweise antun.

V. 36. Wie geschrieben steht. Dieses Schriftzitat aus Ps. 44 ist keineswegs überflüssig, sondern sehr treffend. Es gibt uns zu verstehen, dass solche Schrecken des Todes uns nichts Überraschendes sein dürfen: denn es ist überall das Geschick der Knechte Gottes, dass sie den Tod immer vor Augen haben müssen. Damit streitet nicht, wenn die bedrängten Heiligen in jenem Psalm darüber klagen, dass eine ganz ungewöhnliche und unerhörte Verfolgung sie bedrückt. Denn dieselben Heiligen bezeugen auch, dass alle diese Leiden sie unschuldig treffen (Ps. 44, 18 ff.). Daraus ergibt sich doch der Schluss, dass es uns nicht überraschen darf, wenn Gott seine Heiligen ohne ihre Schuld der Wut der Gottlosen ausliefert. Es geschieht dies aber ohne Zweifel zu ihrem Besten. Denn die Schrift lehrt, dass es nicht die Weise des gerechten Gottes ist, den Gerechten mit dem Gottlosen zu töten (1. Mose 18, 25), sondern dass es vielmehr bei Gott recht ist, zu vergelten Trübsal denen, die Trübsal auferlegen, denen aber, die Trübsal leiden, Ruhe zu geben (2. Thess. 1, 6-7). Und des Weiteren sagen die Heiligen im Psalmspruch: um deinetwillen. Also sie leiden für den Herrn. Christus aber preist selig, die um der Gerechtigkeit willen leiden (Matth. 5, 10). Die Wendung: wir werden getötet -, will sagen, dass der Tod ihnen fortwährend droht, so dass dies Leben schon fast dem Tode gleichkommt.

V. 37. In dem allem überwinden wir weit. D. h. wir siegen ob im Streit und tauchen empor aus der Flut. Es geschieht ja zuweilen, dass die Gläubigen zu unterliegen und ganz zerschmettert zu Boden zu sinken scheinen. Denn Gott schickt ihnen nicht bloß Übungen, sondern tiefe Demütigungen. Aber der Ausgang bleibt immer, dass sie den Sieg gewinnen. Woher diese unbesiegliche Kraft stammt, sagen die Worte: um deswillen, der uns geliebt hat. Die Liebe Christi, in welcher Gottes väterliches Erbarmen zur Erscheinung kommt, prägt sich so tief in unsere Herzen ein, dass sie uns aus der Unterwelt ans Licht des Lebens zieht und mit ihrer unverzehrbaren Kraft uns stetig aufrecht hält. Hier wird nun (vgl. Vers 35) völlig deutlich, dass der Apostel nicht von der Liebe redet, die uns hinreißt, Gott zu lieben. sondern von Gottes bzw. Christi Liebe zu uns.

38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod und Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.

V. 38. Endlich bricht die Rede in einen überschwänglichen Triumphruf aus, um uns zu gleicher Siegesgewissheit fortzureißen. Was auch kommen mag im Leben oder im Tode, wovon man glauben könnte, dass es uns von Gott trennen müsste -, es wird nichts ausrichten! Ja, wenn selbst Engel sich mühen sollten, das Fundament unserer Seligkeit zu zerstören -, sie werden uns nichts anhaben! In der Tat sind ja freilich die Engel Gehilfen des Heiligen Geistes und ausgesandt zum Heil der Auserwählten (Hebr. 1, 14). Aber die majestätische Rede des Apostels setzt einmal das Unmögliche als möglich, wie dies auch Gal. 1, 8 geschieht. Daran mögen wir sehen, wie vor Gottes Herrlichkeit aller andere Glanz erbleichen muss. Nebenher werden die Engel als Fürstentümer und Gewalten bezeichnet. So heißen sie als die erhabenen Werkzeuge der Regierungsgewalt Gottes. Diese beiden Ausdrücke lassen die Rede voller und erhabener klingen, als wenn der Apostel kurzweg von Engeln geredet hätte. Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges. Wir haben nicht bloß mit dem Schmerz zu ringen, welcher an das gegenwärtige Übel sich hängt, sondern auch mit der Furcht und Sorge, welche drohende Gefahren uns einflößen. Aber wir dürfen gewiss sein, dass auch die längste Dauer der Leiden uns den Glauben an unsere Gotteskindschaft nicht rauben wird. Freilich hört man vielfach die Rede, dass niemand wissen könne, ob er nicht schließlich doch vielleicht abfallen werde. Aber solche Rede zerstört den Glauben ganz und gar. Denn ein Glaube, der nur für die Gegenwart hilft, nicht aber bis zum Tode und über den Tod hinaus, ist kein Glaube. Wir sollen aber Gott zutrauen, dass er das gute Werk, welches er in uns angefangen, vollführen wird bis auf den Tag Christi (Phil. 1, 6).

V. 39. Von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Christus ist das Band der göttlichen Liebe. Er ist der geliebte Sohn, an welchem der Vater Wohlgefallen hat. Hängen wir also durch ihn mit Gott zusammen, so dürfen wir des unerschütterlichen und unermüdlichen Wohlwollens Gottes gegen uns unbedingt versichert sein. Hier unterscheidet Paulus deutlicher als zuvor, da er nur von Christi Liebe sprach (V. 35.37): der Vater ist der Liebe Quell, von Christus her aber fließt sie uns zu.

Kapitel 9

1 Ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht, wie mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christo für meine Brüder, die meine Gefreundeten sind nach dem Fleisch; 4 die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen; 5 welcher auch sind die Väter, und aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Mit diesem Kapitel beginnt der Apostel einen Anstoß zu beheben, welcher die Gemüter der Menschen nur zu leicht von Christus abbringen konnte: nämlich, dass die Juden, für welche der Messias doch laut dem Bundschlusse des Gesetzes bestimmt war, denselben nicht bloß verwarfen, sondern geradezu verachteten, ja für einen Gräuel hielten. Aus dieser Tatsache schien eine doppelte Folgerung gezogen werden zu können: entweder, dass Gottes Verheißung durch den Ausgang der Sache Lügen gestraft worden sei -, oder dass der Jesus, welchen Paulus predigte, nicht der Christus des Herrn sei, dessen Verheißung vornehmlich den Juden galt. Diese doppelte Schwierigkeit lösen die folgenden Ausführungen in der trefflichsten Weise. Dabei befleißigt sich der Apostel den Juden gegenüber der größten Mäßigung, um ihre Empfindlichkeit nicht zu reizen. Andererseits vergibt er doch im ihretwillen der Würde des Evangeliums nicht das Geringste. Das jüdische Volk empfängt jede ihm gebührende Anerkennung, und zugleich bleibt Christus seine volle Ehre. Übrigens springt der Apostel auf diese ganze Erörterung völlig unvermutet über, ohne dass sich ein notwendiger Gedankenzusammenhang herstellen ließe. Und doch klingt der Anfang der Rede auch wieder so, als hätten wir es mit früher schon berührten Gegenständen zu tun. Innerlich erklärt sich dieser Tatbestand folgendermaßen: Nachdem die Lehre vollständig abgehandelt, richten sich die Gedanken des Paulus auf die Juden. Deren Unglaube erscheint ihm als ein beängstigendes Rätsel und erschüttert ihn tief: so bricht er plötzlich in eine beschwörende Beteuerung aus -, und das alles konnte er in eine Form kleiden, als ob längst davon die Rede gewesen wäre; denn jedem nachdenkenden Menschen musst allerdings längst der Einwurf auf den Lippen liegen: wenn diese ganze Lehre des Paulus wirklich mit Gesetz und Propheten übereinstimmt, wie erklärt sich dann dieser hartnäckige Widerstand der Juden? Auf der andern Seite war ja alles, was Paulus bisher vom Gesetz Moses und der Gnade Christi gesagt hatte, den Juden verhasst, so dass also von ihnen keine Zustimmung und insofern keine Stütze für den Glauben der Heiden zu erwarten war. Dies lag vor aller Augen und bereitete allerdings dem Glauben an das Evangelium ein Hindernis.

V. 1. Ich sage die Wahrheit in Christus. Paulus stand weithin in dem Rufe, ein geschworener Feind seines jüdischen Volkes zu sein. Selbst christliche Glaubensgenossen hegten den Verdacht, dass er den Abfall von Mose predigte. So muss vor Eintritt in die eigentliche Besprechung der Sache ein Vorwort dem Apostel das Vertrauen seiner Leser zu gewinnen suchen. Paulus reinigt sich von dem Verdacht, als wolle er seinem Volke nicht wohl. Er bedient sich dabei eines Schwures, denn die Sache war es wert, und eine bloße Behauptung wäre auch nicht kräftig genug gewesen, um das eingewurzelte Vorurteil zu überwinden. Hieraus (vgl. auch zu 1, 9) können wir lernen, wann auch für den Christen ein Eid am Platze ist: nämlich wenn es gilt, einer wichtigen Wahrheit die Anerkennung zu verschaffen, die sie auf andere Weise unmöglich gewinnen würde. In Christus heißt: wie es Christus erfordert. Der Apostel fügt noch einmal hinzu: und lüge nicht, um jeden Gedanken an Lug und Trug auszuschließen. Das Gewissen gibt dafür Zeugnis in dem Heiligen Geist. Paulus unterstellt es also dem Gerichte Gottes. Und er ruft nicht bloß Gott, sondern im Besonderen den Heiligen Geist als Zeugen an, um auszudrücken und zu bezeugen, dass sein Herz von jeder missgünstigen Nebenabsicht frei und rein ist, und dass er unter Führung und Leitung des Geistes Gottes nur der Sache Christi dienen will. Kommt es doch oft genug vor, dass jemand ohne Wissen und Willen, durch fleischliche Zu- und Abneigung verblendet, das Licht der Wahrheit verdunkelt. Das ist nun die rechte Weise, beim Namen Gottes zu schwören: dass man ihn als Zeugen anruft, um eine dem Zweifel unterzogene Sache glaubwürdig zu machen, und dass man sich für den Fall der Unwahrheit seinem Gerichte unterwirft.

V. 2. Dass ich große Traurigkeit usw. Mit einer Art von rednerischem Kunstgriff bricht Paulus den weiteren Verfolg des hier ausgesprochenen Gedankens ab. Er deutet nur an und sagt noch nicht deutlich, was denn der Anlass seiner Traurigkeit sei. Offen von dem Untergange des jüdischen Volkes zu reden wäre noch nicht am Platze gewesen. Übrigens zeigt sich auf diese Weise die Heftigkeit seines Schmerzes besonders erschütternd; denn es ist immer ein Zeichen tiefer Bewegung, wenn die Rede vor dem Schluss abbricht. Den Grund seines Schmerzes klar auszusprechen verschiebt der Apostel, bis er sicher sein kann, das Vertrauen der Leser wirklich gewonnen zu haben. – Auffällig könnte es scheinen, dass der Untergang Israels dem Paulus eine solche innere Qual bereitet, wo der doch wusste, dass hier nur Gottes Rat und Wille geschehen sei. Wir ersehen daraus, dass die gehorsame Unterwerfung unter Gottes Vorsehung die Frommen keineswegs hindert, das Unglück derer aufrichtig zu beklagen, welche verloren gehen, wenn sie auch wissen, dass sich an ihnen ein gerechtes Gericht Gottes vollzieht. Ein und dasselbe Herz hat Raum für doppelte Stimmung: sehen wir auf Gott, so fügen wir uns willig darein, dass verloren geht, über wen er es verhängt hat; richtet sich aber der Gedanke auf die Menschen, so klagen wir mit ihnen über ihr Elend. Es ist ein großes Unrecht, wenn man von den Frommen verlangt, dass der Gehorsam gegen Gottes Ordnung sie stumpf und teilnahmslos machen soll.

V. 3. Ich habe gewünscht usw. Einen größeren Beweis seiner brennenden Liebe konnte Paulus nicht geben, als dieser Satz ihn enthält. Das ist vollkommene Liebe, wenn ein Mensch sich nicht weigert, für die Errettung des Freundes selbst den Tod zu leiden. Dazu zeigt die Form des Satzes, dass Paulus gar nicht bloß vom irdischen, sondern vom ewigen Tode spricht. Er will verbannt sein von Christus, abgeschnitten von ihm, also von jeder Hoffnung der Seligkeit ausgeschlossen. Unvergleichliche Liebe, die den Apostel unbedenklich die Verdammnis sich wünschen lässt, von welcher er die Juden bedroht sah, um sie zu befreien! Natürlich wusste er, dass sein Heil auf Gottes Erwählung ruhte, und dass er aus derselben nicht fallen konnte. Aber die Lebhaftigkeit seiner Empfindung treibt seine Gedanken nur auf einen einzigen Punkt. Darüber vergisst er jetzt alles andere: nur das Heil seines Volkes liegt ihm am Herzen. Wenn vielfach der Zweifel laut wird, ob der Apostel wirklich recht daran tat, einen derartigen Wunsch zu hegen, so diene folgendes zur Lösung: Die feste Grenze, zu welcher die Liebe vordringen, welche sie aber auch nicht überschreiten soll, ist Gottes Heiligtum. Lieben wir also in Gott und nicht neben Gott, so wird unsere Liebe niemals zu groß sein. So aber war es bei Paulus: da er sein Volk mit so viel Gaben Gottes geschmückt sah, so umfasste seine Liebe mit dem Volke Gottes Gaben und das Volk um der Gaben Gottes willen; mit der Liebe zu den Menschen verband sich der Eifer für Gottes Ehre. Es war recht eigentlich die Angst, dass Gottes Gaben dahinfallen und so Gottes Zuverlässigkeit und Wahrheit in ihrem Ansehen Schaden leiden könnten, welche dem bedrückten Gemüte des Paulus diesen Ruf auspresste.

Der Zusatz: meine Brüder, die meine Gefreundeten sind nach dem Fleisch, bringt nichts Neues, dient aber doch zur Charakteristik der Stimmung des Apostels. Er zeigt das menschliche Mitgefühl, welches von dem Untergang des eignen Fleisches und Blutes tief bewegt wird. So kann niemand glauben, dass es dem Apostel gleichgültig sei oder gar Freude mache, sich von seinem Volke getrennt zu sehen. Weiterhin bekennt sich Paulus auch darum unumwunden und ausdrücklich zu seinem Volke, weil das Evangelium, dessen Prediger er war, von Zion seinen Ausgang nehmen musste. Denn die Worte „nach dem Fleisch“ wollen hier nicht, wie dies aus ähnlichen Stellen geschlossen werden könnte (z. B. V. 8), die Verwandtschaft abschwächen, sondern sie vielmehr besonders betonen. Mochten die Juden sich von Paulus lossagen -, er selbst hat keinen Grund, seine Herkunft aus diesem Volk zu verleugnen: denn dieses Volkes Erwählung besaß in der Wurzel doch Lebenskraft, wenn auch ihre Zweige vertrocknet waren.

V. 4. Die da sind von Israel. Jetzt wird der Grund ganz klar ausgesprochen, weshalb den Paulus die Verwerfung seines Volkes so quälte, dass er bereit gewesen wäre, es durch sein eignes Verderben zu erlösen: sie waren von Israel! Unter der gleichen Angst stand Mose, als er aus dem Buche des Lebens gestrichen sein wollte (2. Mose 32, 32): dass doch nur Abrahams heiliges, auserwähltes Geschlecht nicht vernichtet werden möchte! Neben der menschlichen Zuneigung schlagen also andere Gründe durch, welche den Apostel an die Juden banden: Gott hatte ihnen besondere Vorzüge geschenkt und sie weit über die Stufe der übrigen Menschheit erhoben! So hören wir aus diesen anerkennenden Worten die Stimme der Liebe. Und obgleich Israel um seiner Undankbarkeit willen nicht mehr wert war, selbst nach diesen göttlichen Gaben beurteilt zu werden, so lässt ihm doch Paulus seine Würde. Wir lernen daraus, dass die Gottlosen niemals die guten Gaben Gottes derartig beschmutzen können, dass diese selbst nicht voller Lob und Ansehen bleiben müssten. Nur die Menschen, welche Gottes Gaben missbrauchen, empfangen deshalb größere Verdammnis. Wir dürfen, weil die Gottlosen selbst uns verhasst sind, nicht die Gaben für nichts achten, welche Gott ihnen verliehen hat. Und auf der andern Seite bedarf es großer Weisheit, dass wir um einer gerechten Schätzung und Anerkennung dieser Gaben willen die Gottlosen nicht gar zu sehr erheben oder dass unsere Anerkennung nicht gar als Schmeichelei erscheinen muss. Folgen wir vielmehr dem Beispiel des Paulus, welcher den Juden ihr Lob zuerkennt, um alsbald doch zu erklären, dass ohne Christus das alles nichts ist. Unter ihren Ruhmestiteln steht nun an der Spitze, dass sie Israeliten sind: denn das hatte sich Jakob als einen besonderen Segen erbeten, dass sein Name über seinen Kindern genannt werden solle (1. Mose 48, 16).

Welchen gehört die Kindschaft. Denn Gott hatte sie vor allen andern Völkern zu seinem Eigentum erwählt und zu seinen Kindern angenommen, wie er oft genug bei Moses und den Propheten davon Zeugnis gibt. Die Israeliten heißen sogar nicht bloß Kinder, sondern bald Gottes erstgeborene, bald seine geliebten Söhne. 2. Mose 4, 22: „Israel ist mein erstgeborener Sohn.“ Jer. 31, 9.20: „Ich bin Israels Vater, so ist Ephraim mein erstgeborener Sohn.“ „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Darum bricht mir mein Herz gegen ihn, dass ich mich sein erbarmen muss, spricht der Herr.“ Mit solchen Worten will der Herr nicht bloß seine Güte gegen Israel preisen, sondern auch die Herrlichkeit der Kindschaft aufzeigen, unter deren Bilde die Verheißung des himmlischen Erbes sich birgt.

„Herrlichkeit“ nennt Paulus den besondern Vorzug Israels vor den andern Völkern, welcher unter anderem vernehmlich darin bestand, dass Gottes Herrlichkeit unter seinem Volke wohnte. Deren besonderes Zeichen war die Bundeslade, an welcher Gott sein Volk lehrte und erhörte, um so seine Macht in dem Beistand zu erweisen, den er ihm gewährte. Unter diesem Gesichtspunkte hieß dasselbe geradezu „die Herrlichkeit Gottes“ (1. Sam. 4, 22). Weiter nennt der Apostel als zwei besondere Stücke den Bund und die Verheißungen. Ein „Bund“ wird mit besonderen und feierlichen Worten abgeschlossen und enthält gegenseitige Verpflichtungen. Gemeint ist hauptsächlich der Bund mit Abraham. „Verheißungen“ dagegen finden wir überall in der Schrift zerstreut. Gott gab sie seinem Volke, mit welchem er einmal den Bund geschlossen hatte, immer wieder. Sie hängen mit dem Bunde als ihrem zusammenhaltenden Mittelpunkte zusammen, wie die besonderen Durchhilfen, mit welchen Gott den Seinen seine Gnade bezeugt, aus dem einen Quell der Erwählung fließen. Das Gesetz war ja nichts anderes als die Erneuerung jenes Bundes. „Gesetz“ bezieht sich also wohl vornehmlich darauf, dass Gott selbst dieses Volkes Richter war. Denn es war eine besondere Zier des Volkes, dass Gott ihm das Gesetz gab. Rühmen sich andere des Solon oder des Lykurg – wie viel mehr kann man sich des Herrn rühmen! (Vgl. 5. Mose 4, 32.33) Unter dem Gottesdienst wird derjenige Teil des Gesetzes verstanden, der sich mit der gesetzmäßigen Weise der Verehrung Gottes beschäftigt, nämlich mit den Zeremonien und Riten. Alle diese Dinge waren Recht, sofern Gott sie anordnete: was die Menschen neben diesem Befehl Gottes erdichten, bedeutet nur eine Entweihung des Gottesdienstes.

V. 5. Welcher auch sind die Väter. Auch das war nicht bedeutungslos, dass Israel von heiligen und gottgeliebten Männern abstammte. Denn Gott hat frommen Vätern seine Barmherzigkeit auch für ihre Kinder verheißen, bis ins tausendste Glied, mit ausdrücklichen Worten namentlich dem Abraham, Isaak und Jakob (1. Mose 17, 4 und öfter). Dabei verschlägt es nichts, dass solche Verheißung an sich, wenn man sie von der Furcht Gottes und einem heiligen Leben losreißt, unnütz und fruchtlos erscheinen muss. Denn eben dasselbe ist auch bei dem „Gottesdienst“ und der „Herrlichkeit“ der Fall (vgl. Jes. 1, 11; 60, 1; Jer. 7, 4). Da aber Gott alle diese Dinge besonderer Anerkennung würdigt, wenn der Ernst einer wahren Frömmigkeit hinzukommt, so verzeichnet sie Paulus mit Recht unter Israels Vorzügen. Sind doch die Juden auch nach Apg. 3, 25 einfach deshalb Erben der Verheißungen, weil sie Nachkommen ihrer Vorväter sind.

Und aus welchen (natürlich nicht den Vätern, sondern den Juden) Christus herkommt nach dem Fleisch. Damit berührt die Rede den abschließenden Vorzug Israels. Oder sollte es gar nichts bedeuten, mit dem Erlöser der Welt blutsverwandt zu sein? Hat Christus das ganze Menschengeschlecht hoch geehrt, da er sich in die Gemeinschaft seiner Natur begab, wie viel mehr das Volk, mit welchem er eine so enge Verbindung einging! Freilich muss man dabei immer im Auge behalten, dass diese Gnadengabe der Verwandtschaft, abgesehen von der Frömmigkeit, nichts nützt, ja höchstens eine schwerere Verurteilung begründen kann. Die ganze Ausdrucksweise unserer Stelle macht dieselbe sehr wichtig für die Erkenntnis der zwei getrennten und doch zur Einheit der Person verbundenen Naturen in Christus. Wenn es heißt, Christus komme aus den Juden her, so deutet dieser Ausdruck auf seine wahre Menschlichkeit. Heißt es aber weiter: „nach dem Fleische“, so erinnert dies daran, dass Christus noch etwas Höheres besitzt als das Fleisch. Wir haben hier also einen deutlichen Unterschied zwischen der menschlichen und göttlichen Natur. Und doch werden diese beiden Naturen wieder zur Einheit zusammengefasst: denn derselbe Christus, der nach dem Fleische aus Israel stammt, ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Es versteht sich von selbst, dass solche Prädikate nur dem einen ewigen Gott zukommen. Denn an einer andern Stelle sagt Paulus (1. Tim. 1, 17), dass allein Gott es ist, dem Ehre und Preis gebührt. Denn diejenigen Ausleger, welche dies letzte Satzglied abreißen und einen neuen Satz daraus machen

(Man übersetzt dann: „Gott, der über allem waltet, sei gelobt in Ewigkeit.“),

um dieses deutliche Zeugnis der Gottheit Christi zu beseitigen, wollen am hellen Tage das Licht nicht sehen. Es begreift sich sehr gut, dass im inneren Kampfe mit dem Anstoß Paulus seine Gedanken absichtlich zu Christi ewiger Herrlichkeit erhebt, nicht bloß um sich selbst zu stärken, sondern um durch seinen Vorgang andern den Mut des Glaubens zu erhöhen.

6 Aber nicht sage ich solches, als ob Gottes Wort darum aus sei. Denn es sind nicht alle Israeliter, die von Israel sind; 7 auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder. Sondern „in Isaak soll dir der Same genannt sein“, 8 das ist: nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet. 9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht: „Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben.“

V. 6. Aber nicht sage ich solches usw. Aus der Tatsache, dass Paulus das Geschick und den Abfall seines Volkes zu beklagen hatte, scheint sich die entsetzliche Folgerung zu ergeben, dass der Bund, welchen Gott mit Abrahams Samen geschlossen, dahin gefallen sei. Denn wenn Gottes Gnade von dem Volke ließ, war ja der Bund zerbrochen. Diesem entsetzlichen Gedanken kommt Paulus nun zuvor und zeigt, wie trotz aller Blindheit der Juden Gottes Gnade in diesem Volke doch fortwährend eine Stätte behalten und so der Bund in seiner Wahrheit erhalten geblieben sei.

Denn es sind nicht alle usw. Der Satz will besagen, dass die Verheißung dem Abraham und seinem Samen gar nicht in dem Sinne gegeben sei, dass die Erbschaft sich auf jeden einzelnen unter seinen Nachkommen bezöge. Vielmehr hindert der Abfall einiger Leute gar nicht, dass der Bund seine volle und sichere Geltung behauptet. Um aber richtig zu fassen, mit welchen Bedingungen und Verheißungen Gott die Nachkommenschaft Abrahams als sein Eigentumsvolk angenommen, müssen wir eine doppelte Betrachtung anstellen. Die eine Seite der Sache ist, dass die dem Abraham gegebene Verheißung sich auf alle seine leiblichen Nachkommen bezieht; denn sie wird allen ohne Ausnahme angeboten. In diesem Sinne heißen sie alle Erben und Nachkommen des mit Abraham geschlossenen Bundes oder, wie die Schrift sagt, Kinder der Verheißung (V. 8). Denn da es Gottes Befehl war, dass Ismael und Esau ganz ebenso wie Isaak und Jakob das Zeichen und Siegel des Bundes empfangen sollten, so ersieht man daraus, dass sie ihm gegenüber nicht gänzlich fremd sein sollten. Man müsste denn diese Beschneidung, die ihnen nach Gottes Ordnung zuteil ward, rein für nichts achten, was doch aber eine Lästerung Gottes wäre. Das war es auch, was der Apostel meinte, wenn er von Israel trotz seines Unglaubens sagte (V. 5): „welchem gehört der Bund.“ Und Petrus (Apg. 3, 25) nennt die Juden „des Bundes Kinder“, weil sie Nachkommen der Propheten sind. Die andere Seite der Sache ist die: als Kinder der Verheißung im eigentlichen Sinne gelten nur diejenigen, bei denen irgendeine Kraft und Wirkung davon offenbar wird. Unter diesem Gesichtspunkte sagt Paulus hier, dass nicht alle Kinder Abrahams auch Kinder Gottes seien, obgleich doch Gott mit ihnen einen Bund gemacht hatte. Denn nur wenige standen im Glauben dieses Testamentes. In Summa: wo das ganze Volk ein Erbteil und Eigentum Gottes genannt wird, ist die Meinung, Gott habe es insofern in seine Gemeinschaft aufgenommen, als er ihm die Verheißung des Heils anbot und mit dem Zeichen der Beschneidung versiegelte. Weil nun aber viele in ihrer Undankbarkeit diese Annahme zur Gotteskindschaft verschmähen, also tatsächlich nie in einen persönlichen Besitz dieser Gabe gelangen, so geht hinsichtlich der wirklichen Erfüllung der Verheißung mitten durch Israel eine Spaltung. Will sich jemand darüber wundern, dass man bei den meisten Juden nichts von dieser eigentlichen Erfüllung sieht, so sagt Paulus: diese waren eben nicht in Gottes wahrer Erwählung begriffen. Mit andern Worten: die allgemeine Erwählung des jüdischen Volkes hindert nicht, dass Gottes verborgener Ratschluss in diesem Kreise noch eine besondere Auswahl trifft, wie er will. Es ist schon eine herrliche Offenbarung freier Gnade, wenn Gott sich herablässt, mit einem ganzen Volke einen Bund des Lebens zu schließen: aber noch viel größer ist die Gnade in dieser tieferen und verborgenen Stufe einer zweiten Erwählung, die sich auf einen engeren Kreis beschränkt.

V. 7. Sondern „in Isaak soll dir der Name genannt sein.“ Paulus verweilt noch bei dem Gedanken, dass die verborgene Erwählung Gottes höher steht als die äußere Berufung, dass sie aber mit ihr nicht streitet, sondern vielmehr dazu dient, sie zu bestätigen und zu vollenden.

Um beides der Reihe nach zu beweisen, nimmt er zuerst den Gedanken auf, dass es keineswegs in der Meinung des Bundes gelegen habe, Gottes Erwählung mechanisch an Abrahams leibliche Nachkommenschaft zu binden, Zum Beweise dient ein ganz besonders passendes Beispiel. Denn wenn es überhaupt eine echte, in den Bund einbegriffene Nachkommenschaft geben sollte, so musste dies doch wohl vor allem bei der ersten Generation zutreffen. Und nun sehen wir, dass gerade unter den eigenen Kindern Abrahams, zu des Erzvaters Lebzeiten, da die Verheißung noch ganz neu und frisch war, eines von der wahren Nachkommenschaft ausgeschlossen wird! Wie viel mehr kann solches bei späteren Geschlechtern vorkommen! Der beigebrachte Spruch stammt aus 1. Mose 17, 19.20 (für die wörtliche Form vgl. 21, 12), wo Gott dem Abraham die Antwort gibt, dass sein Gebet um Ismael erhört sei, dass aber ein anderer Sohn es sein werde, auf welchem der verheißene Segen ruhen solle. Daraus folgt, dass durch eine besondere Gnade bestimmte Menschen aus dem erwählten Volke erwählt werden, in welchen die allgemeine Annahme zur Kindschaft erst wirksam und vollgültig wird.

V. 8. Das ist: nicht sind das Gottes Kinder usw. Jetzt zieht Paulus aus dem Worte der Schrift die abschließende Folgerung: wenn in Isaak, nicht in Ismael der Same genannt wird, und der letzte doch nicht minder Abrahams Sohn ist als der erstere, so darf man nicht alle leiblichen Kinder als solche zu dem echten „Samen“ rechnen, sondern die Verheißung erfüllt sich in besonderer Weise an bestimmten Menschen und zielt nicht unterschiedslos auf alle. Nach dem Fleisch Kinder sind diejenigen, die außer der fleischlichen Herkunft nichts Besseres aufzuweisen haben, Kinder der Verheißung, die der Herr in besonderer Weise bezeichnet hat.

V. 9. Denn dies ist ein Wort der Verheißung usw. Der Apostel zieht noch ein zweites Schriftwort bei, dessen Anwendung ein treffliches Zeugnis dafür bietet, mit welcher Genauigkeit und Geschicklichkeit Paulus die Schrift behandelt. Er will sagen: da der Herr noch in die Zukunft deutet, dass er kommen will und Abraham einen Sohn von der Sara haben soll, so gibt er zu verstehen, dass der Segen noch nicht vorhanden sei, sondern noch ausstehe. Nun war aber, als dies Wort gesprochen ward, Ismael schon geboren: also war Ismael nicht der Träger des Segens Gottes. Nebenher wollen wir auch anmerken, wie vorsichtig der Gedanke des Apostels fortschreitet, um die Juden nicht zu erbittern. Zuerst wird einfach der Tatbestand mitgeteilt, der Grund desselben bleibt noch unberührt. Erst später wird diese Quelle eröffnet werden.

10 Nicht allein aber ist´ s mit dem also, sondern auch, da Rebekka von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger ward: 11 ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten – auf dass der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, 12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers -, ward zu ihr gesagt: „Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren.“ 13 Wie denn geschrieben steht: „Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.“

V. 10. Nicht allein aber usw. Die Rede ist, wie öfters in diesem Kapitel, in ihrer Form wiederum abgebrochen. Doch bleibt der Sinn klar: ein verschiedenes Verhältnis zur Verheißung des Erbes lässt sich nicht bloß bei den Söhnen Abrahams beobachten, sondern noch deutlicher bei Jakob und Esau. Denn bei dem ersteren Falle ließe sich immerhin noch geltend machen, dass Isaak und Ismael nur Halbbrüder waren, und zwar der eine der Sohn einer Magd. Jakob und Esau dagegen waren volle Brüder, und sogar Zwillinge: und doch wird der eine vom Herrn verworfen, der andere angenommen. So muss ja wohl feststehen, dass die Verheißung nicht unterschiedslos allen leiblichen Kindern gilt.

V. 11. Ehe die Kinder geboren waren. Damit enthüllt Paulus den tiefsten Grund des Unterschieds, welchen er bisher nur festgestellt, aber nur sehr andeutungsweise erklärt hat. Dass unter den leiblichen Nachkommen Abrahams, welche doch alle durch die Beschneidung zur Genossenschaft des Bundes gehörten, dennoch nicht überall gleichmäßig die Gnade Gottes sich wirksam zeigte, liegt an der freien, von menschlichen Einflüssen gänzlich unabhängigen Erwählung Gottes. Ein höherer Grund für die Errettung der Frommen und das Verderben der Verworfenen, als auf der einen Seite Gottes Güte und auf der andern seine strenge Gerechtigkeit, lässt sich nicht finden. Als erster Satz muss also feststehen: wie die Auswahl des Volkes Israel aus allen übrigen Völkern lediglich auf dem Segen des Bundes Gottes beruhte, ganz ebenso macht Gottes Erwählung auch zwischen den einzelnen Gliedern dieses Volkes einen Unterschied: die einen bestimmt er zur Seligkeit, die andern zur ewigen Verdammnis. Der zweite Satz lautet: dieser Erwählung Grund ist lediglich Gottes Güte, die sich nach Adams Fall erbarmend herablässt und jede Rücksicht auf Werke annimmt, welche sie will. Drittens wird behauptet: der Herr ist in seiner erwählenden Gnade frei und nicht daran gebunden, dass er sie allen Menschen gleicher weise mitteilen müsse. Vielmehr übergeht Gott, welchen er will, und nimmt zu Gnaden auf, welchen er will. Das alles liegt in den knappen Worten des Apostels. Dabei erinnern die Worte „und weder Gutes noch Böses getan hatten“ ausdrücklich daran, dass Gott, da er einen Unterschied machte, die Werke, die noch gar nicht vorlagen, tatsächlich nicht in Betracht ziehen konnte. Freilich sagen demgegenüber manche Ausleger, dass die Erwählung doch auf das Verdienst der Werke Rücksicht nehmen könne, insofern ja Gott voraussieht, wie die Menschen sich verhalten, und ob sie also seiner Gnade wert oder unwert sein werden. Aber diese Ausleger, die ja nun doch wohl nicht scharfsichtiger sind als Paulus selbst, setzen sich in Widerspruch mit einem der allerersten und selbstverständlichsten Grundsätze der Theologie, dass nämlich Gott bei der verderbten menschlichen Natur, wie sie sich in Jakob und Esau gleicher weise vorfand, überhaupt nichts entdecken konnte, was ihn zur Gnade hätte zwingen müssen. Wenn es heißt, sie hätten beide weder Gutes noch Böses getan, so steht dahinter doch die Voraussetzung: sie waren aber beide Adams Kinder, von Natur Sünder, und sie hatten beide keinen Schimmer von Gerechtigkeit aufzuweisen. Es wird ganz vergeblich sein, diese klare Meinung des Apostels mit oberflächlichen Redereien zu verdunkeln. Wenn die Erbsünde, noch ehe sie eine Tatsünde aus sich heraussetzt, hinreicht, um einem Menschen die Verdammnis zu bereiten, so folgt daraus, dass Esau ganz mit Recht verworfen wurde: denn er war von Natur ein Kind des Zornes. Auf diesem Hintergrunde betont nun Paulus die volle Freiheit der göttlichen Erwählung: auf dass der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl. Mit jedem Wort betont Paulus die gnädige Erwählung Gottes. Gegen jegliches Verdienst der Werke steht Gottes Vorsatz, der allein auf seinem Wohlgefallen ruht. Und um auch den letzten Zweifel zu beseitigen, wird hinzugefügt: nach der Wahl. Endlich zur vollsten Verdeutlichung des Tatbestandes:

V. 12. Nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers. Die Erwählung muss sich ja wohl auf Gottes freien Vorsatz gründen, weil von den Brüdern der eine verworfen, der andere angenommen wird, und weil dies geschieht, noch ehe sie geboren wurden und etwas Gutes oder Böses tun konnten. Wer also den Grund des Unterschiedes irgendwie noch in den Werken suchen will, muss schon wider Gottes Vorsatz ankämpfen. Paulus will jede Rücksicht auf die Werke ausgeschlossen wissen. Deshalb erinnert er ausdrücklich noch an die Gnade des Berufers. Hier liegt der alleinige Grund der Erwählung, nicht in den Werken. Gottes Vorsatz allein macht unsere Erwählung fest. Ein Verdienst könnte nur insofern in Betracht kommen, als wir den Tod verdienen. Auf unsere Würdigkeit sieht Gott nicht, weil sie nicht existiert. Gottes freie Gnade allein führt das Regiment. Die Lehre, dass Gott die Menschen erwählt oder verwirft, je nachdem er voraussieht, ob jemand seiner Gnade würdig oder unwürdig sein werde -, ist falsch und dem Worte Gottes zuwider.

„Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren.“ Welcher Unterschied zwischen Isaaks Kindern, die doch noch im Mutterleibe verborgen sind! So verkündet es der Spruch Gottes: Gott will dem Jüngeren seine besondere Gunst zuwenden, die er dem Älteren entzieht. Freilich bezog sich dieser Spruch zunächst auf das Recht der Erstgeburt: aber eben darin lag ja ein Hinweis auf ein Größeres, und darin wurde Gottes Wille kund. Das ersieht man ganz besonders deutlich, wenn man bedenkt, wie wenig doch eigentlich das Erstgeburtsrecht dem Jakob äußerlich genützt hat. Um desselben willen gerät er in die äußerste Gefahr und vermag sich nur dadurch zu retten, dass er Vaterhaus und Vaterland verlässt. In der Fremde erfährt er die unmenschlichste Behandlung. Als er zurückgekehrt, muss er sich voller Furcht und Sorge um sein Leben dem Bruder zu Füßen werfen und demütig seine Verzeihung erbitten: und er lebt nur von dieser Vergebung. Wo ist die Herrschaft über den Bruder, von dessen gutem Willen sein doch abhängt? Das Vorzugsrecht, welches Gottes Spruch verheißen hatte, lag also noch auf einer andern Höhe.

V. 13. Wie denn geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt usw. Dieses noch deutlichere Schriftzeugnis beweist, dass Gottes Spruch an Rebekka allerdings mit Recht hier beigebracht werden konnte. Dass Jakob herrschen und Esau dienen sollte, war nur eine eigenartige Ausdrucksweise für die geistliche Stellung der beiden Brüder. Und Jakob war in den Gnadenstand ohne sein Verdienst, durch Gottes Güte, aufgenommen worden. Unser Prophetenspruch zeigt also den Grund an, weshalb der Herr dem Jakob das Erstgeburtsrecht übertrug. Er stammt aus Mal. 1, 2.3. Dort will der Herr den Juden ihre Undankbarkeit vorwerfen und erinnert sie an seine früheren Wohltaten. Er ruft ihnen zu: ich habe euch geliebt. Und er fügt bei, wann diese Liebe ihren Anfang genommen: ist nicht Jakob Esaus Bruder? Gott will sagen: was hatte er denn für einen Vorzug, dass ich ihn seinem Bruder vorziehen musste? Gar keinen! Beide besaßen den gleichen Anspruch. Höchstens, dass nach dem Rechte der Natur der Jüngere hinter dem Erstgeborenen gar noch hätte zurückstehen müssen! Ich aber habe jenen angenommen und diesen verworfen. Allein meine Erbarmung hat mich dabei geleitet, nicht der Blick auf Werke. Und nun hatte ich mit der gleichen Erbarmung Jakobs Samen getragen und euch zu meinem Volke gemacht: die Edomiter aber, die Nachkommen Esaus, hatte ich verworfen. Also seid ihr umso verdammenswerter, weil die Erinnerung an solche Gnade euch noch nicht zu reizen vermag, mein göttliches Wesen zu verehren! Freilich werden an dieser Stelle auch die irdischen Segnungen erwähnt, mit welchen Gott das Volk Israel bedacht hatte: aber das alles will doch nur als ein Zeichen jener ewigen Gnade verstanden sein. Denn wo Gottes Zorn ist, da ist der Tod, wo seine Liebe, da ist das Leben.

14 Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose: „Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich.“ 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Ebendarum habe ich dich erweckt, dass ich an dir meine Macht erzeige, auf dass mein Name verkündigt werde in allen Landen.“ 18 So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will.

V. 14. Was wollen wir denn hier sagen? Das Fleisch kann Gottes Weisheit nicht vernehmen, ohne sofort eine Reihe von widerspenstigen Fragen aufzuwerfen und von Gott gewissermaßen Rechenschaft zu fordern. So oft der Apostel also irgendein besonderes Geheimnis verhandelt, räumt er stets die Schwierigkeiten aus dem Wege, in welchen sich die Gedanken der Menschen zu verwickeln pflegen. Namentlich die Lehre von der Erwählung bietet ja mannigfaltige Anstöße. Der menschliche Geist verläuft sich hier in lauter Irrwege, aus welchen er den Ausweg nicht mehr findet. Wie ist nun da zu helfen? Nicht etwa dadurch, dass man von dieser Lehre grundsätzlich schweigt. Denn da der Heilige Geist uns nie eine überflüssige Lehre vorträgt, so birgt auch diese Lehre von der Erwählung ihren großen Nutzen, wenn man sie nur innerhalb der Schranken des Wortes Gottes verhandelt. Wir wollen also nichts zu wissen begehren, als was die Schrift lehrt: wo Gott seinen heiligen Mund schließt, da wollen auch wir auf den Versuch verzichten, unsern Weg noch weiter fortzusetzen. Doch wir sind Menschen und fassen von Natur viele törichte Gedanken: also wollen wir hören, was Paulus zu deren Abwehr sagt.

Ist denn Gott ungerecht? Unglaublicher Vorwitz des menschlichen Geistes, lieber Gott der Ungerechtigkeit zu zeihen als die eigene Blindheit zuzugestehen! Das Fleisch hält es für ungerecht, dass Gott den einen übergeht, den andern annimmt. Um diesen Anstoß zu beheben, verhandelt Paulus die Frage in zwei Abschnitten: zuerst spricht er von den Erwählten, dann von den Verworfenen; bei den ersteren sollen wir Gottes Barmherzigkeit ins Auge fassen, bei den letzteren sein gerechtes Gericht anerkennen. Zunächst gibt Paulus seinen Abscheu gegen den Gedanken zu erkennen, dass Gott ungerecht sein könne: das sei ferne! Dann geht er zur ordnungsmäßigen Besprechung der angegebenen zwei Teil über:

V. 15. Denn er spricht zu Mose. Was zuerst die Erwählten angeht, so kann von einer Ungerechtigkeit Gottes keine Rede sein: denn ihnen lässt Gott nach seinem Wohlgefallen Gnade zuteil werden. In diesem Sinne beruft sich der Apostel auf die Antwort, welche Mose vom Herrn empfing, als er für das Heil des ganzen Volkes Fürbitte tat: „Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich.“ Mit diesem Spruch erklärt der Herr, dass er keinem Sterblichen etwas schuldet, dass, was er gibt, ein Geschenk der Gnade ist; weiter, dass er die Freiheit hat, seine Gnade zu erweisen, welchem er will; endlich, dass sich eine höhere Ursache als sein Wille nicht denken lässt, wenn er nicht allen, sondern nur bestimmten Menschen seine Wohltaten und sein Wohlwollen zuwendet. Denn die Worte klingen so, als wolle Gott sagen: wenn ich einmal beschlossen habe, mich eines Menschen zu erbarmen, so werde ich ihm dieses Erbarmen nie wieder entziehen; und mit ewiger Gnade werde ich über denen walten, die ich einmal begnadigt habe. Als oberste Ursache seiner Gnade bezeichnet also Gott hier den freien Entschluss seines Willens, und zugleich gibt er zu verstehen, dass er seine besondere Barmherzigkeit ganz bestimmten Menschen zugedacht habe. So trifft dieser Spruch mit der Meinung des Paulus zusammen, dass Gottes Erbarmen ein freies, nicht irgendwie gebundenes ist, und dass es sich wenden kann, wohin es will. Man nimmt aber dem Herrn diese Freiheit, wenn man seine Erwählung von irgendwelchen Gründen und Anlässen außer ihr abhängig denkt.

V. 16. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen usw. Aus dem soeben beigebrachten Schriftwort zieht Paulus die Folgerung, die auch ohne Zweifel daraus gezogen werden muss, dass unsere Erwählung sicher weder auf unsern Fleiß, noch auf unsern Eifer, noch auf unsere Vorsätze gründet, sondern ganz auf Gottes Rat. Es soll niemand glauben, dass die Auserwählten deshalb erwählt sind, weil sie es verdient, oder weil sie Gottes Gnade auf irgendeine Weise sich erworben hätten, oder endlich weil in ihnen wenigstens ein Schimmer von Würdigkeit aufleuchtete, an welchen Gott anknüpfen könnte. Vielmehr soll die einfache Wahrheit gelten: nicht unser Wille macht es oder unsere Anstrengungen (denn dies versteht Paulus unter „Laufen“), dass wir unter die Auserwählten zählen, sondern allein Gottes Güte, die uns zu Gnaden annahm ohne unser Wollen und Versuchen, ja selbst ohne unser Denken. Freilich schieben manche Ausleger dem Worte des Paulus noch den Gedanken unter: unsere Anstrengungen haben zwar eine gewisse Kraft, sie erreichen aber ihre Ziel nicht, wenn Gottes Gnade nicht unterstützend eingreift. Doch das ist eine ungesalzene Rede. Denn dem Apostel kommt es hier sicherlich nicht darauf an, zu zeigen, was wir aus uns vermögen, sondern vielmehr alle unsere Anstrengungen auszuschalten. Auf der andern Seite soll freilich auch nicht gesagt sein, dass man der Gnade den meisten Raum schafft, wenn man müßig und träge die Hände in den Schoß legt. Denn wenn auch unser eigner Eifer nichts vermag, so erweist sich doch der Eifer, den Gott uns einflößt, überaus lebendig. Paulus hat unsern Satz nicht geschrieben, damit wir den Geist Gottes und sein Feuer durch unsere Widerspenstigkeit oder Trägheit ersticken, sondern damit wir erkennen, dass von ihm stammt, was wir haben. So sollen wir lernen, von ihm alles zu erbitten und zu erhoffen, und ihm alles zu danken, indem wir unsere Seligkeit mit Furcht und Zittern schaffen. – Eine andere sophistische und faule Ausflucht hat Pelagius 1) erfunden, um die wirkliche Meinung des Paulus zu beseitigen: es liege insofern nicht an unserm Wollen oder Laufen, als dieses allein, ohne die Beihilfe der Gnade Gottes, allerdings nichts ausrichten könne. Die trefflichste Widerlegung dieser unbesonnenen Rede hat bereits Augustin gegeben: wenn Paulus nur deshalb die Erwählung nicht auf den Willen des Menschen gründen will, weil dieser nicht die einzige, sondern nur eine teilweise Ursache derselben sei, so müsste sich auch umgekehrt sagen lassen: so liegt es nun nicht an Gottes Erbarmen, sondern an unserm Wollen und Laufen. Soll es sich einmal um ein gleichmäßiges Zusammenwirken beider Faktoren handeln, so versteht es sich ja von selbst, dass eine solche Umkehrung erlaubt sein muss. Freilich ist der Satz, der auf diese Weise zustande kommt, so unmöglich, dass ihm seine eigene Torheit das Urteil spricht. Es bleibt also dabei: Paulus schreibt das Heil der Auserwählten in dem Sinne der göttlichen Gnade zu, dass der Anstrengung des Menschen kein Anteil daran verbleibt.

V. 17. Denn die Schrift sagt zum Pharao usw. Jetzt wendet sich die Rede zum zweiten Stück, zur Verwerfung der Gottlosen. Hier ist ja freilich der Anstoß noch schwerer. Darum wendet der Apostel besonderen Fleiß daran, zu zeigen, dass, wenn Gott verwirft, welche er will, sein Rat nicht bloß untadelig ist, sondern sogar Bewunderung verdient wegen seiner Weisheit und Billigkeit. Er übernimmt aus 2. Mose 9, 16 das Wort, in welchem Gott erklärt, er sei es gewesen, der den Pharao in einer bestimmten Absicht erweckt habe: während er selbst alle Kraft des Widerspruchs und Widerstandes gegen Gottes Macht aufbot, musste er, besiegt und unterworfen, zum Beispiel werden, dass Gottes Arm unbesieglich ist und dass keine Menschenkraft ihn ertragen, geschweige denn zerbrechen kann. Zwei Dinge müssen dabei in Betracht gezogen werden: die Bestimmung Pharaos zum Verderben, welche sich auf einen jedenfalls gerechten, aber doch undurchsichtigen Ratschluss Gottes gründet -, und deren Zweck, welcher darin besteht, dass Gottes Name gepriesen und verkündigt werden soll. Auf diesen Zweck fällt der Hauptnachdruck. Denn wenn es mit dieser Verstockung eine solche Bewandtnis hat, dass sie einen Anlass zur Verherrlichung des göttlichen Namens gibt, so darf man um ihretwillen Gott nicht der Ungerechtigkeit zeihen: denn Gottes Verherrlichung und Ungerechtigkeit sind schneidende Gegensätze. – Da aber viele Ausleger auch dieser Stelle ihre Härte benehmen wollen und sie auf diese Weise verdrehen, so wollen wir darauf hinweisen, dass hier steht: ich habe dich erweckt, oder ganz genau nach dem hebräischen Texte: ich habe dich hingestellt. Wenn also Gott beweisen will, dass der Widerstand des Pharao die Erlösung seines Volkes nicht hindern könne, so sagt er nicht bloß: ich habe deinen Grimm vorausgesehen, aber ich habe auch Mittel bereit, ihn im Zaume zu halten -, sondern: ich habe es mit Vorbedacht so geordnet, und zwar zu dem Zwecke, um einen desto herrlicheren Beweis meiner Macht zu geben. Wenn man also den Paulus sagen lässt, dass Gott den Pharao aufbehalten habe für seine bestimmte Zeit, so verkehrt man seinen Gedanken: es ist ausdrücklich von dem Anfang seines Auftretens die Rede, den Gott herbeigeführt hat. Gott hat dem Pharao geradezu seine Rolle zugeteilt. Man wird vergeblich mit Gott streiten und von ihm Rechenschaft fordern. Denn er kommt allen Einwürfen selbst zuvor, tritt feierlich hin und verkündet, dass die Verworfenen aus dem verborgenen Abgrunde seiner Vorsehung stammen und dass er an ihnen seinen Namen verherrlichen will.

V. 18. So erbarmt er sich nun usw. Hier folgt der Schluss aus beiden bisher gesondert behandelten Gliedern. Paulus will bei uns bewirken, dass wir uns mit dem Unterschied, den Gottes Wille selbst zwischen den Auserwählten und Verworfenen macht, zufrieden geben. Hat Gott beschlossen, den einen das Licht zum Leben zu senden, den andern Verblendung zum Tode, so darf unser Denken über diesen seinen Willen nicht mehr emporsteigen. Es hat bei dem Sätzchen sein Bewenden: „welchen er will“. Weiter werden wir nie kommen. Im Übrigen erlaubt das Wort „verstocken“, welches die Schrift von Gott gebraucht, nicht – wie man wiederum zu mildern gesucht hat – an eine bloße Zulassung Gottes zu denken; es bezeichnet vielmehr eine eigentliche Tätigkeit des göttlichen Zornes. Denn alle äußeren Widerfahrnisse, welche zur Verblendung der Verworfenen dienen, sind Werkzeuge dieses Zornes. Satan selbst, der in den Herzen der Verworfenen wirkt, ist des göttlichen Zornes Diener und vermag ohne dessen Befehlt nichts auszurichten. Damit fällt wiederum die oberflächliche Ausflucht von Gottes bloßem Vorauswissen. Denn Paulus sagt nicht, dass der Herr den Sturz der Gottlosen vorausgesehen, sondern dass er ihn mit Absicht und Vorbedacht angeordnet habe. Wie auch Salomo (Spr. 16, 4) lehrt: „Der Herr macht – nicht sieht voraus – alles zu bestimmtem Ziel, auch den Gottlosen für den bösen Tag.“

19 So sagst du zu mir: Was beschuldigt er denn uns? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren?

V. 19. So sagst du zu mir usw. Hier ist der Punkt, an welchem das Fleisch in den heftigsten Aufruhr gerät, wenn es vernimmt, dass der Untergang der Gottlosen auf Gottes Beschluss und Willen zurückgeführt werden soll. Der Apostel weiß sehr gut, dass die Mäuler der Gottlosen kräftig wider Gottes Gerechtigkeit bellen und sich nicht leicht stopfen lassen. So kommt er noch einmal ihrem Widerspruch zuvor. Was sie zu sagen haben, kleidet er in eine besonders zutreffende Form: sie begnügen sich nicht mit ihrer eignen Verteidigung, sondern machen geradezu Gott an ihrer Statt zum Angeklagten. Sie wälzen ihre Schuld auf ihn, und dann entrüsten sie sich über seine Macht. Sie müssen ja schließlich stille halten, aber sie tun es zähneknirschend und widerwillig: ihre Verdammnis empfinden sie als eine Vergewaltigung: hat Gott ein Recht, uns zu zürnen? Hat er uns doch selbst zu dem gemacht, was wir sind; denn er tut nach Gutdünken, was er will. Wenn er uns ins Verderben stößt, was straft er dann anders als was er selbst in uns getan hat? Wir können nicht mit ihm streiten. Er bleibt stärker als aller Widerstand. Also sein Gericht, welches das Verderben über uns verhängt, ist ungerecht, und seine zügellose Macht missbraucht er wider uns. – Was sagt nun Paulus zu solchen Reden?

V. 20. Ja, lieber Mensch, wer bist du denn usw. Diese erste Antwort schlägt die Lästerung einfach mit einem Hinweis auf die dem Menschen gebührende Stellung nieder. Dann aber folgt eine zweite, welche Gottes Gerechtigkeit gegen jede Anklage schützt. Dabei ist offensichtlich, dass Paulus einen höheren Grund als Gottes Willen keinesfalls in Betracht zieht. Er hätte ja sagen können, dass der Unterschied zwischen den Auserwählten und Verworfenen seine gerechten Ursachen habe. Warum gebraucht er nun eine solche kurze Widerlegung nicht, sondern rückt Gottes Willen an die höchste Stelle, so dass dieser alle andern Gründe ersetzen muss? Wenn die Annahme, auf welcher der gemachte Einwurf ruht, falsch gewesen wäre, dass nämlich Gott nach seinem Wohlgefallen verwirft und erwählt, je nachdem er einen Menschen seiner Gnade nicht würdigt oder ihn aus freiem Erbarmen liebt -, so hätte Paulus sicher nicht versäumt, sie zu widerlegen. Die Gottlosen erheben den Einspruch, dass von einer Schuld der Menschen nicht mehr die Rede sein könne, wenn über ihr Heil oder Verderben einfach Gottes Wille entscheidet. Sagt nun Paulus etwa, das sei gar nicht so? Im Gegenteil! Seine Antwort prägt bloß noch einmal ein, dass Gott über die Menschen beschließt, was er will. Aber vergebens werden die Menschen zu zornigem Kampfe aufstehen, weil Gott ein Recht hat, seinen Geschöpfen ein Los zu bestimmen, welches er will. Nun sagt man freilich, dem Paulus seien hier die Gründe ausgegangen, so fange er an zu schelten. Doch das ist eine Lästerung des Heiligen Geistes. Denn was Paulus allerdings sagen konnte, um Gottes Gerechtigkeit zu retten, wollte er schon jetzt am Anfang aussprechen, weil er nicht richtig verstanden worden wäre. So hält er auch diesen zweiten Grund in solchen Schranken, dass er eine volle Verteidigung noch nicht ergibt. Um die hier gegebene Darstellung der Gerechtigkeit Gottes recht zu erwägen, dazu bedarf es noch immer frommer Demut und eines ehrfürchtigen Sinnes. Paulus tut, was am meisten nötig war: er erinnert den Menschen an seine Stellung Gott gegenüber. Es ist, als riefe er uns zu: da du ein Mensch bist und weißt, dass du Staub und Asche bist, warum streitest du mit Gott über eine Sache, deren Verständnis dir immer zu hoch bleiben wird? In Summa: der Apostel sagt nicht, was er hätte sagen können, sondern was in Anbetracht unseres dürftigen Geistes am nötigsten war. Freche Menschen lästern zwar, dass Paulus die göttliche Erwählung und Verwerfung einfach behaupte, dass er aber einen wirklichen Grund zur Lösung der Schwierigkeit nicht beibringe und, vom Heiligen Geiste verlassen, nichts weiter zu sagen wisse. Als ob uns sein Stillschweigen nicht vielmehr eine Mahnung wäre, ein Geheimnis, welches unser Verstand nicht fasst, demütig anzubeten! Paulus weist die Keckheit der menschlichen Neugier in ihre Schranken. Wir sollen wissen, dass Gott nur deshalb zu reden aufhört, weil er weiß, dass wir die Fülle seiner Weisheit nicht mit unserm Maße zu messen vermögen. Er schont unsere Schwachheit und will uns zur Bescheidenheit und Nüchternheit anleiten.

Spricht auch ein Werk usw. Immer wieder drängt Paulus darauf, dass wir den Willen Gottes, wenn wir seinen Grund auch nicht durchschauen, für gerecht halten sollen. Paulus zeigt, wie man Gott seines Rechtes berauben würde, wenn man ihm die freie Verfügung über seine Kreaturen absprechen wollte. Das klingt allerdings für viele Ohren zu hart. Mancher glaubt auch, dass man Gott in ein schlechtes Licht setzt, wenn man ihm solche Freiheit zuschreibt. Als ob diese Leute mit ihrer Krittelei bessere Theologen wären als Paulus, welcher den Gläubigen als Regel der Demut vorhält, dass es gilt, Gottes Macht zu verehren, nicht aber nach dem eignen Maßstabe zu messen. In der Abwehr der hochmütigen Auflehnung wider Gott bedient sich der Apostel eines sehr passenden Bildes. Dieses wird nicht aus Jer. 18, 6, sondern aus Jes. 45, 9 entnommen sein. Denn bei Jeremia steht nur, Israel sei in Gottes Hand, welche um ihrer Sünde willen das Volk zerbrechen könne wie der Töpfer ein tönernes Gefäß. Jesaja aber enthüllt eine viel tiefere Wahrheit: „Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe wie andere irdene Scherben. Spricht auch der Ton zu seinem Schöpfer: was machst du?“ usw. Wenn der staubgeborene Mensch seinen Abstand von Gott ermisst, so hat er sicher keinen Grund, sich höher zu dünken als ein Töpfergefäß.

V. 21. Hat nicht ein Töpfer Macht usw. Hier steht der Grund, weshalb das Gebilde nicht mit seinem Bildner streiten darf. Denn alles, was der Bildner tut, ist sein eigenstes Recht. Dabei versteht Paulus unter „Macht“ nicht bloß die hinreichende Fähigkeit und Kraft, vermöge deren der Töpfer ausführen kann, was er will. Er denkt hauptsächlich an das ungeschmälerte Recht, welches er besitzt. Nicht von einer regellosen Kraftwirkung Gottes ist die Rede – eine solche gibt es nicht -, sondern von seinem innerlich begründeten Recht. Bei der Anwendung des Gleichnisses legt Paulus offenbar das Gewicht auf folgenden Gedanken: wie der Töpfer dem Ton nichts nimmt, er mag ihm nun eine Gestalt geben, welche er will, so nimmt auch Gott dem Menschen nichts, er mag ihn für eine Lage bestimmen, welche er will. Wir dürfen dabei nur nicht vergessen, dass man Gott ein Stück seiner Ehre rauben würde, wollte man ihm nicht die Gewalt zuerkennen, der Herr über Leben und Tod zu sein.

22 Derhalben, da Gott wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis; 23 auf dass er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit.

V. 22. Derhalben usw. Eine zweite Antwort, welche in Kürze zeigt, dass Gottes Rat in diesem Stück zwar unbegreiflich ist, dass aber doch seine Gerechtigkeit nicht minder untadelig sich zeigt, wenn sie den Verworfenen das Verderben, als wenn sie den Auserwählten die Seligkeit bereitet. Allerdings will und kann der Apostel auch hier nicht erklären, warum die einen verworfen, die andern aber erwählt werden. Denn es wäre nicht recht gewesen, den Inhalt des geheimen Ratschlusses Gottes menschlichem Urteil zu unterstellen, und das Geheimnis hätte doch unenthüllt bleiben müssen. Paulus zügelt also unsere Neugier, damit sie nicht durchforsche, was doch alles Denken übersteigt, und zeigt doch zugleich, dass Gottes Erwählungsratschluss, soweit er uns überhaupt enthüllt ward, als vollkommen gerecht erscheinen muss. Der Satz „Wenn nun aber Gott … mit großer Geduld getragen hat“ usw., fordert die Ergänzung: wer wagt es dann noch, ihm deshalb Ungerechtigkeit vorzuwerfen? Der Gedanke ist nämlich der: diese Gefäße sind zum Verderben bereitet, d. h. dem Verderben geweiht und dafür bestimmt; es sind also Gefäße des Zornes, d. h. sie sind geschaffen und gebildet, um als Beweisstücke der göttlichen Strafe und des göttlichen Zornes zu dienen. Wenn sie nun Gott eine Zeitlang geduldig trägt und sie nicht im nächsten Augenblick zerschlägt, sondern das ihnen zugedachte Gericht aufschiebt -, und wenn er dies tut, einerseits um den Übrigen ein erschreckendes und darum heilsames Beispiel seines strengen Gerichts zu geben, andererseits um seine Macht zu zeigen, welcher die Kreaturen auf allerlei Weise dienen müssen, namentlich aber um den Reichtum seines Erbarmens über die Auserwählten desto sichtlicher und heller leuchten zu lassen -, was soll dann in solcher Anordnung des Tadels wert sein? Freilich verschweigt der Apostel, woher es kommt, dass es zum Verderben bereitete Gefäße gibt. Aber das ist begreiflich. Er kann nach seinen vorherigen Darlegungen voraussetzen, dass man den Grund in dem ewigen und unentwirrbaren Ratschluss Gotte suche. Und es ziemt sich, Gottes Gerechtigkeit lieber anzubeten, als sie durchschauen zu wollen. „Gefäße“ aber schreibt der Apostel im Sinne von „Werkzeuge“. Denn alle Bewegung aller Kreatur ist wie ein Mittel und Werkzeug göttlicher Kraft. Mit gutem Grunde heißen danach wir Gläubigen (V. 23) Gefäße der Barmherzigkeit, denn wir sind Gottes Werkzeuge zur Offenbarung seiner Barmherzigkeit, die Verworfenen aber Gefäße des Zorns; denn sie dienen dazu, dass man Gottes Gerichte schaue.

V. 23. Auf dass er kundtäte den Reichtum usw. Dies ist ein neuer Anlass, an dem Verderben der Verworfenen Gottes Herrlichkeit zu schauen: dies Verderben rückt den Reichtum der Güte Gottes über die Auserwählten in ein desto helleres Licht. Oder gäbe es noch einen andern Unterschied zwischen den Auserwählten und Verworfenen, als bloß den, dass der Herr die ersteren aus dem gleichen Abgrunde des allgemeinen Verderbens herausgezogen hat? Und zwar nicht auf Grund irgendeines eigenen Verdienstes, sondern lediglich nach dem Wohlgefallen seiner Gnade! Kräftiger also kann man sich schwerlich von Gottes unermesslicher Gnade gegen seine Auserwählten überzeugen, als wenn man das Elend derer ansieht, welche unter seinem Zorn bleiben. Wenn der Apostel zweimal sagt: „Herrlichkeit“, so ist an deren leuchtendste Erscheinung zu denken, an die Gnade. Ganz in demselben Sinne heißt es Eph. 1, 12.14: wir sollen etwas sein zu Lob seiner Herrlichkeit, und: wir sollen sein Eigentum werden zu Lob seiner Herrlichkeit. Der Apostel will damit ausdrücken, dass die Auserwählten dem Herrn als Mittel und Werkzeuge dienen, sein Erbarmen zu offenbaren und seinen Namen zu verherrlichen.

24 Welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. 25 Wie er denn auch durch Hosea spricht: „Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht die Geliebte war.“ 26 “Und soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt ward: ´Ihr seid nicht mein Volk´, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.“ 27 Jesaja aber schreit für Israel: „Wenn die Zahl der Kinder Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest selig werden; 28 denn Gott wird eine kurze und strenge Rede führen, ja kurz wie des Herrn Verfahren auf Erden sein.“ 29 Und wie Jesaja zuvor sagte: „Wenn uns nicht der Herr Zebaoth hätte lassen Samen überbleiben, so wären wir wie Sodom geworden und gleichwie Gomorra.“

V. 24. Welche er berufen hat usw. Aus der bisherigen Erörterung über die Freiheit des göttlichen Erwählungsratschlusses ergab sich zweierlei: erstens bleibt Gottes Gnade nicht derartig in den Grenzen des jüdischen Volkes beschlossen, dass sie nicht auch andere Völker, ja den ganzen Erdkreis erreichen könnte. Zweitens ist die Gnade auch nicht in dem Sinne an die Juden gebunden, dass sie allen leiblichen Kindern Abrahams ohne Ausnahme gehören müsste. Denn wenn Gottes Erwählung allein an dem Beschluss seines Wohlgefallens hängt, so findet sie überall dort ihre Stelle, wohin sein Wille sich wendet. Steht also die Erwählung fest, so ist schon der Weg zu den Wahrheiten geebnet, welche Paulus einerseits über die Berufung der Heiden, andererseits über die Verwerfung der Juden vorgetragen hat, deren erstere unerhört und neu, deren letztere vollends unmöglich und Gottes unwürdig erscheinen musste. Weil aber die letztere den allergrößten Anstoß in sich barg, so wendet sich die Rede zuerst zu der ersten immerhin erträglicheren Behauptung. Paulus sagt, dass die Gefäße der Barmherzigkeit, welche Gott sich zur Verherrlichung seines Namens auserwählt, gleicher Weise aus den Heiden wie aus den Juden genommen werden. Dass Gott keinen Unterschied zwischen den Völkern macht, dafür dient zum Beweise, dass er seine Gläubigen berufen hat … nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wenn unsere heidnische Herkunft den Herrn nicht gehindert hat, uns zu berufen, so sieht man ja, dass die Heiden keineswegs vom Reiche Gottes und dem Bunde des Heils ausgeschlossen sein sollen.

V. 25. Wie er denn auch durch Hosea spricht. Nunmehr folgt ein Nachweis, dass die Berufung der Heiden durchaus nicht als eine überraschende Neuerung gelten darf: denn die Weissagungen der Propheten haben seit langen Zeiten von ihr gezeugt. Der Sinn ist ganz klar. Schwierigkeiten macht es nur, den ursprünglichen Sinn des Hoseaspruches mit der Meinung des Paulus in Übereinstimmung zu bringen. Scheint es doch zweifellos, dass der Prophet Hoses in seinem Zusammenhange von Israel redet: Gott ist durch die Sünden Israels beleidigt, und erklärt, dass er dasselbe nicht mehr als sein Volk anerkennt. Dann aber wendet er sich zu einem Worte neuen Trostes: aus Nichtgeliebten will ich Geliebte machen, und mein Volk aus dem, das nicht mein Volk ist. Paulus aber scheint diese Worte, die ausdrücklich den Juden gelten sollen, irrtümlich auf die Heiden zu deuten. Um hier eine Lösung zu finden, stellen wir folgendes zur Erwägung. Vielleicht ist es doch nicht ausgeschlossen, den Trostspruch des Hosea auch in seinem ursprünglichen Sinne nicht bloß auf die Juden, sondern auch auf die Heiden zu beziehen. Es ist doch durchaus nicht unerhört, dass ein Prophet, nachdem er den Juden um ihrer Sünden willen Gottes Rache angekündigt, seine Gedanken nunmehr auf das Reich Christi richtet, welches den ganzen Erdkreis umspannen soll. Ist doch in Unglück und Sünde des Volkes Christus tatsächlich die einzige Zuflucht; und der einzig wirkliche Trost besteht darin, dass man den Sündern, welchen Gottes Zorn droht, Christus vor Augen stellt. Die Propheten haben doch, wie wir sehen, die Gepflogenheit, das Volk, wenn es unter der Drohung des göttlichen Zorns gedemütigt ist, zu Christus zu rufen, dem einzigen Zufluchtsort der Verzweifelten. Wo aber Christi Königreich errichtet wird, da erhebt sich zugleich jenes himmlische Jerusalem, in welchem sich Bürger aus aller Welt zusammenfinden. Bei unserm Prophetenspruch fordert der Umstand eine besondere Beachtung, dass Israel ja aus der Gemeinschaft mit Gott verstoßen und dadurch den Heiden gleichgemacht und mit der übrigen Menschheit völlig in eine Reihe gestellt war. Nun ist Raum geschaffen für ein neues Israel, für eine Gemeinde, welche Gottes Gnade aus allen Völkern sammelt. So wird erfüllt: „Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht die Geliebte war.“ Die letztere Wendung erklärt sich daraus, dass der Prophet (Hos. 1, 6) eine Tochter hatte mit Namen „Lo-Ruhama“, d. h. die nicht Geliebte. Diesen Namen hatte er ihr geben müssen, weil diese Tochter das von Gott verworfene Volk darstellen sollte. – Übrigens soll man sich nicht wundern, dass die Schrift von den Auserwählten, welche doch kraft des ewigen Ratschlusses immer Gottes Kinder sind, aussagt, sie seien bis zu einem bestimmten Zeitpunkte nicht Gottes Volk und nicht Geliebte gewesen. Diese Redeweise trifft für die Zeit zu, in welcher die Auserwählten noch nicht die Berufung erfahren haben, und sie gibt uns einen Fingerzeig, dass wir unser Urteil hintanhalten sollen: wir können über Gottes Erwählung nur insoweit urteilen, als sie sich in ihren Zeichen kundtut. So hat Paulus den Ephesern zugerufen (Eph. 1, 4), dass Gott sie erwählt habe, ehe der Welt Grund gelegt war; und doch heißt es bald darauf von denselben Leuten (Eph. 2, 5. 12), dass sie Kinder des Zorns und Gott fremd waren. Das galt für die Zeit, in welcher sie die Liebe des Gottes noch nicht erfahren hatten, der sie doch mit ewigem Erbarmen umfasste. „Nichtgeliebte“ sind wir solange, als uns Gott mehr seinen Zorn als seine Liebe bezeugt. Und dies ist beim ganzen Menschengeschlecht der Fall, solange die Annahme zur Kindschaft noch nicht in der Zeit vollzogen ist.

V. 27. Jesaja aber schreit usw. Jetzt geht der Apostel zum zweiten Stück seiner Erörterung über, zu Israels Verwerfung, die er bisher zurückgestellt hatte, um die Juden nicht von vornherein vor den Kopf zu stoßen. Paulus sagt nicht, dass Jesaja spricht, sondern dass er schreit. So wird die Aufmerksamkeit noch mehr erregt. Die Worte des Propheten wenden sich offensichtlich gegen Israels gar zu große fleischliche Zuversicht. Es ist ja schrecklich zu hören, dass aus der ungeheuren Menge nur eine so kleine Zahl selig werden soll. Wenn der Prophet diese Verwüstung des Volkes beschreibt, so will er ja freilich bei den Gläubigen nicht die Meinung erwecken, dass Gottes Bund gänzlich dahin gefallen sei. Er lässt noch eine Hoffnung auf Gnade bestehen: aber er beschränkt dieselbe auf eine sehr geringe Schar. Allerdings zielt die Weissagung des Propheten zunächst auf die äußeren Schicksale seines Volkes in der babylonischen Gefangenschaft, in welche eine ungeheure Menge von Juden hineinging, und aus welcher der Herr nur eine verhältnismäßig geringe Zahl erretten wollte. Aber diese äußere Wiederherstellung war doch nur Spiegelbild und Anfang der geistlichen Erneuerung der Gemeinde Gottes, die in Christus geschieht.

V. 28. Denn Gott wird eine kurze und strenge Rede führen usw. D. h. sein richterliches Verfahren wird vernichtend wirken. In der Schrift bedeutet „Rede“ („Wort“) stets soviel wie Sache oder Geschehnis. „Kurze und strenge Rede“ heißt also: Vernichtung, Abbruch, Zerstörung. Mit diesem einfachen Sinne können wir uns begnügen. Der kleine Rest, der bei dieser Vernichtung übrig bleibt, wird aber doch das Werk der Gerechtigkeit Gottes sein, d. h. er wird dazu dienen, seine Gerechtigkeit auf dem ganzen Erdkreis zu bezeugen.

(Dass die Worte hier anders lauten als bei Jesaja selbst, kommt daher, dass Paulus dieselben in der Form der alten griechischen Übersetzung zitiert hat, welche von dem wirklichen Sinne des hebräischen Textes stark abweicht. Dieser Zwiespalt hat auch in Calvins Übersetzung und Auslegung eine gewisse Unsicherheit gebracht. Unsere Wiedergabe hält sich an das Wesentliche.) <